Part 13
Auf das Klingeln vorhin war das anstoßende Schlafzimmer erleuchtet worden. Es schien jetzt von dort hell durch die Thür herein. Der Marquis blickte nach dieser Richtung und lauschte den sich entfernenden Schritten seines Leibdieners.
„England besitzt sehr viel Anziehungskraft für Sie, wenn man bedenkt, daß Sie dort nicht besonders Ihr Glück gemacht haben,“ bemerkte er alsdann, indem er mit einem Lächeln sein ruhiges Gesicht dem Neffen zuwendete.
„Ich habe bereits gesagt, wie ich fühle, daß ich mein geringes Glück dort vielleicht Ihnen zu verdanken habe. Im Uebrigen ist es mein Asyl.“
„Diese prahlerischen Engländer sagen, es sei das Asyl Vieler. Sie kennen einen Landsmann, der einen Zufluchtsort dort gefunden hat? Einen Arzt?“
„Ja!“
„Mit einer Tochter?“
„Ja!“
„Ja,“ sagte der Marquis. „Sie sind müde. Gute Nacht!“
Als er sich in seiner höflichsten Weise verneigte, wußte er seinem lächelnden Gesicht und seinen Worten einen so geheimnißvollen Ausdruck zu geben, daß sein Neffe davon betroffen wurde. Zugleich verzogen sich die schmalen geraden Augenbrauen und die schmalen geraden Lippen und die Grübchen über den Nasenflügeln mit einem Sarkasmus, der diabolisch schön aussah.
„Ja,“ wiederholte der Marquis. „Ein Arzt mit einer Tochter. Ja. So fängt die neue Philosophie an? Sie sind müde. Gute Nacht!“
Es hätte ebensoviel genützt, eines von den Steingesichtern draußen am Schlosse zu befragen, als dieses Gesicht zu befragen. Der Neffe sah ihn vergeblich an, als er an ihm vorbei nach der Thüre ging.
„Gute Nacht!“ sagte der Onkel. „Ich erwarte mit Vergnügen, Sie morgen früh wiederzusehen. Angenehme Ruhe! Leuchte Monsieur nach seinem Zimmer! -- und verbrenne Monsieur in seinem Bett, wenn Du Lust hast --“ setzte er zu sich selbst sprechend hinzu, ehe er wieder mit der Klingel schellte und seinen Leibdiener in sein Schlafzimmer rief.
Der Leibdiener kam und ging, Monsieur le Marquis ging in seinem weiten Schlafrock auf und ab, um sich in dieser schwülen, stillen Nacht langsam auf den Schlaf vorzubereiten. Wie er sich in dem Zimmer, die Füße in weiche Pantoffeln gesteckt, geräuschlos auf und ab bewegte, nahm er sich fast aus, wie ein verfeinerter Tiger. Er sah aus wie ein verzauberter Marquis von der unbußfertig verworfenen Art im Märchen, dessen periodische Umwandlung in Tigergestalt entweder eben vorbei oder im Anzuge war.
Er schritt in seinem üppig ausgestatteten Schlafzimmer auf und ab und musterte die Erinnerungen an die heutige Reise, wie sie ihm ungeheißen einfielen. Die langsame Fahrt den Hügel hinauf bei Sonnenuntergang, die untergehende Sonne, die Hinabfahrt, die Mühle, den Kerker auf den Felsen, das Dörfchen im Thale, die Landleute am Brunnen und den Straßenarbeiter, wie er mit seiner blauen Mütze auf die Kette unter dem Wagen wies.
Dieser Brunnen erinnerte ihn an den Brunnen von Paris, an die kleine Leiche, die auf dem Unterbau lag, an die Frauen, die sich darüberbückten, und an den Mann, der mit gen Himmel gestreckten Armen ausrief: „Tod!“
„Ich bin jetzt abgekühlt,“ sagte Monsieur le Marquis, „und kann zu Bett gehen.“
So, nachdem er nur eine Kerze auf dem großen Kamin brennend stehen gelassen, zog er die leichten Gazevorhänge um das Bett zu und hörte die Nacht ihr Schweigen mit einem langen Seufzer unterbrechen, als er sich zum Schlafen auf das Pfühl streckte.
Drei lange Stunden lang stierten die steinernen Gesichter draußen blind in die schwarze Nacht hinaus; drei lange Stunden lang klapperten die Pferde in den Ställen an ihren Raufen, bellten die Hunde und gab die Eule einen Ton von sich, der sehr wenig mit demjenigen gemein hatte, den ihr gewöhnlich die Poeten zuschreiben. Aber es ist die verstockte Gewohnheit solcher Geschöpfe, kaum jemals das zu sagen, was ihnen vorgeschrieben ist.
Drei lange Stunden lang stierten die steinernen Gesichter des Schlosses, Löwengesichter und Menschengesichter, blind in die Nacht hinaus. Todte Finsterniß lag auf der ganzen Landschaft, todte Finsterniß verwischte vollends, was der verwischende Staub auf allen Straßen übrig ließ. Der Gottesacker war so weit gekommen, daß seine dürftigen Rasenhügel nicht mehr von einander zu unterscheiden waren; die Gestalt am Kreuze hätte herabgestiegen sein können, so wenig sah man von ihr. In dem Dorfe schliefen Besteuerer und Besteuerte fest. Vielleicht von Festgelagen träumend, wie es häufig bei Hungernden geschieht, oder von Bequemlichkeit und Ruhe, wie der abgetriebene Sclave und der eingespannte Ochs, schliefen die abgemagerten Bewohner gesund und fühlten sich gesättigt und frei.
Drei dunkle Stunden hindurch floß der Brunnen im Dorfe ungesehen und ungehört und der Brunnen im Schlosse plätscherte ungesehen und ungestört -- beide flossen dahin wie die Minuten, die aus der Quelle der Zeit entströmen. Dann wurde das graue Wasser beider gespenstig im Morgenlichte, und die Augen der steinernen Gesichter des Schlosses öffneten sich.
Es wurde heller und heller, bis endlich die Sonne die Wipfel der regungslosen Bäume vergoldete und ihren Glanz über den Hügel ausgoß. In der Gluth schien das Wasser des Schloßbrunnens zu Blut zu werden, und die steinernen Gesichter zu erröthen. Das Lied der Vögel klang laut und hell, und auf dem Simse des großen Fensters im Schlafgemach Monsieur le Marquis’ stimmte ein niedlicher Sänger aus voller Brust sein Lied an. Darüber schien das nächste steinerne Gesicht erstaunt die Augen aufzureißen und mit offenem Munde und heruntersinkender Unterkiefer entsetzt auszusehen.
Jetzt war die Sonne vollständig aufgegangen und es begann sich im Dorfe zu regen. Kleine Fenster wurden geöffnet, wacklige Thüren aufgeriegelt und die Leute traten, noch fröstelnd in der frischen Morgenluft, zu den Hütten heraus. Dann fing die selten erleichterte Tagesarbeit der Dorfbewohner von vorn wieder an. Einige gingen an den Brunnen; einige auf das Feld. Männer und Frauen dorthin, um zu hacken und zu graben; Männer und Frauen dahin, um nach dem halb verhungerten Vieh zu sehen und die knochendürren Kühe auf die dürftige Weide zu führen, welche an den Straßenrändern zu finden war. In der Kirche und vor dem Kreuze sah man die eine oder andere knieende Gestalt; und während vor dem letzteren Eine ihr Gebet verrichtete, versuchte die am Stricke geführte Kuh unter den paar Pflanzen am Fuße desselben ein Frühstück zu finden.
Das Schloß wachte später auf, wie sich’s für seinen vornehmeren Stand gebührte, wachte aber allmälig und sicher auf. Zuerst waren die einsamen Schweinsspieße und Hirschfänger roth geworden wie vor Alters; dann hatten sie scharf und schneidig in der Morgensonne geglänzt; jetzt wurden Thüren und Fenster geöffnet, die Pferde in den Ställen sahen sich nach dem Lichte und der Morgenfrische um, die zu den Thüren hereinströmten, Blätter glänzten und rauschten an eisernen Fenstergittern, Hunde zerrten an ihren Ketten und bäumten sich ungeduldig, um losgelassen zu werden.
Alle diese gewöhnlichen Vorfälle gehörten zu dem alltäglichen Treiben und der Wiederkehr des Morgens. Aber gewiß nicht das Läuten der großen Glocke des Schlosses, das treppauf und treppab Rennen, die in verstörter Eile über die Terrasse laufenden Gestalten, die schweren Tritte hier und dort und überall, das rasche Satteln von Pferden und das Fortjagen?
Welcher Wind verrieth diese Hast dem staubbedeckten Straßenarbeiter, der bereits auf der Höhe jenseit des Dorfes thätig war und sein Mittagbrod (es war kaum so viel, daß es für eine Krähe der Mühe werth war, danach zu hacken) auf einem Steinhaufen neben sich liegen hatte?
Hatten die Vögel, die ein paar Körnchen von der Kunde in die Ferne trugen, Etwas davon fallen lassen, wie sie zufällig Samenkörner ausstreuen? Sei dem, wie ihm wolle, der Straßenarbeiter lief an dem schwülen Morgen, als ob es sein Leben gelte, knietief im Staube, den Hügel hinab, und machte nicht eher Halt, als bis er am Brunnen war.
Sämmtliche Bewohner des Dorfes umstanden den Brunnen in ihrer gedrückten Weise und flüsterten einander zu, zeigten aber keine andere Gemüthsbewegung als gespannte Neugier und Staunen. Die auf die Weide geführten Kühe, die hastig wieder hereingebracht und an das Erste Beste angebunden waren, sahen mit stumpfer Gleichgültigkeit zu oder hatten sich hingelegt und käuten die spärlichen Hälmchen wieder, die sie auf ihrem Hin- und Herweg aufgelesen hatten. Einige von den Leuten des Schlosses und des Posthauses und alle von der Steuerbehörde waren mehr oder weniger bewaffnet und hatten sich auf der andern Seite der Straße rathlos zusammengedrängt. Bereits war der Straßenarbeiter in die Mitte einer Gruppe von fünfzig vertrauten Freunden vorgedrungen, und schlug sich mit der blauen Mütze auf die Brust. Was hatte das Alles zu bedeuten und was hatte es zu bedeuten, daß Monsieur Gabelle hastig sich hinter einem Bedienten aufs Pferd heben ließ und mit dem doppelt beladenen Rosse im Galopp davon jagte, wie eine neue Variation der Bürgerschen Lenore?
Es hatte zu bedeuten, daß oben im Schlosse ein steinernes Gesicht zu viel war.
Die Meduse hatte den Bau in der Nacht wieder angesehen, und das eine noch fehlende steinerne Gesicht hinzugefügt; das steinerne Gesicht, auf welches sie ungefähr zweihundert Jahre gewartet hatte.
Es lag auf dem Kissen Monsieur le Marquis’. Er sah aus wie eine schöne Maske, die plötzlich aufgeschreckt, zornig geworden und versteinert worden ist. In das Herz der steinernen Gestalt, die dazu gehörte, war ein Messer gestoßen. Um den Griff desselben war ein Papierstreifen gewickelt, auf welchem man die Worte las:
„Fahrt ihn rasch nach seiner Gruft. Dies von Jacques.“
Zehntes Kapitel.
Zwei Versprechen.
Mehrere Monate, der Zahl nach zwölf, waren gekommen und gegangen und Mr. Charles Darnay hatte sich als höherer Lehrer der französischen Sprache, der zugleich mit der französischen Literatur vertraut war, in England niedergelassen. Er las mit jungen Männern, die für das Studium einer lebenden Sprache, die über die ganze Welt gesprochen wird, Muße und Interesse finden konnten, und suchte einen Geschmack für die von ihr dargebotenen Schätze von Wissenschaft und Poesie zu wecken. Er konnte auch von ihnen in gutem Englisch berichten und sie in gutes Englisch übersetzen. Solche Lehrer waren damals nicht leicht zu finden; gewesene Prinzen und zukünftige Könige waren noch nicht unter die Schulmeister gegangen und noch war kein zu Grunde gerichteter Adel aus Tellson’s Hauptbüchern verschwunden, um Koch oder Zimmermann zu werden. Als ein Lehrer, dessen Bildung und Kenntnisse das Studium ungewöhnlich angenehm und nutzbar machten, und als eleganter Uebersetzer, der etwas mehr zu seiner Arbeit mitbrachte, als bloße Kenntniß des Wörtervorraths, wurde der junge Mr. Darnay bald bekannt und beschäftigt. Er war auch vertraut mit den Verhältnissen seines Vaterlandes und diese waren von täglich wachsendem Interesse. So kam er mit großer Ausdauer und unermüdlichem Fleiße vorwärts.
In London hatte er weder auf goldenem Pflaster zu gehen, noch auf einem Bett von Rosen zu ruhen gehofft; hätte er so hohe Erwartungen gehegt, so wäre er nicht vorwärts gekommen. Er hatte Arbeit erwartet, und fand sie und bewältigte sie mit aller seiner Kraft. Damit kam er vorwärts.
Einen gewissen Theil seiner Zeit verbrachte er in Cambridge, wo er Untergraduirte als eine Art geduldeter Schmuggler unterrichtete, der einen Schleichhandel mit europäischen Sprachen trieb, anstatt Griechisch und Lateinisch durch das vorschriftsmäßige Zollhaus einzuführen. Den Rest seiner Zeit verbrachte er in London.
Nun ist von den Tagen, wo es im Paradiese immer Sommer war, bis zu unseren Tagen, wo es in der Region der Gefallenen meistens Winter ist, die Menschenwelt unabänderlich einen Weg gegangen -- Charles Darnay’s Weg -- den Weg des Verliebens.
Er hatte Lucie Manette von der Stunde seiner Lebensgefahr an geliebt. Er hatte nie einen so lieblichen und herzgewinnenden Ton vernommen, als den Ton ihrer mitfühlenden Stimme; er hatte nie ein Gesicht gesehen, in dessen Schönheit sich so viel zärtliche Empfindung ausgesprochen, als in dem ihrigen, wie sie ihn ansah, als er an dem Rande des Grabes stand, das für ihn bereitet war. Aber er hatte ihr noch kein Wort davon gesagt: seit dem Mord in dem fernen verlassenen Schlosse mit dem Meere dazwischen und den langen, langen staubigen Landstraßen -- in dem festen steinernen Schlosse, das ihm selbst wie der Nebel eines Traumes vorkam -- war ein Jahr vergangen und er hatte ihr auch noch nicht mit einem einzigen Worte den Zustand seines Herzens verrathen.
Daß er seine Gründe dafür hatte, wußte er recht gut. Es war abermals ein Sommertag, als er, vor Kurzem von Cambridge in London angekommen, sich nach dem stillen Winkel in Soho begab, um eine Gelegenheit zu suchen, Dr. Manette sein Herz zu öffnen. Es war der Abend des Sommertages und er wußte, daß Lucie mit Miß Proß ausgegangen war.
Der Doctor las in seinem Lehnstuhle am Fenster. Die Energie, die ihn zu gleicher Zeit in seinen langen Leiden aufrecht erhalten und ihm dieselben doch auch fühlbarer gemacht hatte, hatte er allmälig wiedergewonnen. Er war jetzt wirklich ein sehr energischer Mann von großer Festigkeit, Willensstärke und Thatkraft. In seiner wiedergewonnenen Energie war er zuweilen etwas launenhaft und inconsequent, wie er sich auch in der Anwendung seiner andern wiedergewonnenen Eigenschaften gezeigt hatte; aber dies war nie häufig vorgekommen und war immer seltener geworden.
Er studirte viel, schlief wenig, konnte große Anstrengungen mit Leichtigkeit ertragen und war von immer sich gleichbleibender Gemüthsheiterkeit. Zu ihm trat jetzt Charles Darnay ein, bei dessen Anblick er das Buch weglegte und dem er die Hand darbot.
„Charles Darnay! Es freut mich, Sie zu sehen. Wir haben schon seit drei oder vier Tagen auf Ihr Kommen gerechnet. Mr. Stryver und Sydney Carton waren Beide gestern hier und waren darüber einig, daß Sie längst hätten da sein sollen.“
„Ich bin Ihnen sehr verpflichtet für Ihre Theilnahme an mir,“ gab er zur Antwort, ein wenig kalt in Bezug auf die beiden Genannten, obgleich sehr warm gegen den Doctor. „Miß Manette --“
„Befindet sich wohl,“ sagte der Doctor, als er stockte, „und Ihre Rückkehr wird uns Alle sehr freuen. Sie ist ausgegangen, um einige Wirthschaftseinkäufe zu machen, wird aber bald zurück sein.“
„Doctor Manette, ich wußte, daß ich sie nicht zu Hause finden würde. Ich benutzte die Gelegenheit, um mit Ihnen allein sprechen zu können.“
Es trat ein verlegenes Schweigen ein.
„Nun?“ sagte der Doctor, offenbar etwas gezwungen. „Rücken Sie Ihren Stuhl her und sprechen Sie.“
Er gehorchte, was den Stuhl betrifft, schien aber das Sprechen weniger leicht zu finden.
„Ich habe das Glück gehabt, _Dr._ Manette, seit etwa anderthalb Jahren auf so vertrautem Fuße mit Ihrer Familie zu leben,“ fing er endlich an, „daß ich hoffe, der Gegenstand, den ich berühren will, wird nicht --“
Er ward unterbrochen von dem Doctor, der die Hand ausstreckte, wie um ihn zu bitten, zu schweigen. Als er sie eine kleine Weile so gehalten, zog er sie wieder ein und sagte:
„Ist von Lucien die Rede?“
„Ja.“
„Es wird mir zu allen Zeiten schwer, von ihr zu sprechen. Es fällt mir sehr schwer, von ihr in diesem Tone sprechen zu hören, den Sie anwenden, Charles Darnay.“
„Es ist der Ton innigster Bewunderung, echtester Huldigung und tiefster Liebe, Doctor Manette,“ sagte er mit Ehrerbietung.
Es trat eine andere verlegene Pause ein, ehe der Vater eine Antwort gab.
„Ich glaube es. Ich lasse Ihnen Gerechtigkeit widerfahren; ich glaube es.“
Das Gezwungene in seinem Wesen war so offenbar und es war außerdem so offenbar, daß es aus einer Abneigung entstand, den angeregten Gegenstand zur Sprache zu bringen, daß Charles Darnay zögerte.
„Soll ich fortfahren, Sir?“
Wieder eine Pause.
„Ja, fahren Sie fort.“
„Sie ahnen, was ich sagen wollte, obgleich Sie nicht wissen können, wie ernst ich es meine und wie tief ich es fühle, ohne mein innerstes Herz zu kennen und die Hoffnungen und die Befürchtungen und die Zweifel, die es seit lange schon erfüllen. Lieber Doctor Manette, ich liebe Ihre Tochter aufs Innigste, Uneigennützigste, Hingebendste. Wenn es jemals Liebe auf der Welt gegeben hat, so liebe ich sie. Sie haben selbst geliebt; lassen Sie Ihre alte Liebe für mich sprechen!“
Der Doctor saß mit abgewendetem Gesicht und mit auf den Boden gehefteten Augen da. Bei den letzten Worten streckte er wieder hastig die Hand aus und rief:
„Nur das nicht! Schweigen Sie davon! Ich beschwöre Sie, erinnern Sie mich nicht daran!“
In seinem Aufschrei sprach sich so viel wirklicher Schmerz aus, daß er noch in Charles Darnay’s Ohren fortklang, lange nachdem er verhallt war. Er winkte mit der ausgestreckten Hand, als wollte er Darnay bitten inne zu halten. Letzterer legte es so aus und schwieg.
„Ich bitte Sie um Verzeihung,“ sagte der Doctor nach einigen Augenblicken in gedämpftem Tone. „Ich bezweifle nicht, daß Sie Lucien lieben; darüber können Sie ruhig sein.“
Er wendete sich in seinem Stuhle gegen ihn, aber er sah ihn nicht an, noch hob er den Blick zu ihm empor. Er ließ das Kinn auf die Hand sinken und das weiße lange Haar über das Gesicht fallen.
„Haben Sie mit Lucien gesprochen?“
„Nein!“
„Auch nicht an sie geschrieben?“
„Niemals!“
„Es wäre ungroßmüthig, mich zu stellen, als ob ich nicht wüßte, daß Ihre Selbstverleugnung von Ihrer Rücksichtnahme auf ihren Vater herrührt. Ihr Vater dankt Ihnen.“
Er reichte ihm seine Hand hin; aber seine Augen blieben auf dem Boden haften.
„Ich weiß,“ sagte Darnay voll Ehrerbietung, „und muß ich es nicht wissen, _Dr._ Manette, da ich Sie Beide Tag für Tag beisammen gesehen habe, daß zwischen Ihnen und Miß Manette eine so ungewöhnliche, so rührende, so innig mit den Verhältnissen, aus denen sie entstanden ist, verbundene Zuneigung besteht, daß es wenige ihresgleichen geben kann, selbst nicht in der Liebe zwischen Vater und Kind. Ich weiß, _Dr._ Manette -- und wie könnte es anders sein -- daß, verwoben mit der Liebe und dem Pflichtgefühle einer Tochter, die zur Jungfrau herangewachsen ist, sie in ihrem Herzen für Sie die ganze Liebe und das ganze Vertrauen des Kindes fühlt. Ich weiß, daß, wie sie in ihrer Kindheit ohne Eltern gewesen ist, sie jetzt mit der ganzen Beständigkeit und Innigkeit ihres gegenwärtigen Alters und Charakters, verbunden mit der Vertrauensbedürftigkeit und der Anhänglichkeit der Kinderjahre, in denen Sie ihr entrissen wurden, an Ihnen hängt. Ich weiß recht wohl, daß, wenn Sie ihr aus jener Welt drüben wären zurückgegeben worden, Sie in ihren Augen kaum mit einem heiligeren Charakter, als den sie Ihnen beilegt, bekleidet sein könnten. Ich weiß, daß, wenn sie Sie umarmt, die Hände des Kindes, des Mädchens und der Jungfrau Sie gleichzeitig umschlingen. Ich weiß, daß sie in ihrer Liebe für Sie ihre Mutter in ihrem eigenen Alter sieht und liebt, sie in meinem Alter sieht und liebt, ihre mit gebrochenem Herzen hinsiechende Mutter liebt, Sie während Ihrer schrecklichen Prüfung und Ihrer gesegneten Rückkehr in’s Leben liebt. Ich habe dies Tag und Nacht gewußt, seitdem ich Sie und Ihre Familie kenne.“
Ihr Vater saß stumm da, das Gesicht immer noch dem Boden zugewendet. Sein Athem ging etwas rascher; aber er unterdrückte jede andere Aufregung.
„Lieber Doctor Manette, da ich dies immer wußte und immer Ihre Tochter und Sie von diesem geheiligten Lichte umgeben sah, habe ich geschwiegen, so lange es in der Kraft des Menschenherzens liegt, zu schweigen. Ich habe gefühlt und fühle selbst jetzt noch, daß wenn ich meine Liebe -- selbst ~meine~ Liebe -- zwischen Sie Beide bringe, ich in Ihre Geschichte ein weniger gutes Bestandtheil mische. Aber ich liebe sie. Der Himmel ist mein Zeuge, daß ich sie liebe!“
„Ich glaube es,“ gab ihr Vater trauervoll zur Antwort. „Ich habe es schon lange gedacht. Ich glaube es.“
„Aber glauben Sie nicht,“ sagte Darnay, den der klagende Ton der Stimme wie ein Vorwurf traf, „glauben Sie nicht, daß wenn meine Lebensverhältnisse so wären, daß ich Sie Beide, vorausgesetzt, ich wäre dereinst so glücklich, sie als Gattin zu besitzen, von einander trennen müßte, ich nur ein Wort von dem sagen würde, was ich jetzt geäußert habe. Außerdem daß ich wüßte, ein solches Beginnen wäre hoffnungslos, würde ich auch wissen, daß es eine Niedrigkeit wäre. Hätte ich eine solche Möglichkeit selbst für eine ferne Zeit in meinen Gedanken gehegt und in meinem Herzen verborgen -- hätte ich sie jemals hegen können -- so könnte ich jetzt nicht diese geehrte Hand anrühren.“
Bei diesen Worten legte er seine Hand auf die des Vaters.
„Nein, lieber _Dr._ Manette. Wie Sie ein aus Frankreich freiwillig Verbannter; wie Sie aus dem Vaterland vertrieben durch seine Zerrüttung, seinen Druck und seinen Jammer; wie Sie bemüht, in der Fremde durch eigne Anstrengung meinen Lebensunterhalt zu erwerben und auf eine glücklichere Zukunft hoffend, erwarte ich nur, Ihr Schicksal, Ihr Leben und Ihr Obdach zu theilen und Ihnen treu zu sein bis zum Tode. Nicht um mit Lucien ihr Vorrecht als Ihr Kind, Ihre Gefährtin und Ihre Freundin zu theilen; sondern um sie in dieser Rolle zu unterstützen und sie enger an Sie zu knüpfen, wenn dies möglich ist.“
Seine Hand ruhte immer noch auf der des Vaters. Indem er ihre Berührung für einen Augenblick erwiederte, aber nicht kalt, ließ der Vater beide Hände auf den Seitenlehnen des Stuhles ruhen und blickte zum ersten Male seit dem Anfang der Unterredung auf. Man sah in seinem Gesicht, daß er innerlich kämpfte; daß er kämpfte mit jenem gewöhnlichen Ausdruck, welcher eine Neigung hatte, in argwöhnischen Zweifel und scheue Furcht umzuschlagen.
„Sie sprechen mit so viel Gefühl und so männlich, Charles Darnay, daß ich Ihnen von ganzem Herzen danke, und Ihnen mein ganzes Herz ausschütten will -- wenigstens so weit ich kann. Haben Sie einen Grund zu glauben, daß Lucie Sie liebt?“
„Nein. Bis jetzt nicht.“
„Hatten Sie als nächsten Zweck dieser vertraulichen Mittheilung den Wunsch im Auge, sich dessen mit meinem Wissen zu versichern?“
„Auch das nicht. Vielleicht hätte mir die Zuversicht, es zu thun, vor einigen Wochen gefehlt; vielleicht hätte ich (irrthümlich oder nicht) diese Zuversicht morgen gehabt.“
„Verlangen Sie von mir Rath?“
„Nein, Sir. Aber ich hielt es für möglich, daß Sie im Stande sein könnten, wenn Sie es für Recht hielten, mir einigen Rath zu ertheilen.“
„Wünschen Sie ein Versprechen von mir?“
„Allerdings.“
„Welches wäre das?“
„Ich weiß recht wohl, daß ich ohne Sie keine Hoffnung haben könnte. Ich sehe recht wohl ein, daß, selbst wenn Miß Manette mich in diesem Augenblick in ihrem unschuldigen Herzen hegte -- glauben Sie nicht, daß ich so anmaßend bin, so Viel vorauszusetzen -- ich diesen Platz nicht behaupten könnte gegen ihre Liebe zu ihrem Vater.“
„Wenn dies der Fall ist, sehen Sie dann auf der andern Seite ein, was dies nach sich zieht?“
„Ich sehe eben so gut ein, daß ein Wort ihres Vaters zu Gunsten eines Bewerbers gegen ihre Ansicht und die ganze Welt entscheidend sein würde. Aus diesem Grunde, _Dr._ Manette,“ sagte Darnay bescheiden, aber fest, „möchte ich Sie nicht um dieses Wort bitten und wenn es mein Leben gälte.“
„Ich bin dessen gewiß. Charles Darnay, Geheimnisse entstehen ebenso gut aus inniger Liebe, wie aus weiter Trennung; in ersterem Falle sind sie tief und verwickelt und schwer zu durchdringen. Meine Tochter Lucie ist in dieser einen Hinsicht ein solches Geheimniß für mich; ich habe über den Zustand ihres Herzens nicht einmal eine Vermuthung.“
„Darf ich fragen, Sir, ob Sie glauben, daß --“ da er stockte, setzte der Vater den Satz fort.
„Sich ein Anderer um sie bewirbt?“
„Das wollte ich sagen.“
Der Vater überlegte ein wenig, ehe er eine Antwort gab:
„Sie haben selbst Mr. Carton hier gesehen. Auch Mr. Stryver ist gelegentlich hier. Wenn überhaupt, könnte es nur einer von diesen Beiden sein.“
„Oder Beide,“ sagte Darnay.
„Ich hatte nicht an Beide gedacht; ich halte es bei keinem von Beiden für wahrscheinlich. Sie wünschen ein Versprechen von mir zu haben. Sagen Sie, welches?“