Part 14
„Blos das Versprechen, daß, wenn Miß Manette ihrerseits Ihnen eine solche vertrauliche Mittheilung machen sollte, wie ich Ihnen jetzt vorzulegen gewagt habe, Sie Zeugniß von dem, was ich Ihnen gesagt habe und von Ihrem Glauben daran geben. Ich hoffe, Sie werden im Stande sein, so gut von mir zu denken, daß Sie Nichts gegen mich sagen. Ich spreche nicht mehr von dem hohen Werthe, den ich darauf lege; dies ist das Einzige, um was ich bitte. Der Bedingung, unter der ich darum bitte und deren Erfüllung Sie ein unbezweifeltes Recht haben zu fordern, werde ich pünktlich nachkommen.“
„Ich gebe das Versprechen ohne jede Bedingung,“ sagte der Doctor. „Ich glaube, Ihr Ziel ist einfach und wahrhaftig, wie Sie es angegeben haben. Ich glaube, Ihre Absicht ist, das Band zwischen mir und meinem anderen und vielgeliebteren Ich fester zu knüpfen und nicht zu lockern. Wenn sie mir jemals sagt, daß Sie ihr wesentlich sind zu ihrem vollkommnen Glück, so werde ich sie Ihnen geben. Wenn, Charles Darnay --“
Der junge Mann hatte die Hand des Anderen dankbar ergriffen; und die beiden Hände lagen noch in einander, als der Doctor fortfuhr:
„Wenn Einbildung, Gründe, Befürchtungen oder sonst Etwas aus alter oder neuer Zeit gegen den Mann sprechen sollten, den sie wirklich liebt, und die unmittelbare Verantwortlichkeit dafür nicht auf sein Haupt fiele, so sollten sie alle um ihretwillen vergessen sein. Sie ist mir Alles; sie wiegt mir mehr als meine Leiden, mehr als das erlittene Unrecht, mehr als -- doch das sind leere Worte!“
So seltsam war die Art, wie er sich in Schweigen verlor, und so seltsam sein starrer Blick, als er aufgehört hatte zu sprechen, daß Darnay seine eigene Hand kalt in der Hand werden fühlte, welche langsam die seinige fallen ließ.
„Sie sagten Etwas zu mir,“ sagte _Dr._ Manette, während ein Lächeln sein Gesicht überflog. „Was war es doch gleich?“
Darnay wußte nicht, was er antworten sollte, bis er sich erinnerte, von einer Bedingung gesprochen zu haben. Deshalb antwortete er jetzt erleichtert:
„Das Vertrauen, das Sie mir schenken, verdient auch von meiner Seite mit den vollständigsten Vertrauen erwidert zu werden. Der Name, den ich jetzt trage, ist, obgleich nur mit geringer Veränderung der meiner Mutter, nicht mein wahrer Name. Ich wünsche Ihnen diesen zu nennen und ihnen zu sagen, warum ich in England bin.“
„Halt!“ sagte der Doctor.
„Ich möchte es, damit ich um so besser Ihr Vertrauen verdiene und kein Geheimniß vor Ihnen habe.“
„Halt!“
In einem Augenblicke hatte der Doctor mit beiden Händen die Ohren zugehalten; im nächsten hatte er beide Hände auf Darnay’s Mund gelegt.
„Sagen Sie ihn, wenn ich Sie darnach frage, nicht jetzt. Wenn Sie in Ihrer Werbung glücklich sind, wenn Lucie Sie liebt, mögen Sie mir ihn an Ihrem Hochzeitsmorgen sagen. Versprechen Sie mir das?“
„Gern.“
„Geben Sie mir Ihre Hand. Sie wird gleich nach Hause kommen und es ist besser, sie sieht uns heute Abend nicht beisammen. Gehen Sie! Schenke Gott Ihnen seinen Segen!“
Es war finster, als Charles Darnay ihn verließ und eine Stunde später noch finsterer, als Lucie nach Hause kam; sie eilte allein in das Zimmer -- denn Miß Proß war ohne sich aufzuhalten in das obere Stock gegangen -- und fand zu ihrer Verwunderung seinen gewöhnlichen Stuhl unbesetzt.
„Vater!“ rief sie ihn. „Lieber Vater!“
Sie erhielt keine Antwort, hörte aber ein dumpfes Hämmern aus seinem Schlafzimmer. Leichten Schrittes ging sie durch das Zwischenzimmer, blickte zur Thür hinein und kam erschrocken zurückgeeilt, halblaut vor sich hinjammernd, „was soll ich anfangen? was soll ich anfangen?“
Ihre Ungewißheit dauerte nur einen Augenblick, dann eilte sie zurück, klopfte an die Schlafzimmerthür und rief ihn mit sanfter Stimme. Das Hämmern hörte auf, sowie er ihre Stimme vernahm, und er kam sogleich heraus zu ihr und sie gingen lange Zeit mit einander auf und ab.
Sie kam mitten in der Nacht herunter aus ihrem Bett, um zu sehen, ob er schlafe. Er schlief einen schweren Schlaf und sein Schuhmacherhandwerkszeug und seine alte halbfertige Arbeit lagen da wie gewöhnlich.
Elftes Kapitel.
Ein Seitenstück.
„Sydney,“ sagte Mr. Stryver in derselben Nacht oder an demselben Morgen zu seinem Schakal; „braut noch eine Bowle Punsch; ich habe Euch Etwas zu sagen.“
Sydney hatte diese Nacht und vorige Nacht und vorvorige Nacht und viele Nächte hintereinander doppelt und dreifach gearbeitet und vor dem Beginn der langen Gerichtsferien unter Mr. Stryvers Acten tüchtig aufgeräumt. Endlich war er damit fertig; die Stryverschen Rückstände waren alle nachgeholt; Alles war erledigt, bis der November wieder mit seinen atmosphärischen und juristischen Nebeln kam und neues Korn auf die Mühle schüttete.
Sydney war in Folge so großer Anstrengung nicht munterer und nicht nüchterner geworden. Er hatte viel Extrahandtücher gebraucht, um sich durch die Nacht zu schleppen; eine Extraquantität Wein war den nassen Handtüchern vorausgegangen; und er war in einem sehr angegriffenen Zustande, wie er jetzt den Turban abriß und in das Waschbecken warf, in welchem er ihn während der letzten sechs Stunden von Zeit zu Zeit getränkt hatte.
„Braut Ihr die andere Bowle Punsch?“ sagte Stryver, der behäbig mit den Händen im Hosenbunde vom Sopha aufschaute, auf dem er ausgestreckt lag.
„Ja.“
„Nun, so hört mal! Ich will Euch Etwas sagen, was Euch vielleicht überraschen und Euch vielleicht sagen machen wird, daß ich doch nicht so gescheut sei, als Ihr gewöhnlich geglaubt hättet. Ich gedenke zu heirathen.“
„Wirklich?“
„Ja. Und nicht nach Geld. Was sagt Ihr nun?“
„Ich wüßte eben nicht, was ich sagen sollte. Wer ist es?“
„Rathet mal.“
„Kenne ich sie?“
„Rathet mal.“
„Um fünf Uhr früh, wo mein Kopf von der Arbeit und vom Weine brennt, habe ich keine Lust zu rathen. Wenn ich rathen soll, müßt Ihr mich zu Tische einladen.“
„Nun, so will ich’s Euch sagen,“ sagte Stryver, indem er sich langsam aufrichtete, bis er zum Sitzen kam. „Sydney, ich zweifle fast an der Möglichkeit, mich Euch verständlich zu machen, weil Ihr ein so entsetzlich herzloser Mensch seid.“
„Und Ihr,“ gab der mit dem Punschbrauen Beschäftigte zurück, „seid ein gefühlvolles und poetisches Gemüth.“
„Ha, ha,“ entgegnete Stryver mit prahlerischem Lachen, „obgleich ich keinen Anspruch darauf mache, eine Perle der Poesie zu sein (denn das, hoffe ich, weiß ich besser), so habe ich doch mehr Herz als Ihr.“
„Ihr habt mehr Glück, das ist Alles.“
„Das will ich nicht sagen. Ich meine, ich bin ein Mann von mehr --“
„Sagt Galanterie, weil Ihr einmal dabei seid,“ half ihm Carton ein.
„Gut! Ich will sagen Galanterie. Ich wollte sagen, daß ich ein Mann bin,“ sagte Stryver und blies sich seinem punschbrauenden Freunde gegenüber auf, „der mehr als Ihr darauf giebt, in Damengesellschaft angenehm zu sein, der sich mehr Mühe giebt, angenehm zu sein und der es besser versteht, angenehm zu sein.“
„Weiter,“ sagte Sydney Carton.
„Nein; aber ehe ich fortfahre,“ sagte Stryver und schüttelte in seiner polternden Weise den Kopf, „muß ich das aus Euch heraus haben. Ihr seid bei _Dr._ Manette aus- und eingegangen, so gut wie ich und mehr als ich. Aber wahrhaftig, ich habe mich geschämt wegen Eures mürrischen Wesens dort! Ihr habt Euch dort so verstockt und ingrimmig gezeigt, daß ich auf Seele und Ehre mich Eurer geschämt habe, Sydney.“
„Einem Mann mit Eurer Praxis vor Gericht müßte es sehr wohlthätig sein, sich wegen Etwas zu schämen,“ entgegnete Sydney; „Ihr solltet mir dafür sehr verbunden sein.“
„So kommt Ihr mir nicht los,“ gab ihm Stryver zur Antwort; „nein, Sydney, es ist meine Pflicht, Euch zu sagen -- und ich sage es Euch in’s Gesicht zu Eurem Besten, daß Ihr in Gesellschaft verteufelt schlecht paßt. Ihr macht Euch geradezu unangenehm.“
Sydney trank ein volles Glas von dem Punsche aus, den er gebraut hatte und lachte.
„Seht mich an!“ sagte Stryver, indem er sich gerade richtete; „ich brauche mir weniger Mühe zu geben als Ihr, weil ich unabhängiger gestellt bin. Warum mache ich mich angenehm?“
„Das habe ich noch nie von Euch gesehen,“ brummte Carton.
„Weil es politisch ist; ich thue es aus Grundsatz. Und seht mich an! Ich komme vorwärts.“
„Ihr kommt aber gar nicht vorwärts mit der Auseinandersetzung Eurer Heirathspläne,“ gab Carton mit gleichgültiger Miene zur Antwort. „Ich wollte, Ihr bliebt dabei. Was mich betrifft, so müßt Ihr doch endlich einsehen, daß ich unverbesserlich bin.“
Er sagte dies, nicht ohne daß den Ton seiner Stimme Etwas von Bitterkeit durchklang.
„Ihr habt nicht den Beruf, unverbesserlich zu sein,“ gab sein Freund in keinem sehr besänftigenden Tone zur Antwort.
„Ich habe überhaupt keinen Beruf, zu sein,“ sagte Sydney Carton. „Wer ist die Dame?“
„Laßt Euch von der Nennung des Namens nicht unangenehm berühren, Sydney,“ sagte Mr. Stryver, mit prahlerischer Freundschaftlichkeit ihn auf die Enthüllung vorbereitend, „weil ich weiß, daß Ihr nicht die Hälfte von dem meint, was Ihr sagt; und wenn Ihr Alles meintet, so hätte es nicht Viel zu sagen. Ich mache diese kleine Vorrede, weil Ihr früher einmal von dieser jungen Dame in geringschätzigen Ausdrücken gesprochen habt.“
„Ich?“
„Gewiß; und in diesem Zimmer.“
Sydney Carton sah in sein Punschglas und sah seinen selbstgefälligen Freund an; trank seinen Punsch und sah wieder seinen selbstgefälligen Freund an.
„Ihr nanntet die junge Dame einen blondgelockten Puppenkopf. Die junge Dame ist Miß Manette. Wenn Ihr ein Kerl von Herz oder Zartgefühl oder überhaupt von Gefühl in dieser Richtung wäret, Sydney, so hätte ich Euch grollen können für diesen Ausdruck; aber das seid Ihr nicht. Euch fehlt dieses Gefühl ganz und gar, deshalb verletzt mich diese Aeußerung nicht mehr, als mich das Urtheil eines Mannes über eins meiner Bilder verletzen würde, der kein Auge für Malerei hat; oder über ein Musikstück von mir, wenn er kein Ohr für Musik hat.“
Sydney Carton trank mit großem Eifer Punsch; trank ihn in ganzen Gläsern und sah dabei seinen Freund an.
„Nun habe ich Euch Alles gesagt, Sydney,“ sagte Mr. Stryver. „Nach Geld frage ich nicht; sie ist ein reizendes Geschöpf und ich habe mir einmal in den Kopf gesetzt, nach meinem Geschmack zu wählen; im Ganzen glaube ich, kann ich es haben, nach meinem Geschmack zu wählen. Sie bekommt einen Mann, der so ziemlich wohlhabend ist, einen Mann, der rasch reich wird und einen Mann von einiger Auszeichnung; es ist ein ordentliches Glück für sie, aber sie verdient es. Wundert Ihr Euch, oder seid Ihr überrascht?“
Carton, immer noch seinen Punsch trinkend, gab zur Antwort: „Warum sollte ich überrascht sein?“
„Ihr seid damit einverstanden?“
Carton, immer noch seinen Punsch trinkend, gab zur Antwort: „Warum sollte ich nicht damit einverstanden sein?“
„Na,“ sagte sein Freund Stryver, „Ihr nehmt es leichter als ich glaubte und zeigt Euch weniger selbstsüchtig in Bezug auf mich, als ich erwartete; obgleich Ihr jetzt gut genug wißt, daß Euer alter Schulkamerad ein Mann von ziemlich starkem Willen ist. Ja, Sydney, ich habe dieses Leben satt, wenn gar keine Abwechslung dabei ist; ich fühle, daß es doch hübsch ist für einen Mann, eine Familie zu haben, in deren Kreise er verweilen kann, wenn er Lust dazu hat (wenn er keine hat, kann er wegbleiben), und ich fühle, daß Miß Manette sich in jeder Stellung gut ausnehmen und mir immer Ehre machen wird. So habe ich denn meinen Entschluß gefaßt. Und jetzt, Sydney, alter Knabe, möchte ich auch noch ein Wörtchen mit Euch über Eure Zukunft sprechen. Ihr seid auf einem schlimmen Wege; Ihr seid wahrhaftig auf einem schlimmen Wege. Ihr kennt den Werth des Geldes nicht, Ihr lebt mehr als flott und an einem schönen Tage werdet Ihr auf einmal daliegen, krank und ohne Geld. Ihr müßt Euch wahrhaftig nach einer Pflege umsehen.“
Die behäbige Gönnermiene, mit der er dies sagte, machte, daß er noch zweimal so dick und viermal so verletzend aussah, als er war.
„Ich sage Euch, faßt das wohl in’s Auge,“ fuhr Stryver fort. „Ich habe das in meiner Weise in’s Auge gefaßt, faßt das in Eurer andern Weise in’s Auge. Heirathet. Sorgt für Jemand, der Euch pflegt. Kümmert Euch nicht darum, daß Ihr keinen Geschmack, keinen Sinn und keinen Takt für Frauenumgang habt. Sucht Euch Jemanden, sucht Euch eine anständige Frau mit etwas Vermögen aus -- eine Wirthin oder so Etwas -- und heirathet sie, ehe schlimme Zeiten kommen. Das ist’s, was für Euch paßt. Das überlegt Euch, Sydney.“
„Ich werde es mir überlegen,“ sagte Sydney.
Zwölftes Kapitel.
Der Mann von Zartgefühl.
Nachdem Mr. Stryver einmal den Entschluß gefaßt hatte, mit großmüthiger Freigebigkeit der Tochter des Arztes seine Hand zu reichen, beschloß er auch, ihr das ihr bevorstehende Glück anzukündigen, bevor er die Stadt für die langen Gerichtsferien verließ. Nachdem er die Sache lange bei sich durchgesprochen, kam er zu dem Schluß, daß es das Beste sei, alle Präliminarien abzumachen und es dann in Muße zu überlegen, ob er ihr eine oder zwei Wochen vor den Michaelisassisen oder während der kurzen Weihnachtsferien vor den Hilariusassisen die Hand reichen solle.
Ueber die Stärke seiner Sache hatte er nicht den geringsten Zweifel, sondern sah das Verdict klar vor Augen. Den Geschwornen als solide Geld- und Vermögensfrage auseinandergesetzt, dem einzigen Gesichtspunkt, unter dem sie zu betrachten war -- war es ein ganz einfacher Fall, der nicht die kleinste schwache Stelle hatte. Er rief sich für den Kläger auf, es war über seine Beweise nicht hinwegzukommen, der Advocat für den Beklagten gab die Sache auf und die Geschwornen traten nicht einmal zusammen, um das Verdict zu besprechen. Nachdem Mr. Stryver den Rechtsfall in correctester Form erprobt hatte, war er überzeugt, daß es keine einfachere Sache geben konnte.
Demgemäß weihte Mr. Stryver die lange Ferienzeit damit ein, daß er Miß Manette in bester Form nach Vauxhall einlud; da dies keinen Anklang fand, schlug er Ranelagh vor; da das unerklärlicher Weise auch keinen Anklang fand, geruhte er sich selbst in Soho vorstellen und dort sein großmüthiges Vorhaben erklären zu wollen.
Nach Soho lenkte daher Mr. Stryver seine Schritte vom Tempel, während die Blüthe der Ferienkindheit noch auf demselben lag. Jeder, der ihn sah, wie er einer aufgeblühten Pfingstrose gleich über den Bürgersteig schritt und alle schwächeren Leute aus dem Wege schob, konnte sehen, wie solid und stark er war.
Da er bei Tellsons vorbei ging und er ein Conto bei Tellsons hatte und zugleich Mr. Lorry als vertrauten Freund der Familie Manette kannte, kam Mr. Stryver auf den Gedanken einen Besuch im Contor zu machen und Mr. Lorry zu verrathen, welch glänzendes Gestirn heute noch über dem Horizont von Soho aufgehen werde. So stieß er die Thür auf, in deren Kehle das schwache Röcheln stak, stolperte die beiden Stufen hinunter, kam an den beiden alten Cassirern vorbei und trat in das dumpfige Hinterstübchen, wo Mr. Lorry vor großen für Zahlen liniirten Büchern an einem Fenster saß mit senkrechten eisernen Stäben davor, als ob es auch für Zahlen liniirt und jegliches Ding unter der Sonne eine Ziffer wäre.
„Wie geht’s Ihnen?“ sagte Mr. Stryver. „Ich hoffe, Sie befinden sich wohl!“
Es war Stryvers größte Eigenthümlichkeit, daß er für jeden Ort, oder für jeden Raum zu massig erschien. Er war um so viel zu massig für Tellsons, daß alte Commis in fernen Ecken mit flehenden Blicken aufschauten, als ob er sie gegen die Wand quetschte. Selbst „unser Haus“ -- das in fernster Perspective in großartiger Ruhe die Zeitung las, zog mißliebig die Augenbrauen zusammen, als ob der Stryversche Kopf in seine hoch verantwortliche Schooßweste gefahren wäre.
Der discrete Mr. Lorry sagte in einem Musterton der Stimme, die er unter den Umständen empfehlen würde, „wie geht es Ihnen, Mr. Stryver? Wie geht es Ihnen, Sir?“ und reichte ihm die Hand. Die Art, wie er dem Andern die Hand schüttelte, hatte etwas Eigenthümliches, was man bei jedem Commis Tellsons bemerkte, so oft er einem Kunden während der Anwesenheit des Hauses im Geschäft die Hand schüttelte. Er schüttelte sie in einer sich selbst wegleugnenden Weise, als ob er es für Tellson u. Comp. thäte.
„Was wünschen Sie, Mr. Stryver?“ fragte Mr. Lorry in seinem Geschäftstone.
„Nein, ich danke Ihnen; mein Besuch gilt Ihnen persönlich, Mr. Lorry; ich möchte ein vertrauliches Wort mit Ihnen sprechen.“
„O, wirklich,“ sagte Mr. Lorry und neigte dem Andern das Ohr zu, während sein Blick nach „unserm Hause“ hinüberschweifte.
„Ich bin im Begriff,“ sagte Mr. Stryver, indem er seine Ellbogen vertraulich auf das Pult legte, worauf es, obgleich es ein großes Doppelpult war, nicht halb genug Pult für ihn zu sein schien. „Ich stehe im Begriff, Ihrer angenehmen kleinen Freundin, Miß Manette, einen Heirathsantrag zu machen, Mr. Lorry.“
„O, du meine Güte!“ rief Mr. Lorry, indem er sich das Kinn rieb und seinen Besuch zweifelnd ansah.
„O, du meine Güte, Sir?“ wiederholte Stryver und trat zurück. „O, du meine Güte, Sir? was meinen Sie damit, Mr. Lorry?“
„Was ich damit meine?“ antwortete der Geschäftsmann, „natürlich nur Freundschaftliches und Anerkennendes und daß es Ihnen die größte Ehre macht, und -- kurz ich meine Alles, was Sie sich nur wünschen können. Aber -- wahrhaftig, Sie wissen, Mr. Stryver --“ Mr. Lorry hielt inne und schüttelte auf die wunderlichste Weise den Kopf, als ob er wider seinen Willen bei sich hinzusetzen müßte, „Sie wissen, daß Sie wirklich viel zu viel sind.“
„Na!“ sagte Stryver, indem er mit seiner streitsüchtigen Hand auf das Pult schlug, die Augen weit aufmachte und einen langen Athemzug that, „wenn ich Sie verstehe, Mr. Lorry, so will ich gehängt sein.“
Mr. Lorry zupfte sich seine kleine Perrücke über beiden Ohren zurecht, wie um das gewünschte Ziel besser zu erreichen, und biß in die Fahne einer Feder.
„Zum Teufel, Sir!“ sagte Stryver und sah ihn groß an, „bin ich nicht annehmbar?“
„Mein Gott, ja! Ja wohl. O, ja wohl, Sie sind annehmbar!“ sagte Mr. Lorry. „Wenn Sie sagen annehmbar, sind Sie annehmbar.“
„Bin ich nicht ein vermögender Mann?“ fragte Stryver.
„O! Wenn Sie von Vermögen sprechen, so sind Sie ein vermögender Mann,“ sagte Mr. Lorry.
„Und komme ich nicht vorwärts?“
„Wenn Sie vorwärts kommen wollen, müssen Sie vorwärts kommen,“ sagte Mr. Lorry, froh noch etwas zugestehen zu können, „Niemand kann daran zweifeln.“
„Was zum Kukuk meinen Sie aber denn, Mr. Lorry?“ fragte Mr. Stryver sichtbar entmuthigt.
„Hm! Ich -- wollen Sie jetzt hingehen?“ fragte Mr. Lorry.
„Geraden Wegs!“ sagte Stryver mit einem Faustschlag auf das Pult.
„Dann glaube ich, ginge ich nicht hin, wenn ich wie Sie wäre.“
„Warum?“ sagte Stryver „Jetzt will ich Sie in die Enge treiben,“ und er drohte ihm, wie vor den Geschwornen, mit dem Finger. „Sie sind ein Geschäftsmann und müssen einen Grund haben. Geben Sie Ihren Grund an. Warum würden Sie nicht geben?“
„Weil ich in einer solchen Absicht nicht gehen würde, ohne einigen Grund zu dem Glauben zu haben, daß ich Erfolg haben würde.“
„Hol mich der und jener!“ rief Stryver aus, „aber das geht mir über Alles!“
Mr. Lorry warf einen Blick auf „unser Haus“ im Hintergrunde, einen andern auf den erzürnten Stryver.
„Hier ist ein Geschäftsmann -- ein Mann von Jahren -- ein Mann von Erfahrung -- in einem Bankhaus,“ sagte Stryver; „und nachdem ich drei Hauptgründe eines vollständigen Erfolgs angeführt habe, ist kein Grund da! und er sagt’s mit dem Kopf auf dem Halse!“ Mr. Stryvers Bemerkung klang fast als ob er es weniger merkwürdig gefunden hätte, wenn er es mit abgeschlagenem Kopfe gesagt hätte.
„Wenn ich von Erfolg spreche, so spreche ich von Erfolg bei der jungen Dame; und wenn ich von Ursachen und Gründen spreche, die den Erfolg wahrscheinlich machen, so spreche ich von Ursachen und Gründen, die auf die junge Dame wirken würden. Die junge Dame, guter Herr,“ sagte Mr. Lorry, indem er sanft Stryvers Arm berührte, „die junge Dame. Die junge Dame ist vor Allem zu berücksichtigen.“
„Sie wollen also sagen, Mr. Lorry,“ sagte Stryver und stemmte die Arme wieder auf den Tisch, „daß es Ihre wohlüberlegte Meinung sei, die fragliche junge Dame sei ein coquettes Gänschen?“
„Das eben nicht. Ich will Ihnen blos sagen, Mr. Stryver,“ sagte Mr. Lorry mit geröthetem Gesicht, „daß ich von Niemanden ein geringschätziges Wort über diese junge Dame dulde, und daß, wenn ich einen Mann kennte -- was ich nicht hoffe -- dessen Bildung so gering und dessen Sinn so gemein und hochfahrend sein sollte, daß er sich nicht enthalten könnte von dieser jungen Dame an diesem Pulte unehrerbietig zu sprechen, selbst Tellsons mich nicht hindern sollten, ihm ordentlich meine Meinung zu sagen.“
Die Nothwendigkeit seinen Aerger nieder zu halten, hatten Mr. Stryvers Blutgefäße in einen gefährlichen Zustand versetzt, als an ihm die Reihe war, ärgerlich zu sein. Mr. Lorrys Adern, so methodisch sonst das Blut in ihnen floß, waren in keinem bessern Zustand als jetzt die Reihe an ihm war.
„Das war es, was ich Ihnen sagen wollte,“ sagte Mr. Lorry. „Es war nothwendig, damit kein Irrthum zwischen uns obwalte.“
Mr. Stryver kaute eine kleine Weile an dem Ende eines Lineals und schlug dann damit nach dem Tacte einer Melodie an seine Zähne, wovon er wahrscheinlich Zahnschmerzen bekam. Endlich unterbrach er die verlegene Pause mit den Worten:
„Das ist mir etwas Neues, Mr. Lorry. Sie rathen mir in allem Ernste an, nicht nach Soho zu gehen und ihr meine Hand anzubieten -- meine Hand, die Hand Stryvers von Kings Bench Bar?“
„Fragen Sie mich um Rath, Mr. Stryver?“
„Allerdings.“
„Gut. Dann haben Sie ihn gehört und ihn buchstäblich wiederholt.“
„Ich kann weiter nichts sagen,“ lachte Stryver mit geärgerter Miene, „als daß Nichts -- ha, ha! -- in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft darüber gehen kann.“
„Verstehen Sie mich wohl,“ fuhr Mr. Lorry fort. „Als Geschäftsmann habe ich nicht das Recht überhaupt Etwas in dieser Sache zu sagen, denn als Geschäftsmann weiß ich nichts davon. Aber als alter Mann, der Miß Manette auf den Armen getragen hat, der vertrauter Freund Miß Manettes und auch ihres Vaters ist und sie Beide sehr lieb hat, habe ich gesprochen. Ich habe nicht zum Vertrauen aufgefordert, das vergessen Sie nicht. Sie glauben also jetzt, ich hätte unrecht?“
„Ich nicht!“ sagte Stryver und pfiff vor sich hin. „Ich kann es nicht übernehmen für dritte Personen gesunden Menschenverstand zu finden; ich kann ihn nur für mich finden. Ich setze gesunden Menschenverstand bei gewissen Leuten voraus; Sie setzen sentimentalen Firlefanz voraus. Es ist mir neu, aber Sie haben vielleicht recht.“
„Was ich voraussetzte, Mr. Stryver, beanspruche ich selbst zu qualificiren. Und verstehen Sie mich recht, Sir,“ sagte Mr. Lorry, während abermals eine rasche Röthe über sein Gesicht flog. „Ich dulde nicht -- selbst nicht bei Tellsons -- daß es ein Anderer, wer es auch sei, für mich qualificire.“
„Na! dann bitte ich um Verzeihung,“ sagte Stryver.
„Ich gewähre sie mit Vergnügen. Und danke Ihnen. Also, Mr. Stryver, was ich sagen wollte: -- es könnte Ihnen schmerzlich sein Ihren Irrthum zu entdecken, es könnte _Dr._ Manette schmerzlich sein, Ihnen die Sache auseinandersetzen zu müssen, es könnte Miß Manette sehr schmerzlich sein, Ihnen die Sache auseinandersetzen zu müssen. Sie wissen, daß ich die Ehre und das Glück habe, auf vertrautem Fuß mit der Familie zu stehen. Wenn Sie wünschen, will ich ohne Sie irgendwie zu binden oder zu vertreten, recht gern versuchen, die Beobachtungen, auf die mein Rathschlag gegründet war, durch einige neue eigens zu diesem Zweck angestellte Beobachtungen zu berichtigen. Wenn Sie dann noch nicht befriedigt sind, so können Sie nur noch den Versuch machen selbst zu sehen und zu hören; wenn Sie dagegen zufriedengestellt sind und mein Rath lautet eben noch so wie heute, so wären alle Betheiligte da geschont, wo am meisten zu schonen ist. Was meinen Sie dazu?“
„Wie lange würden Sie mich in der Stadt festhalten?“
„O! Es ist nur eine Frage von ein Paar Stunden. Ich könnte heute Abend nach Soho gehen und dann später zu Ihnen kommen.“