Zwei Städte

Part 31

Chapter 313,758 wordsPublic domain

Sydney war kaum um eine Ecke, so blieb er mitten auf der Straße unter einer düster brennenden Laterne stehen und schrieb mit dem Bleistift Etwas auf einen Zettel. Dann ging er mit dem entschlossenen Schritt eines Mannes, der seinen Weg recht gut kennt, durch mehrere dunkele und schmutzige Gassen -- viel schmutziger als gewöhnlich; denn selbst die vornehmsten Straßen blieben in dieser Schreckenszeit ungereinigt -- und blieb vor einem Apothekerladen stehen, den der Besitzer eben mit eigenen Händen schließen wollte. Es war ein kleiner trüber, eckiger Laden in einer krummen, bergaufgehenden Straße, gehalten von einem kleinen, trüben, eckigen Manne.

Mit einem „Guten Abend, Bürger“ trat Carton an den Ladentisch und gab dem Apotheker den Zettel. „Hui!“ pfiff dieser leise, als er ihn las. „Hi, hi, hi!“

Sydney Carton beachtete dies nicht und der Chemiker sagte:

„Für Euch, Bürger?“

„Für mich!“

„Ihr werdet Sorge tragen sie nicht unter einander zu mischen, Bürger? Ihr wißt was die Folgen sind, wenn sie untereinander kommen?“

„Vollkommen.“

Der Apotheker bereitete verschiedene Pulver und übergab sie ihm in kleinen Packetchen. Er steckte sie einzeln in die Brusttasche seines Leibrocks, zählte das Geld dafür auf den Tisch und verließ gelassenen Schrittes den Laden. „Es ist vor Morgen nichts mehr zu thun,“ sagte er zum Monde aufblickend. „Ich kann nicht schlafen.“

Es war nicht der alte, verletzend blasirte, oder an sich selbst verzweifelnde Ton, mit dem er diese Worte sprach. Er sprach vielmehr in der mit sich abgeschlossenen Weise eines müden Wanderers, der nach langer anstrengender Irrfahrt endlich den richtigen Weg gefunden hat und sein Reiseziel vor sich sieht.

Vor langer Zeit, als er unter seinen Mitschülern als ein Jüngling von großen Hoffnungen berühmt gewesen, war er seines Vaters Leiche gefolgt. Seine Mutter war schon vor Jahren gestorben. Die feierlichen Worte, die der Geistliche an seines Vaters Grab gelesen, traten jetzt, wie er durch die dunkeln Straßen in dem schweren Schatten der Nacht ging, während hoch über ihm die Wolken hastig über den Mond flogen, vor seine Seele. „Ich bin die Auferstehung und das Leben, sagt der Herr, wer an mich glaubet der soll ewig leben, ob er auch stürbe: und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.“

In einer, von der Guillotine beherrschten Stadt, in nächtlicher Einsamkeit, mit natürlicher Theilnahme an dem Schicksale der Dreiundsechszig, welche an diesem Tage hingerichtet worden und an das der Opfer des morgenden Tages, die ihr Schicksal in den Gefängnissen erwarteten, und der Opfer noch so vieler zu erwartenden Morgen, war die Ideenverbindung, welche ihm diesen Spruch in’s Gedächtniß brachte leicht zu finden. Er suchte sie nicht, sondern wiederholte den Spruch und ging weiter.

Mit einem feierlichen Interesse an den erleuchteten Fenstern, wo Leute schlafen gingen, ein paar stille Stunden hindurch die sie umgebenden Schrecken vergessend; an den Thürmen der Kirchen, wo keine Gebete zum Himmel drangen, denn so weit auf dem Wege zur Selbstvernichtung war im Volke die Reaction durch lange Jahre priesterlichen Truges, priesterlichen Plünderung und Ausschweifung zurückgeprallt; an den entlegenen Friedhöfen, jetzt, wie über dem Eingang stand „dem ewigen Schlummer gewidmet“; an den übervollen Kerkern; und an den Straßen, durch welche die Verurtheilten schockweise zu einem Tode fuhren, der so alltäglich und handgreiflich geworden war, daß das Volk an all dieses blutige Arbeiten der Guillotine nicht einmal eine Gespenstersage zu knüpfen wußte; mit einem feierlichen Interesse an dem ganzen Leben und Sterben der Stadt, die allmälich in die kurze nächtliche Unterbrechung ihres täglichen Wüthens versank, ging Sydney Carton wieder über die Seine, um die helleren Straßen aufzusuchen.

Man sah nur wenige Kutschen; denn wer in Kutschen fuhr ward leicht verdächtig, und Vornehmheit setzte auf den Kopf eine rothe Nachtmütze und zog schwere Schuhe an und ging zu Fuß. Aber die Theater waren alle gefüllt und die Leute strömten in heiterer Stimmung heraus, wie er vorbeiging, und begaben sich plaudernd nach Hause. An der Thür eines der Theater stand ein kleines Mädchen mit einer Mutter, die einen Uebergang über die Straße durch den Schmutz suchten. Er trug die Kleine hinüber und bat sie, ehe der schüchterne Arm sich von seinem Hals los machte, um einen Kuß.

„Ich bin die Auferstehung und das Leben, spricht der Herr, wer an mich glaubet der wird ewig leben, ob er auch stürbe: und wer lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.“

Jetzt wo die Straßen still waren und die Nacht sich eingestellt hatte, klangen die Worte aus dem Widerhall seiner Schritte und aus der Luft. Vollkommen ruhig und gefaßt sprach er sie manchmal vor sich hin wie er seines Weges ging; aber er hörte sie immer.

Die Nacht verging und wie er auf der Brücke stand und dem Wasser lauschte, das an den Uferrändern der Insel von Paris plätscherte, wo die malerische Verwirrung von Häusern und Dom hell im Mondlichte schien, kam kalt der Tag und sah wie ein Leichengesicht aus dem Himmel herunter. Da wurde die Nacht mit dem Mond und den Sternen blaß und starb, und für eine kurze Zeit schien die Schöpfung der Herrschaft des Todes übergeben zu sein.

Aber die herrliche Sonne ging auf und schien diese Worte, welche die ganze Nacht ihn umklungen hatten mit ihren langen und hellen Strahlen gerade und warm ihm in’s Herz zu senden. Und wie er voll Ehrfurcht das Auge zum Himmel erhob, schien sich eine Lichtbrücke zwischen ihm und der Sonne durch die Luft zu wölben, während der Strom unter ihm funkelte.

Die starke Strömung, so schnell, so tief und so sicher, war in der Morgenstille wie ein gleich gestimmter Freund. Er ging den Fluß entlang weit von den Häusern, und schlummerte in dem warmen Sonnenscheine am Ufer ein. Als er wieder erwachte und aufstand, blieb er noch eine kleine Weile stehen und sah einem Wirbel zu, der sich zwecklos bis der Strom ihn verschlang drehte, um ihn hinaus in’s Meer zu tragen. -- „Gleich mir!“

Ein Boot mit einem Segel von der Farbe eines halbgebleichten, todten Blattes kam jetzt langsam den Fluß herunter, trieb vor ihm vorbei und verschwand in der Ferne. Wie auch die Furche, die es im Wasser gezogen, verschwunden war, schloß er das Gebet um barmherzige Erwägung seiner Fehler und Irrthümer, das sich aus seinem Herzen losgerungen, mit den Worten: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“

Mr. Lorry war bereits ausgegangen als er zu ihm kam und es war leicht zu vermuthen, wo der gute Alte war. Sydney Carton trank nur eine Tasse Kaffee, aß ein wenig Brot und begab sich, nachdem er sich gewaschen und die Wäsche gewechselt, nach dem Gerichtssaal.

Dort war schon Alles lebendig und laut, als das schwarze Schaf -- vor dem viele scheu zurückwichen -- ihn in eine dunkle Ecke unter den Zuschauern drängte. Mr. Lorry war da und _Dr._ Manette war da. Sie war da, und saß neben ihrem Vater.

Als man ihren Gatten hereinführte, sah sie ihn mit einem Blick an, so tröstend, so ermuthigend, so voll bewundernder Liebe und zärtlichem Mitleid und doch so muthvoll um seinetwillen, daß er ihm das gesunde Blut in das Antlitz rief, seine Blicke strahlen machte und sein Herz mit neuem Leben erfüllte. Wäre Jemand dagewesen um die Wirkung ihres Blickes auf Sydney Carton zu beobachten, so hätte er genau dieselben Folgen gesehen.

Vor diesem ungerechten Gericht gab es keine, oder so gut wie keine Ordnung im Verfahren, welche dem Angeklagten angemessenes Gehör sicherte. Es hätte gar keine solche Revolution stattfinden können, wenn alle Gesetze, Formen und Ceremonien nicht erst so ungeheuerlich mißbraucht worden wären, daß die selbstmörderische Rache der Revolution von selbst auf den Gedanken kam, sie alle in den Wind zu schlagen.

Die Augen Aller wendeten sich auf die Geschworenen. Dieselben gesinnungstüchtigen Patrioten und guten Republikaner, wie Gestern und Vorgestern und Morgen und Uebermorgen. Hervorstechend war einer unter ihnen, ein Mann mit einem gierigen Gesicht, dessen Finger sich beständig um seine Lippen bewegten und dessen Aussehen die Zuschauer sehr befriedigte. Ein mordlustiger, cannibalenhaft aussehender, blutdürstiger Geschworener war dieser Jacques Drei von St. Antoine. Die ganze Jury sah aus wie eine Jury von Hunden, eingeschworen um Wild zu verurtheilen.

Aller Augen wendeten sich nun auf die fünf Richter und den öffentlichen Ankläger. Dort war heute keine Milde zu erwarten. Grausame, unnachgiebige, mörderische Geschäftsgesichter. Dann suchte jedes Auge ein anderes Auge im Gedränge und wechselte mit ihm einen beifälligen Blick; und Köpfe nickten sich einander zu, bevor sie mit gespannter Aufmerksamkeit sich vorwärtsdrängten.

Charles Evrémonde, genannt Darnay. Gestern freigelassen, von Neuem angeklagt und wieder verhaftet. Anklage ihm gestern Nacht übergeben. Verdächtig und angeklagt als Feind der Republik, Aristokrat, Mitglied einer Tyrannenfamilie, eines Geschlechts das geächtet, weil es seine abgeschafften Privilegien zur schändlichen Bedrückung des Volkes gebraucht. Charles Evrémonde, genannt Darnay, in Folge dieser Aechtung unbedingt todt vor dem Gesetz.

So ungefähr in ebenso wenig oder weniger Worten sprach der öffentliche Ankläger. Der Präsident fragte, ob der Angeklagte offen oder geheim denuncirt sei?

„Offen, Präsident.“

„Von wem?“

„Von drei Stimmen. Ernest Defarge, Weinschenk in St. Antoine.“

„Gut.“

„Therese Defarge, seine Frau.“

„Gut.“

„Alexander Manette, Arzt.“

Ein großer Lärm entstand im Saale und in demselben sah man _Dr._ Manette blaß und zitternd von seinem Platz aufspringen.

„Präsident, ich protestire mit Entrüstung gegen diese Angabe als eine Fälschung und einen Betrug. Ihr wißt, daß der Angeklagte der Gatte meiner Tochter ist. Meine Tochter und die zu ihr gehören sind mir lieber als das Leben. Wo und wer ist der falsche Verschwörer, welcher sagt, daß ich den Gatten meines Kindes anklage?“

„Seid ruhig, Bürger Manette. Der Autorität des Gerichts den Gehorsam verweigern, würde Euch selbst außerhalb des Gesetzes stellen. Was Ihr da sagt vom theurer sein als Euer Leben, so kann einem guten Bürger Nichts so theuer sein wie die Republik!“

Lauter Beifall begrüßte diese Zurechtweisung. Der Präsident klingelte und begann mit Wärme von Neuem.

„Wenn die Republik von Euch das Opfer Eures eigenen Kindes verlangte, so hättet Ihr keine andere Pflicht, als es zu opfern. Hört auf das, was der Ankläger zu sagen hat. Bis dahin schweigt.“

Wüthender Beifall ertönte ringsum. _Dr._ Manette nahm seinen Platz ein während er sich mit zitternden Lippen umschauete; seine Tochter drängte sich dichter an ihn heran. Der gierige Mann unter den Geschworenen rieb sich die Hände und brachte dann von Neuem die Finger an den Mund.

So wie die Ruhe soweit hergestellt worden war um eine Fortsetzung des Verfahrens möglich zu machen, ward Defarge aufgerufen, der in kurzen Worten auseinander setzte, daß er als bloßer Knabe noch im Dienste des Doctors gestanden, als dieser verhaftet worden, und dann über seine Befreiung und über den Zustand in welchem ihm der Doctor nach seiner Freilassung übergeben worden, berichtete. Darauf folgte noch ein kurzes Verhör, denn das Gericht verrichtete seine Arbeit schnell.

„Ihr habt gute Dienste bei der Einnahme der Bastille geleistet, Bürger?“

„Ich glaube.“

Hier kreischte ein aufgeregtes Weib aus dem Gedränge heraus: „Ihr waret dort einer der besten Patrioten. Warum soll man es nicht sagen? Ihr bedientet an jenem Tage ein Geschütz und waret unter den ersten die in das verwünschte Nest eindrangen. Patrioten, ich spreche die Wahrheit!“

Es war der Racheengel, der, stürmisch gelobt von dem lauten Beifall der Zuhörer, sich so in die Verhandlung mischte.

Der Präsident klingelte; aber der Racheengel, durch die ihm zu Theil gewordene Aufmunterung warm geworden, kreischte: „was geht mich die Klingel an!“ wofür er wiederum rauschendes Lob erntete.

„Erzählt dem Gericht, was Ihr an jenem Tage in der Bastille gethan habt, Bürger.“

„Ich wußte,“ sagte Defarge, während er hinab auf seine Frau sah, die unten an den Stufen stand, auf die er getreten war und ihn fest im Auge behielt; „ich wußte daß dieser Gefangene, von dem ich spreche, in einer Zelle, genannt 105 Nordthurm, gesessen hatte. Ich wußte das von ihm selbst. Er kannte sich selbst bei keinem andern Namen als 105 Nordthurm, als er unter meiner Obhut Schuhe machte. Als ich meine Kanone an jenem Tage bediente, nahm ich mir vor, wenn wir den Platz einnehmen sollten, die Zelle zu untersuchen. Wir nahmen ihn ein. Mit einem Mitbürger, der sich unter den Geschworenen befindet, begebe ich mich, von einem Kerkermeister geleitet, nach der Zelle. Ich durchsuche sie ganz genau. In einem Loch im Schornstein, wo ein Stein herausgearbeitet und wieder hineingesetzt worden, finde ich ein beschriebenes Papier. Dies ist das beschriebene Papier. Ich habe es mir zur Obliegenheit gemacht, mehrere Proben der Handschrift _Dr._ Manette’s zu besichtigen. Dies ist die Handschrift _Dr._ Manette’s. Ich lege dies Papier, geschrieben von der Hand des _Dr._ Manette in die Hände des Präsidenten.“

„Man lese es vor.“

Unter tiefstem Schweigen, wobei der vor Gericht gestellte Gefangene zärtlich seine Gattin ansah, seine Gattin nur ihre Augen von ihm abwendete, um mit bekümmerter Theilnahme ihren Vater zu betrachten, _Dr._ Manette seinen Blick auf den Vorleser geheftet hielt, Madame Defarge die ihrigen nie von dem Gefangenen abwendete, Defarge mit seinem Auge nie das schon im Vorgenusse schwelgende Auge seiner Frau verließ, und alle anderen Blicke sich gespannt auf den Doctor wendeten, der Niemanden ringsum sah, ward das Papier verlesen.

Zehntes Kapitel.

Das Wesen des Schattens.

„Ich, Alexander Manette, unglücklicher Arzt, geboren in Beauvais und später wohnhaft in Paris, schreibe diese traurige Geschichte in meiner Jammerzelle in der Bastille im letzten Monat des Jahres 1767. Ich schreibe es auf den Raub, in seltenen Zwischenräumen, unter jeder Schwierigkeit. Ich gedenke es in der Schornsteinwand zu verstecken, wo ich langsam und mühsam einen sicheren Platz für dasselbe hergestellt habe. Dort findet es vielleicht eine mitleidige Hand, wenn ich und mein Schmerz unter der Erde sind. Ich schreibe diese Worte nur mit einem verrosteten Nagel und mit abgeschabtem Ruß aus dem Schornstein, untermischt mit Blut, im letzten Monat des zehnten Jahres meiner Gefangenschaft. Hoffnung ist ganz aus meiner Brust verschwunden. Ich weiß aus schrecklichen Symptomen die ich an mir bemerkt habe, daß mein Geist nicht lange mehr ungeschwächt bleiben wird, aber ich erkläre feierlich, daß ich gegenwärtig noch im vollen Besitz meiner geistigen Kräfte bin -- daß mein Gedächtniß gut und zuverlässig ist -- und daß ich die Wahrheit schreibe, so wahr ich für diese, meine letzten niedergeschriebenen Worte, mögen sie von menschlichen Augen gelesen werden oder nicht, vor dem ewigen Gott Rechenschaft ablegen muß.

„In einer bewölkten Mondscheinnacht in der dritten Woche des Decembers (ich glaube es war der zweiundzwanzigste dieses Monats) im Jahre 1757, ging ich um frische Luft zu schöpfen auf einem abgelegenen Theile des Seine-Quais ungefähr eine Stunde Wegs von meiner Wohnung in der Straße der medicinischen Schule spazieren, als ein Wagen sich mir in sehr raschem Laufe näherte. Wie ich zur Seite trat um den Wagen vorbeizulassen, da er mich sonst hätte umfahren können, sah ein Kopf zum Fenster heraus und eine Stimme rief dem Kutscher zu zu halten.

„Der Wagen hielt, sowie der Kutscher die Pferde zügeln konnte, und dieselbe Stimme rief mich beim Namen. Ich antwortete. Der Wagen war jetzt mir soweit voraus, daß zwei Herren Zeit hatten die Kutschenthür zu öffnen und auszusteigen ehe ich sie erreichte. Ich bemerkte, daß beide in Mäntel gehüllt waren, wie es schien um nicht erkannt zu werden. Wie sie nebeneinander, nicht weit von dem Wagentritt, standen, bemerkte ich auch, daß sie beide von meinem Alter sein mochten, oder eher jünger und daß sie sich sehr ähnlich waren im Wuchs, in der Haltung, in der Stimme und soweit ich sehen konnte, auch im Gesicht.

„„Sie sind _Dr._ Manette?“ sagte der Eine.

„„Ja.“

„„_Dr._ Manette, früher in Beauvais,“ sprach der Andere; „„der junge Arzt, ursprünglich ein geschickter Chirurg, der seit den letzten paar Jahren in Paris zu solchem Ruf gelangt ist?“

„„Meine Herren,“ gab ich zurück, „„ich bin der _Dr._ Manette von dem sie in so schmeichelhaften Ausdrücken sprechen.“

„„Wir waren in Ihrer Wohnung,“ sagte der Erste, „„und da wir nicht so glücklich waren Sie dort zu finden und hörten, daß Sie wahrscheinlich in dieser Gegend spazieren gingen, fuhren wir hierher in der Hoffnung Ihnen zu begegnen. Wollen Sie gefälligst in den Wagen steigen?“

„Die Manier beider war gebieterisch und während des eben erwähnten Gesprächs hatten sich beide so gestellt, daß sie zwischen mir und der Wagenthür standen. Sie waren bewaffnet. Ich nicht.“

„„Meine Herren,“ sagte ich, „„verzeihen Sie mir; aber ich erkundige mich gewöhnlich, wer mir die Ehre erweist, meine Hülfe in Anspruch zu nehmen und von welcher Beschaffenheit der Fall ist, wo ich Hülfe leisten soll.“

„Die Antwort die ich darauf von dem erhielt, der als Zweiter gesprochen hatte, war: „„Doctor, Ihre Clienten sind Leute vom Stande. Was die Beschaffenheit des Falls betrifft, so sagt uns unser Vertrauen auf Ihre Kunst, daß Sie denselben viel besser durch eigene Anschauung kennen lernen werden, als wir ihn Ihnen beschreiben können. Genug. Wollen Sie gefälligst in den Wagen steigen?“

„Ich konnte Nichts thun als mich fügen und stieg schweigend ein. Beide folgten mir und der Letzte sprang herein, nachdem der Tritt aufgeklappt war. Der Wagen ward gewendet und fuhr mit der früheren Schnelligkeit davon.

„Ich wiederhole diese Unterredung genau so, wie sie vor sich ging. Ich bezweifle nicht, daß sie Wort für Wort dieselbe war. Ich beschreibe Alles genau so, wie es sich zutrug und zwinge meinen Geist, nicht von seinem Gegenstande abzuschweifen. Wo ich die Zeichen mache, die hier folgen, breche ich vor der Hand ab und verberge meine Papiere im Versteck. ****

„Der Wagen hatte die Straße bald hinter sich, fuhr zur Nord-Barriere hinaus und auf der Landstraße weiter. Ohngefähr drei Viertelstunden vor der Barriere -- ich schätzte damals die Entfernung nicht ab, aber bei einer spätern Gelegenheit -- lenkte der Wagen von der Hauptstraße ab und hielt gleich darauf vor einem einsam gelegenen Hause. Wir stiegen alle Drei aus und gingen auf einem weichen, feuchten Fußwege durch einen Garten, wo ein vernachlässigter Springbrunnen übergelaufen war, nach der Hausthür. Auf das Schellen mit der Glocke ward sie nicht sofort geöffnet und einer meiner Führer schlug den Mann, der an die Thür kam, mit einem schweren Reithandschuh ins Gesicht.

„Es war nichts in dieser Handlung, was meine besondere Aufmerksamkeit erregte; denn ich hatte gemeine Leute öfter wie Hunde schlagen sehen. Aber der Andere von den Brüdern, der ebenfalls ärgerlich war, schlug den Mann auch und dabei waren die Brüder in Haltung und Aussehen so vollkommen gleich, daß ich jetzt gewahr wurde, es waren Zwillingsbrüder.

„Schon wie wir am äußern Thor (das verschlossen war und das einer der Brüder, um uns einzulassen, geöffnet und dann von Neuem zugeschlossen hatte) abgestiegen waren, hatte ich ein lautes Schreien von einem obern Zimmer her gehört. Man führte mich geradewegs nach diesem Zimmer; das Schreien wurde immer lauter, wie wir die Treppe hinauf stiegen, und ich fand eine Kranke im hitzigen Fieber auf einem Bett liegen.

„Die Kranke war ein Weib von großer Schönheit und jung; jedenfalls nicht viel über Zwanzig. Ihr Haar war wirr und zerzaust und ihre Arme mit Schärpen und Taschentüchern niedergebunden. Ich bemerkte, daß diese Binden alle von Herrenkleidern herrührten. Auf einer derselben, einer mit Fransen besetzten Schärpe für einen Festanzug, sah ich ein adliches Wappen und den Buchstaben _E_ eingestickt.

„Ich sah dies in der ersten Minute, wo ich vor der Kranken stand; denn in ihren ruhelosen Bewegungen hatte sie sich auf dem Rande des Bettes auf das Gesicht gelegt, das Ende der Schärpe in den Mund bekommen und lief Gefahr zu ersticken. Mein Erstes war, meine Hand auszustrecken, um ihr freies Athmen zu verschaffen, und wie ich die Schärpe auf die Seite schob, fiel mein Blick auf die Stickerei in dem Zipfel.

„Ich wendete sie sanft um, legte meine Hände auf ihre Brust, um sie zu beruhigen und sah ihr in’s Gesicht. Ihre Augen standen weit offen und waren ganz verstört, und sie stieß fortwährend durchdringendes Geschrei aus und wiederholte die Worte: „Mein Mann, mein Vater und mein Bruder!“ und zählte dann bis zwölf und sagte: „„still!“ Einen Augenblick und nicht länger hielt sie inne, um zu horchen, und dann fing sie wieder an zu schreien und wiederholte die Worte: „„Mein Mann, mein Vater und mein Bruder!“ und zählte bis zwölf und sagte „„still!“ Immer in derselben Ordnung und in derselben Weise. Es fand auch keine Unterbrechung statt außer der einzigen, regelmäßigen kurzen Pause und immer wieder fing die Reihe der Schmerzensrufe von vorn an.“

„„Wie lange hat dies gedauert?“ fragte ich.

„Zur Unterscheidung will ich die Brüder den älteren und den jüngeren nennen; mit dem Aelteren meine ich denjenigen, der die meiste Autorität ausübte. Der Aeltere antwortete jetzt: „„seit ungefähr dieser Stunde in letzter Nacht.“

„„Sie hat einen Mann, einen Vater und einen Bruder?“

„„Einen Bruder.“

„„Ich spreche nicht mit ihrem Bruder?“

„Er antwortete mit großer Verachtung: „„Nein.“

„„Ihre Gedanken müssen neuerlich mit der Zahl 12 zu thun gehabt haben?“

„Der jüngere Bruder warf ungeduldig ein: „„mit 12 Uhr.“

„„Sehen Sie, meine Herren,“ sagte ich, während ich immer noch die Hände auf ihrer Brust ruhen ließ, „„wie unnütz ich so, wie sie mich hergebracht haben, hier bin. Wenn ich gewußt hätte, was ich hier finden würde, hätte ich mich versorgen können. So geht unwiederbringliche Zeit verloren. In diesem abgelegenen Hause sind jedenfalls keine Arzneien zu haben.“

„Der ältere Bruder sah den jüngern an, welcher gleichgültig zur Antwort gab: „„es ist ein Medizinkasten hier“ und ihn aus einem Alkoven brachte und auf den Tisch stellte. ****

„Ich machte einige von den Fläschchen auf, roch daran und brachte den Stöpsel an die Lippen. Wenn ich etwas Anderes als narkotische Arzneien, die für sich schon Gift waren, hätte anwenden können, so durfte ich diese nicht gebrauchen.“

„„Trauen Sie den Arzneien nicht?“ sagte der jüngere Bruder.

„„Sie sehen, Monsieur, daß ich von ihnen Gebrauch machen will,“ gab ich zur Antwort und sagte weiter Nichts. Mit großer Schwierigkeit und nach vielen Bemühungen gelang es mir der Kranken die gewünschte Dosis einzuflößen. Da ich sie nach einiger Zeit wiederholen wollte und ihre Wirkung beobachten mußte, setzte ich mich neben das Bett nieder. Als Aufwärterin diente ein verschüchtertes und gedrücktes Weib (die Frau des Mannes, der uns geöffnet hatte), das in einer Ecke stand. Das Haus war feucht und verfallen, mittelmäßig ausgestattet -- offenbar vor kurzem erst und nur vorübergehend bewohnt. Die Fenster waren mit dicken, alten Tapeten zugenagelt um den Schall des Schreiens abzudämpfen. Dieses dauerte immer noch in seiner regelmäßigen Reihenfolge fort, das Geschrei: „„mein Mann, mein Vater und mein Bruder!“ das Zählen bis 12 und „„still!“ Die Kranke raste so heftig, daß ich mir nicht getraute die Binden von den Armen zu entfernen; aber ich hatte nachgesehen, daß sie nicht schmerzten. Das Einzige, was mich bei dem Fall ermuthigte, war, daß meine Hand auf der Brust der Leidenden so viel besänftigenden Einfluß hatte, daß minutenlange Unterbrechungen in den krampfhaften Bewegungen des Körpers eintraten. Auf das Geschrei machte dies keinen Eindruck; kein Pendel konnte regelmäßiger sein.“

„Weil meine Hand diese Wirkung hervorrief, hatte ich wol eine halbe Stunde neben dem Bett gesessen und die beiden Brüder waren im Zimmer geblieben, bevor der Aeltere sagte:

„Es ist noch ein anderer Kranker da.“