Part 27
Dies neue Leben des Doctors war allerdings ein sorgenvolles Leben; aber der scharfblickende Mr. Lorry erkannte, daß ein neuer ihn aufrecht erhaltender Stolz damit verbunden war. Nichts unzukömmliches hatte dieser Stolz; es war ein natürliches und würdiges Gefühl; aber er beobachtete ihn als eine Merkwürdigkeit. Der Doctor wußte, daß bisher in den Gedanken seiner Tochter und seines Freundes seine Einkerkerung sich nicht von seinen persönlichen Leiden und Schwächen hatte trennen lassen. Jetzt war dies anders geworden und er wußte sich durch diese alte Prüfung mit Kräften ausgestattet, von welchen sie Beide für Charles Sicherheit und Freiheit erwarteten, und diese Veränderung hob seinen Geist so, daß er die Anführung und Leitung übernahm und von ihnen, als den Schwachen, verlangte ihm, als den Starken, zu vertrauen. Die Stellung, welche er und Lucie früher gegen einander einnahmen, war umgekehrt, aber nur wie die lebhafteste Dankbarkeit und Liebe sie umkehren konnten, denn er hätte sich nur erhoben fühlen können, ihr einen Dienst zu leisten, die ihm so viel geleistet hatte. „Ein merkwürdiges Schauspiel,“ dachte Mr. Lorry in seiner liebenswürdig schlauen Weise, „aber ganz natürlich und richtig; also übernehmen Sie die Führung, bester Freund, und behalten Sie dieselbe; sie könnte nicht in bessern Händen sein.“
Aber obgleich der Doctor keine Anstrengungen sparte, und nie zu versuchen aufhörte Charles Darnay die Freiheit zu verschaffen, oder ihn wenigstens vor Gericht zu bringen, so ging doch die allgemeine Strömung der Zeit zu schnell und stark gegen ihn. Die neue Aera begann; der König war gerichtet, verurtheilt und enthauptet; die Republik Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod, stand für Sieg oder Tod gegen die Welt in Waffen; die schwarze Fahne wehete Tag und Nacht von den großen Thürmen von Notre-Dame; dreihunderttausend Mann, aufgerufen sich gegen die Tyrannen zu erheben, erhoben sich aus allen den verschiedenen Landstrichen Frankreichs, als ob die Drachenzähne mit voller Hand ausgesäet worden und überall, im Thal und auf den Bergen, auf dem Fels, im Sand und im Schlamm, unter dem lächelnden Himmel des Südens, und unter den Wolken des Nordens, in Wald und Haide, in Weinbergen und Olivengärten, unter dem verkümmerten Gras und den Stoppeln, auf den fruchtbaren Ufern der breiten Ströme, und dem Geröll des Seestrandes Frucht getragen hätten. Welche Privatsorge konnte gegen die Sündfluth des Jahres Eins der Freiheit Stand halten -- gegen die Sündfluth, die von unten in die Höhe stieg, und nicht von oben kam, vor der die Fenster des Himmels geschlossen waren, nicht offen standen!
Es war kein Stillstand, kein Erbarmen, kein Friede, kein Zwischenraum abspannender Rast, kein Abmessen der Zeit. Obgleich Tage und Nächte so regelmäßig ihren Kreislauf verfolgten, als damals, wo die Zeit noch jung war und aus Abend und Morgen der erste Tag ward, gab es doch keine andere Zeitrechnung. Der Sinn dafür ging in dem rasenden Fieber eines ganzen Volkes verloren, ganz so wie es in dem Fieber eines einzelnen Kranken geschieht. Jetzt ward das unnatürliche Schweigen einer ganzen Stadt unterbrochen, und der Scharfrichter zeigte dem Volke den Kopf des Königs -- und jetzt, es schien fast in demselben Athemzuge, den Kopf seiner schönen Gemahlin, deren Haar in acht langen Monaten eingekerkerter Wittwenschaft voller Jammer und Noth grau geworden war.
Und dennoch, gehorsam dem seltsamen Gesetz des Widerspruchs, welches in allen solchen Fällen herrscht, war die Zeit lang, während sie so rasch vorbei sauste. Ein Revolutionsgericht in der Hauptstadt und vierzig oder fünfzigtausend Revolutionsausschüsse über das ganze Land verbreitet; ein Verdächtigengesetz, welches alle Sicherheit für Freiheit oder Leben wegnahm, und jeden Guten und Unschuldigen in die Hand jedes Schlechten und Schuldigen gab; Gefängnisse, vollgestopft von Leuten, die kein Verbrechen begangen hatten und kein Gehör erlangen konnten; alles dieses wurde festbegründete Ordnung und sich von selbst verstehendes Herkommen, und schien alter Brauch zu sein, bevor es viele Wochen alt war. Vor allem wurde das Auge mit einem scheußlichen Anblick so vertraut, als hätte es ihn vom Anfang der Welt an alle Tage gesehen -- mit dem Anblick des scharfen Frauenzimmers, genannt _La Guillotine_!
Es war der allgemein beliebte Gegenstand für Scherze; sie war das beste Mittel für Zahnweh, sie war ein unfehlbarer Schutz vor dem Grauwerden der Haare, sie gab der Gesichtsfarbe eine eigenthümliche Zartheit, sie war das Nationalrasirmesser, welches sehr glatt rasirte; wer _La Guillotine_ küßte, gukte durch das Fensterchen, und nießte in den Sack. Sie war das Zeichen der Wiedergeburt des Menschengeschlechts. Sie trat an die Stelle des Kreuzes. Kleine Guillotinen trugen Leute auf der Brust, von welchen das Kreuz verschwunden war, und man beugte sich vor der Guillotine und glaubte an sie, wo man das Kreuz verleugnete.
Sie hatte so viele Köpfe abgeschlagen, daß ihr Gestell und die Stelle, wo sie am meisten wüthete, von Blut durchtränkt war. Sie wurde auseinander genommen, wie ein künstliches Spielzeug für einen jungen Teufel, und wieder zusammengesetzt, wo man sie brauchte. Sie brachte den Beredtsamen zum Schweigen, schlug den Mächtigen nieder, vernichtete die Schönen und Guten. Zweiundzwanzig Freunden von hohem Ansehen im öffentlichen Leben, einundzwanzig Lebendigen und einem Todten, hatte sie an einem Morgen in ebenso viel Minuten die Köpfe abgeschlagen. Der oberste Beamte, der sie in Bewegung setzte, hatte den Namen des starken Mannes im alten Testament geerbt; aber so bewaffnet war er stärker als sein Namensvetter und blinder, und trug alltäglich die Thore von Gottes eignem Tempel fort.
Unter diesem Schrecken und dem Gezücht, das davon lebte, wandelte der Doctor in ruhiger Fassung einher -- voller Vertrauen in seine Macht, vorsichtig ausdauernd in seinem Ziel, nie bezweifelnd, daß er Luciens Gatten schließlich retten werde. Aber der Strom der Zeit schoß so stark und tief vorbei, und riß die Zeit so ungestüm mit sich fort, daß Charles bereits ein Jahr und drei Monate im Gefängniß schmachtete, als der Doctor immer noch so voll ruhiger Zuversicht war. So viel bösartiger und wüthender war die Revolution in diesem Decembermonat geworden, daß die Flüsse im Süden sich von den Leichen der während der Nacht gewaltsam Ertränkten verstopften, und unter der südlichen Wintersonne Gefangene in Reihen und Vierecken niedergeschossen wurden. Immer noch wandelte der Doctor unter den Greueln mit ruhiger Fassung dahin. In dem Paris jener Zeit war Niemand besser als er bekannt; Niemand war in einer seltsameren Stellung. Schweigsam, menschenfreundlich, unentbehrlich im Hospital und Gefängniß, seine Kunst gleichmäßig unter Mördern und Opfern ausübend, war er ein Mann für sich. In der Ausübung seiner Kunst schied ihn das Aussehen und die Geschichte des Bastillegefangenen weit von allen andern Menschen. Er wurde nicht verdächtig oder in Frage gestellt, ebenso wenig als ob er vor etwa achtzehn Jahren auferstanden wäre, oder als Geist sich unter den Sterblichen bewegte.
Fünftes Kapitel.
Der Holzmacher.
Ein Jahr und drei Monate. Während dieser ganzen Zeit war Lucie jede Stunde jedes Tages nicht sicher, ob nicht am nächsten Morgen das Haupt ihres Gatten unter der Guillotine fallen würde. Jeden Tag rollten durch die gepflasterten Straßen schwerfällig die Karren mit Verurtheilten angefüllt. Schöne Mädchen, glänzende Frauen mit braunen, schwarzen und grauen Locken; Jünglinge; kräftige Männer und Greise; Edelleute und Bauern; lauter rother Wein für _La Guillotine_, alltäglich an’s Tageslicht gebracht aus den dunkeln Kellern der scheußlichsten Gefängnisse und ihr durch die Straßen zugeführt, damit sie ihren verzehrenden Durst lösche. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod; -- letzterer am allerleichtesten von dir zu schaffen, o Guillotine!
Wenn das plötzliche Eintreten des Unglücks und die brausenden Räder der Zeit die Tochter des Doctors so betäubt hätten, daß sie den Ausgang in thatloser Verzweiflung abgewartet hätte, so wäre es ihr wie vielen andern gegangen. Aber von der Stunde an, wo sie in der Dachkammer Saint Antoine das weiße Haupt an ihren frischen Busen gedrückt, war sie ihren Pflichten treu geblieben. Sie war ihnen am treuesten in der Prüfungszeit, wie es bei allen im Stillen guten und loyalen Herzen immer sein wird.
Sobald sie in ihrer neuen Wohnung sich eingerichtet hatten, und ihr Vater von Neuem alltäglich seinem Berufe lebte, ordnete sie den kleinen Haushalt genau so als ob ihr Gatte bei ihnen sei. Alles hatte seinen bestimmten Ort und seine bestimmte Zeit. Der kleinen Lucie gab sie so regelmäßig Unterricht, als wären sie alle in ihrem englischen Heimwesen vereinigt. Die kleinen Kunstgriffe, mit welchen sie sich selbst in einen Schein des Glaubens hineinheuchelte, daß sie bald wieder bei einander sein würden -- die kleinen Vorbereitungen für seine baldige Wiederkehr, das Hinsetzen seines Stuhles, und das Hinlegen seiner Bücher -- diese und Abends das inbrünstige Gebet für einen geliebten Gefangenen insbesondere unter den vielen Unglücklichen im Kerker und im Schatten des Todes -- waren fast die einzigen ausgesprochenen Erleichterungen, die sie ihrem schweren Herzen gönnte.
In ihrem Aussehen veränderte sie sich wenig. Die einfachen dunkeln Kleider, fast wie Trauertracht, in welchen sie und ihr Kind einhergingen, waren so schmuck und gut gehalten, wie die prächtigern Kleider glücklicherer Tage. Sie verlor an Farbe, und der alte Ausdruck der Spannung war fortwährend und nicht gelegentlich auf ihrem Gesicht zu sehen, im Uebrigen blieb sie sehr hübsch und anmuthig. Manchmal, wenn sie des Nachts den Vater küßte, brach der Schmerz hervor, den sie den ganzen Tag unterdrückt hatte, und sie sagte ihm, daß er unter dem Himmel ihr einziger Verlaß sei. Er antwortete immer entschlossen: „Nichts kann ihm geschehen, ohne daß ich es weiß, und ich weiß daß ich ihn retten kann, Lucie.“
Sie hatten noch nicht viele Wochen ihr neues Leben geführt, als ihr Vater eines Abends beim Nachhausekommen zu ihr sagte:
„Meine Gute, es ist im Gefängniß ein hohes Fenster, zu welchem Charles um drei Uhr Nachmittags manchmal Zutritt finden kann. Wenn er hin gelangen kann -- was von vielen Ungewißheiten und Zufälligkeiten abhängt, -- könnte er, glaubt er, Dich auf der Straße sehen, wenn Du Dich an einen gewissen Ort stellst, den ich Dir zeigen kann. Aber, meine arme Lucie, Du wirst ihn nicht sehen können, und selbst wenn es der Fall wäre, wäre es gefährlich für Dich ein Erkennungszeichen zu geben.“
„O, zeige mir die Stelle, Vater, und ich will jeden Tag hingehen.“
Von dieser Zeit an wartete sie dort in jeder Witterung zwei Stunden. Mit dem Glockenschlag Zwei war sie dort, und um Vier ging sie resignirten Gemüthes nach Hause. Wenn es nicht zu naß oder zu kalt für ihr Kind war, nahm sie es mit, zu andern Zeiten war sie allein; aber sie blieb keinen einzigen Tag aus.
Die Stelle war die dunkle und schmutzige Ecke eines krummen Gäßchens. Die Hütte eines Mannes, der Brennholz zersägte, war das einzige Haus an diesem Ende; alles übrige war Mauer. Am dritten Tage ihres Hinkommens nahm er Notiz von ihr.
„Guten Tag, Bürgerin.“
„Guten Tag, Bürger.“
Diese Form der Anrede war jetzt durch Decret vorgeschrieben. Sie war schon vor einiger Zeit unter den gesinnungstüchtigen Patrioten freiwillig eingeführt worden, war aber jetzt für Jedermann Gesetz.
„Gehen wieder hier spatzieren, Bürgerin?“
„Wie Sie sehen, Bürger!“
Der Holzmacher, der ein kleiner Mann von lebhaftem Geberdenspiel war (er war früher einmal Straßenarbeiter gewesen), sah hinauf nach dem Gefängniß, deutete mit dem Finger hin, hielt dann seine zehn Finger vor das Gesicht, um Eisenstäbe darzustellen, und blickte lachend hindurch.
„Aber es ist nicht meine Sache,“ sagte er und sägte weiter.
Am nächsten Tag erwartete er sie, und redete sie an sowie sie kam.
„Was! wieder hier spatzieren gehen, Bürgerin?“
„Ja, Bürger!“
„Ah! und mit einem Kinde. Deine Mutter, nicht wahr, kleine Bürgerin?“
„Soll ich ja sagen, Mama?“ flüsterte die kleine Lucie, und drängte sich dichter an die Mutter.
„Ja, liebes Kind.“
„Ja, Bürger.“
„Ach! aber es ist nicht meine Sache. Meine Arbeit ist meine Sache. Sehen Sie meine Säge! Ich nenne sie meine kleine Guillotine. La la la! la la la! und runter ist sein Kopf!“
Das abgesägte Stück Holz fiel zu Boden, wie er sprach, und er warf es in einen Korb.
„Ich nenne mich den Samson der Brennholz-Guillotine. Sehen Sie wieder her! Lu lu lu; lu lu lu! und runter ist ~ihr~ Kopf! Jetzt ein Kind. La la la; la la la! und runter ist ~sein~ Kopf. Die ganze Familie!“
Lucien überlief ein Schauder, wie er noch zwei Holzstücke in den Korb warf, aber wenn sie überhaupt herkommen wollte, während der Holzmacher arbeitete, mußte sie in seinem Gesichtsbereich sein. Daher redete sie ihn von nun an stets zuerst an, und gab ihm oft ein Trinkgeld, das er gern annahm, um ihn bei guter Stimmung zu erhalten.
Er war ein neugieriger Bursch, und manchmal, wenn sie ihn über dem Hinsehen auf die Gefängnißdächer und Gitter und im Erheben ihres Herzens zu ihrem Gatten ganz und gar vergessen hatte, entdeckte sie plötzlich, daß er, die Knie auf die Bank gestützt und die Säge ruhen lassend, sie betrachtete. „Aber es ist nicht meine Sache!“ sagte er meistens bei diesen Gelegenheiten, und fing rasch wieder zu sägen an.
In jedem Wetter, im Schnee und in der Kälte des Winters, in den schneidenden Winden des Frühlings, im heißen Sonnenschein des Sommers, im Regen des Herbstes, und wieder im Schnee und in der Kälte des Winters, verbrachte Lucie alltäglich zwei Stunden auf dieser Stelle; und jeden Tag beim Fortgehen küßte sie die Gefängnißmauer. Ihr Gatte sah sie (wie sie von ihrem Vater erfuhr) vielleicht alle fünf- bis sechsmale; zuweilen zwei- oder dreimal hintereinander; zuweilen aber auch eine Woche oder vierzehn Tage gar nicht. Es war genug, daß er sie, wenn alles gut ging, sehen konnte und sah, und auf diese Möglichkeit hin hätte sie die ganze Woche lang jeden Tag bis zum Abend ausgeharrt.
So verging die Zeit bis zum December, unter dessen Schrecken ihr Vater ruhigen Muthes einher ging. Eines Nachmittags als es ein wenig schneiete, traf sie an ihrer gewöhnlichen Ecke ein. Es war ein Tag wilden Jubels und ein Festtag. Auf dem Hinweg hatte sie die Häuser mit kleinen Piken, auf welche kleine rothe Mützen gesteckt waren, geschmückt gesehen; auch mit dreifarbigen Bändern und mit der überall sichtbaren Inschrift (dreifarbige Buchstaben waren die beliebtesten) „Eine und untheilbare Republik, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod!“
Die elende Bude des Holzmachers war so klein, daß ihre ganze Fläche für diese Inschrift sehr kärglichen Raum darbot. Er hatte sie jedoch sich von Jemanden schreiben lassen, der „Tod“ mit höchst unangemessener Schwierigkeit hineingequetscht hatte. Auf dem Dache prangte Pike und Mütze, wie es sich für einen guten Bürger geziemte, und in einem Fenster stand seine Säge, von der Aufschrift seine „kleine heilige Guillotine“ genannt -- denn das Volk hatte jetzt das große scharfe Frauenzimmer kanonisirt. Sein Laden war geschlossen, und er war nicht da, was eine Erleichterung für Lucien war, und ihr gestattete allein zu bleiben.
Aber er war nicht weit weg, denn gleich darauf hörte sie das Lärmen und Brüllen eines sich nähernden Menschenhaufens, das sie mit Bangen erfüllte. Einen Augenblick später strömte ein wildes Gewühl um die Ecke der Gefängnißmauer, und in der Mitte desselben sah man den Holzmacher mit dem Racheengel Hand in Hand. Es konnten nicht weniger als fünfhundert Menschen sein, und sie tanzten wie fünftausend Dämonen. Sie hatten keine andere Musik, als ihren eigenen Gesang. Sie tanzten nach dem beliebten Revolutionslied in einem wilden Takt, der einem Zähneknirschen im Einklange glich. Männer und Frauen tanzten mit einander, Frauen tanzten mit einander, Männer tanzten mit einander, wie der Zufall sie zusammengeführt hatte. Anfangs war es blos ein Gewühl von rothen Mützen und schlechten wollenen Lumpen, aber wie die Straße voll wurde und der Tanz sich Lucien näherte, wurde das schauerliche Gespenst einer toll gewordenen Tanztour unter dem Haufen sichtbar. Die Einzelnen avancirten, retirirten, schlugen sich einander an die Hände, packten einander bei dem Kopfe, drehten sich allein im Kreise, faßten einander und drehten sich paarweise, bis viele von ihnen erschöpft hinsanken. Während diese liegen blieben, gaben sich die Uebrigen die Hand, und alle tanzten im Kreise herum; dann löste sich der Reigen, und in besonderen Kreisen von Zweien und Vieren drehten sie sich weiter, bis alle auf einmal still standen, wieder anfingen, in die Hände klatschten, sich packten und fortrissen, und dann in umgekehrter Richtung fortwirbelten. Plötzlich blieben sie wieder stehen, fingen mit einem neuen Takt an, bildeten Reihen die Straße entlang, und schossen mit tiefgesenkten Köpfen, und hoch in die Luft gehobenen Händen, wild heulend von dannen. Es war so in vollstem Sinne ein gefallener Tanz -- ein ehedem unschuldiges Ding, das jetzt jeder Teufelei anheim gegeben war -- eine ehedem gesunde Zerstreuung, jetzt zu einem Mittel geworden, das Blut zu entzünden, die Sinne zu verwirren, und das Herz zu verhärten. Die Grazie, die sich dabei noch zeigte, machte es nur um so häßlicher, denn sie verrieth, wie verkehrt und verderbt alle von Natur guten Dinge werden können. Der in diesen Tanz entblößte Jungfrauenbusen, der fast noch dem Kindesalter angehörige hübsche Kopf, der sich in dem Wahnwitz erhitzte, der zarte Fuß, der in diesem Sumpf von Blut und Schmutz tänzelte, waren Typen der aus den Gliedern gerenkten Zeit.
Das war die Carmagnole. Wie sie vorübersauste und Lucie mit Schrecken erfüllt und verwirrt in der Thür des Holzmachers stehen blieb, schwebten die Schneeflocken so ruhig herunter, und lagen so weich und weiß da, als ob das Ding nie gewesen wäre.
„Ach, mein Vater!“ denn er stand vor ihr, als sie die Augen wieder aufschlug, die sie eine Secunde mit der Hand zugedeckt hatte, „ein so entsetzliches, schlimmes Schauspiel.“
„Ich weiß, meine Liebe, ich weiß. Ich habe es viele Male gesehen. Beruhige Dich! keiner von ihnen würde Dir ein Leid zufügen.“
„Ich bin meinetwegen nicht unruhig, Vater. Aber wenn ich an meinen Gatten denke, und an die Barmherzigkeit dieser Leute --“
„Er wird sehr bald von ihrer Barmherzigkeit absehen können. Ich verließ ihn, als er zum Fenster hinaufkletterte, und ich komme es Dir zu sagen. Es kann uns hier Niemand sehen. Du kannst dort nach jenem höchsten schrägen Dach eine Kußhand schicken.“
„Ich thue es, Vater, und schicke ihm meine Seele mit hinauf!“
„Du kannst ihn nicht sehen, meine arme Lucie?“
„Nein. Vater,“ sagte Lucie mit heißen Thränen ihre Hand küßend, „nein.“
Schritte im Schnee. Madame Defarge. „Ich grüße Sie, Bürgerin,“ vom Doctor. „Ich grüße Sie, Bürger.“ Dies im Vorbeigehen. Nichts weiter. Madame Defarge ist verschwunden wie ein Schatten über den weißen Weg.
„Gieb mir den Arm, liebe Lucie. Geh seinetwegen mit heiterem und muthigem Gesicht von hier fort. Das war gut gemacht!“ Sie hatten den Ort verlassen; „es ist nicht umsonst. Charles ist für Morgen vorgeladen.“
„Für Morgen!“
„Es ist keine Zeit zu verlieren. Ich bin gut vorbereitet, aber es sind Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen, die nicht ergriffen werden konnten, bevor er nicht wirklich vor Gericht gefordert war. Er hat die Ladung nicht bekommen, aber ich weiß, daß er sie noch in dieser Stunde erhalten, und nach der Conciergerie gebracht werden wird; ich habe frühzeitige Nachrichten. Du fürchtest Dich nicht?“
Sie konnte kaum antworten, „ich vertraue auf Dich.“
„Du kannst das unbedingt thun. Die Ungewißheit ist nun bald vorüber, mein Herz; Du wirst ihn binnen wenigen Stunden wiedersehen; ich habe ihn mit jedem möglichen Schutz umgeben. Ich muß Lorry sprechen.“
Er hielt inne. Man hörte ein dumpfes Rollen von Wagen in der Nähe. Beide wußten nur zu gut, was es bedeutete. Eins. Zwei. Drei. Drei Karren fuhren dahin über den weichen Schnee, mit ihrer dem Tode geweiheten Ladung.
„Ich muß Lorry sprechen;“ wiederholte der Doctor, indem er mit ihr in einer andern Richtung fortging.
Der wackere alte Herr war immer noch auf seinem Vertrauensposten, hatte ihn überhaupt nie verlassen. Er und seine Bücher wurden häufig über confiscirtes und zum Nationalgut geschlagenes Eigenthum zu Rathe gezogen. Was er den Eigenthümern retten konnte, rettete er. Es gab keinen unter den Lebenden, der besser bei dem aushielt, was Tellsons in Verwahrung hatten, und zu schweigen verstand.
Ein trüber roth und gelber Himmel, und ein von der Seine aufsteigender Nebel verkündete die nahende Dunkelheit. Es war fast Nacht, als sie die Bank erreichten. Der stattliche Palast Monseigneurs war ganz und gar verödet und verlassen. Ueber einem Haufen Staub und Asche im Hofe las man die Inschrift: „National-Eigenthum. Eine und untheilbare Republik. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod.“
Wer mochte das sein bei Mr. Lorry -- der Besitzer des Reitüberrockes auf dem Stuhle -- der nicht gesehen werden durfte? Von welchem neuen Ankömmling kam er heraus, aufgeregt und überrascht, um seinen Liebling in die Arme zu schließen? Wem wiederholte er ihre gestammelten Worte, als er mit gehobener Stimme, und den Kopf nach der Thür des Zimmers wendend, aus dem er gekommen war, sagte: „Nach der Conciergerie gebracht und für Morgen vorgeladen!“
Sechstes Kapitel.
Triumph.
Das gefürchtete Tribunal von fünf Richtern, dem öffentlichen Ankläger und den kurz weg sich entschließenden Geschworenen, saß jeden Tag. Jeden Abend erließen sie ihr Requisitionsverzeichniß, das von den Schließern der verschiedenen Gefängnisse ihren Gefangenen vorgelesen ward. Der stehende Schließerwitz war: „Ihr da drinnen, kommt heraus, und hört die Abendzeitung vorlesen!“
„Charles Evrémonde, genannt Darnay!“
So begann endlich die Abendzeitung in La Force.
So wie ein Name gerufen war, stellte sich sein Besitzer auf eine Denjenigen vorbehaltene Stelle, welche auf der verhängnißvollen Liste verzeichnet standen. Charles Evrémonde, genannt Darnay, hatte Grund die Sitte zu kennen; er hatte Hunderte so verschwinden sehen.
Der Schließer von aufgedunsenem Aussehen, der zum Lesen eine Brille trug, sah über dieselbe hinweg, um sich zu vergewissern, daß er auf seinen Platz getreten war, und las das Verzeichniß zu Ende, wobei er bei jedem Namen eine ähnliche kurze Pause machte. Es waren dreiundzwanzig Namen, aber nur zwanzig meldeten sich dazu; denn einer von den vorgeladenen Gefangenen war in dem Gefängniß gestorben und vergessen worden, und zwei waren bereits guillotinirt und ebenfalls vergessen. Das Verzeichniß wurde in dem gewölbten Raume verlesen, wo Darnay in der Nacht seiner Ankunft die versammelten Gefangenen gesehen hatte. Diese waren sämmtlich in der Metzelei umgekommen; jedes Menschenkind, um das er sich seither gekümmert, und das er seither hatte scheiden sehen, war auf dem Schaffot gestorben.