Zwei Städte

Part 34

Chapter 343,875 wordsPublic domain

„Heben Sie es bis Morgen für mich auf. Ich sehe ihn morgen, wie Sie wissen und es ist besser ich nehme es nicht mit in’s Gefängniß.“

„Warum nicht?“

„Ich weiß nicht; es ist mir lieber so. Jetzt nehmen Sie dies Papier, das _Dr._ Manette in seiner Tasche trug. Es ist ein ähnliches Certificat, welches ihn und seine Tochter und ihr Kind in den Stand setzt zu jeder Zeit zum Thor hinaus und über die Grenze zu kommen. Nicht wahr?“

„Ja!“

„Vielleicht hat er es sich gestern als letzte und äußerste Vorsichtsmaßregel verschafft. Von welchem Tage ist es datirt? aber das thut nichts zur Sache; sehen Sie nicht erst nach; legen Sie es sorgfältig zu meinem und zu Ihrem Paß. Jetzt merken Sie wohl auf! Erst in den letzten paar Stunden wurde ich ungewiß, ob er einen solchen Erlaubnißschein hätte oder haben könnte. Er ist gut bis er zurückgenommen wird. Aber er kann zurückgenommen werden und ich habe Grund zu glauben, daß Dies sehr bald geschehen wird.“

„Sie sind nicht in Gefahr?“

„Sie sind in großer Gefahr. Sie sind in Gefahr einer Anklage von Madame Defarge. Ich weiß es von ihren eigenen Lippen. Ich habe heute Abend von dieser Frau Aeußerungen belauscht, welche mir ihre Gefahr als sehr nahe und bedrohlich darstellten. Ich habe keine Zeit verloren und seitdem mit dem Spion gesprochen. Er bestätigt meine Befürchtung. Er weiß, daß ein Holzhacker, der nicht weit von dem Gefängniß wohnt, mit den Defarges in Verbindung steht und von Madame Defarge verhört worden ist und ihr gesagt hat, daß er gesehen hätte, wie ~sie~“ -- er nannte nie Luciens Namen -- „mit Gefangenen Zeichen und Signale gewechselt hat. Es ist leicht vorauszusehen, daß der Vorwand der gewöhnliche sein wird, eine Gefängnißverschwörung, und daß ihr Leben auf dem Spiele steht -- und vielleicht das ihres Kindes -- und vielleicht das ihres Vaters -- denn man hat beide mit ihr an jenem Orte gesehen. Machen Sie kein so entsetztes Gesicht. Sie können sie noch Alle retten.“

„Der Himmel gebe es, Carton! aber wie?“

„Das will ich Ihnen gleich sagen. Es kommt ganz auf Sie an und es kann auf keinen bessern Mann ankommen. Diese neue Anklage wird jedenfalls erst nach dem morgenden Tage eingereicht werden; wahrscheinlich erst zwei oder drei Tage später; noch wahrscheinlicher eine Woche später. Sie wissen, es ist ein todteswürdiges Verbrechen ein Opfer der Guillotine zu betrauern. Sie und ihr Vater würden unzweifelhaft sich dieses Verbrechens schuldig machen, und diese Frau (deren Unversöhnlichkeit und Ausdauer im Haß ich gar nicht beschreiben kann) würde warten, um damit noch ihre Sache zu verstärken und den Erfolg doppelt sicher zu machen. Sie folgen mir?“

„So aufmerksam und mit so viel Vertrauen auf Das, was Sie sagen, daß ich für den Augenblick selbst dieses Unglück vergesse,“ erwiederte er, auf den Doctor deutend.

„Sie haben Geld, und können für die schnellsten Mittel, die Küste zu erreichen, sorgen. Ihre Vorbereitungen, nach England zurückzukehren, sind schon seit einigen Tagen vollendet. Morgen beizeiten halten Sie Ihre Pferde bereit, daß sie um 2 Uhr Nachmittags reisefertig dastehen.“

„Es soll geschehen!“

Es lag Etwas so inbrünstiges und Muth einflößendes in seinem Tone, daß die Stimmung auf Mr. Lorry überging und er so rasch war wie ein Jüngling.

„Sie sind ein Mann von edlem Herzen. Sagte ich nicht, daß wir uns auf keinen bessern verlassen könnten? Theilen Sie ihr noch heute Abend mit, was Sie von der Gefahr wissen, die sie und ihr Kind und ihren Vater bedroht. Heben Sie letzteres besonders hervor; denn sie würde ihr schönes Haupt gern und willig neben dem ihres Gatten unter das Beil legen.“ Seine Stimme zitterte einen Augenblick; dann fuhr er ruhiger fort. „Um ihres Kindes und ihres Vaters willen prägen Sie ihr die Nothwendigkeit ein, mit diesen Beiden und mit Ihnen zu dieser Stunde Paris zu verlassen. Sagen Sie ihr, es sei ihres Gatten letzte Anordnung gewesen. Sagen Sie ihr, daß mehr darauf ankommt, als sie zu glauben oder zu hoffen wagen darf. Sie glauben, daß ihr Vater, selbst in diesem traurigen Zustande, sich ihr fügen wird; meinen Sie nicht?“

„Ich bin dessen überzeugt.“

„Ich dachte mir es. Treffen Sie in aller Stille und Vollständigkeit alle diese Vorbereitungen hier im Hofe so, daß Sie sogar alle schon im Wagen sitzen. Sowie ich komme, nehmen Sie mich auf und fahren fort.“

„Ich warte also unter allen Umständen auf Sie?“

„Sie haben mein Certificat mit den übrigen, wie Sie wissen und heben mir meinen Platz auf. Warten Sie blos darauf, daß mein Platz besetzt ist und dann nach England!“

„Nun, dann hängt doch nicht alles von einem alten Manne ab, sondern ich werde einen jungen und eifrigen Mann neben mir haben,“ sprach Mr. Lorry und drückte seine eifrige, aber doch so ruhige und feste Hand.

„Mit Gottes Hülfe, ja! Versprechen Sie mir auf das Feierlichste, daß Sie sich durch nichts bestimmen lassen einen andern Weg einzuschlagen, als wir uns jetzt versprochen haben zu wählen.“

„Durch nichts, Carton.“

„Erinnern Sie sich morgen an die Worte: die geringste Abweichung von dem verabredeten Plane, oder der geringste Verzug -- aus welchem Grunde es immer sei -- kann verursachen, daß nicht ~ein~ Leben gerettet werden kann und viele Leben unvermeidlich geopfert werden müssen.“

„Ich werde ihrer gedenken. Ich hoffe meinen Theil getreulich auszuführen.“

„Und ich hoffe dasselbe zu thun. Nun leben Sie wohl!“

Obgleich er Dies mit einem ernsten Lächeln sagte und sogar die Hand des Alten an seine Lippen drückte, schied er doch noch nicht von ihm. Er half ihm die sich immer noch vor dem verlöschenden Feuer wiegende Gestalt soweit zu wecken, daß man ihr einen Mantel umthuen und einen Hut aufsetzen und sie zum Fortgehen bewegen konnte, um die Bank und die Arbeit zu suchen, nach der sie so kläglich verlangte. Er ging auf die andere Seite der Gestalt und geleitete sie bis in den Hof des Hauses, wo das betrübte Herz -- so glücklich in jener denkwürdigen Zeit, wo er ihm sein eigenes verödetes Herz enthüllt hatte -- die schreckliche Nacht durchwachte. Er blieb noch allein ein paar Augenblicke in dem Hofe stehen und blickte hinauf zu dem lichterhellten Fenster ihres Zimmers. Ehe er fortging, sendete er noch ein segnendes Wort hinauf und ein Lebewohl.

Dreizehntes Kapitel.

Zweiundfünfzig.

In dem schwarzen Gefängniß der Conciergerie erwarteten die Verurtheilten des Tages ihr Schicksal. Es waren so viele, wie es Wochen im Jahre giebt. Zweiundfünfzig sollten an diesem Nachmittag den Lebensstrom der Stadt hinunter in die grenzenlose, ewige See schwimmen. Ehe sie ihre Zellen verlassen hatten, waren schon neue Bewohner derselben bezeichnet; ehe ihr Blut sich mit dem gestern vergossenen Blute vermischt hatte, war das Blut, das morgen sich mit den ihrigen vermischen sollte, bereits ausgesucht.

Zweiundfünfzig waren abgezählt. Von dem Generalpächter von siebenzig Jahren, dessen Reichthümer sein Leben nicht erkaufen konnten, bis zur Nähterin von zwanzig, deren Armuth und Unbedeutendheit sie nicht zu retten im Stande war. Physische Krankheiten, durch menschliche Laster und Versäumnisse erzeugt, suchen sich Opfer jeden Standes aus; und die schreckliche moralische Seuche, geboren von unsagbaren Leiden, unerträglichem Druck und herzloser Gleichgültigkeit, traf ebenfalls ohne Unterschied.

Charles Darnay, allein in seiner Zelle, hatte sich mit keiner schmeichelnden Selbsttäuschung getröstet, seitdem er aus der Gerichtssitzung zurück war. In jeder Zeile der vorgelesenen Erzählung hatte er sein Todesurtheil gehört. Er hatte vollständig begriffen, daß ihn kein persönlicher Einfluß retten, daß er in Wirklichkeit von Millionen verurtheilt war und daß Einzelne nichts für ihn thun könnten.

Dennoch war es nicht leicht, mit dem Gesicht seiner geliebten Gattin noch frisch vor ihm, sich gefaßten Sinnes auf Das vorzubereiten, was seiner wartete. Das Band, das ihn mit dem Leben verknüpfte, war stark und es war sehr, sehr schwer zu lösen; allmälich und nach langen Bemühungen hier ein wenig gelockert, schloß es sich dort um so fester; und wenn er seine ganze Kraft gegen die eine Hand wendete und diese nachgab, schloß sich die andere wieder. Es herrschte auch ein wildes Treiben in allen seinen Gedanken, ein stürmisches und erhitztes Bewegen in seinem Herzen, das Resignation nicht dulden wollte. Wenn er sich für einen Augenblick resignirt fühlte, schienen seine Gattin und sein Kind, die ihn überleben sollten, dagegen Protest zu erheben und die Entsagung zu einem selbstischen Gefühl zu machen.

Aber dies Alles war blos ein Anfang. Es dauerte nicht lange, so stellte sich die Erwägung ein, daß keine Schande in dem Schicksal sei, dem er entgegen ging, daß jeden Tag Viele denselben Weg, ungerecht verurtheilt, wandelten und ihn mit festem Schritte gingen. Zunächst kam der Gedanke, daß es von höchster Wichtigkeit für den zukünftigen Seelenfrieden der Theueren, die er auf der Erde zurückließ, sei, ruhige Fassung zu zeigen. So wurde allmälich sein Gemüth ruhiger und gerieth in eine Stimmung, wo seine Gedanken sich viel höher erhoben und er Trost von Oben holen konnte.

Bevor es am Abend seiner Verurtheilung dunkel geworden, war er so weit auf seinem letzten Wege gekommen. Man hatte ihm gestattet, Schreibmaterialien und ein Licht zu kaufen, und er setzte sich hin um zu schreiben bis zu dem Zeitpunkt, wo das Licht in den Gefängnissen ausgelöscht werden mußte.

Er schrieb einen langen Brief an Lucien, in welchem er ihr erzählte, daß er von ihres Vaters Haft nichts gewußt, bis er davon durch sie gehört, und daß es ihm ebenso wenig wie ihr selbst bekannt gewesen, daß sein Vater und sein Oheim Schuld an diesem Unglück gewesen, bis das Papier verlesen worden. Er hatte ihr bereits auseinandergesetzt, daß es ihr Vater -- warum, sei jetzt wohl einzusehen -- zur einzigen Bedingung bei ihrer Verlobung gemacht und es sich an ihrem Hochzeitsmorgen noch besonders habe versprechen lassen, ihr den Namen zu verheimlichen, den er aufgegeben hatte. Um ihres Vaters willen bat er sie, niemals nachzuforschen, ob ihr Vater das Vorhandensein des Papieres vergessen, oder ob er daran erinnert worden durch die Geschichte aus dem Tower, an jenem längst vergessenen Sonntage unter dem lieben Platanenbaume im Garten. Wenn er eine bestimmte Erinnerung an dasselbe gehabt, so sei er jedenfalls überzeugt gewesen, daß es mit der Bastille verbrannt sei, als er es unter den Reliquien von Gefangenen, welche die Stürmenden dort gefunden und welche in allen Zeitungen beschrieben worden, nicht erwähnt gefunden hatte. Er bat sie -- obgleich er hinzusetzte, daß er recht wohl wisse wie überflüssig das sei -- ihren Vater damit zu trösten, daß sie ihm bei jeder Gelegenheit in der schonendsten Weise die Wahrheit einpräge, daß er nichts gethan habe, weßwegen er sich begründete Vorwürfe zu machen habe, sondern stets um ihrer beider willen in Selbstvergessenheit voran gegangen sei. Nachdem er sie noch einmal gebeten, sich seiner letzten dankbaren Liebe und seines Segens ewig zu erinnern und ihren Schmerz zu überwinden, um für ihr geliebtes Kind zu sorgen, beschwor er sie nächst diesem, ihren Vater zu trösten.

An diesen schrieb er in derselben Weise; aber er sagte ihm noch, daß er ausdrücklich seine Gattin und sein Kind seiner Obhut übergebe. Und er sagte ihm Dies sehr eindringlich in der Hoffnung, ihn dadurch vor Niedergeschlagenheit oder einem gefährlichen Rückfall in den alten Zustand, der nur zu sehr zu befürchten war, zu bewahren.

Mr. Lorry legte er alle seine Lieben an’s Herz und setzte seine irdischen Angelegenheiten auseinander. Nachdem dies mit vielen Aeußerungen dankbarer Freundschaft und warmer Zuneigung geschehen, war Alles fertig. An Carton dachte er nicht ein einziges Mal. So voll war seine Seele von den Anderen.

Er hatte Zeit diese Briefe zu beenden, bis die Lichter ausgelöscht wurden. Als er sich auf sein Strohbett streckte, glaube er mit dieser Welt abgeschlossen zu haben.

Aber sie winkte ihn zurück in seinem Schlummer und zeigte sich ihm in leuchtenden Gestalten. Frei und glücklich, wieder in dem alten Hause in Soho (obgleich es ganz anders aussah als das wirkliche Haus), in unerklärlicher Weise befreit und der Sorgen entledigt, war er wieder mit Lucien vereint und sie sagte ihm, daß alles ein Traum und er nie fortgewesen sei. Eine Pause des Vergessens und dann hatte er geduldet und dann war er wieder bei ihr, todt und in Frieden und doch war kein Unterschied in ihnen. Noch eine Pause der Vergessenheit und er wachte in düsterer Morgenstunde auf, ohne zu wissen wo er war und was geschehen, bis es ihm wie ein Blitz durch den Kopf fuhr, dies ist mein Sterbetag!

So war er durch die Stunden zu dem Tage gekommen, wo die zweiundfünfzig Köpfe fallen sollten. Und jetzt, wo er gefaßt war und hoffte, seinem Ende mit ruhigem Heldenmuthe entgegen gehen zu können, nahmen seine wachenden Gedanken eine neue Richtung an, die sehr schwer zu bewältigen war.

Er hatte nie das Instrument gesehen, das ihm das Leben nehmen sollte. Wie hoch es über dem Boden war, wie viele Stufen es hatte, wo man ihn hinstellen und wie man ihn anfassen würde, ob die Hände, die ihn anfaßten, roth gefärbt sein würden, nach welcher Seite man ihm das Gesicht wenden, ob er vielleicht der Erste oder Letzte sein würde: diese und viele ähnliche Fragen, von seinem Willen ganz und gar unabhängig, drängten sich ihm unzählige Male auf. Mit Furcht hatten sie nichts zu thun: er war sich keiner Furcht bewußt. Sie rührten eher von einem merkwürdigen, sich immer wieder aufdringenden Wunsche her, zu wissen was zu thun sei, wenn die Zeit kam; ein Wunsch, der in riesenmäßigem Mißverhältniß zu den wenigen kurzen Augenblicken stand, auf die es sich bezog; ein verwundertes Fragen, welches mehr dem Regen eines anderen Geistes in dem seinigen, als ihm selbst angehörte.

Die Stunden vergingen, wie er auf- und abging, und die Thurmglocken schlugen die Stunden, die ihm nie wieder schlagen sollten. Neun Uhr war vorbei für immer, Zehn vorbei für immer, Elf vorbei für immer, Zwölf sollte zum letzten Male schlagen. Nach einem harten Kampfe mit der excentrischen Stimmung, die ihm zuletzt zu schaffen gemacht, hatte er sie überwunden.

Er ging auf und ab und wiederholte sich halblaut ihre Namen. Der schwerste Kampf war vorüber. Er konnte auf- und abgehen, frei von störenden Gedanken und für sich und für sie beten.

Zwölf für immer vorüber.

Man hatte ihm gesagt, die letzte Stunde werde Drei sein und er wußte, daß man ihn etwas früher abholen würde, da die Wagen schwer und langsam durch die Straßen rumpelten. Deßhalb beschloß er an Zwei als an die Stunde zu denken, und sich in der Zwischenzeit so zu stärken, daß er hernach im Stande sei andere zu stärken.

Regelmäßig, mit über der Brust gekreuzten Armen auf- und abgehend, ein ganz anderer Mann wie der Gefangene der in La Force auf- und abgegangen war, hörte er ohne Ueberraschung, wie es Eins von ihm weg schlug. Die Stunde war so lang gewesen, wie die meisten anderen Stunden. Dem Himmel fromm dankbar für seine wiedergewonnene Fassung, dachte er: nur noch ~eine~ Stunde, und wendete sich, um wieder auf- und abzugehen.

Draußen vor der Thür, in dem gemauerten Gange, hörte man Schritte. Er blieb stehen.

Der Schlüssel klirrte im Schloß und wurde umgedreht. Ehe die Thür aufging, oder wie sie aufging, sagte ein Mann mit gedämpfter Stimme auf Englisch: „er hat mich hier nie gesehen; ich bin ihm aus dem Wege gegangen. Gehen Sie allein hinein; ich warte hier. Verlieren Sie keine Zeit!“

Die Thür wurde rasch geöffnet und wieder zugemacht und vor ihm stand, ruhig, gefaßt, mit einem Lächeln auf dem Gesicht und den Finger warnend auf den Lippen, Sydney Carton.

Es lag etwas so helles, so strahlendes und merkwürdiges in dem Ausdrucke seines Gesichts, daß der Gefangene für den ersten Augenblick ungewiß war, ob die Erscheinung nicht ein Geschöpf seiner Phantasie sei. Aber er sprach und es war seine Stimme; er ergriff die Hand des Gefangenen und es war der Druck einer wirklichen Hand.

„Von allen Menschen auf der Welt hätten Sie mich am wenigsten zu sehen erwartet?“ sagte er.

„Ich konnte nicht glauben, daß Sie es wären. Ich kann es jetzt kaum glauben. Sie sind nicht verhaftet?“ Diese Befürchtung kam ihm plötzlich in den Sinn.

„Nein. Ich besitze zufällig eine Macht über einen der Schließer hier und durch Anwendung derselben stehe ich vor Ihnen. Ich komme von ihr -- von Ihrer Gattin, lieber Darnay.“

Der Gefangene drückte ihm feurig die Hand.

„Ich überbringe eine Bitte von ihr.“

„Welche?“

„Eine höchst ernste, dringende und nachdrückliche Bitte, an Sie gerichtet in dem rührendsten Tone der Ihnen so theueren Stimme, deren Sie sich so gut erinnern.“

Der Gefangene wendete sein Gesicht halb weg.

„Sie haben keine Zeit zu fragen, warum ich sie bringe und was sie zu bedeuten hat; ich habe keine Zeit es Ihnen zu sagen. Sie müssen sie erfüllen -- ziehen Sie Ihre Stiefeln aus und ziehen Sie dafür meine an.“

Es stand ein Stuhl an der Wand der Zelle hinter dem Gefangenen. Mit Blitzesschnelle hatte Carton ihn hineingedrückt und stand vor ihm in Strümpfen.

„Ziehen Sie meine Stiefeln an, rasch, rasch!“

„Carton, es ist kein Entfliehen hier möglich; es ist nicht durchzuführen. Sie werden nur mit mir sterben. Es ist Wahnwitz.“

„Es wäre Wahnwitz, wenn ich Sie aufforderte zu entfliehen; aber thue ich Das? Wenn ich Sie auffordere zu dieser Thür hinauszugehen, so sagen Sie mir es ist Wahnwitz und bleiben Sie. Tauschen Sie mit mir die Halsbinde und den Rock. Unterdessen gestatten Sie mir dies Band von Ihren Haaren loszubinden und Ihre Haare auseinander zu schütteln wie diese!“

Mit wunderbarer Raschheit und mit einer Kraft des Willens und der That, die wunderbar erschien, zwang er ihm alle diese Veränderungen auf. Der Gefangene war in seinen Händen wie ein kleines Kind.

„Carton! lieber Carton! es ist Wahnwitz. Es ist nicht durchzuführen, es kann nicht geschehen; es ist versucht worden und immer fehl geschlagen. Ich bitte Sie durch Ihren Tod nicht die Bitterkeit des meinigen zu vermehren.“

„Fordere ich Sie auf, lieber Darnay, zur Thür hinaus zu gehen? so wie ich Das thue, sagen Sie Nein. Hier ist Feder und Tinte und Papier auf dem Tische. Ist Ihre Hand ruhig genug zum Schreiben?“

„Sie war es als Sie eintraten.“

„So schreiben Sie, was ich Ihnen vorsage. Rasch, Freund, rasch!“

Darnay drückte die Hand vor seine brennende Stirn und setzte sich an den Tisch. Carton, die rechte Hand in der Brust, stand dicht neben ihm.

„Schreiben Sie genau, was ich Ihnen vorsage.“

„An wen adressire ich es?“

„An Niemanden.“

Carton hatte immer noch die Hand in der Brust.

„Datire ich es?“

„Nein.“

Der Gefangene blickte bei jeder Frage auf. Carton, mit der Hand in der Brust neben ihm stehend, sah auf ihn herab.

„„Wenn Sie sich““ diktirte Carton, „„der Worte erinnern, welche wir vor langer Zeit mit einander gesprochen haben, so werden Sie dies leicht begreifen, wenn Sie es sehen. Ich weiß Sie erinnern sich derselben. Es liegt nicht in Ihrer Art zu vergessen.““

Er zog die Hand aus der Brust, aber gerade jetzt blickte der Gefangene in seiner wirren Verwunderung auf und die Hand blieb, Etwas gefaßt haltend, stecken.

„Sie haben geschrieben „„zu vergessen?““ sagte Carton.

„Ja. Ist das eine Waffe in Ihrer Hand?“

„Nein, ich bin nicht bewaffnet.“

„Was haben Sie in der Hand?“

„Sie sollen es gleich wissen. Schreiben Sie weiter; es sind nur noch wenige Worte. Er diktirte wieder. „„Ich danke Gott, daß die Zeit gekommen ist, wo ich sie beweisen kann. Daß ich es thue verursacht mir weder Schmerz, noch Reue.““ Wie er diese Worte, die Augen auf den Schreibenden geheftet, sprach, brachte er die Hand langsam und vorsichtig bis dicht an das Gesicht des Schreibenden.

Die Feder fiel Darnay aus der Hand und er blickte verstört um sich.

„Was ist das für ein Dunst?“ fragte er.

„Dunst?“

„Etwas, das an mir vorbeigeschwebt ist?“

„Ich habe Nichts bemerkt; es kann hier nicht sein. Nehmen Sie die Feder wieder und schreiben Sie. Rasch, rasch!“

Als ob sein Gedächtniß geschwächt, oder sein Geist gestört wäre, machte der Gefangene eine Anstrengung seine Aufmerksamkeit zu sammeln. Wie er Carton mit bewölkten Augen und kürzeren Athemzügen ansah, blickte ihn dieser -- die Hand wieder in der Brust -- fest in’s Gesicht.

„Rasch, rasch!“

Der Gefangene beugte sich noch einmal über das Papier.

„„Wenn es anders gewesen wäre““; Cartons Hand bewegte sich von neuem vorsichtig und langsam niederwärts; „„so hätte ich nie die längere Gelegenheit benutzt. Wenn es anders gewesen wäre““; die Hand war vor dem Gesichte des Gefangenen, „„so hätte ich nur um so mehr zu verantworten. Wenn es anders gewesen wäre““ -- Carton sah nach der Feder und bemerkte, daß sie nur noch unlesbare Zeichen auf das Papier machte.

Er bewegte die Hand nicht wieder nach der Brust. Der Gefangene sprang mit vorwurfsvollen Blick auf, aber Cartons Hand lag dicht und fest auf seinen Nasenlöchern und sein linker Arm hatte ihn um die Hüfte gefaßt. Einige kurze Augenblicke versuchte er schwach sich des Mannes zu erwehren, der gekommen war um sein Leben für ihn hinzugeben; aber nach vielleicht einer Minute lag er bewußtlos auf dem Boden.

Rasch, und ohne zu zögern zog Carton die Kleider des Gefangenen an, kämmte sein Haar zurück und band es mit dem Bande, das der Gefangene getragen hatte. Dann rief er leise: „Dort draußen, herein! herein!“ und der Spion erschien.

„Seht Ihr ihn?“ sagte Carton aufblickend, wie er auf einem Knie neben dem Bewußtlosen kniete und ihm das Papier in die Brust schob; „ist Eure Gefahr sehr groß?“

„Mr. Carton,“ gab der Spion, furchtsam mit dem Finger schnippend, zur Antwort, „das ist in dem Geschäftsdrange hier die Gefahr für mich nicht, wenn Sie Ihren ganzen Plan getreulich ausführen.“

„Macht Euch keine Sorge um mich. Ich halte treu aus, bis zum Tode.“

„Das müssen Sie auch, Mr. Carton, wenn die Zahl 52 richtig sein soll. Wenn Sie sie in diesem Anzuge vollzählig machen, habe ich keine Furcht.“

„Fürchtet Nichts! ich werde bald außer Stande sein Euch zu schaden und die übrigen werden, will’s Gott, bald weit weg von hier sein. Jetzt ruft Leute und bringt mich nach dem Wagen.“

„Sie?“ sagte der Spion voller Unruhe.

„Ihn, mit dem ich getauscht habe. Ihr geht zu demselben Thore hinaus, zu dem wir hereingekommen sind?“

„Natürlich.“

„Ich war schwach und angegriffen, als ich kam und bin jetzt, wo ihr mich fortbringt, noch angegriffener. Der Abschied hat mich überwältigt. So Etwas ist hier oft, nur zu oft geschehen. Rasch, ruft Leute!“

„Ihr schwört, mich nicht zu verrathen?“ sagte der zitternde Spion, als er noch einmal stehen blieb.

„Mensch, Mensch!“ entgegnete Carton und stampfte mit dem Fuße; „habe ich noch nicht feierliche Eide genug geschworen dies durchzuführen, daß Ihr jetzt die kostbaren Augenblicke verschwendet? Bringt ihn selbst nach dem Hofe, den Ihr kennt, schafft ihn selbst in den Wagen, zeigt ihn selbst Mr. Lorry; sagt ihm selbst, ihm kein anderes Wiederbelebungsmittel, als frische Luft zukommen zu lassen und meiner Worte und seines Versprechens von gestern Abend zu gedenken und von dannen zu fahren!“

Der Spion entfernte sich und Carton setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hände. Der Spion kehrte gleich darauf mit zwei Männern zurück.

„Ah, ah, ah!“ sagte einer derselben, als er den auf den Boden Gesunkenen sah. „So betrübt zu erfahren, daß sein Freund einen Gewinn in der Lotterie der heiligen Guillotine gezogen hat?“

„Ein guter Patriot,“ sagte der andere, „könnte kaum betrübter sein, wenn der Aristokrat eine Niete gezogen hätte.“

Sie hoben den Bewußtlosen auf, legten ihn auf eine Tragbahre, die sie vor der Thür stehen hatten und bückten sich um ihn fortzutragen.

„Die Zeit ist kurz, Evrémonde“, sagte der Spion in warnendem Tone.

„Ich weiß es,“ gab Carton zur Antwort. „Tragt Sorge für meinen Freund, bitte ich Euch nochmals, und verlaßt mich.“

„So kommt,“ sagte Barsad zu dem anderen. „Tragt ihn hinunter!“