Zweierlei Denken: Ein Beitrag zur Physiologie des Denkens

Chapter 1

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Zweierlei Denken

Ein Beitrag zur Physiologie des Denkens

Vortrag gehalten auf der Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in Salzburg 1909

von

A. Büttner

Leipzig Verlag von Johann Ambrosius Barth 1910

Spamersche Buchdruckerei in Leipzig

Zweierlei Denken.

Ein Kapitel aus der Physiologie des Denkens.

Mein Thema, das die Gegenüberstellung von zweierlei Formen des Denkens, des vorstellenden und des begrifflichen Denkens, zum Gegenstande hat, ist ein Kapitel mitten aus dem Buche einer verhältnismäßig neuen Wissenschaft, der naturwissenschaftlichen Psychologie. Deshalb ist es nötig, wenigstens in aller Kürze, vorauszuschicken, was ich als den Inhalt der vorhergehenden Kapitel, also als die Grundlage meiner Erörterungen ansehe.

Dies um so mehr, als diese Grundlagen -- wie es bei einer so jungen Wissenschaft nicht anders möglich ist -- noch keineswegs allgemeiner Anerkennung sich erfreuen. Und gerade unter Ihnen, meine Herren, die Sie zum Teil als Pioniere auf den Gebieten der Neurologie und Hirnanatomie die Fundamente unserer Wissenschaft legen und sich nur zu oft der noch klaffenden Lücken schmerzlich bewußt sein werden, wird gewiß mancher sein, der es für unwissenschaftlich, ja vermessen halten wird, auf einem so schwankenden Grunde ein kühnes Gebäude zu errichten. Aber mein Vorgehen widerspricht bewährten Denkgrundsätzen nicht, ist methodologisch nicht falsch! Denn so unzweckmäßig es im praktischen Leben wäre, die Tragfähigkeit eines Baugrundes daran erproben zu wollen, ob das darauf gebaute Haus einfällt -- wobei ja gar leicht auch der Wißbegierige zu Schaden kommt --, so unschädlich und unentbehrlich ist dies Verfahren in der Wissenschaft: ob eine Hypothese festen Boden der Erkenntnis darstellt, wird am besten daran erprobt, ob das auf ihr errichtete Gebäude von Folgerungen nicht zusammenstürzt.

Die Grenzen, innerhalb deren sich meine Erörterungen halten sollen, fallen zusammen mit den Grenzen des physikalisch Quantitativen. Es sind lediglich energetische Prozesse, Prozesse also, die räumlich, zeitlich und kausal meßbar sind, die uns beschäftigen werden. Jenseits der Grenzen dieses Vortrages liegt das =Bewußte, Qualitative, eigentlich Psychische=. Zwar teile ich die fast allgemeine Ansicht nicht, daß diese Seite unseres Wesens jenseits der Grenzen der Naturwissenschaft überhaupt liegt -- damit wären wir dem Dualismus trotz aller verhüllenden Worte von Identität, von äußerer und innerer Anschauung u. dgl. unrettbar verfallen --, aber jedenfalls liegt es außerhalb der Möglichkeit, sie hier =nebenher= zu behandeln.

Gleichwohl werde ich mir erlauben, mich der =Ausdrücke= der Bewußtseins-Psychologie zu bedienen, darunter aber die entsprechenden physiologischen Vorstellungen zu verstehen. Nur für die Bewußtseins-Psychologie ist ja bisher eine Terminologie ausgebildet, und es wäre sehr lästig und zeitraubend, wenn ich z. B., um das Wort »Empfindung« zu vermeiden, jedesmal das Nervengebilde beschreiben wollte, das ihr entspricht. Die Parallelismustheorie gestattet uns ja auch von vornherein ein solches allgemeines Sichentsprechen anzunehmen. Eine Unklarheit kann, bei der prinzipiellen Ausschließung des Bewußten aus unseren Erörterungen, dadurch nicht entstehen.

Das Ausgangsgebilde der seelischen Entwicklung ist der =Reflex=.

Der Reflex ist unterseelisch, unterbewußt, wenn die Verbindung zwischen den sensorischen und den motorischen Bahnen durch wenige verbindende Fasern, meist des Rückenmarkes, hergestellt wird, er wird psychisch, bewußt, wenn die Verbindung durch die zahllosen Fasern des nervösen Zentralorgans bewirkt wird: wenn das Gehirn =denkt=.

Das Resultat dieser zentralen Prozesse ist eine motorische Reaktion, die -- zum großen Vorteil des Individuums -- nicht lediglich (wie beim einfachen Reflex) dem gerade gegenwärtig wirkenden Reize entspricht, sondern auch mancherlei frühere Reize berücksichtigt.

In =Nervenprozessen= also, so dürfen wir annehmen, besteht alles Denken, alles psychische Geschehen -- diese aber, worin bestehen sie?

Die einzige Funktion der Nerven ist es -- hier folge ich den bewundernswerten Ausführungen von =Kassowitz=[1] --, einen chemischen Zerfallprozeß von einem Ende zum anderen hindurchzuleiten. Ein Prozeß, der in ganz gleicher Weise in allem lebenden Protoplasma vor sich geht -- und, dürfen wir sagen, dessen Leben ausmacht --, durcheilt die Nervenbahn infolge ihrer besonders labilen chemischen und mechanischen Struktur mit der Geschwindigkeit von etwa 30 m/Sek., während unmittelbar hinterher der Nerv aus den Zerfallprodukten selbst und aus den im Blutstrom herangeschafften chemischen Energien sich wieder aufbaut. Nichts Weiteres soll in den Nerven vorgehen. In einfache Leitungsprozesse also sind alle psychischen Prozesse aufzulösen und die =Aufgabe= einer naturwissenschaftlichen Psychologie =besteht darin=, alles seelische Geschehen in Ausdrücken von Leitungs- oder Bahnprozessen zu begreifen. Daß mit Lösung dieser Aufgabe das Seelenleben sich in einer großartigen Einfachheit darstellen würde, die siegreich alle die Worterklärungen der alten Psychologie aus dem Felde schlagen müßte, leuchtet ohne weiteres ein. Aber noch mehr! Wenn die Hypothese sich als stichhaltig erweist, so werden wir erwarten dürfen, daß nicht nur die =bekannten Erscheinungen= in ihr Gewand sich einkleiden lassen, sondern daß auch =neue Einsichten= durch sie erschlossen und bekannte durch sie =schärfer gefaßt= werden können. Und um das letztere handelt es sich uns bei der Unterscheidung des vorstellenden und des begrifflichen Denkens.

[1] Allgemeine Biologie, Wien 1906.

Verfolgen wir zunächst die =aufsteigende Reihe der Nervenbahngebilde=.

Von der Außenwelt werden durch Vermittlung der Sinnesorgane in den sensorischen Nerven Ströme (d. h. Zerfallprozesse) ausgelöst, die bis zu den Sinnessphären des Gehirns fortgeleitet werden und hier einen gewissen Komplex von Bahnen innervieren, d. h. =Empfindungen= hervorrufen.

Mehrere derartige Stromkomplexe fließen, wenn sie gleichzeitig erregt werden, also etwa von =einem= Objekte herrühren, leicht zusammen und bilden so ein großes Bahngebilde -- die =Wahrnehmung=. Wir wollen diese durch ihre Konfiguration eindeutig bestimmten Nervenbahngebilde =Bahnfiguren= nennen.

Diese Bahnfiguren haben natürlich mit den Objekten keinerlei Ähnlichkeit. Sie verhalten sich zu den Dingen nicht wie ihre Bilder, sondern wie ihre =Symbole=, ihre konventionellen Vertreter.

Jeder Nervenstrom hinterläßt den Nerven in einer Verfassung, wodurch er für eine wiederholte Erregung leichter passierbar wird. Die Bahnfigur einer Wahrnehmung kann =so= leicht wieder belebt werden, und zwar nicht nur von den Sinnesorganen, sondern auch vom Zentrum aus. Die wiederbelebten Bahnfiguren sind =Vorstellungen=.

Diese Eigenschaft der Nervensubstanz -- durch Wiederholung des Zerfalls zerfallfähiger zu werden -- ist wohl eine der schwerstverständlichen, da zu ihr am wenigsten Seitenstücke in der Chemie des Leblosen zu finden sind. Die Ausdrücke »ausschleifen«, »bahnen«, die nur mechanische Vorgänge andeuten, sind nur Notbehelfe für die Vorstellung. Indessen gibt es nicht den geringsten Grund, an der Erklärbarkeit des Bahnungsprozesses zu zweifeln.

In dem Strömen der Erregung von einer Bahnfigur zur anderen oder von zwei gleichzeitig erregten Figuren zueinander besteht die =Assoziation= der Vorstellungen und bei reicherer Entfaltung das =Denken in Vorstellungen=.

Und der Aufbau der Seelengebilde setzt sich fort: Wie die Bahnfiguren uns die Dinge und ihre Beziehungen vertreten, so können sie selbst vertreten werden durch einen ihrer Teile, durch eine phonetische Gruppe -- das =Wort=. =Auf die Symbolschicht der Vorstellungen baut sich so gleichsam ein höheres Stockwerk auf, eine Schicht von Symbolen 2. Grades, von Übersymbolen.= Es entsteht ein Bau, wie wir ihn uns etwa in dieser Figur schematisch veranschaulichen können.

Wie es zu dem so hoch bedeutsamen =Schritt der Sprachbildung= gekommen ist, einem Schritt, den uns bekanntlich die ganze Tierwelt nicht hat nachmachen können? Sie wissen, daß es dafür eine ganze Anzahl Theorien gibt. Ich bin der Ansicht, daß das =Mitteilungsbedürfnis= entscheidend war: Der Mensch ist eben kein Individuum, sondern ein soziales Wesen. Daß dafür die akustische Sphäre wegen ihrer engen Verbindung mit der motorischen Sprachsphäre besonders geeignet war, bedarf keiner Erörterung. Die =Warn-= und =Lockrufe= der gesellig lebenden Tiere stellen meines Erachtens die ersten primitiven Worte und Begriffe dar -- die Begriffe »Gefahr«, »Nahrung«! Denn das ist der große Gewinn durch die Übersymbolbildung, daß uns das Wort alle die Vorstellungen vertritt, von deren Figur es einen Teil ausmacht. Mit einem Laut kann schon das Tier vielerlei Gefahren, vielerlei Nahrungsmöglichkeiten bezeichnen. Das Wort begreift symbolisch eine große Zahl von Vorstellungen. =Begriff und Wort sind fast identisch.= Denn sie sind =dieselbe Bahnfigur= im Sprachzentrum. Nur daß beim =Begriff= mehr die Verbindungen dieser Figur mit den Vorstellungen belebt sind, beim =Wort= mehr die zu den motorischen Nerven. Das scheint mir eine klare Darstellung des so viel umstrittenen Verhältnisses.

Die Worte und Begriffe vertreten die Vorstellungen, wie das Papiergeld, der Wechsel das Metallgeld vertritt, oder wie die Gesandten ihre Mächte vertreten, wodurch bekanntlich der Geldverkehr, der diplomatische Verkehr außerordentlich erleichtert wird. Es entsteht in der Sprachregion ein =neues Denken=, und unsere Frage ist nun: =Wie verhält sich dies sprachliche, begriffliche Denken zu dem vorstellenden Denken?=

Ohne weiteres ist klar, daß das vorstellende Denken nähere Verbindungen mit der Welt der Objekte, der Wirklichkeit hat -- das Begriffliche ist ja überhaupt nur durch die Vorstellungen mit dieser verbunden --, und daß es darin die größere Gewähr besitzt, der Wirklichkeit zu entsprechen, richtig auf sie reagieren zu können.

Dagegen besitzt das begriffliche Denken die Vorzüge, leichter mit großen Vorstellungsmassen operieren und sich Anderen mitteilen zu können.

Daher wird das erstere von denen geübt, die mit den Dingen zu tun haben, das letztere von denen, die mit Menschen und Spekulationen sich beschäftigen.

In =Vorstellungen= denkt der Naturforscher, der Arzt, der Erfinder, Techniker, Landwirt, Offizier, überhaupt der Mann der praktischen Berufe. Aber auch der Schachspieler, der seine künstliche Wirklichkeit vor sich hat.

In =Begriffen= denkt der spekulative Philosoph, der Theologe, Jurist.

In beiden der Staatsmann, der Kaufmann, da sie sowohl mit Dingen wie mit Menschen zu rechnen haben.

Den Mathematiker müssen wir spalten in einen Geometriker, der in Vorstellungen, und einen Arithmetiker, der in Begriffen denkt. (Poincaré unterscheidet den intuitiven von dem logischen Mathematiker, was auf dasselbe hinauskommt.)

Also:

hier =Sach=denken, dort =Sprach=denken,

hier =Naturwissenschaft=, dort Geisteswissenschaft oder besser =Begriffswissenschaft=,

hier individuelles =Wirklichkeitsdenken=, dort =soziales Denken=.

Schon aus dieser Gegenüberstellung ist klar, wie tief dieser Gegensatz in unser Leben einschneidet, wie wichtig es deshalb auch in praktischer Hinsicht ist, über ihn volle Klarheit zu gewinnen.

Und es ist ganz erstaunlich, wie schwer der Menschheit diese Klarheit geworden ist und wie verhängnisvoll oft die Fehler gewesen sind, die aus einem Verkennen der Natur des sprachlichen Denkens entsprungen sind. Erstaunlich, aber erklärlich. Mit der Bildung von sprachlichen Übersymbolen war dem Menschen ein Instrument gegeben, das Denken zugleich =leichter= und =mächtiger= und =sozialer= zu machen: Nicht mehr brauchten jetzt die Verbindungen zwischen den Bahnfiguren das ganze Gehirn zu durchziehen, von einer Sinnessphäre zur anderen, sondern in dem engen Bereich der Sprachsphäre konnten sie vollzogen werden. Dabei umfaßten die Begriffe mehr Einzelheiten als selbst die Sammelvorstellungen; die Denkoperationen mit ihnen waren dementsprechend allgemeiner, ergiebiger und fruchtbarer. Was Wunder, daß die Menschen dies wundervolle Instrument mit Eifer und naivem Vertrauen handhabten, ohne sich über seine Natur und Leistungen klar zu sein, ja daß schließlich die es Handhabenden von einem wahren Machtrausch ergriffen wurden. So zieht sich eine Kette des Mißverstehens von den indischen Denkern, die in Begriffen von größter Allgemeinheit (d. h. Vorstellungslosigkeit) schwelgten, über die griechischen Sophisten, die die Dialektik des begrifflichen Denkens zu praktischen Zwecken ausbildeten und zum Teil mißbrauchten, über =Plato=, dem nur die Begriffe das wahre Sein, die Dinge nur dessen Abglanz waren, durch das Mittelalter, in dem die Realisten die Realexistenz der Begriffe vertraten, durch die deutsche spekulative Philosophie hindurch bis in unsere Tage.

=Das leichte Zusammenfassen= vieler Vorstellungen in dem Übersymbol eines Wortes bewirkt, daß =zuerst= im Sprachzentrum, mit Überspringen gleichsam des Vorstellungsgebietes, ein Zusammenfassen zustande kommt. Es verführt uns aber auch leicht dazu, uns bei diesem Zusammenfassen als einer wirklichen Erkenntnis zu beruhigen. So sehen wir in allen Wissenschaften -- nicht zum wenigsten in der Psychologie -- Worte die erste Stufe der Erkenntnis bilden und für vollgültige Erklärungen genommen werden. Und lange dauert es stets, ehe sie mit Vorstellungen durchtränkt und dabei meistens durch bessere ersetzt werden. So geht die Erkenntnis häufig den umgekehrten Weg des physiologischen Prozesses.

Das =leichte Kombinieren= ferner der Begriffe im Sprachzentrum verleitet unausgesetzt zu demselben Fehler, den die Börse, das Verkehrszentrum, begeht, wenn sie den bequemen Papierverkehr zu selbständig und zu losgelöst von der Wirklichkeit der Waren, die durch die Papiere symbolisiert werden, betreibt. In beiden Fällen entstehen haltlose Gebilde, die schließlich mit der Wirklichkeit kollidierend zusammenbrechen.

Wohl kaum abzuwehren brauche ich die Auffassung, als würde das vorstellende Denken reinlich getrennt vom Begrifflichen von uns ausgeübt. Es wäre ja, nachdem einmal das wundervolle Instrument der Sprache geschaffen ist, unverzeihlich, wenn nicht auch die sich seiner bedienten, deren Denken sich eng an die Wirklichkeit anschließt und deshalb =vorzugsweise= in Vorstellungen bewegt. Damit erledigt sich auch die oft erörterte Frage, ob es ein nicht-sprachliches Denken überhaupt gibt.

Gehen wir aber, nachdem wir den allgemeinen Charakter der beiden Denkformen festgestellt haben, nunmehr genauer auf die Vorgänge, die sich in ihnen abspielen, ein!

Wir haben das Denken aufgefaßt als eine Folge von Zerfallprozessen, die das sehr labile Protoplasma der Hirnnerven durcheilen, nachdem sie an einem Ende eingeleitet sind. Stellen wir uns aber das Wirrsal von Millionen zerfallbereiter Fasern vor, durchflogen gleichsam von einem glimmenden Brande, dessen Verlauf durch nichts bestimmt wird als durch die mehr oder weniger große Zerfallbereitschaft der einzelnen Fasergruppen, so scheint diese Vorstellung doch recht wenig Ähnlichkeit mit der eines =geordneten Denkens= zu haben.

Bloße chemische Zerfallprozesse -- wie sollen die in ihrer vollendeten =Formlosigkeit= die =scharfen Formanschauungen= darstellen können, die dem Künstler oder dem Chirurgen oder dem Jäger oder auch nur seinem Wilde eigentümlich sind, wie in ihrer =Unberechenbarkeit= -- denn alle Auslöseprozesse sind unberechenbar -- die =genauen Messungen und Berechnungen= herstellen, die der Astronom, der Physiker ausübt? Wie soll in diesem Wirrsal der =Charakter der Ordnung=, der Über- und Unterordnung zustande kommen, den das Denken des Mathematikers, des Logikers, des Juristen verlangt?

=Wie ordnen sich die Nervenprozesse, die das Denken ausmachen, so, daß sie der Wirklichkeit entsprechen, -- das ist in der Tat die Kardinalfrage=, von deren Beantwortung unser Verständnis des Vorganges, ja die Haltbarkeit der ganzen Hypothese abhängt.

Natürlich müssen wir bei dem Beantwortungsversuch auf alle die schönen Worte, wie Verstand, Kategorien, logische Grundsätze usw., verzichten, die den Bewußtseinspsychologen zur Erklärung der Ordnung im Denken zur Verfügung stehen, -- es sei denn, daß es uns gelänge, ihnen einen physikalisch-chemischen Sinn zu verleihen.

Sehen wir also zu, wo wir mechanisch ordnende Prinzipien entdecken.

Ordnung kann dem Gehirnprozesse entweder =von innen= (aus sich selbst) oder von =außen= kommen.

Da wir alles seelische Geschehen als veranlaßt =von außen=, zur Wirkung =nach außen= auffassen, so liegt es nahe, zu untersuchen, ob die Außenwelt die Ordnung schaffende Macht ist. Und in der Tat ist dies der Fall.

Jede unserer Bewegungen, die einem falschen Raumbilde entstammt und deshalb ihr Ziel verfehlt, z. B. die falschen Greifbewegungen des kleinen Kindes, wird von der Außenwelt mit einem erziehenden Klaps beantwortet. Und diese korrigierende Wirkung reicht von den einfachsten Reflexbewegungen bis zu unseren aus kompliziertestem Denken entsprungenen Handlungen. =Die Wirklichkeit merzt die nicht in sie passenden, mit anderen durch sie hervorgerufenen Vorstellungen kollidierenden Bahnfiguren aus.=

Man könnte einwenden, daß doch die Tiere zusammengesetzte Instinkthandlungen sofort richtig vollführen, daß ihnen also ein ordnendes Prinzip eingeboren sein müsse und sie somit der Erziehung durch die Wirklichkeit nicht bedürften. Aber Instinkthandlungen sind nicht anders zu beurteilen als eingeübte Handlungen, bei denen auch die Lehrmeisterin Wirklichkeit =nicht mehr= tätig zu sein braucht, weil sie es früher war.

Aber die Korrektur, die die Außenwelt an unseren Vorstellungen vornimmt, würde uns von geringem Nutzen sein, wenn die große Kraftverschwendung, die damit verbunden ist, in jedem einzelnen Falle wiederholt werden müßte. Erst dadurch, daß die =richtige= Bahn nun zu einer solchen =geringsten Widerstandes= wird, entsteht eine =dauerhafte= »Anpassung der inneren an äußere Bewegungen«, wie die Formel Spencers vom Leben lautet.

Da sich aber in der Außenwelt die Beziehungen des =Nebeneinander=, =Nacheinander= und =Durch-= oder =Aus=einander unausgesetzt wiederholen, so werden auch die entsprechenden Vorstellungen des =Raumes=, der =Zeit= und der =Ursache= in vorzüglich ausgeschliffenen Bahnen verlaufen. Sie werden, wie gelehrige Schüler, nicht nur ihr Pensum bald fehlerlos auswendig können, sondern selbst die Korrektur der anderen Vorstellungen übernehmen können. Sie stehen für uns dann als die ordnenden Kräfte des Vorstellungslebens um so mehr da, als ihre eigene Erziehung durch die Wirklichkeit =vor= unserm Bewußtwerden und vor unserer Geburt liegt.

Lassen Sie uns daher einen Blick auf die Erziehung dieser Erzieher werfen.

Zunächst die =Raumvorstellung=. Sie ist entstanden -- wie jetzt wohl unter den neueren Psychologen feststeht -- aus Bewegungsempfindungen. Durch die Bewegung der Augenmuskeln entsteht, wenn der gelbe Fleck der Retina die Linien eines Objekts verfolgt, die Vorstellung der Fläche, wenn die beiden Augen konvergent gestellt werden, die der Tiefe. =Dabei erzwingt die Wirklichkeit durch unausgesetztes Korrigieren falscher Bewegungen ein genaues Entsprechen der Bahnfigur (der Vorstellung) und des Objektes.= In gleicher Weise kann auch durch die Bewegung des Armes beim Abtasten eines Gegenstandes die Raumvorstellung gebildet werden. Und die beiden so gewonnenen Raumvorstellungen kollidieren nicht -- werden also von uns identifiziert. Da diese Bewegungsempfindungen aus =Beziehungen= zwischen den Empfindungen zweier Lagen bestehen, so können wir die Raumvorstellung bezeichnen als =die zu einer einheitlichen Vorstellung verschmolzene Gesamtheit unserer Bewegungsbeziehungen=.

In einer interessanten und einleuchtenden Arbeit hat Heinrich Sachs nachgewiesen, daß diese Verschmelzung schon in einem subkortikalen Zentrum, dem Augenmuskelkern, erfolgt, so daß die Raumvorstellung schon =als fertige Einheit= zu den im Großhirn entstehenden Gebilden in Beziehungen treten würde. Es ist klar, daß durch eine solche, abgesondert von den anderen Vorstellungen erfolgte Entstehung der Eindruck eines Nichtgewordenseins, einer Apriorität noch verstärkt werden muß, der auch ohne diese Hypothese aus der Befestigung der Bahnen in ungezählten Vorgeschlechtern verständlich ist.

Die =Zeitvorstellung= entsteht aus den Empfindungen des Nacheinander, in welchem sich alle Bewegung, sowohl die innere wie die äußere, vollzieht. Dasselbe Nacheinander, nicht als Kontinuum, sondern in einzelnen Wiederholungen empfunden, ergibt die =Zahl=. Zeit- und Zahlvorstellung spiegeln also =die objektive Ordnung des inneren= wie =des äußeren Geschehens= wider. Sie wirken ihrerseits ordnend auf alle Vorstellungen, die das Zeit- oder Zahlmoment enthalten. Ihre =Ein=dimensionalität, die eine Verwirrung nicht zuläßt, gestaltet ihre ordnende Kraft besonders einfach und klar.

Die Vorstellung =kausaler= Beziehungen endlich ist, wie jetzt wohl allgemein angenommen wird, aus den Beziehungen der Innen- zur Außenwelt entstanden. Zwei sich immer wiederholende Vorgänge sind es, die sich uns unter dem Bilde von =Ursache und Wirkung= darstellen: die Wirkung der Außenwelt auf uns und unsere Wirkung auf die Außenwelt -- der Anfang und das Ende der Reflexkette. Einen Schlag empfinden wir als =Ursache= des Schmerzes und die motorische Innervation unserer Armmuskeln als =Ursache= der Armbewegung. Diese Doppelvorgänge stehen in einer Beziehung zueinander, die durch das zeitliche Nacheinander augenscheinlich nicht erschöpft wird -- bekanntlich wollte Hume sie daraus hervorgehen lassen --, in der vielmehr das Durcheinander-bewirkt-werden, das Auseinander-hervorgehen, der Kraftcharakter vorherrscht.

Die so aus uns geschöpfte Vorstellung der Kausalität wurde nun zunächst =begrifflich= untersucht. Sie wissen, daß sich die philosophische Debatte der letzten 200 Jahre großenteils um diesen Begriff gedreht hat. Schauen wir auf den heutigen Zustand, so können wir nur sagen: mit recht wenig Erfolg! Es gelang nicht einmal, den Begriff der Ursache von dem der Bedingung und dem der Veranlassung scharf abzugrenzen, noch sich über die Gleichartigkeit oder Ungleichartigkeit von Ursache und Wirkung einig zu werden. So definiert ein neuerer Psychologe (Höfler) Ursache als »die Summe der notwendigen =Bedingungen= eines Anfanges«. Ein anderer (Stumpf) erklärt »Ursache und Wirkung brauchen nicht gleichartig zu sein«. Und sogar Naturforscher von einem Range wie Verworn lassen sich durch die Philosophen mißtrauisch gegen den =Begriff= der Kausalität machen und geben die Lösung preis, die sie als Naturforscher im =vorstellenden= Denken in der Hand haben.

»Ein gesetzmäßiger Vorgang oder Zustand«, erklärt Verworn, »ist nie eindeutig bestimmt durch eine einzige Ursache, sondern immer nur durch eine Summe von =Bedingungen=, die sämtlich gleichwertig sind, weil sie eben notwendig sind. Kausale Gesetzmäßigkeit ist spekulative Mystik, =konditionale= Gesetzmäßigkeit ist =Erfahrung=! Alle Gesetzmäßigkeit hat =konditionale Form=: wenn es regnet, dann ist es naß.« Das wäre also Bankrotterklärung des Kausalbegriffs in bester Form!