Zwei Städte

Part 33

Chapter 333,859 wordsPublic domain

Und um so schlimmer war es für den Angeklagten, daß der Ankläger ein wohlbekannter Bürger, sein eigener vertrauter Freund, der Vater seiner Gattin war. Eine der wahnwitzigen Begierden der Volksmasse galt Nachahmungen der zweifelhaften öffentlichen Tugenden des Alterthums und Opfern des eignen Ich’s auf dem Altar des Volks. Als daher der Vorsitzende sagte (sonst hätte sein eigener Kopf auf seiner Schulter gewackelt), daß der gute Arzt der Republik sich durch Ausrottung einer verhaßten Aristokratenfamilie noch verdienter um die Republik mache, und daß er jedenfalls ein wonniges Gefühl heiliger Freude empfinden würde, indem er seine Tochter zur Wittwe und ihr Kind zu einer Waise machte, da herrschte wilde Aufregung, patriotische Inbrunst im Saale, keine Spur menschlichen Mitgefühls.

„Viel Einfluß hat der Doctor hier, nicht wahr?“ sagte Madame Defarge halblaut vor sich hin und lächelte den Racheengel an. „Rettet ihn nur, Doctor, rettet ihn!“

Bei jeder Abstimmung eines Geschworenen brauste es wie wildes Meerestosen durch den Saal. Noch eine Stimme und noch eine Stimme. Immer lauteres Tosen.

Einstimmig verurtheilt. Von Herzen und der Abstammung nach ein Aristokrat, ein Feind der Republik, ein notorischer Volksbedrücker. Zurück in die Conciergerie und den Tod binnen vierundzwanzig Stunden!

Elftes Kapitel.

Dämmerung.

Die unglückliche Gattin des Unschuldigen, der zum Tode verurtheilt worden, sank unter dem Spruch zusammen, als wäre sie tödtlich getroffen. Aber kein Laut kam über ihre Lippen; und so stark war die Stimme in ihr, welche ihr vorstellte, daß sie vor Allen in der Welt ihn in seinem Jammer aufrecht halten müsse und ihn nicht vermehren dürfe, daß diese Stimme sie selbst von diesem Schlage rasch wieder emporhob.

Da die Richter an einer öffentlichen Straßenfestlichkeit Theil zu nehmen hatten, vertagte sich das Gericht. Der Lärm und die rasche Bewegung des sich durch viele Ausgänge leerenden Saales hatte noch nicht aufgehört, als Lucie, Nichts als Liebe und Tröstung im Gesicht, aufrecht dastand und die Arme nach ihrem Gatten ausstreckte.

„O, wenn ich ihn anrühren könnte! Wenn ich ihn nur einmal umarmen könnte! Ach gute Bürger, wenn ihr soviel Mitleid mit uns haben wolltet!“

Es war außer den zweien von den vieren, die den Angeklagten gestern verhaftet hatten, nur noch ein Schließer da, und Barsad. Die Zuhörer waren alle hinausgeströmt um das Schauspiel auf den Straßen anzusehen. Barsad schlug den Uebrigen vor, „laßt sie ihn umarmen; es ist ja nur ein Augenblick.“ Stillschweigend gaben die Andern ihre Einwilligung und sie geleiteten sie über die Bänke im Saale nach einer erhöheten Stelle, wo er, wenn er sich über die Schranken der Anklagebank vorbog, sie in seine Arme schließen konnte.

„Leb’ wohl, Liebling meiner Seele. Meinen letzten Segen auf Dein Haupt. Wir werden uns wiedersehen, wo die Müden Ruhe finden.“

Das waren die Worte ihres Gatten als er sie an seine Brust schloß.

„Ich kann es tragen, lieber Charles. Der Herr hält mich aufrecht; gräme Dich nicht um meinetwillen. Einen letzten Segen für unser Kind.“

„Ich schicke ihn durch Dich. Ich küsse es durch Dich. Ich sage ihm Lebewohl durch Dich.“

„Mein Gatte. Nein! Noch einen Augenblick!“ Er riß sich von ihr los. „Wir werden nicht lange getrennt bleiben. Ich fühle, daß dies bald mein Herz brechen wird; aber ich werde meine Pflicht thun, so lange es geht, und wenn ich sie verlasse, so wird Gott unserer Tochter Freunde erwecken, wie er sie mir erweckt hat.“

Ihr Vater war ihr gefolgt und wäre vor Beiden auf die Knie gefallen, wenn ihn nicht Darnay bei der Hand gefaßt und ausgerufen hätte:

„Nein, nein! was haben Sie gethan, daß Sie vor uns knieen sollten! Wir wissen jetzt, welchen Kampf Sie vor Zeiten zu bestehen hatten. Wir wissen jetzt, was Sie zu dulden hatten, als Sie meine Herkunft argwöhnten und als Sie Gewißheit darüber erhielten. Wir wissen jetzt, welche natürliche Antipathie Sie ihretwegen bekämpften und besiegten. Wir danken Ihnen aus vollem Herzen und mit all unserer Liebe und Pflicht. Der Himmel sei mit Ihnen!“

Des Vaters einzige Antwort war, mit den Händen in die weißen Haare zu fahren und sie mit lautem Jammern zu ringen.

„Es konnte nicht anders sein,“ sagte der Gefangene, „Alles hat so zusammengewirkt wie es gekommen ist. Es war das stets vergebliche Bestreben meiner armen Mutter Gebot nachzukommen, was mich zuerst in verhängnißvolle Berührung mit Ihnen brachte. Aus so Bösem konnte nie Gutes kommen, und ein glücklicheres Ende lag nicht in dem Wesen eines so unglücklichen Anfangs. Trösten Sie sich und verzeihen Sie mir. Der Himmel segne Sie!“

Als man ihn fortführte, lies ihn seine Frau los und sah ihm nach mit zum Gebet gefalteten Händen und mit einem strahlenden Ausdruck auf ihrem Antlitz, in welchem selbst ein tröstendes Lächeln war. Als er durch die Gefangnenthür verschwand, wendete sie sich um, legte ihren Kopf zärtlich an ihres Vaters Brust, versuchte zu sprechen und sank bewußtlos zu seinen Füßen nieder.

Da trat aus der dunkeln Ecke, die er nie verlassen hatte, Sydney Carton hervor und hob sie auf. Nur ihr Vater und Mr. Lorry waren bei ihr. Sein Arm zitterte als er sie in die Höhe hob und ihren Kopf unterstützte. Aber in seinem Gesicht sprach sich nicht blos Mitleid aus, -- es lag auch ein Anflug von Stolz darin.

„Soll ich sie nach einem Wagen tragen? Ich fühle ihre Last nicht.“

Er trug sie leichten Schrittes nach der Thür und legte sie mit zärtlicher Sorgfalt in eine Kutsche. Ihr Vater und ihr alter Freund stiegen hinein und er nahm neben dem Kutscher Platz.

Als sie den Thorweg erreichten, wo er vor wenigen Stunden noch gestanden um sich im Dunkeln auszumalen, auf welche Steine des rauhen Pflasters sie den Fuß gesetzt, hob er sie wieder aus dem Wagen und trug sie die Treppe hinauf in ihre Wohnung. Dort legte er sie auf ein Lager, wo ihre Tochter und Miß Proß über sie weinten.

„Bringen Sie sie nicht zum Bewußtsein,“ sagte er leise zu der Letzteren, „sie befindet sich besser so; bringen Sie sie nicht zu sich, so lange sie nur an Ohnmachten leidet.“

„Ach Carton, Carton, lieber Carton!“ rief die kleine Lucie, indem sie ihn in einem leidenschaftlichen Ausbruche des Schmerzes mit ihren Aermchen umschlang. „Jetzt, wo Du gekommen bist, wirst Du gewiß Etwas thun um Mama zu helfen und Papa zu retten! Ach siehe sie nur an, lieber Carton! Kannst Du, von allen Leuten, die sie lieb haben, ertragen, sie so zu sehen?“

Er beugte sich über die Kleine herab und legte ihre blühende Wange an sein Gesicht. Dann schob er sie sanft bei Seite und betrachtete ihre bewußtlos daliegende Mutter.

„Ehe ich gehe,“ sagte er und stockte. -- „Darf ich sie küssen?“

Man erinnerte sich später, daß, als er sich über sie beugte und ihre Stirne mit seinen Lippen berührte, er halblaut einige Worte gesprochen. Die kleine Lucie, die ihm zunächst stand erzählte später, und erzählte noch ihren Enkeln, als sie eine schöne alte Dame war, daß sie ihn sagen hörte: „ein Leben das Sie lieben.“

Als er hinaus in das nächste Zimmer gegangen war, wendete er sich plötzlich zu Mr. Lorry und ihren Vater um, die ihm folgten und sagte zu letzterem:

„_Dr._ Manette, Sie hatten noch gestern großen Einfluß; machen Sie noch einen Versuch. Diese Richter und alle diese Machthaber sind Ihnen sehr befreundet und für Ihre Dienste sehr dankbar; nicht wahr?“

„Nichts, was sich auf Charles bezog blieb mir verborgen. Ich hatte die stärksten Zusicherungen, daß ich ihn retten würde; und es gelang mir.“ Er gab die Antwort in großer Unruhe und sehr langsam.

„Versuchen Sie noch einmal. Es sind nur wenige kurze Stunden bis morgen Nachmittag, aber machen Sie den Versuch.“

„Ich gedenke den Versuch zu machen. Ich will keinen Augenblick zögern.“

„Das ist gut. Ich habe erlebt, daß Energie wie die Ihrige große Dinge ausgerichtet hat -- obgleich,“ setzte er zugleich mit einem Lächeln und einem Seufzer hinzu, „noch nie so große Dinge. Aber machen Sie den Versuch! So wenig werth das Leben ist, wenn wir es schlecht anwenden, so ist es doch diese Bemühung werth. Wenn das nicht der Fall wäre, kostete es kein Opfer es hinzugeben.“

„Ich gehe auf der Stelle zu dem Ankläger und dem Vorsitzenden,“ sagte _Dr._ Manette, „und noch zu anderen, die ich lieber nicht nennen will. Ich will auch schreiben und -- aber halt! es ist eine öffentliche Festlichkeit und Niemand wird vor Dunkelwerden zu Hause zu finden sein.“

„Das ist wahr. Nun, es ist im besten Falle eine verzweifelte Hoffnung und nicht viel verzweifelter, wenn sie bis Dunkelwerden aufgeschoben wird. Ich möchte gern wissen, was Sie ausrichten; obgleich ich sagen muß, ich hoffe nichts! Wann denken Sie diese Leute gesehen zu haben, _Dr._ Manette?“

„Unmittelbar nach Dunkelwerden, hoffe ich. In den nächsten ein oder zwei Stunden.“

„Es wird bald nach Vier finster. Nehmen wir die längste Frist an. Wenn ich um 9 Uhr zu Mr. Lorry komme, werde ich dann von unserm Freunde oder von Ihnen selbst hören können, was Sie ausgerichtet haben?“

„Ja.“

„Ich wünsche Ihnen viel Glück!“

Mr. Lorry folgte Sydney nach der Saalthür, legte die Hand auf seine Schulter als er gehen wollte, und veranlaßte ihn dadurch sich umzudrehen.

„Ich habe keine Hoffnung,“ sagte Mr. Lorry mit gedämpfter und bekümmerter Stimme.

„Ich auch nicht.“

„Wenn einer von diesen Männern, oder alle geneigt wären ihm das Leben zu lassen -- was eine starke Voraussetzung ist; denn was ist ihnen sein oder jedes anderen Menschen Leben! -- so bezweifle ich, daß sie es, nach der Demonstration im Gerichtssaale, wagen dürften.“

„Das thue ich auch. In diesem Geheul hörte ich den Fall des Beiles.“

Mr. Lorry lehnte sich mit dem Arm gegen das Thürgewände und legte sein Gesicht darauf.

„Lassen Sie den Muth nicht sinken,“ sagte Carton sehr sanft, „weinen Sie nicht. Ich bestärkte _Dr._ Manette in diesem Vorsatze, weil ich fühlte, daß der Gedanke daran ihr eines Tages tröstlich sein würde. Sonst könnte sie denken: „„sein Leben wurde leichtsinnig hingegeben“ und das könnte ihr Kummer machen.“

„Ja, ja, ja“ entgegnete Mr. Lorry, und trocknete sich die Augen, „Sie haben Recht. Aber er wird sterben; es ist keine Hoffnung mehr.“

„Ja. Er wird sterben; es ist keine Hoffnung mehr,“ gab Carton zurück. Und ging mit festem Schritte die Treppe hinab.

Zwölftes Kapitel.

~Nacht.~

Sydney Carton stand auf der Straße, ohne recht zu wissen, wohin er gehen sollte. „In Tellsons Comptoir um 9 Uhr,“ sagte er nachdenklich. „Ist es gut, wenn ich mich unterdessen zeige? Ich glaube. Es ist das Beste, daß diese Leute wissen es ist ein Mann wie ich bin, hier. Es ist eine gute Vorsichtsmaßregel und kann eine nothwendige Vorbereitung sein. Aber ruhig, ruhig! Ich muß es erst ausdenken.“

Er hemmte seine Schritte, die sich bereits seinem Ziele zugewendet hatten, ging noch einigemal in der bereits dunkel werdenden Straße auf und ab und verfolgte den Gedanken bis in seine letzten Consequenzen. Sein erster Eindruck ward nur bestätigt. „Es ist das Beste,“ sagte er zuletzt, „wenn diese Leute wissen, daß ein Mann wie ich bin, hier ist.“ Und er wendete seine Schritte St. Antoine zu.

Defarge hatte sich bei Gelegenheit der Gerichtsverhandlung „Inhaber eines Weinschanks in der Vorstadt St. Antoine“ genannt. Für einen der die Stadt kannte war es nicht schwer, sein Haus zu finden, ohne weiter zu fragen. Nachdem sich Carton seiner Lage vergewissert, verließ er wieder diese engeren Straßen, speiste bei einem Restaurant und sank nach dem Essen in einen gesunden Schlaf. Zum ersten Male seit vielen Jahren hatte er kein starkes Getränk genossen. Seit gestern Nacht hatte er nichts getrunken als ein paar Glas leichten, dünnen Wein, und vorige Nacht hatte er den Branntwein langsam auf Mr. Lorry’s Heerd ausgegossen, wie Jemand, der damit nichts mehr zu thun hat.

Es war 7 Uhr als er erfrischt aufwachte, und auf die Straße hinaustrat. Auf dem Wege von St. Antoine blieb er vor einem Ladenfenster stehen, wo sich ein Spiegel befand und band sein loses Halstuch etwas anders, zog sich den Rockkragen zurecht und ordnete sein Haar. Als er damit fertig war, suchte er Defarge’s Weinschank auf und trat ein.

Es war zufällig kein Gast im Laden als Jaques Drei mit den ruhelosen Fingern und der krächzenden Stimme. Dieser Mann, den er unter den Geschwornen gesehen hatte, stand vor dem kleinen Ladentische in Gespräch mit den beiden Defarge’s. Der Racheengel nahm an der Unterhaltung Theil, wie ein ordentliches Mitglied der Wirthschaft.

Als Carton eintrat, Platz nahm und (in ziemlich schlechtem Französisch) ein Glas Wein verlangte, warf Madame Defarge erst einen achtlosen Blick auf ihn, dann einen aufmerksameren, und dann einen noch aufmerksameren, und trat dann selbst an seinen Tisch und fragte ihn, was er bestellt habe.

Er wiederholte was er schon gesagt hatte.

„Engländer?“ fragte Madame Defarge, indem sie fragend ihre dunkeln Augenbrauen in die Höhe zog.

Nachdem er sie angesehen, als ob er selbst ein einzelnes französisches Wort nur langsam verstände, gab er mit seinem früheren, stark ausgeprägten, fremden Accent zur Antwort: „Ja Madame, ja. Ich bin Engländer.“

Madame Defarge kehrte an den Ladentisch zurück um den Wein einzuschenken, und als er eine Jakobinerzeitung nahm und sich stellte, als ob er mit schwerem Bemühen sie zu verstehen versuchte, hörte er sie sagen: „ich schwöre es euch, ganz wie Evrémonde.“

Defarge brachte ihm den Wein und sagte ihm „guten Abend.“

„Wie?“

„Guten Abend.“

„Ah! guten Abend, Bürger,“ sagte er und schenkte dabei sein Glas ein. „Ah! und guter Wein. Es lebe die Republik!“

Defarge trat an den Ladentisch zurück und sagte: „er sieht ihm allerdings ein Wenig ähnlich.“ Madame erwiderte mit Entschiedenheit: „ich sage Dir, er sieht ihm sehr ähnlich.“ Jaques Drei bemerkte friedenstiftend: „Das kommt daher, daß Ihr soviel an ihn denkt, Bürgerin.“ Der liebenswürdige Racheengel setzte lachend hinzu: „ja meiner Treu! und Du freuest Dich so sehr darauf ihn morgen noch einmal zu sehen!“

Carton folgte den Zeilen und Worten seiner Zeitung mit langsamem Zeigefinger und aufmerksamem und in sich versunkenem Gesicht. Sie lehnten alle mit den Armen auf dem Ladentische und steckten, leise sprechend, die Köpfe zusammen. Nach einem Schweigen von einigen Augenblicken, während welchem sie ihn Alle angesehen hatten, ohne daß er sich dadurch in seiner Lectüre stören ließ, setzten sie ihr Gespräch fort.

„Es ist richtig, was Madame sagt,“ bemerkte Jaques Drei. „Warum aufhören? Darin liegt viel Wahres. Warum aufhören?“

„Nun ja,“ warf Defarge ein, „aber einmal aufhören muß man doch. Im Grunde ist die Frage immer noch wo?“

„Mit der Ausrottung,“ sagte Madame.

„Prächtig,“ krächzte Jaques Drei. Auch der Racheengel gab höchst befriedigt seine Zustimmung.

„Ausrottung ist ein guter Grundsatz, Frau,“ sagte Defarge etwas beunruhigt; „im Allgemeinen sage ich Nichts dagegen. Aber dieser Doctor hat viel gelitten; Ihr habt ihn heute gesehen; Ihr habt sein Gesicht beobachtet, wie das Papier gelesen ward.“

„Ich habe sein Gesicht beobachtet!“ wiederholte Madame verächtlich und zornig. „Ja, ich habe sein Gesicht beobachtet. Ich habe gesehen, daß es nicht das Gesicht eines wahren Freundes der Republik ist. Er mag sein Gesicht in Acht nehmen.“

„Und Du hast den Schmerz seiner Tochter gesehen,“ sagte Defarge in begütigendem Tone, „der schrecklicher Schmerz für ihn sein muß!“

„Ich habe seine Tochter gesehen!“ wiederholte Madame; „ja, ich habe seine Tochter gesehen, mehr als einmal. Ich habe sie heute beobachtet und habe sie zu andern Zeiten beobachtet. Ich habe sie beobachtet im Gerichtssaal und ich habe sie auf der Straße beim Gefängniß beobachtet. Ich brauche nur den Finger aufzuheben --!“ Sie schien ihn aufzuheben (Cartons Augen verließen die Zeitung nicht) und ihn mit einem Klirren auf dem Tisch vor sich fallen zu lassen, als ob das Beil gefallen wäre.

„Die Bürgerin ist herrlich!“ krächzte der Geschworene.

„Sie ist ein Engel,“ sagte der Racheengel und umarmte sie.

„Was Dich betrifft,“ fuhr Madame in unversöhnlichen Tone zu ihrem Gatten gewendet, fort, „so würdest Du, wenn es von Dir abhinge -- was glücklicher Weise nicht der Fall ist -- noch heute diesen Mann retten.“

„Nein!“ protestirte Defarge. „Nicht wenn es durch Indiehöhenehmen dieses Glases geschehen könnte! Aber ich würde dabei stehen bleiben. Ich sage, hört hier auf.“

„Seht Ihr also, Jaques,“ sagte Madame Defarge zornig „und siehe auch Du mein Racheengel! Jetzt hört! Wegen anderer Verbrechen als Tyrannen und Volksbedrücker habe ich dieses Geschlecht seit langer Zeit auf meinem Register verurtheilt zur Vernichtung und Ausrottung. Fragt meinen Mann, ob es nicht an dem ist.“

„Es ist an dem.“ sagte Defarge ohne gefragt zu werden.

„Im Anfang der großen Tage, als die Bastille fiel, findet er das heutige Papier und bringt es mit nach Hause. Und mitten in der Nacht, wo hier alles fort und alles draußen zugeschlossen ist, lesen wir es hier auf dieser Stelle bei dem Scheine dieser Lampe. Fragt ihn, ob es nicht an dem ist.“

„Es ist an dem,“ stimmte Defarge bei.

„Diese Nacht sage ich ihm, als wir das Papier gelesen haben und die Lampe ausgebrannt ist, und der Tag über diese Laden und durch diese eisernen Gitter hereinscheint, daß ich nun ein Geheimniß mitzutheilen habe. Fragt ihn, ob es nicht an dem ist.“

„Es ist an dem,“ stimmte Defarge wieder bei.

„Ich theile ihm dieses Geheimniß mit. Ich schlage mit diesen beiden Händen diese Brust, wie ich es jetzt thue und sage zu ihm. „„Defarge, ich ward unter den Fischern am Meeresstrand erzogen und diese von den beiden Evrémondes so schwer verletzte Bauernfamilie, von der dieses Papier erzählt, ist meine Familie. Defarge, diese Schwester des tödtlich verwundeten Knaben war meine Schwester, dieser Gatte war meiner Schwester Gatte, dieses neugeborne Kind war ihr Kind, dieser Bruder war mein Bruder, dieser Vater war mein Vater, diese Todten sind meine Todten und diese Ladung, sich wegen dieser Sachen zu verantworten, habe ich geerbt. Fragt ihn, ob es an dem ist.“

„Es ist an dem,“ stimmte Defarge noch einmal bei.

„Dann gebietet dem Sturme und dem Feuer Stillstand,“ entgegnete Madame, „aber nicht mir.“

Ihre beiden Zuhörer schienen einen köstlichen Genuß in dem todtbringenden Charakter ihres Hasses zu finden -- Carton konnte fühlen wie bleich ihr Gesicht war, ohne sie zu sehen -- und beide zollten ihr hohe Lobsprüche. Defarge, eine schwache Minorität, sagte einige Worte zur Erinnerung an die mitleidige Gemahlin des Marquis, aber brachte von seiner Frau weiter nichts heraus, als eine Wiederholung ihrer letzten Antwort: „gebiete dem Sturme und dem Feuer Stillstand; nicht mir!“

Gäste traten ein und die Gruppe löste sich auf. Der englische Gast bezahlte, was er genossen hatte, zählte das Geld, was er herausbekam, nach, ohne sich damit zurecht finden zu können, und fragte als Fremder nach dem Wege nach dem Nationalpalast. Madame Defarge brachte ihn bis an die Thür, nahm seinen Arm und wies ihm die Richtung. Der englische Gast dachte dabei, daß es eine gute That sein könnte, diesen Arm zu packen, ihn empor zu heben, und scharf und tief darunter zu stoßen.

Aber er ging seines Weges und war bald in dem Schatten der Gefängnißmauer verschwunden. Zur bestimmten Stunde kam er aus demselben hervor um wieder in Mr. Lorry’s Zimmer zu erscheinen, wo er den alten Herrn in ruheloser Angst auf- und abgehend fand. Er sagte, er wäre bis vor kurzem bei Lucien gewesen und hätte sie nur auf wenige Minuten verlassen, um der Verabredung gemäß hier zu sein. Ihr Vater war, seitdem er das Bankhaus gegen 4 Uhr verlassen, nicht wiedergesehen worden. Sie hatte einige schwache Hoffnung, daß seine Vermittlung Charles retten könnte; aber sie war sehr schwach. Er war jetzt mehr als fünf Stunden vom Hause weg: wo konnte er sein?

Mr. Lorry wartete bis Zehn; da aber _Dr._ Manette nicht zurückkehrte und er Lucien nicht allein lassen wollte, so kamen sie überein, daß er wieder zu ihr gehen und um Mitternacht noch einmal nach dem Bankhause kommen sollte. Unterdessen wollte Carton allein bei dem Feuer auf den Doctor warten.

Er wartete und wartete und die Uhr schlug Zwölf; aber _Dr._ Manette kehrte nicht zurück. Mr. Lorry kam wieder und brachte keine Kunde von ihm. Wo konnte er sein?

Sie besprachen noch diese Frage und waren fast geneigt den Schatten einer Hoffnung auf seine verlängerte Abwesenheit zu bauen, als sie ihn auf der Treppe hörten. So wie er in das Zimmer trat war es offenbar, daß Alles verloren war.

Ob er wirklich bei Jemandem gewesen war, oder ob er während dieser ganzen Zeit die Straßen durchwandert hatte, ist nie bekannt geworden. Wie er dastand und sie anstierte, wendeten sie sich mit keiner Frage an ihn; denn sein Gesicht sagte ihnen Alles.

„Ich kann sie nicht finden,“ sagte er, „und ich muß sie haben. Wo ist sie?“

Kopf und Hals waren bloß und wie er einen hülflosen Blick ringsum schweifen ließ, zog er seinen Rock aus und ließ ihn auf den Fußboden fallen.

„Wo ist meine Bank? Ich habe sie überall gesucht und kann sie nicht finden. Wo habt Ihr meine Arbeit hingethan? Die Zeit drängt: ich muß die Schuhe fertig machen.“

Sie sahen sich einander an und die letzte Hoffnung entschwand aus ihrem Herzen.

„Bitte, bitte!“ sagte er mit weinerlicher Stimme; „gebt mir meine Arbeit.“

Da er keine Antwort erhielt, raufte er sich das Haar und stampfte mit dem Fuße auf den Boden, wie ein Kind das seinen Willen nicht hat.

„Quälen Sie nicht einen armen, unglücklichen Mann,“ bat er dann mit einem herzzerreißenden Aufschrei; „geben Sie mir meine Arbeit! Was soll aus uns werden, wenn diese Schuhe heute Nacht nicht fertig werden?“

Von Sinnen, rein von Sinnen!

Es war so offenbar nutzlos ihm verständig zuzusprechen, oder zu versuchen ihn zu sich zu bringen, daß jeder von den Beiden, wie auf Verabredung, eine Hand auf seine Schulter legte und ihn durch das Versprechen, sie wollten ihm seine Arbeit schaffen, bewogen, vor dem Feuer Platz zu nehmen. Er sank in den Stuhl, stierte in die Kohlen und fing an zu weinen. Als ob Alles, was seit der Dachstubenzeit geschehen war ein flüchtiger Traum gewesen, sah Mr. Lorry ihn zu derselben Gestalt zusammenschrumpfen, die Defarge unter seiner Obhut gehabt hatte.

Gerührt und zugleich erschrocken über diesen plötzlichen Zusammensturz, wie sie alle beide waren, hatten sie doch nicht Zeit sich solchen Empfindungen hinzugeben. Seine alleinstehende Tochter, ihrer letzten Hoffnung und Stütze beraubt, sprach zu mächtig zu ihnen. Wieder sahen sie sich wie verabredet mit einem und demselben Worte auf den Lippen an. Carton sprach zuerst:

„Die letzte Hoffnung ist hin; sie war nicht groß. Ja; es ist das Beste Sie bringen ihn hin zu ihr. Aber wollen Sie, bevor Sie gehen, mir noch für einen Augenblick aufmerksames Gehör schenken? Fragen Sie nicht nach dem Warum der Bedingungen die ich stellen werde, und des Versprechens das ich zu fordern gedenke; ich habe einen Grund -- einen triftigen Grund.“

„Ich bezweifele es nicht,“ gab Mr. Lorry zur Antwort. „Fahren Sie fort.“

Die Gestalt auf dem Stuhle zwischen ihnen wiegte sich unterdessen stöhnend vorwärts und rückwärts. Sie sprachen in demselben Tone, wie wenn sie des Nachts bei einem Krankenbette wachten.

Carton bückte sich um den Rock aufzuheben, der fast unter seinen Füßen lag. Während er dies that, fiel ein Brieftäschchen heraus, in welchem der Doctor gewöhnlich seine Tagesbesuche verzeichnete. Carton hob es auf und fand ein zusammengebrochenes Papier darin. „Wir sollten Das wohl ansehen?“ sagte er. Mr. Lorry nickte zustimmend. Er schlug es auseinander und rief aus. „Gott sei Dank!“

„Was ist es!“ fragte Mr. Lorry begierig.

„Einen Augenblick! ich komme gleich darauf. Erstlich,“ er steckte die Hand in die Tasche und brachte ein anderes Papier heraus, „hier ist das Certificat, welches mir erlaubt, diese Stadt zu verlassen. Sehen Sie es an. Sie sehen -- Sydney Carton, ein Engländer?“

Mr. Lorry hielt es aufgeschlagen in seiner Hand und sah in sein ernstes Gesicht.