Part 16
Mit dem Leichenbegängniß war man fertig und der Volkshaufe fing an, ein Bedürfniß nach neuer Unterhaltung zu fühlen. Da kam ein erfinderisches Genie, vielleicht dasselbe wie vorhin, auf den Einfall, zufällig Vorübergehende als Old-Baily-Spione zu denunziren und Rache an ihnen zu nehmen. Im Verfolg dieses humoristischen Einfalls wurde auf ein paar Dutzend harmlose Leute, die nie in ihrem Leben Old-Baily zu nahe gekommen waren, Jagd gemacht und sie wurden dann mit rauhen Händen herumgezerrt und mißhandelt. Der Uebergang von dieser Unterhaltung zum Fenstereinwerfen und weiter zum Demoliren von Bierhäusern war leicht und natürlich. Endlich nach mehreren Stunden, als verschiedene Pavillons zerstört und einige Gitter vor den Häusern ausgerissen worden waren, um die Kampflustigern unter dem Haufen zu bewaffnen, verbreitete sich das Gerücht, daß die Garde im Anzuge wäre. Vor diesem Gerücht schmolz der Volkshaufe allmählich zusammen und vielleicht kam die Garde, vielleicht kam sie nicht, und das war der gewöhnliche Verlauf eines Volksauflaufs.
Mr. Cruncher hatte der Schlußscene nicht beigewohnt, sondern war auf dem Kirchhofe zurückgeblieben, um sich mit Leichenbesorgern zu unterhalten. Der Ort übte einen beruhigenden Einfluß auf ihn aus. Er verschaffte sich eine Pfeife aus einem nahen Bierhause und rauchte sie, während er durch die Gitter blickte und seinen Gedanken nachhing.
„Jerry“ sagte Mr. Cruncher, in seiner gewöhnlichen Weise sich selbst anredend, „du hast heute diesen Cly gesehen und hast mit eignen Augen gesehn, daß er jung und gerade gewachsen ist.“
Nachdem er seine Pfeife ausgeraucht und noch eine kleine Weile seinen Gedanken nachgehangen hatte, wendete er seine Schritte heimwärts, damit er vor Ladenschluß seinen Posten vor Tellsons einnehmen könnte. Ob sein Nachdenken über die Sterblichkeit des Menschen seine Leber angegriffen hatte oder ob es mit seiner Gesundheit im Allgemeinen nicht ganz richtig war oder ob er einen ausgezeichneten Mann eine kleine Aufmerksamkeit erweisen wollte, geht uns hier weniger an, als daß er auf seinem Heimwege seinem ärztlichen Beistand -- einem Chirurgen von großem Rufe -- einen kurzen Besuch abstattete.
Der junge Jerry, nun von seinem Vater abgelöst, meldete, daß während seiner Abwesenheit nichts vorgefallen sei. Die Bank wurde geschlossen, die alten Commis kamen heraus, der Wächter erschien auf seinem Posten und Mr. Cruncher und sein Sohn gingen nach Hause zum Thee.
„Nun will ich Dir sagen, wie es ist“ sagte Mr. Cruncher zu seiner Frau, wie er in die Stube trat. „Wenn es heute Nacht mit meiner Spekulation schief geht, so will ich schon herausbringen, daß Du gegen mich gebetet hast und werde Dich dann bearbeiten, als ob ich’s gesehen hätte.“
Die niedergedrückte Mrs. Cruncher schüttelte den Kopf.
„Was, Du willst’s vor meinen Augen thun?“ -- sagte Mr. Cruncher mit allen Anzeigen zorniger Besorgniß.
„Ich sage nichts.“
„Nun dann denke aber auch nichts. Du könntest eben so gut auf den Knieen herumrutschen, als denken. Das Eine ist so gut gegen mich, wie das Andere. Laß es ganz sein.“
„Ja, Jerry.“
„Ja, Jerry“ wiederholte Mr. Cruncher, indem er sich zum Thee hinsetzte. „Ha! immer heißt’s: Ja Jerry. Ja wohl, ’s ist schon gut, ja Jerry!“
Mr. Cruncher verband keine besondere Meinung mit diesen mürrischen Wiederholungen, sondern drückte damit nur, wie es andre Leute nicht selten auch thun, allgemeine ironische Unzufriedenheit aus.
„Du und Deine Ja, Jerry“ sagte Mr. Cruncher und biß ein derbes Stück aus seinem Butterschnitt, das er mit einem tüchtigen Schluck hinunterspülte. „Ha! ich sollte es meinen. Ich glaube Dir.“
„Du gehst heute Nacht aus?“ fragte seine Frau, als er wieder ein Stück abbiß.
„Ja!“
„Darf ich mitgehen, Vater?“ fragte sein Sohn rasch.
„Nein, das geht nicht! Ich gehe -- wie Deine Mutter weiß -- fischen. So ist es. Fischen gehe ich.“
„Deine Angel wird aber recht rostig; nicht wahr, Vater?“
„Das laß Du gut sein.“
„Bringst Du uns Fische mit, Vater?“
„Wenn ich keine mitbringe, wirst Du morgen fasten müssen,“ gab der Andere mit einem Kopfschütteln zur Antwort; „das ist Antwort genug für Dich; ich gehe erst aus, wenn Du längst zu Bett bist.“
Den Rest des Abends verbrachte er damit, ein scharfes Auge auf Mrs. Cruncher zu haben, und sie beständig im Gespräch zu erhalten, damit sie an keine Gebete zu seinem Nachtheile denken konnte. Zu diesem Zwecke trieb er auch seinen Sohn an, sie nicht aus dem Gespräch zu lassen und die Arme mußte mit ihm jede Beschwerde, die er gegen sie hatte, durchsprechen, damit sie nur nicht einen einzigen Augenblick ihren eigenen Gedanken nachhängen konnte. Der frömmste Mensch hätte für die Wirksamkeit eines aufrichtig gemeinten Gebets nicht kräftiger Zeugniß ablegen können, als er es durch dieses immer wache Mißtrauen in seine Frau that. Es war als ob Einer, der sich laut rühmte an keine Gespenster zu glauben, sich von einer Gespenstergeschichte Furcht einflößen ließe.
„Und vergiß es nicht,“ sagte Mr. Cruncher. „Daß Du mir morgen keine Geschichten machst! Wenn es mir als ehrlichem Gewerbsmann gelingt, ein gut Stück Fleisch auf den Tisch zu schaffen, so komme mir nicht mit Deiner Komödie, es nicht anrühren und nur Brod essen zu wollen. Wenn ich als ehrlicher Gewerbsmann für ein Glas Bier sorge, so sprich mir nicht von Wassertrinken. Wenn Du nach Rom gehst, mußt Du es machen wie die Leute in Rom. Rom wird es Dir noch schön anstreichen, wenn Du es nicht thust. Ich bin Dein Rom -- weißt Du!“
Dann fing er wieder an zu brummen:
„Mit Deinem Wirthschaften gegen Deine eigne Speise und Trank! Ich weiß nicht, wie selten Du Speise und Trank Dir machen könntest mit Deinem Herumrutschen und herzlosen Benehmen. Sieh Deinen Jungen an: Er ist Dein Kind, nicht wahr? Er ist so dürr, wie eine Latte. Du willst eine Mutter sein und weißt nicht einmal, daß es die erste Pflicht einer Mutter ist, ihrem Sohn zu Fleisch zu verhelfen!“
Dies berührte den jungen Jerry auf einer empfindlichen Stelle. Er beschwor seine Mutter, ihre erste Pflicht zu erfüllen und, was sie auch sonst thäte und unterließe, vor allen Dingen besondere Sorge zu tragen, dieser von seinem Vater so rührend und zartfühlend beschriebenen Mutterpflicht nach zu kommen.
So verging der Abend in der Familie Cruncher, bis der Vater den Sohn zu Bett gehen hieß und die Mutter, der er denselben Befehl ertheilte, ihm gehorchte. Mr. Cruncher vertrieb sich die ersten Stunden der Nacht mit einsamem Pfeifen und traf erst Anstalten zum Aufbruch, als es fast ein Uhr war. Wie diese Geisterstunde herankam, stand er von seinem Stuhle auf, holte einen Schlüssel aus seiner Tasche, schloß einen Wandschrank auf und nahm einen Sack, ein Brecheisen von angemessener Größe, einen Strick, eine Kette und anderes Angelgeräthe ähnlicher Art heraus. Nachdem er diese Gegenstände in geschickter Weise an seinem Leibe untergebracht hatte, bedachte er Mrs. Cruncher noch mit einem Abschiedsfluch, löschte das Licht aus und ging.
Der junge Jerry, der sich gar nicht ausgezogen hatte, als er zu Bett ging, folgte sehr bald seinem Vater. Unter dem Schutze der Finsterniß folgte er ihm aus dem Zimmer die Treppe hinab in den Hof hinunter bis auf die Straße. Wieder in das Haus zu kommen machte ihm keine Sorge, denn es wohnten viel Leute darin und die Thür blieb die ganze Nacht angelehnt.
Getrieben von einem lobenswerthen Ehrgeiz, die Kunst und das Geheimniß des ehrlichen Gewerbes seines Vaters kennen zu lernen, behielt der junge Jerry, immer dicht an den Häusern, Mauern und Thorwegen hinschleichend, seinen ehrenwerthen Vater fortwährend im Auge. Der ehrenwerthe Vater schlug eine nördliche Richtung ein und war noch nicht weit gegangen, als sich ein anderer Schüler Isaak Waltons zu ihm fand und Beide nun in Gesellschaft weiter gingen.
Eine halbe Stunde nach dem Aufbruch hatten sie die trübe brennenden Laternen und die schlafenden Nachtwächter hinter sich und befanden sich auf einer einsamen Landstraße. Hier fand sich noch ein Liebhaber des Angelns zu ihnen und zwar so in aller Stille, daß, wenn der junge Jerry abergläubisch gewesen wäre, er hätte glauben können, der zweite Verehrer des edeln Zeitvertreibs hätte sich auf einmal in zwei Männer gespalten.
Die Drei gingen weiter und der junge Jerry ebenfalls bis die Drei an einer Stelle stehen blieben, wo die Straße durch einen Hohlweg lief. Oben auf dem Hohlweg sah man eine niedrige Mauer von Ziegelsteinen mit einem eisernen Gitter darüber. Im Schatten des Hohlwegs und der Mauer verließen alle Drei die Landstraße und lenkten in einen Seitenweg ein, dessen eine Seite die hier acht bis zehn Fuß hohe Mauer bildete. Das Nächste, was der junge Jerry, der sich in eine Ecke gekauert hatte, sah, war die Gestalt seines ehrenwerthen Vaters, der rasch ein eisernes Gitterthor hinaufkletternd sich ziemlich deutlich gegen den von einem Hof umgebenen und durch Wolken schwimmenden Mond abzeichnete. Er war bald auf der andern Seite und dann folgte der zweite Angler und der dritte. Sie alle ließen sich vorsichtig auf den Boden hinunter und blieben dort eine Weile liegen -- vielleicht um zu horchen. Dann krochen sie auf Händen und Knien weiter.
Jetzt kam an den jungen Jerry die Reihe, sich der Gitterpforte zu nähern und er that es mit angehaltenem Athem. Er kauerte sich dort wieder in eine Ecke und sah, wie die drei Angler durch hohes struppiges Gras krochen, während alle Grabsteine auf dem Friedhofe -- denn sie befanden sich auf einem großen Friedhofe -- wie weiß gekleidete Gespenster zusahen und der Kirchthurm selbst wie das Gespenst eines ungeheuren Riesen herniederschaute. Sie waren noch nicht weit gekrochen, als sie Halt machten und sich aufrichteten. Und nun fingen sie an zu fischen.
Sie fischten zuerst mit einem Spaten. Gleich darauf machte der ehrenwerthe Vater ein Werkzeug, ungefähr gleich einem großen Korkzieher zurecht. Aber mit welchen Werkzeugen sie immer arbeiteten -- sie arbeiteten mit Anstrengung, bis der dumpfe Schlag der Thurmglocke den jungen Jerry so erschreckte, daß er mit zu Berge stehendem Haar davon lief.
Doch sein lange gehegter Wunsch, mehr von diesen Sachen zu erfahren, hemmte nicht nur seinen Lauf, sondern bewog ihn auch, wieder um zu kehren. Sie fischten immer noch mit großer Ausdauer, als er zum zweiten Male zur Pforte hereinguckte; aber jetzt schien ein Fisch gebissen zu haben. Man hörte einen rumpelnden und ächzenden Ton unten in der Erde und die gekrümmten Rücken der Fischer strengten sich mächtig an, als wollten sie eine schwere Last heben. Langsam und allmählig brachten sie dieselbe auch aus der Erde heraus. Der junge Jerry wußte recht gut, was es sein würde; aber als er es erblickte und seinen ehrenwerthen Vater Anstalten machen sah es aufzubrechen, bemächtigte sich seiner bei dem noch neuen Anblick eine solche Angst, daß er wieder fortlief und nicht eher stehen blieb, als bis er wol eine halbe Stunde Wegs gelaufen war.
Auch jetzt wäre er nicht stehen geblieben, wenn er nicht unbedingt hätte Athem schöpfen müssen; denn er lief ein Gespensterwettrennen und wünschte sehnlichst, damit fertig zu sein. Er konnte sich nicht von dem Gedanken losmachen, daß der Sarg, den er gesehen, ihm nachlaufe, und wie er sich ihn dachte, wie er immer auf seinem schmalen Ende stehend ihm nachhoppe und stets auf dem Punkte stand, ihn einzuholen und an ihn heran zu hoppen -- vielleicht gar seinen Arm zu nehmen -- wurde es ihm fürchterlich zu Muthe. Es war auch ein allgegenwärtiger Dämon; denn während er die ganze Nacht hinter ihm zu einem Entsetzen machte, lief Jerry auf die Fahrstraße hinüber, um dunkeln Seitenwegen fern zu bleiben, aus denen der gespenstige Sarg ja hervorgehoppt kommen konnte -- gleich einem wassersüchtigen Papierdrachen ohne Schweif und Flügel. Er versteckte sich auch in Thorwegen, wo er seine gräßlichen Schultern an den Thüren rieb und sie bis zu den Ohren heraufzog, als ob er lachte. Er lauerte in dunkeln Stellen auf der Straße und legte sich hinterlistig auf den Boden, daß der Laufende über ihn wegfalle. Die ganze Zeit über hoppte er ihm unaufhörlich hinten nach und kam immer näher, sodaß der Knabe halbtodt war, als er seine Hausthüre erreichte. Aber auch hier wollte er ihn nicht verlassen, sondern folgte ihm die Treppe hinauf mit einem dumpfklingenden Aufstoßen auf jeder Stufe, kletterte mit ihm in’s Bett und fiel todt und schwer auf seine Brust, wie er einschlief.
Aus schwerem Schlummer fand sich der junge Jerry in seiner Kammer nach Tagesanbruch und vor Sonnenaufgang durch die Anwesenheit seines Vaters in der Familienstube erweckt. Etwas mußte ihm schief gegangen sein; wenigstens schloß dies der junge Jerry aus dem Umstande, daß er Mrs. Cruncher bei den Ohren hielt und sie mit dem Hinterkopf gegen das Kopfbrett des Bettes stieß.
„Ich hab’ Dir’s vorausgesagt“ sagte Mr. Cruncher „und jetzt geschieht’s.“
„Jerry, Jerry, Jerry!“ bat seine Frau.
„Du raubst uns den Gewinn des Geschäfts“ sagte Jerry, „und ich und meine Compagnons leiden darunter. Du sollst ehren und gehorchen, warum zum Teufel thust Du es nicht?“
„Ich versuche eine gute Frau zu sein, Jerry“ betheuerte die Arme unter Thränen.
„Heißt das eine gute Frau sein, wenn Du Deinem Mann das Geschäft verdirbst? Heißt es, Deinen Mann ehren, wenn Du ihm Unehre auf sein Geschäft bringst? Heißt es Deinem Manne gehorchen, wenn Du ihm in den Hauptsachen seines Geschäfts nicht folgst?“
„Du hattest damals mit dem schrecklichen Geschäfte noch nichts zu thun, Jerry.“
„Es muß Dir genug sein, die Frau eines ehrenwerthen Gewerbsmannes zu sein,“ entgegnete Mr. Cruncher. „Du brauchst Dir deinen dummen Kopf nicht mit Rechnen zu zerbrechen, wann er sein Geschäft angefangen hat oder nicht. Ein ehrendes und gehorchendes Weib würde sich gar nicht um sein Geschäft kümmern. Du willst eine fromme Frau sein? Wenn Du eine fromme Frau bist, so will ich eine gottlose haben, Du hast nicht mehr natürliches Pflichtgefühl als in dem Bette der Themse hier Pfähle wachsen, und selbigermaßen muß es in Dich hineingeschlagen werden.“
Der Wortwechsel ging in halblautem Tone herüber und hinüber, und der Schluß desselben war, daß der ehrenwerthe Gewerbsmann seine mit Lehm beschmutzten Stiefeln von den Füßen schleuderte, und sich der Länge nach auf den Fußboden legte. Nachdem sein Sohn auf ihn, wie er, die schmutzigen Hände als Kissen benutzend, auf dem Rücken dalag, einen schüchternen Blick geworfen, streckte auch er sich aus, und schlief wieder ein.
Es gab keinen Fisch zum Frühstück, und auch sonst nicht viel. Mr. Cruncher war böser Laune, und hatte neben sich einen eisernen Topfdeckel liegen als Wurfgeschoß zur Züchtigung Mrs. Crunchers, wenn es ihr nur von fern einfallen sollte, an ein Tischgebet zu denken. Er bürstete und wusch sich zur gewöhnlichen Stunde, und ging mit seinem Sohne fort, um sich seinem Tagesgeschäft zu widmen.
Der junge Jerry, mit dem Stuhle unter dem Arme neben seinem Vater durch die lange und menschengedrängte Fleetstreet hertrabend, war ein ganz anderer junger Jerry als in der vergangenen Nacht, wie er durch die einsame Finsterniß vor seinem grausigen Verfolger ausriß. Seine Schlauheit war mit dem Tage wieder aufgewacht, und seine Gewissensbisse mit der Nacht verschwunden, mit welcher Eigenthümlichkeit er wahrscheinlich an diesem schönen Morgen weder in Fleetstreet noch in der City von London allein stand.
„Vater,“ fing der junge Jerry unterwegs an, vorsorglich außer Armbereich tretend, und den Stuhl zum pariren bereit haltend, „was ist ein Auferstehungsmann?“
Ueberrascht blieb Cruncher stehen, ehe er antwortete: „Wie soll ich das wissen?“
„Ich glaubte Du wüßtest Alles, Vater?“ meinte voll Unschuld der Knabe.
„Hm, nun ja,“ entgegnete Mr. Cruncher, indem er wieder weiterging, und den Hut abnahm, um seinen starr emporstehenden Haaren freien Spielraum zu geben, „’s ist ein Handelsmann.“
„Mit was für Waaren handelt er?“ fragte der Junge lebhaft weiter.
„Seine Waaren,“ sagte Mr. Cruncher, nachdem er es sich eine Weile überlegt hatte, „sind Artikel der Wissenschaft.“
„Leichen, nicht wahr, Vater?“ rieth mit rascher Auffassungsgabe der Knabe.
„Ich glaube, s’ist was der Art,“ sagte Mr. Cruncher.
„Ach Vater, ich möchte Auferstehungsmann werden, wenn ich groß genug dazu bin!“
Mr. Cruncher war besänftigt, aber schüttelte bedenklich den Kopf. „Das hängt ganz davon ab, wie Du Deine Talente entwickelst. Gieb Dir Mühe Deine Talente auszubilden, und sprich zu andern Leuten nie ein Wort mehr als Du mußt, dann aber kann man wirklich noch nicht wissen, wozu Du es einmal noch bringen kannst.“ Wie der junge Jerry, so ermuthigt, ein paar Schritte voraus ging, um den Stuhl in den Schatten des Tempelthors zu stellen, sagte Mr. Cruncher zu sich: „Jerry, du rechtschaffener Gewerbsmann, du hast Hoffnung, daß dieser Junge ein Segen wird, und eine Entschädigung für seine Mutter!“
Fünfzehntes Kapitel.
Stricken.
Das Trinken im Weinschank Monsieur Defarges hatte heute früher als gewöhnlich begonnen. Schon sechs Uhr Morgens sahen bleiche Gesichter, die durch die vergitterten Fenster blickten, drinnen andre Gesichter hinter ihrem Maße Wein sitzen. Monsieur Defarge schenkte in den besten Zeiten einen sehr dünnen Wein, aber heute schien er ungewöhnlich dünn zu sein. Uebrigens sauer oder säuernd, denn er brachte in den Gästen eine melancholische Stimmung hervor. Keine lustige bachanalische Flamme sprang aus den gekelterten Trauben Monsieur Defarges hervor, wol aber lag in den Hefen ein im dunkeln fortglimmendes Feuer versteckt.
Es war schon der dritte Morgen, seitdem das frühe Trinken in dem Weinschank Monsieur Defarges angefangen hatte. Begonnen hatte es Montag, und heute war Mittwoch. Es war aber mehr frühes Kopfzusammenstecken als Trinken gewesen, denn Viele hatten seit dem Oeffnen des Ladens dort zugehört und geflüstert und herumgestanden, die um ihre Seele zu retten nicht das kleinste Stück Geld auf den Ladentisch hätten legen können. Sie galten jedoch ebenso viel an dem Orte, als ob sie ganze Fässer Wein hätten bestellen können, und sie schlichen von einem Platz und von einer Ecke zur andern, Worte anstatt Wein mit gierigen Blicken verzehrend.
Trotz ungewöhnlich zahlreichen Besuchs war der Besitzer des Weinschanks nicht sichtbar. Er ward nicht vermißt, denn Niemand der über die Schwelle kam sah sich nach ihm um, Niemand fragte nach ihm, Niemand wunderte sich, nur Madame Defarge auf ihrem Platz zu sehen, neben sich einen Teller voll abgegriffener kleiner Münzen, so sehr ihres ursprünglichen Gepräges verlustig geworden, als die Menschen, aus deren zerrissenen Taschen sie gekommen waren.
Die Spione, die in den Weinschank hineinguckten, wie sie jeden Ort, hoch oder niedrig, vom Königspalast bis zum Kerker beguckten, bemerkten vielleicht ein gespanntes Warten und eine vorherrschende Zerstreutheit. Das Kartenspiel ging nicht flott, die Dominospieler bauten nachdenklich Thürme mit den Steinen, Gäste malten mit vergossenem Wein Figuren auf den Tisch, und selbst Madame Defarge stach mit ihrem Zahnstocher in dem Muster auf ihrem Aermel herum, und sah und hörte etwas Unhörbares und Unsichtbares, was noch in weiter Ferne war.
So war St. Antoine in dieser Weinangelegenheit bis Mittag. Es war hoher Mittag, als zwei bestaubte Männer durch seine Straßen und unter seinen baumelnden Laternen hingingen. Der Eine war Monsieur Defarge, der Andere ein Straßenarbeiter in einer blauen Mütze. Ueber und über mit Staub bedeckt und verdurstet traten die Beiden in den Weinschank. Ihre Ankunft hatte eine Art Feuer in der Brust St. Antoines angezündet, das sich rasch weiter verbreitete wie sie durch die Straßen gingen, und in Augen und auf Gesichtern an den meisten Thüren und Fenstern glänzte. Aber Niemand folgte ihnen, und Niemand sprach, als sie in den Weinschank traten, obgleich die Augen eines Jeden auf ihnen ruhten.
„Guten Tag, ihr Herren!“ sagte Monsieur Defarge.
Das war vielleicht ein Signal, um das allgemeine Schweigen zu brechen. Denn im Chor antworteten die Anwesenden „Guten Tag!“
„Es ist schlechtes Wetter, ihr Herren!“ sagte Defarge kopfschüttelnd.
Darauf sah Jedermann seinen Nachbar an, und dann schlugen Alle die Augen nieder und blieben stumm sitzen. Nur Einer nicht, der aufstand und hinausging.
„Frau,“ sagte Defarge laut zu Madame Defarge. „Ich bin eine Anzahl Meilen mit diesem guten Straßenarbeiter, Namens Jacques, gewandert. Ich traf ihn -- zufällig -- anderthalb Tagereise von Paris. Er ist ein guter Mensch, dieser Straßenarbeiter, dieser Jacques. Gieb ihm zu trinken, Frau!“
Ein Zweiter stand auf und ging hinaus. Madame schenkte dem Straßenarbeiter, Namens Jacques ein, der eine blaue Mütze vor der Gesellschaft abnahm und trank. Aus der Brust seiner Blouse holte er ein Stück großes schwarzes Brod; von diesem biß er von Zeit zu Zeit ein Stück ab, und kaute und trank vor Madame Defarges Ladentisch. Ein Dritter stand auf und ging hinaus.
Defarge trank ebenfalls ein paar Schluck Wein -- aber weniger als der Fremde, als ein Mann, dem das Getränk keine Seltenheit ist -- und wartete bis der Andere gefrühstückt hatte. Er sah Niemand von den Anwesenden an, und Niemand sah ihn jetzt an; nicht einmal Madame Defarge, die ihren Strickstrumpf wieder genommen und strickte.
„Seid Ihr fertig mit Eurem Frühstück, Freund?“ fragte er dann.
„Ja, ich danke Euch.“
„Nun so kommt! Ich will Euch das Zimmer zeigen, das für Euch bestimmt ist. Es wird Euch vortrefflich passen.“
Aus dem Weinschank auf die Straße, von der Straße in einen Hof, vom Hofe eine steile Treppe hinauf, von der Treppe in eine Dachkammer -- dieselbe Dachkammer, wo vormals ein weißköpfiger Mann auf einer niedrigen Bank gesessen, emsig mit Schuhmacherarbeit beschäftigt.
Jetzt war kein weißköpfiger Mann dort; aber wol die drei Männer, welche einzeln den Weinschank verlassen hatten. Doch zwischen ihnen und dem weißköpfigen Mann in der Fremde bestand die eine Verbindung, daß sie durch die Spalten in der Wand ihn einmal betrachtet hatten.
Defarge machte die Thür sorgfältig zu, und sprach in gedämpften Tone:
„Jacques Eins, Jacques zwei, Jacques drei! Dies ist der Zeuge, den ich, Jacques Nummer vier, bestellt habe. Er wird euch Alles erzählen. Sprecht, Jacques fünf!“
Der Straßenarbeiter mit der blauen Mütze in der Hand, wischte seine sonnenverbrannte Stirn damit und sagte: „Wo soll ich anfangen, Monsieur?“
„Fange bei’m Anfang an“ war Defarge’s nicht unverständige Antwort.
„Ich sah ihn also“ fing der Straßenarbeiter an, „vor einem Jahr im Sommer unter dem Wagen des Marquis an der Kette hängen. Sehet wie es war. Ich lasse meine Arbeit an der Straße liegen, die Sonne geht unter, der Wagen des Marquis fährt langsam die Höhe hinauf, er hängt an der Kette -- so!“
Abermals gab der Straßenarbeiter die alte Vorstellung in welcher er jetzt von rechtswegen sicher sein mußte, da sie ein ganzes Jahr hindurch die unfehlbare und unentbehrliche Unterhaltung seines Dorfes gewesen war.
Jacques Nummer Eins unterbrach ihn und fragte, ob er den Mann schon früher einmal gesehen hätte?
„Nie“ gab der Straßenarbeiter zur Antwort, indem er sich wieder aufrichtete.
Jacques Nummer Drei fragte, wie er ihn dann später erkannt habe?
„An seiner langen Gestalt“ sagte der Straßenarbeiter halblaut und legte den Finger an die Nase. „Als Monsieur le Marquis am Abend fragte: „Wie sah er aus?“ gab ich zur Antwort: Lang wie ein Gespenst.“
„Ihr hättet sagen sollen: Klein wie ein Zwerg“ belehrte ihn Jacques Nummer Zwei.
„Ja was wußte ich! Die That war damals noch nicht gethan und er hat mir auch nichts anvertraut. Merkt wohl! Unter diesen Umständen biete ich mein Zeugniß nicht an. Monsieur le Marquis zeigte auf mich mit dem Finger, wie ich bei unserm kleinen Brunnen stand und sagte: „Bringt den Kerl dort her!“ Bei meinem Wort, Ihr Herren, ich biete mich nicht an.“
„Er hat recht darin, Jacques“ sagte Defarge zu dem, welcher ihn im Sprechen unterbrochen hatte. „Fahrt fort.“
„Gut!“ sagte der Straßenarbeiter mit geheimnißvoller Miene. „Der lange Mann ist verschwunden und wird gesucht -- wie viele Monate? Neun, zehn, eilf?“