Zwei Städte

Part 6

Chapter 63,676 wordsPublic domain

Aber freilich war damals vom Leben zum Tode bringen ein in allen Gewerben und Ständen, und nicht am Mindesten bei Tellsons, sehr beliebtes Recept. Der Tod ist das Heilmittel der Natur für alle Dinge, und warum nicht auch das der Gesetzgebung? Demnach ward der Fälscher hingerichtet; wer eine falsche Banknote ausgab, wurde hingerichtet; wer einen Brief unrechtmäßig aufbrach, wurde hingerichtet; wer vierzig Schilling und sechs Pence entwendete, wurde hingerichtet; der, dem ein Pferd vor Tellsons Thür zum Halten übergeben worden und der sich damit aus dem Staube machte, wurde hingerichtet; der Falschmünzer, und hatte er nur einen falschen Schilling geprägt, wurde hingerichtet; drei Viertheile von denen, welche die Töne in der ganzen Scala des Verbrechens anschlugen, wurden hingerichtet. Nicht etwa, daß damit im Mindesten dem Verbrechen vorgebeugt wurde -- man hätte fast behaupten können, daß das Gegentheil der Fall war -- aber man wurde dadurch wenigstens für diese Welt die Mühe und Beschwerde jedes einzelnen Falles los und schnitt jede weitere damit verbundene Sorge ab. So hatten Tellsons in ihrer Zeit, wie andere größere Geschäfte unter ihren Zeitgenossen, so oft dem Halsabschneiden obgelegen, daß, wenn die davon betroffenen Köpfe, anstatt im Stillen beseitigt zu werden, auf dem Tempelthore aufgesteckt worden wären, sie wahrscheinlich das wenige Licht, welches das Erdgeschoß hatte, in einer ziemlich bedeutsamen Weise abgesperrt hätten.

In allerlei Ställe und unbegreifliche Winkel eingepfercht, besorgten bei Tellsons die ältesten aller Männer das Geschäft mit ernster Würde. Bekam ein junger Mann eine Stelle in Tellsons Londoner Geschäft, so versteckten sie ihn irgendwo, bis er alt wurde. Sie hoben ihn an einem finstern Orte auf, gleich einem Käse, bis er den echten Tellsonduft und -Schimmel bekommen hatte. Erst dann durfte er sich sehen lassen, mit großer Brille über großen Büchern brütend und mit seinen Kniehosen und Gamaschen die allgemeine Würde der Firma erhöhend.

Vor Tellsons -- nie, um keinen Preis darin, außer wenn er gerufen -- hatte ein Mann seinen Posten, der als gelegentlicher Ausläufer und zugleich als das lebendige Schild des Hauses diente. Während der Geschäftsstunden war er nie abwesend, außer wenn er ausgeschickt worden, und dann war er durch seinen Sohn vertreten, einen unheimlichen Gnomen von zwölf Jahren, der sein Ebenbild war. Die Leute erzählten sich, daß Tellsons von ihrer Höhe herab den Ausläufer duldeten. Das Haus hatte immer Jemanden dieses Berufs geduldet und der Verlauf der Zeit hatte diesen Mann an die Stelle gebracht. Sein Geburtsname war Cruncher, und als er in kindlicher Unschuld durch Stellvertreter in der ostwärts gelegenen Pfarrkirche von Houndsditch den Werken des Teufels entsagt hatte, hatte man diesem Namen noch den Taufnamen Jerry beigefügt.

Der Schauplatz war Mr. Crunchers Privatwohnung in Hanging-Sword-alley, Whitefriars; die Zeit halb acht Uhr an einem windigen Maimorgen _anno Domini_ 1780. (Mr. Cruncher nannte das Jahr unseres Herrn immer _Anna Domino_, offenbar in der Meinung, daß die christliche Zeitrechnung von der Erfindung eines beliebten Spieles durch eine Dame, welche demselben ihren Namen gegeben, beginne.)

Mr. Crunchers Zimmer lagen in keiner saubern Nachbarschaft und waren blos zwei der Zahl nach, selbst wenn man eine Kammer mit einer einzigen Glasscheibe als eins zählte. Aber sie waren sehr reinlich gehalten. So früh es noch am windigen Maimorgen war, war doch das Zimmer, in welchem er im Bett lag, ganz sauber gefegt; und der schwerfällige, hölzerne Tisch, auf dem die zum Frühstück geordneten Tassen standen, war mit einem sehr reinen, weißen Tuch überbreitet.

Mr. Cruncher ruhte unter einer Decke von bunten Musterflecken wie ein Harlekin im Schooße seiner Familie. Anfangs schlief er fest, aber allmälig fing er an, sich im Bette herumzuwälzen, bis er sich, das starre Haar so spitz in die Höhe stehend, als ob es die Bettlaken in lauter Streifen zerreißen müßte, langsam erhob. Als er das gethan, rief er im Tone äußerster Entrüstung aus:

„Verdammt will ich sein, wenn sie’s nicht schon wieder thut!“

Eine Frau von ordentlichem und sauberm Aussehen stand mit Hast und Aufregung genug, um zu zeigen, daß sie die Gemeinte war, vom Knien in einer Ecke auf.

„Was!“ sagte Mr. Cruncher, und sah sich nach seinem Stiefel um. „Du thust es schon wieder. -- Du?“

Nachdem er dem Morgen diesen zweiten Gruß geweiht hatte, warf er als dritten einen Stiefel nach der Frau. Es war ein sehr schmutziger Stiefel, der zugleich den Leser mit der merkwürdigen Thatsache aus Mr. Crunchers häuslicher Einrichtung bekannt machen mag, daß er sehr oft nach dem Schluß des Contors mit reinen Stiefeln nach Hause kam und doch, wenn er nächsten Morgen aufstand, dieselben Stiefeln sehr schmutzig vorfand.

„Na!“ sagte Mr. Cruncher, nachdem er das Ziel verfehlt hatte -- „was treibst Du denn eigentlich, Du Teufelscreatur?“

„Ich sagte nur mein Morgengebet her.“

„Sagt ihr Morgengebet her. Du bist mir eine Schöne! Was willst Du damit sagen, daß Du Dich hinwirfst und gegen mich betest?“

„Ich bete nicht gegen Dich, ich bete für Dich.“

„Das ist nicht wahr. Und wenn es wahr wäre, so ließ ich mir es nicht gefallen. Sieh, Jerry! Deine Mutter ist eine schöne Creatur, wirft sich auf die Knie hin und betet gegen Deines Vaters Glück. Du hast eine gute Mutter, mein Sohn. Du hast eine fromme Mutter, mein Sohn; rutscht auf ihren Knien herum und betet, daß der liebe Gott dem eigenen, einzigen Kinde Brod und Butter aus dem Munde nehmen möge!“

Der kleine Cruncher, der noch im Hemd war, nahm dies sehr übel und verbat sich sehr ernstlich bei seiner Mutter, daß sie ihm Etwas von seiner Leibesnahrung wegbete.

„Und was denkst Du denn, Du eingebildetes Geschöpf,“ sagte Mr. Cruncher mit unbewußter Inconsequenz, „was Deine Gebete werth sind? Sag’ mir einmal, wie hoch Du Deine Gebete anschlägst!“

„Sie kommen nur aus dem Herzen, Jerry. Mehr sind sie nicht werth.“

„Mehr sind sie nicht werth,“ wiederholte Mr. Cruncher. „Dann sind sie nicht viel werth. Aber mag dem sein, wie ihm wolle, ich sage Dir, ich lasse nicht gegen mich beten. Meine Mittel erlauben mir das nicht. Ich will mich nicht durch Dein Winseln unglücklich machen lassen; wenn Du auf den Knien herumrutschen willst, so thue es für Deinen Mann und Dein Kind, und nicht gegen sie. Hätte ich nur nicht eine unnatürliche Frau und dieser Junge nur nicht eine unnatürliche Mutter, so hätte ich vorige Woche was verdient, anstatt daß mir Dein frommer Firlefanz nur Unglück gebracht hat. Verdammt will ich sein!“ sagte Mr. Cruncher, der sich während dieser ganzen Zeit angezogen hatte, „ob mich nicht theils das Beten, theils das oder jenes verwünschte Ding für die ganze vorige Woche in das ärgste Pech gebracht hat, das jemals ein armer Teufel von einem ehrlichen Gewerbsmann gehabt hat. Jerry, zieh Dich an, Junge, und während ich mir die Stiefeln putze, hab’ ein Auge auf die Mutter und rufe mich, wenn sie wieder Lust zeigt, auf den Knien herumzurutschen. Denn ich sage Dir,“ sprach er weiter zu der Frau gewendet, „ich lasse mir’s in dieser Weise nicht gefallen. Ich bin so zusammengeschüttelt, wie ein Fiakerwagen, ich bin so schläfrig, wie Laudanum, und meine Gliedmaßen sind so überarbeitet, daß ich ohne die Schmerzen darin gar nicht wüßte, welche mir und welche einem Andern gehörten, und doch habe ich deshalb keinen Dreier mehr in der Tasche; und ich will wetten, Du hast vom frühesten Morgen bis zum spätesten Abend Alles gethan, um zu verhindern, daß Etwas in meine Tasche kommt, und ich lasse es mir nicht gefallen, Du Höllenbraten! Und was sagst Du jetzt?“

Weiter machte sich nun sein Zorn mit halblautem Vorsichhinbrummen Luft. „Ja, ja, jawohl! Und fromm bist Du auch. Du willst Dich dem Wohlergehen Deines Mannes und Kindes widersetzen, Du? Wirklich?“ und mit ähnlichen sarkastischen Aeußerungen widmete sich Mr. Cruncher wieder dem Stiefelputzen und den allgemeinen Vorbereitungen für das Tagesgeschäft. Unterdeß hatte sein Sohn, dessen Haupt mit etwas kleineren eisernen Spitzen besetzt war und dessen junge Augen dicht bei einander standen, wie die seines Vaters, seine Mutter, wie befohlen, wachsam im Auge behalten. Er erschreckte diese arme Frau von Zeit zu Zeit höchlichst dadurch, daß er aus einer Schlafkammer, wo er seine Toilette machte, mit einem unterdrückten Ausruf. „Du willst schon wieder ’rumrutschen, Mutter -- heda, Vater!“ herausgeschossen kam und, nachdem er diesen falschen Lärm gemacht, mit einem unkindlichen Grinsen wieder hineinschoß.

Mr. Crunchers Laune hatte sich nicht im Mindesten verbessert, als er zum Frühstück kam. Er rügte mit besonderer Bitterkeit, daß Mrs. Cruncher im Stillen ein Tischgebet sprach.

„Was, Du Höllenbraten! Was machst Du da? Fängst Du schon wieder an!“

Seine Frau entschuldigte sich, daß sie blos ein Tischgebet gesprochen.

„Das lässest Du bleiben!“ sagte Mr. Cruncher und sah um sich, als ob er eher erwartete, das Brod in Folge des Gebets seiner Frau verschwinden zu sehen. „Ich lasse mir’s nicht gefallen, aus Haus und Hof gebetet zu werden, ich lasse mir das bischen Brod nicht vom Tische wegbeten. Daß du mir’s bleiben lässest!“

Ausnehmend roth und grimmig um die Augen, als ob er die ganze Nacht in einer Gesellschaft gewesen, die durchaus kein gemüthliches Ende genommen, zerzauselte Jerry Cruncher sein Frühstück mehr, als daß er es aß und knurrte dabei wie der vierfüßige Inwohner einer Menagerie. Gegen neun Uhr legte sich sein borstiges Wesen etwas und mit einem so respectabeln und geschäftsmäßigen Aeußern, als er über sein wahres Ich decken konnte, ging er seiner Tagesbeschäftigung nach.

Es konnte kaum ein Gewerbe genannt werden, trotzdem daß er sich so gern „einen ehrlichen Gewerbsmann“ nannte. Sein Geschäftscapital bestand in einem hölzernen Sessel, verfertigt aus einem Stuhle, von dem man die zerbrochene Lehne abgesägt hatte, welchen Sessel der junge Jerry, neben seinem Vater herlaufend, jeden Morgen unter das Contorfenster zunächst dem Tempelthore stellte, wo er mit Hinzufügung der ersten Hand voll Strohs, das von einem vorübergehenden Wagen geraubt werden konnte, um die Füße des Ausläufers vor Kälte und Nässe zu bewahren, den Lagerplatz für den Tag bildete. Auf diesem seinem Posten war Mr. Cruncher in Fleetstreet und im Tempel ebenso bekannt, wie das Thor selbst und fast ebenso häßlich von Aussehen.

Ein Viertel vor neun Uhr auf seinem Posten eingetroffen, noch zur rechten Zeit, um vor den ältesten Männern, wie sie zu Tellsons hineingingen, grüßend an den dreieckigen Hut zu fassen, saß Jerry an diesem windigen Maimorgen auf seinem Sessel und der junge Jerry stand neben ihm, wenn er es nicht vorzog, Streifzüge durch das Thor zu machen, um vorübergehenden Jungen, die klein genug zu diesem liebenswürdigen Zweck waren, körperliches und geistiges Leid schmerzlichster Art zuzufügen. Vater und Sohn, die sich einander außerordentlich ähnlich sahen, hatten, wie sie schweigend dem Verkehr in Fleetstreet zusahen und dabei ihre beiden Köpfe so nahe an einander brachten, wie die Augen bei Beiden waren, eine merkwürdige Aehnlichkeit mit ein Paar boshaften Affen. Die Aehnlichkeit wurde durch den zufälligen Umstand nicht vermindert, daß der ältere Jerry Stroh zerbiß und ausspuckte, während die beweglichen Augen des jungen Jerry ihn so ruhelos beobachteten, wie alles Andere in Fleetstreet.

Einer der angestellten Ausläufer in Tellsons Contor steckte jetzt auf einmal den Kopf durch die Thür und rief:

„Heda, Jerry!“

„Hurrah, Vater! das fängt heute Morgen frühzeitig mit der Arbeit an!“

Nachdem sein Vater in das Contor hineingetreten war, setzte sich der junge Jerry auf den Stuhl, trat die Erbschaft des Strohs an, das sein Vater zerkaut hatte und dachte nach:

„Immer rostig! Seine Finger sind immer rostig!“ brummte der junge Jerry vor sich hin. „Wo kriegt mein Vater all den Rost her? Hier kriegt er doch keinen Rost an die Finger?“

Zweites Kapitel.

Ein Schauspiel.

„Ihr seid jedenfalls in Old Bailey wohlbekannt?“ sagte einer der ältesten Contordiener zu Jerry, dem Ausläufer.

„Ja--a, Sir!“ entgegnete Jerry in etwas mürrisch-stockender Weise. „Ich ~bin~ in Bailey bekannt.“

„Richtig. Und Ihr kennt Mr. Lorry?“

„Ich kenne Mr. Lorry viel besser, als Old Bailey, Sir, viel besser,“ sagte Jerry, fast wie ein widerwilliger Zeuge in dem fraglichen Gerichtslocal, „viel besser, als ich, ein ehrlicher Gewerbsmann, Old Bailey zu kennen wünsche.“

„Sehr gut. Sucht also die Thür, wo die Zeugen hineingehen und zeigt dem Thürsteher dieses Billet für Mr. Lorry. Er wird Euch dann hineinlassen.“

„In den Saal, Sir?“

„In den Saal.“

Mr. Crunchers Augen schienen noch ein Wenig näher zusammenzurücken und mit einander die Frage zu tauschen: Was denkst du davon?

„Habe ich im Saale zu warten, Sir?“ fragte er als Ergebniß dieser Conferenz.

„Das will ich Euch gleich sagen. Der Thürsteher schickt das Billet zu Mr. Lorry und Ihr macht Euch durch irgend eine Geberde Mr. Lorry bemerklich und zeigt ihm, wo Ihr steht. Dann habt Ihr weiter Nichts zu thun, als zu warten, bis er Euch braucht.“

„Ist das Alles, Sir?“

„Das ist Alles. Er wünschte einen Boten bei der Hand zu haben. Durch dieses Billet wird er benachrichtigt, daß Ihr da seid.“

Als der alte Handlungsdiener überlegsam das Billet zusammenbrach und mit der Adresse versah, bemerkte Mr. Cruncher, nachdem er ihm stillschweigend zugesehen, bis er zum Abtrocknen auf dem Löschpapier kam:

„Es wird sich wohl heute um Fälschung handeln?“

„Um Hochverrath!“

„Da steht Viertheilen drauf. Barbarei!“

„Es ist Gesetz und Recht,“ bemerkte der alte Diener und sah ihn überrascht durch die Brille an.

„S’ist hart vom Gesetz, einen Menschen zu verunstalten, meine ich. Es ist hart genug, ihm das Leben zu nehmen, aber es ist sehr hart, ihn zu verunstalten, Sir.“

„Ganz und gar nicht,“ entgegnete der alte Diener. „Sprecht gut vom Gesetz. Tragt Sorge für Eure Brust und Eure Stimme, guter Freund, und laßt das Gesetz für sich selber Sorge tragen. Den Rath gebe ich Euch.“

„S’ist die Nässe, Sir, die sich mir auf Brust und Stimme legt,“ sagte Jerry. „Daran können Sie selbst sehen, auf welchem nassen Wege ich mir mein tägliches Brod verdienen muß.“

„Schon gut, schon gut,“ sagte der alte Diener; „jeder hat seinen eigenen Weg, sich seinen Lebensunterhalt zu erwerben. Manche thun es auf nassem Wege und manche auf trockenem Wege. Hier ist der Brief. Sputet Euch!“

Jerry nahm den Brief und sprach zu sich mit viel weniger innerer Ehrerbietung, als er äußerlich zur Schau trug, „Ihr wollt ein Geriebener sein,“ machte seine Verbeugung, unterrichtete seinen Sohn im Vorbeigehen von seiner Bestimmung und ging seines Wegs.

Sie henkten zu jener Zeit in Tyburn. Die Straße vor dem Newgatekerker vorüber hatte noch nicht jene gräßliche Notorität erlangt, die jetzt an ihr haftet. Aber das Gefängniß war ein greuelvoller Ort, wo fast jegliche Ausschweifung und Schlechtigkeit verübt ward und wo böse Krankheiten sich erzeugten, die mit den Gefangenen in den Gerichtssaal kamen und manchmal von der Verbrecherbank geraden Wegs auf den Lord-Oberrichter losstürzten und ihn von seinem Sitz herunterzerrten. Mehr als einmal war es geschehen, daß der Richter in der schwarzen Mütze sein eigenes Urtheil so sicher wie das des Gefangenen sprach und sogar noch vor ihm starb. Im Uebrigen war Old Bailey berühmt als eine Art von Sterbestation, von wo leichenblasse Reisende beständig in Karren und Kutschen eine gewaltsame Reise in die andere Welt antraten, wobei sie zwei und eine halbe englische Meile Stadt- und Landstraße durchfuhren, und wenn überhaupt, nur in wenigen guten Bürgern einen heilsamen Abscheu erregten. So mächtig ist die Gewohnheit und so wünschenswerth, daß sie von Anfang an gute Gewohnheit sei. Auch war Old Bailey berühmt wegen des Prangers, eine weise und uralte Einrichtung, welche eine Strafe verhängte, deren Schärfe Niemand ermessen konnte; auch wegen des Prügelpfahls, eine andere liebe und altbewährte Einrichtung, deren Wirksamkeit anzusehen sehr vermenschlichend und mildernd auf das Gemüth wirkte; auch wegen ausgedehnter Geschäfte in Blutgeld, ein anderes Bruchstück der Weisheit unserer Vorväter, das systematisch zu den schrecklichsten für Geld begangenen Verbrechen führte. Im Ganzen war zu jener Zeit Old Bailey eine auserlesene Erläuterung des Spruchs: „Was ist, ist Recht“; ein Spruch, der ebenso Alles abschließend sein würde, als er die Trägheit fördernd ist, wenn er nicht die unangenehme Consequenz in sich schlösse, daß Nichts, was jemals war, Unrecht sein könne.

Der Bote bahnte sich einen Weg durch das unsaubere Gedränge mit der Geschicklichkeit eines Mannes, der gewohnt ist, ohne Aufsehen zu machen vorwärts zu kommen, fand die Thüre, welche er suchte und gab durch eine Klappe in derselben seinen Brief hinein. Denn damals bezahlten die Leute, um das Schauspiel in Old Bailey zu sehen, gerade wie sie bezahlten, um das Schauspiel in Bedlam zu sehen -- nur daß die erstere Unterhaltung viel theurer zu stehen kam. Deshalb waren alle Thüren von Old Bailey gut bewacht, mit einziger Ausnahme der gefälligen Thüren, durch welche die Gesellschaft die Verbrecher hinein ließ, denn diese standen immer weit offen.

Nach einigen Worten und Besinnen ging die Thüre widerwillig ein ganz klein Wenig auf und erlaubte Mr. Jerry Cruncher, sich in den Gerichtssaal hineinzuquetschen.

„Was ist dran?“ fragte er flüsternd den Mann, der sein Nachbar geworden war.

„Noch Nichts.“

„Was kommt dran?“

„Der Hochverrath.“

„Der zum Viertheilen, he?“

„Jawohl,“ entgegnete der Mann mit Gusto; „er wird auf einer Hürde hinausgeschleift, um halb gehängt zu werden und dann wird man ihn abschneiden und vor seinen eigenen Augen aufschlitzen und dann wird man seine Eingeweide herausnehmen und verbrennen, während er zusieht und dann wird man ihm den Kopf abhacken und sein Rumpf wird geviertheilt. So lautet das Urtheil.“

„Wenn sie ihn schuldig finden, wollt Ihr sagen?“ setzte Jerry als Vorbehalt hinzu.

„O! Sie werden ihn schuldig finden,“ sagte der Andere. „Da braucht Ihr nicht zu sorgen.“

Mr. Crunchers Aufmerksamkeit zog jetzt der Thürsteher auf sich, der mit dem Billet in der Hand auf Mr. Lorry zuging. Mr. Lorry saß an einem Tisch unter den Herren in den Perrücken, nicht weit von einem Herrn in der Perrücke, dem Vertheidiger des Angeklagten, der einen großen Stoß Papiere vor sich hatte und fast gerade gegenüber einem andern Herrn in der Perrücke, der beide Hände in den Hosentaschen hatte und dessen ganze Aufmerksamkeit, wenn Mr. Cruncher ihn jetzt oder später anblickte, von der Decke des Gerichtssaals in Anspruch genommen zu sein schien. Nachdem Jerry einigemal mürrisch gehustet und sich das Kinn gerieben und Zeichen mit der Hand gemacht hatte, zog er die Beobachtung Mr. Lorry’s auf sich, der aufgestanden war, um sich nach ihm umzusehen und ihm ruhig zunickte und sich wieder setzte.

„Was hat der in der Sache zu thun?“ fragte der Mann, mit dem er gesprochen hatte.

„Das weiß ich nicht,“ sagte Jerry.

„Und was habt Ihr dabei zu thun, wenn man fragen darf?“

„Das weiß ich auch nicht,“ sagte Jerry.

Der Eintritt des Richters und eine darauf folgende große Bewegung und allmäliges Beruhigen im Gerichtssaal unterbrachen das Zwiegespräch. Im nächsten Augenblick wurde die Angeklagtenloge der Brennpunkt des allgemeinen Interesses. Zwei Schließer, die dort gestanden hatten, gingen hinaus und der Gefangene wurde hereingebracht und vor seine Richter gestellt.

Alle Anwesenden, mit Ausnahme des einen Herrn in der Perrücke, der sich die Decke betrachtete, hefteten neugierig ihre Augen auf ihn. All’ der menschliche Athem in dem Saale rollte auf ihn zu wie ein Meer, oder ein Wind, oder ein Feuer. Neugierige Gesichter sahen um Pfeiler und Ecken, um einen Blick auf ihn zu werfen. Zuschauer in den hinteren Räumen standen auf, um sich auch nicht ein Haar von ihm entgehen zu lassen; Leute, die in der Mitte des Saals standen, legten ihre Hände auf die Schultern der vor ihnen Stehenden, um sich auf irgend Jemandes Unkosten einen Anblick von dem Manne zu verschaffen -- stellten sich auf die Zehenspitzen, stiegen auf Simse, standen auf fast Nichts, um jeden Zoll von ihm zu sehen. Besonders bemerklich unter diesen Letzteren machte sich Jerry, welcher aussah wie ein lebendig gewordenes Stück der mit eisernen Spitzen besetzten Mauer von Newgate. Er zielte nach dem Angeklagten mit dem biergeschwängerten Duft eines Trunkes, den er unterwegs zu sich genommen und hauchte ihn aus, daß er sich mit den Wellen andern Bieres und Gins und Thee’s und Kaffee’s und was sonst noch vermische, welche auf den Angeklagten zuflutheten und sich bereits in einem schmutzigen Nebel und Regen an den großen Fenstern hinter ihm brachen.

Der Zielpunkt aller dieser neugierig stierenden und aufgeregten Blicke war ein junger Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, von hübschem Wuchs und hübschem Gesicht, mit sonnenverbrannten Wangen und dunklen Augen. Dem Stande nach war er ein Gentleman. Er war einfach schwarz oder sehr dunkel grau gekleidet, und sein langes und dunkles Haar war hinten im Nacken mit einem Bande zusammengebunden, mehr um nicht zu belästigen, als zur Zierde. Wie sich eine Gemüthsbewegung durch jede körperliche Umhüllung ausdrückt, so machte sich die Blässe, welche seine Lage rechtfertigte, durch das Braun seiner Wange erkennbar und zeigte, daß die Seele stärker war, als die Sonne. Im Uebrigen war er ganz unbefangen, er verbeugte sich vor dem Richter und blieb ruhig stehen.

Die Theilnahme, mit welcher dieser Mann angestiert und angehaucht ward, machte der Menschheit keine Ehre. Wäre er von einem weniger entsetzlichen und grausenhaften Urtheil bedroht gewesen, -- wäre eine Möglichkeit vorhanden gewesen, daß ihm eine einzige der Scheußlichkeiten desselben erspart worden wäre -- so hätte er ebenso viel an Anziehungskraft verloren. Die Gestalt, die verurtheilt werden sollte, so gräßlich zerstückt zu werden, war der anziehende Anblick; das unsterbliche Wesen, das geschlachtet und zerfleischt werden sollte, rief die Aufregung hervor. Mit welchem Firniß auch die verschiedenen Zuschauer diese, jenachdem sie in der Selbsttäuschung geschickt waren, übertünchen mochten, im Grunde war es nur scheußliche Blutgier.

Schweigen im Gerichtssaal! Charles Darnay hatte gestern „nicht schuldig“ eingewendet gegen eine Anklage, die ihn (mit endlosem unverständlichem Wortgeklingel) beschuldigte, ein falscher Verräther an unserm erlauchten, erhabenen, vortrefflichen u. s. w. Fürsten, unserm Herrn, dem König, zu sein, indem er bei verschiedenen Gelegenheiten und durch verschiedene Mittel und Wege Ludwig, König von Frankreich, in seinen Kriegen gegen unsern gedachten erlauchten, erhabenen, vortrefflichen u. s. w. Fürsten, unsern Herrn, den König, Beistand geleistet; indem er nämlich zwischen den Besitzungen unseres gedachten erlauchten, erhabenen, vortrefflichen u. s. w. Fürsten, unseres Herrn, des Königs und denen des gedachten Ludwigs von Frankreich hin- und hergereist, und boshafter, hinterlistiger, verrätherischer Weise (und noch mit andern bösen Adverbien) dem gedachten Ludwig von Frankreich verrathen habe, welche Streitkräfte unser gedachter erlauchter, erhabener, vortrefflicher u. s. w. Fürst, unser Herr, der König, für Canada und Nordamerika auszurüsten im Begriff stehe. Soviel verstand Jerry, dessen Haar immer spitzer empor stieg, wie die juristischen Worte sich häuften, zu seiner ungeheuren Befriedigung, und er kam so allmälig zu dem Verständniß, daß der vorgenannte und wieder und wieder vorgenannte Charles Darnay dort vor ihm stand, um sein Urtheil zu empfangen; daß die Geschwornen vereidigt wurden; und daß der Herr Generalanwalt sich bereit machte, zu sprechen.