Part 11
Monseigneur war vergangene Nacht bei einem kleinen Souper gewesen, wo das Lustspiel und die große Oper in reizender Weise vertreten waren. Monseigneur war fast alle Nächte in bezaubernder Gesellschaft bei kleinen Soupers. So höflich und empfänglich war Monseigneur, daß Lustspiel und große Oper bei ihm viel mehr Einfluß auf die langweiligen Geschichten von Staatsangelegenheiten und Staatsgeheimnissen hatten, als die Bedürfnisse und Nöthen ganz Frankreichs. Ein glückliches Verhältniß für Frankreich, wie das stets so ist bei allen gleichbegünstigten Ländern! Wie es immer war für England (um ein Beispiel zu nehmen) in den vielbeklagten Tagen des lustigen Stuarts, der es verkaufte.
Monseigneur hatte einen wahrhaft edlen Begriff von allgemeinen Staatsgeschäften und dieser war, Jegliches in seiner Weise seinen Weg gehen zu lassen; und von besonderen Staatsgeschäften hatte Monseigneur den andern edlen Begriff, daß sie alle seinetwegen dawären, zur Vergrößerung seiner Macht und Bereicherung seiner Tasche. Von seinen allgemeinen und besonderen Genüssen und Freuden hatte Monseigneur die wahrhaft edle Meinung, daß die Welt ihretwegen dasei. Der Text seines Buches (von dem Original nur in einem einzigen Worte abweichend, was nicht viel bedeuten will) lautete: „die Erde und ihre Fülle sind mein, sagt Monseigneur.“ Trotzdem entdeckte Monseigneur langsam, daß seine Privat- und Staatsangelegenheiten in eine gemeine Verwirrung geriethen; und er hatte sich für beide einen Generalpächter zum Compagnon genommen. Für die Staatsfinanzen, weil Monseigneur durchaus Nichts mit denselben ausrichten konnte und sie daher Jemandem verpachten mußte, der mit ihnen fertig ward; für die Privatfinanzen, weil Generalpächter reich waren und Monseigneur, nachdem Generationen in großem Luxus und großer Verschwendung gelebt hatten, arm wurde. Demgemäß hatte Monseigneur seine Schwester aus einem Kloster genommen, so lange es noch Zeit war, dem Tod im Schleier, der billigsten Tracht, die sie tragen konnte, zu entgehen, und hatte mit ihrer Hand einen sehr reichen Generalpächter, der arm an Ahnen war, beglückt. Dieser Generalpächter, ausgerüstet mit einem vorschriftsmäßigen Rohrstock, mit einem goldenen Apfel oben darauf, befand sich jetzt unter den Wartenden in den Vorzimmern; demüthig verehrt von den Menschen, -- immer mit Ausnahme der höheren Menschen vom Geblüt Monseigneurs, der eben so wie die eigene Gemahlin auf ihn mit der großartigsten Verachtung herabblickte.
Der Generalpächter war ein glanzvoller Mann. Dreißig Pferde standen in seinen Ställen, vierundzwanzig Bediente saßen in seinem Palaste, sechs Frauen bedienten seine Gemahlin. Als Einer, der keinen andern Beruf vorschützte, als zu rauben und Beute zu machen, wo er konnte, war der Generalpächter -- wie viel immer seine ehelichen Verhältnisse zur Sittlichkeit im Allgemeinen beitragen mochten -- wenigstens die größte Wirklichkeit unter allen den Personen, die heute im Hotel Monseigneurs auf Audienz warteten.
Denn die Gemächer, obgleich sie einen schönen Anblick darboten und mit jeder Verschiedenheit von Decoration ausgeschmückt waren, welche Geschmack und Kunst jener Zeit ersinnen konnten, waren in Wahrheit betrachtet keine gesunde Sache; in Bezug auf die Vogelscheuchen in Lumpen und Nachtmützen anderswo (und nicht so weit weg, daß die Wartthürme von Notre-Dame, von beiden Extremen fast gleich weit entfernt, sie nicht beide hätten sehen können) wären sie eine ausnehmend unbehagliche Sache gewesen -- wenn das in Monseigneurs Palast überhaupt hätte Jemandes Sache sein können. Offiziere ohne militärische Kenntnisse; Schiffscapitäne, die nie ein Schiff gesehen hatten; Beamte, die keinen Begriff von Geschäften hatten; Geistliche mit eherner Stirn in der schlimmsten Welt weltlich gesinnt, wollüstigen Blicks, lockerer Zunge und noch lockerern Lebenswandels; Alle für ihren Beruf vollständig unfähig, Alle der frechsten Lüge schuldig, indem sie behaupteten, ihrem Berufe anzugehören, aber Alle in näherem oder fernerem Grade Standesgenossen Monseigneurs und deshalb in alle Staatsstellen gepfropft, bei denen Etwas zu verdienen war, konnten dutzendweise abgezählt werden. Leute, die mit Monseigneur oder dem Staat in keiner unmittelbaren Verbindung standen, aber ebenso wenig mit irgend Etwas, was echt und wirklich war, und die nie in ihrem Leben versucht hatten, ein wahres irdisches Ziel auf geradem Wege zu erreichen, waren in Ueberfluß vorhanden. Aerzte, die sich große Vermögen mit Geheimmitteln für eingebildete Krankheiten, die es nicht gab, erworben, lächelten in den Vorzimmern Monseigneurs ihre hochgebornen Patienten an. Projectenmacher, die jegliches Mittel zur Heilung der kleinen Krankheiten, an welchen der Staat litt, erfunden hatten, mit Ausnahme des Mittels, ernstlich an’s Werk zu gehen, um eine einzige Sünde mit der Wurzel auszurotten, betäubten bei der Audienz Monseigneurs mit ihrem bethörenden Geschwätz jedes Ohr, dessen sie habhaft werden konnten. Ungläubige Philosophen, welche die Welt mit Worten neu erschufen und babylonische Thürme aus Karten erbauten, um den Himmel damit zu erstürmen, sprachen in dieser glänzenden, bei Monseigneur versammelten Gesellschaft mit ungläubigen Chemikern, die sich mit Goldmachen beschäftigten. Feine Herren von der feinsten Erziehung, welche in jener merkwürdigen Zeit -- wie auch jetzt noch -- erkannt ward an ihren Früchten der Gleichgültigkeit gegen Alles, was werth ist, die Theilnahme des menschlichen Herzens in Anspruch zu nehmen, befanden sich in dem Hotel Monseigneurs in dem musterhaften Zustande geistiger Erschöpfung. Was die Häuslichkeiten betrifft, welche diese verschiedenen angesehenen Leute in der vornehmen Welt von Paris verlassen hatten, so wäre es den Spionen unter den versammelten Anbetern Monseigneurs -- die eine gute Hälfte der ganzen feinen Gesellschaft ausmachten -- schwer geworden, unter den Engeln dieser Sphäre ein einziges Weib zu entdecken, das sich durch ihr Aussehen oder ihr Benehmen als Mutter bekannt hätte. Ueberhaupt war über den bloßen Act hinaus, einem solchen kleinen Störenfried das Leben zu geben -- womit der Name Mutter lange noch nicht verdient ist -- in der modischen Welt so Etwas gar nicht bekannt. Bauerfrauen behielten die unmodischen Bälger bei sich und zogen sie auf, und reizende Großmütter von sechszig Jahren kleideten sich und soupirten, als ob sie zwanzig wären.
Der Aussatz der Unwirklichkeit entstellte jedes Menschenkind, das bei Monseigneur auf Audienz wartete. In den vordersten Vorzimmern befand sich ein halbes Dutzend Ausnahmemenschen, welche seit einigen Jahren eine unbestimmte Ahnung hatten, daß die Welt im Allgemeinen eher schief ginge. Um sie wieder auf den geraden Weg zu bringen, waren die Hälfte desselben Dutzend Mitglieder einer phantastischen Secte von Convulsionären geworden und überlegten eben jetzt bei sich, ob sie nicht auf der Stelle mit schäumendem Munde und Gebrüll in Epilepsie verfallen sollten -- um damit zu Monseigneurs Leitung für die Zukunft einen außerordentlich verständlichen Wegweiser zu setzen. Außer diesen Derwischen gab es noch drei andere, Mitglieder einer andern Secte, welche die Welt mit einem Kauderwälsch von dem „Centrum der Wahrheit“ bessern wollte und behauptete, die Menschheit wäre aus dem Centrum der Wahrheit herausgekommen -- was nicht vielen Beweises bedurfte --, aber noch nicht aus der Peripherie, und damit sie nicht über die Peripherie hinausfliege und sogar wieder in den Mittelpunkt komme, müsse man fasten und Geister citiren. Diese Leute hatten demnach einen lebhaften Verkehr mit der andern Welt -- und verrichteten damit außerordentlich viel Gutes, das man nur leider nie zu sehen bekam.
Aber der Haupttrost war, daß die ganze Gesellschaft im Hotel Monseigneurs tadellos angezogen war. Wenn man nur hätte sicher sein können, daß der Tag des Gerichts ein Gallatag sein werde, so hätte jeder der Versammelten in alle Ewigkeit die Prüfung bestanden. Ein solches Frisiren und Pudern und Pomadisiren des Haares und so kunstvolles Schminken und Malen, so tapfere Degen für das Auge und so zartes Huldigen des Geruchssinnes mußten sicherlich alles Mögliche in alle Ewigkeit im besten Glanze erhalten. Die feinsten Herren von der feinsten Erziehung trugen an ihren Uhren niedliche Kleinodien, welche klimperten, wie sie sich schläfrig bewegten; diese goldenen Fesseln läuteten wie liebliche Glöckchen; und mit diesem Läuten und dem Rauschen von Brocat und Seide und feinem Linnen ging ein Regen durch die Luft, welches St. Antoine und seinen nagenden Hunger weit hinweg wehte.
Costüm war der eine unfehlbare Talisman und Zauber, der jegliches Ding auf seinem Platze erhalten mußte. Jedermann war für eine Maskerade costümirt, die nie aufhören sollte. Vom Tuilerienpalaste durch Monseigneur und den ganzen Hof, durch die Kammern, die Gerichtshöfe und die ganze Gesellschaft (mit Ausnahme der Vogelscheuchen) stieg die Maskerade bis zum Henker herab, der, um den Zauber nicht zu brechen, frisirt, gepudert, in goldbetreßtem Rock, Schuhen und weißseidenen Strümpfen sein Amt verrichten mußte. An Galgen und Rad -- das Beil war eine Seltenheit -- verrichtete Monseigneur Paris, wie nach bischöflichem Brauche seine Collegen aus der Provinz, Monsieur Orleans und die Andern, ihn nannten, in diesem schmucken Aufzuge sein Amt. Und wer unter der Gesellschaft an Monseigneurs Audienztag in diesem 1780sten Jahre unseres Herrn hätte zweifeln können, daß ein System, das seine Wurzel in einem frisirten und gepuderten Henker im Tressenrock, Schuhen und weißseidenen Strümpfen hatte, nicht selbst die Sterne überdauern würde!
Nachdem Monseigneur seine vier Leute ihrer Lasten entledigt und seine Chocolade zu sich genommen hatte, ließ er die Flügelthüren des Allerheiligsten aufthun und trat hinaus. O, die Unterwürfigkeit, die krummen Rücken und schmeichelnden Gesichter, die Servilität, die niedere Kriecherei, die jetzt zu sehen waren! Was das Demüthigen, körperlich und geistig, betrifft, so blieb in dieser Hinsicht Nichts für den Himmel übrig -- was einer von den vielen Gründen gewesen sein mag, warum die Anbeter Monseigneurs ihn niemals belästigten.
Mit einem Worte der Verheißung hierhin und einem Lächeln dorthin, einem geflüsterten Wort für einen glücklichen Sclaven und einem Gruß mit der Hand für einen andern, wandelte Monseigneur leutselig durch seine Gemächer bis in die entlegene Region der Peripherie der Wahrheit. Dort kehrte Monseigneur um und ging desselbigen Weges zurück und schloß sich im gehörigen Verlauf der Zeit wieder ein in sein Allerheiligstes mit den Chocoladengeistern und ward nicht mehr gesehn.
Nachdem das Schauspiel vorüber war, wurde das Regen in der Luft fast zu einem kleinen Sturm und die lieblichen Glöckchen läuteten die Treppen hinunter. Bald blieb von dem ganzen Gedränge nur ein einziger Herr zurück und dieser, mit dem Hute unter dem Arm und der Tabaksdose in der Hand, ging langsam an den Spiegeln vorüber hinaus.
„Ich widme Euch dem Teufel!“ sagte dieser Herr, indem er in der letzten Thür stehen blieb und das Gesicht dem Allerheiligsten zukehrte.
Damit schüttelte er den Tabak von seinen Fingerspitzen, als ob er den Staub von seinen Füßen geschüttelt hätte und ging ruhig die Treppe hinab.
Er war ein Mann von ungefähr sechszig Jahren in schönen Kleidern, von stolzem Benehmen und mit einem Gesicht, gleich einer schönen Maske. Ein Gesicht von durchsichtiger Blässe; jeder Zug in demselben deutlich ausgeprägt, ein feststehender Ausdruck auf demselben. Die Nase, sonst tadellos geformt, hatte über jedem Nasenflügel eine kleine Vertiefung. In diesen beiden Vertiefungen ging die einzige kleine Veränderung vor sich, welche das Gesicht überhaupt jemals zeigte. Sie veränderten manchmal die Farbe und sie erweiterten und zogen sich manchmal zusammen durch Etwas wie ein schwaches Pulsiren; dann verliehen sie dem ganzen Gesicht einen Ausdruck der Falschheit und Grausamkeit. Betrachtete man es genauer, so entdeckte man, daß dieser Ausdruck durch die Linien des Mundes und die viel zu gerade und dünne Abgrenzung der Augäpfel unterstützt ward. Dennoch war das Gesicht in der Wirkung, die es hervorbrachte, ein schönes Gesicht und ein merkwürdiges Gesicht.
Der Besitzer desselben ging die Treppe hinunter in den Hof, stieg in seinen Wagen und fuhr fort. Während der Audienz hatten nicht Viele von den Versammelten mit ihm gesprochen; er hatte einen kleinen freien Raum um sich gehabt und Monseigneur hätte wärmer gegen ihn sein können. Unter diesen Umständen that es ihm fast wohl, das gemeine Volk vor seinen Pferden Platz machen und oft kaum dem Ueberfahrenwerden entgehen zu sehen. Sein Kutscher fuhr, als ob er auf einen Feind losstürmte und sein wüthendes Jagen vermochte den Herrn weder zu einer Miene noch zu einem Worte des Tadels. Selbst in dieser tauben Stadt und in diesem stummen Zeitalter war manchmal die Klage laut geworden, daß in den engen Straßen ohne Fußweg die rücksichtslose Patriziergewohnheit schnellen Fahrens das gewöhnlichere Volk in Gefahr brachte, die gesunden Glieder oder gar das Leben zu verlieren. Aber Wenige kümmerten sich so sehr darum, um ein zweites Mal daran zu denken und in dieser Weise, wie in allen andern, überließ man es dem großen Haufen, sich aus seiner Noth zu finden, so gut er konnte.
Mit wildem Rasseln und Klappern und einer unmenschlichen Rücksichtslosigkeit, die man heutzutage nicht gut begreift, jagte der Wagen durch die Straßen und um Ecken herum, während Weiber laut schreiend vor ihm aus einander stoben und Männer einander bei dem Arm packten und Kinder aus dem Wege rissen. Endlich beim Umbiegen um eine Straßenecke bei einem Brunnen kam einem der Räder Etwas in den Weg, ein lauter Schrei ertönte aus dem Volke und die Pferde stiegen und schlugen aus.
Wenn letzteres nicht gewesen wäre, hätte der Wagen wahrscheinlich nicht gehalten; oft schon waren Wagen weiter gefahren und hatten ihre Verwundeten liegen lassen, und warum auch nicht? Aber der erschrockene Diener sprang hastig herunter und zwanzig Hände hatten die Zügel der Pferde gefaßt.
„Was ist geschehen?“ sagte Monsieur und sah ruhig aus dem Wagen heraus.
Ein langer Mann in einer Nachtmütze hatte ein Bündel unter den Hufen der Pferde hervorgerissen, hatte es auf den Unterbau des Brunnens gelegt, kniete in dem Schmutze und der Nässe der Straße nieder und heulte darüber wie ein wildes Thier.
„Pardon, Monsieur le Marquis!“ sagte ein zerlumpter Mann mit unterwürfiger Geberde, „es ist ein Kind.“
„Wozu macht er diesen abscheulichen Lärm? Ist es sein Kind?“
„Entschuldigen Sie, Monsieur le Marquis -- es ist recht traurig -- ja.“
Der Brunnen stand in einiger Entfernung; denn die Straße öffnete sich, wo er stand, auf einen kleinen freien Platz von fünfzehn oder zwanzig Schritten Breite. Wie der lange Mann plötzlich vom Erdboden aufsprang und auf den Wagen zugelaufen kam, legte Monsieur le Marquis einen Augenblick die Hand an den Degen.
„Todt!“ schrie der Mann in wilder Verzweiflung, indem er beide Arme gen Himmel erhob und den vornehmen Mann mit starrem Blick ansah. „Todt!“
Die Menge drängte sich um den Wagen und heftete die Blicke auf Monsieur le Marquis. In den vielen Augen, die ihn ansahen, zeigte sich Nichts, als Neugier und Spannung; kein Drohen und kein Zorn. Das Volk sagte auch Nichts; nach dem ersten Schrei war es stumm und blieb auch so. Die Stimme des unterwürfigen Mannes, der gesprochen hatte, war in ihrer übermäßigen Unterwürfigkeit tonlos und matt. Monsieur le Marquis ließ seine Blicke über sie hinschweifen, als ob sie Alle Nichts als Ratten wären, eben aus ihren Löchern hervorgekrochen.
Er zog die Börse.
„Ich kann mich nicht genug wundern,“ sagte er, „daß Ihr Leute Euch selbst und Eure Kinder nicht mehr in Acht nehmt. Einer oder der Andere von Euch ist immer im Wege. Wie kann ich wissen, welchen Schaden Ihr meinen Pferden gethan habt? Hier, gebt ihm das.“
Er warf ein Goldstück hinaus, daß der Diener es auflese und alle Hälse wurden lang, um zu sehen, wo es hinfiel. Der lange Mann schrie wieder in einem Tone, der nicht aus einer Menschenbrust zu kommen schien. „Todt!“
Die rasche Ankunft eines andern Mannes, dem die Uebrigen Platz machten, unterbrach ihn. Als der Arme diesen sah, fiel er schluchzend und weinend an seine Brust und wies auf den Brunnen, wo einige Frauen die kleine Leiche umstanden und sich scheu und sanft darum bewegten. Aber sie waren so stumm wie die Männer.
„Ich weiß Alles, ich weiß Alles,“ sagte der zuletzt Angekommene. „Faßt Euch, mein Gaspard! Besser für das arme kleine Wesen, so zu sterben, als zu leben. Es ist in einem Augenblick ohne Schmerz gestorben. Hätte es eine Stunde so glücklich leben können?“
„Ihr seid ein Philosoph, Freund,“ sagte der Marquis mit einem Lächeln. „Wie heißt Ihr?“
„Ich heiße Defarges.“
„Was seid Ihr?“
„Monsieur le Marquis, Weinschenk.“
„Hier nehmt, Philosoph und Weinschenk,“ sagte der Marquis und warf ihm ein Goldstück hin, „und verthut es nach Belieben. Kutscher, fahr’ zu!“
Ohne die versammelte Menge eines zweiten Blickes zu würdigen, lehnte sich Monsieur le Marquis in den Wagen zurück und es sollte eben weiter gefahren werden mit der Miene eines vornehmen Herrn, der zufällig etwas ganz Gemeines zerbrochen und es bezahlt hatte und das Geld entbehren konnte, als seine Seelenruhe plötzlich dadurch gestört wurde, daß ein Geldstück in den Wagen flog und klimpernd auf den Boden fiel.
„Halt!“ sagte Monsieur le Marquis. „Halt, Kutscher: Wer hat geworfen?“
Er blickte nach der Stelle, wo Defarges, der Weinschenk, noch vor einer Secunde gestanden hatte; aber der unglückliche Vater kniete auf dieser Stelle suchend auf dem Pflaster, und die Gestalt, welche neben ihm stand, war eine brunette, starke Frau, welche strickte.
„Ihr Hunde!“ sagte der Marquis, aber ruhig und mit unverändertem Gesicht, außer um die Vertiefung über den Nasenflügeln. „Ich würde ohne Anstand über Jeden von Euch wegfahren und ihn von der Erde vertilgen. Wenn ich wüßte, welcher Lump geworfen hat, und wenn er nahe genug wäre, wollte ich ihn mit den Rädern meines Wagens zermalmen.“
So gedrückt waren diese Menschen und so lange und so schlimme Erfahrung hatten sie von dem, was ein solcher Mann innerhalb des Gesetzes und über dasselbe hinaus ihnen anthun konnte, daß sich kein Mund, keine Hand, nicht einmal ein Auge regte. Unter den Männern nicht bei einem Einzigen. Aber die strickende Frau erhob die Augen und sah den Marquis fest in’s Gesicht. Es war nicht seiner Würde gemäß, das zu beachten; verachtungsvoll schweifte sein Blick über sie und alle die andern Ratten weg, und er legte sich wieder in den Wagen zurück und gab wieder den Befehl: „Fahr’ zu!“
Er fuhr fort und andere Kutschen fuhren ebenfalls in rascher Aufeinanderfolge vorüber; der Minister, der Staatsprojectenmacher, der Generalpächter, der Arzt, der Jurist, der Geistliche, die große Oper, das Lustspiel, der ganze Maskenball im bunten, ununterbrochenen Zuge fuhren vorüber. Die Ratten waren aus ihren Löchern hervorgekrochen, um das Schauspiel anzusehen und sie sahen ihm stundenlang zu, wobei Soldaten und Polizei oft zwischen sie und das Schauspiel traten und eine Kette bildeten, hinter welche sie sich verkrochen und durch die sie lugten. Der Vater hatte schon längst die kleine Leiche aufgehoben und war damit davon geschlichen, als die Frauen, welche sie mitleidig umstanden hatten, wie sie auf dem Unterbau des Brunnens lag, noch dort saßen und dem Rieseln des Wassers und dem Vorbeifahren des Maskenballes zusahen, -- als das eine Weib, das, vor allen andern bemerklich, strickend dagestanden hatte, immer noch mit dem ruhigen Ausharren des Schicksals fortstrickte. Das Wasser des Brunnens rinnt dahin, der schnelle Fluß rinnt dahin, der Tag verrinnt in den Abend, so viel Leben in der Stadt verrinnt in den Tod, nach der Regel, „Zeit und Fluth warten auf Niemand.“ Die Ratten schliefen dicht zusammengedrängt wieder in ihren dunkeln Löchern, der Maskenball saß im hellen Kerzenschein beim Souper und jegliches Ding ging seines Weges.
Achtes Kapitel.
Monsieur le Marquis auf dem Lande.
Eine schöne Landschaft, von goldenen, aber nicht dichtbestandenen Weizenfeldern unterbrochen, Fleckchen dünn stehenden Roggens, wo Weizen hätte stehen sollen, Fleckchen kümmerlicher Bohnen und Erbsen, Fleckchen anderer geringer Stellvertreter für Weizen. Die unbelebte Natur war wie die Männer und Frauen, welche sie bewirthschafteten, mit einer vorherrschenden Neigung behaftet, sich als widerwillig vegetirend darzustellen,-- mit einer niedergedrückten Stimmung sich aufzugeben und zu verwelken.
Monsieur le Marquis in seiner Reisekutsche (welche leichter hätte sein können), gefahren von vier Postpferden und zwei Postillons, fuhr langsam einen steilen Hügel hinauf. Ein rother Schimmer auf dem Antlitze Monsieurs le Marquis konnte seiner Vornehmheit keinen Eintrag thun; er kam nicht von inwendig; er rührte von einem außer seiner Controle stehende äußeren Umstande her, von der untergehenden Sonne.
Der Sonnenuntergang schien so glänzend in die Reisekutsche, als sie die Höhe erreichte, daß der darin Sitzende wie mit Purpur übergossen war. „Es wird gleich vorbei sein,“ sagte Monsieur le Marquis, mit einem Blick auf seine Hände.
In der That stand die Sonne so tief, daß sie gleich darauf unter den Horizont versank. Als der schwere Hemmschuh an das Rad gelegt war und der Wagen mit einem brenzlichen Geruch in einer Staubwolke den Berg hinabrutschte, verschwand die rothe Gluth rasch; da die Sonne und der Marquis mit einander bergunter gingen, war keine Gluth mehr vorhanden, als der Hemmschuh wieder entfernt ward.
Aber es blieb noch eine wellenförmige Landschaft, malerisch und weit, ein Dörfchen am Fuße eines Hügels, ein Abhang und Hügelrücken dahinter, ein Kirchthurm, eine Windmühle, ein Forst für die Jagd und ein Fels mit einer Burg auf der Spitze, die als Gefängniß diente. Auf alle diese allmälig in der niedersinkenden Dämmerung verschwimmenden Gegenstände blickte der Marquis mit der Miene eines Mannes, der sich der Heimath nähert.
Das Dörfchen hatte eine einzige ärmliche Straße, mit einer ärmlichen Brauerei, einer ärmlichen Gerberei, einer ärmlichen Schenke, einer ärmlichen Stallung für die Relais der Postpferde, einem ärmlichen Brunnen und allem andern gewöhnlichen ärmlichen Zubehör. Es hatte auch seine armen Einwohner. Alle seine Bewohner waren arm und viele derselben saßen vor ihren Hausthüren und schnitten Zwiebeln und Aehnliches zum Abendessen, während viele an dem Brunnen standen und Blätter und Gras und andere ähnliche Früchte der Erde, welche zur Noth gegessen werden konnten, wuschen. Ausdrucksvolle Anzeichen von dem, was sie arm machte, fehlten nicht; die Abgaben für den Staat, die Abgaben für die Kirche, die Abgaben für den Grundherrn, Localabgaben und Staatsabgaben mußten hier und dort bezahlt werden, wie ein großes Schild im Dörfchen sagte, so daß man sich wunderte, wie vom Dörfchen überhaupt noch Etwas übrig blieb.
Wenige Kinder waren sichtbar und keine Hunde. Was Männer und Weiber betrifft, so war ihre Wahl auf Erden sehr beschränkt -- ein Leben unter den niedrigsten Bedingungen, unter denen es erhalten werden konnte, unten in dem Dörfchen unter der Mühle; oder Gefangenschaft und Tod in dem dräuenden Gefängniß auf dem Felsen.
Verkündet durch einen vorausreitenden Courier und von dem Klatschen der Peitschen seiner Postillone, die sich in der Abendluft schlangenartig um ihre Köpfe bewegten, als ob die Furien ihn begleiteten, ließ Monsieur le Marquis den Reisewagen an der Thür der Post anhalten. Sie war dicht beim Brunnen und die Landleute unterbrachen neugierig ihre Beschäftigung. Er ließ seine Blicke über sie wegschweifen und sah in ihnen, ohne es zu wissen, das langsame und sichere Abzehren von Antlitz und Gestalt durch Noth und Kummer, welches die Magerkeit der Franzosen zu einem englischen Aberglauben machte, der die Wahrheit fast hundert Jahre überleben sollte.