Part 28
Es wurden einige Worte des Lebewohls und der Freundschaft gewechselt, aber der Abschied war bald vorüber. Es war ein alltägliches Ereigniß, und die Gesellschaft von La Force war mit Vorbereitungen zu Pfänderspielen und einem kleinen Concert für diesen Abend beschäftigt. Sie drängten sich an die Gitter und vergossen dort Thränen, aber es waren zwanzig Rollen in der beabsichtigten Abendunterhaltung neu zu besetzen, und die Zeit war nur kurz bis zur Schlußstunde, wo die gemeinsamen Zimmer und Corridore den großen Hunden überlassen wurden, welche dort während der Nacht Wache hielten. Die Gefangenen waren durchaus nicht gefühllos oder hartherzig; ihr Benehmen entstand nur in Folge der Bedingungen des Lebens jener Zeit. Ebenso, obgleich mit einem feinen Unterschied, war eine Art Begeisterung oder Rausch, der einige, wie wohl bekannt ist, verlockt hat, unnöthiger Weise die Guillotine herauszufordern, und durch sie zu sterben, nicht bloße Prahlerei, sondern manchmal Ansteckung der merkwürdig erschütterten öffentlichen Stimmung. In Pestzeiten fühlen sich manche Menschen im geheimen von der Krankheit angezogen, und fühlen einen entsetzlichen Drang, daran zu sterben. Und wir alle haben in unserer Brust ähnliche Wunder verborgen, die nur auf die geeigneten Umstände warten, um geweckt zu werden.
Der Weg nach der Conciergerie war kurz und dunkel; die Nacht in ihren von Ungeziefer behafteten Zellen war lang und kalt. Am andern Morgen erschienen funfzehn Gefangene vor den Schranken, ehe Charles Darnay aufgerufen ward. Alle Funfzehn wurden verurtheilt, und ihr Proceß hatte keine anderthalb Stunde gedauert.
Charles Evrémonde, genannt Darnay, erschien endlich vor Gericht.
Seine Richter saßen in Federhüten auf der Bank; aber die grobwollene rothe Mütze und die dreifarbige Cocarde waren der im Uebrigen vorherrschende Kopfputz. Wenn er die Geschwornen und die lärmende Zuhörerschaft betrachtete, hätte er meinen können, daß die gewöhnliche Ordnung der Dinge verkehrt sei, und die Verbrecher über die ehrlichen Leute zu Gericht säßen. Der niedrigste und grausamste Pöbel einer Stadt, die nie ohne eine Masse von niedrigen, grausamen und bösartigen Elementen ist, spielte die Hauptrolle, mischte sich lärmend in die Verhandlung, theilte Beifall und Tadel aus, und beschleunigte das Resultat ohne daß ihm Jemand hemmend in den Weg trat. Von den Männern war der größte Theil auf verschiedene Weise bewaffnet: von den Frauen trugen einige Messer, andere Dolche, einige aßen und tranken, während sie zusahen, viele strickten. Unter diesen letztern befand sich eine, die, während sie arbeitete, ein Stück gestricktes Zeug in Vorrath unter dem Arme hatte. Sie saß in der vordersten Reihe neben einem Manne, den er seit seiner Ankunft im Thore nicht wieder gesehen, den er aber sogleich als Defarge erkannte. Er bemerkte, daß sie ihm ein- oder zweimal in’s Ohr flüsterte, und daß sie seine Frau zu sein schien; aber was ihm an den beiden Gestalten am meisten auffiel, war, daß sie, obgleich sie in seiner nächsten Nähe saßen, ihn niemals anblickten. Sie schienen mit trotziger Entschlossenheit auf Etwas zu warten, und sahen die Geschwornen an, aber sonst Niemanden. Unter dem Präsidenten saß Doctor Manette in seiner gewöhnlichen einfachen Tracht. So weit der Gefangene sehen konnte, waren er und Mr. Lorry außer dem zum Gericht gehörigen Personen die Einzigen, welche ihre gewöhnlichen Kleider trugen, und nicht in der Carmagnolentracht einhergingen.
Charles Evrémonde, genannt Darnay, ward von den öffentlichen Anklägern vor Gericht gestellt als Emigrant, dessen Leben kraft des Decretes, welches alle Emigranten bei Todesstrafe verbannte, der Republik verfallen war. Es war gleichgültig, daß das Decret nach seiner Rückkehr nach Frankreich erlassen war. Hier war er, und dort war das Decret; er war in Frankreich festgenommen worden, und man verlangte seinen Kopf.
„Schlagt ihm den Kopf ab!“ brüllte die Zuhörerschaft. „Er ist ein Feind der Republik!“
Der Präsident klingelte, um das Geschrei zu beschwichtigen, und fragte den Gefangenen, „ob es nicht wahr sei, daß er viele Jahre in England gelebt habe?“
„Allerdings war dies der Fall.“
„Ob er nicht damals ein Emigrant gewesen? Wie er sich genannt habe?“
„Nicht Emigrant im Sinne und Geiste des Gesetzes, hoffe er.“
„Warum nicht?“ wünschte der Präsident zu wissen.
„Weil er freiwillig einen Titel und eine Stellung aufgegeben, die ihm Abneigung eingeflößt, und sein Vaterland verlassen habe -- er erlaube sich zu bemerken, bevor das Wort Emigrant in seinem gegenwärtig von dem Gericht angenommenen Sinne in Gebrauch gewesen sei -- um lieber von seiner eignen Arbeit in England, als von der Arbeit eines überbürdeten Volkes in Frankreich zu leben.“
„Welche Beweise er dafür habe?“
Er nannte die Namen von zwei Zeugen. Theophil Gabelle und Alexander Manette.
„Aber er habe sich in England verheirathet?“ erinnerte ihn der Präsident.
„Allerdings, aber nicht mit einer Engländerin.“
„Mit einer Bürgerin von Frankreich?“
„Ja, von Geburt.“
„Ihr Name und ihre Familie!“
„Lucie Manette, einzige Tochter des Doctor Manette, des guten Arztes, der dort sitzt.“
Diese Antwort machte einen glücklichen Eindruck auf die Versammlung. Ausrufe zum Wohle des wohlbekannten guten Arztes erschütterten den Gerichtssaal. So launenhaft war das Volk bewegt, daß sofort Thränen aus mehreren grausamen Augen rollten, die eben noch den Gefangenen wüthend angestiert hatten, als brennten sie vor Ungeduld, ihn auf die Straße hinauszuschleppen und todt zu schlagen.
Auf diesen wenigen Schritten seines gefährlichen Weges hatte Charles Darnay seinen Fuß genau nach Doctor Manette’s wiederholten Verhaltungsbefehlen gesetzt. Derselbe vorsichtige Rathgeber lenkte jeden Schritt, der noch vor ihm lag, und hatte jeden Zoll seines Weges vorbereitet.
Der Präsident fragte „warum er nach Frankreich, gerade zu diesem Zeitpunkte, und nicht früher zurückgekehrt sei?“
„Er sei nicht eher zurückgekehrt,“ gab er zur Antwort, „einfach weil er keine andern Subsistenzmittel, außer den aufgegebenen in Frankreich, besessen habe; während er in England sich durch Unterricht ertheilen in der französischen Sprache und Literatur ernährt habe. Er sei zurückgekehrt auf die dringende und schriftliche Bitte eines französischen Bürgers, der ihm gemeldet habe, sein Leben sei durch seine Abwesenheit gefährdet. Er sei zurückgekehrt, um das Leben eines Bürgers zu retten, und auf jede persönliche Gefahr hin Zeugniß für die Wahrheit abzulegen. Sei dies ein Verbrechen in den Augen der Republik?“
Der Pöbel rief voller Begeisterung „nein“ und der Vorsitzende schellte, um Schweigen zu erlangen, was ihm nicht gelang, denn er fuhr fort zu schreien „nein“ bis er nach eigenem Belieben aufhörte.
Der Präsident verlangte den Namen dieses Bürgers zu wissen? Der Angeklagte erklärte dieser Bürger sei sein erster Zeuge. Er berief sich auch zuversichtlich auf den Brief des Bürgers, den man ihn am Thore abgenommen und den man jedenfalls unter den vor dem Vorsitzenden liegenden Papieren finden werde.
Der Doctor hatte Sorge getragen und sich versichert, daß er dort war -- und in diesem Stadium der Verhandlung wurde er vorgelegt und verlesen. Der Vorsitzende rief den Bürger Gabelle auf, damit er sich zu dem Briefe bekenne, und er that es. Bürger Gabelle deutete mit außerordentlicher Zartheit und Höflichkeit an, daß er in Folge des Geschäftsdranges, unter welchem das Gericht in Folge der großen Zahl der von ihm zu verurtheilenden Feinde der Republik lebe, einigermaßen in seinem Gefängnisse in der Abtei vergessen worden -- thatsächlich fast ganz aus den patriotischen Erinnerungen des Gerichts verschwunden sei -- bis vor drei Tagen, wo man ihn vorgeladen und ihn auf die Erklärung der Geschwornen, daß nach ihrer Ansicht die Anklage, soweit sie ihm gelte, durch die freiwillige Stellung des Bürgers Evrémonde, genannt Darnay, beantwortet sei, in Freiheit gesetzt habe.
Die Reihe im Verhör kam zunächst an _Dr._ Manette. Seine große persönliche Beliebtheit und die Bestimmtheit seiner Antworten machten einen bedeutenden Eindruck; aber als er fortfuhr, als er erzählte, daß der Angeklagte nach seiner Befreiung aus so langer Kerkerhaft sein erster Freund gewesen, daß der Angeklagte in England geblieben sei, und seine Tochter und ihn während ihrer Verbannung mit aufopfernder Liebe unterstützt habe; daß er, weit entfernt von der aristokratischen Regierung dieses Landes mit wohlwollenden Augen betrachtet zu werden, von derselben als ein Feind Englands und ein Freund der vereinigten Staaten vor Gericht gestellt worden -- wie er diese Umstände mit dem größten Takt und der unmittelbaren Kraft der Aufrichtigkeit und Wahrheit darstellte, wurden die Geschwornen und das versammelte Volk eines Sinnes. Endlich, als er sich mit Namen auf Monsieur Lorry, einen mitanwesenden Herrn aus England, bezog, der gleich ihm Zeuge bei dieser englischen Gerichtsverhandlung gewesen und seine Aussage darüber bestätigen könne, erklärten die Geschwornen, sie hätten genug gehört und seien bereit abzustimmen, wenn der Vorsitzende ihre Stimmen entgegen nehmen wolle.
Jede Abstimmung (die Geschwornen stimmten laut und einzeln ab) begrüßte der Pöbel mit jauchzendem Beifall. Alle Stimmen waren zu Gunsten des Angeklagten und der Vorsitzende erklärte ihn für frei.
Jetzt begann einer jener außerordentlichen Auftritte, in welchen der Pöbel zuweilen seiner Launenhaftigkeit oder seinen bessern Regungen der Großmuth und Barmherzigkeit Genüge that, oder die es als eine Art Gegenrechnung gegen sein hoch aufgelaufenes Conto von blutiger Grausamkeit betrachtete. Niemand kann jetzt entscheiden, welchen Beweggründen solche außerordentliche Auftritte zuzuschreiben waren; wahrscheinlich ein Gemisch von allen dreien, wobei der zweite vorherrschte. Kaum war das freisprechende Urtheil ausgesprochen, als Thränen so reichlich flossen, wie zu andern Zeiten Blut und der Gefangene so viel brüderliche Umarmungen von so vielen Personen beiderlei Geschlechts als ihn erreichen konnten, auszuhalten hatte, daß er nach so langer und angreifender Einkerkerung in Gefahr kam vor Erschöpfung in Ohnmacht zu sinken; deshalb nicht weniger, weil er recht gut wußte, daß dieselben Leute unter dem Einfluß einer andern Strömung mit derselben Wuth auf ihn losgestürzt wären, um ihn in Stücke zu zerreißen und diese in den Straßen zu verstreuen.
Erst als man ihn entfernte, um den andern Angeklagten Platz zu machen, sah er sich von diesen Liebkosungen für den Augenblick befreit. Zunächst erschienen fünf zusammen vor Gericht, angeklagt als Feinde der Republik, weil sie derselben nicht durch Wort oder That beigestanden hatten. So eilig war das Gericht, sich und die Nation für die verlorne Gelegenheit zu entschädigen, daß diese fünf, verurtheilt binnen vierundzwanzig Stunden zu sterben, herunterkamen, ehe er den Ort verlassen hatte. Der erste derselben sagte es ihm mit den in den Gefängnissen üblichen Zeichen für den Tod -- einem erhobenen Finger -- und sie setzten alle laut hinzu „lange lebe die Republik!“
Bei diesen fünf hatte allerdings keine Zuhörerschaft die Verhandlungen verlängert; denn als er und Doctor Manette aus dem Thorwege heraustraten, war dort ein großer Volkshaufe versammelt, unter dem sich jedes Gesicht, das er im Gerichtssaal gesehen, zu befinden schien -- mit Ausnahme von zweien, nach denen er sich vergeblich umschaute. Als er heraustrat, stürzte der Haufen wieder auf ihn zu, weinte, umarmte und jauchzte vor Wahnwitz, bis sogar der Strom, an dessen Ufer das tolle Schauspiel vor sich ging, toll zu werden schien, wie das Volk an seinem Gestade.
Sie setzten ihn auf einen Lehnsessel, den sie entweder aus dem Gerichtssaal selbst oder aus einem der Zimmer oder Gänge des Gebäudes geholt hatten. Ueber den Sessel hatten sie eine rothe Fahne geworfen und an die Rückenlehne eine Pike mit einer rothen Mütze darangebunden. Selbst des Doctors Bitte konnte nicht verhindern, daß er in diesem Triumphsessel auf den Schultern der Menge nach Hause getragen ward, während ein wildes Meer rother Mützen ihn umwogte und aus den stürmischen Wogen zuweilen solche Gesichter emporwarf, daß er sich mehr als einmal fragte, ob er etwa nicht recht bei Sinnen sei und in dem Karren nach der Guillotine fahre.
Wie im Traume fühlte er sich von dannen getragen, während sie jeden, dem sie begegneten umarmten und triumphirend auf den vom Tode Geretteten wiesen. So trugen sie ihn in den Hof des Gebäudes, wo er wohnte. Ihr Vater war vorausgeeilt, um Lucie vorzubereiten und als ihr Gatte vor sie trat, sank sie ihm bewußtlos in die Arme.
Als er sie an sein Herz drückte und ihr schönes Antlitz abwendete von den lärmenden Volkshaufen, daß seine Thränen und ihre Lippen sich ungesehen mit einander verschmelzen könnten, fingen einige von den Untenstehenden zu tanzen an. Augenblicks fielen auch alle Uebrigen in den Tanz ein und in dem ganzen Hofe wirbelte die Carmagnole. Dann setzten sie in den leeren Stuhl ein junges Mädchen aus dem Gewühl, um sie als Freiheitsgöttin von dannen zu tragen und dann, wie der Haufe sich in die benachbarten Straßen ergoß und das Gestade des Flusses entlang und über die Brücke, zog die Carmagnole sie alle in ihren Wirbel und riß sie mit fort.
Nachdem Charles Darnay des Doctors Hand gedrückt, wie er siegesbewußt und stolz vor ihm stand, nachdem er Mr. Lorry die Hand gedrückt, der von dem Kampf gegen die wüthende Fluth der Carmagnole athemlos hereintrat; nachdem er die kleine Lucie geküßt, die man zu ihm hinaufgehoben, damit sie die Aermchen um seinen Hals lege; und nachdem er die immer eifrige und getreue Proß umarmt, die das Kind emporgehoben, nahm er seine Gattin in seine Arme und trug sie hinauf in ihre Zimmer.
„Lucie! geliebtes Herz! ich bin in Sicherheit.“
„O, geliebter Charles, laß uns Gott dafür danken auf meinen Knieen, wie ich ihn darum gebeten habe.“
Voller Ehrfurcht beugten sie sich vor dem Herrn. Als sie wieder in seinen Armen lag sagte er zu ihr:
„Und jetzt rede mit deinem Vater, Geliebteste. Kein anderer Mann in ganz Frankreich hätte thun können, was er für mich gethan hat.“
Sie legte ihr Köpfchen an die Brust ihres Vaters, wie vor langer, langer Zeit sein greises Haupt an ihrem Busen geruht hatte. Er fühlte sich glücklich, daß er ihr so hatte vergelten können, er war belohnt für sein Leiden, er war stolz auf seine Kraft. „Du darfst nicht so schwach sein, liebes Herz,“ nickte er ihr zu; „Du darfst nicht so zittern. Ich habe ihn gerettet.“
Siebentes Kapitel.
Ein Klopfen an der Thür.
„Ich habe ihn gerettet.“ Das war keiner von den Träumen in die er sich oft wieder verirrt hatte; es war Wirklichkeit. Und doch zitterte seine Gattin und eine unbestimmte aber schwere Angst bedrückte sie.
Die ganze Luft ringsum war so schwül und finster, die Massen waren so leidenschaftlich rachgierig und launisch, Unschuldige mußten so fortwährend auf unbestimmten Verdacht oder durch tückische Bosheit den Tod erleiden, es war so unmöglich zu vergessen, daß viele, die eben so schuldlos waren, wie ihr Gatte, und anderen eben so theuer als er ihr war, Tag für Tag dem Schicksal verfielen, von dem er gerettet worden, daß ihr Herz sich nicht so erleichtert fühlen konnte, als es eigentlich hätte der Fall sein sollen. Die Dämmerung des Winternachmittags trat schon ein und selbst jetzt noch rollten die schauerlichen Todtenkarren dumpf durch die Straßen. Sie folgte ihnen mit dem Auge des Geistes und suchte ihn unter den Verurtheilten; und dann drängte sie sich dichter an ihn, den sie mit ihren Armen umschlungen hielt, und zitterte nur um so mehr.
Ihr Vater, wenn er ihr Trost zusprach, zeigte eine mitleidige Ueberlegenheit über dieses schwache Frauenherz, die wunderbar zu sehen war. Kein Dachstübchen mehr, kein Schuhmacher, kein Einhundertfünf, Nordthurm! Er hatte die Aufgabe gelöst, die er sich gestellt hatte, sein Versprechen war erfüllt, er hatte Charles gerettet. Nun konnten sich alle auf ihn stützen.
Ihr Haushalt war in der bescheidensten Art: nicht nur weil dies in diesen Zeiten das Sicherste war, sondern auch weil sie nicht reich waren und Charles während seiner Haft für sein schlechtes Essen und für seine Bewachung und zum Unterhalt der ärmeren Gefangenen viel Geld hatte bezahlen müssen. Theils deshalb und theils um keinen Spion im Hause zu haben, hielten sie keine Bedienung; der Bürger und die Bürgerin, die an dem großen Thorweg Pförtnerstelle vertraten, halfen gelegentlich aus; und Jerry -- ihnen von Mr. Lorry fast ganz überlassen -- gehörte so gut wie zum Haushalt und schlief jede Nacht dort.
Es war eine Verordnung der einen und untheilbaren Republik mit dem Motto: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod,“ daß an der Thür oder Thürpfoste jedes Hauses der Name jedes Inwohners lesbar in Buchstaben von einer gewissen Größe in einer gewissen, angemessenen Höhe vom Fußboden angeschrieben stehen müsse. So verzierte denn auch Mr. Jerry Crunchers Name die Thürpfoste unten, und wie der Nachmittag sich dem Abend zuneigte, erschien der Besitzer dieses Namens selbst, nachdem er einem Maler zugesehen, von dem _Dr._ Manette den Namen Charles Evrémonde, genannt Darnay, zu den übrigen hatte hinzufügen lassen.
Bei dem Mißtrauen und der Furcht, die damals Jedermann beherrschte, war man in den unschuldigsten Dingen vorsichtig. In dem kleinen Haushalt des Doctors wurden wie in vielen andern die Lebensbedürfnisse für den nächsten Tag jeden Abend in kleinen Quantitäten und in verschiedenen kleinen Läden gekauft. Keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und so wenig als möglich Gelegenheit zu geben, von sich reden zu machen und beneidet zu werden, war Jedermanns Wunsch.
Seit einigen Monaten hatten Miß Proß und Mr. Cruncher gemeinschaftlich die Einkäufe besorgt, wobei erstere das Geld unter ihrer Obhut hatte, Letzterer den Korb trug. Jeden Nachmittag um die Zeit, wo man die Straßenlaternen anbrannte, traten sie diesen Dienstgang an und brachten die nöthigen Einkäufe mit nach Hause. Obgleich Miß Proß durch ihr langes Verweilen in einer französischen Familie die französische Sprache hätte so gut verstehen können, wie ihre eigene, wenn sie Lust dazu gehabt hätte, so hatte sie doch eben nicht Lust dazu; demnach verstand sie nicht mehr von „dem Unsinn“ (wie sie es zu nennen beliebte) als Mr. Cruncher. Daher pflegte sie, wenn sie etwas einkaufen wollte, dem Verkäufer ein Substantiv ohne die mindeste Rücksicht auf die Natur des gewünschten Artikels an den Kopf zu werfen und wenn es zufälligerweise nicht der Name der verlangten Waare war, sich darnach umzusehen, sich des Gegenstandes zu bemächtigen und daran festzuhalten, bis der Handel geschlossen war. Um das Geschäft zu Ende zu führen, hielt sie stets als Gegengebot für den verlangten Preis einen Finger weniger in die Höhe als der Kaufmann, ohne die mindeste Rücksicht darauf zu nehmen, ob er viel oder wenig forderte.
„Nun, Mr. Cruncher,“ sagte Miß Proß, deren Augen vor Glückseligkeit roth waren: „wenn Sie fertig sind, bin ich auch fertig.“
Mit heiserer Stimme stellte sich Jerry Miß Proß zu Diensten. Sein Rost war schon längst ganz und gar abgeschliffen, aber die starrenden Spitzen seines Haares hatte nichts abfeilen können.
„Wir brauchen heute Alles mögliche,“ sagte Miß Proß, „und werden viel zu thun haben. Unter andern brauchen wir Wein. Schöne Toaste mögen diese Rothköpfe trinken, was für Wein wir ihnen immer einschenken mögen.“
„Sie werden ziemlich ebenso viel wissen, Miß, sollte ich meinen, ob sie Ihre Gesundheit trinken oder die des Schwarzen.“
„Wer ist das?“ fragte Miß Proß.
Mit einiger Schüchternheit erklärte Mr. Cruncher ihr, daß er den Gott sei bei uns meine.
„Ach,“ sagte Miß Proß, „man braucht gar keinen Dolmetscher, um zu wissen was diese Kerle meinen. Sie meinen nur Eines, und das ist Mauserei und mitternächtiger Mord.“
„Still, gute Proß! ich bitte Sie, seien Sie vorsichtig!“ sprach Lucie.
„Ja, ja, ja, ich will vorsichtig sein,“ sagte Miß Proß; „aber unter uns kann ich doch wohl sagen, daß ich hoffe, sie werden uns nicht mit ihren nach Zwiebeln und Tabak riechenden Umarmungen auf der Straße ersticken. Herzblättchen, rühren Sie sich ja nicht von dem Feuer, bis ich zurück bin! Nehmen Sie den lieben Mann in Acht, den Sie wieder gewonnen haben und entfernen Sie Ihr hübsches Köpfchen nicht von seiner Schulter, bis Sie mich wieder sehen! Darf ich mir eine Frage erlauben, _Dr._ Manette, ehe ich gehe?“
„Ich glaube Sie können sich diese Freiheit nehmen,“ gab der Doctor lächelnd zur Antwort.
„Um Gottes Willen sprechen Sie mir nicht von Freiheit; wir haben gerade genug davon,“ sagte Miß Proß.
„Still, gute Proß! Schon wieder?“ bat Lucie.
„Nun mein Herz,“ sagte Miß Proß mit emphatischem Kopfnicken, „das Kurze und das Lange davon ist, daß ich eine Unterthanin seiner allergnädigsten Majestät König Georg III. bin;“ Miß Proß machte bei dem Namen einen Knix; „und als solche habe ich den Grundsatz: Verwirr ihr tückisch Sinnen, ihr mörderisch Beginnen, Damit wir ihn gewinnen, Heil, unserm König, Heil.“
Mr. Cruncher wiederholte in einem Anfall von Loyalität in heiserem Baß Miß Proß Worte, wie in der Kirche.
„Es freut mich, daß Sie so viel vom Engländer in sich haben, obgleich ich wünschte, Sie hätten sich nicht durch Erkältung die Stimme verdorben,“ sagte Miß Proß beifällig. „Aber die Frage, _Dr._ Manette: Ist Aussicht vorhanden“ -- das gute Geschöpf pflegte stets zu thun, als ob es das, was ihnen Allen große Sorge machte, sehr leicht nehme und brachte es so gelegentlich zur Sprache -- „ist Aussicht vorhanden?“
„Ich fürchte, noch nicht. Es wäre noch gefährlich für Charles.“
„Hm, hm, hm!“ sagte Miß Proß und unterdrückte mit heiterem Gesicht einen Seufzer, wie sie einen Blick auf ihres Lieblings goldenes Haar warf, das im Feuerschein glänzte, „dann müssen wir Geduld haben und warten; das ist Alles. Wir müssen den Kopf hoch halten und vorsichtig kämpfen, wie mein Bruder Salomo zu sagen pflegte. Nun Mr. Cruncher! -- Nicht von der Stelle, Herzblättchen!“
Sie gingen und ließen Lucien und ihren Gatten, ihren Vater und das Kind bei einem hellen Feuer zurück. Mr. Lorry wurde binnen Kurzem vom Comptoir erwartet. Miß Proß hatte die Lampe angezündet, aber sie abseits in eine Ecke gestellt, damit sie ungestört den Feuerschein genießen könnten. Die kleine Lucie saß neben ihrem Großvater und hatte die Händchen um seinen Arm geschlungen und er fing eben an ihr in einem Tone, der sich nicht viel über ein Flüstern erhob, eine Geschichte von einer großen mächtigen Fee zu erzählen, die eine Kerkermauer aufgethan und einen Gefangenen befreit hatte, der einmal der Fee einen Dienst geleistet. Alles war still und heimlich und Lucie fühlte sich ruhiger, als sie seit langer Zeit gewesen.
„Was ist das!“ rief sie auf einmal aus.
„Liebes Kind!“ sagte ihr Vater, indem er seine Erzählung unterbrach und seine Hand beruhigend auf die ihrige legte, „beherrsche dich. In welch aufgeregtem Zustande Du bist! Die geringste Sache -- ein Nichts -- erschreckt Dich. ~Dich~, Deines Vaters Tochter?“
„Vater, ich glaubte fremde Schritte auf der Treppe zu vernehmen,“ entschuldigte sich Lucie mit blassem Gesicht und unsicherer Stimme.
„Liebes Kind, es ist todtenstill auf der Treppe.“
Wie er dies sagte schlug man heftig an die Thür.
„Ach, Vater, Vater. Was kann das sein! Verstecke Charles. Rette ihn!“
„Aber Kind,“ sagte der Doctor, indem er aufstand und seine Hand auf ihre Schulter legte, „ich ~habe~ ihn gerettet. Wie schwach Du bist Lucie! Laß mich hinausgehen.“
Er nahm die Lampe, ging durch die zwei dazwischenliegenden Zimmer und machte die Thüre auf. Man vernahm Waffengerassel und laute Schritte und vier rauhe Männer in rothen Mützen mit Säbel und Pistolen bewaffnet, traten ein.
„Bürger Evrémonde, genannt Darnay,“ sagte der Erste.
„Was sucht ihr?“ gab Darnay zur Antwort.
„Ich suche ihn. Wir suchen ihn. Ich kenne Euch, Evrémonde; ich habe Euch heute vor Gericht gesehen. Ihr seid von Neuem der Gefangene der Republik.“
Die Vier umringten ihn wie er dastand und Frau und Tochter ihn umschlungen hielten.