Zwei Städte

Part 24

Chapter 243,658 wordsPublic domain

Das Verbrechen, wegen dessen ich eingekerkert bin, Monsieur, früher Herr Marquis und wegen dessen ich vor Gericht erscheine und (ohne Ihre großmüthige Hülfe) das Leben verlieren soll, ist, wie sie mir sagen, Verrath an der Majestät des Volkes, insofern ich für einen Emigranten thätig gewesen bin. Vergebens stellte ich ihnen vor, daß ich, Ihren Befehlen gemäß, für das Volk und nicht gegen das Volk thätig gewesen sei. Vergebens stellte ich ihnen vor, daß ich vor der Beschlagnahme der Besitzungen der Emigranten die Steuern, welche die Leute aufgehört hatten zu zahlen, erlassen habe, daß ich keine Pachtgelder eingezogen, daß ich keine Klage angestrengt. Die einzige Antwort ist, daß ich für einen Emigranten thätig gewesen bin, und wer ist dieser Emigrant?

Ach, mein gnädigster Herr, früher Marquis, wo ist dieser Emigrant! Ich rufe im Schlafe, wo ist er? Ich frage den Himmel, ob er nicht kommen wird, um mich zu befreien! Keine Antwort. Ach mein Herr, früher Marquis, ich lasse meinen Ruf über das Meer erschallen in der Hoffnung, daß er vielleicht durch das große Bankierhaus Tellson Ihr Ohr erreiche!

Um der Liebe des Himmels willen, um der Gerechtigkeit, der Großmuth, der Ehre Ihres edlen Namens willen beschwöre ich Sie, Monsieur, früher Herr Marquis, mir zu Hülfe zu kommen und mich zu befreien. Mein Verbrechen ist, daß ich Ihnen treu gewesen bin. Ach, gnädigster Herr, verlassen Sie mich nicht!

Aus diesem gräulichen Kerker, wo jede Stunde mich dem Tode näher und näher bringt, übersende ich Ihnen, Monsieur, früher Herr Marquis, die Versicherung meiner schmerzerfülltesten und unglücklichen Dienstwilligkeit.

Ihr tiefbetrübter ~Gabelle~.“

Die in Darnay’s Gemüth schlummernde Unruhe wurde von diesem Brief zum kräftigsten Leben geweckt. Die Gefahr eines alten und bewährten Dieners, dessen einziges Verbrechen seine Treue gegen ihn und seine Familie war, starrte ihn so vorwurfsvoll in’s Gesicht, daß er, wie er überlegend im Tempelgarten auf und ab ging, fast sein Antlitz vor den Vorübergehenden hätte verbergen mögen.

Er wußte recht gut, daß er in seinem Entsetzen über die That, mit welcher die schlimmere That und der schlimme Ruf seines alten Geschlechts geprunkt hatte, in seinem Argwohn gegen seinen Onkel und in dem Abscheu mit welchem sein Gewissen den zusammenfallenden Bau betrachtet hatte, den man ihm zumuthete zu stützen, halb gehandelt hatte. Er wußte recht gut, daß in seiner Liebe zu Lucien sein Zurücktreten von seiner gesellschaftlichen Stellung -- obgleich seinem Geiste keineswegs etwas Neues -- übereilt und unverständig gewesen war. Er wußte, daß er systematischer und umsichtiger hätte verfahren sollen und daß er dies beabsichtigt hatte, daß es aber nie dazu gekommen war.

Das Glück des englischen Heimwesens, das er sich begründet; die Nothwendigkeit, immer beschäftigt zu sein; die raschen Veränderungen und Unruhen der Zeit, die sich so hastig drängten, daß die Ereignisse dieser Woche die unreifen Pläne der vorigen vernichteten und die Ereignisse der folgenden Woche Alles neu gestalteten, waren -- wie er recht gut wußte -- die Verhältnisse, denen er eben nachgegeben hatte -- nicht ohne Sorge, aber doch ohne beständigen und nachhaltigen Widerstand. Daß er auf einen Augenblick zum thätigen Eingreifen gewartet und daß im Wirbel der Ereignisse die Zeit vorübergegangen war und der Adel Frankreich in Schaaren verließ, sein Eigenthum mit Beschlag belegt und zerstört und sein Namen abgeschafft wurde, war ihm so gut bekannt, wie es nur der neuen Gewalt in Frankreich bekannt sein konnte, die ihn vielleicht deshalb anklagte.

Aber er hatte Niemanden gedrückt, er hatte Niemanden eingekerkert; so wenig er mit Härte auf die Zahlung dessen, was ihm zugestanden, gedrungen, daß er alles dies freiwillig aufgegeben und sich durch eigne Kraft eine neue Stellung in der Welt erobert hatte, die ihm Brod gab. Mr. Gabelle hatte die heruntergekommene und überschuldete Besitzung nach schriftlichen Verhaltungsbefehlen verwaltet, die ihn anwiesen, die armen Leute zu schonen, ihnen das Wenige zu geben, was zu geben war -- im Winter so viel Brennholz und im Sommer so viel Getreide, als die drängenden Gläubiger übrig ließen -- und jedenfalls hatte er seiner Sicherheit wegen diesen Umstand documentarisch festgestellt, so daß er jetzt zu Tage kommen mußte.

Diese Rücksichten begünstigten den verzweifelten Entschluß, den Charles Darnay zu fassen begonnen hatte, nämlich nach Paris zu reisen.

Ja. Wie den Schiffer in der alten Sage hatten die Winde und Strömungen ihn in den Bereich des Magnetfelsens getrieben und dieser zog ihn an und er mußte folgen. Alles, was vor seine Seele trat, trieb ihn rascher und rascher und mit immer steigender Kraft der erschrecklichen Anziehungskraft in die Arme. Die in seiner Seele schlummernde Unruhe war gewesen, daß in seinem unglücklichen Vaterlande schlechte Werkzeuge für schlechte Ziele arbeiteten und daß Derjenige, welcher nicht umhin konnte zu wissen: er sei besser als Jene, nicht dort war um zu versuchen, ob er etwas thun könnte, dem Blutvergießen Einhalt zu thun und die Forderungen der Barmherzigkeit und Menschlichkeit zur Geltung zu bringen. Diese halb unterdrückte und halb ihm Vorwürfe machende Sorge hatte ihn dazu gebracht, einen Vergleich zwischen sich und dem wackern alten Herrn anzustellen, in dem das Pflichtgefühl so stark war; und unmittelbar auf diesen ihm so nachtheiligen Vergleich waren die geringschätzigen Aeußerungen Monseigneurs, die ihn tief verletzten, und die Stryvers, die aus alten Gründen doppelt verletzend für ihn waren, gefolgt. Darauf war Gabelle’s Brief gekommen, der Anruf an seine Gerechtigkeit, seine Ehre und seinen guten Namen von Seiten eines unschuldigen in Todesgefahr schwebenden Gefangenen.

Sein Entschluß war gefaßt. Er mußte nach Paris.

Ja. Der Magnetfelsen zog ihn an und er mußte vorwärts segeln bis er auf die Klippe lief. Er wußte von keinem Felsen; er sah kaum eine Gefahr. Die Beweggründe, aus denen er gehandelt hatte, wie er gethan, selbst wenn er es nur halb gethan, zeigten ihm sein Thun in einem Lichte, das ihn über die möglichen Folgen beruhigte. Dann erschien vor seinen Augen der herrliche Traum, Gutes thun zu können, der so oft die sanguinische Täuschung guter Menschen ist, und er sah sich sogar im Besitz von genügendem Einfluß, um diese wild gewordene Revolution, die so stürmische Pfade wandelte, zu leiten.

Wie er mit bereits gefaßtem Entschluß auf- und abging, überlegte er, daß weder Lucie noch ihr Vater vor seiner Abreise etwas erfahren durften. Lucien mußte der Trennungsschmerz erspart bleiben; und ihr Vater -- immer abgeneigt, sich mit den gefährlichen Erinnerungen aus alter Zeit zu beschäftigen -- durfte den Schritt erst als einen bereits geschehenen, über den jeder Zweifel beseitigt ist, erfahren. Wie viel von der Halbheit seiner Lage ihrem Vater in Folge der Abgeneigtheit desselben, alte Erinnerungen an Frankreich in seiner Seele zu wecken, zuzuschreiben war, besprach er jetzt nicht bei sich. Aber auch dieser Umstand hatte Einfluß auf seinen Entschluß.

Er ging, ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, auf und ab bis es Zeit war, wieder zu Tellsons zu gehen und von Mr. Lorry Abschied zu nehmen. Gleich nach seiner Ankunft in Paris wollte er seinen alten Freund aufsuchen; aber jetzt durfte er von seiner Absicht nichts wissen.

Ein Wagen mit Postpferden stand vor der Thür des Geschäfts und Jerry reisefertig daneben.

„Ich habe den Brief abgegeben,“ sagte Charles Darney zu Mr. Lorry. „Ich konnte nicht einwilligen, Sie mit einer schriftlichen Antwort zu belästigen, aber vielleicht nehmen Sie eine mündliche mit.“

„Das will ich -- und gern, wenn es nicht gefährlich ist.“

„Durchaus nicht, obgleich Sie an einen Gefangenen in der Abbaye gerichtet ist.“

„Wie heißt er?“ fragte Mr. Lorry mit dem geöffneten Taschenbuche in der Hand.

„Gabelle.“

„Gabelle. Und was habe ich an den armen Gabelle im Gefängniß auszurichten?“

„Einfach: „„daß er den Brief empfangen hat und kommen wird.““

„Eine Zeit genannt?“

„Er wird morgen Abend seine Reise antreten.“

„Jemandes Namen zu nennen?“

„Nein.“

Er half Mr. Lorry, sich in eine Anzahl Ueberröcke und Mäntel einhüllen und begleitete ihn aus der warmen Atmosphäre des alten Comptoirs hinaus in die neblige Luft von Fleetstreet.

„Lucien und der kleinen Lucie meinen zärtlichsten Gruß!“ sagte Mr. Lorry beim Abschied; „und nehmen Sie sich ja recht in Acht bis ich wieder komme.“ Charles Darnay schüttelte den Kopf und lächelte zweifelnd wie der Wagen von dannen fuhr.

Diese Nacht (es war der 14. August) blieb er spät auf und schrieb zwei Briefe voller Innigkeit; -- den einen an Lucien, in welchem er ihr auseinandersetzte, welch eine unumgängliche Pflicht ihn nach Paris treibe und warum er fest vertraue, dort für seine Person keine Gefahr zu laufen; -- den andern an den Doctor, welcher Lucien und ihr geliebtes Kind seiner Obhut anempfahl und mit den stärksten Versicherungen von denselben Gegenständen sprach. Beiden schrieb er, daß er unmittelbar nach seiner Ankunft zum Beweis seiner Sicherheit Briefe abschicken werde.

Es war ein schwerer Tag -- dieser Tag, zum erstenmal mit einem Geheimniß vor seinen Lieben unter ihnen zu verweilen. Es hielt schwer, den unschuldigen Betrug aufrecht zu erhalten, von dem sie auch nicht das Mindeste ahneten. Aber ein zärtlicher Blick auf seine glückliche und geschäftige Gattin befestigte ihn in dem Entschluß, ihr von dem Bevorstehenden nichts zu sagen (er war halb dazu geneigt gewesen, so seltsam erschien es ihm, etwas ohne ihre stille Beihülfe zu thun) und der Tag ging rasch vorüber. Zu zeitiger Abendstunde umarmte er sie und ihre kaum weniger geliebte Namensschwester, nahm unter dem Vorwand baldiger Rückkehr flüchtigen Abschied und trat dann mit schwerem Herzen in den dicken Nebel der Straße hinaus. Die unsichtbare Kraft zog ihn jetzt rasch an sich heran und alle Strömungen und Winde gingen entschieden in dieser Richtung. Er übergab seine beiden Briefe einem zuverlässigen Boten mit dem Befehl, sie eine halbe Stunde vor Mitternacht -- und nicht eher -- abzugeben, nahm Postpferde nach Dover und trat seine Reise an.

„Um der Liebe des Himmels willen, um der Gerechtigkeit, der Großmuth, der Ehre Ihres adeligen Namens willen!“ Mit diesem Ausruf des armen Gefangenen stärkte er manchmal seinen sinkenden Muth, als er Alles, was ihm auf Erden theuer war, verließ und widerstandslos auf den Magnetfelsen zutrieb.

Drittes Buch.

Des Sturmes Wüthen.

Erstes Kapitel.

Zu geheimer Haft.

Der Reisende der im Jahre 1792 von England nach Paris sich begab, kam langsam vorwärts. Mehr als zur Genüge schlechte Wege, schlechte Wagen und schlechte Pferde hätten ihn aufgehalten, wenn auch der gestürzte und unglückliche König von Frankreich noch in allem seinem Prunk auf dem Throne gesessen hätte; aber der Wechsel der Zeiten hatte noch andere Verhältnisse als diese geschaffen. In jedem Thor der Städte und in jedem Einnahmehause der Dörfer stand eine Schaar von Bürgern und Patrioten mit ihren Nationalgewehren in höchst schußbereitem Zustand, die alle Kommenden und Gehenden anhielt, sie der Kreuz und der Quer fragte, ihre Papiere besichtigte, nach ihren Namen in selbst angelegten Verzeichnissen suchte, sie zurückschickte oder gehen ließ, oder sie anhielt und in’s Gefängniß steckte, wie es ihr launenhaftes Urtheil oder ihre Einbildung zum Besten der einen und untheilbaren Republik und für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod! für gut fand.

Charles Darnay hatte nur wenige Meilen auf seiner Reise in Frankreich zurückgelegt, als er zu bemerken anfing, daß auch ihm in diesem Lande keine Hoffnung auf Rückkehr mehr leuchtete, bevor er nicht in Paris als guter Bürger anerkannt worden. Was jetzt immer geschehen mochte, er mußte seine Reise zum Ziele führen. Kein ärmliches Dorf schloß sich hinter ihm, kein gewöhnlicher Schlagbaum senkte sich hinter ihm über den Weg, von denen er nicht wußte, daß sie neue eiserne Thore in der Reihe derer waren, welche sich zwischen ihm und England schlossen. Die allgemeine Wachsamkeit umgab ihn so vollkommen, daß wenn er in einem Netz gefangen gewesen oder nach dem Orte seiner Bestimmung in einen Käfig geschafft worden wäre, er sich des Verlustes seiner Freiheit nicht vollständiger hätte bewußt sein können.

Diese allgemeine Wachsamkeit hielt ihn nicht nur auf der Landstraße zwanzigmal auf einer Station an, sondern hemmte auch sein Vorwärtskommen zwanzigmal dadurch, daß man ihm nachritt und zurückholte, ihm vorausritt und für sein Angehaltenwerden sorgte, oder mit ihm ritt und über ihn Wache hielt. Er hatte bereits mehrere Tage unterwegs in Frankreich zugebracht, als er in einer kleinen Stadt an der Landstraße, immer noch weit von Paris, todtmüde zu Bett ging.

Nichts als die Vorzeigung von Gabelles betrübten Brief aus seinem Gefängniß in der Abbaye hätte ihn so weit bringen können. An der Thorwache dieses kleinen Ortes hatten sie so viel Schwierigkeiten gemacht, daß er fühlte, in seiner Reise mußte jetzt ein kritischer Wendepunkt eintreten. Und es überraschte ihn daher verhältnißmäßig sehr wenig, als er in dem kleinen Gasthaus, wohin man ihn bis zum Morgen gewiesen hatte, in der Mitte der Nacht geweckt wurde; geweckt von einem schüchternen Mitglied der Ortsbehörde und drei bewaffneten Patrioten in grobwollenen rothen Mützen und mit Pfeifen im Munde, die sich auf das Bett setzten.

„Emigrant,“ sagte der Beamte, „ich werde Sie unter Escorte nach Paris schicken.“

„Bürger, ich verlange nichts mehr als nach Paris zu gelangen, obgleich ich die Escorte entbehren könnte.“

„Still geschwiegen!“ murrte eine Rothmütze und schlug mit dem Flintenkolben auf die Bettdecke. „Still geschwiegen, Aristokrat!“

„Es ist so wie der gute Patriot sagt,“ bemerkte der schüchterne Beamte. „Sie sind ein Aristokrat und müssen eine Escorte haben -- und müssen dafür bezahlen.“

„Ich habe keine Wahl,“ sagte Charles Darnay.

„Wahl! Hört ihn nur!“ rief dieselbe grollende Stimme der Rothmütze wieder. „Als ob es keine Begünstigung wäre, Schutz vor der Laterne zu finden!“

„Es ist immer so, wie der gute Patriot sagt,“ bemerkte der Beamte. „Stehen Sie auf und ziehen Sie sich an, Emigrant.“

Darnay gehorchte und wurde nach der Thorwache zurückgebracht, wo andere Patrioten in rothen Mützen bei einem Wachtfeuer rauchten, tranken und schliefen. Hier bezahlte er schweres Geld für seine Escorte und mußte dann mit derselben um drei Uhr früh auf der regendurchweichten Landstraße weiter. Die Escorte bestand aus zwei berittenen Patrioten in rothen Mützen mit dreifarbigen Cocarden, und bewaffnet mit Gewehren und Säbeln aus dem Nationaleigenthum. Die Patrioten hatten Darnay in der Mitte, welcher sein eigenes Pferd lenkte; aber am Zaume desselben war ein Strick befestigt, den einer der Patrioten um die Hand geschlungen hatte. In diesem Aufzuge traten sie die Reise an, während der kalte Regen ihnen in’s Gesicht schlug und ritten mit schleppendem Trott über das schlechte Straßenpflaster der Stadt und hinaus auf die Landstraße, die nur einen Morast bildete. Ohne einen anderen Wechsel als in der Gangart der Pferde legten sie so im knietiefen Schlamm die Meilen zurück, die sie noch von der Hauptstadt trennten.

Sie reisten in der Nacht, machten ein oder zwei Stunden nach Tagesanbruch Halt und lagen still bis zur Abenddämmerung. Die beiden Patrioten waren so dürftig gekleidet, daß sie Stroh um ihre nackten Beine wickelten und auf die zerlumpten Schultern Stroh legten, um sie vor der Nässe zu schützen. Abgesehen von der persönlichen Unannehmlichkeit so begleitet zu werden, und von Besorgnissen für die Gegenwart, welche der Umstand erweckte, daß einer der Patrioten chronisch betrunken war und mit seinem Gewehr sehr leichtsinnig umging, ließ Charles Darnay trotz des ihm aufgelegten Zwanges keine ernstliche Furcht in seiner Brust emporkommen; denn er redete sich ein, daß dies nichts zu thun haben könnte mit der Gerechtigkeit einer individuellen Sache, die noch nicht vorgebracht war und mit Vorstellungen die, bestätigt von dem Gefangenen in der Abtei, noch zu machen waren.

Aber als sie die Stadt Beauvais erreichten -- es war gegen Abend und die Straßen waren voller Leute -- konnte er sich nicht verhehlen, daß die Dinge einen sehr beunruhigenden Anstrich annahmen. Unheil verkündende Gesichter umdrängten ihn, als er vor dem Posthaus abstieg, und viele Stimmen riefen laut aus dem Gewühl: „Nieder mit dem Emigranten!“

Eben im Absteigen begriffen, setzte er sich wieder in den Sattel als den sichersten Platz und sagte:

„Emigrant, meine Freunde! seht Ihr mich nicht hier in Frankreich aus eignem freien Willen?“

„Ihr seid ein verfluchter Emigrant,“ schrie ein Hufschmidt und drängte sich mit dem Hammer in der Hand wüthend in den Vordergrund; „und Ihr seid ein verfluchter Aristokrat!“

Der Postmeister stellte sich zwischen diesen Mann und den Zaum des Reiters (den jener offenbar im Auge hatte) und sagte besänftigend: „Laßt ihn; laßt ihn! er wird in Paris gerichtet.“

„Gerichtet!“ wiederholte der Hufschmidt und schwang den Hammer. „Ja! und verurtheilt als Verräther.“ Ein diesen Worten beistimmendes Geheul ertönte aus der Menge.

Dem Postmeister wehrend, welcher das Pferd in den Hof lenken wollte (der betrunkene Patriot saß ruhig im Sattel und sah zu, den Strick um die Hand gewickelt) sagte Darnay, sowie er seine Stimme vernehmbar machen konnte:

„Ihr täuscht euch oder ihr seid getäuscht worden, gute Freunde. Ich bin kein Verräther.“

„Er lügt!“ rief der Schmidt. „Er ist ein Verräther seit dem Decret. Sein Leben ist dem Volke verfallen. Sein verfluchtes Leben ist nicht mehr sein!“ In dem Augenblick, wo Darnay in den Augen der Menge sah, daß sie im Begriff stand auf ihn loszustürzen, lenkte der Postmeister sein Pferd in den Hof, die Escorte schloß sich ihm dicht an, und der Postmeister verschloß und verriegelte die wackeligen Thorflügel. Der Hufschmidt schlug mit dem Hammer dagegen und der Volkshaufen heulte, aber weiter geschah nichts.

„Was ist das für ein Decret, von dem der Schmidt sprach?“ fragte Darnay den Postmeister als er ihm gedankt hatte und im Hofe neben ihm stand.

„Ein Decret welches den Verkauf des Emigranteneigenthums anordnet.“

„Wann erlassen?“

„Am Vierzehnten.“

„Den Tag meiner Abreise von England!“

„Jedermann sagt, es wäre blos eins von mehreren und andere würden nachfolgen -- wenn sie nicht schon da sind -- welche alle Emigranten verbannen und die zurückkehrenden zum Tode verurtheilen. Das war es was er meinte, als er sagte, Ihr Leben gehörte nicht mehr Ihnen.“

„Aber diese Decrete sind noch nicht da?“

„Was weiß ich!“ sagte der Postmeister mit einem Achselzucken; „sie können da sein oder auch nicht. Es ist alles einerlei. Was wollen Sie mehr?“

Sie schliefen auf einer Streu unter dem Dach bis Mitternacht und brachen dann wieder auf als die ganze Stadt im Schlafe lag.

Unter den vielen an gewöhnlichen Dingen zu bemerkenden seltsamen Veränderungen, welche diesem seltsamen Ritt einen traumartigen Charakter gaben war nicht die mindeste, daß fast Niemand zu schlafen schien. Nachdem sie lange und einsam öde Landschaften entlang geritten waren, erreichten sie eine Gruppe armseliger Hütten, nicht in Dunkel gehüllt, sondern von Lichtern erglänzend, deren Bewohner mitten in der stillen Nacht in gespensterhafter Weise um einen verdorrten Freiheitsbaum tanzten, oder sich aufgestellt hatten und ein Freiheitslied sangen. Zum Glück jedoch schlief man diese Nacht in Beauvais so fest, daß sie sicher aus dem Thor gelangen konnten und sie befanden sich bald von Neuem auf der einsamen Landstraße. Sie ritten durch die frühzeitig eingetretene Nässe und Kälte dahin, an ausgesogenen Feldern vorbei, welche dieses Jahr keine Frucht getragen, und an rauchgeschwärzten Trümmern ausgebrannter Häuser vorüber und der einsame Ritt erhielt eine gelegentliche Abwechselung durch das plötzliche Hervorbrechen von Patriotenpatrouillen, welche auf allen Straßen Wache hielten und mit allen Vorüberreisenden ein Verhör anstellten. Mit Tagesanbruch standen sie endlich vor den Mauern von Paris. Das Thor war geschlossen und stark bewacht, als sie an dasselbe heranritten.

„Wo sind die Papiere des Gefangenen?“ fragte ein entschlossen aussehender Mann, dem Ansehen nach ein Vorgesetzter, den die Wache herausgerufen hatte.

Charles Darnay, dem das unangenehme Wort natürlich auffiel, machte dem Sprechenden bemerklich, daß er ein freier Reisender und französischer Bürger sei, geleitet von einer Escorte, welche ihm der anarchische Zustand des Landes aufgezwungen und die er bezahlt habe.

„Wo sind die Papiere des Gefangenen?“ fragte dieselbe Person ohne im mindesten auf ihn zu achten.

Der betrunkene Patriot hatte sie in der Mütze und gab sie hin. Als der Andere Gabelle’s Brief überlas, zeigte er einige Verwirrung und Ueberraschung und sah Darnay mit großer Aufmerksamkeit an.

Er verließ jedoch Escorte und Escortirten ohne ein Wort zu verlieren, und ging in die Wachtstube; unterdessen hielten sie immer noch im Sattel draußen vor dem Thore.

Charles Darnay sah sich während dieser Pause um und bemerkte, daß das Thor von einer gemischten Wache von Soldaten und Patrioten besetzt war, von denen jedoch die letzteren an Zahl bedeutend überwogen; auch fiel ihm auf, daß, während Wagen vom Lande mit Lebensmitteln und für ähnlichen Verkehr leicht genug Einlaß fanden, das Hinauskommen selbst für die harmlosesten Leute sehr schwer war. Ein bunter Haufen von Männern und Weibern, zu geschweigen von Thieren und Fuhrwerken mancherlei Art, wartete auf das Oeffnen des Thores; aber so genau wurde nach Namen und Herkunft der Personen gefragt, daß sie nur einzeln und sehr langsam hinaus gelangten. Einige dieser Leute wußten, daß sie noch so lange würden warten müssen, ehe man sie in’s Verhör nahm, daß sie sich auf die Erde ausstreckten, um zu schlafen oder zu rauchen, während andere mit einander sprachen oder herumstanden. Die rothe Mütze und die dreifarbige Cocarde waren allgemein sowohl bei Männern wie bei Frauen.

Als Darnay auf diese Weise wohl eine halbe Stunde gewartet hatte, trat wieder die vorige Autoritätsperson heraus und befahl der Wache das Thor zu öffnen. Dann übergab er der Escorte einen Empfangsschein für den Escortirten und forderte ihn auf abzusteigen. Das that Darnay, und die beiden Patrioten, sein müdes Pferd am Zügel führend, machten kehrt und ritten von dannen, ohne einen Fuß in die Stadt zu setzen.

Darnay folgte seinem Führer in eine nach schlechtem Wein und Tabak riechende Wachtstube, wo verschiedene Soldaten und Patrioten, schlafend oder wachend, betrunken oder nüchtern, oder in verschiedenen neutralen Zuständen zwischen Schlafen und Wachen, Trunkenheit und Nüchternheit, herumstanden und lagen. Die Erleuchtung der Wache, halb von den verlöschenden Oellampen der Nacht und halb von dem trüben Tage herrührend, war von entsprechend ungewissem Character. Einige Register lagen auf einem Pulte und ein Offizier von gemeinem finstern Aussehen saß vor denselben.

„Bürger Defarge,“ sagte er zu Darnay’s Begleiter, als er einen Zettel nahm, um darauf zu schreiben, „ist dies der Emigrant Evrémonde?“

„Das ist er.“

„Ihr Alter, Evrémonde?“

„Siebenunddreißig.“

„Verheirathet, Evrémonde?“

„Ja.“

„Wo verheirathet?“

„In England.“

„Richtig. Wo ist Ihre Frau, Evrémonde?“

„In England.“

„Richtig.“

„Sie sind in das Gefängniß La Force consignirt, Evrémonde.“

„Gerechter Himmel!“ rief Darnay. „Nach welchem Gesetz und wegen welchen Vergehens?“

Der Offizier sah einen Augenblick von seinem Zettel auf.

„Wir haben neue Gesetze, Evrémonde, und neue Vergehen seitdem Sie hier waren.“ Er sagte das mit einem harten Lächeln und schrieb weiter.

„Ich bitte Sie zu bemerken, daß ich freiwillig hierher gekommen bin, veranlaßt durch diese schriftliche Bitte eines Landsmannes, die vor Ihnen liegt. Ich verlange weiter nichts als Gelegenheit ihm ohne Aufschub zu Hülfe zu kommen. Ist das nicht mein Recht?“