Zwei Städte

Part 15

Chapter 153,805 wordsPublic domain

„Nun gut, dann wollen wir es so machen,“ sagte Stryver; „ich werde also jetzt nicht hingehen, denn so hitzig bin ich nicht für die Geschichte. Ich erwarte Sie also heute Abend bei mir. Guten Morgen.“

Damit verließ Mr. Stryver mit vielem Geräusch das Bankhaus.

Der Advocat war scharfblickend genug, zu errathen, daß der alte Buchhalter sich nicht so bestimmt ausgedrückt haben würde, wenn er einen weniger soliden Grund, als moralische Gewißheit gehabt hätte. So unvorbereitet er für die große Pille war, die er zu verschlucken hatte, brachte er sie doch hinunter. „Und jetzt,“ sagte Mr. Stryver und drohte mit seinem Advocatenfinger dem Tempel im Allgemeinen, als sie hinunter war, „jetzt kommt es darauf an, euch Alle ins Unrecht zu bringen.“

Es war ein Stück von der Kunst eines Old-Bailey-Taktikers, in welchem er große Erleichterung fand. „Ihr sollt mich nicht ins Unrecht bringen, junge Dame,“ sagte Mr. Stryver. „Das will ich für Euch besorgen.“

Als daher Mr. Lorry noch den Abend um zehn Uhr sich bei Mr. Stryver einstellte, saß dieser mitten in einem Haufen von Büchern und Papieren, der besonders zu diesem Zweck aufgethürmt worden war und schien an nichts weniger als den Gegenstand der heutigen Morgenunterhaltung zu denken. Er verrieth sogar Ueberraschung, als er Mr. Lorry erblickte und war ganz und gar zerstreut und von Anderem in Anspruch genommen.

„Ich war also in Soho,“ sagte der gutmüthige Abgesandte, nachdem er sich eine gute halbe Stunde vergeblich abgemüht hatte, den Andern zu bewegen, das Gespräch auf den fraglichen Gegenstand zu bringen.

„In Soho?“ wiederholte Mr. Stryver gleichgültig. „Ja so! Woran denke ich nur?“

„Und ich bezweifle nicht, daß ich heute früh vollkommen Recht hatte,“ sagte Mr. Lorry. „Ich bin in meiner Meinung bestärkt worden und wiederhole meinen Rath.“

„Ich versichere Ihnen,“ entgegnete Mr. Stryver in der wohlwollendsten Weise, „daß es mir Ihretwegen leid thut und auch wegen des armen Vaters. Ich begreife wohl, daß dies immer ein wunder Fleck für die Familie bleiben wird; daher wollen wir nicht weiter davon sprechen.“

„Ich verstehe Sie nicht,“ sagte Mr. Lorry.

„Das kann ich mir wohl denken,“ entgegnete Stryver, indem er ihn besänftigend und als wollte er die Sache ein für allemal zum Abschluß bringen, zunickte; „thut nichts, thut nichts.“

„Doch es thut Etwas,“ wandte Mr. Lorry ein.

„Nein, es thut nichts; ich versichere es Ihnen, es thut nichts. Da ich geglaubt habe gesunden Sinn zu finden, wo kein gesunder Sinn vorhanden ist und einen lobenswerthen Ehrgeiz, wo kein lobenswerther Ehrgeiz vorhanden ist, so kann ich mir gratuliren, daß ich meinen Irrthum los bin und kein Schaden dabei geschehen ist. Junge Mädchen haben schon oft ähnliche Thorheiten begangen und haben sie oft genug schon in Armuth und Verlassenheit bereut. Von ganz unselbstsüchtigem Standpunkte aus thut es mir leid, daß aus der Sache nichts geworden ist, weil es in jeder materiellen Hinsicht für Andere ein Glück gewesen wäre; von einem selbstsüchtigen Standpunkte aus bin ich froh, daß Nichts d’raus geworden ist, weil ich in jeder materiellen Hinsicht schlecht dabei weggekommen wäre -- es ist kaum nöthig, Ihnen zu sagen, daß ich gar nichts dabei gewinnen konnte. Es ist kein Schade geschehen. Ich habe um die junge Dame nicht angehalten und unter uns gesagt, ich weiß durchaus nicht ob ich bei näherer Ueberlegung jemals so weit gegangen wäre. Mr. Lorry, die thörichten Launen und nichtigen Coquetterien eines leeren Mädchenkopfes können Sie nie berechnen; das können Sie gar nicht von sich erwarten und immer werden Sie sich darin täuschen. Also lassen wir die Sache ruhen. Ich sage Ihnen, es thut mir leid, anderer Leute wegen, aber ich bin froh meinetwegen. Und ich bin Ihnen wirklich sehr verbunden, daß Sie mir erlaubten Sie zu sondiren und daß Sie mir Ihren Rath ertheilten; Sie kennen die junge Dame besser als ich; Sie hatten recht, es wäre niemals etwas für mich gewesen.“

Mr. Lorry war so verblüfft, daß er sich von Mr. Stryver ganz ruhig mit einer Miene, als ob dieser Edelmuth, Nachsicht und mitleidiges Wohlwollen auf sein irrendes Haupt herabschüttete, moralisch zur Thür hinausschieben ließ. „Sie müssen sich darüber zu trösten wissen, bester Herr,“ sagte Stryver; „sprechen Sie nicht weiter davon; ich danke Ihnen nochmals, daß Sie mir erlaubt haben, Sie zu sondiren: gute Nacht!“

Mr. Lorry stand draußen auf der Straße, ehe er wußte wo er war. Mr. Stryver lag ausgestreckt auf seinem Sopha und zog der Zimmerdecke eine schlaue Grimasse.

Dreizehntes Kapitel.

Der Mann ohne Zartgefühl.

Wenn Sydney Carton jemals irgendwo glänzte, so glänzte er jedenfalls nicht in dem Hause _Dr._ Manettes. Er war ein ganzes Jahr lang oft dort gewesen und war dort immer derselbe mürrische und übelgelaunte Gesell gewesen. Wenn ihm daran lag zu sprechen, sprach er gut; aber durch die Wolke der Gleichgültigkeit gegen Alles, die ihn mit so verhängnißvoller Nacht überschattete, drang nur sehr selten das Licht in ihn.

Und doch lag ihm Etwas an den Straßen der Nachbarschaft jenes Hauses und den bewußtlosen Steinen, welche ihr Pflaster bildeten. Manche Nacht wanderte er dort zwecklos und unglücklich herum, wenn der Wein ihn in keine vorübergehende frohe Laune versetzte; manches Morgengrauen zeigte seine einsame Gestalt, die immer noch dort verweilte, wenn die ersten Strahlen der Sonne sonst selten sichtbare architektonische Schönheiten an Kirchthürmen und hohen Gebäuden in starkes Relief brachten, wie vielleicht die stille Stunde ein Gefühl für bessere, aber sonst vergessene und unerreichbare Dinge in seine Seele brachte. In der letzten Zeit hatte das vernachlässigte Bett im Tempelhof ihn noch seltener gesehen, als früher; und oft, wenn er sich nur ein paar Minuten darauf geworfen hatte, sprang er wieder auf, denn mit dämonischer Gewalt zog es ihn nach jener Nachbarschaft.

An einem Augusttage, als Mr. Stryver (nachdem er seinem Schakal mitgetheilt hatte, daß er sich die Heirathsgeschichte noch einmal überlegt habe) mit seinem Zartgefühl nach Devonshire gefahren war, zu einer Zeit, wo der Anblick und Geruch von Blumen in den Straßen der City eine Ahnung vom Guten dem Schlechtesten, von Gesundheit dem Kränksten und von Jugend dem Aeltesten brachte, wanderte Sydney immer noch über dieses Pflaster. Anfangs unentschlossen und ziellos, wurden seine Schritte plötzlich von einem Vorsatz belebt und diesen Vorsatz nachkommend, brachten sie ihn an die Thür des Doctors.

Man wies ihn in das erste Stockwerk und dort fand er Lucien allein bei ihrer Arbeit. Sie war ihm gegenüber nie ganz unbefangen gewesen, und empfing ihn mit einiger Verlegenheit, als er unweit von ihrem Tische Platz nahm. Aber als sie ihm im Austausch der ersten paar Gemeinplätze ansah, bemerkte sie, daß er sich verändert hatte.

„Ich fürchte, Sie sind nicht wohl, Mr. Carton!“

„Das Leben, welches ich führe, Miß Manette, ist der Gesundheit nicht zuträglich. Was können solche Wüstlinge erwarten?“

„Ist es nicht -- verzeihen Sie mir; ich habe die Frage angefangen und kann sie nicht mehr zurückhalten -- ist es nicht jammerschade, kein besseres Leben zu führen?“

„Gott weiß, daß es eine Schande ist!“

„Warum führen Sie denn kein anderes?“

Als sie den Blick sanft zu ihm erhob, sah sie zu ihrem Erstaunen und ihrem Schmerz, daß Thränen in seinem Auge standen. Thränen klangen auch aus seiner Stimme, als er zur Antwort gab:

„Es ist schon zu spät dazu. Ich werde nie besser sein, als ich bin. Ich werde tiefer sinken und schlechter sein.“

Er stützte einen Ellenbogen auf den Tisch und deckte die Augen mit der Hand zu.

Der Tisch zitterte in der Pause, welche jetzt folgte.

Sie hatte ihn noch nie so weich gesehen und es schmerzte sie sehr. Er wußte das, ohne daß er sie ansah und sagte:

„Bitte, verzeihen Sie mir, Miß Manette. Ich komme aus aller Fassung, wenn ich denke, was ich Ihnen sagen möchte. Wollen Sie mich anhören?“

„Wenn es gut für Sie ist? Mr. Carton, wenn ich Sie glücklicher machen könnte, würde ich Sie mit Freuden anhören!“

„Gott segne Sie, für Ihr Erbarmen!“

Er nahm auf eine kleine Weile die Hand von den Augen und sprach in ruhigerem Tone.

„Fürchten Sie nicht, mich anzuhören. Weisen Sie nichts zurück von dem, was ich sage. Ich bin wie Einer der schon gestorben ist. Mein ganzes Leben könnte gewesen sein.“

„Nein, Mr. Carton. Ich bin überzeugt, daß der beste Theil noch kommen könnte; ich bin überzeugt, daß Sie noch Ihrer viel, viel würdiger werden können.“

„Sagen Sie, Ihrer würdig, Miß Manette, und obgleich ich es besser weiß, obgleich ich es in dem Geheimniß meines eigenen elenden Herzens besser weiß -- werde ich es nie vergessen!“

Sie zitterte und war blaß geworden. Er kam ihr mit einer feststehenden Verzweiflung an sich selbst zu Hülfe, welche der Unterredung einen anderen Charakter gab als sie bei jedem Andern auf der Welt hätte haben können.

„Wenn es möglich gewesen wäre, Miß Manette, daß Sie die Liebe des Mannes hätten erwidern können, den Sie jetzt vor sich sehen -- dieser verwüsteten und verlotterten Creatur, die sich selbst aufgegeben und sich selbst weggeworfen hat -- so wäre er sich an diesem Tage und zu dieser Stunde trotz seines Glückes bewußt, daß er Sie in Elend und Noth, in Kummer und Reue bringen und mit sich selbst herunter in Schmutz und Schande ziehen würde. Ich weiß recht wohl, daß Sie keine Liebe für mich fühlen; ich verlange keine; ich danke sogar Gott, daß ich keine beanspruchen kann.“

„Kann ich Sie nicht ohne diese retten, Mr. Carton? Kann ich Sie nicht -- verzeihen Sie mir wieder! -- zu einem bessern Leben zurückführen? Kann ich in keiner Weise Ihr Vertrauen vergelten? Ich weiß, daß dies eine vertrauliche Mittheilung ist,“ sagte sie bescheiden, nach einigem Zögern und mit aufrichtigen Thränen, „ich weiß, daß Sie das Niemandem anders sagen würden. Kann ich es in keiner Weise zu Ihrem Besten wenden, Mr. Carton?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, Miß Manette, in keiner Weise. Wenn Sie mich noch ein wenig länger anhören wollen, so ist Alles geschehen, was Sie für mich thun können. Sie sollen wissen, daß Sie der letzte Traum meiner Seele gewesen sind. In meiner Gesunkenheit bin ich nicht so gesunken, daß der Anblick von Ihnen und Ihrem Vater und dieses Heimwesens und wie Sie es zu dem gemacht haben, was es ist, nicht in mir alte Schatten geweckt hätte, die ich längst für gestorben hielt. Seit ich Sie gekannt habe, hat mich eine Reue gequält, die ich für immer verlernt zu haben glaubte und habe ich alte Stimmen mir zurufen hören, mich zu erheben, von denen ich längst meinte, sie wären verstummt. Es kamen mir halbfertige Gedanken vom Frischen zu streben, neu anzufangen, Trägheit und Sinnlichkeit abzuschütteln, und mich wieder in den aufgegebenen Kampf zu stürzen. Träume, nichts als Träume, die in Nichts enden, aber ich hege den Wunsch, Sie wüßten, daß Sie dieselben in mir veranlaßt hätten.“

„Werden sie keine andere Frucht tragen? O, Mr. Carton, versuchen Sie es noch einmal!“

„Nein, Miß Manette, die ganze Zeit über habe ich gefühlt, daß ich es nicht verdiente. Und doch war ich schwach genug und bin es noch, den Wunsch zu hegen, daß Sie erfahren, mit welchem plötzlichen Einfluß Sie in mir, dem ausgebrannten Aschenhaufen, ein Feuer entzündet haben, aber ein Feuer, das, in seinem Wesen unzertrennlich von mir, Nichts lebendig macht, Nichts entzündet, keinen Dienst leistet und unnütz verbrennt.“

„Da ich das Unglück habe, Mr. Carton, Sie unglücklicher gemacht zu haben, als Sie waren, bevor ich Sie kannte --.“

„Sagen Sie das nicht, Miß Manette, denn Sie hätten mich gerettet, wenn es Jemand hätte thun können. Sie können nicht die Ursache sein, daß es schlimmer mit mir wird.“

„Da der Zustand, von dem Sie sprechen, jedenfalls durch meinen Einfluß mit entstanden ist -- das meine ich -- wenn ich es klar machen kann -- kann ich dann Nichts thun, um Ihnen zu dienen? Geht mir jede Macht ab zum Guten auf Sie einzuwirken?“

„Das einzige Gute, dessen ich noch fähig bin, Miß Manette, auszuführen, bin ich hierher gekommen. Ich möchte für den Rest meines verfehlten Lebens die Erinnerung besitzen, daß ich Ihnen als den letzten Menschen auf der Welt mein Herz eröffnet habe, und daß Sie noch Etwas darin gefunden haben, was Sie beklagen und bemitleiden konnten.“

„Was, wie ich Sie auf’s Innigste, aus ganzem Herzen gebeten habe zu glauben, besserer Dinge fähig war, Mr. Carton!“

„Bitten Sie mich nicht mehr, es zu glauben, Miß Manette. Ich habe mich geprüft und ich weiß es besser. Ich thue Ihnen weh; ich bin bald fertig. Wollen Sie mir zu glauben erlauben, wenn ich an diesen Tag zurückdenke, daß ich das letzte Vertrauen in meinem Leben Ihrem reinen unschuldigen Herzen geschenkt habe, und daß es dort allein ruht und von Niemandem getheilt werden wird?“

„Wenn das ein Trost für Sie ist, ja!“

„Auch nicht dem Herzen, das Ihnen dereinst am Liebsten sein wird?“

„Mr. Carton,“ gab sie nach einer aufgeregten Pause zur Antwort, „es ist Ihr Geheimniß, nicht meines, und ich verspreche Ihnen es zu achten.“

„Ich danke Ihnen. Und noch einmal, Gott segne Sie.“

Er führte ihre Hand an seine Lippen und bewegte sich nach der Thür.

„Fürchten Sie nicht, Miß Manette, daß ich jemals dieses Gespräch auch nur durch eine Anspielung wieder aufnehme. Ich werde nie wieder darauf zurückkommen. Wenn ich todt wäre, könnten Sie dessen nicht sicherer sein. In meiner Sterbestunde werde ich die eine gute Erinnerung heilig halten -- und ich werde Ihnen dafür danken und Sie dafür segnen -- daß ich mein letztes Selbstbekenntniß Ihnen abgelegt habe und daß Sie meinen Namen, meine Fehler und mein Unglück mitleidvoll in Ihrem Herzen tragen. Möge es im Uebrigen leicht und glücklich sein!“

Er war so ganz anders als er sich sonst gezeigt hatte und es war so traurig zu denken, wie viel er weggeworfen und wie viel er jeden Tag brach liegen ließ und zu falschen Zwecken verwendete, daß Lucie Manette bekümmert um ihn weinte, als er in der Thür stand und auf sie zurückblickte.

„Trösten Sie sich!“ sagte er, „ich bin dieses Mitleid nicht werth, Miß Manette. Noch ein oder zwei Stunden und die gemeine Gesellschaft und ihre Gewohnheiten, die ich verachte, denen ich mich aber hingebe, werden mich solcher Thränen weniger würdig machen, als der erste beste Elende ist, der durch die Straßen kriecht. Trösten Sie sich! Aber in meinem Herzen werde ich immer gegen Sie sein, wie ich jetzt bin, obgleich ich äußerlich nicht anders erscheinen werde, als Sie mich bisher gekannt haben. Die vorletzte Bitte, die ich an Sie habe, ist, daß Sie mir dies glauben wollen.“

„Ich will es, Mr. Carton.“

„Meine letzte Bitte ist folgende; und mit ihr will ich Sie von einem Besuche erlösen, mit dem, wie ich wohl weiß, Sie nichts gemein haben und zwischen dem und Ihnen eine unüberschreitbare Kluft liegt. Ich weiß, es ist unnütz, sie auszusprechen, aber sie drängt sich mir aus der Seele. Für Sie und für jedes Herz, daß Ihnen theuer ist, würde ich Alles thun. Wäre meine Laufbahn von der bessern Art, daß ich darin Gelegenheit oder Fähigkeit zur Aufopferung hätte, so würde ich Ihnen und denen, welche Ihnen am Herzen liegen, jedes Opfer bringen. Versuchen Sie in ruhigen Stunden mich in diesem Einen für aufrichtig und bereit zu halten. Die Zeit wird kommen, die Zeit wird sehr bald kommen, wo Sie neue Bande geknüpft haben werden -- Bande, die Sie noch inniger und fester an das Heimwesen knüpfen, dessen Zierde Sie sind -- die theuersten Bande, die Sie jemals schmücken und erfreuen werden. O, Miß Manette, wenn das kleine Abbild des Gesichts eines glücklichen Vaters zu Ihnen aufblickt, wenn Sie sich in Ihrer eigenen Schönheitsblüthe von Neuem neben sich aufsprossen sehen, so denken Sie dann und wann, daß es einen Mann giebt, der sein Leben hingeben würde um ein Leben, das Sie lieben, zu erhalten.“

Er sagte „leben Sie wohl,“ sagte „ein letztes Gott segne Sie!“ und verließ sie.

Vierzehntes Kapitel.

Der ehrliche Gewerbsmann.

Vor den Augen Mr. Jeremiah Cruncher’s, wie er neben seinem gnomenhaften Sohn am Ausgange von Fleetstreet saß, bewegte sich jeden Tag eine endlose Verschiedenheit und Zahl von Gegenständen vorüber. Wer konnte überhaupt in Fleetstreet während der geschäftigen Stunden des Tages sitzen und nicht betäubt und verwirrt werden von zwei endlosen Prozessionen, von denen die eine beständig westwärts mit der Sonne, die andere ostwärts von der Sonne wegging, beide aber den Gefilden jenseits der rothen und goldenen Wolken, wo die Sonne untergeht, zustrebten!

Mit seinem Strohhalm im Munde sah Mr. Cruncher den beiden Strömen zu gleich dem alten Heiden der Sage, der seit mehrern Jahrhunderten einen Strom beobachten muß -- nur daß Jerry nicht erwartete, daß seine Ströme sich jemals verlaufen würden. Auch wäre diese Aussicht nicht sehr hoffnungsvoll gewesen, da er einen kleinen Theil seines Einkommens der ihm von diesen Strömen gebotenen Gelegenheit verdankt, furchtsame Frauen (ziemlich wohlbeleibt und über die mittlern Jahre des Lebens hinaus), von Tellson’s Seite nach der gegenüberliegenden zu lootsen. Wenn Mr. Cruncher in jedem besondern Falle den auf diese Weise von ihm Geschützten auch nur ganz kurze Gesellschaft leistete, so gewann er doch stets so viel Interesse an der Dame, daß er den lebhaften Wunsch ausdrückte, die Ehre haben zu können, auf ihre Gesundheit zu trinken. Und mit den Gaben die er zur Erfüllung dieses wohlwollenden Wunsches erhielt, half er seinen Finanzen auf, wie eben bemerkt worden.

Es gab eine Zeit, wo ein Dichter auf einem Stuhl auf der Straße saß und Angesichts der Menschen träumte. Mr. Cruncher saß auch auf einem Stuhl auf der Straße; da er aber kein Dichter war, träumte er so wenig als möglich und schaute um sich.

Es war gerade um eine Zeit, wo die Stadt menschenleerer als gewöhnlich war, seiner Führung bedürftige Frauen sich weniger als gewöhnlich fanden und seine Angelegenheiten im Allgemeinen so wenig gediehen, daß in seiner Brust ein starker Verdacht aufkeimte, Mrs. Cruncher müsse irgendwo recht inbrünstig gebetet haben, als ein ungewöhnliches Gedränge Fleetstreet herabkam, und seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Mr. Cruncher erkannte bald, daß es ein Leichenbegängniß war, und daß das Volk diesem Leichenbegängniß hemmend entgegentrat, wodurch ein Auflauf entstand.

„Junge,“ sagte Mr. Cruncher zu seinem Sprößling „’s ist eine Leiche.“

„Hurrah, Vater!“ schrie der junge Jerry.

Der junge Herr sprach diesen frohlockenden Ruf mit geheimnißvoller Bedeutsamkeit aus. Der ältere Herr nahm den Ruf so übel, daß er seine Gelegenheit abpaßte und dem jungen Herrn Eins hinter die Ohren gab.

„Was soll das heißen? Wozu schreist Du Hurrah? Was willst Du damit Deinem eigenen Vater sagen, Du junger Spitzbube? Der Junge fängt an mir zu viel zu werden!“ -- sagte Mr. Cruncher und betrachtete den hoffnungsvollen Sohn, „er und seine Hurrahs! daß ich nicht wieder so etwas von Dir höre, sonst sollst Du etwas von mir fühlen. Verstehst Du mich?“

„Ich meinte es nicht böse“ protestirte der junge Jerry, während er sich die Backe rieb.

„Nun so sei still,“ sagte Mr. Cruncher; „ich mag nichts von Deinem Nichtbösemeinen wissen. Hier steig’ auf den Stuhl und sieh Dir’s Gedränge an.“

Der Sohn gehorchte und der Menschenhaufe wälzte sich heran; er umgab brüllend und zischend einen Leichenwagen und eine Trauerkutsche von verschossenem Schwarz, in welcher letzterer ein einziger Leidtragender saß, angethan mit dem vielgebrauchten und halbverschossenen Flor und Trauermantel, welche man für eine solche Gelegenheit für unentbehrlich hielt. Dem Leidtragenden schien jedoch seine Rolle durchaus nicht zu gefallen; denn ein beständig sich vermehrender Pöbelhaufen umgab die Kutsche, verhöhnte ihn, schnitt ihm Gesichter und heulte und schrie fortwährend: „Hallo! Spione! Hurrah! Spione!“ und fügte dazu noch Beiworte, die zu zahlreich und zu kräftig waren, um sie hier wiederholen zu können.

Die Leichenbegängnisse besaßen zu allen Zeiten eine merkwürdige Anziehungskraft für Mr. Cruncher; er gerieth stets in große Aufregung, wenn eine Leiche vor Tellson’s vorbeigetragen ward. Natürlich mußte ein Leichenbegängniß mit dieser ungewöhnlichen Leichenbegleitung ihn in doppelte Aufregung versetzen und er fragte den Ersten, der gegen ihn anrannte: „Was ist los, Bruder? Wer ist es?“

„Ich weiß es nicht“ sagte der Mann. „Spione, Hallo -- oh! Spione!“

Er fragte einen Andern. „Wer ist es?“

„Ich weiß es nicht“ entgegnete auch dieser, legte aber nichts destoweniger beide Hände wie ein Sprachrohr an den Mund und brüllte mit dem größten Eifer: „Spione! Hallo--oh! Spio--one!“

Endlich rannte eine über die Sache besser unterrichtete Person gegen ihn an und von dieser Person erfuhr er, daß das Leichenbegängniß einem gewissen Roger Cly gelte.

„War er ein Spion?“ fragte Mr. Cruncher.

„Ein Old-Baily-Spion“ gab der Andere zur Antwort.

„Hallo--oh! Hallo--oh! Old-Baily-Spio--o--on!“

„Jetzt weiß ich!“ rief Jerry aus, indem er an die Gerichtsverhandlung dachte, der er beigewohnt hatte. „Den kenne ich. Er ist todt?“

„Mausetodt“ entgegnete der Andere, „und er kann nicht todt genug sein. Holt ihn heraus! Spione! Holt sie heraus! Spione!“

Bei der vorherrschenden Abwesenheit irgend eines Gedankens war dieser Einfall so annehmbar, daß der Volkshaufe sogleich darauf einging und laut den Rath wiederholend, sie heraus zu holen, die beiden Wagen so dicht umdrängte, daß sie nicht weiterfahren konnten. Als dann Viele auf einmal die Kutschenthüren aufrissen, sprang der eine Leidtragende von selbst heraus und war für einen Augenblick in schlimmen Händen; aber er war so gewandt und benutzte seine Zeit so gut, daß er im nächsten Augenblick eine Nebenstraße hinablief, nachdem er den Trauermantel, den Hut, das lange Florband, das weiße Taschentuch und andere symbolische Thränen von sich geworfen hatte.

Mit großem Jubel und Genuß zerriß diese das Volk in Stücke und zerstreute sie weit und breit, während die Gewerbsleute eilig ihre Läden zuschlossen; denn ein Auflauf scheute in jener Zeit vor Nichts zurück und war ein vielgefürchtetes Ungeheuer. Man machte bereits Anstalt, den Sarg heraus zu holen, als ein besonders erfinderisches Genie vorschlug, ihn lieber unter allgemeinem Jubel nach seinem Bestimmungsorte zu bringen. Da es sehr an praktischen Rathschlägen fehlte, nahm man auch diesen Rathschlag mit Beifall auf und die Kutsche füllte sich sofort mit acht Personen inwendig und einem Dutzend auf dem Dache, während auf den Leichenwagen so Viele kletterten, als dort nur irgend Platz finden konnten. Unter den ersten war Jerry Cruncher selbst, der bescheiden sein Haupt in der tiefsten Ecke der Trauerkutsche vor der Beobachtung Tellsons verbarg.

Die begleitenden Leichenbesorger legten zwar Verwahrung ein gegen diese Abänderungen in den Ceremonien; da aber der Fluß besorglich nahe war und verschiedene Stimmen von der Angemessenheit eines kalten Bades sprachen, um Widerspenstige zur Vernunft zu bringen, so war die Verwahrung wenig energisch. Der umgestaltete Leichenzug setzte sich wieder Bewegung. Ein Schornsteinfeger fuhr den Leichenwagen, berathen von dessen eigentlichem Kutscher, der zu diesem Zwecke unter strenger Aufsicht neben ihm sitzen blieb. Ein Obsthöker, ebenfalls von seinem Cabinetsminister begleitet, lenkte die Trauerkutsche. Ein Bärenführer, damals ein gern gesehener Gast auf der Straße, ward als neue Verschönerung gepreßt, ehe der Zug weit den Strand hinab gekommen war; und sein Bär, der schwarz und sehr schäbig war, gab dem Theil der Procession, in welchem er sich befand, ein ächtes Leichenbesorger-Aussehen.

So ging biertrinkend, rauchend, brüllend und die Trauer in endloser Abwechselung karrikirend, der wilde Haufe seinen Weg und wuchs mit jedem Schritte, während sich die Läden bei seinem Herannahen schlossen. Sein Ziel war die alte Pankratius-Kirche weit draußen vor der Stadt. Im Verlauf der Zeit langte er auch dort an, erzwang sich den Eingang in den Friedhof und setzte es schließlich durch, den verstorbenen Roger Cly nach seinem Sinn und gar sehr zu seiner Befriedigung zu begraben.