Part 2
„Das trifft sich merkwürdig zusammen“, sagte der Conducteur nachdenklich vor sich hin, „denn ’s ist mir auch so gegangen.“
Jerry, im Nebel und in der Dunkelheit allein gelassen, stieg unterdessen ab, nicht nur seinem todtmüden Pferde zu Liebe, sondern auch, um sich die Kothflecken aus dem Gesicht zu wischen und den angesammelten Regen aus dem Hutrande, der etwa eine halbe Gallone halten mochte, zu schütteln. Nachdem er mit dem Zügel über dem Arm dagestanden hatte, bis man die Räder der Postkutsche nicht länger hörte und die Nacht wieder ganz still war, führte er langsam das Pferd den Hügel hinab.
„Nach dem scharfen Galopp vom Templethor, Alter, will ich’s deinen Vorderläufen nicht eher wieder zumuthen, als bis wir wieder auf ebenem Wege sind,“ sagte der heisere Bote mit einem Blicke auf sein Roß. „Wiederauferstanden. Das ist eine verteufelt seltsame Antwort. Das würde dir nicht allzu gut passen, Jerry! Nicht wahr, Jerry, du wärst verteufelt schlecht daran, wenn Wiederauferstehen Mode würde!“
Drittes Kapitel.
Die Schatten der Nacht.
Es ist eine wunderbare, des Nachdenkens werthe Thatsache, daß jedes Menschen Wesen darnach angethan ist, ein tiefes Geheimniß und Räthsel für jedes andere zu sein. Ein feierlicher Gedanke, wenn ich bei Nacht in eine große Stadt komme, daß jedes dieser sich in dunkle Gruppen zusammendrängenden Häuser sein eigenes Geheimniß in sich schließt; daß jedes Zimmer in jedem derselben sein eigenes Geheimniß besitzt; daß jedes pulsirende Herz in den Hunderttausenden von Menschenbusen in einigen seiner Träume ein Geheimniß für das ihm am nächsten stehende Herz ist! Etwas von dem erhabenen Grauen, das der Tod einflößt, ist dem zuzuschreiben. Nicht mehr kann ich die Blätter dieses theuren Buches umwenden, das ich liebte, und vergeblich war die Hoffnung, es mit der Zeit ganz durchzulesen. Nicht mehr kann ich in die Tiefen dieses unergründlichen Wassers schauen, in welchem ich, als flüchtige Strahlen darauf fielen, einen Blick auf begrabene Schätze und andere versunkene Herrlichkeiten erhaschte. Es war beschlossen, daß das Buch sich auf immer und ewig verschließen sollte, als ich nur eine einzige Seite gelesen hatte. Es war beschlossen, daß ein ewiger Winterfrost das Wasser erstarren machen sollte, als das Licht noch auf seinem Spiegel spielte und ich, ohne Arges zu ahnen, am Ufer stand. Mein Freund ist todt, mein Nachbar ist todt, meine Geliebte, das Kleinod meiner Seele, ist todt; es ist die unerbittliche Besiegelung des Geheimnisses, welches immer in dieser Individualität war und welches ich bis an meines Lebens Ende in mir tragen werde. Giebt es auf einem einzigen der Friedhöfe der Stadt, durch welche ich gehe, einen Schlummernden, der unerforschlicher wäre, als mir ihre geschäftigen Bewohner in ihrer innersten Persönlichkeit sind, oder als ich ihnen bin?
Was nun dies, seine natürliche und nicht zu entfremdende Erbschaft betrifft, so besaß der berittene Bote davon genau so viel, wie der König, der erste Staatsminister oder der reichste Kaufmann in London. Ebenso war’s mit den drei Passagieren, die in den engen Raum einer schwerfälligen, alten Postkutsche eingesperrt waren; sie waren einander so vollständig ein Geheimniß, als ob Jeder für sich in seiner eigenen sechs- oder sechszigspännigen Kutsche gesessen hätte, durch die ganze Breite einer Grafschaft von einander getrennt.
Der Bote ritt im bequemen Trab zurück und machte ziemlich oft bei Schenken an der Straße Halt, um zu trinken, wo er aber immer eine Neigung zeigte, seine Sache für sich und den Hut tief in die Stirn gezogen zu behalten. Er hatte Augen, welche zu dieser Neigung sehr gut paßten, schwarz, ohne Tiefe in Farbe oder Form, und viel zu nahe bei einander -- als ob sie fürchteten, einzeln bei Etwas ertappt zu werden, wenn sie zu weit auseinander blieben. Unter einem dreieckigen Hut, gleich einem dreieckigen Spucknapf, und über einem großen Wickeltuch für das Kinn und den Hals, das fast bis zu dem Knie des Reiters herabfiel, hatten sie einen finstern Ausdruck. Wenn der Reiter anhielt, um zu trinken, schob er mit der linken Hand das Wickeltuch zurück, aber nur so lange, als er mit der rechten das Getränk hinuntergoß; sowie dies geschehen war, hüllte er sich wieder ein.
„Nein, Jerry, nein“, sagte der Bote, immer noch mit diesem einen Gegenstande beschäftigt. „Das paßte nicht für dich, Jerry. Jerry, für einen so ehrsamen Bürgersmann paßte das nicht ins Geschäft! Wiederauferstanden! Soll mich Der und Jener holen, wenn ich nicht glaube, er hatte Eins getrunken.“
Die Botschaft verursachte ihm so viel Kopfzerbrechen, daß er mehrere Male sich genöthigt sah, den Hut abzunehmen und sich hinter den Ohren zu kratzen. Außer auf dem Scheitel, der fast kahl war, hatte er steifes, schwarzes Haar, das in einzelnen Spitzen rund um ihn herumstand und niederwärts fast bis an seine breite, stumpfe Nase herabgewachsen war. Es war Schlosserarbeit so ähnlich und sah so viel mehr dem Rande einer mit starken eisernen Spitzen besetzten Mauer, als einem wohlbehaarten Kopfe ähnlich, daß der geschickteste Bockspringer sich geweigert haben würde, einen Sprung über ihn zu wagen.
Während er mit der Botschaft, die er dem Nachtwächter in seinem Schilderhaus an der Thür von Tellson’s Bank am Tempelthor übergeben sollte, welcher sie höheren Behörden drinnen zu überbringen hatte, zurücktrabte, nahmen die Schatten der Nacht vor ihm solche Gestalten an, wie sie aus der Botschaft entstanden, und nahmen für das Pferd Gestalten an, wie sie aus dessen Privatveranlassungen zur Unruhe hervorgingen. Sie schienen zahlreich zu sein, denn es scheute vor jedem Schatten auf der Straße.
Unterdessen rumpelte, polterte und ächzte die Postkutsche auf ihrem langweiligen Wege mit ihren drei unerforschlichen Passagieren weiter. Auch diesen zeigten sich die Schatten der Nacht in den Gestalten, welche ihre halbschlummernden Augen und herumschweifenden Gedanken ihnen eingaben.
Tellson’s Bank spielte in der Postkutsche eine große Rolle. Wie der Bankpassagier -- den einen Arm in die lederne Schleife gelegt, welche ihr Möglichstes that, ihn abzuhalten, auf den nächsten Passagier zu fallen und ihn in eine Ecke zu schieben, so oft die Kutsche einen ganz besondern Stoß erhielt -- auf seinem Platze mit halbgeschlossenen Augen nickte, wurden die kleinen Kutschenfenster und die matt durch dieselben schimmernden Kutschenlaternen und der in seinen Mantel gehüllte Passagier gegenüber die Bank, die ganz gewaltige Geschäfte machte. Das Klappern des Geschirres wurde zum Geldklimpern und binnen fünf Minuten wurden mehr Tratten honorirt, als selbst Tellson’s Bank mit aller ihrer Kundschaft im Auslande und im Inlande jemals in der dreifachen Zeit bezahlt hatte. Alsdann thaten sich vor ihm die festen Keller unter der Bank mit den kostbaren Vorräthen und Geheimnissen, welche der Passagier wußte (und er wußte nicht wenige derselben), vor ihm auf, und er ging mit großen Schlüsseln und dem schwach brennenden Lichte hinein und fand Alles sicher und unbesehen und unverrathen, gerade, wie er es zuletzt gefunden.
Aber obgleich die Bank ihm fast immer Gesellschaft leistete und obgleich die Kutsche (in einer verwirrten Weise, wie das Schmerzgefühl unter dem Einflusse eines Opiats) sich nie von ihm trennte, blieb auch noch eine andere Reihe von Eindrücken die ganze Nacht hindurch lebendig. Er war unterwegs, um Jemanden aus einer Gruft herauszuholen.
Welches von den vielen Gesichtern, die sich ihm zeigten, das wahre Gesicht des Begrabenen sei, verriethen die Schatten der Nacht nicht; aber sie waren alle Gesichter eines Mannes von fünfundvierzig Jahren und unterschieden sich hauptsächlich in den Leidenschaften, welche sie ausdrückten und in dem Grauenhaften ihres abgelebten und elenden Aussehens. Stolz, Verachtung, Herausforderung, Trotz, Unterwürfigkeit, Jammer folgten auf einander; ebenso viele Abstufungen von eingefallenen Wangen, leichenhafter Farbe, abgezehrten Händen und Gesichtern. Aber im Ganzen war das Gesicht ein Gesicht und jedes Haupt war vor der Zeit weiß geworden. Wohl hundertmal fragte der Passagier aus seinem Halbschlummer heraus dieses Gespenst: „Wie lange begraben?“
Die Antwort war immer dieselbe: „Fast achtzehn Jahre.“
„Sie hatten alle Hoffnung aufgegeben, ausgegraben zu werden?“
„Lange, lange schon.“
„Sie wissen, daß Sie wiederauferstanden sind?“
„So höre ich sagen.“
„Ich hoffe, Sie treten gern wieder ins Leben ein?“
„Das weiß ich nicht.“
„Soll ich sie Ihnen zeigen?“
„Wollen Sie sie sehen?“
Die Antworten auf diese Fragen lauteten verschieden und widersprechend. Manchmal lautete sie mit gebrochener Stimme: „Warten Sie! Es könnte mein Tod sein, wenn ich sie zu früh sähe.“ Manchmal kam sie mit einem Strom von rührenden Thränen und lautete dann: „Bringen Sie mich zu ihr.“ Manchmal war sie von weitgeöffneten Augen und verwirrten Blicken begleitet und war dann: „Ich kenne sie nicht. Ich weiß nicht, was Ihr von mir wollt.“
Nach dieser Unterhaltung im Traum fing der Passagier in seinem Weiterträumen an zu graben und zu graben und zu graben -- bald mit einem Spaten oder mit einem großen Schlüssel, oder mit den Händen -- um den Unglücklichen auszugraben. Wie er endlich wieder, mit Erde um Gesicht und Haar, herausgeholt war, zerfiel er urplötzlich in Staub. Dann fuhr der Passagier aus seinem Halbschlummer auf und ließ das Fenster herab, um die Wirklichkeit des Nebels und Regens auf seiner Backe zu fühlen.
Aber selbst wenn seine wachen Augen den Nebel und Regen, den sich vorwärts bewegenden Streifen Licht von der Laterne und die in Stößen zurückweichenden Hecken an der Straße sahen, mischten sich die Schatten der Nacht außerhalb der Kutsche in den Zug der Schatten der Nacht innerhalb derselben. Das wirkliche Bankhaus am Tempelthor, das wirkliche Geschäft des gestrigen Tages, die wirklichen Kassenräume, der wirkliche Bote, der ihm nachgeschickt worden und die wirkliche Botschaft, die er zurückgeschickt hatte, waren alle vorhanden. Aber mitten unter ihnen tauchte das gespenstische Gesicht empor und er mußte es wieder anreden.
„Wie lange begraben?“
„Fast achtzehn Jahre.“
„Ich hoffe, Sie treten gern wieder ins Leben ein?“
„Das weiß ich nicht.“
Graben, graben, graben, bis eine ungeduldige Bewegung von einem der Passagiere ihn ermahnte, das Fenster in die Höhe zu ziehen, den Arm wieder fest und sicher in die lederne Schleife zu legen und über die beiden schlummernden Gestalten zu speculiren, bis seine Gedanken wieder von ihnen abkamen und sich wieder unmerklich der Bank und dem Grabe zuwendeten.
„Wie lange begraben?“
„Fast achtzehn Jahre.“
„Sie hatten alle Hoffnung aufgegeben, ausgegraben zu werden?“
„Lange, lange schon.“
Die Worte klangen ihm immer noch im Ohre, als ob sie eben erst gesprochen worden -- so deutlich, als er jemals gesprochene Worte hatte nachklingen hören --, als der müde Passagier zum Bewußtsein des Tageslichtes aufwachte und fand, daß die Schatten der Nacht verschwunden waren.
Er ließ das Fenster herab und sah hinaus auf die aufgehende Sonne. Vor ihm lag ein Abhang Ackerland mit einem Pflug darauf, noch auf derselben Stelle, wo die Pferde gestern Abend ausgespannt worden waren; darüber ein stilles Niederholz, in welchem viele Blätter von brennendem Roth und goldenem Gelb noch auf den Büschen hingen. Obgleich der Erdboden kalt und feucht war, war doch der Himmel heiter und die Sonne ging hell, ruhig und schön auf.
„Achtzehn Jahre!“ sagte der Passagier, die Augen der Sonne zugewendet. „Barmherziger Schöpfer des Tages! Achtzehn Jahre lang lebendig begraben!“
Viertes Kapitel.
Die Vorbereitung.
Als die Postkutsche im Laufe des Vormittags allmälig nach Dover gelangt war, machte der Oberkellner des Hotels zum „König Georg“ den Kutschenschlag auf, wie es seine Gewohnheit war. Er that es mit einer gewissen Feierlichkeit, denn eine Reise in der Postkutsche von London im Winter war eine Heldenthat, wegen der man einem kühnen Reisenden gratuliren durfte.
Es war jetzt aber nur noch ein kühner Reisender zum Gratuliren übrig; denn die beiden andern waren an verschiedenen Orten unterwegs ausgestiegen. Das kellerartige Innere der Kutsche mit dem feuchten und schmutzigen Stroh, dem unangenehmen Geruch und der Finsterniß sah eher wie ein großer Hundestall aus. Mr. Lorry, der Passagier, sah, wie er, mit einzelnen Strohhalmen behangen, das zottige Wickeltuch nachschleppte und mit schlappem Hut und schmutzigen Stiefeln herausstieg, eher wie ein großer Hund aus.
„Geht morgen ein Packetschiff nach Calais ab, Kellner?“
„Ja, Sir, wenn sich das Wetter hält und der Wind leidlich günstig wird. Fluth wird ziemlich scharf gegen zwei Uhr Nachmittags eintreten, Sir. Ein Bett, Sir?“
„Ich gehe nicht vor Nachts schlafen; aber ich will ein Schlafzimmer und einen Barbier.“
„Und ein Frühstück, Sir? Ja, Sir. Hier herauf, Sir, wenn’s beliebt. Nummer zwei! Den Mantelsack des Herrn und warmes Wasser nach Nummer zwei. Zieht dem Herrn in Nummer zwei die Stiefeln aus. (Es brennt dort schon ein gutes Steinkohlenfeuer, Sir.) Ein Barbier für Nummer zwei. Rührt Euch, für Nummer zwei!“
Da Nummer zwei immer für Postpassagiere bestimmt war und Postpassagiere immer vom Kopf bis zum Fuß dick eingewickelt waren, so hatte für die Inwohner des Königs Georg dieses Zimmer das merkwürdig Interessante, daß, obgleich man nur eine Art Mensch hineingehen sah, alle verschiedenen Arten von Menschen wieder heraustraten. Daher hielten sich auch ein anderer Kellner und zwei Portiers und verschiedene Stubenmädchen und die Wirthin aus Zufall an verschiedenen Punkten des Weges zwischen Nummer zwei und dem Frühstückszimmer auf, als ein Herr von etwa sechszig Jahren in einem ziemlich getragenen, aber sehr gut gehaltenen braunen Anzug mit großen Aufschlägen an den Armen und großen Patten über den Taschen zum Frühstück wieder aus Nummer zwei kam.
Das Frühstückszimmer hatte an diesem Vormittag keinen andern Gast als den Herrn im braunen Anzug. Sein Frühstückstisch stand vor dem Feuer und wie er da saß, während der Schimmer der Flamme auf ihn fiel und er auf das Frühstück wartete, saß er so still, daß man hätte glauben können, er säße für sein Bild.
Er sah so ordentlich und methodisch aus, wie er dasaß, eine Hand auf jedes Knie gelegt, während eine laute Uhr eine eintönige Predigt unter seiner langen Schooßweste pickte, als ob sie ihren Ernst und ihre Langlebigkeit gegen Leichtsinn und die Vergänglichkeit des raschen Feuers einsetzte. Er hatte ein gutes Bein und war etwas eitel darauf, denn seine braunen Strümpfe saßen glatt und knapp und waren von feinem Gewebe; auch Schuhe und Schnallen waren, obgleich einfach, doch schmuck. Er trug eine merkwürdige kleine, saubergehaltene, lockige, flachsblonde Perrücke, die wohl von natürlichem Haar gemacht sein mochte, aber weit mehr aussah, als wäre sie von Fäden aus Seide oder Glas gesponnen. Seine Wäsche, obgleich nicht so fein, um mit seinen Strümpfen übereinzustimmen, war so weiß wie der Kamm der Wellen, welche an dem nahen Strande zerschellten, oder wie die Segel, die fern draußen auf dem Meere im Sonnenschein glänzten. Das für gewöhnlich gefaßte und ruhige Gesicht beleuchteten immer noch unter der seltsamen Perrücke hervor ein Paar feuchte, glänzende Augen, deren Eigenthümer in vergangenen Zeiten einige Mühe gehabt haben muß, ihnen den ruhigen und zurückhaltenden Ausdruck von Tellsons Bank zu geben. Seine Wangen hatten eine gesunde Farbe und das Gesicht, obgleich gefurcht, zeigte wenig Spuren von Sorgen. Aber vielleicht waren die unverheiratheten vertrauten Commis von Tellsons Bank vornehmlich von den Sorgen anderer Leute in Anspruch genommen und vielleicht lassen sich Sorgen zweiter Hand, wie Kleider zweiter Hand, besser an- und ablegen.
Um einem Mann, der für sein Bild sitzt, ganz ähnlich zu werden, schlief jetzt Mr. Lorry ein. Das Erscheinen des Frühstücks weckte ihn wieder auf und er sagte zum Kellner, als er den Stuhl näher an den Tisch setzte:
„Halten Sie ein Zimmer bereit für eine junge Dame, die hier jede Stunde eintreffen kann. Sie fragt vielleicht nach Mr. Jarvis Lorry oder vielleicht auch nur nach einem Herrn von Tellsons Bank. Bitte, melden Sie es mir.“
„Ja, Sir, Tellsons Bank in London, Sir.“
„Ja.“
„Ja, Sir. Wir haben oft die Ehre, Herren aus Ihrem Hause auf ihren Reisen zwischen London und Paris zu beherbergen, Sir. Sehr viel unterwegs, Sir, die Herren Tellson u. Comp.“
„Ja. Wir sind ebenso gut ein französisches wie ein englisches Haus.“
„Ja, Sir. Sie selbst reisen wohl nicht viel, Sir?“
„In der letzten Zeit nicht. Es sind fünfzehn Jahre, seitdem wir -- seitdem ich zum letzten Male von Frankreich herüber kam.“
„Wirklich, Sir. Das war vor meiner Zeit hier, Sir. Vor unseres Herrn Zeit hier, Sir. Der „König Georg“ hatte damals einen andern Besitzer, Sir.“
„Ich glaube, ja.“
„Aber ich möchte schon was Ordentliches wetten, Sir, daß ein Haus, wie Tellson u. Comp., nicht vor fünfzehn, sondern schon vor fünfzig Jahren geblüht hat?“
„Sie können das verdreifachen und hundertfünfzig Jahre sagen und nicht weit von der Wahrheit sein.“
„Wirklich, Sir?“
Mit bewunderndem Gesicht trat der Kellner von dem Tisch zurück, legte die Serviette von dem rechten Arm auf den linken, nahm eine behagliche Stellung an und sah dem Gaste, wie er aß und trank, zu. Wie von einem Observatorium oder Wartthurm. Ganz, wie es seit unvordenklichen Zeiten bei Kellnern Gebrauch ist.
Als Mr. Lorry mit seinem Frühstück fertig war, machte er einen kleinen Spatziergang nach dem Strande. Die kleine Stadt Dover mit ihren engen und krummen Gäßchen versteckte sich allseits vor dem Strande und steckte den Kopf in die Kreideklippen, wie ein Meerstrauß. Der Strand war eine Wüste von Meereswellen und Steinen, die wild über einander kollerten, und das Meer that, was ihm gefiel, und was ihm gefiel, war Zerstörung. Es donnerte gegen die Stadt und es donnerte gegen die Klippen und zertrümmerte durch seine wüthenden Schläge die Küste. Die Luft zwischen den Häusern hatte einen so starken Fischgeruch, daß man hätte glauben können, kranke Fische gingen darin baden, wie kranke Menschen in das Meer baden gehen. Im Hafen beschäftigte man sich mit etwas Fischerei und sehr viel Herumwandern bei Nacht und seewärts Gucken: vorzüglich zu den Stunden, wo die Fluth fast ihren Höhepunkt erreicht hatte. Kleine Handelsleute, deren Geschäft sehr still ging, brachten es manchmal ganz unerklärlicherweise zu großem Reichthum und es war merkwürdig, daß Niemand in der Nachbarschaft einen Laternenmann ausstehen konnte.
Wie der Tag sich zum Abend neigte und die Luft, die zu Zeiten hell genug gewesen war, um die französische Küste erblicken zu lassen, sich wieder mit Dunst und Nebel füllte, schien sich auch Mr. Lorry’s Stirn wieder zu umwölken. Als es dunkel war und er vor dem Feuer im Frühstückszimmer saß und auf sein Essen wartete, wie er auf sein Frühstück gewartet hatte, war sein Geist eifrig beschäftigt, in den rothglühenden Kohlen zu graben, zu graben, zu graben.
Eine Flasche guten Rothweins nach dem Essen schadet einem in den glühenden Kohlen Grabenden nichts, außer daß sie eine Neigung hat, ihn seine Arbeit vergessen zu machen. Mr. Lorry war eine lange Zeit unbeschäftigt geblieben und hatte soeben sein letztes Glas Wein mit einer so vollständigen Befriedigung eingeschenkt, als man nur bei einem ältlichen Herrn von lebhafter Gesichtsfarbe erwarten konnte, der seine Flasche ausgetrunken hat, als ein Wagen die enge Straße heraufrasselte und in den Hof des Gasthauses einfuhr.
Er setzte das Glas unberührt wieder hin. „Das ist Mamsell!“ sagte er.
Nach sehr wenig Minuten trat der Kellner ein, um zu melden, daß Miß Manette von London angekommen sei und sich glücklich schätzen werde, den Herrn von Tellsons zu sehen.
„So bald?“
Miß Manette hatte unterwegs einige Erfrischungen zu sich genommen, wollte jetzt Nichts essen und wünschte sehr angelegentlich, den Herrn von Tellsons-Bank sofort zu sprechen, wenn es ihn nicht belästige.
Der Herr von Tellsons konnte weiter Nichts thun, als sein Glas mit einer Miene hülfloser Verzweiflung austrinken, seine seltsame kleine Flachsperrücke an den Ohren zurecht rücken und dem Kellner nach Miß Manettens Zimmer folgen. Es war ein großes dunkles Zimmer, mit schwarzen Roßhaarmöbeln ausgestattet und mit schweren dunkeln Tischen. Diese waren so oft geölt und wieder geölt worden, bis die beiden hohen Leuchter auf dem Tisch in der Mitte des Zimmers sich düster von jedem Blatte wiederspiegelten, als ob sie in tiefen Grüften von schwarzem Mahagony begraben lägen und kein erwähnenswerthes Licht von ihnen erwartet werden könnte, bis sie ausgegraben worden.
So dämmerig dunkel war das Zimmer, daß Mr. Lorry, während er vorsichtig über den abgeschabten türkischen Teppich schritt, glaubte, Miß Manette befinde sich für den Augenblick in einem Nebenzimmer, bis er die beiden hohen Leuchter passirt hatte und an dem Tisch zwischen ihnen und dem Feuer eine junge Dame von nicht mehr als siebzehn Jahren in einem Reitmantel, und den Reisestrohhut an seinem Bande immer noch in der Hand haltend, stehen sah, zu seinem Empfange bereit. Wie seine Augen auf die kleine hübsche Gestalt mit vollen goldenen Locken, einem blauen Augenpaar, das dem seinen mit forschendem Blick begegnete und einer Stirn von merkwürdiger Fähigkeit (wenn man ihre Jugend und ihre Glätte bedenkt), sich in einem Ausdruck zusammenzuziehen, der nicht ganz Verlegenheit, oder Verwunderung, oder Erschrecken, oder nur aufgeweckte, gefesselte Aufmerksamkeit war, obgleich er alle diese vier Ausdrücke in sich schloß -- als seine Augen auf alles Dieses fielen, wurde plötzlich das Bild eines Kindes in ihm lebendig, das er in einer kalten Nacht, wo der Hagel in schweren Schauern hernieder rauschte und die See hoch ging, auf der Ueberfahrt über denselben Canal auf den Armen getragen hatte. Das Bild schwand wieder, ungefähr wie ein Hauch von der Fläche des hohen Pfeilerspiegels hinter ihr, auf dessen Rahmen eine Procession von Mohren-Amoretten, mehrere ohne Kopf, und alle Krüppel, schwarze Körbe mit Früchten vom todten Meer schwarzen Göttinnen darboten, und er begrüßte Miß Manette mit einer förmlichen Verbeugung.
„Bitte, nehmen Sie Platz, Sir,“ sagte sie mit einer sehr hellen und angenehmen jugendlichen Stimme, und ein wenig, aber sehr wenig fremd im Accent.
„Ich küsse Ihnen die Hand, Miß,“ sagte Mr. Lorry, mit der Höflichkeit einer entschwundenen Zeit, während er seine förmliche Verbeugung wiederholte und Platz nahm.
„Ich erhielt gestern einen Brief von der Bank, Sir, mit der Nachricht, daß eine neue Kunde -- oder Entdeckung --“
„Das Wort ist unwesentlich, Miß; eins ist so gut wie das andere.“
„-- in Bezug auf das kleine Vermögen meines armen Vaters -- den ich nie gesehen habe -- der schon so lange todt ist --“
Mr. Lorry rückte in seinem Stuhle hin und her und warf einen beunruhigten Blick nach der Procession von Mohren-Amoretten. Als ob sie mit ihren albernen Körben Jemandem Hülfe bringen könnten!
„-- für mich eine Reise nach Paris nothwendig machte, um mich dort in Einvernehmen mit einem Herrn von der Bank zu setzen, der zu diesem Zwecke nach Paris unterwegs ist.“
„Das bin ich selbst.“
„Das dacht’ ich mir, Sir.“
Sie machte ihm einen Knix. (Junge Damen knixten damals noch.) Mit einem sich hübsch ausdrückenden Wunsch ihn merken zu lassen, daß sie fühle, wie viel älter und weiser er sei, als sie.
Er antwortete abermals mit einer Verbeugung.
„Ich antwortete der Bank, Sir, daß, da diejenigen, die es wissen, und die so gütig sind, mir mit ihrem Rathe beizustehen, eine Reise nach Frankreich für nothwendig hielten, ich, als eine Waise und ohne einen Freund, der mich begleiten könnte, mich sehr verpflichtet fühlen würde, wenn ich mich während der Reise unter den Schutz dieses würdigen Herrn stellen dürfte. Der Herr war bereits von London abgereist, aber ich glaube, ein Bote wurde ihm nachgeschickt, ihn um die Gefälligkeit zu bitten, mich hier zu erwarten.“