Part 37
„Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubet, der wird ewiglich leben, ob er auch stürbe; wer aber lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.“
Das Murmeln vieler Stimmen, das Emporrecken vieler Gesichter, das Drängen von den äußersten Rändern des Gewühls, so daß es in einer Masse vorwärts wogt, wie eine große Meereswelle, sind alle wie ein Blitz vorüber. Dreiundzwanzig.
* * * * *
Sie sagten von ihm in der Stadt an jenem Abend, daß es das friedlichste Menschengesicht gewesen, das jemals dort erblickt worden. Manche setzten hinzu, daß er erhaben und prophetisch ausgesehen.
Eines der bemerkenswerthesten Opfer desselben Beiles -- eine Frau -- hatte nicht lange vorher am Fuße desselben Schaffots um Erlaubniß gebeten, die Gedanken, die sie erfüllten, niederschreiben zu dürfen. Hätte er seine Gedanken aussprechen können, und sie waren prophetisch -- so hätten sie so gelautet:
„Ich sehe Barsad und Cly, Defarge, den Racheengel, die Geschworenen, die Richter, lange Reihen von neuen Tyrannen die nach der Vernichtung der alten entstanden sind, durch dieses selbige vergeltende Instrument untergehen, ehe diese Blutzeit vorüber ist. Ich sehe eine schöne Stadt und ein glänzendes Volk aus diesem Abgrunde sich erheben, und in seinen Kämpfen wahrhaft frei zu sein, in seinen Siegen und Niederlagen durch eine lange, lange Reihe von Jahren, das Böse dieser Zeit und der Vergangenheit, deren natürlicher Sprößling die Gegenwart ist, allmälich Sühne für sich thun und verschwinden.
„Ich sehe die Menschenleben, für die ich mein Leben hingebe, in friedlichem und segenspendendem Glücke in dem England, das ich nie wieder sehen werde. Ich sehe ~sie~, mit einem Kinde an der Brust, das meinen Namen trägt. Ich sehe ihren Vater, alt und gebeugt, aber sonst wieder hergestellt und allen Menschen ein hülfreicher Arzt und mit sich im Frieden. Ich sehe den guten Alten, ihren langjährigen Freund, nach Ablauf von zehn Jahren ihnen sein ganzes Vermögen vermachen und ruhig hinüber gehen zu seinem Lohne.
„Ich sehe, daß ich ein Heiligthum in ihren Herzen und in den Herzen ihrer Nachkommen noch nach Menschenaltern inne habe. Ich sehe sie, eine alte Matrone, mich bei der Wiederkehr dieses Tages beweinen. Ich sehe sie und ihren Gatten nach vollendeter Laufbahn nebeneinander in ihrer letzten irdischen Ruhestätte liegen, und ich weiß, daß keines der beiden Herzen das andere mehr geehrt und heilig gehalten, als diese beiden mich.
„Ich sehe das Kind, das an ihrer Brust lag und meinen Namen trug, zum Manne werden, und sich glücklich auf der Lebenslaufbahn vorwärts arbeiten, die einst die meinige war. Ich sehe ihn so siegreich am Ziele stehen, daß mein Name durch den Glanz des seinigen berühmt wird. Ich sehe die Flecken, die ich darauf brachte, verschwinden. Ich sehe ihn, als den ersten unter gerechten Richtern und geehrten Männern, einen Knaben meines Namens mit einer Stirn die ich kenne und goldenem Haar an diese Stelle führen -- die dann freundlich aussehen wird und frei von jedem entstellenden Flecken dieses Tages -- und ich höre ihn, wie er dem Kinde mit weicher und zitternder Stimme meine Geschichte erzählt.
„Was ich thue ist etwas viel, viel Besseres, als ich jemals gethan; die Ruhe zu der ich eingehe ist viel seliger, als ich sie jemals gekannt habe.“
~Ende.~
Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck) in Leipzig.
Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber in Leipzig.
Die Liebe.
Von
J. Michelet
Mitglied der französischen Akademie.
Deutsche, vom Verfasser autorisirte Ausgabe,
übersetzt von
F. Spielhagen.
Zweite durchgesehene Auflage.
Ein Werk des Auslandes, das, noch bevor es in einer deutschen Uebersetzung erschien, die Federn unsrer Journalisten in so lebhafte Bewegung versetzte, hier die wärmste Anerkennung fand, dort lebhaften Widerspruch hervorrief, überall aber das größte Interesse erweckte -- ein solches Werk muß wohl ein bedeutendes sein. Und das ist J. Michelet’s Buch über „die Liebe“ im eigentlichsten Sinne des Wortes, bedeutend durch seinen Gegenstand, der die tiefsten Fragen der Menschheit berührt, an denen Jedermann betheiligt ist, bedeutend durch seinen Verfasser, der ein so altes Thema so neu behandeln konnte, daß der größte der jetzigen Kritiker unter den Franzosen das Buch, „das wahre Hohe Lied der Liebe“ nennt und gesteht, daß so noch Niemand über diesen Gegenstand gesprochen habe. In gleich anerkennender Weise spricht sich Gutzkow in den „Unterhaltungen am häuslichen Herd“ über das Werk aus und das Londoner Athenäum sagt über dasselbe: „Die Ehe in ihrem reinsten und christlichsten Sinne ist der Gegenstand dieses Buches, das mit unendlicher und reizendster Zartheit und Feinheit lehrt, wie man sich ein glückliches Haus schaffen, wie man den Honigmond verlängern, wie man Hand in Hand den Berg des Lebens hinaufgehen und das Thal desselben hinabsteigen kann. Voll von vortrefflichen und beseligenden Gedanken, glänzend und oft tiefsinnig wie es ist, sucht es die Heiligkeit der natürlichen Triebe wieder herzustellen und die Liebe in ihrer Reinheit und Treue zur Religion des Herzens zu erheben“. Aber lassen wir den Verfasser mit seinen eignen Worten den erhabenen Standpunkt angeben, von dem aus er das weite Feld überblickte, das zu bearbeiten er vor Allen berufen war.
„Der ausführliche Titel dieses Buches, der seinen Zweck, Sinn und seine Bedeutung vollständig ausdrückte, wäre: ~Die moralische Befreiung durch die wahre Liebe.~ Diese Frage der Liebe gährt gewaltig und dunkel unter den Tiefen des menschlichen Lebens. Sie trägt die Grundfesten selbst, auf denen das Leben ruht. Die Familie stützt sich auf die Liebe, und die Gesellschaft auf die Familie. So ist denn die Liebe die erste unter ihnen. Wie die Sitten, so der Staat. Die Freiheit wäre ein leerer Schall, wenn der Bürger Sclavensitten bewahrte. Wir suchten hier ein Ideal, aber ein solches, das sich heute realisiren kann, nicht eins, das man für eine bessere Gesellschaft aufsparen müßte. ~Es ist die Reform der Liebe, die den andern Reformen vorausgehen muß, und sie überhaupt erst möglich macht.~“
Um den überreichen Inhalt des Buches einigermaßen überschauen zu können, wird es genügen, die Ueberschriften der Kapitel zu geben.
Von der Schaffung der Geliebten.
Von der Frau. -- Die Frau ist eine Kranke. -- Die Frau darf nur wenig arbeiten. -- Der Mann muß für Zwei verdienen. -- Wie soll die Braut sein? -- Soll man eine Französin heirathen? -- Die Frau will die Stetigkeit und Vertiefung der Liebe. -- Du mußt deine Frau schaffen. -- Was bin ich, um das zu vermögen?
Einweihung und Vereinigung.
Die Ehe. -- Die Hochzeit. -- Das Erwachen. -- Die junge Hausfrau. -- Ihr dürft den Kreis der Häuslichkeit nicht zu groß ziehen. -- Der Tisch. -- Die Bedienung. -- Diätetik. -- Von der intellectuellen Befruchtung. -- Von der moralischen Zeitigung.
Von der Fleischwerdung der Liebe.
Empfängniß. -- Die Schwangerschaft und der Stand der Gnade. -- Der Nebenbuhler. -- Entbindung. -- Wochenbett und erster Ausgang.
Von dem Hinschwinden der Liebe.
Das Kind vereinigt und trennt. -- Die Liebe zur Abwechselung. -- Trennung der jungen Mutter von ihrem Sohne. -- Die große Welt draußen. -- Ist der Werth des Mannes gesunken? -- Die Fliege und die Spinne. -- Die Versuchung. -- Eine Rose als Gewissensrath. -- Heilung der Seele. -- Heilung des Körpers.
Die Verjüngung der Liebe.
Zweite Jugend der Frau. -- Die gute Circe. -- Sie verfeinert den Geist und facht die Flamme der Begeisterung wieder an. -- Es giebt keine alten Frauen. -- Was der Herbst nimmt und bringt. -- Ist die Einigkeit erreicht? -- Der Tod und die Trauer. -- Die Liebe über das Grab hinaus.
☞ Die deutsche Ausgabe von Michelet’s Werk über die Liebe in eleganter Ausstattung ist durch jede Buchhandlung zum Preis von 1 Thlr. zu beziehen.
Leipzig, J. J. Weber.
Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck).
Literarische Anzeige.
Im Verlage des Unterzeichneten ist erschienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen:
Aus dem Leben eines Musikers.
Von
J. C. Lobe.
Der Bildungsgang des als Virtuos, Componist, Theoretiker und ästhetischer Schriftsteller bekannten Professors Lobe, der in allen genannten Fächern fast ein reiner Autodidakt ist, war ein so eigenthümlicher und in vieler Beziehung belehrender, daß ausübende Musiker und Musikfreunde seiner Künstlerlaufbahn mit Theilnahme folgen werden. Musiker, die mehr oder weniger auf Selbstbildung angewiesen sind, giebt es viele, aber wenige darunter haben Muth und Beharrlichkeit genug, die Mittel aufsuchen und gebrauchen zu lernen, welche die entgegentretenden Hindernisse zu beseitigen vermögen. Es ist mit der Zweck des Verfassers, durch das Beispiel seines Lebens die Talente gegen ihre eigene Schwäche und gegen feindliche Verhältnisse zu stählen. Außerdem bringt das Buch Erinnerungen aus Weimar, dem Geburtsort des Verfassers, die ein allgemeineres Interesse beanspruchen dürfen. Und so hoffen wir, daß die Gabe, unterhaltend und belehrend zugleich, den Beifall der Musikfreunde in einem Grade gewinnen möge, der uns ermuthigen kann, diesem ersten Bande einen weitern folgen zu lassen.
Aus dem Inhaltsverzeichniß:
I.
Mein erstes Auftreten als Virtuos.
II.
Meines ersten musikalischen Werkes Aufführung.
III.
Meine erste Oper.
IV.
Die Probe von Turandot.
V.
Gespräch mit Hummel.
VI.
Gespräch mit Goethe und Zelter.
1. Gespräch mit Goethe.
2. Gespräch mit Zelter.
3. Gespräch mit Goethe.
VII.
Eine Philippka.
VIII.
Vierundzwanzig Takte aus dem Wasserträger.
IX.
Osmins Lied in Mozarts Entführung aus dem Serail.
X.
Die Ouverture zu Mozarts Don Juan.
XI.
Felix Mendelssohn-Bartholdy.
XII.
Das Ideal.
XIII.
Keine schlechten Operntexte mehr.
XIV.
Cousin, der französische Philosoph über Musik.
Preis: 1 Thlr. 15 Ngr.
Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber in Leipzig.
Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck).