Zwei Städte

Part 32

Chapter 323,900 wordsPublic domain

„Ich erschrak und sagte: „„ist es ein dringender Fall?“

„„Es ist besser Sie sehen selbst nach,“ gab er gleichgültig zur Antwort und nahm einen Leuchter. ****

„Der andere Kranke lag in einem Hinterzimmer, zu dem eine zweite Treppe führte, eigentlich in einer Art Bodenraum über einem Stalle. Ein Theil desselben war mit einer niedrigen Gypsdecke versehen; das Uebrige war oben offen bis zu dem Hahnebalken des Daches und nur einzelne Balken vertraten die Stelle der Decke. In diesem Theile lagen Heu und Stroh, Reißbündel als Feuerholz und ein Haufen Aepfel im Sande. Ich hatte durch diesen Theil zu gehen um in den andern zu gelangen. Mein Gedächtniß ist genau und treu. Ich stelle es in diesen Einzelnheiten auf die Probe und sehe sie alle in dieser meiner Zelle in der Bastille fast am Ende des zehnten Jahres meiner Haft, wie ich sie in jener Nacht sah.

„Auf einem Heubündel auf dem Boden, mit einem Kissen unter dem Kopf geschoben lag ein hübscher Bauernbursch -- ein halber Knabe noch von kaum 17 Jahren. Er lag auf dem Rücken, die Zähne fest zusammengebissen, die rechte Hand auf die Brust gepreßt und mit den funkelnden Augen gerade in die Höhe sehend. Ich konnte nicht entdecken wo die Wunde war, wie ich neben ihm niederkniete und mich über ihn beugte; aber ich konnte sehen, daß er an einer Wunde von einem scharfen spitzen Instrument starb.

„„Ich bin Arzt, armer Junge,“ sagte ich. „„Laß mich Deine Wunde untersuchen.“

„„Ich mag sie nicht untersuchen lassen,“ gab er zur Antwort; „„laßt sie sein.“

„Sie war unter seiner Hand und ich besänftigte ihn so, daß er mir die Hand wegzunehmen gestattete. Die Wunde war ein Degenstich, zwanzig oder vierundzwanzig Stunden alt, aber kein Arzt hätte ihn retten können, wenn auch sofort darnach gesehen worden wäre. Er näherte sich jetzt rasch seinem Ende. Wie ich meine Augen auf den älteren Bruder heftete, sah ich wie er auf diesen hübschen, sterbenden Burschen herabblickte, als wäre er ein verwundeter Vogel oder ein Hase, oder ein Kaninchen; durchaus nicht als ob er ein Mitmensch wäre.

„„Wie ist dies zugegangen, Monsieur?“ sagte ich.

„„Ein wahnwitziger Hund von einem Bauer, ein Leibeigener, zwang meinen Bruder den Degen zu ziehen und ist von meines Bruders Degen gefallen -- wie ein Cavalier.““

„Keine Spur von Mitleid, Schmerz oder menschlichem Mitgefühl war in dieser Antwort zu hören. Der Sprecher schien zuzugeben, daß es unangenehm sei, daß diese andere Art von Creatur hier im Sterben lag und daß es besser gewesen, wenn er in dem gewöhnlichen dunkeln Lauf seines Ungezieferlebens gestorben wäre. Er war ganz unfähig Mitleid mit dem Knaben oder seinem Schicksale zu fühlen.

„Die Augen des Burschen hatten sich langsam ihm zugewendet, als er gesprochen hatte und richteten sich jetzt langsam auf mich.

„„Doctor, sie sind sehr stolz, diese Edelleute; aber wir gemeines Volk sind manchmal auch stolz. Sie berauben uns, beleidigen uns, prügeln uns, schlagen uns todt, aber dennoch bleibt uns manchmal ein klein wenig Stolz übrig. Sie -- haben Sie sie gesehen, Doctor?“

„Man hörte das Schreien hier, obgleich durch die Entfernung gedämpft. Er bezog sich darauf, als ob sie in diesem Raume läge.

„Ich sagte: „„ich habe sie gesehen.“

„„Es ist meine Schwester, Doctor. Diese Edelleute haben ihre schändlichen Rechte auf die Schamhaftigkeit und Tugend unserer Schwestern viele Jahre lang ausgeübt, aber wir haben noch gute Mädchen unter uns. Ich weiß es und von meinem Vater habe ich es auch sagen hören. Sie war ein gutes Mädchen. Sie war Braut eines guten jungen Mannes; eines seiner Pächter. Wir waren alle seine Pächter -- dieses Mannes der dort steht. Der Andere ist sein Bruder, der Schlimmste eines schlimmen Geschlechts.“

„Nur mit der größten Schwierigkeit sammelte der Knabe körperliche Kraft genug um zu sprechen; aber seine Seele sprach mit schrecklichem Nachdruck.

„„Wir wurden von diesem Mann, der dort steht, so ausgeplündert, wie es alle diese höheren Wesen mit uns gemeinen Hunden thun -- ohne Erbarmen von ihm besteuert, gezwungen ohne Lohn für ihn zu arbeiten, gezwungen unser Korn auf seiner Mühle zu mahlen, gezwungen Heerden von seinen zahmen Vögeln mit der kümmerlichen Frucht unserer Felder zu füttern, während wir bei Lebensstrafe nicht ein einziges Huhn für uns selbst halten durften, ausgeplündert und ausgesaugt bis zu dem Grade, daß, wenn wir einmal ein Stückchen Fleisch hatten, wir es bei verschlossener Thür und zugemachten Laden voller Angst aßen, damit seine Leute es nicht sähen und es uns wegnähmen -- ich sagte, wir wurden so ausgesaugt, und niedergehetzt und gepeinigt, daß unser Vater sagte, es sei eine schreckliche Sache ein Kind in die Welt zu setzen und wir sollten lieber beten, daß unsere Weiber unfruchtbar blieben und unser elendes Geschlecht ausstürbe!“

„Ich hatte vorher nie das Gefühl des Unterdrücktseins wie eine Flamme hervorbrechen sehen. Ich hatte vermuthet, daß es irgendwo bei dem Volke verborgen schlummern müsse; aber ich hatte es nie hervorbrechen sehen, bis ich es bei diesem sterbenden Knaben sah.

„„Aber doch verheirathete sich meine Schwester, Doctor. Der Arme kränkelte damals und sie heirathete ihren Geliebten, damit sie ihn in ihrer Hütte pflegen könnte -- in unserer Hundehütte, wie sie dieser Mann nennen würde. Sie war noch nicht viele Wochen verheirathet, als dieses Mannes Bruder sie sah und Gefallen an ihr fand und dieser Mann bat, sie ihm zu leihen -- denn wozu sind Ehemänner unter uns da! Er war bereitwillig genug, aber meine Schwester war gut und tugendhaft und haßte seinen Bruder mit einem nicht minder starken Hasse als ich. Was thaten diese beiden nun um ihren Mann zu bewegen, sie zu bereden, ihm den Willen zu thun?“

„Die Augen des Knaben die bis jetzt mich angesehen hatten, wendeten sich jetzt langsam dem andern zu und ich sah in den beiden Gesichtern, daß Alles wahr war. Selbst jetzt noch in dieser Bastille kann ich die beiden entgegengesetzten Arten von Stolz sehen; bei dem Cavalier lauter nachlässige Gleichgültigkeit; bei dem Bauer lauter niedergetretenes Gefühl und leidenschaftliche Rache.

„„Sie wissen, Doctor, daß es zu den Rechten dieser Edelleute gehört uns gemeine Hunde in Karren einzuspannen, und mit uns zu fahren. So spannten sie ihn ein und fuhren mit ihm. Sie wissen es ist eins von ihren Rechten, uns die ganze Nacht in ihren Gärten wachen zu lassen um die Frösche zum Schweigen zu bringen, damit ihr edler Schlaf nicht gestört werde. Sie ließen ihn die ganze Nacht hindurch im ungesunden Nebel wachen und schickten ihn des Morgens wieder in das Geschirr. Aber er ließ sich nicht bewegen. Nein! Als sie ihn eines Mittags ausspannten, damit er esse -- wenn er Etwas zu essen finden konnte -- schluchzte er zwölfmal, einmal für jeden Schlag der Glocke, und starb an ihrem Busen.“

„Nichts als der Entschluß alles erlittene Unrecht zu erzählen, hätte den Knaben noch am Leben erhalten können. Er zwang die sich sammelnden Schatten des Todes zurück, wie er seine geballte rechte Faust zwang geballt zu bleiben und die Wunde zuzuhalten.

„„Dann entführte sie der Bruder mit der Erlaubniß und selbst mit der Hülfe dieses Mannes; trotz dem, was sie seinem Bruder gesagt haben muß -- und was das war wird Ihnen nicht lange unbekannt bleiben, Doctor -- sein Bruder nahm sie zu sich zu seinem Kurzweil auf einige Tage. Ich sah sie auf der Straße vorbeifahren. Als ich die Nachricht nach Hause brachte, brach meines Vaters Herz; er sprach nie eines der Worte, welche es erfüllten. Ich brachte meine junge Schwester (denn ich habe noch eine), an einen Ort außer dem Bereich dieses Mannes und wo sie wenigstens ~ihm~ nie lehnspflichtig sein wird. Dann spürte ich den Bruder hier auf und stieg vorige Nacht ein -- ein gemeiner Hund, aber mit den Degen in der Hand. -- Wo ist das Dachfenster? Es muß hier herum sein?“

„Das Zimmer verdunkelte sich vor seinem Blick; die Welt schloß sich enger um ihn zusammen. Ich sah mich um und bemerkte, daß das Heu und Stroh auf dem Fußboden zertreten war, als ob ein Kampf stattgefunden hätte.

„„Sie hörte mich und kam hereingestürzt. Ich gebot ihr uns nicht zu nahe zu kommen, bis er todt sei. Er kam und warf mir erst einige Stücken Geld hin; dann schlug er mit der Peitsche nach mir. Aber ich, obgleich ein gemeiner Hund, schlug ihn so, daß er den Degen ziehen mußte. Er mag ihn in noch so viele Stücke brechen, den Degen, den er mit meinem gemeinen Blute gefärbt hat; er zog ihn um sich zu vertheidigen -- wehrte sich mit seiner ganzen Kunst um sein Leben.“

„Mein Blick war erst vor wenigen Secunden auf einen zerbrochenen Degen unter dem Heu gefallen. Es war ein Cavalierdegen. An einer andern Stelle lag ein alter Degen, wie ihn die Soldaten tragen.

„„Jetzt richten Sie mich auf, Doctor; richten Sie mich auf. Wo ist er?“

„Er ist nicht hier,“ sagte ich, in der Meinung, daß er von dem Bruder spreche.

„Er! so stolz diese Edelleute sind, fürchtet er sich doch vor meinem Anblicke. Wo ist der Mann der hier war? Wenden Sie ihm mein Gesicht zu.“

„Ich that es, indem ich den Kopf des Knaben auf mein Knie legte. Aber für den Augenblick mit außerordentlicher Kraft ausgestattet, stand er ganz auf und zwang mich dasselbe zu thun, sonst hätte ich ihn nicht stützen können.

„„Marquis,“ sagte der Knabe mit hocherhobener rechter Hand und mit den weitgeöffneten Augen ihn ansehend, „„für den Tag, wo für alle diese Sachen Rechenschaft abgelegt werden muß, lade ich Euch und die Eurigen bis zu dem Letzten Eures schlimmen Geschlechts vor, Euch wegen dieser Thaten zu verantworten. Ich zeichne Euch mit diesem blutigen Kreuze zum Gedächtniß meiner Ladung. Auf den Tag, wo für alle diese Thaten Rechenschaft abgelegt werden muß, lade ich Euren Bruder, den Schlimmsten Eures schlimmen Geschlechts, vor, sich noch besonders wegen dieser Thaten zu verantworten. Ich zeichne ihn mit diesem blutigen Kreuze zum Gedächtniß meiner Ladung.“

„Zweimal griff er mit der Hand nach der Wunde in die Brust und machte mit dem Zeigefinger ein Kreuz in die Luft. Mit noch erhobenen Finger blieb er eine Weile stehen, und wie die Hand niedersank, sank er mit ihr und ich legte seine Leiche auf den Fußboden hin. ****

„Als ich wieder an das Bett des jungen Weibes trat, fand ich es ganz in derselben Reihenfolge wie vorhin und ohne die mindeste Linderung im Fieber phantasirend. Ich wußte, daß dies viele Stunden dauern könnte und wahrscheinlich mit dem Schweigen des Todes enden würde.

„Ich gab ihr die frühere Dosis noch einmal ein und blieb neben dem Bett sitzen, bis die Nacht weit vorgerückt war. Das Durchdringende ihres Geschreies nahm nie ab, nie wurden ihre Worte weniger deutlich und nie ordneten sie sich in einer anderen Folge. Immer lauteten sie: „„mein Mann, mein Vater und mein Bruder! Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, eilf, zwölf. „Still!“

„Dies dauerte 26 Stunden von der Zeit an, wo ich sie zuerst gesehen. Ich war zweimal gekommen und gegangen und saß wieder neben ihr, als sie schwächer zu werden anfing. Ich that was ich unter diesen Verhältnissen thun konnte und allmälig sank sie in eine Lethargie und lag wie todt da.

„Es war, als ob nach einem langen und schrecklichen Unwetter Wind und Regen sich endlich gelegt hätten. Ich band ihre Arme los und rief die Frau mir beizustehen um sie in die gehörige Lage zu bringen und die Kleider, die sie zerrissen hatte, zu ordnen. Jetzt erst bemerkte ich, daß sie in einem Zustande war, wo vor kurzem erst Mutterhoffnungen in ihr entstanden waren; und nun verlor ich die wenige Hoffnung, die ich bis dahin noch gehabt hatte.

„„Ist sie todt?“ fragte der Marquis, den ich immer noch den älteren Bruder nennen werde, wie er gestiefelt und gespornt vom Pferde in das Zimmer trat.

„„Nicht todt,“ sagte ich; „„aber sie liegt im Sterben.“

„„Welche Lebenskraft diese gemeinen Menschen besitzen!“ sagte er und blickte mit einiger Neugier auf die Sterbende herab.

„„Es liegt eine wunderbare Kraft im Schmerz und in der Verzweiflung,“ gab ich zur Antwort.

„Er lachte erst und runzelte dann die Stirn. Er schob mit dem Fuß einen Stuhl neben den meinigen, befahl der Frau hinauszugehen und sagte mit gedämpfter Stimme:

„„Doctor, ich fand meinen Bruder in diese Verlegenheit verwickelt und empfahl ihm, Ihre Hülfe in Anspruch zu nehmen. Ihr Ruf ist groß und als junger Mann, der noch eine Zukunft vor sich hat, werden Sie wahrscheinlich Ihr eigenes Interesse nicht aus den Augen setzen. Was Sie hier gesehen haben sind Sachen, die man sehen, aber nicht besprechen darf.“

„Ich lauschte dem Athem der Kranken und vermied es, eine Antwort zu geben.

„„Beehren Sie mich mit Ihrer Aufmerksamkeit, Doctor?“

„„Monsieur,“ sagte ich; „„in meinem Berufe werden Mittheilungen von Patienten immer als Vertrauenssache betrachtet.“ Ich war vorsichtig in meiner Antwort; denn was ich gesehen und gehört hatte, machte mich sehr unruhig.

„Ihr Athem wurde so leise, daß ich nach dem Puls und nach dem Herzen fühlte. Es war gerade noch Leben in ihr, und nicht mehr. Als ich mich umsah, fand ich, daß beide Brüder mich mit gespannten Blicken beobachteten. ****

„Das Schreiben wird mir so schwer, die Kälte ist so streng, ich bin so voller Angst entdeckt und in eine unterirdische, finstere Zelle gebracht zu werden, daß ich diese Erzählung abkürzen muß. Mein Gedächtniß ist wie immer noch so treu wie zu Anfang; es kann sich jedes Wortes, das zwischen mir und diesen Brüdern gewechselt ward erinnern und könnte es niederschreiben.

„Sie schleppte sich noch eine Woche hin. Gegen das Ende konnte ich, wenn ich das Ohr dichter an ihre Lippen legte, ein paar Silben verstehen, die sie an mich richtete. Sie fragte mich, wo sie sei, und ich sagte es ihr; wer ich sei, und ich sagte es ihr. Vergeblich fragte ich sie nach ihrem Familiennamen. Sie schüttelte den Kopf auf dem Kissen und behielt ihr Geheimniß, wie der Knabe.

„Ich hatte keine Gelegenheit ihr eine Frage vorzulegen bis ich den Brüdern gesagt hatte, sie sei ihrem Ende nahe und könnte nicht noch einen Tag erleben. Bis dahin hatte, obgleich die Kranke nur wußte, daß die Frau und ich da waren, stets einer oder der andere der Brüder argwöhnisch hinter dem Vorhange zu Häupten des Bettes gesessen, so lange ich da war. Aber als es soweit gekommen war, schien es ihnen gleichgültig zu sein, was ich noch mit ihr sprechen könnte; als ob -- der Gedanke kam mir in den Sinn -- ich auch im Sterben läge.

„Ich bemerkte stets, daß sich ihr Stolz empfindlich davon verletzt fühlte, daß der jüngere Bruder (wie ich ihn nenne) den Degen mit einem Bauersmann, und noch dazu mit einem bloßen Knaben, gekreuzt hatte. Die einzige Erwägung, welche wirklich die Seele der Brüder zu belästigen schien, war, daß dies höchst entwürdigend für die Familie und lächerlich sei. So oft ich den Blicken des jüngeren Bruders begegnete, sagte mir sein Ausdruck, daß er einen tiefen Groll gegen mich hege, weil ich diesen Umstand von dem Knaben erfahren hatte. Er war geschmeidiger und höflicher gegen mich als der ältere; aber dies sah ich. Ich sah auch, daß ich in den Augen des älteren ein Stein des Anstoßes war.

„Meine Kranke starb zwei Stunden vor Mitternacht -- der Zeit nach nach meiner Uhr fast in derselben Minute, wo ich sie zuerst gesehen. Ich war allein bei ihr als ihr armes junges Haupt sanft auf eine Seite sank und alle ihre irdischen Leiden und Schmerzen vorbei waren.

„Die Brüder warteten in einem Zimmer im Erdgeschoß, voller Ungeduld fortzureiten. Während ich allein neben dem Bett saß, hatte ich gehört, wie sie mit der Reitpeitsche an die Stiefeln schlugen und auf- und abgingen.

„„Endlich ist sie todt?“ sagte der ältere als ich eintrat.

„„Sie ist todt,“ sagte ich.

„„Ich wünsche Dir Glück, Bruder,“ waren seine Worte als er sich umdrehte.

„Er hatte mir vorher schon Geld angeboten, das ich nicht angenommen hatte. Er legte mir jetzt eine Rolle Geld in die Hand. Ich nahm sie, legte sie aber auf den Tisch. Ich hatte mir die Sache überlegt und war entschlossen Nichts zu nehmen.

„„Bitte, entschuldigen Sie,“ sagte ich; „„unter diesen Verhältnissen, nein.“

„Sie sahen einander an, aber erwiderten meine Verbeugung, als ich mich vor ihnen verneigte und wir schieden, ohne daß einer von uns nur ein Wort weiter sprach. ****

„Ich bin müde, müde, müde -- niedergedrückt von so vielem Jammer. Ich kann nicht lesen, was ich mit dieser abgezehrten Hand geschrieben habe.

„Am nächsten Morgen in der Frühe wurde die Rolle Geld in einem Kästchen mit meiner Adresse darauf an meiner Thür abgegeben. Ich hatte vom ersten Augenblicke mir ernstlich überlegt, was ich thun sollte. An diesem Tage entschloß ich mich in einem Privatschreiben an den Minister zu berichten, bei was für Patienten und an welchem Orte man meine Hülfe in Anspruch genommen; mit einem Worte, alle Umstände anzugeben. Ich wußte was Hofeinfluß war und welche Vorrechte der Adel hatte und erwartete, daß man von der Sache nie wieder hören werde; aber ich wollte mein Gewissen einer Last entledigen. Ich hatte die Sache streng geheim gehalten, selbst vor meiner Frau; und auch dies beschloß ich in meinem Briefe zu melden. Eine wirkliche Gefahr für mich fürchtete ich nicht; aber ich wußte, daß es Andern gefährlich werden könnte, wenn sie wußten, was ich wußte.

„Ich war diesen Tag sehr in Anspruch genommen, und konnte meinen Brief diesen Abend nicht beenden. Um ihn zum Schlusse zu bringen, stand ich nächsten Morgen lange vor meiner gewöhnlichen Zeit auf. Es war der letzte Tag des Jahres. Der Brief lag eben vollendet vor mir, als man mir meldete, daß eine Dame mich zu sehen wünsche. ****

„Die Aufgabe, die ich mir gestellt habe, geht jeden Tag mehr über meine Kräfte. Es ist so kalt, so finster, meine Sinne sind so stumpf und die düstere Stimmung die mich bedrückt ist so schrecklich.

„Die Dame war jung, einnehmend und schön, aber nach ihrem Aeußeren nicht bestimmt, lange zu leben. Sie stellte sich mir als die Gattin des Marquis A. Evrémonde vor. Ich brachte den Titel, mit welchem der Bauerbursche den älteren Bruder angeredet hatte mit dem Anfangsbuchstaben, den ich auf der Schärpe gestickt gesehen, in Verbindung und kam unschwer zu dem Schlusse, daß ich diesen Edelmann vor sehr kurzer Zeit gesehen hatte.

„Mein Gedächtniß ist immer noch zuverlässig, aber ich kann die Worte unserer Unterredung nicht niederschreiben. Ich argwöhne, daß ich strenger beobachtet werde als bisher, und weiß nicht, zu welcher Zeit man mich beobachtet. Sie hatte die Hauptthatsachen der traurigen Geschichte ihres Gatten und daß man mich zu Rathe gezogen theils errathen, theils entdeckt. Sie wußte nicht, daß das Mädchen todt war. Sie hatte gehofft, wie sie mir mit großer Betrübniß sagte, ihr heimlich die mitfühlende Theilnahme eines Frauenherzens zu zeigen. Sie hatte gehofft, den Zorn des Himmels von einem Hause abzulenken, das seit langen Jahren dem schwerduldenden Volke verhaßt war.

„Sie hatte Gründe, zu glauben, daß noch eine jüngere Schwester lebte, und ihr heißester Wunsch war, dieser Schwester zu helfen. Ich konnte ihr weiter Nichts sagen, als daß wirklich eine solche Schwester vorhanden sei; weiter wußte ich Nichts. Gerade in der Hoffnung, daß ich ihr den Namen und den Aufenthalt der Schwester angeben könnte, hatte sie sich unter dem Siegel des Vertrauens an mich gewendet. Während ich bis zu dieser traurigen Stunde beide nicht kenne. ****

„Die Zettel gehen mir aus. Einer wurde mir gestern mit einer Drohung weggenommen. Ich muß meine Aufzeichnung heute zu Ende bringen.

„Sie war eine gute Dame, von einem mitleidigem Herzen und nicht glücklich in ihrer Ehe. Wie konnte Dies auch sein! Der Bruder mißtrauete ihr und haßte sie, und wendete allen seinen Einfluß gegen sie; sie fürchtete ihn und fürchtete auch ihren Gatten. Als ich sie hinunter bis an die Thür begleitete, saß ein Kind, ein hübscher Knabe von zwei bis drei Jahren in ihrem Wagen.

„„Seinetwegen, Doctor,“ sagte sie, und wies mit thränenden Augen auf ihn, „„möchte ich soviel gut machen, als ich mit meinen schwachen Kräften kann. Es kann ihm sein Erbe sonst nie zum Segen gereichen. Ich habe eine Ahnung, daß wenn keine andere Sühne der Schuld dargebracht wird, man es ihm eines Tages anrechnet. Was ich mein nennen kann -- es ist wenig mehr als ein paar Juwelen -- soll er -- es soll das erste Gebot seines Lebens sein, -- mit dem Mitleid und dem tiefen Bekümmerniß seiner todten Mutter dieser schwer verletzten Familie geben, wenn die Schwester entdeckt werden kann.“

„Sie küßte den Knaben und sagte, ihn liebkosend: „„es ist um Deiner selbst willen, lieber Sohn. Du wirst es thun, Charles?“ Der Knabe erwiderte mit frischem Muthe: „„Ja!“ Ich küßte ihr die Hand und sie schloß ihn in ihre Arme und fuhr, ihn liebkosend, fort. Ich habe sie nie wieder gesehen.

„Da sie den Namen ihres Gatten in der Meinung gesagt hatte, daß ich ihn kenne, erwähnte ich ihn in meinem Briefe weiter nicht. Ich siegelte meinen Brief und gab ihn noch an demselben Tage selbst ab, da ich ihn keinen andern Händen anvertrauen wollte.

„An diesem Abend, den letzten Abend des Jahres, klingelte ein Mann in schwarzem Anzuge an meiner Thür, verlangte mich zu sprechen und folgte leise meinem Bedienten, Ernest Defarge, einem jungen Burschen, die Treppe hinauf. Als mein Bedienter in das Zimmer trat, wo ich mit meiner Gattin saß -- o meine Gattin, Geliebte meines Herzens! meine schöne, junge englische Gattin! -- sahen wir den Mann, den er an der Hausthür zurückgelassen zu haben glaubte, stumm hinter ihm stehen.

„„Ein dringender Fall in der Straße St Honoré,“ sagte er. Er würde mich nicht lange aufhalten, ein Wagen wartete auf mich.“

„Er brachte mich hierher, er brachte mich in mein Grab. Als ich aus dem Hause heraus getreten war, warf man mir von Hinten ein schwarzes Tuch über das Gesicht und zog es fest über den Mund zusammen und band mir die Arme. Die beiden Brüder kamen aus einer dunkeln Ecke über die Straße herüber und identifizirten mich mit einer einzigen Handbewegung. Der Marquis zog aus seiner Tasche meinen Brief hervor, zeigte ihn mir, verbrannte ihn an dem Lichte einer Laterne, die ihm ein Bedienter hinhielt und trat die glimmende Asche mit dem Fuße aus. Kein Wort ward gesprochen. Man brachte mich hierher, man brachte mich in mein lebendiges Grab.

„Wenn es Gott gefallen hätte, es während all’ dieser schrecklichen Jahre dem harten Herzen eines dieser Brüder einzugeben, mir Nachricht von meinem geliebten Weibe zukommen zu lassen -- mir nur ein einziges Wort zu sagen, ob sie lebendig oder todt sei, so hätte ich glauben können, daß er sie noch nicht ganz verlassen hätte. Aber jetzt glaube ich, daß das Blutzeichen des Kreuzes verhängnißvoll für sie ist und daß sie an seiner Gnade keinen Theil haben. Und sie und ihre Nachkommen bis zum Letzten ihres Geschlechts klage ich, Alexander Manette, unglücklicher Gefangener in dieser letzten Nacht des Jahres 1767 in meiner unerträglichen Seelenqual den Zeiten an, wo für alle diese Dinge Rechenschaft gegeben werden muß. Ich klage sie an vor dem Himmel und vor der Erde.“

Wuthgeheul ertönte, als dieses Document zum Schluß gelesen war. Es war ein wildes, leidenschaftliches Geheul, aus dem nichts herauszuhören war, als die Gier nach Blut. Die Erzählung weckte die rachgierigsten Leidenschaften der Zeit und es gab kein Haupt in der Nation, das dieser Rache nicht gefallen wäre.

Wozu noch vor diesem Gericht und diesem Publicum hervorheben, wie die Defarges das Papier nicht mit den andern in der Bastille gefundenen Denkschriften veröffentlicht, sondern es behalten hatten, um die rechte Zeit abzuwarten? Wozu noch hervorheben, daß der Name dieser verabscheuten Familie längst von St. Antoine in den Bann gethan und in das verhängnißvolle Register gestrickt war? Der Mann lebte nicht, dessen Tugenden und Verdienste ihn an diesem Tage und an dieser Stelle gegen eine solche Anklage aufrecht erhalten hätten.