Part 22
Sieben befreite Gefangene, sieben blutige Köpfe auf Piken, die Schlüssel der von einem ganzen Volke verfluchten Festung mit den acht starken Thüren, einige entdeckte Briefe und andere Andenken an Gefangene aus alter Zeit, die längst an gebrochenem Herz gestorben sind -- Solches und Aehnliches tragen die lauthallenden Schritte St. Antoines durch die Straßen von Paris Mitte Juli Eintausend siebenhundert und neunundachtzig. Möge der Himmel die Phantasie Lucie Darnay’s täuschen und diese Schritte fern -- fern von ihrem Leben halten! Denn sie sind ungestüm, wahnwitzig und gefährlich; und in den Jahren, so lange nach dem Auseinandergehen des Fasses vor Defarge’s Weinschank, sind sie nicht so leicht wieder rein zu waschen, wenn sie einmal roth gefärbt sind.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Die Fluth steigt immer noch.
Der hohläugige St. Antoine hatte nur eine Jubelwoche gehabt, in welcher er seine karge Portion von kargem und bittern Brode -- so weit möglich -- mit brüderlichen Umarmungen und Beglückwünschungen gewürzt hatte, als Madame Defarge wie gewöhnlich wieder hinter dem Ladentisch saß und über die Gäste die Aufsicht führte. Madame Defarge trug keine Rose im Kopftuch; denn die große Brüderschaft der Spione war in dieser einen kurzen Woche ausnehmend scheu geworden, sich der Barmherzigkeit des Heiligen anzuvertrauen. Die über die Straße hängenden Laternen hatten sich einen unheimlich elastischen Schwung angewöhnt.
Madame Defarge saß mit über einander geschlagenen Armen im Morgensonnenschein und schaute in den Weinladen und in die Straße hinein. In beiden standen verschiedene Gruppen von ärmlichem und schmutzigem Aussehen herum, aus deren Gesichtern aber zugleich das Bewußtsein, etwas zu gelten, herausblickte. Die zerlumpteste Nachtmütze, die schief über dem von Kummer und Noth todtbleichen Gesichte hing, sprach deutlich genug: Ich weiß, wie schwer es mir, dem Träger dieser Mütze, geworden ist, das Leben zu erhalten; aber weißt du auch, wie leicht es mir, dem Träger dieser Mütze, geworden ist, dir das Leben zu nehmen? Jeder nackte magere Arm, der bisher ohne Arbeit gewesen ist, kann jetzt jeden Augenblick zu dieser Arbeit greifen, wenn er nur will. Die Finger der strickenden Weiber zucken krampfhaft mit dem Bewußtsein, daß sie zerreißen können. St. Antoine hat ein anderes Aussehen gewonnen; hunderte von Jahren war es ihm eingehämmert worden und die letzten vollendeten Schläge hatten den richtigen Ausdruck mit gewaltiger Deutlichkeit herausgebracht.
Madame Defarge war sich dessen bewußt mit der unterdrückten Billigung, wie sie bei der Führung der Frauen von St. Antoine zu wünschen war. Eine von der Schwesterschaft strickte neben ihr. Die kleine, eher runde Frau eines heruntergekommenen Gewürzhändlers und Mutter von zwei Kindern hatte sich als zweite Führerin bereits den Ehrennamen des Racheengels erworben.
„Horch!“ -- sagte der Racheengel. „Horch! Wer kommt?“
Als ob ein Pulverfaden von der äußersten Grenze des St. Antoine-Viertels bis an den Weinschank gelegt und jetzt plötzlich angezündet worden wäre, fliegt ein sich rasch verbreitendes Gemurmel heran.
„Es ist Defarge,“ sagt Madame. „Still Patrioten!“
Defarge tritt athemlos herein, nimmt die rothe Mütze vom Kopfe und sieht sich um.
„Hört -- Ihr Alle!“ -- sagt Madame. „Hört auf ihn!“
Defarge stand keuchend vor einem Hintergrund neugieriger Augen und offener Mäuler, der sich draußen vor der Thür gebildet hatte; alle Gäste im Weinschank waren aufgesprungen.
„Sprich, Mann! Was giebt es?“
„Neues aus der andern Welt!“
„Wie so?“ -- rief Madame verachtungsvoll. „Aus der andern Welt?“
„Erinnert Ihr Euch Alle an den alten Foulon, der den Hungernden sagte, sie könnten Gras essen -- und der gestorben und zur Hölle gefahren ist?“
„Wir Alle,“ tönte es aus allen Kehlen.
„Die Nachrichten sind von ihm. Er ist unter uns!“
„Unter uns?“ -- tönte es wieder aus der allgemeinen Kehle. „Und todt?“
„Nicht todt! Er fürchtete sich so sehr vor uns -- und mit Grund -- daß er sich für todt ausgeben und für sich ein großes Leichenbegängniß ausrichten ließ. Aber sie haben ihn lebendig in einem Versteck in der Provinz aufgefunden und ihn hergebracht. Ich habe ihn eben jetzt als Gefangenen auf dem Wege nach dem Stadthause gesehen. Ich habe gesagt, daß er Grund hatte uns zu fürchten. Sprecht Alle: hat er Grund?“
Armer alter Sünder von mehr als siebzig Jahren, wenn du es nie gewußt hättest, so hättest du es jetzt gefühlt in deinem innersten Herzen, wenn du das antwortende Geheul vernommen hättest!
Eine Pause tiefen Schweigens folgte. Defarge und seine Frau sahen einander fest an. Der Racheengel bückte sich und man hörte eine Trommel klappern, wie sie dieselbe unter dem Ladentische hervorholte.
„Patrioten!“ rief Defarge mit entschlossener Stimme, „sind wir fertig?“
Augenblicklich stak das Messer der Madame Defarge in ihrem Gürtel; die Trommel rasselte auf der Straße, als ob sie und ein Trommler durch Zauberei zu einander geflogen wären; und der Racheengel eilte mit entsetzlichem Geschrei und ihre Arme um den Kopf bewegend wie vierzig Furien auf einmal von Haus zu Haus, um die Kameradinnen zu rufen.
Die Männer waren schrecklich anzusehn in dem blutdürstigen Zorn, mit welchem sie aus den Fenstern heraussahen, zu den Waffen griffen, die Jeder bei der Hand hatte, und auf die Straße stürzten; aber der Anblick der Frauen machte das Blut der Kühnsten gerinnen. Sie verließen die häuslichen Beschäftigungen, zu denen sie in ihrer Entblößung und bittern Armuth noch Veranlassung hatten, ließen ihre Kinder, ihre Alten und ihre Kranken auf dem bloßen Fußboden halb verhungert und nackt kauern und eilten hinaus mit fliegendem Haar und reizten mit wildestem Geschrei und wildesten Geberden sich und Andere zum Wahnsinn. „Der Schurke Foulon gefangen, Schwester! Der alte Foulon gefangen, Mutter! Der Schuft Foulon gefangen, Tochter!“ Dann brach ein anderer Haufe in die Mitte von diesen, schlug sich die Brüste, raufte sich das Haar aus und kreischte: „Foulon am Leben, Foulon, der den Hungernden rieth, Gras zu essen? Foulon, der meinem alten Vater sagte: Er könnte Gras essen, als ich ihm kein Brod geben konnte! Foulon, der meinem Säugling sagte: Er könnte Gras trinken, als diese Brüste vom Darben vertrocknet waren! O Mutter Gottes -- dieser Foulon! O Himmel, unsre Noth! Höre mich, mein verhungertes Kind! Höre mich, mein todter Vater: Ich schwöre auf meinen Knieen hier auf diesem Steine, Euch an Foulon zu rächen! Gatten, Brüder und Söhne, gebt uns das Blut Foulons! Gebt uns den Kopf Foulons! Gebt uns das Herz Foulons! Gebt uns Leib und Seele Foulons! Zerreißt Foulon in Stücke und scharrt ihn ein, damit Gras aus ihm wachsen möge!“
Mit diesem Geschrei wirbelten Schaaren von Frauen zu blinder Wuth gereizt herum, schlugen -- ohne Unterschied zwischen Freund und Feind zu machen -- um sich, bis sie vor Leidenschaft in Ohnmacht sanken und vor dem Zertretenwerden nur von den Männern gerettet wurden, die zu ihnen gehörten.
Dessenungeachtet ward kein Augenblick verloren; -- kein Augenblick! Dieser Foulon befand sich auf dem Stadthaus und konnte freigelassen werden. Niemals, wenn St. Antoine wußte, was für Noth, Unrecht und Schmach er selbst hatte erdulden müssen! Bewaffnete Männer und Frauen strömten so rasch aus dem Quartier und nahmen selbst die letzte Hefe mit solcher Anziehungskraft mit sich fort, daß nach einer Viertelstunde kein menschliches Geschöpf mehr in St. Antoine’s Schooß zu sehen war, als ein paar alte Mütterchen und die schreienden Kinder.
Nein. Sie machten jetzt Alle den Gerichtssaal gepreßt voll, wo dieser böse und häßliche alte Mann jetzt war, und flossen über in den freien Platz und in die Straße in der Nachbarschaft. Die beiden Defarge’s, Mann und Frau, der der Racheengel und Jacques Drei waren unter den Vordersten und nicht weit von ihm im Gerichtssaal.
„Seht!“ rief Madame und wies mit dem Messer auf ihn. „Seht den alten Schurken mit Stricken gebunden. Das war ein schöner Einfall, ihm einen Büschel Gras auf den Rücken zu binden. Haha! Das war ein schöner Einfall. Er mag es jetzt fressen!“ Madame nahm ihr Messer unter den Arm und klatschte in die Hände, wie im Theater.
Da die Leute unmittelbar hinter Madame Defarge die Ursache ihrer Befriedigung den hinter ihnen Stehenden mittheilten und diese sie wieder Andern verkündeten und diese Anderen noch Anderen, so durchhallte alsbald alle benachbarte Straßen ein rauschendes Händeklatschen. In ähnlicher Weise wurden während zwei bis drei Stunden langweiliger Gerichtsverhandlungen, in welchen mancher Scheffel voll Wörterspreu geworfelt wurde, Madame Defarge’s häufige Aeußerungen der Ungeduld mit wunderbarer Schnelligkeit in die Ferne getragen. Dies war um so leichter, als verschiedene Leute, die mit erstaunlicher Gewandtheit an der Außenseite des Gebäudes heraufgeklimmt waren und zu den Fenstern hereinsahen, Madame Defarge recht gut kannten und als Telegraph zwischen ihr und den Menschenmassen draußen dienten.
Endlich stieg die Sonne so hoch, daß sie einen freundlichen Strahl, wie ein Zeichen der Hoffnung oder des Schutzes, unmittelbar auf das Haupt des greisen Gefangenen warf. Das war zu viel; in einem Augenblick war die Schranke von Staub und Spreu, die so lange gehalten hatte, in alle vier Winde zerstreut und Saint Antoine hatte ihn!
Man wußte es sogleich bis an die äußersten Grenzen des Gewühles. Defarge war blos über eine Schranke und einen Tisch gesprungen und hatte den Unglücklichen in eine tödtliche Umarmung geschlossen -- Madame Defarge war gefolgt und hatte einen der Stricke, mit denen er gebunden war, um ihre Hand geschlungen -- der Racheengel und Jacques Drei waren noch nicht heran und die Männer an den Fenstern noch nicht in den Gerichtssaal heruntergeschossen wie Raubvögel von ihrem hohen Horste -- als schon durch die ganze Stadt das Geschrei zu erschallen schien: „Bringt ihn heraus! An die Laterne!“ Niedergeworfen und emporgerissen, den Kopf zuvorderst auf die Stufen des Gebäudes, jetzt auf den Knieen, jetzt auf den Beinen, jetzt auf dem Rücken, geschleift und geschlagen und halb erstickt von den Bündeln Gras und Stroh, die hunderte von Händen ihm in’s Gesicht stießen, -- zerrissen, zerschlagen, keuchend, blutbedeckt, aber immer um Gnade bittend und flehend; -- jetzt sich leidenschaftlich gegen sein Schicksal wehrend mit einem kleinen freien Raume ringsum, wie die Leute sich einander rückwärts zogen, um ihn besser sehen zu können; -- dann als ein todter Klotz durch einen Wald von Beinen gezogen, schleppte man ihn nach der nächsten Straßenecke, wo eine der verhängnißvollen Laternen hing und hier ließ ihn Madame Defarge los -- wie eine Katze eine Maus losläßt -- und sah ihn still und gefaßt an, während die Andern Alles fertig machten und er sie um Erbarmen anflehte. Die ganze Zeit über kreischten ihn die Weiber voller Leidenschaft an und die Männer forderten voller Grimm, ihn mit Gras im Munde zu hängen. Einmal zogen sie ihn hinauf und der Strick riß und sie fingen ihn mit Geheul in den Armen auf; zum zweiten Male zogen sie ihn hinauf und der Strick riß und sie fingen ihn mit Geheul in den Armen auf; dann war der Strick gnädig und hielt ihn und sein Kopf stak bald auf einer Pike mit Gras genug im Munde für St. Antoine, -- um bei dem Anblick desselben zu tanzen.
Das war noch nicht das Ende von der Arbeit dieses Tages, denn St. Antoine brüllte und tanzte sein zorniges Blut so in die Hitze, daß es wieder aufkochte, als er gegen Abend vernahm, daß der Schwiegersohn des Ermordeten, auch ein Bedrücker und Feind des Volkes, mit einer Wache von fünfhundert Mann blos an Reiterei nach Paris gekommen. Saint Antoine schrieb seine Verbrechen auf große Papierbogen, bemächtigte sich seiner -- hätte ihn aus dem Herzen einer Armee gerissen, um Foulon Gesellschaft zu leisten! -- setzte seinen Kopf und sein Herz auf Piken und trug die drei Eroberungen des Tages mit entmenschtem Geheul durch die Straßen.
Nicht vor dunkler Nacht kehrten die Männer und Frauen zu den schreienden und ohne Brod gelassenen Kindern zurück. Dann wurden die ärmlichen Bäckerladen von langen Reihen belagert, die Alle geduldig warteten, um schlechtes Brod zu kaufen; und während sie mit leeren Magen warteten, vertrieben sie sich die Zeit mit beglückwünschenden Umarmungen wegen der Siege des Tages und mit wiederholtem Genusse durch Erzählen derselben. Allmälig verloren sich diese Gruppen zerlumpter Leute, und dann begannen dürftige Lichter in hohen Fenstern zu scheinen und dürftige Feuer wurden auf der Straße angemacht, an welchen Nachbarn in Gemeinschaft kochten und dann vor der Thüre zu Abend aßen.
Es war ein kärgliches und ungenügendes Abendessen ohne Ahnung von Fleisch oder der meisten andern Zuthat, als schlechtes Brod. Aber menschliche Gemeinschaft flößte den steinharten Lebensmitteln einigen Nahrungsstoff ein und wußte einige Funken von Heiterkeit herauszulocken. Väter und Mütter, die ihren vollen Antheil an den schlimmsten Blutthaten gehabt hatten, spielten gemüthlich mit ihren abgemagerten Kindern, und Liebende mit einer solchen Welt um sich und vor sich liebten und hofften.
Es war fast Morgen, als die letzte Gruppe Gäste Defarge’s Weinschank verließ und Mr. Defarge zu Madame, seiner Frau, mit heiserer Stimme sagte, als er die Thür verriegelte: „Endlich ist es gekommen, Frau!“
„Nun ja!“ -- entgegnete Madame. „Beinahe.“
St. Antoine schlief; die Defarge’s schliefen; selbst der Racheengel schlief mit seinem heruntergekommenen Gewürzkrämer und die Trommel ruhte. Die Stimme der Trommel war die einzige Stimme in St. Antoine, welche Sturm und Blutvergießen nicht ermüdet hatte. Der Racheengel, als Hüter der Trommel, hätte sie wecken und ihr dieselben Töne entlocken können, wie vor der Einnahme der Bastille und vor dem Tode des alten Foulon; aber anders war es mit den heiseren Stimmen der Männer und Frauen von St. Antoine.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Feuer!
Es war eine Veränderung über das Dorf gekommen, wo der Brunnen plätscherte und wo der Straßenarbeiter täglich hinausging, um aus den Steinen auf der Landstraße die paar Bissen Brod herauszuklopfen, welche seine arme unwissende Seele und seinen armen abgezehrten Körper nothdürftig zusammenhielten. Das Gefängniß auf der Klippe sah nicht mehr so herrisch wie früher darein. Es waren Soldaten als Wache darin, aber nicht viele; es waren Officiere da, um die Soldaten zu bewachen, aber keiner wußte, was seine Leute thun würden -- außer etwa, daß sie wahrscheinlich nicht thun würden, was er ihnen beföhle.
Weit und breit sah man zu Grunde gerichtetes Land, das nichts als Wüstenei war. Jedes grüne Blatt, jeder Gras- und Getreidehalm war so zusammengeschrumpft und dürftig, wie die elende Bevölkerung. Alles war entnervt, entmuthigt, gedrückt und gebrochen. Wohnungen, Einzäunungen, Hausthiere, Männer, Weiber und Kinder und der Boden, der sie trug -- Alles ausgesogen und unfruchtbar geworden.
Monseigneur (oft als Individuum ein sehr würdiger Herr) war ein Segen für die Nation, gab Allem einen ritterlichen Ton, war ein elegantes Beispiel eines üppigen und glänzenden Lebens und noch viel mehr ähnlicher Art; dessenungeachtet hatte Monseigneur als Stand auf die eine oder andere Weise die Sachen auf diesen Punkt gebracht. Merkwürdig daß die Schöpfung, ausdrücklich für Monseigneur gemacht, sich so bald so ganz und gar ausquetschen läßt! Es muß doch etwas Kurzsichtiges in den Anordnungen des Ewigen sein! So war es aber doch; und da der letzte Tropfen Blut aus den Steinen herausgepreßt und die letzte Schraube der Folter so oft gedreht worden war, daß sie zu Schanden ging und sich drehte und drehte, ohne Etwas zu drücken, so fing Monseigneur an, vor einer so gemeinen und unerklärlichen Erscheinung davon zu laufen.
Aber das war nicht die Veränderung, die über dieses Dorf und viele andere ähnliche Dörfer gekommen war. Seit zwanzig Jahren und länger hatte Monseigneur es gedrückt und aufgesogen und es selten mit seiner Gegenwart beehrt, als um die Freuden der Jagd zu genießen, die bald im Hetzen der Leute, bald im Hetzen des Wildes bestanden, zu dessen Erhaltung Monseigneur -- sehr erbaulich -- weite Strecken zur unbebauten Wüstenei werden ließ. Nein. Die Veränderung bestand mehr in dem Erscheinen fremder Gesichter gemeiner Art, als in dem Verschwinden der vornehmen classischen und auch anderweitig seligen und beseligenden Gesichtszüge Monseigneurs.
Denn in diesen Zeiten sah wohl der Straßenarbeiter, wie er einsam im Staube arbeitete und sich selten mit dem Gedanken quälte, daß er Staub sei und wieder Staub werden müsse, sondern viel häufiger mit dem Gedanken beschäftigt war, wie wenig er zum Abendessen habe und wie viel mehr er essen würde, wenn er es hätte -- in diesen Zeiten sah wohl der Straßenarbeiter, wie er die Augen von seiner einsamen Arbeit erhob und in die Landschaft hinausblickte, eine rauhe Gestalt zu Fuße sich nähern, wie sie früher selten in diesen Gegenden gesehen wurde, jetzt aber häufig war. Wie sie noch näher kam, bemerkte der Straßenarbeiter ohne Verwunderung, daß es ein zottelhaariger Mann von fast barbarischem Aussehen war, lang, in hölzernen Schuhen, die sogar dem Straßenarbeiter zu plump vorkamen, mit finstern schwarzgebranntem Gesicht, beschmutzt von dem Schlamm und Staub vieler Landstraßen, feucht von den sumpfigen Ausdünstungen vieler tiefen Gründe, bestreut mit den Dornen und Blättern und dem Moos vieler Schleichpfade durch die Wälder.
Ein solcher Mann kam über ihn wie ein Gespenst in der Mittagsstunde des Julitages, wie er auf einem Steinhaufen unter einem Erdrücken saß, der ihm einigen Schutz vor einem Hagelschauer gewährte.
Der Mann sah ihn an, sah das Dorf in der Tiefe an, die Mühle und das Gefängniß auf der Klippe. Als er diese Gegenstände in sich aufgenommen, sagte er in einem Dialekt, der eben noch verständlich war:
„Wie gehts, Jacques?“
„Alles wohl, Jacques!“
„Die Hand her!“
Sie gaben sich die Hände und der Mann setzte sich auf den Steinhaufen.
„Kein Mittagsessen?“
„Nichts als Abendessen jetzt!“ sagte der Straßenarbeiter mit hungrigem Gesicht.
„Es ist die Mode,“ grollte der Andere. „Ich finde nirgends ein Mittagsessen.“
Er holte eine schwarzgerauchte Pfeife hervor, stopfte sie, machte Feuer mit Stahl, Stein und Schwamm und zog an der Pfeife, bis sie in heller Gluth war. Dann hielt er sie plötzlich vor sich hin und ließ etwas hineinfallen, was er zwischen Zeigefinger und Daumen hatte und was aufflammte und mit einem Rauchwölkchen verpuffte.
„Die Hand her!“ Der Straßenarbeiter mußte es diesmal sagen, nachdem er die ganze Manipulation beobachtet hatte. Sie reichten sich wieder die Hände.
„Heute Nacht?“ sagte der Straßenarbeiter.
„Heute Nacht!“ sagte der Mann, indem er die Pfeife in den Mund steckte.
„Wo?“
„Hier!“
Er und der Straßenarbeiter saßen auf dem Steinhaufen und sahen sich schweigend einander an, während der Hagel zwischen ihnen durchfuhr, bis der Himmel über dem Dorfe wieder hell wurde.
„Zeigt mir’s!“ -- sagte nun der Reisende, indem er nach dem Kamm des Hügels ging.
„Seht hin!“ -- entgegnete der Straßenarbeiter mit ausgestreckter Hand. „Ihr geht hier hinab und gerade durch die Straße und am Brunnen vorbei“ --
„Zum Teufel mit alle dem!“ unterbrach ihn der Andere und ließ sein Auge über die Landschaft schweifen. „~Ich~ gehe durch keine Straße und an keinem Brunnen vorbei. Also weiter!“
„Weiter also! Ungefähr zwei Stunden jenseits des Kammes jenes Hügels hinter dem Dorfe.“
„Gut. Wann hört Ihr auf zu arbeiten?“
„Mit Sonnenuntergang.“
„Wollt Ihr mich wecken ehe Ihr nach Hause geht? Ich bin zwei Nächte gewandert, ohne zu schlafen. Ich rauche meine Pfeife aus und werde dann schlafen wie ein Kind. Wollt Ihr mich wecken?“
„Gewiß!“
Der Wanderer rauchte seine Pfeife aus, steckte sie in die Brust, zog die schweren Holzschuhe aus und legte sich rücklings auf den Steinhaufen. Einen Augenblick darauf lag er in tiefem Schlafe.
Während der Straßenarbeiter seine staubige Arbeit fortsetzte und die weiter ziehenden Hagelwolken Streifen von hellem Himmel durchblicken ließen, denen silberne Streifen auf der Landschaft entsprachen, schien der kleine Mann (der jetzt eine rothe Mütze trug anstatt der frühern blauen) von der Gestalt auf dem Steinhaufen ganz verzaubert zu sein. Seine Augen wendeten sich so oft dorthin, daß er seinen Hammer nur mechanisch gebrauchte und sehr wenig von Statten brachte. Das sonnenverbrannte Gesicht, Haar und Bart so zottig und schwarz, die grobwollene Mütze, der fremdartige Anzug von selbst gesponnenen wollenen Stoff und rauhen Fellen, die ursprünglich mächtige aber von schmaler Kost abgezehrte Gestalt und das mürrische und verzweifelte Zusammenpressen der Lippen im Schlafe flößte den Straßenarbeiter ein Grauen ein. Der Wanderer war weit gereist und seine Füße waren wund und seine Knöchel blutig gerieben; seine großen Schuhe, mit Blättern und Gras gestopft, hatten ihm den langen Weg schwer gemacht und in seine Kleider waren Löcher gerathen. Der Straßenarbeiter bückte sich über ihn und versuchte zu sehen, ob er Waffen versteckt in der Brust oder sonst wo trage; aber vergebens, denn er schlief mit Armen, die eben so entschlossen über seine Brust gekreuzt waren, als er den Mund geschlossen hielt. Befestigte Städte mit ihren Palisaden, Wachthäusern, Thoren, Gräben und Zugbrücken erschienen dem Straßenarbeiter als so viel Luft gegenüber dieser Gestalt. Und wie er seine Augen von ihr zu dem Horizonte emporhob und sich umschaute, sah seine Phantasie ähnliche Gestalten, von keinem Hindernisse aufgehalten, über ganz Frankreich nach gemeinsamem Mittelpunkte wandern.
Der Mann schlief fort, gleichgültig gegen Hagelschauer und schönes Wetter dazwischen, gegen Sonnenschein auf sein Gesicht und Schatten, gegen die ihn schlagenden Klümpchen von trübem Eis und gegen die Diamanten, in welcher die Sonne sich verwandelte, bis die Sonne tief in Westen stand und der Himmel glühte. Nun nahm der Straßenarbeiter sein Arbeitszeug zusammen, um in das Dorf hinunter zu gehen und weckte den Andern.
„Gut!“ sagte der Wanderer und lehnte sich auf seinen Ellenbogen in die Höhe. „Zwei Stunden jenseits des Kammes jenes Hügels?“
„Ungefähr.“
„Ungefähr. Gut!“
Der Straßenarbeiter ging nach Hause, begleitet von dem Staube vor oder hinter ihm, je nachdem der Wind sich wendete und war bald am Brunnen, wo er sich unter die magern Kühe mischte, die dorthin zum Tränken gebracht wurden und denen er sogar mit zuzuflüstern schien, während er dem ganzen Dorfe halblaut erzählte. Als das Dorf sein kärgliches Abendmahl genossen, schlich es sich nicht zu Bett wie gewöhnlich, sondern trat wieder vor die Thür und blieb dort. Das Flüstern steckte auf eine merkwürdige Weise an, und als das Dorf nach Dunkelwerden sich um den Brunnen versammelte, zeigte es sich auch seltsam angesteckt von der Leidenschaft, nur nach einer Richtung erwartungsvoll an den Himmel zu blicken. Mr. Gabelle, Hauptbeamter des Ortes, wurde unruhig, trat allein hinaus auf sein Hausdach und blickte nur nach dieser einen Richtung, betrachtete hinter den Schornsteinen hervor die finster werdenden Gesichter unten am Brunnen und ließ den Küster, der die Kirchenschlüssel in Verwahrung hatte, sagen: es dürfte bald vielleicht Veranlassung kommen, die Sturmglocke zu läuten.