Part 35
Die Thür schloß sich und Carton war allein. Mit gespanntester Aufmerksamkeit horchend, lauschte er auf jeden Ton, der Verdacht oder Allarm anzeigen könnte. Man vernahm keinen. Man hörte Schlüssel sich drehen, Thüren rasseln, Tritte durch entlegene Gänge schallen, aber kein ungewöhnliches Geschrei oder Lärmen machte sich vernehmlich. In einer kleinen Weile athmete er freier auf, setzte sich an den Tisch und horchte wieder, bis es zwei Uhr schlug.
Töne vor denen er sich nicht fürchtete, denn er errieth was sie bedeuteten, machten sich jetzt hörbar. Mehrere Thüren wurden hintereinander geöffnet und zuletzt seine eigene. Ein Schließer, mit einem Verzeichniß in der Hand, blickte herein, sagte blos „folgt mir, Evrémonde!“ und er folgte ihm in eine große dunkele Halle. Es war ein trüber Wintertag und die Dunkelheit drinnen und draußen machte, daß er die anderen die hereingebracht wurden, um hier gebunden zu werden, nicht gut erkennen konnte. Einige standen, Einige saßen, Einige jammerten und gingen ruhelos auf und ab; aber das waren wenige. Die große Mehrzahl war ruhig und stumm, und sah starr auf den Boden.
Wie er an der Wand in einer dunkeln Ecke stand, während noch einige von den Zweiundfünfzig nach ihm hereingebracht wurden, blieb einer im Vorbeigehen bei ihm stehen, um ihn als Bekannten zu umarmen. Ein angstvoller Gedanke, entdeckt zu werden, fuhr ihm durch die Seele; aber der andere ging weiter. Ein paar Augenblicke später stand ein schwächlich gebautes Mädchen, mit lieblichem, aber abgezehrtem Gesicht, auf welchem keine Spur Farbe sichtbar war, und großen, weit offenen, geduldigen Augen von der Bank auf, wo er sie sitzen gesehen hatte, und trat an ihn heran.
„Bürger Evrémonde,“ sagte sie, und berührte ihn mit ihrer kalten Hand. „Ich bin eine arme kleine Nähterin und war mit Euch in La Force.“
Er murmelte vor sich hin: „richtig. Ich vergesse weshalb Ihr angeklagt waret?“
„Wegen Verschwörung. Obgleich der gerechte Himmel weiß, daß ich unschuldig bin. Ist es wahrscheinlich? Wer soll auf den Einfall kommen mit einem armen, schwachen Geschöpf, wie ich bin, zu complotiren?“
Das trübe Lächeln, mit dem sie dies sagte, rührte ihn so, daß Thränen seine Augen füllten.
„Ich fürchte mich nicht, zu sterben, Bürger Evrémonde, aber ich habe Nichts gethan. Ich sterbe nicht ungern, wenn die Republik, welche uns Armen soviel Gutes bringen soll, durch meinen Tod gewinnt; aber ich begreife nicht, wie das zugehen soll, Bürger Evrémonde. Ein so armes, kleines schwaches Ding!“
Als das letzte auf Erden, wofür sein Herz warm und sanft fühlen sollte, trat ihm dieses arme Mädchen entgegen.
„Ich hörte Ihr wäret freigelassen, Bürger Evrémonde, ich hoffte es sei wahr?“
„Ich war frei. Aber man hat mich wieder verhaftet und verurtheilt.“
„Wenn ich mit Euch fahre, Bürger Evrémonde, wollt Ihr mir dann erlauben Eure Hand zu nehmen? Ich fürchte mich nicht, aber ich bin klein und schwach und dies wird mir mehr Muth geben.“
Wie die geduldigen Augen ihm ins Gesicht blickten, sah er darin sich erst Zweifel und dann Staunen ausdrücken. Er drückte die abgezehrte, jugendliche Hand und legte die Finger an die Lippen.
„Ihr sterbt für ihn?“ flüsterte sie.
„Und für seine Frau und sein Kind. Still! Ja.“
„Oh, wollt Ihr mir erlauben, Eure wackere Hand zu nehmen, Fremder?“
„Still! Ja, arme Schwester; bis zuletzt.“ --
Dieselben Schatten die auf das Gefängniß fallen, fallen zu derselben Stunde des frühen Nachmittags auf die Barriere, mit dem Menschengedränge um dieselbe herum, als eine Paris verlassende Kutsche vorfährt, um examinirt zu werden.
„Wer ist d’rin? Papiere!“
Die Papiere werden herausgegeben und gelesen.
„Alexander Manette, Arzt. Franzose. Welcher ist es? Das ist er; dieser hülflose, halbe Worte murmelnde, in halben Irrsinn versunkene alte Mann.“
„Allem Anscheine nach ist der Bürger Doctor nicht recht bei Sinnen? Das Revolutionsfieber ist viel zu hitzig für ihn gewesen?“
„Viel zu hitzig.“
„Ha! viele leiden daran. Lucie. Seine Tochter. Französin. Welche ist sie?“
„Das ist sie.“
„Muß wohl sein. Lucie, Gattin Evrémondes; nicht wahr?“
„He! Evrémonde hat eine Bestellung anders wohin. Lucie, ihr Kind. Die Kleine da?“
„Sie und keine andere.“
„Gieb mir einen Kuß, Evrémondes Kind. Jetzt hast Du einen guten Republikaner geküßt; Etwas Neues in Deiner Familie; vergiß es nicht! Sydney Carton, Advocat. Engländer. Welcher ist es?“
„Er liegt dort in der Ecke des Wagens.“ Auf ihn zeigt man den Fragenden.
„Allem Anscheine nach ist der englische Advocat ohnmächtig geworden?“
„Man hofft er werde sich in frischer Luft wieder erholen. Er ist schwach von Gesundheit und der Abschied von einem Freunde, der sich das Mißfallen der Republik zugezogen hat, hat ihn sehr erschüttert.“
„Weiter Nichts? Das ist nicht viel! Viele haben sich das Mißfallen der Republik zugezogen und müssen zu dem kleinen Fenster hinaussehen. Jarvis Lorry, Bankier. Engländer. Welcher ist es?“
„Ich bin es. Natürlich, da ich der letzte bin.“ Jarvis Lorry ist ausgestiegen und steht am Kutschenschlage, von einer Gruppe Beamten verhört. Sie gehen langsam um den Wagen herum und steigen gemächlich auf denselben hinauf, um zu sehen was für Gepäck auf dem Dache liegt. Das Landvolk steht umher, drängt sich an die Kutschenthüren und stiert neugierig hinein; ein kleines Kind, auf dem Arme seiner Mutter, streckt, von dieser angeleitet, seine Aermchen aus, damit es das Weib eines Aristokraten berühre, der unter der Guillotine gestorben ist.
„Hier sind Eure Papiere, Jarvis Lorry.“
„Kann man abreisen, Bürger?“
„Man kann abreisen. Vorwärts Postillon! Glückliche Reise!“
„Lebt wohl, Bürger. -- Und die erste Gefahr wäre hinter uns!“
Das sind wieder die Worte Jarvis Lorry’s, wie er die Hände faltet und zum Himmel blickt. Es ist Angst im Wagen und Weinen und das schwere Athmen der bewußtlosen Reisenden.
„Fahren wir nicht zu langsam? Können wir sie nicht bewegen schneller zu fahren?“ fragte Lucie angstvoll den Alten.
„Das würde zu sehr wie Flucht aussehen. Wir dürfen sie nicht zu sehr treiben; es würde Verdacht erwecken.“
„Sehen sie sich um, ob wir verfolgt werden.“
„Die Straße ist frei, liebe Lucie. Bis jetzt werden wir nicht verfolgt.“
Häuser zu zweien oder dreien, einsame Pachthöfe, verfallene Gebäude, Färbereien, Gerbereien und ähnliches offenes Land, Alleen von laublosen Bäumen, ziehen an uns vorbei. Das harte holprige Pflaster ist unter uns, der weiche tiefe Schlamm zu beiden Seiten. Manchmal lenken wir in den Schlamm hinüber, um von den Steinen weg zu kommen, die uns bis auf die Knochen schütteln, und manchmal bleiben wir dort in tiefen Gleisen und Löchern stecken. Die Qual unserer Ungeduld ist dann so groß, daß wir in unserer verstörten Angst und Eile lieber aussteigen und laufen oder uns verstecken möchten -- Alles, nur nicht Halt machen.
Hinter uns wieder offenes Land, ringsum wieder verfallene Gebäude, einsame Pachthöfe, Färbereien, Gerbereien und ähnliches, Häuser in Gruppen von zwei oder drei, Alleen von laublosen Bäumen. Haben diese Leute uns hintergangen und fahren sie uns auf einem andern Wege zurück? Ist das nicht derselbe Ort, den wir schon einmal sahen? Gott sei Dank, nein. Ein Dorf. „Sehen Sie sich um, sehen Sie sich um ob wir verfolgt werden! Still! das Posthaus.“
In Muße werden die vier Pferde ausgespannt; in Muße bleibt die Kutsche auf der kleinen Straße stehen ohne Pferde und ohne alle Wahrscheinlichkeit, daß sie jemals wieder in Bewegung kommen werde; in Muße werden die neuen Pferde einzeln sichtbar; in Muße kommen auch die neuen Postillone und binden langsam neue Knoten in ihre Peitschen; in Muße zählen die alten Postillone ihr Geld, verrechnen sich und sind unzufrieden mit dem Resultat. Während der ganzen Zeit schlagen unsere übervollen Herzen mit einer Schnelligkeit, welche den schnellsten Lauf des schnellsten Pferdes, das jemals geboren worden, übertreffen würde.
Endlich sitzen die neuen Postillone im Sattel und die alten sind hinter uns. Wir sind durch das Dorf, den Berg hinauf, wieder hinab und fahren durch die feuchte Niederung. Plötzlich fangen die Postillone an mit lebhaften Geberden miteinander zu reden und die Pferde werden heftig angehalten. Wir werden verfolgt!
„He da! im Wagen drinnen, he da!“
„Was giebts?“ fragte Mr. Lorry zum Fenster heraus.
„Wie viele, sagten sie?“
„Ich verstehe Euch nicht -- auf der letzten Post.“
„Wie viele heute unter der Guillotine?“
„Zweiundfünfzig.“
„Ich sagte es ja! eine schöne Zahl! mein Mitbürger hier, wollte blos von Zweiundvierzig wissen; zehn Köpfe mehr sind schon des Habens werth. Die Guillotine arbeitet schön. Ich liebe sie. Vorwärts. Vorwärts!“
Die Nacht breitete ihre dunkeln Schleier aus. Er bewegt sich wieder; er fängt an lebendig zu werden und verständlich zu sprechen; er findet sich wieder unter den Seinen; er fragt ihn bei seinem Namen, was er in der Hand hat. O, hab’ Erbarmen, gnädiger Himmel und hilf uns! Seht hinaus, seht hinaus, ob wir nicht verfolgt werden.
Der Wind fährt hinter uns her, und die Wolken fliegen uns nach, und der Mond schwimmt hinter uns her, und die ganze stürmische Nacht scheint uns zu verfolgen; aber soweit werden wir von nichts Anderem verfolgt.
Vierzehntes Kapitel.
Ausgestrickt.
Zu derselben Zeit, wo die Zweiundfünfzig ihr Schicksal erwarteten, hielt Madame Defarge eine heimliche, nichts Gutes bedeutende Berathung mit dem Racheengel und Jaques Drei von der revolutionären Jury. Nicht im Weinschank berieth sich Madame Defarge mit diesen Ministern, sondern unter dem Schuppen des Holzhackers, der früher Straßenarbeiter gewesen war. Der Holzhacker selbst nahm nicht an der Conferenz Theil, sondern hielt sich in einiger Entfernung, wie ein fern stehender Trabant, der nicht sprechen oder seine Meinung sagen darf, ehe man ihn auffordert.
„Aber unser Defarge ist jedenfalls ein guter Republikaner?“ sagte Jaques Drei, „nicht wahr?“
„Es giebt keinen besseren in Frankreich,“ betheuerte der zungenfertige Racheengel mit schriller Stimme.
„Still, Racheengel,“ sagte Madame Defarge, indem sie mit leichtem Stirnrunzeln ihre Hand der Sprechenden auf den Mund legte. „Laß mich sprechen. Mein Mann, Mitbürger, ist ein guter Republikaner und ein Mann voll Muth; er hat sich um die Republik wohl verdient gemacht und besitzt ihr Vertrauen. Aber mein Mann hat seine Schwächen, und er ist schwach genug, mit diesem Doctor Mitleid zu fühlen.“
„Es ist sehr schade,“ krächzte Jaques Drei, indem er zweifelnd den Kopf schüttelte und mit seinen grausamen Fingern an seinem hungrigen Munde spielte; „es ist nicht ganz wie ein guter Bürger; es ist zu beklagen.“
„Seht,“ sagte Madame, „mir ist dieser Doctor gleichgültig. Er mag seinen Kopf behalten oder verlieren, ich kümmere mich nicht darum; mir ist es einerlei. Aber die Evrémondes müssen alle ausgerottet werden und das Weib und das Kind müssen dem Gatten und Vater folgen.“
„Sie hat einen schönen Kopf dazu,“ krächzte Jaques Drei. „Ich habe blaue Augen und goldenes Haar dort gesehen und sie sahen reizend aus als Sanson sie in die Höhe hielt.“ Der blutgierige Wüthrich sprach wie ein Epikuräer.
Madame Defarge schlug die Augen nieder und dachte ein Wenig nach.
„Auch das Kind,“ bemerkte Jaques Drei mit nachdenklichem Genießen seiner Worte, „hat goldenes Haar und blaue Augen. Und wir haben selten ein Kind dort. Es ist ein hübscher Anblick!“
„Mit einem Worte,“ sagte Madame Defarge wieder aufblickend, „ich kann meinem Manne in dieser Sache nicht trauen. Ich fühle nicht nur seit letzter Nacht, daß ich ihm die Einzelheiten meiner Pläne nicht mittheilen darf, sondern ich fühle auch, daß bei längerem Warten Gefahr vorhanden ist, daß er sie warnt und daß sie entfliehen.“
„Das darf nicht sein,“ sagte Jaques Drei; „Niemand darf davon kommen. Wir haben noch nicht halb genug wie es jetzt geht. Wir sollten jeden Tag Hundertzwanzig haben.“
„Mit einem Wort“ fuhr Madame Defarge fort, „mein Mann hat nicht meinen Grund diese Familie bis zur Ausrottung zu verfolgen, und ich habe nicht seinen Grund mit diesem Doctor Mitleid zu fühlen. Ich muß daher für mich handeln. Kommt her, kleiner Bürger.“
Der Holzhacker, der sie mit dem Respect und der Unterwürfigkeit tödtlicher Furcht betrachtete, trat, mit der Hand an seiner rothen Mütze, heran.
„Was diese Signale betrifft, kleiner Bürger,“ sagte Madame Defarge mit Strenge, „die sie mit dem Gefangenen gewechselt hat; seid Ihr bereit heute noch als Zeuge dafür aufzutreten?“
„Ja, ja, warum nicht!“ erklärte der Holzhacker. „Alle Tage, in jedem Wetter von Zwei bis Vier, immer signalisirend, manchmal mit der Kleinen, manchmal ohne dieselbe. Ich weiß, was ich weiß, mit meinen Augen habe ich es gesehen.“
Während er sprach, machte er allerlei Geberden, wie in zufälliger Nachahmung einiger wenigen von den vielen Signalen, die er nie gesehen hatte.
„Offenbar Complot,“ sagte Jaques Drei. „Nicht zu bezweifeln!“
„Sind die Geschwornen sicher?“ fragte Madame Defarge, und sah ihn mit einem düstern Lächeln an.
„Verlaßt Euch auf die patriotischen Geschworenen, Bürgerin. Ich stehe für meine Mitgeschworenen.“
„Jetzt laßt uns noch einmal sehen,“ sagte Madame Defarge überlegend. „Kann ich diesen Doctor für meinen Mann entbehren? Ich habe Nichts für und Nichts gegen ihn. Kann ich ihn entbehren?“
„Er würde als ein Kopf zählen,“ bemerkte Jaques Drei mit gedämpfter Stimme. „Wir haben wirklich nicht Köpfe genug; es wäre schade, sollte ich meinen.“
„Er wechselte mit ihr Signale, als ich sie sah,“ erwiederte Madame Defarge; „ich kann von den Einen nicht sprechen, ohne den Anderen zu erwähnen; und ich darf nicht stumm sein und die ganze Sache diesem kleinen Bürger hier überlassen. Denn ich bin kein schlechter Zeuge.“
Der Racheengel und Jaques Drei wetteiferten mit einander in leidenschaftlichen Betheuerungen, daß sie die vortrefflichste und bewunderungswürdigste aller Zeuginnen sei. Um nicht zurückzubleiben, nannte sie der kleine Bürger „eine himmlische Zeugin.“
„Er muß sehen wie er fährt,“ sagte Madame Defarge. „Nein; ich kann ihn nicht entbehren! Ihr seid beschäftigt um drei Uhr; Ihr geht zu der Hinrichtung. -- Ihr?“
Diese letzte Frage galt dem Holzhacker, der hastig mit Ja antwortete und die Gelegenheit ergriff um hinzuzusetzen, daß er der eifrigste aller Republikaner sei und der unglücklichste aller Republikaner sein würde, wenn ihm Jemand den Genuß raubte, seine Nachmittagspfeife zu rauchen, und dabei dem drolligen Nationalbarbier zuzusehen. Er betheuerte Dies mit soviel Nachdruck, daß man ihn in Verdacht hätte haben können, (und vielleicht hatten ihn auch die schwarzen Augen der Madame Defarge, die verächtlich auf ihn herabsah, in diesem Verdachte) er hege jede Stunde des Tages seine kleinen besonderen Befürchtungen für seine persönliche Sicherheit.
„Ich muß auch hin,“ sagte Madame. „Nachdem es vorbei ist -- sagen wir um 8 Uhr Abends -- kommt ihr zu mir nach St. Antoine, und wir reichen dann die Anzeige gegen diese Leute bei meiner Section ein.“
Der Holzhacker sagte, er werde sich stolz und geschmeichelt fühlen, der Bürgerin Befehl auszuführen. Die Bürgerin blickte ihn an, er wurde verlegen, wich ihrem Blicke aus, wie es ein Hündchen gethan haben würde, zog sich unter sein Holz zurück und versteckte seine Verwirrung hinter dem Griffe seiner Säge.
Madame Defarge winkte dem Geschwornen und dem Racheengel etwas näher an die Thür zu kommen, und setzte ihnen dort ihre weiteren Pläne mit folgenden Worten auseinander:
„Sie wird jetzt zu Hause sein und den Augenblick seines Todes erwarten. Sie wird trauern und weinen. Sie wird in einem Gemüthszustande sein, die Gerechtigkeit der Republik in Zweifel zu ziehen. Sie wird voller Sympathien für ihre Familie sein. Ich werde zu ihr gehen.“
„Welch bewundernswerthes Weib, welch anbetungswürdiges Weib!“ rief Jaques Drei entzückt aus. „Ach Herz meines Herzens!“ rief der Racheengel und umarmte sie.
„Nimm Du mein Strickzeug,“ sagte Madame Defarge und legte es in die Hände ihrer Adjutantin, „und halte es für mich bereit auf meinem gewöhnlichen Platze. Sorge für meinen gewöhnlichen Stuhl. Geh geraden Weges hin, denn es wird wahrscheinlich heute größerer Zulauf sein, als gewöhnlich.“
„Ich führe mit Freuden die Befehle meiner Vorgesetzten aus,“ erwiederte der Racheengel und küßte sie auf die Wange. „Du wirst nicht zu spät kommen?“
„Ich werde vor dem Anfange dort sein.“
„Und ehe die Wagen ankommen. Sorge ja dafür, mein Herz, daß Du da bist ehe die Wagen ankommen!“ rief ihr der Racheengel nach; denn sie war schon auf der Straße draußen.
Madame Defarge winkte mit der Hand zum Zeichen, daß sie verstanden hatte und sicher zur rechten Zeit da sein werde, und ging dann die schmutzige Straße entlang und um die Ecke der Gefängnißmauer. Der Racheengel und der Geschworene sahen ihr nach, voll von stillem Lobe ihrer schönen Gestalt und ihrer ausgezeichneten sittlichen Eigenschaften.
Es gab damals viele Frauen, auf welche die Zeit ihre entsetzlich entstellende Hand legte; aber es war vor allen keine mehr zu fürchten, als diese erbarmungslose Frau, welche jetzt durch die Straßen ging. Von starkem und furchtlosem Charakter, scharfem und raschem Verstande, großer Entschlossenheit, ausgestattet mit jener Schönheit, die nicht nur ihrer Besitzerin Festigkeit und Unversöhnlichkeit einzuflößen schien, sondern auch andere zu einer instinktmäßigen Anerkennung dieser Eigenschaften brachte, war sie ein Charakter, wie er in dieser wilden Zeit unter allen Verhältnissen zur Geltung kommen mußte. Aber von Kindheit an über dem bitteren Gefühl erlittenen Unrechts brütend und erfüllt von unversöhnlichem Haß gegen Eine Klasse, war sie durch die Gelegenheit der Zeit zu einer Tigerin geworden. Sie war ohne alles Mitleid. Wenn sie jemals diese Tugend besessen hatte, so war sie ganz aus ihr verschwunden.
Es war ihr Nichts, daß ein Unschuldiger für die Sünden seiner Väter sterben sollte; sie sah nicht ihn, sondern sie. Es war ihr Nichts, daß seine Gattin eine Wittwe und seine Tochter eine Waise wurde; das war unzureichende Strafe, weil sie ihre natürlichen Feinde und ihre Beute waren und als solche kein Recht hatten zu leben. Ganz hoffnungslos war es, sie zu erweichen, weil sie kein Mitleid kannte, nicht einmal mit sich selbst. Wenn sie in einem der vielen Tumulte, an denen sie betheiligt gewesen, auf der Straße erschlagen worden wäre, so hätte sie sich gewiß nicht bemitleidet; ja, wenn man sie morgen zur Guillotine verurtheilt hätte, so wäre sie mit keinem sanfteren Gefühle zum Tode gegangen, als einem grausamen Wunsche mit dem, der sie in den Tod schickte, den Platz zu tauschen.
Ein solches Herz trug Madame Defarge unter ihrem groben Kleide. So sorglos es angelegt war, stand ihr das Kleid doch in einer gewissen unheimlichen Weise und ihr dunkles Haar sah schön aus unter der groben, rothen Mütze. In ihrem Busen versteckt war ein geladenes Pistol. In ihrem Gürtel versteckt befand sich ein scharfes Messer. So angethan und mit der Zuversicht eines solchen Charakters und der geschmeidigen Sicherheit einer Frau einherschreitend, die in ihrer Kindheit gewohnt gewesen, barfuß und barbeinig über den feuchten Meeresstrand zu gehen, suchte Madame Defarge ihren Weg durch die Straßen.
Als man vorige Nacht den Plan der Abreise der Kutsche ausgesonnen, die in diesem Augenblicke gerade die Vervollständigung ihrer Ladung erwartete, hatte die Schwierigkeit, Miß Proß mit darin aufzunehmen, Mr. Lorry viel Kopfzerbrechen verursacht. Es war nicht blos wünschenswerth, die Kutsche nicht so schwer zu belasten, sondern auch von der höchsten Wichtigkeit, die von dem Durchsuchen und dem Verhör der Reisenden beanspruchte Zeit bis auf das Aeußerste zu beschränken, da ihre Rettung von der Ersparniß weniger Sekunden an diesem und jenem Orte abhängen konnte. Zuletzt schlug er, nach sorgfältiger Erwägung, vor, daß Miß Proß und Jerry, welche die Stadt zu allen Zeiten verlassen konnten, um drei Uhr in dem leichtesten der damals üblichen Fuhrwerke abreisen sollten. Nicht belästigt mit Gepäck, konnten sie die Kutsche bald einholen, dann vorausfahren und auf den Stationen im Voraus Pferde bestellen. So waren sie im Stande die Reise während der kostbaren Nachtstunden, wo Verzug am Gefährlichsten war, erheblich zu beschleunigen.
Da Miß Proß in dieser Anordnung die Hoffnung sah, in dieser drängenden Noth wirkliche Dienste zu leisten, begrüßte sie dieselbe mit Freuden. Sie und Jerry hatten die Kutsche abfahren sehen, hatten gewußt wer es war, den Salomo brachte, hatten zehn Minuten in allen Qualen der Spannung verlebt, und beendigten nun ihre Vorbereitungen um der Kutsche zu folgen, während Madame Defarge, immer noch durch die Straßen wandelnd, der im übrigen verlassenen Wohnung, wo sie jetzt zu Rathe gingen, immer näher kam.
„Nun, was meinen Sie, Mr. Cruncher,“ fragte Miß Proß, deren Aufregung so arg war, daß sie kaum sprechen oder stehen konnte, „was meinen Sie dazu, wenn wir nicht von hier abfahren? Daß heute hier schon ein anderer Wagen weggefahren ist, könnte Verdacht erwecken.“
„Meine Meinung, Miß, ist, daß Sie Recht haben,“ antwortete Mr. Cruncher. „Und auch, daß ich zu ihnen halten will, im Recht oder im Unrecht.“
„Furcht und Hoffnung für unsere liebe Herrschaft lassen mich so wenig zum Bewußtsein kommen,“ fuhr Miß Proß mit hellen Thränen fort, „daß ich außer Stande bin einen Plan zu fassen. Können Sie einen Plan fassen, mein guter Mr. Cruncher?“
„Was meine zukünftige Lebensweise betrifft, Miß,“ entgegnete Mr. Cruncher, „so hoffe ich es. Was den gegenwärtigen Gebrauch dieses meines alten Kopfes betrifft, so glaube ich nicht. Wollen Sie mir den Gefallen thun, Miß, sich zwei Versprechen und Gelübde zu merken, die ich in dieser jetzigen Krisis machen möchte?“
„Ach, um des Himmels Willen,“ rief Miß Proß immer noch laut weinend, „nur gleich heraus mit der Sprache, damit wir mit ihnen fertig werden.“
„Erstlich,“ sagte Mr. Cruncher, der am ganzen Leibe zitterte und mit leichenblassem und feierlichem Gesicht sprach, „wenn unsere arme, gute Herrschaft glücklich heraus ist, will ich es nie wieder thun, nie, nie wieder thun!“
„Ich bin fest überzeugt, Mr. Cruncher,“ entgegnete Miß Proß, „daß Sie es nie wieder thun werden, was es auch sein mag, und ich bitte Sie, es nicht für nothwendig zu halten näher darauf einzugehen, was es ist.“
„Nein, Miß,“ gab Jerry zurück, „Sie sollen weiter Nichts davon hören. Zweitens, wenn meine gute arme Herrschaft glücklich herausgekommen ist, so will ich gar nie mehr Etwas gegen Mrs. Crunchers Rutschen sagen, nie, nie wieder!“
„Was das immer für eine Wirthschaftseinrichtung sein mag,“ sagte Miß Proß, indem sie versuchte sich zu fassen, „so bezweifle ich nicht, daß es das Beste ist, Sie überlassen es ganz und gar Mrs. Crunchers eignem Belieben -- ach meine gute Herrschaft!“
„Ich gehe soweit zu sagen,“ fuhr Mr. Cruncher mit einer beunruhigenden Neigung, wie von einer Kanzel herunter zu predigen, fort -- „und merken Sie sich meine Worte und überbringen Sie dieselben der Mrs. Cruncher -- ich gehe sogar soweit, zu sagen, daß meine Meinung von dem Rutschen sich verändert hat, und daß ich nur von ganzem Herzen hoffe, Mrs. Cruncher rutschte zur gegenwärtigen Zeit.“
„Gewiß, gewiß! ich hoffe sie thut es, mein Guter,“ rief Miß Proß ganz außer sich, „und ich hoffe, es entspricht allen ihren Erwartungen.“
„Verhüte der Himmel“ fuhr Mr. Cruncher mit vermehrter Feierlichkeit und Langsamkeit und verstärkter Neigung zu predigen fort, „verhüte der Himmel, daß Etwas, was ich jemals gesagt oder gethan habe, den angelegentlichen Wünschen entgolten wird, die ich jetzt für meine gute Herrschaft habe! Verhüte es der Himmel, wenn wir auch nicht alle rutschen, um sie aus dieser schrecklichen Gefahr zu retten! Verhüte es der Himmel, Miß! Verhüte es der Himmel!“ Das war Mr. Crunchers Schluß, nachdem er sich vergeblich einige Zeit besonnen hatte, einen bessern zu finden.
Und immer noch kam Madame Defarge, ihr Ziel durch die Straßen verfolgend, näher und näher.