Zwei Städte

Part 21

Chapter 213,665 wordsPublic domain

Diese Zeit ging vorüber und eine kleine Lucie lag an ihrer Brust. Dann vernahm man unter den nahenden Echo’s den Schall ihrer kleinen Füßchen und ihrer kindlich plaudernden Stimme. Mögen stärkere Echo’s noch so voll erschallen, -- diese hörte die junge Mutter an der Wiege immer kommen. Sie kamen, und das schattige Haus wurde sonnig von dem fröhlichen Lachen des Kindes und der göttliche Kinderfreund, dem sie in ihren Sorgen das ihrige anvertraut hatte, schien das Kind in seine Arme zu nehmen, wie er die Kinder vor Zeiten nahm, und machte es ihr zu einer heiligen Freude.

Immer geschäftig den goldenen Faden aufrollend, der sie Alle zusammenband, und freundliches Glück überall verbreitend, wohin sie blickte, hörte Lucie in den Echo’s von Jahren nur wohlthuende und tröstende Klänge. Der Schritt ihres Mannes klang kräftig und glücklich unter ihnen; der ihres Vaters fest und gleichmäßig; ja selbst Miß Proß, im Geschirr von Bindfaden, weckt den Wiederhall als feuriges Roß mit der Peitsche gezüchtigt, schnaubend und die Erde stampfend, unter der Platane im Garten! Selbst wenn man unter den übrigen Klänge des Schmerzes vernahm, waren sie nicht bitter und verzweifelnd. Selbst wenn goldenes Haar, wie ihr eigenes, wie ein Glorienschein auf einem Kissen um das abgezehrte Gesicht eines Knaben lag und er mit strahlendem Lächeln sagte: „Lieber Papa und liebe Mama! es schmerzt mich sehr, Euch Beide zu verlassen und meine hübsche Schwester; aber man ruft mich und ich muß fort!“ -- so waren es nicht lauter Thränen des Schmerzes, welche die Wangen der jungen Mutter benetzten, als die kindliche Seele von ihr schied. Man dulde sie und verbiete sie nicht. „Sie sehen meines Vaters Antlitz.“ O Vater! gesegnete Worte!

So mischte sich das Rauschen der Flügel eines Engels unter die andern Echo’s und sie waren nicht ganz von dieser Erde, sondern unter ihnen war dieser Hauch vom Himmel. Auch Seufzer des Windes, die über ein kleines Gartengrab wehten, mischten sich darunter und Lucie vernahm sie durch die stille Luft, wie die kleine Lucie mit komischem Ernst sich ihrer Morgenaufgabe widmend oder zu Füßen ihrer Mutter eine Puppe anputzend in den Zungen der beiden Städte plauderte, in deren Leben das ihrige verwebt war.

Selten gaben die Echo’s die Schritte Sydney Cartons zurück. Höchstens ein halb Dutzendmal des Jahres machte er von seinem Vorrechte Gebrauch, uneingeladen zu kommen, und saß unter ihnen den ganzen Abend lang. Er kommt nie von Wein erhitzt. Und etwas Anderes flüstern von ihm die Echo’s, was ächte Echo’s zu allen Zeiten geflüstert haben.

Hat ein Mann wirklich ein Weib geliebt, sie verloren und sie dann tadellos -- obgleich unverändert -- als Gattin und Mutter gekannt, so werden ihre Kinder stets eine seltsame Sympathie mit ihm haben -- ein instinctartiges zartes Mitleiden mit ihm. Welch verborgene Fiber in der Seele dabei angerührt werde, kann kein Echo verkünden; aber es ist an dem und es war auch hier der Fall. Carton war der erste Fremde, welchen die kleine Lucie ihre runden Aermchen entgegenstreckte, und wie sie heranwuchs, behauptete er seinen Platz bei ihr. Der Kleine hatte fast noch zuletzt von ihm gesprochen. „Der arme Carton! Küßt ihn von mir!“

Mr. Stryver machte sich Platz unter den Juristen wie eine große Maschine, die sich durch trübes Wasser vorwärts arbeitet, und zog seinen nützlichen Freund hinter sich her wie ein in’s Schlepptau genommenes Boot. Da ein in solcher Lage befindliches Boot gewöhnlich sehr hin- und hergeworfen wird und meistens unter Wasser ist, so hatte auch Sydney ein feuchtes Leben zu führen, aber leichte und starke Gewohnheit, die leider in ihm viel leichter und stärker war als das anstachelnde Gefühl von Ehre oder Schande, machte es für ihn zum rechten Leben; und er dachte nicht mehr daran aufzuhören, des Löwen Schakal zu sein, als ein wirklicher Schakal daran denken würde ein Löwe zu werden. Stryver war reich, hatte eine blühende Wittwe mit Vermögen und drei Knaben geheirathet, die nichts besonderes Glänzendes an sich hatten, als das glatte Haar ihrer runden Köpfe.

Diese drei jungen Herren hatte Mr. Stryver, aus jeder Hautpore Gönnerschaft der beleidigendsten Art ausschwitzend, vor sich her wie drei Schafe nach der stillen Ecke in Soho getrieben und sie Luciens Gatten als Schüler angeboten mit den zartfühlenden Worten: „Heda, hier sind drei Portionen Butterbrod und Käse für Ihr eheliches Pickenick, Darnay!“ Die höfliche Zurückweisung dieser drei Portionen Butterbrod und Käse hatte Mr. Stryver mit großer Entrüstung erfüllt, von der er später bei der Erziehung der jungen Herren Nutzen zog, indem er ihnen einprägte, sich vor dem Stolze von Bettlern, gleich jenem Schulmeister, zu hüten. Auch pflegte er bei seinem schweren Wein Mrs. Stryver von den Künsten zu erzählen, mit welcher Mrs. Darnay ihn voreinst zu fangen versucht und wie er durch seine Schlauheit und Festigkeit dieses Gefangenwerden verhindert habe. Einige seiner Bekannten vom Kings-Benchgericht, die gelegentlich seinen schweren Wein und die Lüge zu kosten bekommen, entschuldigten die letztere damit, daß er sie so oft erzählt habe, daß er sie selbst glaube -- jedenfalls eine so unverbesserliche Erschwerung eines ohnedies schon schweren Verbrechens, daß sie rechtfertigen würde, einen solchen Verbrecher an einen angemessenen abgelegenen Ort zu schaffen und ihn dort abseits zu hängen.

Diese waren unter den Echo’s, welche Lucie manchmal nachdenklich, manchmal lachend und ergötzt, aber immer im Genuß stillen Glückes in der wiederhallenden Ecke hörte, bis der sechste Geburtstag ihres Töchterchens kam. Aber auch andere Echo’s hatten während dieser ganzen Zeit aus der Ferne drohend herübergerollt, und gerade jetzt um die Zeit dieses Geburtstags nahmen sie einen grauenhaften Ton an, als bräche in Frankreich ein schweres Unwetter mit fürchterlich stürmischer See los.

Eines Abends, Mitte Juli 1789, kam Mr. Lorry noch spät von Tellsons und setzte sich neben Lucie und ihren Gatten in das dunkle Fenster. Es war eine schwüle wetterdrohende Nacht und sie dachten alle Drei an die längstvergangene Sonntagsnacht, wo sie an demselben Fenster den Blitzen zugesehen hatten.

„Ich fing schon an zu denken, daß ich die Nacht bei Tellsons würde zubringen müssen,“ sagte Mr. Lorry, indem er die braune Perrücke von der Stirn zurückschob. „Wir haben heute so viel zu thun gehabt, daß wir gar nicht wußten, was wir zuerst anfangen oder wohin wir uns wenden sollten. Es herrschen solche Besorgnisse in Paris, daß man uns mit Vertrauen geradezu überläuft! Unsere Kunden drüben scheinen nicht im Stande zu sein, uns ihr Vermögen schnell genug anzuvertrauen. Es ist offenbar unter ihnen eine Manie ausgebrochen, es herüber nach England zu senden.“

„Das hat ein schlimmes Aussehn,“ sagte Darnay.

„Ein schlimmes Aussehn, sagen Sie, lieber Darnay? Ja! aber wir wissen nicht, welcher Grund dafür vorhanden ist. Die Menschen sind so unverständig! Einige von uns bei Tellsons werden alt und wir können uns wirklich nicht ohne gehörige Veranlassung aus dem gewöhnlichen Schritt bringen lassen.“

„Aber Sie wissen, wie düster und drohend der Horizont aussieht,“ sagte Darnay.

„Das weiß ich recht wohl,“ stimmte Mr. Lorry bei, bemüht sich zu überreden, daß seine gewöhnliche Gutmüthigkeit für diesen Abend zur Säure geworden sei. „Aber ich bin entschlossen, nach dieses langen Tages Last übler Laune zu sein. Wo ist Manette?“

„Hier ist er!“ sagte der Doctor, der gerade jetzt in das dunkle Zimmer trat.

„Es freut mich, daß Sie zu Hause sind; denn diese übereilten Geschäfte und die schlimmen Gerüchte, mit welchen ich den ganzen Tag zu thun gehabt habe, haben mich ohne Grund ängstlich gemacht. Sie gehen doch nicht aus -- hoff’ ich?“

„Nein; ich will eine Partie Triktrak mit Ihnen spielen, wenn Sie Lust haben,“ sagte der Doctor.

„Ich glaube nicht, daß ich Lust habe, wenn ich aufrichtig sein darf. Ich bin heute Abend nicht in Verfassung, es mit Ihnen aufzunehmen. Ist die Theestunde noch nicht vorüber, Lucie?“

„Natürlich haben wir auf Sie gewartet.“

„Ich danke Ihnen, meine Gute. Ist das liebe Kind schon zu Bett?“

„Es ist zu Bett und schläft ruhig.“

„Das ist recht; Alles gesund und wohl! Ich weiß nicht, weshalb hier etwas Anderes als Gesundheit und Wohlsein sein sollte -- Gott sei Dank! Aber ich habe mich den ganzen Tag über so geärgert und ich bin nicht mehr so jung, wie ich war! Thee, meine Gute? Danke Ihnen. Jetzt nehmen Sie Ihren Platz in dem Kreise ein und dann wollen wir stillsitzen und den Echo’s zuhören, über die Sie Ihre Theorie haben.“

„Keine Theorie; es war eine Phantasie.“

„Eine Phantasie denn, mein kluges Weibchen,“ sagte Mr. Lorry und klopfte ihr liebkosend auf die Hand. „Aber es sind ihrer sehr viele und sie sind sehr laut -- nicht wahr? Hören Sie nur!“

Ungestüm, toll und gefährlich sind die Schritte, wenn sie sich in Jemandes Leben drängen -- Schritte, die, einmal roth gefärbt, nicht leicht wieder rein zu machen sind, -- die Schritte, wie sie weit weg in St. Antoine toben, während der kleine Kreis an dem dunkeln Fenster in London sitzt.

St. Antoine war an diesem Morgen ein ungeheures schwarzes Hin- und Herwogen von Vogelscheuchen gewesen und über den Wogen dieses Meeres funkelte es häufig hell, wie Klingen und Bayonnette von Stahl in der Sonne glänzen. Ein fürchterliches Gebrüll erscholl aus der Kehle St. Antoine’s und ein Wald nackter Arme regte sich in der Luft, wie verdorrte Baumäste in einem Wintersturm und jede Hand hielt krampfhaft eine Waffe oder den Schein einer Waffe gepackt, welche die Tiefe ausspie, Niemand konnte sagen wie weit her.

Wer die Waffen vertheilte, woher sie kamen, durch wessen Vermittelung sie zu Dutzenden auf einmal wie eine Art Blitze über die Köpfe des Gewühles hinfuhren, hätte Niemand in dem Gedränge sagen können; aber Flinten wurden vertheilt und auch Patronen, Pulver und Kugeln, Stangen von Eisen und Holz, Messer, Aexte, Piken, jede Waffe, welche zornwüthender Scharfsinn entdecken oder ersinnen konnte. Leute, die nichts anderes finden konnten, mühten sich mit blutenden Händen ab, Steine und Ziegel aus der Mauer zu reißen. Jeder Puls und jedes Herz in St. Antoine war in hoher Fieberhitze. Jedes lebendige Geschöpf daselbst hielt das Leben für nichts und war mit einer wahnwitzigen Leidenschaft erfüllt, es hinzuopfern.

Wie ein Wirbel kochenden Wassers einen Mittelpunkt hat, so bewegt sich alles dieses Gewühl im Kreise um Defarge’s Weinladen herum und jeder Menschentropfen in dem Kessel zeigt eine Neigung, nach dem Mittelpunkte hingezogen zu werden, wo Defarge, schon ganz schwarz von Pulver und Schweiß, Befehle gab, Waffen vertheilte, diesen Mann zurückstieß, einen Andern hervorzog, Einen entwaffnete, um den Andern zu bewaffnen und in dem dichtesten Gewühl thätig war.

„Bleib in meiner Nähe, Jacques Drei!“ rief Defarge; „und Ihr Beide, Jacques Eins und Zwei, stellt euch Jeder an die Spitze von so viel Patrioten als Ihr zusammenbringen könnt. Wo ist meine Frau?“

„Hier bin ich!“ -- sagte Madame ruhig wie immer, aber für heute nicht mit dem Strickstrumpf beschäftigt. Die entschlossene rechte Hand Madames hielt eine Axt anstatt der friedlichen Stricknadeln und in ihrem Gürtel stak ein Pistol und ein langes scharfes Messer.

„Wo gehst Du hin, Frau?“

„Vor der Hand mit Dir,“ sagte Madame. „Bald wirst Du mich an der Spitze von Frauen sehen.“

„Vorwärts also!“ -- rief Defarge mit weithin hallender Stimme. „Patrioten und Freunde, wir sind bereit! Nach der Bastille!“

Mit einem Gebrüll, welches klang, als ob der Athem von ganz Frankreich das verabscheute Wort gesprochen, erhob sich das lebendige Meer Welle für Welle bis in die tiefsten Tiefen und fluthete hin nach jenem Punkte. Die Sturmglocke läutete, Trommeln schallten, das Meer wüthete und donnerte an seinen neuen Strand und der Angriff begann.

Tiefe Gräben, eine doppelte Zugbrücke, feste steinerne Mauern, acht große Thürme, Kanonen, Flinten, Feuer und Rauch. Durch das Feuer und durch den Rauch -- in dem Feuer und in dem Rauch (denn das Meer warf ihn gegen eine Kanone und in dem Augenblick war er ein Kanonier geworden) arbeitete Defarge aus dem Weinschank wie ein mannhafter Soldat zwei heiße Stunden lang.

Tiefer Graben, eine Zugbrücke, feste steinerne Mauern, acht große Thürme, Kanonen, Flinten, Feuer und Rauch. Eine Zugbrücke gewonnen! „An’s Werk, Kameraden, an’s Werk! An’s Werk, Jacques Eins, Jacques Zwei, Jacques Tausend, Jacques Zweitausend, Jacques Zweihundertfünfzigtausend! Im Namen aller Engel und Teufel -- was Ihr lieber habt --; an’s Werk!“ -- So rief Defarge aus dem Weinschank immer noch an seiner Kanone, die längst heiß geworden war.

„Mir nach, Weiber!“ -- rief Madame, seine Frau. „Was? wir können so gut todtschlagen, wie die Männer, wenn der Platz einmal genommen ist.“ Und um sie schaarten sich mit schrillem blutdürstigen Geschrei Haufen von Frauen, verschiedenartig bewaffnet, aber alle gleichbewaffnet mit Hunger und Rachedurst.

Kanonen, Flinten, Feuer und Rauch; aber immer noch der tiefe Graben, die letzte Zugbrücke, die festen steinernen Mauern und die acht großen Thürme. Leichte Störungen in dem wüthenden Meer entstanden durch die hinstürzenden Verwundeten. Blinkende Waffen, lodernde Fackeln, qualmende Wagenladungen, feuchtes Stroh, harte Arbeit an Barrikaden in allen Richtungen, Geheul, Gewehrsalven, Verwünschungen, Tapferkeit ohne Ende, Kanonendonner und Flintengeknatter und das wüthende Toben des lebendigen Meeres; aber immer noch der tiefe Graben und die letzte Zugbrücke, die festen steinernen Mauern und die acht großen Thürme und immer noch Defarge aus dem Weinschank an seiner Kanone, die durch den Dienst von vier heißen Stunden doppelt heiß geworden ist.

Eine weiße Fahne auf der Festung und eine Verhandlung -- das läßt sich undeutlich erkennen durch den wüthenden Sturm, der nichts hörbar werden läßt, -- und plötzlich steigt das Meer höher und höher und spült Defarge aus dem Weinschank über die heruntergelassene Zugbrücke an den festen steinernen Außenmauern vorbei und mitten unter die acht großen Thürme, die sich ergeben haben.

So unwiderstehlich war die Gewalt des ihn vorwärtstragenden Oceans, daß er eben so wenig Athem schöpfen oder den Kopf umdrehen konnte, als ob er in der Brandung des Südmeeres gekämpft hätte, bis er in dem vorderen Hofe der Bastille wieder festen Fuß faßt. Hier erkämpft er seinen Platz an einer Mauerecke und schaut um sich. Jacques Drei stand fast unmittelbar neben ihm; Madame Defarge, immer noch an der Spitze einiger ihrer Frauen, war weiter voraus sichtbar, das Messer in der Hand. Ueberall Tumult, Jauchzen, betäubende und wahnwitzige Verwirrung, rasendes Toben und doch eine wüthende stumme Pantomime.

„Die Gefangenen!“

„Die Acten!“

„Die geheimen Kerker!“

„Die Marterwerkzeuge!“

„Die Gefangenen!“

Von allen diesen Rufen und tausend unzusammenhängenden anderen hörte man; „Die Gefangenen!“ -- am öftersten und deutlichsten heraus aus dem Meere, das hereintoste als gäbe es eine Ewigkeit von Menschen eben so gut wie von Zeit und Raum. Als die vordersten Wogen vorüberschossen und die Gefangenwärter mit fortrissen und sie alle mit augenblicklichem Tode bedrohten, wenn nur ein einziger geheimster Winkel unaufgeschlossen bliebe, legte Defarge seine starke Hand auf die Brust eines dieser Männer -- eines Mannes mit einem grauen Kopf, der eine brennende Fackel in der Hand hatte -- sonderte ihn von den übrigen und brachte ihn zwischen sich und die Mauer.

„Zeigt mir den Nordthurm!“ -- sagte Defarge. „Rasch!“

„Ich will Euch getreulich hinführen,“ entgegnete der Mann. „Aber es ist Niemand dort.“

„Was heißt Einhundert und Fünf, Nordthurm?“ -- fragte Defarge. „Rasch!“

„Was es heißt, Monsieur?“

„Ist damit ein Gefangener bezeichnet oder ein Kerker? Oder wollt Ihr, daß ich Euch todtschlage?“

„Schlagt ihn todt!“ -- krächzte Jacques Drei, der dicht herangetreten war.

„Monsieur! es ist ein Gefängniß.“

„Führt mich hin!“

„So kommen Sie diesen Weg.“

Jacques Drei, mit dem gewöhnlichen gierigen Ausdruck um Mund und Augen und offenbar darüber getäuscht, daß das Zwiegespräch eine Wendung nahm, die kein Blut versprach, hielt Defarge’s Arm gepackt, wie dieser den Arm des Gefangenwärters gepackt hielt. Sie hatten während des Gesprächs ihre drei Köpfe dicht zusammengesteckt und selbst so konnten sie kaum einander verstehen -- so fürchterlich war das Toben des lebendigen Meeres, wie es in die Festung eingebrochen war und die Höfe, Gänge und Treppen überschwemmt hatte. Auch draußen rings herum schlug es an die Mauern mit dumpfem Donner, aus welchem gelegentlich ein paar vereinzelte Jubelrufe hervorbrachen und wie Wellenstaub in die Luft flogen.

Durch düstere Gewölbe, wohin das Tageslicht nie gedrungen war, vorbei an unheimlichen Thüren finsterer Löcher und Käfige, gruftartige Treppen hinab und steile beschwerliche Stiegen von Stein und Ziegeln wieder hinauf, die ausgetrockneten Wasserfällen ähnlicher waren als Treppen, gingen Defarge, der Gefangenwärter und Jacques Drei festgeschlossen Arm in Arm mit aller möglichen Eile. Hie und da, vorzüglich zu Anfang, jagten einzelne Wogen der Ueberschwemmung an ihnen vorbei, aber als das Abwärtssteigen vorbei war und sie auf steinerner Wendeltreppe einen Thurm hinaufklimmten, waren sie allein. Hier eingeschlossen von den dicken Mauern und Gewölben hörten sie von dem Sturm in der Festung draußen nur ein fernes gedämpftes Rauschen, als ob das Getöse, in dem sie sich eben noch befunden, fast ihren Gehörsinn vernichtet hätte.

Der Gefangenwärter machte an einer niedrigen Thüre Halt, steckte einen Schlüssel in ein klirrendes Schloß, öffnete die Thüre langsam und sagte, als sie sich Alle bückten und hineintraten:

„Einhundert und Fünf, Nordthurm!“

Hoch oben in der Mauer befand sich eine kleine mit einem schweren Eisengitter verschlossene Oeffnung mit einem gemauerten Schirm davor, sodaß man nur den Himmel erblicken konnte, wenn man sich tief bückte und dann hinaufsah. Ein kleines nur wenige Fuß tiefes Kamin mit schweren eisernen Stäben davor; ein Haufen alter weißgrauer Holzasche auf dem Herde; ein Stuhl, ein Tisch und ein Strohlager: vier geschwärzte Wände und ein verrosteter Eisenring in einer derselben.

„Leuchtet langsam an den Wänden hin, daß ich sie sehen kann,“ sagte Defarge zu dem Gefangenwärter.

Der Mann gehorchte und Defarge folgte dem hellen Scheine sorgsam mit den Augen.

„Halt! -- Sieh her, Jacques!“

„A -- M,“ krächzte Jacques Drei, wie er gierig las.

„Alexander Manette,“ sagte ihm Defarge in’s Ohr, indem er den Buchstaben mit seinem von Pulver geschwärzten Zeigefinger folgte. „Und hier hat er geschrieben: Ein armer Arzt. Und jedenfalls hat er auch diesen Kalender in den Stein gekritzelt. Was habt Ihr in der Hand? Ein Brecheisen? Gebt her!“

Er hatte immer noch den Ladestock seiner Kanone in der Hand. Jetzt vertauschte er ihn rasch gegen das Brecheisen und schmetterte mit wenigen Schlägen den wurmzerfressenen Stuhl und Tisch in Stücke.

„Haltet die Fackel höher!“ -- sagte er zornig zu dem Gefangenwärter. „Jacques, suche sorgfältig unter diesen Stücken nach. Und wart! Hier ist mein Messer! (Er warf es ihm hin.) Schneide das Bett auf und suche im Stroh. Ihr da! Haltet die Fackel höher!“

Mit einem drohenden Blick auf den Gefangenwärter kroch er auf den Herd, sah den Schornstein hinauf, klopfte an seine Wände mit dem Brecheisen und schüttelte an den eisernen Stäben davor. Nach einigen Minuten fiel etwas Kalk und Staub herab, dem er mit dem Kopfe auswich; und darin und in der alten Holzasche und in vier Spalten im Schornstein, welche seine Waffe gefunden oder gemacht hatte, suchte seine Hand sorgfältig.

„Nichts im Holze und nichts im Stroh, Jacques?“

„Nichts!“

„So wollen wir sie in der Mitte der Zelle auf einen Haufen sammeln. So! Ihr da -- zündet ihn an!“

Der Gefangenwärter zündete den kleinen Haufen an, der hoch und heiß emporloderte. Sie ließen es fortbrennen, bückten sich wieder, um durch die niedrig gewölbte Thür zu kommen und kehrten nach dem Hofe zurück. Erst allmälig auf dem Rückweg schienen sie das Gehör wieder zu bekommen, bis sie wieder mitten in dem tosenden Meere waren.

Das Meer brandete und wogte hoch auf und wollte Defarge wieder haben. St. Antoine rief laut nach seinem Weinschenken, damit er der Hauptmann der Wache über den Commandanten sei, der die Bastille vertheidigt und das Volk todtgeschossen hatte. Anders konnte der Commandant nicht nach dem Stadthaus vor Gericht gebracht werden. Anders würde der Commandant entweichen und das Blut des Volkes (das nach vieljähriger Werthlosigkeit plötzlich einigen Werth bekommen hatte) ungerächt bleiben.

In dem heulenden Meer von Leidenschaft und Wuth, das der finstere alte Officier in seinem grauen Rock mit rothen Aufschlägen ganz einzuschließen schien, gab es blos eine ganz ruhige Gestalt und dieß war die Gestalt eines Weibes. „Seht -- dort ist mein Mann!“ rief die Frau aus und wies auf ihn mit der Hand. „Seht Defarge!“ Sie stand unbeweglich dicht neben dem finstern alten Officier und blieb unbeweglich neben ihm stehen; blieb unbeweglich dicht neben ihm durch die Straßen, wie Defarge und die Uebrigen ihn fortschleppten; blieb unbeweglich dicht neben ihm, wie er seinem Ziele nahe war und Einer ihm von hinten einen Schlag versetzte; blieb unbeweglich dicht neben ihm, als der seit Langem gesammelte Regen von Stößen und Schlägen schwer niederfiel; war so dicht neben ihm, als er todt zusammensank, daß sie plötzlich lebendig geworden ihren Fuß auf sein Genick setzte und ihn mit dem scharfen lange bereit gehaltenen Messer den Kopf abschnitt.

Die Stunde war gekommen, wo St. Antoine seine schreckliche Idee zur Ausführung brachte, Menschen als Laternen in die Höhe zu ziehen, um zu zeigen, was er sein und thun konnte. St. Antoines Blut war in Wallung gekommen und das Blut der Tyrannei und der Herrschaft mit eiserner Hand war geflossen -- geflossen die Stufen des Stadthauses hinab, wo der Leichnam des Commandanten lag -- geflossen unter dem Schuh der Madame Defarge, wo sie ihn auf die Leiche gesetzt hatte, um diese besser köpfen zu können. „Laßt die Laterne herunter!“ rief St. Antoine, nach dem er sich mit wildem Blick nach einer neuen Todesart umgesehen; „hier müssen wir einen seiner Soldaten als Wache zurücklassen!“ Die hängende Schildwache war an ihrem Posten und das wüthende Meer wogte weiter....

Das Meer von schwarzen und drohenden Wassern und zerstörendem Gegeneinanderwogen, dessen Tiefe noch unergründet und dessen Kräfte noch unbekannt sind. Das erbarmungslose Meer von leidenschaftlich bewegten Gestalten, Stimmen der Rache und Gesichtern, die in Leiden so hart geworden sind, daß der Finger des Mitleids keinen Eindruck mehr auf sie machen kann.

Aber in dem Ocean von Gesichtern, auf welchen sich jede wilde und grimmige Leidenschaft im lebendigsten Ausdruck zeigte, befanden sich zwei Gruppen von Gesichtern -- von sieben Gesichtern jede -- die so grell von den übrigen abstachen, daß noch kein Meer merkwürdigere Wraks auf seinen Wogen getragen hat. Sieben Gesichter von Gefangenen, plötzlich befreit von dem Sturme, der ihre Gruft gesprengt, wurden hoch über den übrigen getragen; Alle erschrocken, verwirrt, verwundert und erstaunt, als ob der jüngste Tag gekommen wäre und die rings um sie Jauchzenden verlorne Seelen wären. Andere sieben Gesichter wurden noch höher getragen -- sieben Leichengesichter, deren niedergesunkene Augenlider und halb sichtbare Augen den jüngsten Tag erwarteten. Gefühl- und regungslose Gesichter, aber mit einem etwas versteckten Ausdruck -- nicht ganz ohne Ausdruck; Gesichter, die aussahen, als ob sie jetzt nur in grauenhaften Schweigen verharrten, um seiner Zeit wieder die heruntersinkenden Augenlider aufzuschlagen und mit blutlosen Lippen Zeugniß abzulegen: ~Du hast es gethan!~