Zwei Städte

Part 29

Chapter 293,778 wordsPublic domain

„Sagt mir wie und warum ich wieder verhaftet sein soll?“

„Ihr habt nur nach der Conciergerie zurückzukehren und werdet es morgen erfahren. Ihr seid auf morgen vorgeladen.“

Doctor Manette, den dieser Besuch so versteinert hatte, daß er mit der Lampe in der Hand da stand, wie eine Statue, bestimmt sie zu halten, wurde nach diesen Worten wieder lebendig, stellte die Lampe hin, trat vor den Sprechenden, faßte ihn nicht unsanft vorn an seinem rothwollenen Hemd an und sagte:

„Ihr kennt ihn, sagt Ihr. Kennt Ihr mich?“

„Ja, ich kenne Euch, Bürger Doctor.“

„Wir kennen Euch alle, Bürger Doctor,“ sagten die andern Drei.

Er sah sie zerstreut nach der Reihe an und sprach nach einer Pause mit halbgedämpfter Stimme:

„Wollt Ihr dann mir eine Frage beantworten? Wie geht es zu?“

„Bürger Doctor,“ sagte der Erste zögernd; „er ist von der Section St. Antoine angeklagt. Dieser Bürger,“ setzte er hinzu, auf den Zweiten der Eingetretenen deutend, „ist aus St. Antoine.“

Der Bezeichnete nickte mit dem Kopfe und wiederholte:

„Er ist von St. Antoine angeklagt.“

„Welches Vergehens wegen?“ fragte der Doctor.

„Bürger Doctor,“ sagte der Erste so zögernd wie vorher, „fragt nicht weiter. Wenn die Republik Opfer von Euch verlangt, so werdet Ihr als guter Patriot Euch gewiß glücklich schätzen, sie zu bringen. Die Republik geht Allem vor, der Wille des Volks ist Gesetz. Evrémonde, wir haben Eile.“

„Noch ein Wort,“ bat der Doctor. „Wollt Ihr mir sagen, wer ihn angeklagt hat?“

„Es ist gegen die Vorschrift,“ entgegnete der Erste; „aber Ihr könnt den von St. Antoine dort fragen.“

Der Doctor sah diesen an, der unruhig die Füße bewegte, sich den Bart rieb und endlich sagte:

„Eigentlich ist es gegen die Vorschrift, aber er ist angeklagt -- und schwer -- von dem Bürger und der Bürgerin Defarge. Und noch von Jemandem.“

„Wer ist das?“

„Fragt ~Ihr~, Bürger Doctor?“

„Ja.“

„Dann,“ sagte der von St. Antoine mit einem seltsamen Blick, „werdet Ihr morgen Antwort erhalten. Jetzt bin ich stumm.“

~Ende des dritten Theiles.~

Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck) in Leipzig.

Boz (Dickens)

Sämmtliche Werke.

Hundertundsechster Band.

Zwei Städte.

Vierter Theil.

Leipzig

Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.

1860.

Zwei Städte.

Eine Erzählung in drei Büchern.

Von

Boz (Charles Dickens).

Mit

Sechszehn Illustrationen von Hablot K. Browne.

Ans dem Englischen von Julius Seybt.

Vierter Theil.

Leipzig

Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.

1860.

Achtes Kapitel.

~Gute Karte.~

In glücklicher Unbekanntschaft mit dem neuen Schicksalsschlag zu Hause, ging Miß Proß durch sehr enge Straßen auf der neuen Brücke über den Fluß, während sie beständig innerlich die verschiedenen Einkäufe herzählte, die sie zu machen hatte. Mr. Cruncher mit dem Korb ging neben ihr. Sie blickten beide rechts und links in die meisten der Läden, an denen sie vorbeigingen, beobachteten mit vorsichtigem Auge alle Volkshaufen, und wichen jeder allzu aufgeregten Gruppe von Sprechenden aus. Die Abendluft war rauh und kaum verstattete der Nebel über dem Flusse, auf welchem flackernde Lichter schimmerten und lautes Getöse erdröhnte, die Boote zu erkennen, die den Gewehre für die Armee der Republik anfertigenden Schmieden zur Werkstätte dienten. Wehe dem Manne, der dieser Armee Streiche spielte oder unverdiente Beförderung darin erlangte! Besser für ihn, wenn sein Bart niemals gewachsen wäre, denn das Nationalrasirmesser rasirte ihn glatt weg.

Fertig mit dem Ankauf einer kleinen Anzahl Küchenbedürfnisse und eines Maßes Oel für die Lampe, dachte Miß Proß an den Wein den sie brauchte. Nachdem sie einen forschenden Blick in verschiedene Weinläden geworfen, blieb sie vor dem Schild „des guten Republikaners Brutus“ stehen, nicht weit vom Nationalpalast, ehedem und später wieder die Tuilerien, das ihr seinem Aussehen nach so ziemlich gefiel. Der Laden sah stiller aus als die anderen, an denen sie bisher vorbeigekommen und war, obgleich roth genug von Patriotenmützen, doch nicht so roth wie die Uebrigen. Nachdem Miß Proß Mr. Cruncher zu Rathe gezogen und ihn von gleicher Meinung gefunden, trat sie in seiner Begleitung in den „guten Republikaner Brutus“ ein.

Nicht ohne einen forschenden Blick auf die qualmenden Kerzen, auf die mit der Pfeife im Munde mit schmierigen Karten und gelben Dominosteinen Spielenden, auf den rußgeschwärzten Arbeiter mit nackter Brust und nackten Armen, der eine Zeitung vorlas, während die anderen zuhörten; auf die Waffen die viele im Gürtel trugen, andere einstweilen abgelegt hatten; auf die zwei oder drei mit dem Kopfe auf den Tische Schlafenden, die in dem damals üblichen hochschultrigen kurzen, zottigen, schwarzen Spenzer, in dieser Stellung wie schlafende Bären oder Hunde aussahen, näherten sich die beiden Fremden dem Ladentisch um zu kaufen was sie brauchten.

Als ihr Wein ausgemessen ward, verabschiedete sich ein Mann von einem andern in einer Ecke und stand auf um zu gehen. Er mußte an Miß Proß vorbei. Kaum hatte diese sein Gesicht erblickt, so stieß sie einen Schrei aus und schlug die Hände zusammen.

In einem Augenblicke war die ganze Gesellschaft aufgesprungen. Daß Jemand ermordet worden, weil er einem Andern nicht hatte recht geben wollen, war das Wahrscheinlichste. Jedermann erwartete Jemanden auf den Boden sinken zu sehen, sah aber nur einen Mann und eine Frau, die sich mit weitaufgerissenen Augen anstarrten; der Mann dem ganzen äußeren Ansehen nach ein Franzose und ein gesinnungstüchtiger Republikaner; die Frau eine Vollblutengländerin.

Was die Zöglinge des „guten Republikaners Brutus“, als sie sich so enttäuscht sahen, sagten, hätte für Miß Proß und ihren Beschützer ebenso gut hebräisch oder chaldäisch sein können und wenn sie ganz Ohr gewesen wären. Aber sie hatten in ihrem Erstaunen für Nichts Gehör. Denn es muß hervorgehoben werden, daß nicht blos Miß Proß vor Erstaunen und Aufregung außer sich war; sondern daß auch Mr. Cruncher -- obgleich wie es schien auf seine eigene und besondere Rechnung -- sich vor Verwunderung nicht fassen konnte.

„Was giebt’s?“ sagte der junge Mann, der Miß Proß gegenüber stand, in ärgerlichem schroffem Tone (obgleich leise) und auf englisch.

„Ach Salomo, lieber Salomo!“ rief Miß Proß und schlug ihre Hände wieder zusammen; „nachdem ich so viele Jahre nichts von Dir gesehen oder gehört habe, Dich endlich hier zu finden!“

„Nenne mich nicht Salomo. Willst Du mir den Tod auf den Hals schicken?“ fragte der Mann in verstohlener und verschüchterter Weise.

„Bruder, Bruder!“ rief Miß Proß mit hellen Thränen aus; „bin ich jemals so hartherzig gegen Dich gewesen, daß Du mir so Etwas zutrauen kannst?“

„Dann halte Dein geschwätziges Maul,“ gebot Salomo, „und komm auf die Straße hinaus, wenn Du mit mir sprechen willst? Bezahle Deinen Wein und komm. Wer ist der da?“

Miß Proß schüttelte ihr liebendes und bekümmertes Haupt über ihren keineswegs liebreichen Bruder und gab durch Thränen zur Antwort: „Mr. Cruncher.“

„Er mag auch mit herauskommen,“ sagte Salomo. „Hält er mich für ein Gespenst?“

Allem Anschein nach war Mr. Cruncher dieser Meinung, wenigstens nach seinem Aussehen zu urtheilen. Er sagte jedoch kein Wort und Miß Proß, die Tiefen ihres Strickbeutels mit großer Beschwerde durch ihre Thränen durchforschend, bezahlte den Wein. Während sie dies that, wendete sich Salomo an die Zöglinge des guten Republikaners Brutus und sprach auf französisch einige erklärende Worte zu ihnen, die sie Alle veranlaßten ihre früheren Plätze wieder einzunehmen und sich ihren eben unterbrochenen Beschäftigungen von Neuem zu widmen.

„Nun, was willst Du von mir?“ fragte Salomo, als er an der dunkeln Straßenecke stehen blieb.

„Wie hart von einem Bruder, von dem ich nie meine Liebe abgewendet habe,“ rief Miß Proß aus, „mich so zu bewillkommnen und so kalt zu bleiben.“

„Da. Hols der Kukuk! Da,“ sagte Salomo, und stieß mit seinem Mund auf die Lippen der Schwester. „Bist Du nun zufrieden?“

Miß Proß schüttelte nur den Kopf und weinte stille Thränen.

„Wenn Du erwartest, daß ich überrascht sein soll,“ sagte ihr Bruder Salomo, „so täuschest Du Dich; ich wußte daß Du hier warst; ich erfahre nur von wenigen nicht, wenn sie nach Paris kommen. Wenn Du wirklich nicht wünschest, mein Leben zu gefährden -- was ich halb für möglich halten könnte -- so geh’ so bald als möglich Deinen Weg und laß mich meinen gehen. Ich habe viel zu thun. Ich bin Beamter.“

„Mein englischer Bruder Salomo,“ sagte Miß Proß mit einem trauervollen Aufblick ihrer thränenschweren Augen gen Himmel, „der in sich das Zeug hatte einer der besten und größten Männer seines Vaterlandes zu werden, ein Beamter unter Ausländern, und solchen Ausländern! Fast lieber hätte ich den lieben Jungen in seinem --“

„Sagte ich’s nicht!“ unterbrach sie ihr Bruder heftig. „Ich wußte es ja! Du willst mein Tod sein. Meine eigene Schwester wird mich verdächtig machen. Gerade wie es mir anfängt besser zu gehen!“

„Der gnädige und barmherzige Himmel verhüte das!“ rief Miß Proß aus. „Viel lieber möchte ich Dich nicht wiedersehen, lieber Salomo, obgleich ich Dir immer von Herzen gut gewesen bin und es immer bleiben werde. Sage mir nur ein liebreiches Wort und gieb mir nur die Versicherung, daß keine Entfremdung zwischen uns herrscht und ich will Dich nicht länger aufhalten.“

Gute Miß Proß! als ob die Entfremdung zwischen ihnen ihre Schuld gewesen wäre. Als ob Mr. Lorry es nicht schon vor Jahren in der stillen Ecke in Soho gewußt hätte, daß dieser kostbare Bruder ihr Geld durchgebracht und sie dann sitzen gelassen hatte!

Er sagte jedoch das liebreiche Wort mit einer viel trotzigeren Herablassung und Gönnermiene, als er hätte zeigen können, wenn das thatsächliche Verhältniß zwischen den beiden gerade umgekehrt gewesen wäre, so wie es stets überall geschieht, so groß die Welt ist, als Mr. Cruncher die Hand auf seine Schulter legte und mit heiserer Stimme die unerwartete und eigenthümliche Frage stellte:

„Hört ’mal! mit Verlaub! Heißt ihr eigentlich John Salomo, oder Salomo John?“

Der Beamte wandte sich mit plötzlichem Mißtrauen gegen ihn. Er hatte vorher kein Wort gesprochen.

„Na, sprecht nur!“ sagte Mr. Cruncher. „John Salomo oder Salomo John? Sie nennt Euch Salomo und sie muß es wissen, da sie Eure Schwester ist. Und ich weiß, daß Ihr John heißt, wißt Ihr. Welcher von den beiden Namen kommt zuerst? und wie steht es mit dem Namen Proß? So hießt Ihr nicht über dem Wasser.“

„Was meint Ihr?“

„Na ich weiß nicht alles, was ich meine; denn ich kann mich nicht besinnen, wie Ihr über dem Wasser drüben geheißen habt.“

„Nicht?“

„Nein. Aber ich will schwören es war ein Name von zwei Sylben.“

„Wirklich?“

„Ja. Der andere Name war einsylbig. Ich kenne Euch. Ihr waret als Spion Zeuge in Old Bailey. Wie hießt Ihr nur damals im Namen des Lügenvaters, der Euer eigener Vater ist?“

„Barsad,“ fiel eine andere Stimme ein.

„Das ist der Name für eintausend Pfund!“ rief Jerry.

Der eben gesprochen hatte, war Sydney Carton. Er hatte die Hände unter den Schößen seines Reitrocks auf den Rücken gelegt und stand so nachlässig neben Mr. Cruncher, wie er sich in Old Bailey zu zeigen pflegte.

„Erschrecken Sie nicht, meine gute Miß Proß. Ich überraschte gestern Abend Mr. Lorry mit meiner Ankunft; wir kamen überein, daß ich mich nirgendwo zeigen sollte bis Alles in Ordnung war oder bis ich mich nützlich machen könnte; ich komme hierher, um ein paar Worte mit Ihrem Bruder zu sprechen. Ich wollte Ihr Bruder betriebe ein besseres Geschäft als dieser Mr. Barsad. Ihretwegen wünschte ich, Mr. Barsad wäre kein Schaf der Gefängnisse.“

„Schaf der Gefängnisse“ war damals unter den Kerkermeistern ein Spitzname für einen Spion. Der Spion, der blaß war, wurde noch blässer und fragte ihn wie er wagen könnte --

„Das will ich Ihnen erklären,“ sagte Sydney. „Ich sah Sie zufällig, Mr. Barsad, aus dem Conciergerie-Gefängnisse kommen, während ich mir vor ein oder zwei Stunden die Mauern betrachtete. Sie haben ein Gesicht, das auffällt, und ich habe ein gutes Gedächtniß für Gesichter. Daß ich Sie dort sah, erweckte meine Neugier und da ich einen Grund habe (der Ihnen nicht unbekannt ist), Sie mit dem Unglück eines jetzt sehr unglücklichen Freundes in Verbindung zu bringen, so ging ich Ihnen nach. Ich trat gleich hinter Ihnen in den Weinschank hier und setzte mich in Ihre Nähe. Aus Ihrer ganz rückhaltlosen Unterhaltung und dem, was unter Ihren Bewunderern von Mund zu Mund ging, ward es mir nicht schwer zu errathen, womit Sie sich beschäftigen. Und allmälich bekam das, was ich auf’s Geradewohl gethan hatte, einen gewissen Zweck, Mr. Barsad.“

„Was für einen Zweck?“ fragte der Spion.

„Es wäre beschwerlich und vielleicht gefährlich ihn hier auf der Straße auseinander zu setzen. Können Sie mir nicht ein paar Minuten zu einer vertraulichen Unterredung schenken -- in Tellsons Bank vielleicht?“

„Drohen Sie?“

„O, sollte ich das gethan haben?“

„Warum soll ich also mit Ihnen gehen?“

„Wahrhaftig, Mr. Barsad, das kann ich Ihnen nicht sagen, wenn Sie es nicht thun können.“

„Sie wollen es mir nicht sagen, Sir?“ fragte der Spion unentschlossen.

„Sie haben ganz das Richtige getroffen, Mr. Barsad. Ich will es Ihnen nicht sagen.“

Cartons nachlässiges und doch bestimmtes Wesen kam seiner Raschheit und Gewandtheit bei dem, was er im Geheimen vorhatte und bei einem solchen Manne wie dieser war, mächtig zu Hülfe. Sein geübtes Auge sah es und beutete es auf das Beste aus.

„Na, ich sagte Dir’s gleich,“ sagte der Spion mit einem vorwurfsvollen Blick auf seine Schwester; „wenn mir daraus ein Unglück erwächst, so bist Du daran schuld.“

„Ach kommen Sie nur, Mr. Barsad!“ rief Sydney aus. „Seien Sie nicht undankbar. Ohne meine Achtung für Ihre Schwester, hätte ich vielleicht nicht auf so angenehme Weise einen kleinen Vorschlag eingeleitet, den ich Ihnen zu unserer gegenseitigen Zufriedenheit zu machen gedenke. Gehen Sie mit mir nach der Bank?“

„Ich will hören was Sie zu sagen haben. Ja, ich will Sie begleiten.“

„Ich schlage vor erst Ihre Schwester bis an die Ecke Ihrer Straße zu bringen. Erlauben Sie mir Ihren Arm, Miß Proß. Es ist für Sie nicht gerathen um diese Zeit in dieser Stadt ohne Schutz auszugehen, und da Ihr Begleiter Mr. Barsad kennt, will ich ihn mit zu Mr. Lorry nehmen. Sind wir fertig? So wollen wir gehen!“

Nicht viel später, und noch bis an das Ende ihres Lebens erinnerte sich Miß Proß, daß, wie sie ihre Hand auf Sydney’s Arm legte, und ihn mit einem bittenden Blick ansah Salomo nichts zu Leide zu thun, ein energischer Wille in seinem Arm und eine Art Begeisterung in den Augen lag, die nicht nur im Widerspruch mit seinem sorglosen Wesen stand, sondern auch den Mann veränderten und erhoben. Sie war damals mit Besorgnissen um ihren Bruder, der ~ihre~ Liebe so wenig verdiente und mit Sydney’s beruhigenden Versicherungen zu sehr beschäftigt, um das, was sie sah, gehörig zu beachten.

Sie verließen sie an der Ecke der Straße und Carton schlug dann den Weg nach Mr. Lorry’s Comptoir ein, das nur noch wenige Minuten entfernt war. John Barsad oder Salomo Proß ging neben ihm.

Mr. Lorry hatte eben gegessen und saß vor einem gemüthlichen kleinen Holzfeuer. Vielleicht sah er in den Flackern der Flamme das Bild des jüngeren ältlichen Herrn von Tellsons, der nun vor vielen Jahren in die glühenden Kohlen im König Georg in Dover geschaut hatte. Er sah sich um als sie eintraten und zeigte sich überrascht, als er einen Fremden erblickte.

„Miß Proß’ Bruder, Sir,“ sagte Sydney. „Mr. Barsad.“

„Barsad?“ wiederholte der alte Herr, „Barsad? ich muß den Namen kennen -- und das Gesicht.“

„Ich sagte Ihnen Sie hätten ein Gesicht, das man nicht leicht vergißt, Mr. Barsad,“ bemerkte Carton kühl. „Bitte nehmen Sie Platz.“

Als er selbst einen Stuhl nahm, half er Mr. Lorry’s Gedächtniß dadurch nach, daß er zu Mr. Lorry mit gerunzelter Stirn sagte: „Zeuge bei jener Gerichtsverhandlung.“ Mr. Lorry erinnerte sich nun sofort und betrachtete seinen neuen Gast mit unverholenem Abscheu.

„Miß Proß hat Mr. Barsad als den zärtlichen Bruder erkannt, von dem Sie gehört haben,“ sagte Carton, „und er hat die Verwandtschaft anerkannt. Ich habe noch eine schlimmere Nachricht. Darnay ist von Neuem verhaftet.“

Voll Bestürzung rief der alte Herr aus: „Was sagen Sie da! Ich verließ ihn vor zwei Stunden in Sicherheit und frei, und will jetzt wieder zu ihm gehen!“

„Trotzdem verhaftet. Wann ist es geschehen, Mr. Barsad?“

„Jetzt eben, wenn überhaupt.“

„Mr. Barsad ist die beste Autorität die man haben kann, Sir,“ sagte Sydney, „und ich erfuhr es aus Mr. Barsad’s Aeußerungen gegen einen Freund und Mitspion, bei einer Flasche Wein, daß die Verhaftung stattgefunden. Er verließ die Gerichtsboten an der Thür und sah wie der Portier sie einließ. Es ist gar nicht zu bezweifeln, daß er wieder verhaftet ist.“

Mr. Lorry’s geschäftsmännisches Auge las in dem Gesichte des Sprechenden, daß es reiner Zeitverlust sei bei diesem Punkte zu verweilen. Verwirrt, aber sofort fühlend, daß Etwas auf seine Geistesgegenwart ankommen könnte, beherrschte er sich und hörte in schweigender Aufmerksamkeit zu.

„Nun will ich hoffen,“ sagte Sydney zu ihm, „daß der Name und Einfluß _Dr._ Manette’s ihm ebenso hülfreich sei morgen -- Sie sagten er würde morgen vor Gericht erscheinen, Mr. Barsad?“ --

„Ja; ich glaube.“

„-- Ihm ebenso hülfreich sein wird, wie heute. Aber vielleicht ist es nicht der Fall. Ich gestehe Ihnen, Mr. Lorry, ich bin in meiner Zuversicht dadurch wankend geworden, daß _Dr._ Manette nicht die Macht gehabt hat, seine Verhaftung zu verhindern.“

„Er hat vielleicht vorher Nichts davon gewußt,“ sagte Mr. Lorry.

„Gerade das ist sehr beunruhigend, wenn wir die eigenthümlichen Verhältnisse bedenken, in denen er zu seinem Schwiegersohne steht.“

„Das ist wahr,“ mußte Mr. Lorry anerkennen, während er die Hand unruhig an das Kinn legte und die Augen voller Unruhe und Sorge auf Carton heftete.

„Mit einem Worte,“ sagte Sydney, „es ist eine verzweifelte Zeit, wo verzweifelte Partien um verzweifelte Einsätze gespielt werden. Der Doctor mag auf die Gewinnchance spielen; ich spiele auf die Verlustchance. Keines Mannes Leben ist des Kaufens werth. Wer heute im Triumph vom Volke nach Hause getragen wird, kann morgen verurtheilt sein. Der Einsatz um den ich im schlimmsten Falle zu spielen entschlossen bin ist ein Freund in der Conciergerie. Und der Freund, den ich mir selbst zu gewinnen hoffe, ist Mr. Barsad.“

„Da müssen Sie gute Karten haben, Sir,“ sagte der Spion.

„Ich will sie einmal ansehen. -- Mr. Lorry, Sie kennen meine Schwäche; geben Sie mir einen Schluck Branntwein.“

Er wurde gebracht und er trank ein Glas -- noch ein Glas -- und schob dann die Flasche gedankenvoll bei Seite.

„Mr. Barsad,“ fuhr er in dem Tone eines Mannes fort, der wirklich das Spiel, das er in der Hand hat, durchmustert; „Schaf der Gefängnisse, Emissär republikanischer Ausschüsse, bald Schließer, bald Gefangener, immer Spion und geheimer Angeber, hier um so werthvoller als Engländer, da ein Engländer weniger den Verdacht der Bestechung in einem solchen Charakter ausgesetzt ist, als ein Franzose, stellt sich seinen Brodherren unter einem falschen Namen vor. Das ist ein sehr guter Trumpf. Mr. Barsad, jetzt von der republikanischen französischen Regierung angestellt, stand früher im Dienste der aristokratischen englischen Regierung, des Feindes Frankreichs und der Freiheit. Das ist ein sehr hoher Trumpf. Die Sache ist klar wie der Tag in diesem Lande des Mißtrauens, daß Mr. Barsad, immer noch bezahlt von der aristokratischen englischen Regierung, der Spion Pitts ist, der verrätherische, an ihrem Busen sich wärmende Feind der Republik, der englische Verräther und Anstifter alles Unheils, von dem soviel gesprochen wird und der so schwer zu finden ist. Das ist ein Trumpf, der gar nicht zu überstechen ist. Kennen Sie nun meine Karte, Mr. Barsad?“

„Ich weiß nicht wie Sie sie spielen werden,“ entgegnete der Spion etwas unruhig.

„Ich spiele mein As, Denunciation Mr. Barsads bei dem nächsten Sectionscomité. Sehen Sie sich Ihre Karten an, Mr. Barsad, was Sie dagegen haben. Nehmen Sie sich Zeit.“

Er griff nach der Flasche, schenkte sich abermals ein Glas Branntwein ein und trank es. Er sah, daß der Spion zu fürchten anfing, er könnte sich in eine Aufregung trinken, die ihn bewöge seine Anzeige sofort zu machen. Wie er dies bemerkte, schenkte er sich noch ein anderes Glas ein und trank es.

„Sehen Sie sich Ihre Karten genau an, Mr. Barsad. Nehmen Sie sich Zeit.“

Die Karten waren schlechter, als selbst Carton glaubte. Mr. Barsad sah Verlustkarten, von denen Sydney Carton Nichts wußte. Gezwungen sein ehrenhaftes Gewerbe in England aufzugeben, weil er gar zu zuversichtlich und zu oft falsch geschworen, -- nicht weil man ihn nicht mehr brauchte; unsere englischen Gründe uns der Oeffentlichkeit und der Abwesenheit von Spionen zu rühmen, sind neuern Ursprungs -- war er über den Canal gegangen und hatte eine Anstellung in Frankreich angenommen; zuerst als Versucher und Aushorcher unter seinen dortigen Landsleuten; allmälich auch als Versucher und Aushorcher unter den Eingeborenen. Er wußte, daß er unter der gestürzten Regierung als geheimer Agent zum Spioniren in St. Antoine und dem Weinschank Defarge’s gedient hatte; daß er von der wachsamen Polizei soviel Einzelnheiten über _Dr._ Manette’s Einkerkerung, Befreiung und Geschichte mitgetheilt erhalten, als er zur Anknüpfung einer vertraulichen Unterhaltung mit den Defarges brauchte; daß er bei Madame Defarge den Versuch gemacht und in glänzendster Weise abgefallen war. Er erinnerte sich immer mit Furcht und Zittern, daß dieses schreckliche Weib gestrickt hatte, während sie mit ihm sprach und ihn Unheil verkündend angesehen hatte, wie sich ihre Finger bewegten. Er hatte sie seitdem in der Section St. Antoine gesehen, wie sie immer und immer wieder ihre gestrickten Register vorbrachte und Leute anklagte, die dann unwiderruflich der Guillotine verfielen. Er wußte, daß jeder der gleich ihm beschäftigt war, nie sicher war; daß Flucht unmöglich sei; daß er unter den Schatten des Beiles festgebunden, und trotz der niederträchtigsten Gefügigkeit und des schwärzesten Verrathes im Dienste des herrschenden Schreckensregiments ein einziges Wort das Beil zum Fallen bringen könnte. Einmal angeklagt und auf so schwere Gründe hin, wie sie ihm jetzt einfielen, sah er voraus, daß das schreckliche Weib, von deren erbarmungslosem Charakter er so viele Beweise gesehen, gegen ihn das verhängnißvolle Register vorlegen und die letzte Möglichkeit seiner Rettung vernichten würde. Abgesehen davon, daß alle, die ihr Wesen im Heimlichen treiben, leicht einzuschüchtern sind, hatte er schlechte Karten genug in seinem Spiele, um Grund zu haben einigermaßen blaß zu werden, als er sie durchging.

„Ihre Karten scheinen Ihnen nicht besonders zu gefallen,“ sagte Sydney mit der größten Ruhe. „Halten Sie die Partie?“

„Ich glaube, Sir,“ sagte der Spion kriechend, indem er sich an Mr. Lorry wendete, „ich darf einen Herrn von Ihren Jahren und Ihrem Wohlwollen bitten, diesem andern viel jüngeren Herrn vorzustellen, ob er es unter irgend welchen Verhältnissen für seine Stellung passend finden kann das erwähnte As zu spielen. Ich gebe zu, daß ich ein Spion bin und daß spioniren als ein unehrenhafter Beruf betrachtet wird -- obgleich sich ihm Jemand widmen muß; aber dieser Herr ist kein Spion und warum sollte er sich so weit erniedrigen, freiwillig die Rolle zu übernehmen?“

„Ich spiele mein As, Mr. Barsad,“ sagte Carton, indem er die Antwort auf sich nahm und nach der Uhr sah, „ohne mich im Mindesten zu bedenken und in wenigen Minuten.“

„Ich hätte gehofft,“ sagte der Spion immer noch mit einem Blick auf Mr. Lorry, um ihn womöglich in das Gespräch zu ziehen, „daß die Achtung, welche sie beide Herren für meine Schwester fühlen“ --

„Ich könnte Ihrer Schwester keinen besseren Beweis von meiner Achtung für sie geben, als wenn ich sie von ihrem Bruder endlich erlöste,“ sagte Sydney Carton.