Zwei Städte

Part 36

Chapter 363,883 wordsPublic domain

„Wenn wir jemals in unsere Heimath zurückkehren,“ sagte Miß Proß, „so können Sie sich darauf verlassen, daß ich Mrs. Cruncher alles mittheile, was ich von dem, was Sie so eindringlich gesagt haben, mir erinnern kann und verstanden habe; und jedenfalls können Sie überzeugt sein, daß ich bezeuge, wie ernstlich Sie es in dieser schrecklichen Zeit gemeint haben. Aber jetzt lassen Sie uns überlegen! Mein geschätzter Mr. Cruncher, lassen Sie uns überlegen!“

Und immer noch kam Madame Defarge, ihr Ziel durch die Straßen verfolgend, näher und näher.

„Wenn Sie vorausgingen,“ sagte Miß Proß, „und ließen die Pferde und den Wagen nicht hierher kommen, sondern wo anders auf mich warten, wäre Das nicht das Beste?“

Mr. Cruncher meinte, es könne das Beste sein.

„Wo könnten Sie auf mich warten?“ fragte Miß Proß.

Mr. Cruncher war so verwirrt, daß er auf keine andere Oertlichkeit kommen konnte, als auf das Temple-Thor. Ach, Temple-Thor war 100 Meilen weit und Madame Defarge war schon sehr nahe.

„An der Thür der großen Kirche,“ sagte Miß Proß. „Wäre es viel aus dem Wege, wenn ich an der Thür der großen Kirche, zwischen den beiden Thürmen, einstiege?“

„Nein, Miß“, gab Mr. Cruncher zur Antwort.

„Dann seien Sie ein guter Mensch“ erwiederte Miß Proß, „und gehen geraden Weges nach dem Posthaus und bestellen es so.“

„Ich möchte Sie nicht gerne verlassen, sehen Sie,“ sagte Mr. Cruncher zögernd und den Kopf schüttelnd. „Man weiß nicht, was geschehen kann.“

„Der Himmel weiß, daß wir es nicht wissen,“ entgegnete Miß Proß, „aber haben Sie meinetwegen keine Furcht. Warten Sie auf mich an der großen Kirche um 3 Uhr und es ist jedenfalls besser, als wenn wir hier einsteigen. Ich bin fest überzeugt davon. Der Himmel segne Sie, Mr. Cruncher! Denken Sie nicht an mich, sondern an die Menschenleben, die von uns beiden abhängen können!“

Dieser Schluß und daß Miß Proß ihm beide Hände in schmerzlichsten Flehen entgegenstreckte, entschied Mr. Cruncher. Mit einem ermuthigendem Kopfnicken ging er auf der Stelle fort um den Wagen an den bezeichneten Ort zu bestellen, und überließ es ihr auf die verabredete Weise zu folgen.

Eine Vorsichtsmaßregel vorgeschlagen zu haben, die bereits in der Ausführung begriffen, war ein großer Trost für Miß Proß. Die Nothwendigkeit ihr Aeußeres so einzurichten, daß ihre Aufregung keine besondere Aufmerksamkeit auf der Straße auf sich zog, war eine andere Erleichterung. Sie sah nach der Uhr und es war zwanzig Minuten über 2 Uhr. Sie hatte keine Zeit zu verlieren, und mußte sich gleich fertig machen.

In ihrer großen Aufregung, von Furcht erfüllt durch die Einsamkeit der verlassenen Zimmer und der halbeingebildeten Gesichter, die hinter jeder offenen Thür hervor hereinblickten, holte Miß Proß ein Waschbecken voll kaltes Wasser und fing an sich die Augen zu waschen, die ganz dick und roth waren. Von ihren fieberhaften Befürchtungen gequält, konnte sie es kaum ertragen, wegen des herunterfließenden Wassers ein oder zwei Minuten lang nicht sehen zu können, sondern hielt fortwährend inne und sah sich um, ob sie Niemand beobachte. In einer dieser Pausen fuhr sie erschrocken zurück und schrie laut auf; denn sie sah eine Gestalt im Zimmer stehen.

Das Waschbecken fiel zerbrochen zur Erde und das Wasser floß auf Madame Defarge zu. Auf merkwürdigen, rauhen Wegen und durch viel vergossenes Blut waren diese Füße diesem Wasser entgegen gekommen.

Madame Defarge sah sie kalt an und sagte: „wo ist die Gattin Evrémondes?“

Es fiel Miß Proß ein, daß die Thüren sämmtlich offen standen und durch ihr Offenstehen die Flucht verrathen könnten. Ihr Erstes war, sie zuzumachen. Es waren ihrer vier im Zimmer und sie machte sie alle zu. Dann stellte sie sich vor die Thür des Gemachs, welches Lucie bewohnt hatte.

Madame Defarges dunkle Augen folgten ihr während dieser raschen Bewegung, und hefteten sich auf sie, als sie fertig war. Miß Proß war nichts weniger als schön; die Jahre hatten ihr schroffes, eckiges Wesen nicht gemildert; aber sie war in ihrer Weise auch eine entschlossene Frau, und sie maß Madame Defarge mit ihren Augen vom Kopf bis zu den Füßen.

„Dem Aussehen nach könntest Du Lucifers Frau sein,“ sagte Miß Proß, während sie verschnaufte. „Dennoch sollst Du mich nicht bewältigen. Ich bin eine Engländerin.“

Madame Defarge sah sie geringschätzig an, aber doch mit einer Ahnung von demselben Gefühle, daß Miß Proß erfüllte: daß sie kampfbereit gegenüber stand. Sie sah eine energische, unnachgiebige, kräftige Frau vor sich, wie Mr. Lorry vor vielen Jahren in derselben Gestalt ein Weib mit starker Hand gesehen hatte. Sie wußte recht gut, daß Miß Proß die treuergebene Dienerin der Familie war; Miß Proß wußte recht gut, daß Madame Defarge der tückische Feind der Familie war.

„Auf meinem Wege dorthin,“ sagte Madame Defarge, mit einer leichten Handbewegung nach dem Hinrichtungsplatze, „wo sie mir meinen Stuhl und mein Strickzeug aufheben, komme ich herauf, um ihr meine Aufwartung zu machen. Ich wünsche sie zu sprechen.“

„Ich weiß, daß Du böse Absichten hast,“ sagte Miß Proß, „und Du kannst Dich darauf verlassen, ich behaupte meinen Platz gegen Dich.“

Jede sprach in ihrer Sprache; keine verstand die andere; Beide waren voll gespannter Aufmerksamkeit, um aus Blicken und Geberden zu errathen, was die unverständlichen Worte sagten.

„Es ist nicht gut für sie, wenn sie sich in diesem Augenblicke vor mir versteckt,“ sagte Madame Defarge. „Gute Patrioten wissen, was Das zu bedeuten hat. Ich muß sie sprechen. Sagt ihr, daß ich sie sprechen will. Hört ihr?“

„Und wenn Deine Augen Schraubenschlüssel wären,“ erwiderte Miß Proß, „und ich eine englische Bettstelle, so solltest Du nicht einen Splitter von mir locker kriegen. Nein, Du bösartige, fremde Katze; ich kann es mit Dir aufnehmen.“

Madame Defarge verstand natürlich nicht die Worte der anderen; aber sie sah doch so viel, daß man ihr Trotz bot.

„Einfältiges Weib!“ sagte Madame Defarge mit Stirnrunzeln. „Ich beruhige mich nicht bei einer Antwort von Dir. Ich muß sie sprechen. Entweder sage ihr, daß ich sie sprechen will, oder tritt weg von der Thür und laß mich hinein!“ Dies sagte sie mit einem zürnenden Wink ihrer Hand, Platz zu machen.

„Ich hätte mir nicht gedacht,“ sagte Miß Proß, „daß ich jemals wünschen sollte, Deine unsinnige Sprache zu verstehen; aber ich gäbe Alles, was ich besitze, außer den Kleidern, die ich auf dem Leibe habe, wenn ich wüßte, ob Du die Wahrheit ahntest oder einen Theil davon.“

Keine ließ nur für einen einzigen Augenblick die andere aus den Augen. Madame Defarge hatte sich noch nicht von der Stelle bewegt, wo sie gestanden als Miß Proß sie zuerst gewahr geworden war; aber jetzt trat sie einen Schritt näher.

„Ich bin eine Engländerin,“ sagte Miß Proß weiter, „ich bin desperat. Ich kümmere mich kein englisches Zweipfennigstück um mich. Ich weiß, je länger ich Dich hier fest halte, desto besser ist es für mein Herzblättchen. Ich lasse Dir nicht eine Hand voll von Deinen schwarzen Haaren auf dem Kopfe, wenn Du mich mit einem Finger anrührst.“

So sprach Miß Proß mit einem Kopfschütteln und einem Blitzen in ihren Augen zwischen jedem raschen Satz, und jedem raschen Satz in einem Athem. So sprach Miß Proß, die nie in ihrem Leben einen Schlag geführt hatte.

Aber ihr Muth war von der leicht gerührten Art, daß er ihr nicht zurückzuhaltende Thränen in die Augen brachte. Das war ein Muth, den Madame Defarge so wenig begriff, daß sie ihn für Schwäche hielt. „Ha, ha!“ lachte sie, „armseliges Weib! was bist Du werth! Ich wende mich jetzt an den Doctor.“ Dann erhob sie ihre Stimme und rief laut: „Bürger Doctor! Frau Evrémondes! Kind Evrémondes! irgend jemand, nur nicht diese lächerliche Thörin, antworte der Bürgerin Defarge!“

Vielleicht das Schweigen, das jetzt eintrat, vielleicht ein Etwas in dem Ausdruck von Miß Proß’ Gesicht, vielleicht eine plötzliche Ahnung, unabhängig von Allem, was sie sonst sah, flüsterte Madame Defarge zu, daß sie fort seien. Drei von den Thüren machte sie rasch auf und blickte hinein.

„Diese Zimmer sind alle in Unordnung, man hat in Eile gepackt, es liegt allerlei auf dem Boden zerstreut. Es ist Niemand in dem Zimmer hinter Euch. Laßt mich hinein sehen!“

„Nie!“ sagte Miß Proß, welche die Aufforderung so vollkommen verstand, wie Madame Defarge die Antwort.

„Wenn sie nicht in jenem Zimmer sind, so sind sie fort und können verfolgt und zurückgebracht werden,“ sagte Madame Defarge sich selbst.

„Solange Du nicht weißt, ob sie in diesem Zimmer sind, oder nicht, weißt Du nicht was Du thun sollst,“ sprach Miß Proß zu sich, „und Du sollst es nicht erfahren, wenn ich es Dir verwehren kann; und ob Du es weißt oder nicht weißt, sollst Du doch hier nicht wegkommen, solange ich Dich halten kann.“

„Ich habe mich noch von Nichts aufhalten lassen, ich zerreiße Dich in Stücken, aber weg von dieser Thür mußt Du,“ sagte Madame Defarge.

„Wir sind allein, im obersten Stock eines hohen Hauses, in einem einsamen Hofe, es ist sehr unwahrscheinlich, daß uns Jemand hört und ich bitte Gott um Kraft Dich hier fest zu halten, wo jede Minute, die Du hier bist, hunderttausend Guineen für mein Herzblatt werth ist,“ sprach Miß Proß.

Madame Defarge ging auf die Thür zu. Miß Proß, von der Eingebung des Augenblickes getrieben, packte sie mit beiden Armen um den Leib und hielt sie fest. Vergeblich sträubte sich und schlug Madame Defarge; mit der kraftvollen Zähigkeit der Liebe, die immer so viel stärker ist als der Haß, hielt Miß Proß sie fest und hob sie sogar während des Ringens in die Höhe. Die beiden Hände der Madame Defarge schlugen und zerkratzten ihr Gesicht; aber Miß Proß, den Kopf niedrig haltend, hielt sie fest um den Leib und klammerte sich an sie mit der Verzweiflung einer Ertrinkenden.

Bald hörten Madame Defarges Hände auf zu schlagen und fühlten nach ihrem Gürtel. „Es ist unter meinem Arm,“ sagte Miß Proß mit halberstickter Stimme, „Du sollst es nicht heraus kriegen. Ich bin stärker als Du, Gott sei Dank. Ich halte Dich fest, bis einer von uns Beiden in Ohnmacht fällt oder stirbt!“

Madame Defarges Hand war in ihrem Busen. Miß Proß blickte auf, sah was es war, schlug darnach, schlug einen Blitz und einen Knall heraus und stand allein -- blind vom Rauche.

Alles Dies dauerte nur eine Sekunde. Wie sich der Rauch verzog, eine unheimliche Stille zurücklassend, schwand er hinaus in die Luft, wie die Seele des wüthenden Weibes, dessen Körper leblos auf den Fußboden lag.

In der ersten Angst und im ersten Schrecken ihrer Lage, ging Miß Proß der Leiche im Vorbeigehen so weit als möglich aus dem Wege und lief die Treppe hinab um unnütze Hülfe zu rufen. Zum Glück dachte sie an die möglichen Folgen ihres Thuns Zeit genug, um sich anders zu besinnen und wieder umzukehren. Es war schrecklich wieder in die Stube zu gehen; aber sie ging hinein und wagte sich selbst in die Nähe der Leiche, um ihren Hut und ihre anderen Sachen zu holen. Nachdem sie sich draußen auf der Treppe angekleidet, schloß sie die Thür zu und nahm den Schlüssel mit. Alsdann setzte sie sich ein paar Augenblicke auf die obersten Stufen um Athem zu schöpfen und zu weinen, und dann stand sie auf und eilte fort. Zum Glücke hatte sie einen Schleier an ihrem Hute, oder sie hätte kaum über die Straße gehen können, ohne angehalten zu werden. Ebenfalls zum Glücke war sie von Natur so eigenthümlich in ihrer Erscheinung, daß Ungewöhnliches bei ihr weniger auffiel, als bei anderen. Es war gut so; denn die Finger der Wüthenden hatten ihr Gesicht zerkratzt, ihr Haar war zerzaust und ihre hastig und mit aufgeregten Händen angelegten Kleider waren nach allerlei Richtungen gezogen und gezerrt.

Als sie über die Brücke ging, warf sie den Schlüssel in den Fluß. Sie kam einige Minuten vor ihrem Begleiter an der Kirchthüre an und mußte dort warten. Ach, dachte sie, wenn man den Schlüssel in einem Netze gefunden, wenn man ihn erkannt, wenn man die Thür geöffnet und die Leiche entdeckt hätte, wenn ich am Thore angehalten, ins Gefängniß geschickt und des Mordes angeklagt würde! Inmitten dieser aufregenden Gedanken, erschien der Begleiter, nahm sie in den Wagen auf und fuhr mit ihr fort.

„Ist Lärm auf der Straße?“ fragte sie.

„Der gewöhnliche Lärm,“ gab Mr. Cruncher zur Antwort und sah sie an, erstaunt über die Frage und ihr Aussehen.

„Ich höre Sie nicht,“ sagte Miß Proß. „Was sagten Sie?“

Vergeblich wiederholte Mr. Cruncher seine Antwort noch einmal. Miß Proß konnte ihn nicht hören.

-- So will ich mit dem Kopf nicken, dachte Mr. Cruncher, jedenfalls wird sie Das sehen. Und sie sah es.

„Ist jetzt Lärm auf der Straße?“ fragte Miß Proß noch einmal nach kurzer Weile.

Wieder nickte Mr. Cruncher mit dem Kopfe.

„In einer Stunde taub geworden,“ sagte Mr. Cruncher nachdenklich und mit sehr beunruhigtem Gemüth; „was ist ihr zugestoßen?“

„Mir ist“ sprach Miß Proß, „als wäre ein Blitz und ein Knall gewesen und dieser Knall wäre das Letzte, was ich in meinem Leben hören würde.“

„Wenn Das nicht ein curioser Zustand ist,“ sagte Mr. Cruncher, mehr und mehr verwundert. „Was mag sie nur zu sich genommen haben um ihren Muth aufrecht zu erhalten? Hört! da kommen diese schrecklichen Karren gerumpelt! Das können Sie doch hören, Miß?“

„Ich kann Nichts hören,“ sagte Miß Proß, die an der Bewegung seines Mundes sah, daß er sprach, „ach guter Jerry, erst war ein großer Krach und dann eine große Stille und diese Stille scheint fest und unveränderlich zu sein, eine Stille, die nie wieder aufhören soll, so lange mein Leben dauert.“

„Wenn sie nicht das Rumpeln dieser schrecklichen Karren hört, die jetzt dem Ziele ihrer Reise sehr nahe sind,“ sagte Mr. Cruncher mit einem Blicke über die Schulter, „so ist meine Meinung, daß sie wahrhaftig nie wieder Etwas auf dieser Welt hören wird.“

Und wirklich war sie von dieser Zeit an taub.

Fünfzehntes Kapitel.

Die Schritte verhallen für immer.

Die Straßen von Paris entlang rumpeln die Todtenkarren hohl und schwer. Sechs Karren führen den Wein des Tages der Guillotine zu. Alle gierige und unersättliche Ungeheuer, welche die menschliche Phantasie jemals ersonnen hat, sind in dieser einen Gestalt, Guillotine, verschmolzen. Und doch giebt es in Frankreich, mit seiner reichen Verschiedenartigkeit an Boden und Klima keinen Halm, kein Blatt, keine Wurzel, keinen Zweig, kein Pfefferkorn, das unter natürlicheren Bedingungen gereift wäre, als dieser Schrecken gereift ist. Zerdrücke die Menschheit noch einmal unter ähnlichen Hämmern und sie wird von selbst dieselben gequälten Gestalten und Formen anzunehmen suchen. Säet dieselbe Saat habgieriger Ausschweifung und Tyrannei und sicherlich wird sie wieder dieselbe Frucht nach ihrem Ursprung tragen.

Sechs Karren rumpeln durch die Straßen. Verwandle sie wieder zu Dem, was sie waren, mächtige Zauberin Zeit, und sie werden sich darstellen als die Karossen unumschränkter Monarchen, die Equipagen von Feudalherren, die prächtigen Toiletten geschminkter Jesabels, die Kirchen die nicht „meines Vaters Haus“ sind, sondern Diebeshöhlen, die Hütten von Millionen halbverhungerten Bauern! Nein; die große Zauberin, welche in erhabener Ruhe die vorbestimmte Ordnung des Schöpfers ausarbeitet, verändert nie seine Gestaltungen. Wenn du durch den Willen Gottes in diese Gestalt gewandelt worden, sagen die Seher zu den Verzauberten in dem weisen, arabischen Mährchen, so bleibe so! Aber wenn du diese Gestalt nur durch eine vorübergehende Beschwörung empfangen hast, so nimm deine frühere wieder an! Unveränderlich und hoffnungslos rumpeln die Karren vorüber.

Wie die Räder der sechs Karren sich umdrehen, scheinen sie eine lange krumme Furche unter dem Volke in den Straßen zu ziehen. Raine von Gesichtern werden zu beiden Seiten aufgeworfen und die Pflüge gehen ruhig weiter. So gewöhnt sind die regelmäßigen Bewohner der Häuser an das Schauspiel, daß in manchen Fenstern keine Leute stehen und in anderen die Beschäftigung der Hände gar nicht unterbrochen wird, während die Augen die Gesichter in den Karren betrachten. Hie und da ist Besuch um das Schauspiel zu sehen; alsdann zeigt der Inwohner des Zimmers fast mit der Selbstgefälligkeit des Directors einer öffentlichen Anstalt, oder eines autorisirten Erklärers diesen Karren und jenen Karren und scheint zu erzählen, wer gestern d’rin saß und wer vorgestern.

Von denen in den Karren sehen einige diesen und allen anderen Erscheinungen auf ihrer letzten Fahrt mit gleichgültig stierem Auge zu; andere mit einem Rest von Theilnahme am menschlichen Treiben. Einige lassen den Kopf in stummer Verzweiflung sinken; andere wieder sind so auf ihr Aussehen bedacht, daß sie auf die Menge Blicke werfen, wie sie in Theatern und auf Bildern gesehen haben. Mehrere machen die Augen zu und denken, oder suchen ihre herumschweifenden Gedanken zusammen. Nur Einer, ein elendes Geschöpf von halbverrücktem Aussehen, ist von Furcht und Todesangst so gebrochen und berauscht, daß er singt und zu tanzen versucht. Kein einziger von Allen wendet sich mit Blick oder Geberde an das Mitleid des Volkes.

Eine Wache von einigen Reitern umgiebt die Karren und öfters sehen Gesichter zu ihnen empor und erkundigen sich bei ihnen. Es scheint immer dieselbe Frage zu sein; denn nach der Antwort drängt sich immer das Volk um den dritten Karren. Die Reiter neben diesem Karren zeigen mit ihrem Säbel häufig auf einen Mann. Alles will wissen wo er ist; er steht hinten im Karren und sieht herab auf ein Mädchen, das neben ihm sitzt und seine Hand hält und mit dem er spricht. Die übrige Umgebung kümmert ihn nicht und er unterhält sich fortwährend mit dem Mädchen. In der langen St. Honoré-Straße wird hie und da Geschrei gegen ihn laut. Wenn er sich überhaupt davon bewegen läßt, so ist es blos zu einem stillen Lächeln, wie er sein Haar ein wenig lockerer um sein Gesicht schüttelt. Er kann sein Gesicht nicht berühren, denn die Hände sind ihm gebunden.

Auf der Vortreppe einer Kirche steht, in Erwartung der Karren, der Spion. Er blickt in den ersten: er ist nicht drin. Er blickt in den zweiten: er ist nicht drin. Er fragt sich schon, hat er mich geopfert? als sein Gesicht bei dem Erblicken des dritten Karrens sich aufhellt.

„Welches ist Evrémonde?“ fragt ein Mann hinter ihm.

„Der dort. Hinten im Karren.“

„Der seine Hand dem Mädchen gegeben hat?“

„Ja.“

Der Mann schreit: „Nieder mit Evrémonde! Unter die Guillotine alle Aristokraten.“

„Nieder mit Evrémonde.“

„Still, still!“ bittet ihn der Spion schüchtern.

„Warum soll ich nicht, Bürger?“

„Er bezahlt seinen Einsatz; in fünf Minuten ist es vorbei. Laßt ihn in Frieden fahren.“

Da aber der Mann fortfuhr zu schreien: „Nieder mit Evrémonde!“ wendet sich ihm für einen Augenblick Evrémondes Gesicht zu. Jetzt sieht auch Evrémonde den Spion, sieht ihn aufmerksam an und fährt vorüber.

Es ist gleich drei Uhr und die durch das Volk gepflügte Furche wendet sich, um auf den Hinrichtungsplatz auszumünden. Die Raine, die zu beiden Seiten aufgeworfen worden, fallen jetzt wieder zusammen und schließen sich hinter dem letzten Pfluge, wie er vorbei ist, denn alle folgen nach der Guillotine. Ihr gegenüber sitzen auf Stühlen, wie in einem öffentlichen Garten, wo Concert ist, eine Anzahl Frauen, eifrig mit Stricken beschäftigt. Auf einen der vordersten Stühle steht der Racheengel und sieht sich nach der Freundin um.

„Therese!“ ruft sie in ihrer gellenden Stimme. „Wer hat sie gesehen? Therese Defarge!“

„Sie hat noch nie gefehlt,“ sagt eine Strickschwester neben ihr.

„Nein; und sie wird auch heute nicht fehlen,“ sagt der Racheengel ärgerlich. „Therese!“

„Lauter,“ empfiehlt die andere.

Ja! Lauter, Racheengel, viel lauter und dennoch wird sie dich schwerlich hören. Noch lauter, Racheengel, vielleicht mit einem Fluche verstärkt und doch wirst du sie kaum herbei schaffen. Schicke andere Frauen aus um sie zu suchen, wo sie verweilt; und obgleich deine Boten Schreckliches gethan haben, ist es doch fraglich, ob sie freiwillig weit genug gehen werden, um sie zu finden.

„Wie ärgerlich!“ rief der Racheengel aus und stampfte mit dem Fuße; „und da kommen die Karren! und Evrémonde wird in einem Nu hingerichtet sein und sie ist nicht da! Hier habe ich ihr Strickzeug in der Hand und ihr leerer Stuhl steht neben mir. Ich möchte vor Verdruß und Aerger weinen!“

Wie der Racheengel von seiner Höhe herabsteigt, um Dies zu thun, fangen die Karren an, sich ihrer Ladung zu entledigen. Die Priester der heiligen Guillotine haben ihr Gewand angethan und stehen bereit. Krach! -- ein Haupt wird in die Höhe gehalten und die Strickerinnen, die kaum aufgeblickt haben um es vor einer Sekunde anzusehen, wo es noch denken und sprechen konnte, zählen Eins.

Der zweite Karren entleert sich und fährt weiter; der dritte kommt heran. Krach! -- und die Strickerinnen, die sich ihrer Arbeit nicht stören lassen, zählen Zwei.

Der vermeintliche Evrémonde steigt aus und die Nähterin wird gleich hinter ihm herabgehoben. Er hat beim Heraussteigen ihre geduldige Hand nicht losgelassen, sondern hält sie immer noch, wie er versprochen hat. Sanft wendet er sie so, daß sie der Maschine, die sich fortwährend rasselnd auf und nieder bewegt, den Rücken zukehrt, und sie sieht ihm dankend ins Gesicht.

„Ohne Euch, lieber Fremder, wäre ich nicht so gefaßt; denn ich bin von Natur ein armes kleines Geschöpf von zaghaftem Herzen; noch wäre ich im Stande gewesen meine Gedanken zu ihm zu erheben, der den Tod erlitten hat, damit wir heute Hoffnung und Trost haben. Ich glaube der Himmel hat Euch mir gesendet.“

„Oder auch mir,“ sagte Sydney Carton. „Wendet Eure Augen nicht von mir, liebes Kind, und achtet auf weiter Nichts.“

„Ich achte auf Nichts, so lange ich Eure Hand halte. Ich werde auf Nichts achten, wenn ich sie los lasse, wenn es schnell geht.“

„Es wird schnell gehen. Fürchtet Euch nicht.“

Die Beiden stehen in dem immer dünner werdenden Gedränge der Opfer, aber sie sprechen als ob sie allein wären. Auge in Auge, Hand in Hand, Herz an Herz, sind sich diese beiden Kinder der allgemeinen Mutter, sonst so weit getrennt und so verschieden von einander, auf der dunkeln Straße zum Tode begegnet, um mit einander nach der Heimath zu gehen und an ihrem Busen zu ruhen.

„Edler und großmüthiger Freund, wollt Ihr mir eine letzte Frage erlauben? Ich bin sehr unwissend und es beunruhigt mich -- ein klein wenig.“

„Sagt mir was es ist.“

„Ich habe eine Base, meine einzige Verwandte und eine Waise, wie ich, der ich sehr gut bin. Sie ist fünf Jahre jünger als ich und sie wohnt auf einem Pachtgute, unten im Süden. Armuth hat uns auseinander gerissen und sie weiß nicht, was aus mir geworden ist -- denn ich kann nicht schreiben -- und wenn ich’s könnte, wie sollte ich es ihr mittheilen! es ist besser so, wie es ist.“

„Ja, ja; es ist besser so, wie es ist.“

„Was ich gedacht habe, wie wir hierher fuhren und was ich immer noch denke, wie ich in Euer freundliches und doch muthiges Gesicht sehe, das mich so aufrecht erhält, ist Folgendes: -- wenn die Republik wirklich den Armen gut thut und sie weniger zu hungern brauchen, und sie in jeder Weise weniger leiden, so kann sie lange leben; sie kann sogar zu hohen Jahren kommen.“

„Was weiter, liebe Schwester?“

„Meint Ihr“ -- die Augen die so voll stiller Duldung gewesen, füllten sich mit Thränen und die Lippen öffnen sich etwas weiter und zittern ein wenig -- „meint Ihr, daß es mir lange vorkommen wird, während ich auf sie in dem bessern Lande warte, wo, vertraue ich, Ihr und ich barmherzige Aufnahme finden werden.“

„Es kann nicht sein, Kind; dort giebt es keine Zeit und keinen Kummer.“

„Ihr tröstet mich so sehr! ich bin so unwissend. Soll ich Euch jetzt küssen? Ist der Augenblick da?“

„Ja.“

Sie küßt seinen Mund; er küßt sie; sie geben sich feierlich den Segen. Die abgezehrte Hand zittert nicht, wie er sie los läßt; das stille Gesicht trägt keinen andern Ausdruck als den lieblicher, hoffender Standhaftigkeit. Sie geht ihm zunächst voraus -- ist hinüber; die Strickerinnen zählen: Zweiundzwanzig.