Zweierlei Denken: Ein Beitrag zur Physiologie des Denkens
Chapter 2
Aber die konditionale Form ist nur eine Sprachform und weit entfernt davon, die Form der Erfahrung, der direkten Vorstellung zu sein! Diese ist doch so: wir sehen, daß beim Regen die getroffenen Gegenstände naß werden; wir sehen das häufig und bilden eine feste Verbindung der Vorstellungen Regen und naß. Oder in unserer physiologischen Deutung: zwischen den gleichzeitig erregten Bahnfiguren Regen und naß schleifen sich Verbindungsbahnen aus, die bei jeder folgenden Erregung vertieft werden, so daß schließlich die Erregung =einer= Figur mit Sicherheit die der anderen nach sich zieht. Es ist =lediglich sprachliche Form=, wenn wir sagen: wir =schließen= aus der häufigen Beobachtung, daß es =immer, wenn= es regnet, naß wird.
Das ist nebenher ein gutes Beispiel für unser Thema.
Klarheit aber und Festigkeit und messende Genauigkeit erwachsen dem Ursachebegriff =aus der Außenwelt= und nur aus ihr. Die Erkenntnis, daß alles Geschehen in einem Energiewechsel beruht, und daß dabei die verschwindende Energie der neu erscheinenden =quantitativ gleich= ist, hebt =die eine= Bedingung des Geschehens, die der Wirkung gleich ist, als »Ursache« heraus aus den übrigen Bedingungen, die zu bloßen Leitformen der besonderen Art der Energiewirkung herabsinken. So ist das sinkende Wassergewicht die einzige =Ursache= der von der Turbinenwelle geleisteten Arbeit, während die Leitformen des Gerinnes, der Turbine selbst usw. die allerdings auch notwendigen =Bedingungen= darstellen, die z. B. verhindern, daß die Energie des Wassergefälles sich in anderer Weise äußert, etwa in freiem Sturz sich in Wärmeenergie umsetzt.
Daraus, daß wir diese Bedingungen für die besondere Form des Energieumsatzes als =notwendig= bezeichnen, zu schließen, daß sie der Ursache gleichwertig sind, -- auch das ist nichts als eine zu vertrauensvolle Anwendung einer Sprachform auf Wirklichkeitsvorstellungen.
=Aus der Außenwelt= also -- im Zusammenwirken mit der physischen Innenwelt -- =beziehen die drei allein herrschenden Vorstellungen des Raumes, der Zeit und der Ursache ihre ordnende Kraft=. Da die Außenwelt direkt nur mit unserm =vorstellenden= Denken in Verbindung steht, so wirken auch diese drei Ordnungsprinzipien direkt nur in diesem.
Gibt es aber vielleicht noch andere als diese drei Ordnungsmächte? Da alles energetische Geschehen aus ihnen restlos erklärbar ist, so brauchen wir zur Erklärung der Außenwelt weiter keine, kennen auch keine. Von außen her können uns also keine weiteren Quellen der Ordnung kommen.
Obwohl nun diese drei Vorstellungen sich ihrer physiologischen Natur nach nicht von anderen unterscheiden, werden wir doch berechtigt sein, sie sowohl wegen ihrer engen und erschöpfenden Beziehungen zur Außenwelt als wegen ihrer ordnenden Bedeutung in unserer Vorstellungswelt mit einem besonderen Namen zu bezeichnen. Wir werden dafür den für die ordnenden Verstandeskräfte üblichen Namen »=Kategorien=« wählen dürfen, ungeachtet sie wesentlich verschieden von den =Kantschen Kategorien= sind.
Denn sie sind nicht eigenartige, unerklärte Mächte des Verstandes wie jene, sondern normale Beziehungsvorstellungen.
Sie sind nicht a priori, sondern durch Erfahrung geworden.
Kant zählt zwölf Formen des Verstandes und dazu zwei der Sinnlichkeit (Raum und Zeit), entsprechend seiner scharfen Scheidung zwischen Sinnlichkeit und Verstand, wir kennen nur die genannten drei, die für Sinnlichkeit wie für Verstand -- für uns nichts Verschiedenartiges -- gelten.
Kant leitet seine Kategorien aus den Schlußformen her, also aus Formen des sprachlichen, abgeleiteten Denkens, ein besonders nach unserer Anschauung recht unglücklicher Gedanke; wir gewinnen die unsrigen aus den Beziehungen der Außenwelt, der Quelle alles seelischen Geschehens.
Welches sind nun aber =die ordnenden Kräfte im begrifflichen Denken=? Wenn die Kräfte der Außenwelt durch die Schicht des vorstellenden Denkens schon gleichsam absorbiert sind -- gibt es nicht ähnlich wirkende innere Kräfte in der begrifflichen Schicht?
Wir können, von unserm physikalisch-chemischen Gesichtspunkt aus, keine entdecken!
Wie, wird man mich anfahren, kennen Sie nicht die alles Denken beherrschende Macht der =Logik= -- in deren Namen schon Sprechen und Denken und Ordnung vereinigt ist?
In der Tat, jeder fügt sich dieser Großmacht. Sogar die Mathematiker, die sich fast ausschließlich in unseren Kategorien des Raumes und der Zeit bewegen, sind zum Teil bemüht, von Anschauungen möglichst abzusehen und ihre Axiome in ein rein logisches Gewand zu kleiden.
Die Logiker nun gar kennen ihres Machtgefühls keine Grenzen. »In der Ausbildung, Entwicklung und Verknüpfung«, sagt einer von ihnen, Drobisch, »der durch die Erfahrung gegebenen Elemente geht das logische Denken =selbständig und ohne Seitenblicke auf die Erfahrung seinen eigenen Weg=, gelangt zu komplizierteren und reichhaltigeren Formen und erweitert durch Anwendung dieser Formen auf die unmittelbaren Tatsachen der Wahrnehmung und des Bewußtseins die Erkenntnis =ins Unbegrenzte=.«
Daß dieser auf logischem Wege gewonnenen Erkenntnis die Tatsachen entsprechen, ist ausgemacht -- nur, ob ihre Tragweite noch über unsere Welt hinausgeht, kann zweifelhaft sein! »Ob den allgemeinen und notwendigen Formen des Denkens,« fährt Drobisch fort, »=denen sich tatsächlich die Anschauungen fügen=, =über diese hinaus= eine reale Bedeutung zukommt, ob sie das Wesen der Dinge ausdrücken oder sich gar in ihnen Evolutionen des Absoluten abspiegeln, darüber kann nur die Metaphysik Aufschluß geben, die aber wiederum, um den Rückweg zum Gegebenen nicht zu verlieren, ohne den leitenden Faden der formalen Logik nicht einen Schritt in das dunkle Labyrinth der transzendenten Spekulation wagen kann.«
Was hier als möglich hingestellt ist, wird von =Hegel= bekanntlich als wirklich behauptet; nach ihm sind die =sprachlichen Denkformen= zugleich =Wirklichkeitsformen= und seine =Logik= ist deshalb =zugleich Physik und Metaphysik=.
Und doch -- und doch -- wir finden in unserm Schema für diese Königin keinen Thron, ja nicht einmal eine Lücke, in der wir sie unterbringen könnten. Ehe wir aber deswegen unser Schema preisgeben, sehen wir zu, wie sich die Logik, von unserm Standpunkte gesehen, ausnimmt.
Zunächst die vier »=Normalgesetze des Denkens=«.
1. Der Identitätssatz: _A_ = _A_. Der Satz bezieht sich nicht auf eine Wiederholung derselben Vorstellung, denn dann wäre er falsch, sondern besagt in der Tat nur: dasselbe ist dasselbe und immer wieder dasselbe. Das ist aber eine =Sprachform= ohne jeden Vorstellungsinhalt und deshalb völlig leer.
2. Der Satz vom Widerspruch: _A_ kann nicht gleichzeitig _B_ und nicht _B_ sein, d. h. in unserm Vorstellungskreise: die Bahnfigur _A_ kann nicht gleichzeitig mit der _B_ verbunden und nicht verbunden sein. Aber die Verbindung kann durch mehr oder weniger Fasern hergestellt sein, auch durch so wenige, daß es unmöglich ist, sich klar zu werden, ob sie überhaupt besteht. Der Apfel kann nicht zugleich gelb und nicht gelb sein -- das ist logisch, aber bei weitem nicht immer vorstellungsmäßig klar. Denn die gelbe Farbe kann bis zur Unmerklichkeit in die grüne oder in die rote übergehen. Zweifelfrei ist die Anwendung des Satzes nur, wo es sich um quantitative, also räumliche, zeitliche, kausale Beziehungen handelt, wie: dieser Punkt kann nicht zugleich innerhalb und außerhalb dieses Kreises liegen, die Tat kann nicht zugleich gestern und nicht gestern geschehen sein usw. Das verweist uns auf unsere Kategorien von Raum und Zeit als den Kern des Satzes.
Das =dritte Gesetz= »vom ausgeschlossenen Dritten oder Mittleren«: _A_ ist entweder _B_ oder nicht _B_, ein Drittes oder Mittleres gibt es nicht; der Punkt liegt entweder in dem Kreise oder nicht in dem Kreise -- ist der Vorstellung nach mit dem zweiten Gesetz gleichbedeutend und nur in der Sprachform verschieden: derselbe Sinn ist dort negativ, hier positiv ausgedrückt.
Das =vierte Gesetz=: Jedes richtige Urteil ist einer logisch zureichenden Begründung fähig, spricht nur die vertrauensvolle Annahme aus, daß genügende ordnende Kräfte im richtigen sprachlichen Denken zur Verfügung stehen, ohne eine davon nachzuweisen. Bekanntlich aber halten wir vieles für richtig, ohne es logisch begründen zu können.
So erschließen uns diese vier Normalgesetze keine =neuen= Quellen der Denkordnung. Von ihnen wird nun aber bei dem =Hauptstück der Logik=, der =Lehre von den Schlüssen=, nicht einmal viel Gebrauch gemacht. Vielmehr treten hier zu unserer Überraschung neue »Grundsätze« auf, die ohne weiteres als feststehend und einleuchtend angenommen werden. So stützt sich der »Schluß der ersten Figur« (nach Drobisch) auf die Grundsätze:
1. worin das Ganze enthalten ist, darin ist auch sein Teil enthalten,
2. wovon das Ganze ausgeschlossen ist, davon ist auch jeder Teil ausgeschlossen.
Diese Beziehungen zwischen dem Ganzen und seinen Teilen sind aber =offensichtlich dem Vorstellungsgebiet des Raumes und der Zeit= entnommen und =dadurch= allerdings ohne weiteres einleuchtend.
Und so weiterschreitend können wir die ganze Syllogistik in Raum- und Zeitvorstellungen auflösen. Das ist schon von Fr. Alb. Lange geschehen, der sämtliche Schlußformen zeichnerisch dargestellt und nachgewiesen hat, daß sie =aus der räumlichen Anschauung= ihre =überzeugende Kraft= beziehen. Er hat auch mit Recht bemerkt, daß der korrekteste logische Beweis, um uns zu überzeugen, der Ergänzung durch die räumlich-zeitliche =Anschauung eines Beispiels= bedarf.
Kurz, wir dürfen es aussprechen: =die ordnende Kraft der Logik=, die sich ausschließlich im begrifflichen Denken betätigt, =entstammt den Vorstellungskategorien und durch diese der Außenwelt=.
=Die Kategorien, in sprachliches Gewand gekleidet, sprachlich-begrifflichem Denken angepaßt -- nichts anderes ist die Logik.=
Ist damit auch einerseits gegeben, daß ihre Macht eine abgeleitete, ihre =Zuverlässigkeit= eine geringere ist als die der direkten Kategorien, und daß größere Vorsicht bei ihrer Anwendung geboten ist, um Fehler zu vermeiden -- wer kennt nicht logische Schlußreihen, z. B. juristische oder philosophische, die ihren Urhebern vollkommen bündig und gegen jeden Angriff gesichert erschienen sind und doch als fehlerhaft sich erwiesen haben --, so ist damit doch auch anderseits die ungeheure Bedeutung ausgesprochen, die ihr als Vertreterin der ordnenden Prinzipien in dem unser Leben beherrschenden Gebiete des sprachlichen Denkens zukommt. Ja man kann sagen, daß, wie das Denken erst in seiner mittelbaren, sprachlichen Form seine volle Macht erreicht hat, so auch seine ordnenden Kräfte in der Logik.
Für das Verständnis aber des Denkens ist damit erreicht -- daß eine völlig rätselhafte, scheinbar seine innerste Natur ausmachende Potenz als ein Beziehungskomplex zwischen chemischen Vorgängen begriffen ist!
Haben wir so die Ordnung nicht nur im vorstellenden, sondern auch im begrifflichen Denken als wesentlich aus der Außenwelt herrührend erkannt, so müssen wir, ehe wir dies Kapitel schließen, uns doch noch vergewissern, ob nicht die Innenwelt, d. h. das scheinbar so formlos verlaufende chemische Kräftespiel selbst, uns gewisse Ordnungskräfte zu liefern vermag. Wir haben bereits gesehen, daß die Nervenprozesse nach allgemeinem physikalischem Gesetz die Bahnen geringsten Widerstandes wählen, und daß daraus gewisse Gesetzmäßigkeiten in der Assoziation und im Denken sich ergeben. Dabei ist es besonders ein Fall, der, sich immer wiederholend, größte Bedeutung erlangt.
Wenn die Vorstellung eines wünschenswerten Zustandes, eines zu erstrebenden Zieles (durch Assoziationen irgend welcher Art) in uns auftaucht, so suchen wir Mittel, sie zu verwirklichen, d. h. wir suchen die Vorstellungen unseres gegenwärtigen Zustandes, von dem wir ja ausgehen müssen, mit jener auf möglichst kurzem Wege zu verbinden, anders ausgedrückt: die gleichzeitigen Erregungen der Bahnfiguren einerseits des Zieles, anderseits des Ausgangspunktes verbinden sich durch Mittelfiguren, die den geringsten Bahnwiderstand bieten.
So wirkt die =Zielvorstellung=, der =Zweckbegriff= mittels des Gesetzes vom geringsten Widerstande =ordnend= auf unser Denken. Und da alles Denken Handlungen zum schließlichen Ziel und Zweck hat, so ist dieser =innere= Ordnungsfaktor von größter, unausgesetzter Wirksamkeit.
Müssen wir ihn also nicht den drei aus der Außenwelt stammenden als vierte Kategorie zuordnen?
Er unterscheidet sich jedenfalls wesentlich von ihnen. =Anders als die Ursachevorstellung=, die zwar aus der Beziehung innerer zu äußeren Vorgängen gewonnen ist, aber durch die Außenwelt allein Form und Kraft und Präzision erhalten hat, =ist der Zweckbegriff auf innere Vorgänge beschränkt geblieben=. Denn alle energetischen Vorgänge sind ohne ihn, mit Hilfe der anderen drei Kategorien allein, erklärbar. Es fehlt ihm deshalb gänzlich die diesen eigene =messende= Kraft, aus welchem Fehlen man auch umgekehrt auf sein Nichtvorkommen im äußeren Geschehen schließen kann. Seine herrschende Stellung aber im begrifflichen Denken und seine enge Beziehung zu den unsere Zielvorstellungen bestimmenden Gefühlen -- gilt doch zwecklos und wertlos fast als gleichbedeutend -- machen es verständlich, daß man bestrebt war, den Zweckbegriff auch in der Außenwelt zu finden, und daß um seine Geltung in dieser, d. h. um die =teleologische Weltanschauung=, ein hartnäckiger Kampf seit der Zeit geführt wird, wo man angefangen hat, mißtrauisch gegen Worte zu werden. -- Wir erkennen demnach in der Zweckvorstellung eine ordnende Kraft von vielleicht nicht geringerer Stärke als die der drei Kategorien, aber von anderer Art, weil lediglich aus dem inneren physischen Geschehen statt aus dem äußeren stammend.
Hiermit will ich die Gegenüberstellung des vorstellenden und des begrifflichen Denkens beschließen.
Sie zeigt uns ein Bild, das diese beiden Formen unseres Denkens in weit verschiedeneren und markierteren Umrissen erkennen läßt, als wir gewohnt sind, sie zu sehen. Es war vielleicht nicht uninteressant zu sehen, wie weit die von uns stets gemeinsam gehandhabten Denkformen unter dem physiologischen Gesichtspunkt auseinanderrücken.
Es war ein Versuch, dem Namen nach vertraute, der Vorstellung nach aber unbekannte geistige Erscheinungen unter der Form physikalisch-chemischer Vorgänge zu deuten.
Ich werde zufrieden sein, wenn Sie daraus die Überzeugung gewonnen haben, daß ein solcher Versuch schon nach dem heutigen Stande der Naturwissenschaften nicht aussichtslos und fähig ist, uns neue Einblicke in die Natur unseres Geistes zu verschaffen.
Sie werden mir wohl nicht vorwerfen, daß ich manche und sogar wichtige zu meinem Stoffe gehörigen Teile übergangen habe -- denn das ist selbstverständlich und bei einem so ausgedehnten Stoffe unvermeidlich.
Sie werden es mir aber mit Recht als Fehler anrechnen, daß ich überhaupt ein so reiches Thema gewählt habe, ein Thema, das in der kurzen mir zustehenden Zeit keine andere als eine skizzenhafte und lückenhafte Behandlung zuließ.
Ich darf aber erwähnen, daß meine Ausführungen nur einen Ausschnitt aus einer größeren Arbeit bilden, in der sie in breiterer Ausführung und besser gestützt durch einen größeren Zusammenhang demnächst erscheinen werden[2].
[2] Unter dem Titel: =Autonomer Idealismus auf Grundlage einer durchgeführt mechanistischen Seelenauffassung=.