Zwei Städte

Part 30

Chapter 303,797 wordsPublic domain

„Meinen Sie wirklich, Sir?“

„Ich bin in diesem Punkte fest entschlossen.“

Das geschmeidige Wesen des Spions, das so seltsam von der zur Schau getragenen Grobheit seiner Kleider und wahrscheinlich auch von seinem gewöhnlichen Benehmen abstach, sah sich so vollständig geschlagen von der Undurchdringlichkeit Cartons -- der ein Geheimniß für ehrlichere und weisere Männer war -- daß er ganz und gar unsicher ward. Während er noch unentschlossen dasaß fing Carton wieder an, immer noch als ob er sein Spiel durchmusterte:

„Und wahrhaftig, wenn ich mir es näher überlege, sollte ich fast meinen, ich hätte noch eine andere gute Karte hier, die ich noch nicht aufgezählt habe. Dieser Freund und Mitspion, der wie wir sagten in der Provinz angestellt ist; wer war das?“

„Ein Franzose. Sie kennen ihn nicht,“ sagte der Spion rasch.

„Ein Franzose?“ wiederholte Carton nachdenklich und als ob er gar nicht auf ihn hörte, obgleich er das Wort wiederholte. „Hm; wohl möglich.“

„Er ist ein Franzose, auf mein Wort,“ sagte der Spion; „obgleich es nicht von Wichtigkeit ist.“

„Obgleich es nicht von Wichtigkeit ist,“ wiederholte Carton in derselben mechanischen Weise -- „obgleich es nicht von Wichtigkeit ist -- nein, es ist nicht von Wichtigkeit. Nein. Und doch kenne ich das Gesicht.“

„Ich glaube nicht. Ganz gewiß nicht. Es ist unmöglich,“ sagte der Spion.

„Unmöglich,“ sagte Sydney Carton, halblaut und nachdenklich vor sich hin, während er sich noch ein Glas (es war zum Glück ein kleines) einschenkte. „Unmöglich! Sprach gut Französisch. Aber doch mit einem fremden Accent, wie mir vorkam.“

„Mit einem Accent aus der Provinz,“ sagte der Spion.

„Nein. Mit einem fremden Accent!“ rief Carton aus und schlug mit der offenen Hand auf den Tisch, wie es auf einmal hell in ihm wurde. „Cly! verkleidet, aber derselbe Mann. Wir hatten den Menschen in Old-Bailey vor.“

„Diesmal übereilen Sie sich, Sir,“ sagte Barsad mit einem Lächeln, das seiner Adlernase eine Extrawendung nach einer Seite gab; „hier räumen Sie mir wirklich einen Vortheil über Sie ein. Cly (von dem ich jetzt, da es so lange her ist, unverholen sagen kann, daß er mein Compagnon war) ist seit mehreren Jahren todt. Ich habe ihn in seiner letzten Krankheit gepflegt. Er ist in London begraben, auf dem Kirchhofe von St. Pancratz im Felde. Seine damalige Unpopularität bei dem ungezogenen Pöbel hielt mich ab seiner Leiche zu folgen, aber ich habe ihn mit in den Sarg gelegt.“

Hier bemerkte Mr. Lorry von seinem Sitz aus einen höchst merkwürdigen, spukhaften Schatten an der Wand. Seiner Entstehung nachgebend, entdeckte er daß sein Ursprung ein plötzliches, außerordentliches Emporsträuben und Steiferwerden aller ohne dies schon emporgesträubten und steifen Haare auf Mr. Crunchers Haupt war.

„Lassen Sie uns verständig und billig sein,“ sagte der Spion. „Um Ihnen zu zeigen wie sehr Sie sich irren und wie unbegründet Ihre Annahme ist, will ich Ihnen ein Certificat über Cly’s Beerdigung vorlegen, das ich zufällig in meinem Taschenbuche habe“ -- er holte es mit unruhiger Eile aus der Tasche und machte es auf. „Da ist es, o sehen Sie es an, sehen Sie es an! Sie können es in die Hand nehmen; es ist keine Fälschung.“

Hier sah Mr. Lorry, wie der Schatten an der Wand länger wurde und Mr. Cruncher aufstand und vortrat.

Ungesehen von dem Spion stand er neben demselben und legte wie ein Polizeidienergespenst die Hand auf seine Schulter.

„Diesen Roger Cly, Master,“ sagte Mr. Cruncher mit einem undurchdringlichen Gesichte. „Den haben ~Sie~ in den Sarg gelegt?“

„Jawohl.“

„Wer hat ihn denn herausgenommen?“

Barsad sank in seinen Stuhl zurück und stotterte: „was wollt Ihr damit sagen?“

„Ich will sagen,“ versetzte Mr. Cruncher, „daß er gar nicht d’rin gewesen ist. Nein, ganz gewiß nicht! Ich will mir den Kopf abhacken lassen, wenn er jemals d’rin gewesen ist.“

Der Spion sah die beiden Herren der Reihe nach an; beide betrachteten mit sprachlosem Erstaunen Jerry.

„Ich will’s Euch sagen,“ versetzte Jerry, „Pflastersteine und Erde habt Ihr in dem Sarge begraben. Kommt ~mir~ nicht mit Eurer Geschichte, Ihr hättet Cly begraben. Das war reiner Leim. Ich und zwei andere wissen es.“

„Woher wißt Ihr es?“

„Was geht das Euch an? Teufel,“ prahlte Mr. Cruncher, „mit Euch habe ich es also von alter Zeit her zu thun wegen Eurer schändlichen Betrügereien an ehrlichen Gewerbsleuten! Ich will Euch bei der Kehle packen und erdrosseln für eine halbe Guinee.“

Sydney Carton, der mit Mr. Lorry bei dieser neuen Wendung vor Staunen verstummt war, forderte jetzt Mr. Cruncher auf, sich zu mäßigen und sich zu erklären.

„Ein andermal, Sir,“ entgegnete dieser ausweichend „es ist jetzt keine gute Zeit zum Erklären. Wobei ich bleibe, ist, daß er recht gut weiß, daß Cly niemals im Sarge gelegen hat. Wenn er nur mit einem Wort von einer einzigen Silbe behaupten will, er hätte d’rin gelegen, so packe ich ihn entweder an der Kehle und erdrossele ihn für eine halbe Guinee“ -- Mr. Cruncher wiederholte das, als ob es ein ganz großmüthiges Anerbieten sei -- „oder ich gehe fort und zeige ihn an.“

„Hm! eins ist gewiß,“ sagte Carton. „Ich habe noch eine Trumpfkarte, Mr. Barsad. Unmöglich können Sie hier, in diesem wüthenden Paris, wo Argwohn die Luft erfüllt, eine Anklage überleben, wenn Sie im Verkehr mit einem andern aristokratischen Spion stehen, der dieselben Antecedenzien hat wie Sie, und bei dem außerdem der verdächtige Umstand zu bedenken ist, daß er sich todt gestellt hat, und wieder lebendig geworden ist! Ein Complot in den Gefängnissen, angezettelt von dem Ausländer gegen die Republik. Eine hohe Karte -- eine sichere Guillotinenkarte! Halten Sie die Partie?“

„Nein!“ entgegnete der Spion. „Ich gebe sie auf. Ich gebe zu, daß wir so unpopulär bei dem zuchtlosen Pöbel waren, daß ich nur auf die Gefahr hin, in einer Pferdeschwemme ertränkt zu werden, England verlassen konnte, und daß Cly so hin und her gehetzt ward, daß er ohne diesen Betrug gar nicht lebendig fortgekommen wäre. Aber wie dieser Mann weiß, daß es ein Gaukelspiel war, ist mir ein Wunder über alle Wunder.“

„Zerbrecht Euch nicht den Kopf über diesen Mann,“ entgegnete der streitfertige Mr. Cruncher; „es wird Euch Mühe genug machen diesem Herrn Eure Aufmerksamkeit zu schenken. Und merkt’s Euch noch einmal!“ -- Mr. Cruncher ließ sich nicht abhalten seine Großmuth etwas auffällig zur Schau zu tragen -- „ich packe Euch an der Kehle und erdrossele Euch für eine halbe Guinee.“

Der Spion wendete sich von ihm an Sydney Carton und sagte mit mehr Entschiedenheit: „wir müssen zum Abschluß kommen. Ich muß bald auf meinen Posten und meine Zeit pünktlich einhalten. Sie sagten, Sie hätten mir einen Vorschlag zu machen; wie lautet er? Ich erkläre Ihnen von vorn herein, es nützt Ihnen Nichts, zuviel von mir zu verlangen. Verlangen Sie Etwas von mir in meiner amtlichen Stellung, was meinen Kopf in außerordentliche Gefahr bringt, so will ich mein Leben lieber auf die Chancen einer abschläglichen, als einer zustimmenden Antwort wagen. So würde ich meine Wahl treffen. Sie sprachen von Verzweiflung. Wir alle hier sind verzweifelt. Vergessen Sie nicht! ich kann Sie anklagen, wenn ich es für gut finde und ich kann mich durch steinerne Mauern hindurchschwören und Andere können das auch. Nun sagen Sie, was wollen Sie von mir?“

„Nicht sehr viel. Sie sind Schließer in der Conciergerie?“

„Ich sage Ihnen ein für allemal, es ist durchaus kein Entweichen möglich,“ sagte der Spion fest.

„Warum sagen Sie mir Etwas wonach ich nicht gefragt habe? Sie sind Schließer in der Conciergerie?“

„Zuweilen.“

„Sie können es sein wann Sie wollen?“

„Ich habe zu allen Zeiten freien Zutritt dort.“

Sydney Carton schenkte noch ein Glas Branntwein ein, goß es langsam auf die Asche aus und sah zu wie sich die Flüssigkeit verlief. Als der letzte Tropfen den Boden erreicht hatte, stand er auf und sagte:

„Soweit haben wir von diesen beiden Herren gesprochen, weil ich wünschte, daß die Stärke meines Spiels nicht blos uns zweien bekannt sei. Kommen Sie hier in das dunkele Zimmer, wo ich noch ein letztes Wort mit Ihnen zu sprechen habe.“

Neuntes Kapitel.

Das Spiel ist gemacht.

Während Sydney Carton und der Spion in dem dunklen Nebenzimmer waren und so leise miteinander verhandelten, daß man auch keinen Ton hörte, sah Mr. Lorry Jerry mit nicht geringem Zweifel und Mißtrauen an. Die Art, wie dieser ehrliche Gewerbsmann sich dabei benahm, war nicht geeignet, Vertrauen einzuflößen; er wechselte das Bein auf welchem er stand so oft, als ob er fünfzig dieser Gliedmaßen hätte und sie alle nacheinander versuchte; er besah sich die Fingernägel mit sehr verdächtiger Aufmerksamkeit; und so oft er Mr. Lorry’s Blick begegnete, befiel ihn der eigenthümliche, trockene Husten, der die hohle Hand vor den Mund zu führen pflegt und selten, wenn jemals, eine mit vollkommener Offenheit des Charakters verbundene Schwäche ist.

„Jerry,“ sagte Mr. Lorry, „tretet näher.“

Mr. Cruncher näherte sich ihm seitlings, die eine Schulter vor.

„Was seid Ihr noch gewesen außer Ausläufer?“

Nach einigem Nachdenken, begleitet von einem gespannten Blick auf seinen Gönner, kam Mr. Cruncher auf den glänzenden Einfall zu antworten: „agriculturischer Charakter.“

„Ich habe eine schlimme Ahnung,“ sagte Mr. Lorry und drohte ihm zürnend mit dem Zeigefinger, „daß Ihr das respectable und große Haus Tellson als falsches Schild benutzt habt und einer ungesetzlichen Beschäftigung der verworfensten Art nachgegangen seid. Wenn das der Fall gewesen ist, so erwartet nicht, daß ich ein gutes Wort für Euch einlege, wenn wir nach England zurückkehren. Wenn es der Fall gewesen ist, so erwartet nicht, daß ich Euer Geheimniß achte. Ich kann nicht dulden, daß Tellson’s hintergangen werden.“

„Ich hoffe, Sir,“ bat der beschämte Mr. Cruncher, „daß ein alter Herr wie Sie, dem ich die Ehre gehabt habe Ausläuferdienste zu leisten bis ich grau davon geworden bin, sich es zweimal überlegen wird, selbst wenn es an dem wäre -- ich sage nicht daß es ist, eben selbst wenn es wäre. Und was dabei zu bedenken ist, daß, wenn es wäre, selbst dann nicht alle Schuld auf eine Seite fiele. Es sind zwei Seiten bei der Sache. Es könnte Aerzte geben zur gegenwärtigen Stunde, die ihre Guineen verdienen, wo ein ehrlicher Gewerbsmann nicht seinen Dreier verdient. -- Dreier! Nein, noch nicht seinen halben Dreier -- halben Dreier! Nein, noch nicht seinen Vierteldreier -- die ihr Bankconto haben wie Dampf bei Tellsons, und verstohlen mit ihren medicinischen Augen den Gewerbsmann anzwinkern, während sie aus der Bank kommen und in ihren Wagen steigen -- Ah! auch mit Dampf, wenn nicht noch mit mehr. Na, das hieße auch Tellsons hinter’s Licht führen. Denn man kann nicht zur Gans Sauce geben und zum Gänserich keine. Und dann kommt Mrs. Cruncher oder kam wenigstens in der Altenglandzeit und würde morgen bei der ersten Veranlassung gegen das Geschäft in einer Weise rutschen, die ruinirlich wäre -- rein ruinirlich. Während die Weiber dieser Aerzte nicht rutschen -- die lassen’s bleiben! oder wenn sie rutschen, rutschen sie wegen mehr Patienten und wie kann man die Einen haben ohne die Anderen? Und dann sorgen die Leichenbesorger und die Kirchspielschreiber, und die Todtengräber, und die Privatwächter (alle geizig und alle dabei) dafür, daß ein Mann nicht viel dabei verdient, selbst wenn es so wäre. Und das Wenige, was ein Mann verdient würde ihm nie gedeihen, Mr. Lorry. Ja, es würde ihm nie gedeihen; er möchte immer gern das Geschäft aufgeben, wenn er nur wüßte wie er herauskommen sollte, wenn er einmal d’rin ist -- selbst wenn es so wäre.“

„Pfui!“ sagte Mr. Lorry, der trotzdem den Verbrecher mit milderem Auge ansah. „Schon der Gedanke empört mich, wenn ich Euch ansehe.“

„Um was ich Sie eben demüthig bitten wollte, Sir,“ fuhr Mr. Cruncher fort, „selbst wenn es so wäre, und ich sage nicht, daß es so ist“ --

„Keine Hinterzüge,“ sagte Mr. Lorry.

„Nein, ganz gewißlich nicht,“ entgegnete Mr. Cruncher, als ob seinen Gedanken oder seinem Thun nichts ferner läge -- „ich sage nicht, daß es so ist -- um was ich Sie demüthig bitten wollte ist Folgendes. Auf dem Stuhle wissen Sie, dort bei dem Temple-Thor drüben, sitzt mein Junge, auferzogen und aufgewachsen um bald ein Mann zu sein, der Ihnen Botenlaufen und Alles für Sie thun kann, bis Ihre Hacken sind, wo jetzt Ihr Kopf ist, wenn Sie es sonst wünschen. Wenn es so wäre, was ich noch gar nicht sage, (denn ich will keine Hinterzüge machen, Sir,) so lassen Sie diesen Jungen seines Vaters Stelle einnehmen und für seine Mutter sorgen; verrathen Sie den Vater dieses Jungen nicht -- thuen Sie es nicht, Sir, und lassen Sie den Vater einen ordentlichen Gräber werden, und wieder gut machen, was er schlecht gemacht hat durch Ausgraben -- wenn es so wäre -- indem er sie ordentlich und richtig einscharrt und ein verfluchter Kerl sein will, wenn er sie wieder ausgraben läßt. Das, Mr. Lorry,“ sagte Mr. Cruncher, und wischte sich die Stirn mit dem Rockärmel ab, zum Zeichen, daß er sich dem Schlusse seiner Rede näherte, „das ist’s, um was ich Sie bitten wollte, Sir. Der Mensch kann hier nicht ersehen wie schrecklich es zugeht, was Subjecte ohne Köpfe betrifft -- Gott! reichlich genug vorhanden, um den Preis herunter zu drücken bis auf’s Trägerlohn und kaum das, -- ohne seine ernsten Gedanken zu bekommen. Und das wären meine Gedanken, wenn es so wäre und ich bitte Sie nicht zu vergessen, daß ich das, was ich gesagt habe, in der guten Sache gesagt habe, wo ich hätte schweigen können.“

„Das wenigstens ist wahr,“ sagte Mr. Lorry. „Schweigen wir jetzt davon. Vielleicht werdet Ihr noch meine Fürsprache haben, wenn Ihr sie verdient und in Werken bereut -- nicht in Worten. Ich brauche keine Worte mehr.“

Mr. Cruncher fuhr mit den Knöcheln an die Stirn, als Sydney Carton und der Spion aus dem dunkeln Nebenzimmer erschienen. „Leben Sie wohl, Mr. Barsad!“ sagte der erstere; „unsere Verabredung ist getroffen und Sie haben Nichts weiter von mir zu fürchten.“

Er setzte sich auf einen Stuhl vor dem Kamin, Mr. Lorry gegenüber. Als sie allein waren, fragte Mr. Lorry, was er ausgerichtet habe?

„Nicht viel. Wenn es mit den Gefangenen schlimm gehen sollte, habe ich mir für einmal Zutritt zu ihm gesichert.“

Auf Mr. Lorry’s Gesicht sprach sich traurige Enttäuschung aus.

„Es ist Alles, was ich thun konnte,“ sagte Carton. „Zuviel verlangen hieße dieses Mannes Kopf unter das Beil bringen und wie er selbst sagt, es könnte ihm nichts Schlimmeres geschehen, wenn wir ihn denuncirten. Das war offenbar die schwache Seite unseres Spiels. Dem läßt sich nicht abhelfen.“

„Aber Zutritt zu ihm,“ sagte Mr. Lorry, „wenn es schlimm vor Gericht gehen sollte, kann ihn nicht retten.“

„Das habe ich nie gesagt.“

Mr. Lorry’s Augen suchten allmälig das Feuer; seine Theilnahme für Lucien und der schwere Schlag dieser zweiten Verhaftung, schwächten sie allmälig; er war jetzt ein alter Mann, in der letzten Zeit von vielem Kummer bedrückt, und Thränen rollten seine Wangen herab.

„Sie sind ein guter Mensch und ein treuer Freund,“ sagte Carton in einem andern Tone als bisher. „Verzeihen Sie, wenn ich Ihre Bewegung bemerke. Ich könnte nicht meinen Vater weinen sehen und achtlos dabei sitzen. Und ich könnte Ihren Schmerz nicht mehr achten, wenn Sie mein Vater wären. Doch dieses Unglück ist Ihnen erspart.“

Obgleich er diese letzten Worte mit einem Anklang seiner gewöhnlichen blasirten Weise sprach, war doch sowol im Tone seiner Stimme, wie in seiner Rührung so viel ächtes Gefühl und Achtung, daß Mr. Lorry, der ihn nie von seiner bessern Seite gesehen, ganz davon überrascht war. Er reichte ihm die Hand und Carton drückte sie sanft.

„Um wieder auf den armen Darnay zu kommen,“ sagte Carton. „Sagen Sie ~ihr~ nichts von dieser Zusammenkunft oder dieser Verabredung. Es würde ~sie~ nicht in den Stand setzen ihn zu sehen. Sie könnte glauben, es sollte im schlimmsten Falle dazu dienen ihm die Mittel zukommen zu lassen, dem Urtheil vorzugreifen.“

Mr. Lorry hatte daran nicht gedacht und er warf auf Carton einen raschen Blick, um zu sehen ob er so etwas im Sinne habe. Es schien so; er gab den Blick zurück und verstand ihn offenbar.

„Sie könnte sich tausenderlei denken,“ sagte Carton, „und jeder dieser Gedanken würde nur ihre Seelenangst vermehren. Sprechen Sie nicht zu mir von ihr; wie ich Ihnen sagte, als ich zuerst zu Ihnen kam: es ist besser, daß ich sie nicht sehe. Auch ohne das kann ich ihr die kleinen Hülfen leisten, zu denen sich vielleicht Gelegenheit findet. Sie gehen jedenfalls zu ihr? Ich bedaure sie aufrichtigst.“

„Ich gehe jetzt hin.“

„Das freut mich. Sie hängt so fest an Ihnen und verläßt sich so fest auf Sie. Wie sieht sie aus?“

„Bekümmert und unglücklich, aber sehr schön.“

„Ach!“

Es war ein langer, schmerzdurchdrungener Ton, wie ein Seufzer -- fast wie ein Schluchzen. Es veranlaßte Mr. Lorry’s Augen Carton anzusehen, dessen Gesicht dem Feuer zugewendet war. Ein Licht oder ein Schatten (der alte Herr hätte nicht sagen können, welches von beiden) verschwand von demselben so rasch, wie an einem stürmischen und doch schönen Tage ein Lichtwechsel über einen Wiesenhang fliegt, und er hob den Fuß um eins der kleinen brennenden Holzscheite, das von dem Heerde fallen wollte, zurückzuschieben. Er trug den weißen Reitrock und die Stolpenstiefeln, die damals Mode waren und der Gegensatz dieser hellen Tracht zu seinem langen braunen, zwanglos und fast ungeordnet um das Gesicht hängendem Haar, machte ihn sehr blaß aussehend. Seine Unbekümmertheit um Feuerschaden war merkwürdig genug, um Mr. Lorry zu einem warnenden Wort zu veranlassen; er hatte den Stiefel immer noch auf die sprühenden Kohlen des brennenden Scheites gesetzt, als es unter dem Gewicht seines Fußes zerquetscht wurde.

„Ich hatte es vergessen,“ sagte er.

Mr. Lorry mußte ihn wieder ansehen. Wie er die Angegriffenheit der von Natur schönen Züge bemerkte, konnte er nicht umhin, an den den Gefangenengesichtern eigenen Ausdruck zu denken, der ihm ja jetzt so oft vor Augen kam.

„Und Ihre Geschäftsobliegenheiten hier sind jetzt zu Ende, Sir?“ sagte Carton jetzt zu ihm.

„Ja. Wie ich Ihnen gestern Abend sagte, als Lucie so unerwartet kam, habe ich endlich Alles hier gethan, was gethan werden konnte. Ich hoffte sie in vollkommener Sicherheit zurückzulassen und dann von Paris abzureisen. Ich habe meinen Passirschein. Ich war reisefertig.“

Beide schwiegen.

„Sie können auf ein langes Leben zurücksehen, Sir,“ sprach Carton endlich sinnend.

„Ich stehe in meinem 78. Jahre.“

„Sie sind Ihr ganzes Leben lang von Nutzen gewesen; ausdauernd und beständig beschäftigt; mit Vertrauen, mit Achtung und Verehrung angesehen?“

„Ich bin Geschäftsmann gewesen seitdem ich Mann bin. Ja, ich kann wohl sagen schon als Jüngling.“

„Und sehen Sie, welche Stelle Sie mit 78 Jahren einnehmen. Wie viele Leute werden Sie vermissen, wenn sie leer ist!“

„Ein einsamer alter Junggeselle,“ gab Mr. Lorry kopfschüttelnd zur Antwort. „Niemand wird mir eine Thräne nachweinen.“

„Wie können Sie das sagen? Würde ~sie~ nicht um Sie weinen? und ihr Kind nicht?“

„Ja, ja, Gott sei Dank. Ich nahm’ es nicht so genau mit meinen Worten.“

„Es ist ein Grund, Gott dafür zu danken; nicht?“

„Gewiß, gewiß.“

„Wenn Sie heut Nacht zu Ihrem einsamen Herzen sagen müßten „„ich habe die Liebe und Zuneigung, die Dankbarkeit oder Achtung keines menschlichen Wesens gewonnen; kein Herz denkt zärtlich an mich; Niemand erinnert sich meiner wegen eines Dienstes oder einer Hülfe die ich ihm geleistet habe!““ so wären Ihre 78 Jahre achtundsiebenzig schwere Flüche; würde das nicht der Fall sein?“

„Sie haben Recht, Mr. Carton; es würde so sein.“

Sydney sah wieder in das Feuer und fuhr nach einer Pause von einigen Augenblicken weiter fort:

„Ich möchte Ihnen wol eine Frage vorlegen: -- scheint Ihnen Ihre Kindheit weit zurück zu liegen? Erscheinen Ihnen die Tage, wo Sie auf Ihrer Mutter Schoos saßen, als Tage einer längst entschwundenen Vergangenheit?“

Auf seinen herzlicheren Ton eingehend gab Mr. Lorry zur Antwort.

„Vor zwanzig Jahren, ja; gegenwärtig Nein. Denn wie ich dem Ende immer näher komme, wandere ich im Kreise und der Anfang tritt mir immer näher. Es scheint dies eine der freundlichen Erleichterungen und Vorbereitungen des Abgangs zu sein. Mein Herz kennt jetzt viele, lange Zeit schlummernde Erinnerungen an meine hübsche junge Mutter (und ich so alt jetzt!) und an die Tage, wo das, was wir die Welt nennen, mir noch nicht so wirklich erschien und meine Fehler noch nicht zur Gewohnheit geworden waren.“

„Ich verstehe das Gefühl!“ rief Carton aus, und eine helle Röthe flog über sein Gesicht. „Und Sie fühlen sich besser davon?“

„Ich hoffe es.“

Carton brach hier das Gespräch ab, indem er aufstand und dem andern seinen Ueberrock anziehen half; „aber Sie,“ sagte jetzt Mr. Lorry, „Sie sind noch jung.“

„Ja,“ sagte Carton. „Ich bin nicht alt, aber die Art wie ich jung gelebt habe, war nicht der Weg zum Altwerden. Genug von mir.“

„Und gewiß auch von mir,“ sagte Mr. Lorry. „Gehen Sie aus?“

„Ich will Sie bis an ihre Hausthür begleiten. Sie kennen ja meine Lust am Herumstreifen und meine Ruhelosigkeit. Wenn ich mich lange Zeit in den Straßen herumtreiben sollte, so machen Sie sich keine Sorge; ich werde früh schon wieder da sein. Sie gehen morgen in die Gerichtssitzung?“

„Ja, leider.“

„Auch ich werde da sein, aber unter den Zuschauern. Mein Spion verschafft mir einen Platz. Nehmen Sie meinen Arm, Sir.“

Mr. Lorry that dies und sie gingen die Treppe hinab und traten auf die Straße. Wenige Minuten brachten sie an Mr. Lorry’s Bestimmungsort. Dort verließ ihn Carton, blieb aber in einiger Entfernung stehen und kehrte nach dem Thorweg zurück, als er geschlossen war, und legte die Hand daran. Er hatte gehört, daß sie jeden Tag nach dem Gefängniß ging. „Hier ist sie herausgekommen“ sagte er, „diesen Weg ist sie gegangen, diese Steine muß sie oft betreten haben. Ich folge ihrem Wege.“

Es war 10 Uhr Nachts als er vor dem Gefängniß La Force, wo sie hundertmal gestanden hatte, ankam. Ein kleiner Holzhacker, der seinen Laden zugemacht hatte, rauchte vor demselben seine Pfeife.

„Guten Abend, Bürger,“ sagte Sydney Carton im Vorbeigehen stehen bleibend; denn der Mann sah ihn forschend an.

„Guten Abend, Bürger.“

„Was macht die Republik?“

„Ihr meint die Guillotine? Es geht nicht schlecht. Dreiundsechszig heute. Wir müssen bald auf ein volles Hundert kommen. Samson und seine Leute klagen manchmal, sie würden müde. Ha, ha, ha! er ist ein so drolliger Kerl, dieser Samson. Solch’ ein Barbier!“

„Geht Ihr oft hin?“ --

„Ihn rasiren zu seh’n? Immer. Jeden Tag. Solch’ ein Barbier! Ihr habt ihn arbeiten sehen?“

„Nie.“

„So geht ja hin und seht zu, wenn er einmal volle Arbeit hat. Denkt es Euch nur, Bürger, er rasirte heute Dreiundsechszig in weniger als zwei Pfeifen! In weniger als zwei Pfeifen. Auf Ehrenwort!“

Wie das grinsende kleine Ungeheuer die Pfeife in die Höhe hielt, die er rauchte um zu zeigen, wie er die Zeit des Scharfrichters controllirte, fühlte Carton einen so lebhaften Wunsch in sich rege werden, ihn todt zu seinen Füßen niederzustrecken, daß er sich weg wendete.

„Aber Ihr seid kein Engländer,“ sagte der Holzhacker, „obgleich Ihr wie ein Engländer angezogen seid.“

„Doch“, sagte Carton, indem er wieder still stand und sich über die Achsel umsah.

„Ihr sprecht wie ein Franzose.“

„Ich habe früher hier studiert.“

„Ah ha, ein vollkommener Franzose! Gute Nacht, Engländer.“

„Gute Nacht, Bürger.“

„Aber vergeßt ja nicht hinzugehen und Euch den drolligen Kerl anzusehen,“ rief ihm der kleine Mann noch nach. „Und nehmt eine Pfeife mit!“