Zwei Städte

Part 12

Chapter 123,705 wordsPublic domain

Monsieur le Marquis sah hinaus auf die unterwürfigen Gesichter, die sich vor ihm beugten, wie er sich vor Monseigneur gebeugt hatte -- der einzige Unterschied war, daß diese Häupter sich nur beugten, um zu dulden und nicht um zu schmeicheln, -- als ein ergrauter Chausseearbeiter unter die Umstehenden trat.

„Bringt mir den Kerl her!“ sagte der Marquis zu dem Courier.

Der Kerl wurde mit der Mütze in der Hand hergebracht und die andern Kerle drängten sich heran, um zuzuhören, ganz wie die Leute am Brunnen in Paris.

„Ihr standet an der Straße, als ich vorüber fuhr?“

„Ja, Monseigneur. Ich hatte die Ehre zu sehen, wie Euer Gnaden fuhren vorüber.“

„Wie ich die Höhe herauffuhr und oben auf der Höhe, nicht?“

„Ja, Monseigneur.“

„Wonach blicktet Ihr mit so starrem Auge?“

„Monseigneur, ich starrte den Mann an.“

Er bückte sich ein Wenig und wies mit seiner zerlumpten blauen Mütze unter den Wagen. Alle die Andern bückten sich auch, um unter den Wagen zu sehen.

„Was für ein Mann, Kerl? Und warum dorthin sehen?“

„Verzeihung, Monseigneur; er hing an der Kette des Hemmschuhs.“

„Wer?“ fragte der Reisende.

„Monseigneur, der Mann.“

„Der Teufel soll diese Esel holen! Wie hieß der Mann! Ihr kennt ja alle Leute dieser Gegend. Wer war der Mann?“

„Verzeihen Sie, Monseigneur! Er war nicht aus dieser Gegend. In meinem ganzen Leben habe ich ihn nie gesehen!“

„Er hing an der Kette? Um im Staube zu ersticken?“

„Mit Ihrer gnädigen Erlaubniß, Monseigneur, das war eben das Wunder. Der Kopf hing herunter. -- So!“

Er drehte sich halb um und bog sich zurück, so daß das Gesicht zum Himmel gewendet war und der Kopf hinten über hing; dann stellte er sich wieder gerade, zerdrückte die Mütze in der Hand und machte eine Verbeugung.

„Wie sah er aus?“

„Monseigneur, er war weißer, als ein Müller. Ueber und über mit Staub bedeckt, weiß wie ein Gespenst, groß wie ein Gespenst!“

Der Vergleich machte einen tiefen Eindruck auf die Umstehenden; aber alle Augen, ohne sich erst mit andern Augen ins Einvernehmen zu setzen, blickten auf Monsieur le Marquis. Vielleicht um zu sehen, ob sein Gewissen ein Gespenst belästigte.

„Wahrhaftig, es war sehr gescheut von Euch,“ sagte der Marquis, in dem glücklichen Bewußtsein, daß solches Gewürm ihn nicht ärgern dürfe, „einen Dieb unten an meinem Wagen hängen zu sehen und Euer großes Maul nicht aufzuthun. Bah! Laßt ihn gehen, Monsieur Gabelle.“

Monsieur Gabelle war Postmeister und zugleich Steuerbeamter; er war mit großem Diensteifer herausgekommen, um dem Verhör beizuwohnen und hatte mit strenger Amtsmiene den Verhörten am zerlumpten Aermel festgehalten.

„Bah! Laßt ihn gehen!“ sagte Monsieur Gabelle.

„Nehmt diesen unbekannten Mann fest, wenn er für die Nacht ein Obdach hier im Dorfe suchen sollte, und versichert Euch, daß er ehrliche Absichten hat, Gabelle.“

„Monseigneur, ich bin zu sehr geehrt, Ihre Befehle ausführen zu dürfen.“

„Lief der Kerl fort? -- Wo ist der Andere?“

Der Andere war bereits mit einem halben Dutzend besonderer Freunde unter dem Wagen und zeigte mit seiner blauen Mütze, wie der Mann an der Kette gehangen hatte. Ein anderes halbes Dutzend besonderer Freunde holte ihn rasch hervor und stellte ihn athemlos vor den Marquis hin.

„Lief der Mann fort, Kerl, als wir hielten, um zu hemmen?“

„Monseigneur, er stürzte kopfüber den Abhang hinunter, wie wenn sich Jemand in einen Fluß wirft.“

„Erkundigt Euch weiter danach, Gabelle. Kutscher, fahr’ zu!“

Das halbe Dutzend, welches die Kette beguckte, war immer noch zwischen den Rädern wie Schafe; die Räder drehten sich so rasch, daß sie sich glücklich schätzen konnten, Haut und Knochen unverletzt davon zu tragen; sie hatten wenig mehr davon zu tragen, sonst wären sie wohl nicht so glücklich gewesen.

Der rasche Lauf, in welchem der Wagen das Dorf verließ und den Abhang jenseits hinauf fuhr, wurde bald von der Steilheit des letztern verlangsamt. Allmälig verfielen die Pferde in Schritt und schwankend und polternd bewegte sich die Kutsche durch die vielen süßen Düfte einer Sommernacht. Die Postillone, deren Köpfe jetzt anstatt der Furien Tausende von Mücken umkreisten, flickten ruhig die Schwippen ihrer Peitschen aus; der Lakai ging neben den Pferden; den Courier hörte man in der dunkeln Ferne traben.

An der steilsten Stelle des Hügels befand sich ein kleiner Kirchhof mit einem Kreuz und einem neuen großen Bilde unseres Heilands daran; es war ein armseliges Holzbild, von einem ungeübten Holzschnitzer des Dorfes verfertigt, der aber den Körper nach dem Leben studirt hatte -- vielleicht nach seinem eigenen Leben -- denn er war schrecklich mager und abgezehrt.

Vor diesem traurigen Sinnbilde eines großen Elends, das seit vielen Jahren immer schlimmer geworden und noch nicht seinen Höhepunkt erreicht hatte, kniete eine Frau. Sie wendete den Kopf, als der Wagen sie erreichte, stand rasch auf und trat an den Kutschenschlag.

„Ach, Monseigneur! Monseigneur, eine Bittschrift.“

Mit einem Ausruf der Ungeduld, aber mit seinem unveränderten Gesicht, blickte der Marquis zum Wagenfenster hinaus.

„Was giebts! Immer Bittschriften!“

„Monseigneur. Um die Liebe des großen Gottes! Mein Mann, der Förster.“

„Was ist mit Eurem Manne, dem Förster? Es ist immer die alte Geschichte mit Euch Leuten. Euer Mann kann Etwas nicht bezahlen?“

„Er hat Alles bezahlt, Monseigneur, er ist gestorben.“

„Gut, so hat er Ruhe. Ich kann ihn Euch nicht wiedergeben.“

„Ach Gott, nein, Monseigneur! Aber er liegt dort unter einem dürftigen Rasenhügel.“

„Nun?“

„Monseigneur, es sind so viele dürftige Rasenhügel.“

„Was weiter?“

Sie sah alt aus, war aber jung. Sie geberdete sich in leidenschaftlichem Schmerz; abwechselnd schlug sie ihre abgezehrten Hände in wilder Leidenschaft zusammen und legte eine derselben auf den Wagenschlag -- zärtlich und liebkosend, als hätte er ein menschliches Herz und könnte die bittende Berührung fühlen.

„Monseigneur, hören Sie mich! Monseigneur, hören Sie meine Bitte! Mein Mann starb aus Mangel; so Viele sterben aus Mangel; noch Viele werden aus Mangel sterben.“

„Was dann! Kann ich sie füttern?“

„Monseigneur, das weiß der gute Gott, aber ich verlange es nicht. Ich bitte nur, daß ein Stein oder Bret mit meines Mannes Namen auf sein Grab gestellt werde, als Zeichen, wo er liegt. Sonst wird die Stelle rasch vergessen, man findet sie nicht wieder, wenn ich an derselben Krankheit sterbe und man legt mich an einen anderen dürftigen Rasenhügel. Monseigneur! es sind ihrer so viele, sie vermehren sich so rasch, es ist so wenig Platz. Monseigneur! Monseigneur!“

Der Lakai hatte sie von dem Kutschenschlage weggeschoben, die Kutsche fuhr in raschem Trabe davon, die Postillone gaben den Pferden die Peitsche, das Weib blieb weit zurück und der Marquis, wieder von Furien geleitet, ließ rasch die ein oder zwei Stunden Entfernung, welche zwischen ihnen und dem Schlosse noch lagen, hinter sich.

Die lieblichen Düfte der Sternennacht regten sich ringsum und kamen so unparteiisch, wie der Regen fällt, auch der bestaubten, zerlumpten und arbeitsmüden Gruppe am Brunnen in der Nähe zu Gute, welcher der Straßenarbeiter mit Hülfe der blauen Mütze, ohne die er Nichts war, immer noch von dem Manne wie von einem Gespenst erzählte, so lange sie zuhören wollten. Allmälig, wie sie genug hatten, verlor sich Einer nach dem Andern und Lichter funkelten in kleinen Fenstern, welche Lichter, als die Fenster dunkel wurden und mehr Sterne sich zeigten, empor an den Himmel gefahren schienen, anstatt ausgelöscht worden zu sein.

Der Schatten eines großen Hauses mit hohem Dach und vielen überhängenden Bäumen lag zu dieser Stunde auf Monsieur le Marquis; und an die Stelle des Schattens trat der Schein einer Fackel, wie die Kutsche hielt und das große Thor des Schlosses sich vor dem Marquis aufthat.

„Ist Monsieur Charles aus England angekommen?“

„Monseigneur, noch nicht!“

Neuntes Kapitel.

Das Medusenhaupt.

Es war eine schwere Gebäudemasse, dieses Schloß Monseigneurs, mit einem großen, mit Steinen gepflasterten Hof davor und einer doppelten steinernen Treppenflucht, welche hinauf zu der steinernen Terrasse vor der Hauptthür führte. Es war überhaupt eine steinerne Geschichte mit schweren Balustraden von Steinen und steinernen Urnen und steinernen Blumen und steinernen Gesichtern und steinernen Löwenköpfen in allen Richtungen. Als ob ein Medusenhaupt es angesehen, als es vor zwei Jahrhunderten fertig geworden.

Monsieur le Marquis stieg die breite Treppenflucht von niedrigen Stufen hinauf, während die Fackel ihm immer noch vorleuchtete, und die Finsterniß genug störte, um eine Eule in dem Dache des großen Stallgebäudes dort unter den Bäumen zu lauten Vorstellungen zu bewegen. Im Uebrigen war Alles so still, daß die Fackel, die dem Marquis vorleuchtete und die andere Fackel, die ein Lakai an der großen Thür in die Höhe hielt, brannten, als ob sie in einem verschlossenen Staatszimmer anstatt in der freien Nachtluft wären. Einen anderen Laut, als den Ruf der Eule, vernahm man nicht, außer dem Plätschern eines Springbrunnens in seinem steinernen Becken; denn es war eine jener dunkeln Nächte, welche ihren Athem stundenlang anhalten und dann einen langen leisen Seufzer vernehmen lassen, und ihren Athem wieder anhalten.

Die große Thür fiel schallend hinter ihm zu und Monsieur le Marquis schritt durch eine Vorhalle, ausgeschmückt mit alten Schweinsspießen, Hirschfängern und anderen Jagdgeräthen; aber auch mit schweren Reitgerten und Reitpeitschen, deren Gewicht mancher seitdem zu seinem Wohlthäter Tod gegangene Landmann gefühlt hatte, wenn der gnädige Herr schlechter Laune war.

Monsieur le Marquis mied die größeren Zimmer, die nicht erleuchtet und für die Nacht schon zugeschlossen waren, und ging, während der Fackelträger immer noch voranleuchtete, die Treppe hinauf bis zu einer Thür auf einem Corridor. Diese ging auf und gestattete ihm Zutritt in seine eigne Privatwohnung von drei Zimmern, einem Schlafgemach und zwei anderen. Hohe gewölbte Räume ohne Teppiche auf dem Fußboden, mit großen eisernen Unterlagen auf dem Heerde des Kamins, um während des Winters mit Holz zu heizen, und allem einem Marquis gebührenden Luxus in einer üppigen Zeit und einem üppigen Lande. Die Mode des letzten Ludwig von dem Geschlechte, das nie ausgehen sollte -- des vierzehnten Ludwigs -- war in der reichen Ausstattung der Gemächer vorherrschend; aber es waren auch viele Gegenstände zu erblicken, die an alte Zeiten der Geschichte von Frankreich erinnerten.

Ein Tisch war im dritten der Zimmer gedeckt. Es war ein rundes Zimmer in einem der vier Thürme mit Dächern wie Lichtauslöscher; ein kleines hohes Zimmer, dessen eines Fenster weit offen stand, während die Jalousien geschlossen waren, so daß die finstere Nacht sich nur in schmalen horizontalen schwarzen Streifen zeigte, die mit breiten Streifen von Steinfarbe abwechselten.

„Mein Neffe ist noch nicht da, wie ich höre,“ sagte der Marquis mit einem Blick auf die Vorbereitung zum Abendessen.

Er war noch nicht da; aber man hatte ihn mit Monseigneur erwartet.

„Ah! Er wird wahrscheinlich heute Abend nicht kommen; aber laßt die Tafel, wie sie ist. Ich werde in einer Viertelstunde fertig sein.“

In einer Viertelstunde war Monseigneur fertig und setzte sich allein zu seinem üppigen und auserlesenen Mahle hin. Sein Stuhl stand dem Fenster gegenüber und er hatte seine Suppe gegessen und brachte sein Glas Bordeaux an den Mund, als er es wieder wegsetzte.

„Was ist das?“ fragte er ruhig und heftete aufmerksam den Blick auf die horizontalen Streifen von schwarzer und Steinfarbe.

„Monseigneur? Was!“

„Draußen vor den Jalousien. Macht die Jalousien auf.“

Es geschah.

„Nun?“

„Monseigneur! Es ist Nichts. Die Bäume und die Nacht -- weiter ist Nichts draußen --“

Der Bediente hatte die Jalousien weit geöffnet, in die leere Nacht hinaus gesehen und drehte sich jetzt nach weiteren Verhaltungsbefehlen um.

„Gut!“ sagte der nicht aus der Fassung zu bringende Herr. „Mach’ sie wieder zu.“

Es geschah und der Marquis aß weiter. Er war halb fertig, als er abermals das halb zum Munde geführte Glas wieder hinsetzte, denn er hörte einen Wagen rollen. Er näherte sich rasch und machte vor dem Schlosse Halt.

„Sieh zu, wer gekommen ist.“

Es war der Neffe Monseigneurs. Er war zeitig am Nachmittage, nur wenige Stunden hinter Monseigneur, hergefahren. Er war rasch gefahren, aber doch nicht rasch genug, um Monseigneur unterwegs einzuholen. Man hatte ihm auf den Poststationen gesagt, daß Monseigneur vor ihm her fahre.

Man sollte ihm sagen, befahl Monseigneur, daß das Abendessen hier auf ihn warte und er gebeten werde, daran theilzunehmen. Nach einer kleinen Weile trat der Angekommene ein. In England hatte er Charles Darnay geheißen.

Monseigneur empfing ihn höflich, aber sie reichten sich nicht die Hände.

„Sie sind gestern von Paris abgereist, Sir?“ sagte er zu Monseigneur, als er an der Tafel Platz nahm.

„Gestern. Und Sie?“

„Ich komme direct.“

„Von London?“

„Ja.“

„Sie haben lange gezögert,“ sagte der Marquis mit einem Lächeln.

„Im Gegentheil, ich komme direct.“

„Verzeihen Sie! Ich glaube nicht, daß Sie unterwegs lange gezögert haben, sondern mit dem Entschluß zu reisen.“

„Ich hatte Abhaltung --“, der Neffe stockte einen Augenblick in seiner Antwort -- „in Folge von Geschäften.“

„Natürlich,“ sagte der höfliche Onkel.

So lange ein Bedienter anwesend war, ward kein Wort weiter zwischen den Beiden gewechselt. Als Kaffee servirt war und sie sich wieder allein befanden, begann der Neffe ein Gespräch, indem er den Onkel ansah und den Augen des Gesichts begegnete, das wie eine schöne Maske aussah.

„Ich kehre zurück von einer Reise in Verfolg des Zieles, das Sie kennen. Es hat mich in große, unerwartete Gefahr gebracht; aber es ist ein heiliges Ziel und wenn es mich in den Tod geführt hätte, hätte es mich, hoffe ich, aufrecht erhalten.“

„Nicht in den Tod,“ sagte der Onkel; „es ist nicht nothwendig zu sagen in den Tod.“

„Ich bezweifle sehr,“ entgegnete der Neffe, „ob, wenn es mich bis an den Rand des Grabes geführt hätte, Sie einen Finger aufgehoben hätten, um mich zu retten.“

Das Vertiefen der Grübchen in der Nase und das Längerwerden der schönen geraden Linien in dem grausamen Gesicht antworteten ominös genug auf diese Vermuthung; der Onkel machte eine anmuthig protestirende Handbewegung, welche so offenbar eine bloße Höflichkeit war, daß sie nicht beruhigen konnte.

„Wahrhaftig, Sir,“ fuhr der Neffe fort, „nach dem, was ich weiß, können Sie eben so gut ausdrücklich darauf hingewirkt haben, den verdächtigen Verhältnissen, die mich umgaben, einen noch verdächtigeren Anstrich zu geben.“

„O, nein, nein,“ sagte der Onkel mit freundlichem Lächeln.

„Sei dem, wie ihm wolle,“ fing der Neffe wieder an und sah ihn mit tiefem Mißtrauen an, „ich weiß, daß Ihre Diplomatie mich durch jedes Mittel hindern und sich in Betreff der Mittel kein Gewissen machen würde.“

„Mein Bester, das habe ich Ihnen gesagt,“ sagte der Onkel mit einem leisen Zittern über den Nasenflügeln. „Haben Sie die Güte, nicht zu vergessen, daß ich Ihnen das vor langer Zeit gesagt habe.“

„Ich erinnere mich dessen wohl.“

„Ich danke Ihnen,“ sagte der Marquis mit der liebenswürdigsten Höflichkeit.

Der Klang seiner Stimme zitterte durch die Luft fast wie der Ton eines musikalischen Instruments.

„Wahrhaftig, Sir,“ fuhr der Neffe fort, „ich glaube, es ist zu gleicher Zeit Ihr Mißgeschick und mein Glück, was mir hier in Frankreich die Freiheit läßt.“

„Ich verstehe nicht ganz,“ erwiderte der Onkel, seinen Kaffee schlürfend. „Darf ich um nähere Erläuterung bitten?“

„Ich glaube, daß, wenn Sie nicht bei Hof in Ungnade wären und zwar schon seit Jahren, mich längst ein Lettre de Cachet auf unbestimmte Zeit auf eine Festung geschickt hätte.“

„Wohl möglich,“ sagte der Onkel mit großer Ruhe. „Um der Familienehre willen könnte ich mich sogar entschließen, Ihnen diese Ungelegenheit zu verursachen. Ich bitte es zu entschuldigen.“

„Ich bemerke, daß zu meinem Glücke der Empfang bei der vorgestrigen Audienz wie gewöhnlich ein kalter gewesen ist,“ bemerkte der Neffe.

„Ich möchte nicht sagen zu Ihrem Glücke, mein Werthester,“ entgegnete der Onkel mit der größten Höflichkeit; „ich bin dessen nicht so sicher. Eine gute Gelegenheit zum Nachdenken, verbunden mit den Vortheilen der Einsamkeit, würde vielleicht auf Ihr Schicksal mehr vortheilhaften Einfluß haben, als Sie selbst haben können. Doch ist es unnütz, darüber zu reden. Wie Sie sagen, bin ich darin im Nachtheil. Diese kleinen Besserungsmittel, diese sanften Hülfen für Familienmacht und Ehre, diese kleinen Begünstigungen, die Ihnen unbequem werden können, sind jetzt nur durch Fürsprache und Zudringlichkeit zu erlangen. Sie werden von so Vielen gesucht und verhältnißmäßig so Wenigen gewährt! Es war sonst nicht so, aber Frankreich hat sich in allen diesen Dingen verschlimmert. Unsere Vorväter hatten das Recht über Leben und Tod der umwohnenden gemeinen Heerde. Aus diesem Zimmer sind viele dieser Lumpen zum Galgen geführt worden; im nächsten Zimmer, in meinem Schlafzimmer, wurde ein Bursche auf der Stelle niedergestoßen, weil er ein unverschämtes Bedenken wegen seiner Tochter hatte -- ~seiner~ Tochter! -- Wir haben viele Vorrechte verloren; eine neue Philosophie ist Mode geworden; und die Behauptung unserer Stellung könnte (ich gehe nicht so weit zu sagen, würde, aber könnte) uns heutzutage wirkliche Ungelegenheiten verursachen. Sehr traurig!“

Der Marquis nahm eine kleine Prise aus seiner Dose und schüttelte den Kopf so graziös verzweifelnd, als er anständigerweise sein konnte, verzweifelnd an einem Lande, das noch ihn besaß, dieses große Mittel der Wiedererhebung.

„Wir haben unsere Stellung in alter und neuerer Zeit so behauptet,“ sagte der Neffe düster, „daß ich glaube, unser Name ist in Frankreich mehr gehaßt, als jeder andere.“

„Das wollen wir hoffen,“ sagte der Onkel. „Haß der Großen ist die unwillkürliche Huldigung der Kleinen.“

„In diesem ganzen Lande rings um uns,“ fuhr der Neffe in seinem früheren Tone fort, „giebt es kein Gesicht, welches mich mit einem anderen Gefühle ansieht, als dem der scheuen Unterwürfigkeit, der Furcht und Sclaverei.“

„Ein Compliment für die Bedeutung der Familie,“ sagte der Marquis, „verdient durch die Art und Weise, wie die Familie ihre Bedeutung aufrecht erhalten hat. Ha!“ und er nahm wieder eine kleine Prise und legte gleichgültig die Beine über einander.

Aber als der Neffe sich mit dem Ellbogen auf den Tisch stützte und gedankenvoll und niedergeschlagen die Augen mit der Hand bedeckte, blickte die schöne Maske ihn mit einem stärkeren Ausdruck von Neugier, Mißtrauen und Abneigung an, als sich mit der angenommenen Gleichgültigkeit des Mannes vertrug.

„Zwang und Gewalt ist die einzige dauernde Philosophie. Die scheue Unterwürfigkeit der Furcht und Sclaverei, mein Bester,“ bemerkte der Marquis, „erhält die Kerle der Peitsche gehorsam, so lange dieses Dach“ -- mit einem Blick in die Höhe -- „den Himmel hinaus sperrt.“

Das dauerte möglicherweise nicht so lange, als der Marquis meinte. Wenn er diese Nacht ein Bild des Schlosses hätte sehen können, wie es und fünfzig andere in ein Paar Jahren sein würde, so hätte er wahrscheinlich kaum das seinige in den rauchgeschwärzten, ausgeplünderten Trümmern erkannt. Und was das Dach betrifft, so hätte er finden können, daß es den Himmel auf eine ganz neue Art hinaussperrte -- nämlich für immer aus den Augen der Leichen, in welche sein Blei aus hunderttausend Musketen gefeuert worden.

„Unterdessen,“ sagte der Marquis, „will ich die Ehre und Ruhe der Familie wahren, wenn Sie es nicht thun wollen. Aber Sie müssen müde sein. Wollen wir unsere Conferenz für heute schließen?“

„Noch einen Augenblick!“

„Eine Stunde, wenn Sie wünschen.“

„Sir!“ sagte der Neffe, „wir haben Unrecht gethan und ernten jetzt die Früchte.“

„~Wir~ haben Unrecht gethan?“ wiederholte der Marquis mit einem fragenden Lächeln und deutete erst höflich auf seinen Neffen, dann auf sich.

„Unsere Familie; unsere ehrenreiche Familie, deren Ehre uns Beiden so sehr und in so verschiedener Weise am Herzen liegt. Selbst bei meines Vaters Lebzeiten haben wir unendliches Unrecht gethan und jede menschliche Creatur verletzt, die zwischen uns und unsere Laune trat. Aber brauche ich von meines Vaters Zeit zu sprechen, da sie zugleich die Ihrige war? Kann ich meines Vaters Zwillingsbruder, Miterben und nächsten Erbfolger von ihm trennen?“

„Das hat der Tod besorgt,“ sagte der Marquis.

„Und hat mich hier gelassen,“ gab der Neffe zur Antwort, „gefesselt an ein System, das mir entsetzlich ist, für das ich verantwortlich bin, in welchem mir aber jede Macht fehlt, Etwas zu thun; beständig bemüht, die letzte Bitte aus dem Munde meiner geliebten Mutter zu erfüllen und dem letzten Blick meiner geliebten Mutter zu gehorchen, die mich bat, Erbarmen zu haben und zu helfen; und fortwährend von dem Schmerz gequält, Beistand und Macht zum Helfen vergebens zu suchen.“

„Wenn Sie sie bei mir suchen, lieber Neffe,“ sagte der Marquis, indem er mit dem Zeigefinger seine Brust berührte, „so suchen Sie vergebens, dessen können Sie sicher sein.“

Jede von den fein gezogenen Furchen in dem fleckenlosen weißen Gesicht zog sich grausam und tückisch zusammen, wie er, die Dose in der Hand, seinen Neffen ruhig ansah. Noch einmal tupfte er ihn auf die Brust, als ob sein Finger die feine Spitze eines Degens wäre, welchen er ihm mit gewandter Kunst durch das Herz stieße, und sagte:

„Verehrtester, ich werde sterben und das System, unter welchem ich gelebt habe, Ihnen vermachen.“

Als er das gesagt hatte, nahm er noch eine letzte Prise und steckte die Dose in die Tasche.

„Seien Sie lieber vernünftig,“ setzte er dann hinzu, nachdem er mit einer kleinen Klingel auf dem Tische geschellt hatte, „und fügen Sie sich in Ihr natürliches Schicksal. Aber Sie sind verloren, Monsieur Charles.“

„Diese Besitzungen und Frankreich sind für mich verloren,“ sagte der Neffe düster; „ich entsage ihnen.“

„Können Sie ihnen schon entsagen? Frankreich vielleicht, aber der Besitzung? Es ist kaum der Mühe werth, es zu erwähnen; aber können Sie jetzt schon darüber verfügen?“

„Diesen Sinn wollte ich meinen Worten nicht geben. Wenn sie morgen von Ihnen an mich fielen --“

„Was, wie ich eitel genug bin zu hoffen, nicht wahrscheinlich ist --“

„-- oder in zwanzig Jahren --“

„Sie erweisen mir zu viel Ehre,“ sagte der Marquis; „dennoch ziehe ich diese Annahme vor.“

„-- So würde ich sie aufgeben und anderswo und irgendwie leben. -- Ich gäbe wenig hin, denn was ist es hier mehr als ein Labyrinth von Elend und Verderben!“

„Ah?!“ sagte der Marquis und ließ seinen Blick durch das üppig ausgestattete Zimmer streifen.

„Dem Auge erscheint es hier schön genug; aber bei Tageslicht und unter freiem Himmel gesehen, ist es ein wüster Haufe von Verschwendung, schlechter Wirthschaft, Erpressung, Ueberschuldung, Tyrannei, Hunger, Nacktheit und Jammer.“

„Ah?!“ sagte der Marquis wieder in selbstzufriedener Weise.

„Wenn die Besitzung jemals mein Eigenthum wird, so gebe ich sie in eine Hand, welche besser geeignet ist, sie langsam, wenn es überhaupt möglich ist, von der Last zu befreien, die sie niederdrückt, so daß die armen Leute, welche sie nicht verlassen können und bis zur letzten Möglichkeit des Erduldens gedrückt worden sind, in einer andern Generation Aussicht haben, weniger zu leiden; aber meine Arbeit kann dies nicht sein. Es liegt ein Fluch darauf und auf diesem ganzen Lande.“

„Und Sie?“ fragte der Onkel. „Verzeihen Sie meine Neugier; gedenken Sie mit Hülfe Ihrer neuen Philosophie zu leben?“

„Um zu leben, muß ich thun, was andere meiner Landsleute, trotz ihres adeligen Wappens, vielleicht seiner Zeit werden thun müssen -- arbeiten --“

„In England zum Beispiel?“

„Ja. Die Familienehre ist in diesem Lande sicher vor mir. Der Familienname kann von mir in keinem andern Lande leiden, denn ich führe ihn in keinem andern.“