Zwei Städte

Part 9

Chapter 93,760 wordsPublic domain

„Und von einer so schönen jungen Dame bedauert und beweint zu werden! Wie mag das wohl thun? Ich glaube, es ist werth, sich einen Proceß um sein Leben machen zu lassen, wenn man dafür Gegenstand solchen Erbarmens und Mitleids wird. Nicht wahr, Mr. Darnay?“

Abermals zog Darnay vor, keine Antwort zu geben.

„Ihre Botschaft machte ihr schreckliche Freude, als ich sie ihr überbrachte. Nicht, daß sie dieselbe besonders an den Tag legte, aber meiner Meinung nach war es entschieden der Fall.“

Die Anspielung erinnerte Darnay noch zur rechten Zeit, daß dieser unangenehme Gesell ihm aus eigenem Antrieb im Laufe des Tages aus einer Verlegenheit geholfen hatte. Er brachte das Gespräch darauf und dankte ihm für seine Vermittelung.

„Ich verlange weder Ihren Dank, noch verdiene ich ihn,“ sagte der Andere gleichgültig. „Erstens war keine Mühe dabei, und zweitens weiß ich gar nicht, weshalb ich es eigentlich gethan habe. Mr. Darnay, erlauben Sie mir eine Frage?“

„Mit Vergnügen, und die Antwort ist nur ein geringfügiger Dank für Ihre freundlichen Dienste.“

„Glauben Sie, daß ich Sie besonders gern habe?“

„Wahrhaftig, Mr. Carton, ich habe mir diese Frage selbst noch nicht vorgelegt,“ entgegnete der Andere, einigermaßen von der Anrede in Verwirrung gebracht.

„Nun, so legen Sie sich jetzt einmal die Frage vor.“

„Sie haben gehandelt, als ob Sie mich gern hätten; aber ich glaube nicht, daß es der Fall ist.“

„Ich glaube es auch nicht,“ sagte Carton. „Ich fange an, von Ihrem Urtheil eine sehr gute Meinung zu bekommen.“

„Nichtsdestoweniger,“ fuhr Darnay fort, indem er aufstand, um zu klingeln: „zürnen Sie nicht, hoffe ich, daß ich die Rechnung bestelle und daß wir ohne böses Blut zwischen uns von einander scheiden.“

Carton erwiderte: „Durchaus nicht!“ Darnay klingelte. „Bezahlen Sie die ganze Rechnung?“ sagte Carton. Auf seine bejahende Antwort fuhr er fort: „Dann bringen Sie mir noch eine halbe Flasche von diesem Wein, Kellner, und wecken Sie mich dann um 10 Uhr.“

Charles Darnay stand auf, nachdem er die Rechnung bezahlt hatte und wünschte dem Andern gute Nacht. Ohne den Wunsch zu erwidern, stand auch Carton auf und sagte mit fast drohender oder herausfordernder Miene: „Noch ein Wort, Mr. Darnay: Sie glauben, ich bin betrunken?“

„Ich glaube, Sie haben getrunken, Mr. Carton.“

„Sie glauben? Sie wissen, daß ich getrunken habe.“

„Da ich es einmal sagen muß, ja.“

„Dann sollen Sie auch wissen, warum. Ich bin ein blasirtes Plackholz, Sir. Ich kümmere mich um keinen Menschen auf Erden und kein Mensch auf Erden kümmert sich um mich.“

„Sehr zu bedauern. Sie hätten Ihre Talente besser benutzen können.“

„Vielleicht, Mr. Darnay; vielleicht auch nicht. Seien Sie jedoch nicht stolz auf Ihr nüchternes Gesicht; Sie wissen nicht, wozu Sie noch kommen können. Gute Nacht!“

Als er allein war, nahm der seltsame Mann ein Licht, trat vor einen Spiegel an der Wand und betrachtete sich in demselben genau.

„Findest Du besondern Gefallen an dem Menschen?“ redete er halblaut sein Bild an; „warum solltest Du besondern Gefallen an einem Menschen finden, der Dir ähnlich sieht? An Dir ist Nichts, was gefallen könnte, das weißt Du. Hol Dich der Kukuk! Was Du aus Dir gemacht hast! Ein guter Grund, Dich zu Jemand hingezogen zu fühlen, weil er Dir zeigt, wie Du Dich heruntergebracht hast und was aus Dir hätte werden können! Tausche den Platz mit ihm; würden dann diese blauen Augen Dich angesehen haben, wie ihn und würde Dich dann dieses aufgeregte Gesicht bemitleidet haben, wie ihn? Sei nicht blöde und sage es offen heraus. Du hassest den Burschen.“

Er setzte sich, um Trost zu suchen, zu seiner halben Flasche Wein, trank sie in wenigen Minuten aus, legte dann den Kopf auf den Tisch und schlief ein, während sein Haar in wirren Locken auf seine Arme fiel und ein großer Räuber im Lichte Unschlitttropfen auf ihn herabfallen ließ.

Fünftes Kapitel.

Der Schakal.

Jene Zeit war eine Zeit des Zechens, und die meisten Männer zechten stark. So sehr hat sich dieses seitdem gebessert, daß eine mäßige Angabe der Quantität Wein und Punsch, die damals ein Mann im Verlauf einer Nacht hinuntertrinken konnte, ohne seinem Ruf als vollkommner Gentleman im Mindesten Eintrag zu thun, heutzutage wie eine lächerliche Uebertreibung erschiene. Der gelehrte Stand der Juristen blieb in seinen bacchantischen Neigungen gewiß nicht hinter andern Ständen zurück; und auch Mr. Stryver, der sich bereits auf dem raschen Wege zu einer ausgedehnten und gewinnbringenden Praxis befand, gab in dieser Hinsicht seinen Collegen ebenso wenig nach, wie in den trockneren Zweigen der Jurisprudenz.

Beliebt in Old Bailey und auch in den Assisen, hatte Mr. Stryver bereits begonnen, vorsichtig die untern Stufen der Leiter wegzuhauen, auf welcher er emporstieg. Die Assisen und Old Bailey hatten jetzt ihren Günstling ausdrücklich in ihre sehnsüchtigen Arme zu rufen, wenn sie ihn sehen wollten und täglich konnte man das geröthete Gesicht Mr. Stryvers dem Lord-Oberrichter in dem Gerichtshof der Kingsbench gegenüber erblicken, wie er aus einem Perrückenbeet sich hervordrängte, einer großen Sonnenblume gleich, die aus einem verwilderten Garten voll grell bunter Blumen zur Sonne emporstrebt.

Die Collegen hatten früher von Mr. Stryver gesagt, daß er zwar zungengeläufig sei und sich keine Bedenken mache und keck angreife, was er in die Hand nehme, daß er aber nicht jene Fähigkeit besitze, den wesentlichen Inhalt aus einem Haufen von Daten herauszuziehen, welche einer der wesentlichsten und auffälligsten Züge advocatorischer Begabung ist. Aber in dieser Hinsicht hatte er sich merkwürdig gebessert. Je größer seine Praxis ward, desto größer schien seine Fähigkeit zu werden, den Kern und das Mark jedes Geschäfts zu finden; und so spät des Nachts er auch mit Sidney Carton poculirte, konnte er doch am Morgen die Hauptpunkte seiner Rechtssache an den Fingern herzählen.

Sidney Carton, der trägste und zukunftsloseste Mann aller Männer, war Stryvers großer Verbündeter. Was die Beiden zwischen dem Hilariustag und dem Michaelstag zusammen tranken, hätte ein königliches Schiff flott machen können. Stryver hatte nie in einer Rechtssache zu thun, ohne daß Carton dabei saß, die Hände in den Taschen und die Decke des Gerichtssaales anstarrend; sie bereisten denselben Assisenbezirk und verlängerten selbst da ihre gewöhnlichen Orgien bis tief in die Nacht, und Manche wollten Carton am hellen lichten Tage verstohlen und nicht ganz fest auf den Beinen gleich einer liederlichen Katze nach Hause schleichen gesehen haben. Endlich wurde es unter denen, die an der Sache Interesse nahmen, ruchbar, daß zwar Sidney Carton nie ein Löwe werden würde, daß er aber ein erstaunlich guter Schakal sei, und daß er in dieser bescheidenen Eigenschaft Stryver treue Dienste leiste.

„Zehn Uhr, Sir!“ sagte der Kellner, dem er aufgetragen hatte, ihn zu wecken. -- „Zehn Uhr, Sir!“

„Was giebt’s?“

„Zehn Uhr, Sir!“

„Was soll das? Zehn Uhr Nachts?“

„Ja, Sir! Euer Ehren befahlen mir, Sie zu wecken.“

„Ah! ich besinne mich. Gut, gut.“

Nach ein Paar halben Versuchen, wieder einzuschlafen, die der Kellner geschickt dadurch vereitelte, daß er fünf Minuten lang beständig das Feuer schürte, stand er auf, warf den Hut auf den Kopf und ging fort. Er ging in den Tempel, erfrischte sich einigermaßen, indem er zweimal auf dem Pflaster von Kingsbench-walk und Paper-buildings auf und ab ging und suchte Mr. Stryvers Expedition auf.

Stryvers Schreiber, der diesen Conferenzen nie beiwohnte, war nach Hause gegangen und der Principal machte selbst die Thüre auf. Er hatte Hausschuhe an und einen weiten Schlafrock, und der Hals war der größeren Bequemlichkeit wegen bloß. Er hatte das etwas verstörte, angegriffene Aussehen um die Augen, welches man bei allen flott Lebenden, aber angestrengt Arbeitenden von Jeffries abwärts bemerkt, und welches man unter verschiedenen künstlerischen Verhüllungen durch die Portraits jedes zechenden Zeitalters verfolgen kann.

„Ihr kommt etwas spät, Gedächtniß,“ sagte Stryver.

„Um die gewöhnliche Zeit; vielleicht eine Viertelstunde später.“

Sie gingen in ein schwarz geräuchertes Zimmer, dessen Wände von Büchern und dessen Tische und Fußboden von Papieren bedeckt waren und wo ein helles Feuer brannte. Ein Theekessel dampfte vor demselben und mitten unter Stößen Akten stand ein Tisch mit mehreren Flaschen Wein und Cognac und Rum und Zucker und Citrone.

„Ihr habt schon Eure Flasche getrunken, sehe ich, Sidney.“

„Zwei, glaube ich. Ich habe mit dem Clienten von heute gegessen; oder ihm zugesehen -- s’ ist Alles Eins!“

„Das war ein schöner Einfall, Sidney, Eure Aehnlichkeit zu benutzen. Wie kamt Ihr darauf? Wann ist es Euch aufgefallen?“

„Ich dachte, er wäre eigentlich ein hübscher Kerl und dachte mir, ich wäre ungefähr auch so ein Bursch gewesen, wenn ich nur etwas Glück gehabt hätte.“

Mr. Stryver lachte, bis sein frühgekommenes Bäuchlein wackelte. „Ihr und Euer Glück, Sidney! Geht an die Arbeit, geht an die Arbeit!“

Mürrisch genug machte es sich der Schakal mit seinem Anzug bequem, ging in ein anstoßendes Zimmer und trat mit einem großen Krug kaltem Wasser, einem Waschbecken und ein oder zwei Handtüchern wieder heraus. Er tauchte die Handtücher in das Wasser, rang sie wieder aus und legte sie dann zusammengebrochen in einer scheußlich aussehenden Weise auf den Kopf. So setzte er sich an den Tisch hin und sagte. „Jetzt bin ich fertig.“

„Es ist nicht viel zu thun, Gedächtniß,“ sagte Mr. Stryver munter, wie er sich unter seinen Papieren umsah.

„Wie viel?“

„Nur zwei Sachen.“

„Gebt mir die schwerste zuerst.“

„Hier ist sie, Sidney. Nun vorwärts!“

Der Löwe legte sich dann bequem auf das Sopha auf der einen Seite des Tisches mit den Flaschen, während der Schakal an seinem besondern mit Papieren bedeckten Tische auf der andern Seite saß, so daß er die Flaschen und Gläser bei der Hand hatte. Mit letzteren beschäftigten sich Beide fleißig, aber jeder auf eine andere Art; der Löwe lag meistens sinnend da, die Hände im Hosenbund und in das Feuer blickend oder gelegentlich ein leichteres Actenstück durchmusternd, wogegen der Schakal mit gerunzelter Stirn und aufmerksamem Gesichte so vertieft in seine Aufgabe war, daß seine Augen nicht einmal der Hand folgten, die er nach dem Glase ausstreckte, sondern daß er oft eine oder zwei Minuten lang umhertappte, ehe er das Glas fand.

Ein oder zweimal stieß der Schakal auf so schwierige Punkte, daß er sich genöthigt sah, aufzustehen und die Handtücher von Neuem naß zu machen. Von diesen Wanderungen nach dem Wasserkrug und dem Waschbecken kam er mit so wunderbaren Variationen seines nassen Turbans zurück, daß Worte sie nicht beschreiben können, und sein Aufzug wurde noch lächerlicher durch das ernsthafte, in Gedanken vertiefte Gesicht.

Endlich hatte der Schakal ein tüchtiges Mahl für den Löwen und brachte es ihm dar. Der Löwe nahm es mit Ueberlegung und Vorsicht, traf seine Auswahl, machte seine Bemerkungen darüber und der Schakal unterstützte ihn dabei. Als das Mahl verzehrt war, steckte der Löwe die Hände wieder in den Hosenbund und streckte sich aus, um zu überlegen. Der Schakal erfrischte dann die Kehle mit einem vollen Glase und den Kopf mit frischgenäßten Handtüchern und beschäftigte sich mit der Zurechtmachung eines zweiten Mahles; dieses wurde dem Löwen in derselben Weise dargebracht und war nicht eher verzehrt, als bis die Glocken drei Uhr früh verkündeten.

„Und jetzt, da wir fertig sind, Sidney, schenkt Euer Glas Punsch ein,“ sagte Mr. Stryver.

Der Schakal nahm die nassen Handtücher vom Kopf, die ihre Feuchtigkeit ausdampften, schüttelte sich, gähnte, fröstelte und schenkte ein Glas voll.

„Eure Rathschläge über das Verhör der Kronzeugen waren sehr solid heute, Sidney. Jede Frage zog.“

„Meine Rathschläge sind immer solid, sollt’ ich meinen?“

„Das ziehe ich nicht in Zweifel. Was hat Euch übler Laune gemacht? Trinkt ein Glas Punsch und spült die üble Laune hinunter.“

Mit einem entschuldigenden Brummen schenkte sich der Schakal abermals das Glas voll.

„Der alte Sidney Carton von der alten Shrewsbury-Schule,“ sagte Stryver und wiegte nachdenklich den Kopf, wie er sich den Schulkameraden in der Gegenwart und in der Vergangenheit betrachtete. „Der alte grillige Sidney. In einer Minute heiter und in der nächsten niedergeschlagen.“

„Ja wohl,“ entgegnete der Andere mit einem Seufzer, „derselbe Sidney, mit demselben Glück. Selbst damals machte ich die Arbeiten für die Andern und selten meine eigenen.“

„Und warum nicht?“

„Das weiß der Himmel. Es war meine Art so, vermuthe ich.“

Er saß da, die Hände in die Taschen gesteckt und die Beine vor sich ausgestreckt und sah in das Feuer.

„Carton,“ sagte sein Freund und stellte sich mit herausfordernder Miene vor ihn hin, als ob das Kamin der Ofen wäre, in welchem ausdauernder Fleiß geschmiedet würde und das Beste, was man für den alten Sidney Carton von der alten Shrewsbury-Schule thun könne, wäre, ihn hineinzustoßen. „Eure Art ist und war immer eine lahme Art. Ihr bringt keine Energie und kein Wollen mit. Seht mich an.“

„Ach, dummes Zeug!“ entgegnete Sidney mit einem unbefangenen und gutmüthigen Lachen, „spielt nur nicht den Prediger.“

„Wie bin ich geworden, was ich geworden bin?“ sagte Stryver; „wie bring’ ich zu Stande, was ich zu Stande bringe?“

„Zum Theil dadurch, daß Ihr mich bezahlt, um Euch zu helfen, glaube ich. Aber es ist nicht der Mühe werth, mir oder der Luft darüber Reden zu halten; was Ihr thun wollt, das thut Ihr. Ihr war’t immer in der vordersten Reihe, und ich war immer in der letzten.“

„Ich mußte auch erst in die vorderste Reihe kommen; ich war nicht darin geboren, sollt’ ich meinen.“

„Ich war bei dem wichtigen Vorfall nicht Zeuge; aber meiner Meinung nach seid Ihr in der ersten Reihe geboren.“ Dabei lachte er wieder und der Andere stimmte ein.

„Vor Shrewsbury und in Shrewsbury und seitdem wir aus Shrewsbury weg sind,“ fuhr Carton fort, „habt Ihr von selbst Euren Platz gefunden und ich den meinigen. Selbst als wir zusammen im Quartier latin wohnten und Französisch lernten und französisches Recht und andere französische Sachen, die uns nicht viel nutzten, wart Ihr immer am Platze und ich war immer nirgends.“

„Und wessen Schuld war das?“

„Bei meiner Seele, ich weiß wahrhaftig nicht, ob es nicht Eure Schuld war. Ihr stießet und drängtet und triebt immer in einer so rastlosen Weise vorwärts, daß mir nichts Anderes übrig blieb, als zu ruhen und zu rosten. S’ist übrigens eine trübselige Sache, von der eigenen Vergangenheit zu sprechen, wenn der Tag anfängt zu grauen. Bringt mich auf etwas Anderes, ehe ich gehe.“

„Gut! Stoßt mit mir auf die hübsche Zeugin an,“ sagte Stryver und hielt ihm das Glas hin. „Bringt Euch das nicht in gute Stimmung?“

Allem Anschein nach nicht, denn sein Gesicht verdüsterte sich wieder.

„Hübsche Zeugin,“ brummte er vor sich hin und sah in das Glas. „Ich habe heute den ganzen Tag mit Zeugen zu thun gehabt; was für eine hübsche Zeugin meint Ihr?“

„Des malerischen Doctors Tochter, Miß Manette.“

„Die hübsch!“

„Meint Ihr nicht?“

„Nein.“

„Aber, Mensch, sie war die Bewunderte des ganzen Gerichtshofes.“

„Zum Kukuk mit der Bewunderung des ganzen Gerichtshofes! Wer hat Old Bailey zu einem Schönheitsrichter gemacht? Den blondgelockten Puppenkopf meint Ihr?“

„Wißt Ihr was, Sidney,“ sagte Mr. Stryver, indem er ihn forschend ansah und langsam mit der Hand über sein geröthetes Gesicht strich, „wißt Ihr, daß ich fast glaubte, Ihr sympathisirtet mit dem blondgelockten Puppenkopf und entdecktet sehr rasch, was dem blondgelockten Puppenkopf zustieß?“

„Entdeckte rasch, was ihm zustieß! Wenn ein Mädchen, Puppenkopf oder nicht, ein Paar Ellen vor eines Mannes Nase in Ohnmacht fällt, so kann er es ohne Perspectiv sehen. Ich stoße mit Euch an, aber ich leugne die Schönheit. Und jetzt mag ich nicht mehr trinken; ich gehe zu Bett.“

Als Stryver ihn mit einem Lichte hinausbegleitete, um ihm die Treppe hinunter zu leuchten, sah der Morgen mit kaltem Schimmer durch die von Staub und Ruß blind gewordenen Fenster. Als er aus dem Hause trat, war die Luft kalt und still, der Himmel trübe, der Fluß dunkel und ohne Leben, die ganze Umgebung wie eine menschenleere Wüste. Und Staubwirbel kräuselten in dem Morgenwinde, als ob der Wüstensand in weiter Ferne aufgewirbelt sei und die erste vorausgeschickte Welle desselben die Stadt zu überschütten beginne.

Unbenutzte Kräfte in sich und eine Wüste ringsum, blieb dieser Mann unterwegs stehen und sah einen Augenblick aus der Wüste vor sich eine Fata morgana ehrenwerthen Strebens und selbstverleugnender Ausdauer emporsteigen. In der schönen Stadt dieses Gesichtes waren luftige Gallerien, von wo Liebe und Anmuth auf ihn herabsahen, Gärten, in welchen die Lebensfrüchte reich am Baume hingen, Gewässer der Hoffnung, die vor seinen Augen funkelten. Ein Augenblick -- und Alles war verschwunden. Er kletterte eine hohe Treppe in einem Häuserhaufen hinauf in sein Stübchen, warf sich in seinen Kleidern auf ein verwahrlostes Bett und das Kissen wurde feucht von vergeblichen Thränen.

Traurig, traurig ging die Sonne auf, und sie sah kein traurigeres Schauspiel, als den Mann von guten Fähigkeiten und guten Regungen, unfähig, sie geregelt zu benutzen, unfähig, sich zu helfen und sein Glück zu gründen, erfüllt von dem Bewußtsein seiner Schwächen und in bitterer Verzweiflung sich in sein Loos ergebend.

Sechstes Kapitel.

Hunderte von Leuten.

Die stille Wohnung _Dr._ Manette’s lag in einem stillen Straßenwinkel nicht weit von Soho-square. Am Nachmittag eines schönen Sonntags, wo die Wellen von vier Monaten über die Verhandlungen wegen der Hochverrathsanklage gerollt waren und sie, was das Interesse und das Gedächtniß des Publikums betrifft, weit hinaus in das Meer getragen hatten, wandelte Mr. Jarvis Lorry durch die sonnigen Straßen, um von Clerkenwell, wo er wohnte, zu dem Doctor zu gehen, bei dem er essen sollte. Nach verschiedenen Rückfällen in seine Geschäftsgleichgültigkeit war Mr. Lorry des Doctors Freund geworden und der stille Straßenwinkel war der sonnige Theil seines Lebens.

An diesem schönen Sonntag wandelte Mr. Lorry zeitig des Nachmittags aus drei verschiedenen Gewohnheitsgründen Soho zu. Erstens weil er an schönen Sonntagen vor dem Essen oft mit dem Doctor und Lucien spazieren ging; zweitens weil er an nicht schönen Sonntagen gewohnt war, bei ihnen als Hausfreund zu verweilen und mit Plaudern, Lesen, aus dem Fenster Sehen und Aehnlichem den Tag zu verbringen; drittens trug er sich mit gewissen kleinen Zweifeln und wußte, daß die Lebensweise des Doctors diese Zeit zu der geeignetsten machte, wo er ihre Lösung finden könnte.

Ein gemüthlicherer Winkel, als der Winkel, wo der Doctor wohnte, war in London nicht zu finden. Es war eine Sackgasse, und die vordern Fenster der Wohnung des Doctors hatten eine angenehme kleine Perspective einer Straße vor sich, die etwas Abgeschiedenes hatte. Es standen damals wenig Gebäude nördlich von Oxfordroad und Waldbäume gediehen und Waldblumen und Hagedorn blühten in den jetzt verschwundenen Feldern. In Folge davon wehte frische Landluft mit kräftiger Freiheit in Soho und ganz in der Nähe gab es manche gegen Süden gewendete Mauer, an welcher die Pfirsiche zu ihrer Zeit reif wurden.

Die Sommersonne traf in den frühen Stunden des Tages mit hellem Scheine den Winkel; aber wenn die Straße heiß wurde, lag die Ecke im Schatten, obgleich nicht so tief im Schatten, daß man nicht hätte in den hellen Sonnenglanz hineinsehen können. Es war eine kühle Stelle, ruhig, aber heiter, ein wunderbarer Ort für Echo’s und ein wahrer Rettungshafen vor dem wüsten Straßenlärm.

Ein ruhiges Schiff gehörte auf einen solchen Ankerplatz und es war auch vorhanden. Der Doctor bewohnte zwei Stockwerke eines großen, stillen Hauses, wo der Sage nach bei Tage verschiedene Gewerbe betrieben wurden, aber sehr wenig von sich hören ließen, während sie sich bei Nacht ganz und gar fern hielten. In einem Hintergebäude, zu dem man durch einen Hof gelangte, in welchem eine Platane mit ihren grünen Blättern rauschte, sollten Orgeln gebaut und Silber getrieben und Gold geschlagen werden, und zwar von einem geheimnißvollen Riesen, der einen goldenen Arm aus der Mauer an der Vorderseite herausreckte -- als ob er sich selbst zu Gold geschlagen hätte, und alle Besucher mit einem ähnlichen Schicksal bedrohte. Von diesen Gewerben oder von einem einsamen Miethsmann, der angeblich im dritten Stock wohnte, oder von einem Fabrikanten von Kutschenbeschlag, der ein Contor im Hofe haben sollte, wurde sehr wenig gehört oder gesehen. Gelegentlich sah man einen vereinzelten Arbeitsmann, der den Rock anzog, durch den Hof gehen, oder einen Fremden sich umsehen, oder man hörte ein fernes Pochen von dem goldenen Riesen. Dies waren jedoch die einzigen Ausnahmen, die zum Beweise der Regel erforderlich waren, daß die Sperlinge in der Platane hinter dem Hause und die Echo’s in dem Winkel vor demselben vom Sonntag Morgen bis zum Sonnabend Abend freie Verfügung über den Ort hatten.

Doctor Manette empfing die Patienten, welche sein alter Ruf und das Wiederaufleben desselben durch das Lautwerden seiner wunderbaren Geschichte ihm verschaffte. Seine wissenschaftlichen Experimente führten ihm ebenfalls einige Kunden zu und er verdiente so viel, als er brauchte.

An alle diese Dinge dachte Mr. Jarvis Lorry, als er an der Thür des stillen Hauses in der Ecke an dem schönen Sonntag Nachmittag klingelte.

„Ist _Dr._ Manette zu Hause?“

„Er muß gleich nach Hause kommen.“

„Ist Miß Lucie zu Hause?“

„Sie muß gleich nach Hause kommen.“

„Ist Miß Proß zu Hause?“

Möglicherweise zu Hause, aber jedenfalls unmöglich zu bestimmen, ob Miß Proß wünsche, die Thatsache des Zuhauseseins zuzugeben oder nicht.

„Da ich selbst hier zu Hause bin,“ sagte Mr. Lorry, „will ich hinaufgehen.“

Obgleich die Tochter des Doctors von dem Lande ihrer Geburt Nichts gewußt hatte, schien sie doch von diesem die Fähigkeit geerbt zu haben, Viel mit geringen Mitteln zu machen, welche eine der nützlichsten und angenehmsten Eigenheiten der Franzosen ist. So einfach der Hausrath war, so war derselbe durch viele kleine verzierende Zuthaten, die an sich ohne Werth waren, aber von Geschmack und Empfindung zeugten, gehoben, sodaß die Gesammtwirkung höchst angenehm war. Die Aufstellung aller Gegenstände, von dem Größten bis zum Kleinsten, in den Zimmern, der Zusammenklang der Farben, die anmuthige Verschiedenartigkeit und die nicht minder anmuthigen Gegensätze, welche hier bei sehr bescheidenen Mitteln durch geschickte Hände, urtheilende Augen und verständigen Takt erreicht worden, waren zugleich so hübsch an sich und erinnerten so lebhaft an die junge Dame, die sie hergestellt hatte, daß es Mr. Lorry vorkam, als ob selbst die Stühle und Tische ihn mit einem Anklang von dem Ausdrucke, den er jetzt so gut kannte, fragten, ob es ihm auch so recht sei?

Drei Zimmer befanden sich in einem Stockwerk, und da die Zwischenthüren alle offen standen, damit die Luft frei durch dieselben ziehen könne, ging Mr. Lorry aus einem in’s andere und verfolgte mit einem stillen Lächeln die Aehnlichkeit, die sich der ganzen Umgebung, wie er meinte, aufgeprägt hatte. Das erste Zimmer war das Empfangszimmer und in ihm befanden sich Luciens Vögel und Blumen und Bücher, ihr Arbeitstisch und ihr Malkasten; das zweite war das Consultationszimmer des Doctors, das zugleich als Speisezimmer diente; das dritte, abwechselnd licht und dunkel bemalt von dem Schatten des Platanenbaumes im Hofe, war das Schlafzimmer des Doctors -- und dort in einer Ecke stand die nicht mehr gebrauchte Schuhmacherbank mit dem Handwerkszeug daneben, ungefähr in demselben Zustand, wie ehedem in dem fünften Stockwerk des unheimlichen Hauses neben dem Weinschank in der Vorstadt St. Antoine in Paris.

„Ich wundere mich,“ sagte Mr. Lorry und blieb stehen, „daß er diese Erinnerung an seine Leiden hier behält!“

„Und warum wundern Sie sich darüber?“ war die kurz angebundene Frage, die ihn überraschte.