Zwei Städte

Part 23

Chapter 233,660 wordsPublic domain

Die Nacht wurde dunkler. Die Bäume und das alte Château, die es von der gemeinen Welt abschlossen, rauschten in einem sich erhebenden Winde, als ob sie den schweren dunkeln Steinmassen drohten. Der Regen lief ungestüm die steinernen Stufen der beiden Treppenfluchten hinauf und schlug an die große Pforte wie ein schneller Bote, der die darinnen wecken will; einzelne Windstöße fuhren durch die Halle unter den alten Jagdspießen und Messern herum und eilten klagend die Treppen hinauf und schüttelte die Vorhänge des Bettes, in welchem der verstorbene Marquis geschlafen hatte. Von Osten, Westen, Norden und Süden, durch die Wälder kamen vier schwer einherschreitende ungekämmte Gestalten, das hohe Gras niedertretend und durch die Zweige brechend und traten vorsichtig in den Hof, wo sie sich begegneten. Vier Lichter zeigten sich dort plötzlich und bewegten sich in verschiedenen Richtungen fort und Alles war wieder finster.

Aber nicht lange. Gleich darauf fing das Château in seltsamer Weise an bei seinem eigenen Schimmer sichtbar zu werden, als ob es leuchtend würde. Dann spielte ein züngelndes Flämmchen hinter der Vordermauer, suchte sich durchsichtige Stellen aus und zeigte sich, wo Balustraden, Bogen und Fenster waren. Dann loderte es empor und wurde breiter und heller. Bald brachen die Flammen aus einem Dutzend der großen Fenster hervor und die aus starrem Schlaf erweckten steinernen Gesichter stierten aus Feuersgluth heraus.

Stimmen wurden um das Haus laut von den wenigen Leuten, die dort geblieben waren, und ein Pferd wurde gesattelt, auf dem ein Reiter in die Nacht hinaussprengte. Er ritt in wilder Hast durch die Finsterniß und machte erst Halt am Brunnen im Dorfe und das schaumbedeckte Roß stand vor Mr. Gabelle’s Thür. „Hülfe, Gabelle! Hülfe, Hülfe!“ Ungeduldig läutete die Sturmglocke; aber andere Hülfe (wenn das eine war) gab es nicht. Der Straßenarbeiter und zweihundertundfunfzig vertraute Freunde von ihm standen mit übereinander geschlagenen Armen am Brunnen und sahen sich die Feuersäule am Himmel an. „Das muß vierzig Fuß hoch sein,“ sagten sie mit ingrimmigem Frohlocken, und Keiner bewegte nur einen Finger.

Der Reiter vom Château und das schaumbespritzte Roß sprengten weiter durch das Dorf und den felsigen Abhang hinan zu dem Gefängniß auf der Klippe. An dem Thore stand eine Gruppe von Offizieren und sah dem Feuer zu, abseits von ihnen eine Gruppe Soldaten. „Hülfe, Ihr Herren Offiziere! das Château brennt; werthvolle Gegenstände können noch durch rechtzeitige Hülfe gerettet werden. Hülfe! Hülfe!“

Die Offiziere blickten hin nach den Soldaten, welche dem Feuer zusahen, ertheilten keine Befehle und gaben achselzuckend und sich ärgerlich in die Lippen beißend zur Antwort: „Es muß brennen!“

Wie der Reiter hinaus durch das Dorf und durch die Straße sprengte, illuminirte man im Dorfe. Der Straßenarbeiter und die zweihundertundfunfzig vertrauten Freunde faßten den Gedanken zu illuminiren wie ~ein~ Mann, liefen in alle Häuser hinein und stellten Lichter hinter jede trübe Fensterscheibe. Der allgemeine Mangel an Allem verursachte, daß man in einer etwas gebieterischen Weise Lichter von Mr. Gabelle borgte; und als dieser Beamte einen kurzen Augenblick sich widerwillig und säumig zeigte, bemerkte der Straßenarbeiter, sonst so ehrerbietig gegen jede Autorität, daß Kutschen gut wären, um Freudenfeuer anzuzünden und Postpferde gebraten werden könnten.

Das Château blieb sich selbst überlassen und brannte fort. Ein glühender Wind, geradewegs aus den höllischen Regionen kommend, fuhr in die wilde Lohe hinein und schien das Gebäude wegzublasen. In dem Auflodern und Niedergehen der Gluth sahen die steinernen Gesichter aus, als verzögen sie sich vor Schmerz. Wie große Massen von Stein und Balken niederstürzten, verdunkelte Qualm das Gesicht mit den beiden Grübchen; dann trat es wieder aus dem Rauch hervor als wäre es das Gesicht des hartherzigen Marquis, der auf dem Scheiterhaufen brannte und mit den Flammen kämpfte.

Das Schloß brannte; die nächsten Bäume, von den Flammen ergriffen, wurden versengt und schrumpften zusammen; ferner stehende Bäume, von den vier wilden Gestalten angezündet, umgaben den brennenden Bau mit einem neuen Wald von Rauch. Geschmolzenes Blei und Eisen kochte in dem Marmorbecken des Brunnens; das Wasser vertrocknete, die Löschhorndächer der Thürme verschwanden wie Eis in der Gluth und rannen in vier gezackten Flammenbächen an der Wand herunter. Große Risse und Spalten schossen in den festen Mauern ihre Zweige nach allen Richtungen, wie eben entstandene Krystallisationen; betäubte Vögel flatterten herum und stürzten in die Gluth; vier wilde Gestalten wanderten weiter nach Osten, nach Westen, nach Norden und nach Süden die rauchumhüllten Straßen entlang, geleitet von der Flamme, die sie angezündet, ihrem nächsten Ziele zu. Das erleuchtete Dorf hatte sich der Sturmglocke bemächtigt und läutete nach Beseitigung des rechtmäßigen Thürmers vor Freuden.

Nicht nur das, sondern das Dorf, durch Hunger, durch das Feuer und Glockengeläute einigermaßen verwirrt geworden, besann sich auf einmal, daß Mr. Gabelle mit der Einsammlung von Pachtgeldern und Steuern zu thun hatte -- obgleich Gabelle in der neuesten Zeit selbst sehr kleine Abzahlungen von Steuern und Pachtgeldern gar nicht bekommen hatte -- und verlangte ungeduldig mit ihm zu sprechen. Als Mr. Gabelle den wilden brüllenden Haufen sah, der sich vor seinem Hause versammelt hatte, verriegelte er seine Thüre fest und zog sich zurück, um bei sich Rath zu halten. Das Ergebniß dieser Conferenz war, daß Gabelle sich abermals auf das Dach hinter den Schornstein zurückzog, diesmal entschlossen, wenn man seine Thüre aufbräche (er war ein kleiner Mann aus dem Süden von rachsüchtigem Temperament) sich kopfüber hinunter zu stürzen und so ein oder zwei Mann todt zu schlagen.

Wahrscheinlich verbrachte Mr. Gabelle eine lange Nacht daselbst mit der Aussicht auf das Schloß als Feuer und Licht, und dem Anschlagen an seine Thür -- verbunden mit dem frohlockenden Geläute, als Musik, nicht zu gedenken, daß ihm gegenüber vor dem Postgebäude eine Laterne hing, die zu seinen Gunsten von ihrem Platze zu entfernen, das Dorf ungemein viel Neigung zeigte. Ein prüfungsvoller Zustand, eine ganze Sommernacht hindurch an dem Rande eines finstern Meeres zu stehen, bereit, den Sprung hineinzuthun, auf den sich Mr. Gabelle gefaßt gemacht hatte. Aber der Morgen, des Menschen Freund, graute endlich und die Lichter im Dorfe waren ausgegangen und nun zerstreute sich glücklicher Weise das Volk. Jetzt stieg auch Mr. Gabelle herunter, diesmal noch mit dem Leben glücklich davon gekommen.

Im Umkreise von hundert Meilen und bei dem Schein anderer Feuer waren in dieser Nacht und in andern Nächten andere Beamte weniger glücklich, denn die aufgehende Sonne fand sie in voreinst friedlichen Straßen, wo sie geboren und erzogen worden, erhenkt; und andere Dorf- und Stadtbewohner waren weniger glücklich, als der Straßenarbeiter und seine Genossen, denn die Beamten und Truppen wendeten sich mit Erfolg gegen sie und henkten nun diese Partei. Aber die wilden Gestalten gingen nach Osten, nach Westen, nach Norden und nach Süden festen Schrittes, mochte geschehen was da wolle; und Wer immer aufgehängt ward -- Feuer loderte. Die Höhe der Galgen, die es in Wasser verwandelt und gelöscht hätten, konnte kein Beamter mit aller Kunst der Mathematik mit Erfolg berechnen.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Vom Magnetfelsen angezogen.

In solchem wilden Treiben voll Mord und Brand waren drei stürmische Jahre vergangen. Drei neue Geburtstage der kleinen Lucie hatte der goldne Faden in das friedliche Gewebe ihres Lebens zu Hause gewoben.

Manche Nacht und manchen Tag hatten die Bewohner dieses stillen Hauses den Echo’s in der Ecke mit Herzen gelauscht, welche ihnen sanken, als sie die stürmischen Schritte vernahmen; denn die Schritte klangen ihnen wie die Schritte eines Volkes unter einem rothen Banner und mit dem Rufe: „Das Vaterland ist in Gefahr!“ zu wildem Wahnsinn bewegt und von schrecklichem, zu lange anhaltendem Zauberbann in reißende Thiere verwandelt. Monseigneur als Stand hatte sich losgesagt von der merkwürdigen Erscheinung, nicht gehörig gewürdigt und in Frankreich so wenig gebraucht zu werden, daß er beträchtliche Gefahr lief, dort fort und zugleich aus dem Leben geschickt zu werden. Wie der Bauer in den Mährchen, der mit unendlicher Mühe den Teufel citirt hat und bei seinem Anblick so erschrickt, daß er dem ewigen Feinde keine Frage vorlegen kann, sondern sofort ausreißt, so hatte auch Monseigneur, nachdem er viele, viele Jahre lang kühnlich das Vaterunser rückwärts gelesen und manchen andern mächtigen Zaubersegen gesprochen, um den Gottseibeiuns heraufzubeschwören, ihn kaum in seinen Schrecken gesehen, als er in seinem hochadeligen Selbst sich aus dem Staube machte.

Das glänzende _Oeil de boeuf_ war verschwunden oder es wäre der Zielpunkt eines Orkans von nationalen Kugeln geworden. Es war nie ein gutes Auge zum Sehen gewesen -- hatte lange in sich den Splitter von Lucifers Stolz, Sardanapals Ueppigkeit und eines Maulwurfs Blindheit gelitten -- aber es war ausgefallen und verschwunden. Der Hof von dem exclusivsten innersten Kreis bis zu dem äußersten verrotteten Kreise, von Intrigue, Feilheit und Heuchelei -- war ebenfalls verschwunden. Das Königthum war weg, war in seinem Palast belagert und „suspendirt“ worden, als die letzten Nachrichten herüberkamen.

Der August des Jahres Eintausend siebenhundert und zweiundneunzig war gekommen und Monseigneur war um diese Zeit nach allen vier Weltgegenden zerstreut.

In London war natürlich das Hauptquartier und der große Sammelplatz für Monseigneur Tellsons Bank. Geister sollen die Orte heimsuchen, wo ihre Körper am meisten verkehrten, und Monseigneur, ohne eine Guinee, suchte das Haus heim, wo ehedem seine Guineen zu sein pflegten. Außerdem war es der Ort, wohin die zuverlässigsten Nachrichten aus Frankreich am schnellsten kamen. Außerdem waren Tellsons ein nobles Haus und zeigten sich sehr großmüthig gegen alte Kunden, die von ihrer hohen Stellung herabgekommen waren. Ferner waren die Edelleute, welche noch bei Zeiten das kommende Unwetter gewahr geworden und in Voraussicht von Plünderung oder Confiscation vorsorglich Tellsons Rimessen gemacht hatten, dort für ihre dürftigen Standesgenossen immer zu erfragen. Dazu kommt noch, daß jeder neue Ankömmling aus Frankreich sich und seine Nachrichten -- fast als verstände es sich von selbst -- bei Tellsons meldete. Aus diesen vielen Gründen waren Tellsons damals -- was französische Nachrichten betrifft -- eine Art von Hauptbörse; und dies war im Publikum sowohl bekannt und es kamen dem zu Folge so häufig Nachfragen, daß Tellsons manchmal die neuesten Nachrichten auf einen Zettel schrieben und ihn in das Comptoirfenster steckten, damit Alle, welche durch das Tempelthor kamen, sie lesen konnten.

An einem nebelfeuchten Nachmittag saß Mr. Lorry an seinem Pulte und Charles Darnay stand neben ihm und unterhielt sich mit ihm halblaut. Die Strafzelle, in welcher früher die Conferenzen mit dem „Hause“ stattfanden, war jetzt die Nachrichtenbörse und zum Ueberfließen voll. Es war eine halbe Stunde ungefähr vor Schlußzeit.

„Aber wenn Sie auch der jüngste Mann unter den Lebenden wären,“ sagte Charles Darnay mit einigen Zögern, „so müßte ich doch einwenden --“

„Ich verstehe. Daß ich zu alt bin?“ sagte Mr. Lorry.

„Schlechtes Wetter, eine lange Reise, Unsicherheit der Transportmittel, Anarchie im Lande, eine Hauptstadt, die vielleicht selbst für Sie nicht sicher ist --“

„Lieber Charles,“ sagte Mr. Lorry mit heiterer Zuversicht, „Sie erwähnen einige Gründe gegen mein Hinreisen, nicht gegen mein Hierbleiben. Es ist sicher genug für mich; Niemand wird sich um einen alten Kerl von nahe an die Achtzig kümmern, wo es so viele Leute giebt, um die sich zu kümmern es mehr der Mühe verlohnt. Was die Anarchie in der Hauptstadt betrifft, so wäre ohne diese Anarchie eben keine Veranlassung, Jemanden von unserm Hause hier an unser Haus dort zu schicken, der die Stadt und das Geschäft von Alters her kennt und Tellsons Vertrauen besitzt. Was die Unsicherheit und die Länge der Reise und das Winterwetter betrifft, so möchte ich wissen, wer sich ein paar Unbequemlichkeiten für Tellsons aussetzen soll, wenn ich es nach so vieljährigem Dienste nicht thue?“

„Ich wollte, ich könnte selbst gehen,“ sagte Charles Darnay voller Unruhe wie Einer, welcher laut denkt.

„Wahrhaftig! Sie sind mir ein seltsamer Rathgeber!“ rief Mr. Lorry aus. „Sie möchten selbst hinübergehen? und Sie -- ein geborner Franzose? Das nenne ich einen gescheidten Einfall!“

„Mein lieber Mr. Lorry! -- eben weil ich ein geborner Franzose bin, ist mir der Gedanke (den ich jedoch hier nicht aussprechen wollte) oft durch den Kopf gegangen. Man kann nicht umhin zu glauben, wenn man einiges Mitgefühl mit diesem armen Volke gehabt und ihm einige Opfer gebracht hat“ -- er sprach jetzt in seiner vorigen in Gedanken versunkener Weise -- „daß man Gehör finden und so viel Einfluß gewinnen könnte, um manches Schlimme zu verhindern. Erst gestern Abend, nachdem Sie uns verlassen hatten und ich mit Lucien sprach.“ --

„Als Sie mit Lucien sprachen,“ wiederholte Mr. Lorry. „Ja. Ich wundere mich, daß Sie sich nicht schämen, Lucien beim Namen zu nennen! Sie möchten in einer solchen Zeit in Frankreich sein?!“

„Nun ich reise ja doch nicht hin,“ sagte Charles Darnay mit einem Lächeln. „Es ist mehr am Platze, wenn Sie sagen: Sie wollen reisen.“

„Ich werde auch reisen; im vollen Ernste. Die Wahrheit ist, mein lieber Charles,“ (Mr. Lorry warf einen Blick auf das „Haus“ im Hintergrunde und sprach mit gedämpfter Stimme) -- „Sie können sich keinen Begriff machen von der Schwierigkeit, mit welcher unser Geschäft arbeitet, und von der Gefahr, in welcher unsere Papiere und Bücher drüben sind. Der Himmel weiß, wie viele Leute schwer compromittirt werden könnten, wenn einige unserer Documente in fremde Hände kämen oder vernichtet würden; und das kann in jedem Augenblick geschehen, wie Sie wissen; denn wer kann sagen, daß Paris heute nicht in Brand gesteckt oder morgen nicht geplündert wird? Nun kann kaum Jemand anders als ich (ohne Verlust kostbarer Zeit) eine einsichtige Auswahl unter ihnen vornehmen und sie vergraben oder sie auf andere Weise in Sicherheit bringen. Und ich soll still sitzen, wo Tellsons dies wissen und sagen -- Tellsons, deren Brod ich diese sechszig Jahre gegessen habe -- weil meine Gelenke ein bischen steif geworden sind? Was, Herr? Ich bin noch ein junger Bursch im Vergleich mit einem halben Dutzend alter Knackse hier!“

„Wie ich Ihren Muth und Ihre jugendliche Frische bewundere, Mr. Lorry!“

„Ach -- Unsinn! Und lieber Charles,“ sagte Mr. Lorry wieder mit einem Blick auf das Haus, „Sie müssen bedenken, daß es fast unmöglich ist, gegenwärtig Etwas aus Paris herauszuschaffen -- gleichgültig was es ist. Papiere und Kostbarkeiten wurden uns heute noch (ich spreche im strengsten Vertrauen, ich darf es kaum Ihnen sagen) von den seltsamsten Boten überbracht, die Sie sich denken können, und das Haupt eines jeden derselben hing an einem einzigen Haar, wie er durch die Barrière ging. Zu andern Zeiten gehen und kommen unsere Sachen so unbehindert, wie im geschäftsmäßigen Alt-England. Aber jetzt wird Alles angehalten.“

„Und reisen Sie wirklich heute Nacht?“

„Ich reise wirklich heute Nacht; denn die Sache ist zu dringlich geworden, um längern Verzug zu gestatten.“

„Und nehmen Sie keinen Begleiter mit?“

„Allerlei Leute sind mir vorgeschlagen worden; aber ich mag mit keinem von ihnen etwas zu thun haben. Ich denke Jerry mitzunehmen. Jerry ist seit langer Zeit regelmäßig Sonntag Abends meine Leibwache gewesen und ich bin an ihn gewöhnt. Niemand wird Jerry in Verdacht haben, etwas Anderes zu sein, als ein englischer Bulldogg oder eine andere Absicht zu hegen, als auf Jeden loszufahren, der Hand an seinen Herrn legt.“

„Ich muß nochmals sagen, daß ich Ihren Muth und Ihre jugendliche Frische von Herzen bewundere.“

„Ich muß nochmals sagen: Unsinn! Unsinn! Wenn ich diesen kleinen Auftrag ausgeführt habe, so werde ich vielleicht Tellsons Vorschlag annehmen, abzugehen und nach meiner Bequemlichkeit zu leben. Dann ist Zeit genug, an’s Altwerden zu denken.“

Das Zwiegespräch hatten Beide an Mr. Lorry’s gewöhnlichem Pulte geführt, wenige Schritte vor welchem Monseigneur voller Prahlerei über die Art, wie er sich binnen Kurzem an dem Lumpenvolk rächen werde, in dichtem Haufen stand. Es war zu sehr die Art Monseigneurs, in der Noth als politischer Flüchtling -- und es war zu sehr die Art eingeborner britischer Rechtgläubigkeit, von dieser schrecklichen Revolution zu sprechen, als wäre sie die einzige Ernte unter dem Himmel, die nicht gesäet worden wäre -- als ob nie etwas geschehen oder unterlassen worden wäre, was dazu geführt hätte -- als ob Beobachter des Elends von Millionen in Frankreich und der mißbrauchten und in unrechte Canäle geleitete Hülfsquellen, die das Land hätte glücklich machen sollen, es vor Jahren nicht schon unausweichlich hätte kommen gesehen und nicht mit deutlichen Worten gesagt hätten, was sie sahen. Dieses Prahlen, verbunden mit den ausschweifenden Plänen Monseigneurs, einen Zustand der Dinge wieder herzustellen, der sich selbst zu Grunde gerichtet und die Geduld von Himmel und Erde erschöpft hatte, war von einem jeden Mann von gesundem Sinne, der die Wahrheit kannte, schwer zu ertragen, ohne sich dagegen zu verwahren. Und solches Prahlen, das in seine Ohren drang, wie eine störende Congestion des Bluts nach dem Kopfe, und eine auf seine Seele drückende Sorge hatte Charles Darnay bereits unruhig gemacht und erhielten ihn in diesem Zustande.

Unter den Sprechenden war Stryver von Kings-Bench-Bar nahe daran, vom Staate mit hohem Amte betraut zu werden, und daher besonders laut. Er erläuterte Monseigneur seine Pläne, das Volk in die Luft zu sprengen und es vom Angesicht der Erde zu vertilgen und überhaupt ohne es auszukommen, und noch viele andere Pläne zu ähnlichem Zweck, die in ihrer Natur alle verwandt mit dem Plane waren, das Geschlecht der Adler dadurch auszurotten, daß man ihnen Salz auf den Schwanz streute. Ihm hörte Darnay mit besonderem Widerwillen zu; und Darnay war noch in Zweifel, ob er gehen sollte, um nichts mehr zu hören, oder dableiben, um seinen Protest einzulegen, als das, was geschehen sollte, allmälig seine Gestalt annahm. Das „Haus“ trat zu Mr. Lorry und legte einen beschmutzten und unerbrochenen Brief vor ihn auf das Pult mit der Frage, ob er noch keine Spuren von der Person, an die er gerichtet, entdeckt habe? Das „Haus“ legte den Brief so dicht vor Darnay hin, daß er die Adresse sehen, um so rascher, als es sein eigner wahrer Name war. Die Adresse lautete übersetzt: „Sehr dringlich. An Mr. den ehemaligen Marquis St. Evrémonde aus Frankreich, zur Besorgung an die Herren Tellson u. Comp., Bankiers in London. England.“

Am Hochzeitsmorgen hatte _Dr._ Manette an Charles Darnay die einzige dringendste und ausdrücklichste Bitte gestellt, das Geheimniß dieses Namens -- außer wenn er, der Doctor, ihn dieser Verpflichtung entbinde, ein unverbrüchliches zwischen ihnen sein zu lassen. Niemand sonst wußte, daß dies sein Name war, selbst seine Frau ahnte nichts; Mr. Lorry konnte keine Ahnung haben.

„Nein,“ gab Mr. Lorry dem „Hause“ zur Antwort, „ich habe, glaube ich, ihn Jedem der hier anwesenden Herren gezeigt, und Niemand kann mir sagen, wo der Herr zu finden ist.“

Da die Zeiger der Uhr sich der Schlußstunde des Comptoirs näherten, nahm der Strom der Gehenden die Richtung an Mr. Lorry’s Pult vorbei. Er hielt den Brief fragend empor, und Monseigneur sah ihn an in der Person dieses und jenes complottirenden und entrüsteten Refugiès; und Dieser und Jener, und die Anderen alle hatten von dem nicht aufzufindenden Marquis, englisch wie französisch etwas Geringschätziges zu sagen.

„Neffe, glaube ich, -- aber jedenfalls entarteter Nachfolger -- des hochgeehrten Marquis, der ermordet wurde,“ sagte Einer. „Ich schätze mich glücklich sagen zu können, daß ich ihn nie gekannt habe.“

„Eine Memme, die schon vor mehreren Jahren ihren Posten verlassen hat,“ sagte ein Anderer -- ein Monseigneur, der sich die Beine zu oberst und halb erstickt in einem Heuwagen aus Paris hatte herausschaffen lassen.

„Von den neuen Lehren inficirt,“ sagte ein Dritter; -- „stand dann in Opposition mit dem erlauchten Marquis, gab die Besitzungen auf als er sie erbte, und überließ sie dem Lumpengesindel. Und das wird ihn jetzt belohnen, wie er’s verdient, hoffe ich.“

„Was?“ tönte Stryvers kreischende Stimme. „Wirklich? Wäre es so ein Kerl? Seht seinen niederträchtigen Namen an. Verdammt soll er sein!“

Darnay, außer Stand sich länger zu halten, legte Mr. Stryver die Hand auf die Schulter und sagte:

„Ich kenne den Kerl.“

„Wirkich, beim Zeus?“ sagte Stryver. „Dann thun Sie mir leid.“

„Warum?“

„Warum, Mr. Darnay? Hören Sie nicht was er gethan hat? Fragen Sie nicht warum in solchen Zeiten.“

„Aber ich frage, warum?“

„Dann sage ich Ihnen noch einmal, Mr. Darnay, Sie thun mir leid. Es thut mir leid, Sie so außerordentliche Fragen stellen zu hören. Hier ist ein Kerl der, von der pestilenzialistischen und gotteslästerlichsten Teufelslehre inficirt, seine Besitzungen dem elendesten Abschaum der jemals _en gros_ gemordet hat, überläßt, und Sie fragen, warum es mir leid thut, daß ein Mann, der die Jugend unterrichtet, ihn kennt? Nun, so will ich es Ihnen sagen. Ich beklage es, weil ich glaube, ein solcher Lump kann ansteckend sein. Das ist das, was ich meine.“

Seines Versprechens eingedenk, konnte Darnay sich nur mit größter Mühe halten, und sagte. „Sie verstehen den Gentleman vielleicht nicht.“

„Ich verstehe ~Sie~ in die Ecke zu treiben, Mr. Darnay,“ sagte Mr. Stryver, „und es soll geschehen. Wenn dieser Kerl ein Gentleman ist, so verstehe ich ihn ~nicht~. Das können Sie ihm von mir sagen mit meinem Compliment. Sie können ihm auch von mir sagen, daß es mich wundert, warum er, nachdem er sein irdisches Hab und Gut und seine Stellung diesem Mordgesindel überlassen bat, nicht an dessen Spitze steht. Aber nein, Ihr Herren,“ sagte Mr. Stryver, indem er sich im Kreise umsah und mit den Fingern schnalzte, „ich kenne die Menschen einigermaßen, und sage Ihnen, daß Sie nie finden werden, daß ein Kerl wie dieser Kerl sich der Barmherzigkeit so kostbarer Protegés anvertrauen wird. Nein, meine Herren, nein, er wird sich so früh als möglich aus dem Staube machen.“

Mit diesen Worten, und mehrmals mit den Fingern schnalzend, bramarbasirte Mr. Stryver mit dem allgemeinen Beifall seiner Zuhörer auf die Straße hinaus. Mr. Lorry und Charles Darnay blieben bei dem allgemeinen Aufbruch in dem Comptoir allein an dem Pulte.

„Wollen Sie den Brief übernehmen?“ fragte Mr. Lorry. „Sie wissen wo er abzugeben ist?“

„Ja wohl.“

„Wollen Sie dem Herrn auseinandersetzen, daß wir vermuthen, er sei auf den bloßen Zufall, daß wir ihn befördern könnten, an uns geschickt worden, und daß er einige Zeit hier gelegen hat?“

„Das will ich thun. Reisen Sie von hier aus nach Paris ab?“

„Von hier aus, um acht Uhr.“

„Ich komme noch einmal her, um von Ihnen Abschied zu nehmen.“

Sehr unzufrieden mit sich, und mit Stryver und den meisten andern Menschen suchte Darnay so schnell als möglich die stillen Gegenden des Tempels auf, wo er den Brief aufbrach und las. Er lautete wie folgt:

„Gefängniß der Abbaye, Paris, 21. Juni 1792.

Monsieur, ehemaliger Herr Marquis!

Nachdem ich lange unter den Bewohnern des Dorfes in Lebensgefahr geschwebt habe, hat man mich mit groben Mißhandlungen und Schmähungen festgenommen, und den ganzen langen Weg zu Fuß nach Paris gebracht. Unterwegs habe ich viel gelitten. Das ist noch nicht Alles; mein Haus ist zerstört -- dem Erdboden gleich gemacht worden.