Part 10
Sie kam aus dem Munde der Miß Proß, des wilden, rothen Frauenzimmers mit der kräftigen Hand, dessen Bekanntschaft er zuerst in dem Gasthaus „König Georg“ in Dover gemacht und seitdem cultivirt hatte.
„Ich sollte meinen,“ fing Mr. Lorry wieder an.
„Pah! Sie wollen meinen!“ sagte Miß Proß; und Mr. Lorry redete nicht weiter.
„Wie gehts Ihnen?“ fragte dann die Dame mit einiger Schärfe und doch so, als wollte sie ausdrücken, daß sie ihm nicht böse sei.
„Ich befinde mich ziemlich wohl, ich danke Ihnen,“ antwortete Mr. Lorry bescheiden, „wie geht es Ihnen?“
„Nicht übermäßig gut,“ sagte Miß Proß.
„Wirklich?“
„Ja, wirklich,“ sagte Miß Proß. „Mein Herzblättchen macht mir viel Sorgen.“
„Wirklich?“
„Um des Himmels Willen, sagen Sie etwas Anderes, als Ihr ewiges Wirklich, oder Sie peinigen mich zu Tode,“ sagte Miß Proß, deren Charakter, abgesehen von ihrer Statur, äußerste Kürze war.
„Also in der That,“ sagte Mr. Lorry, der Veränderung wegen.
„In der That ist schlecht genug,“ entgegnete Miß Proß, „aber besser. Ja, ich mache mir sehr viel Sorgen.“
„Darf ich nach der Ursache fragen!“
„Mir kann es nicht gleich sein, wenn Leute, die meines Herzblättchens durchaus nicht werth sind, dutzendweise hierher kommen, um sie zu sehen,“ sagte Miß Proß.
„Kommen Dutzende zu diesem Zwecke?“
„Hunderte,“ sagte Miß Proß.
Es war dieser Dame eigenthümlich (wie einigen andern Leuten vor ihrer Zeit und seither), daß sie, so oft ihre ursprüngliche Behauptung in Frage gestellt wurde, dieselbe übertrieb.
„Du meine Güte!“ bemerkte Mr. Lorry, als das Sicherste, was er thun konnte.
„Ich habe mit dem guten Kinde zusammengewohnt -- oder das gute Kind hat bei mir gewohnt und mich dafür bezahlt, was ich gewiß nicht verlangt hätte, darauf können Sie schwören, wenn ich mir oder ihr mit Nichts das Leben hätte fristen können, -- seitdem sie zehn Jahre alt war. Und es ist wirklich sehr hart,“ sagte Miß Proß.
Da Mr. Lorry nicht mit Bestimmtheit errathen konnte, was sehr hart sei, schüttelte er den Kopf, indem er diesen wichtigen Theil seines Selbst als eine Art Feenmantel brauchte, der jeglichem Dinge paßte.
„Immer finden sich allerlei Leute, die nicht im Mindesten meines Herzblättchens würdig sind,“ sagte Miß Proß. „Als Sie damit anfingen --“
„Ich soll damit angefangen haben, Miß Proß?“
„Nun, wer denn? Wer hat denn ihren Vater wieder lebendig gemacht?“
„Ach! Wenn das der Anfang war, --“ sagte Mr. Lorry.
„Nun, das Ende war es doch gewiß nicht, sollte ich meinen? Ich sage, als Sie damit anfingen, war es hart genug; nicht daß ich an _Dr._ Manette Etwas auszusetzen habe, außer daß er einer solchen Tochter nicht würdig ist, was keine Schande für ihn ist, denn es war unter keinen Verhältnissen zu erwarten, daß Jemand ihrer würdig sein sollte. Aber es ist wahrhaftig doppelt und dreifach hart, wenn nach ihm (dem ich es hätte verzeihen können) noch eine Unzahl Leute kommen, um mir meines Herzblättchens Liebe wegzunehmen.“
Mr. Lorry wußte, daß Miß Proß sehr eifersüchtig war, aber er wußte jetzt auch, daß sie unter der Decke ihrer Excentricität eins jener selbstlosen Geschöpfe war, die man nur unter Frauen findet, die aus reiner Liebe und Bewunderung sich der Jugend, die sie längst verloren, der Schönheit, die sie nie besessen, Fähigkeiten, deren sie sich nie rühmen konnten, schönen Hoffnungen, die ihrem düstern Leben nie leuchteten, zum willenlosen Sclaven ergeben. Er kannte genug von der Welt, um zu wissen, daß es nichts Köstlicheres giebt, als den treuen Dienst des Herzens; und so, wie er hier geleistet ward und so frei, wie er hier von jedem Schatten der Selbstsucht war, hatte er eine so hohe Achtung davor, daß er in der Austheilung von Belohnungen, die er innerlich vornahm, -- wir Alle beschäftigen uns oft mit solchen Gedanken -- Miß Proß den Engeln viel näher stellte, als viele Damen, für welche Natur und Kunst viel mehr gethan hatten und die ein Conto bei Tellsons hatten.
„Es hat nie einen Mann gegeben und wird nie einen geben, der meines Herzblättchens würdig ist, mit Ausnahme eines einzigen,“ sagte Miß Proß, „und das war mein Bruder Salomo, wenn er nicht in seinem Leben fehl gegangen wäre.“
Das war wieder ein Beispiel. Mr. Lorry’s Nachforschungen über Miß Proß’ Lebensgeschichte hatten die Thatsache festgestellt, daß ihr Bruder Salomo ein herzloser Lump war, der ihr Alles, was sie hatte, genommen, um damit zu speculiren und sie dann in ihrer Armuth, ohne das geringste Mitleid zu fühlen, hatte sitzen lassen. Miß Proß’ fester Glaube an Salomo (mit Abrechnung einer bloßen Kleinigkeit für diesen Irrthum) war eine sehr ernsthafte Sache für Mr. Lorry, und trug nicht wenig dazu bei, seine gute Meinung von ihr zu mehren.
„Da wir jetzt gerade für den Augenblick allein und Beide praktische Leute sind,“ sagte er, als sie wieder in das Empfangszimmer zurückgekehrt waren und freundschaftlich neben einander Platz genommen hatten, „so erlauben Sie mir die Frage -- erwähnt der Doctor in seinen Gesprächen mit Lucien niemals seiner Schuhmacherzeit?“
„Nie!“
„Und doch behält er diese Bank und das Handwerkszeug bei sich?“
„Ah!“ erwiderte Miß Proß mit Kopfschütteln. „Aber ich will nicht sagen, daß er nicht bei sich selbst daran denkt.“
„Glauben Sie, daß er viel daran denkt?“
„Ja, gewiß,“ sagte Miß Proß.
„Können Sie sich einbilden --“ fing Mr. Lorry an, als Miß Proß ihn kurz unterbrach.
„Bilden Sie sich nie Etwas ein?“
„Sie haben Recht; meinen Sie -- Sie meinen doch manchmal?“
„Dann und wann,“ sagte Miß Proß.
„Meinen Sie also,“ fuhr Mr. Lorry mit einem stillen Lächeln in seinen hellen Augen fort, wie er sie wohlwollend anblickte, „daß _Dr._ Manette seine Meinung über die Ursache seines harten Schicksals und vielleicht über den Namen seines Feindes hat?“
„Ich weiß Nichts davon, als was mir Herzblättchen davon sagt.“
„Und was sagt sie?“
„Daß sie glaubt, er hat seine Meinung.“
„Nun, seien Sie nur nicht böse, daß ich Ihnen alle diese Fragen vorlege, weil ich ein einfacher, langweiliger, praktischer Mann bin und Sie eine praktische Frau sind.“
„Langweilig?“ fragte Miß Proß ruhig.
Mr. Lorry hätte das bescheidene Beiwort gern ungesagt gemacht und gab zur Antwort: „Nein, nein, nein. Gewiß nicht. Um wieder zur Sache zu kommen: ist es nicht merkwürdig, daß _Dr._ Manette, der jedenfalls, wie wir Alle überzeugt sind, kein Verbrechen begangen hat, niemals diese Frage berührt? Ich will nicht sagen mir gegenüber, obgleich er seit vielen Jahren mit mir Geschäftsbeziehungen hat und wir jetzt mit einander befreundet sind; ich will sagen mit der Tochter, die ihn so innig liebt und die er selbst so innig liebt? Glauben Sie mir, Miß Proß, ich rege die Sache nicht aus Neugier an, sondern aus aufrichtiger Theilnahme.“
„Nun, so viel ich weiß, und wenig genug ist das, werden Sie sagen,“ sagte Miß Proß, besänftigt durch seinen apologetischen Ton, „er fürchtet sich vor der ganzen Sache.“
„Er fürchtet sich?“
„Ich sollte meinen, es wäre einfach genug, warum er sich fürchtet. Es ist eine schreckliche Erinnerung. Außerdem verdankt er jener Zeit, daß er sich selbst verloren hat. Da er nicht weiß, wie er sich verloren oder wie er sich wiedergefunden hat, so ist er vielleicht niemals sicher, ob er sich nicht wieder verliert. Das allein würde die Sache nicht angenehm machen, sollte ich meinen.“
Das war eine tiefere Bemerkung, als Mr. Lorry erwartet hatte. „Richtig,“ sagte er, „und es ist ein schrecklicher Gedanke. Dennoch quält mich ein Zweifel, Miß Proß, ob es gut für _Dr._ Manette ist, daß er darüber immer bei sich allein brütet. Der Zweifel und die Unruhe, die mir dieser Gedanke verursacht, haben mich eigentlich veranlaßt, mich Ihnen heute anzuvertrauen.“
„Es läßt sich dem nicht abhelfen,“ sagte Miß Proß kopfschüttelnd. „Schlagen Sie diese Saite an, und es wird sofort schlimmer mit ihm. Besser, Sie rühren sie gar nicht an. Mit Einem Worte, sie muß unangerührt bleiben, mag man wollen oder nicht. Manchmal steht er mitten in der Nacht auf, und wir hören ihn hier über uns in seinem Zimmer auf- und abgehen, auf- und abgehen. Herzblättchen weiß, daß er dann im Geiste in seinem alten Gefängniß auf- und abgeht, auf- und abgeht. Sie eilt hinauf und sie gehen mit einander auf und ab, auf und ab, bis er wieder ruhig ist. Aber er sagt ihr nie ein Wort von dem wahren Grunde seiner Ruhelosigkeit, und sie hält es für das Beste, gegen ihn Nichts davon zu erwähnen. Schweigend gehen sie auf und ab, auf und ab, bis ihre Liebe und ihre Anwesenheit ihn wieder zu sich gebracht hat.“
Obgleich Miß Proß Nichts von Einbildungskraft wissen wollte, lag doch in ihrem Wiederholen der Worte auf und ab ein Bewußtsein der Qual, ohne Abwechslung von einem einzigen traurigen Gedanken verfolgt zu werden, welches Zeugniß dafür ablegte, daß sie selbst Einbildungskraft besaß.
Wir haben schon erwähnt, daß der Straßenwinkel wunderbar im Besitz von Echo’s war; der Widerhall kommender Schritte war so laut geworden, daß es schien, als ob das bloße Erwähnen des müden Auf- und Abgehens ihn geweckt hätte.
„Da sind sie!“ sagte Miß Proß, indem sie aufstand und das Gespräch abbrach, „und jetzt werden wir bald Hunderte von Leuten hier haben.“
Es war ein so merkwürdiger Winkel in seinen akustischen Eigenschaften, daß, wie Mr. Lorry an dem offenen Fenster stand, und dem Kommen von Vater und Tochter, deren Schritte er hörte, entgegensah, er sich einbildete, sie würden nie kommen. Nicht nur hörte der Widerhall auf, als ob die Schritte vorübergegangen wären, sondern man vernahm statt ihrer den Widerhall anderer Schritte, die nie kamen und die plötzlich wieder verhallten, wenn sie ganz nahe zu sein schienen. Doch Vater und Tochter erschienen endlich und Miß Proß stand an der Hausthür bereit, sie zu empfangen.
Es sah gar hübsch aus, wie Miß Proß, sonst so wild und roth und unwirsch, oben im Zimmer angekommen, ihrem Herzblatt den Hut abnahm und ihn mit den Zipfeln ihres Taschentuchs wischte und den Staub davon abblies und ihr den Mantel abnahm und diesen zusammenlegte, und ihr das reiche Haar mit einem Stolze glatt strich, als ob das Haar ihr eigenes und sie das eitelste und schönste aller Frauenzimmer wäre. Auch war es gar hübsch anzusehen, wie Lucie sie umarmte und ihr dankte und gar nicht dulden wollte, daß sie sich so um sie bemühte -- welches letztere sie aber nur scherzender Weise sagen durfte, sonst hätte sich Miß Proß, tief verletzt, auf ihr Zimmer zurückgezogen und hätte geweint.
Es war auch hübsch anzusehen, wie der Doctor ihnen zusah und zu Miß Proß sagte, daß sie Lucien verziehe und dies mit einem Ton und mit Blicken sagte, welche ebenso viel und mehr Verzeihendes in sich hatten, als Miß Proß, wenn es möglich gewesen wäre. Auch Mr. Lorry war ein gar hübscher Anblick, wie er in seiner kleinen Perrücke Alle wohlwollend ansah und seinem Junggesellenstern dankte, daß er ihm in seinen alten Tagen in ein solches Heimwesen geleuchtet. Aber keine Hunderte von Leuten kamen, um zuzusehen und Mr. Lorry erwartete vergeblich die Erfüllung von Miß Proß’ Voraussagung.
Essenszeit kam und immer noch keine Hunderte von Leuten.
In der Einrichtung des kleinen Haushaltes hatte Miß Proß die Aufsicht über die untern Regionen übernommen und verrichtete stets Wunderdinge. Ihre Diners, obgleich auf sehr bescheidenem Fuße, waren immer so gut gekocht und so gut servirt, und so sinnreich in ihrer halb englischen, halb französischen Einrichtung, daß Nichts besser sein konnte. Da Miß Proß’ Freundschaft von ganz und gar praktischer Art war, hatte sie Soho und die angrenzenden Provinzen nach verarmten Franzosen durchstöbert, die, mit Schillingen und halben Kronen bestochen, ihre culinarischen Geheimnisse verriethen. Von diesen versprengten Söhnen und Töchtern Galliens hatte sie so wunderbare Künste gelernt, daß die Frau und das Mädchen, welche ihren Küchenstab bildeten, sie für eine Zauberin oder Aschenbrödels Pathe hielten, die ein Huhn, ein Kaninchen, oder etwas Grünzeug aus dem Garten holen ließ und daraus machte, was sie wollte.
An Sonntagen aß Miß Proß mit am Tisch des Doctors, aber an andern Tagen bestand sie darauf, ihr Mahl zu unbekannten Stunden entweder in den untern Regionen, oder in ihrem Zimmer im zweiten Stock zu sich zu nehmen, -- in einer blauen Stube, wo Niemand außer ihrem Herzblättchen jemals Zutritt fand. Bei solchen Gelegenheiten wurde Miß Proß, durch Herzblättchens freundliches Gesicht und freundliche Bemühungen, ihr zu gefallen, erweicht, sehr gemüthlich und so verging das heutige Sonntagessen auch sehr gemüthlich.
Es war ein schwüler Tag und nach dem Essen schlug Lucie vor, den Wein hinaus unter die Platane zu tragen und dort im Freien zu sitzen. Da sich Alles um sie drehte und bewegte, gingen sie hinaus unter die Platane und sie trug den Wein zum besondern Besten Mr. Lorry’s hinunter. Sie hatte sich seit einiger Zeit zu Mr. Lorry’s Mundschenk gemacht und während sie unter der Platane saßen und mit einander plauderten, sorgte sie dafür, daß sein Glas beständig voll war. Geheimnißvolle Rückseiten und Enden von Häusern lugten herein, während sie plauderten, und die Platane über ihren Häuptern flüsterte ihnen in ihrer eigenen Weise zu.
Aber die Hunderte von Leuten stellten sich immer noch nicht ein. Mr. Darnay erschien, während sie unter der Platane saßen, aber das war nur Einer.
_Dr._ Manette empfing ihn freundlich, und das that auch Lucie. Aber Miß Proß ward plötzlich von einem Zucken in ihrem Gesicht und ihrem Körper befallen und zog sich in das Haus zurück. Sie war nicht selten ein Opfer dieses Leidens, welches sie im vertrauten Gespräch ihre Laune nannte.
Der Doctor war in seiner besten Stimmung und sah besonders jung aus. Die Aehnlichkeit zwischen ihm und Lucie war bei solchen Gelegenheiten besonders groß, und wie sie neben einander saßen und sie das Köpfchen auf seine Schulter lehnte, während er den Arm auf die Lehne ihres Stuhls gelegt hatte, war es sehr wohlthuend, die Aehnlichkeit zu verfolgen.
Sie hatten den ganzen Tag über vielerlei Gegenstände und mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit gesprochen. „Sagen Sie, _Dr._ Manette,“ sagte Mr. Darnay, wie sie unter der Platane saßen -- und er sagte es im natürlichen Verlauf des Gesprächs, das sich um die alten Gebäude Londons drehte -- „haben Sie sich den Tower einmal von Innen angesehen?“
„Lucie und ich sind dort gewesen; aber nur im Fluge. Wir haben jedoch genug gesehen, um zu wissen, daß es ein sehr interessanter Ort ist; wenig mehr.“
„Ich war dort, wie Sie wissen,“ sagte Darnay mit einem Lächeln, aber doch dabei vor Entrüstung erröthend, „in einer andern Eigenschaft und nicht in einer Eigenschaft, welche das Umsehen besonders begünstigt. Sie erzählten mir aber eine seltsame Geschichte, als ich dort war.“
„Und die war?“ fragte Lucie.
„Bei einem Umbau stießen die Maurer auf einen alten Kerker, der seit vielen Jahren zugemauert und vergessen war. Jeder Stein der innern Wände war mit Inschriften bedeckt, welche Gefangene hineingeschrieben hatten -- mit Jahreszahlen, Namen, Klagen und Gebeten. Auf einem Eckstein in einem Winkel hatte ein Gefangener, wahrscheinlich ehe er zur Hinrichtung geführt worden, als letztes Wort fünf Buchstaben eingegraben. Das dazu verwendete Werkzeug war unvollkommen gewesen und die Arbeit war hastig und mit unsicherer Hand verrichtet worden. Anfangs las man die fünf Buchstaben _GRABJ_, aber als man genauer hinsah, stellte sich der letzte Buchstabe als ein _T_ heraus. Von einem Gefangenen mit diesem Anfangsbuchstaben war nirgends Etwas verzeichnet, und man erschöpfte sich in Vermuthungen, wie er wohl geheißen haben möchte. Endlich sprach Jemand die Meinung aus, die Buchstaben wären keine Anfangsbuchstaben, sondern das vollständige Wort „Grabt“. Man untersuchte sehr sorgfältig den Fußboden unter der Inschrift und fand in der Erde unter einem Stein die Asche eines Papiers, vermischt mit der Asche eines ledernen Beutels oder Gehäuses. Was der unbekannte Gefangene geschrieben hatte, wird nie gelesen werden; aber er hatte Etwas geschrieben und es vergraben, um es vor dem Schließer zu verstecken.“
„Vater!“ rief Lucie aus. „Sie sind unwohl!“
Er war plötzlich aufgesprungen und hielt die Hand vor die Stirn. Sein Aussehen und sein Blick erfüllten sie Alle mit Schrecken.
„Nein, Liebe, ich bin nicht unwohl. Es fallen große Regentropfen und die haben mich erschreckt. Es ist besser, wir gehen hinein.“
Er erholte sich fast augenblicklich wieder. Der Regen fiel wirklich in großen, schweren Tropfen und er zeigte, daß seine Hand davon benetzt war. Aber er äußerte kein einziges Wort in Bezug auf die Entdeckung, von der Darnay eben erzählt, und wie sie in das Haus gingen, wurde das geschäftliche Auge Mr. Lorry’s auf seinem Gesicht, wie es sich gegen Charles Darnay wendete, denselben eigenthümlichen Ausdruck, mit dem es sich in den Gängen des Gerichtsgebäudes ihm zugewendet hatte, gewahr oder glaubte es wenigstens.
Er erholte sich jedoch so rasch wieder, daß Mr. Lorry der Sicherheit seines geschäftlichen Auges nicht ganz sicher war. Der Arm des goldenen Riesen in der Halle war nicht ruhiger, als er selbst, als er unter ihm stehen blieb, um zu äußern, daß er vor kleinen Schreckanfällen noch nicht sicher sei, wenn er es je sein werde, und daß der Regen es gewesen, was ihn erschreckt habe.
Es wurde Theezeit und Miß Proß bereitete den Thee mit einem andern Anfall ihrer Laune, aber immer noch waren nicht Hunderte von Leuten da. Mr. Carton hatte sich eingefunden, aber nun waren es blos Zwei.
Die Nacht war so drückend schwül, daß, obgleich sie bei offenen Thüren und Fenstern saßen, die Wärme lästig wurde. Als sie mit dem Thee fertig waren, rückten sie Alle an eins der Fenster heran und sahen hinaus in die trübe Dämmerung. Lucie saß neben ihrem Vater; Darnay saß neben ihr; Carton lehnte an einem Fenster. Die Vorhänge waren weiß und lang und die Windstöße, die in dem Winkel wirbelten, machten sie bis zur Decke hinauf fliegen und bewegten sie wie Gespensterflügel.
„Der Regen fällt immer noch in großen, schweren und seltenen Tropfen,“ sagte _Dr._ Manette. „Es kommt langsam.“
„Es kommt sicher,“ sagte Carton.
Sie sprachen leise, wie es Leute, die auf Etwas mit Spannung warten, meistens thun; wie Leute, die in einem dunkeln Zimmer auf den Blitz warten, immer thun.
Auf den Straßen war großes Laufen von Leuten, die nach Hause eilten, um ein Obdach zu haben, ehe das Gewitter losbrach; der Winkel mit den wunderbaren Echo’s hallte wider von dem Schalle kommender und gehender Schritte, aber Niemand kam.
„Eine Unzahl Leute, und doch eine Einsamkeit!“ sagte Darnay, als sie eine Weile gelauscht hatten.
„Macht es nicht einen bänglichen Eindruck, Mr. Darnay?“ äußerte Lucie. „Manchmal habe ich hier Abends gesessen, bis es mir vorgekommen ist, -- aber selbst bei dem bloßen Schatten einer thörichten Einbildung wird es mir heute, wo Alles so schwarz und feierlich ist, schauerlicher zu Muthe --“
„Lassen Sie es uns auch schauerlich werden. Sie dürfen doch sagen, was es ist?“
„Sie werden es für ein Nichts halten. Solche Einfälle machen nur auf Den Eindruck, dem sie zuerst kommen, glaube ich; sie lassen sich nicht mittheilen. Ich habe manchmal des Abends hier allein gesessen und gelauscht, bis es mir klar war, daß die Echo’s nur der Widerhall aller Schritte aller Menschen wären, die auf unser Leben Einfluß haben würden.“
„Wenn dem so ist,“ warf Sidney Carton in seiner gleichgültig mürrischen Weise ein, „so werden wir es einmal mit einer großen Menge zu thun haben.“
Die Schritte hörten nicht auf und wurden immer rascher und rascher. Der Winkel hallte von ihrem Schalle wider; einige, wie es schien, in der Ferne; einige, wie es schien, in dem Zimmer; einige kamen, andere gingen, einige wurden unterbrochen, andere standen ganz still; alle aber in entfernteren Straßen und kein einziger im Bereich des Auges.
„Sind alle Schritte bestimmt, zu Jedem von uns zu kommen, Miß Manette, oder haben wir sie unter uns zu theilen?“
„Das weiß ich nicht, Mr. Darnay, ich sagte Ihnen gleich, es sei eine thörichte Einbildung, aber Sie verlangten es zu wissen. So oft ich mich ihrem Eindrucke hingegeben habe, war ich allein und dann habe ich mir eingebildet, es wären die Schritte der Leute, die auf mein Leben und auf das meines Vaters Einfluß haben würden.“
„Sie mögen nur zu mir kommen,“ sagte Carton. „Ich lege ihnen keine Fragen vor und stelle keine Bedingungen. Ein großer Menschenhaufe wälzt sich auf uns zu, Miß Manette und ich sehe -- Beim Blitz!“ Er setzte die letzten Worte hinzu, nachdem ein heller Strahl vom Himmel heruntergeschossen war, der ihn, am Fenster lehnend, sehen ließ.
„Und ich höre ihn!“ setzte er hinzu, nachdem ein Donnerschlag verhallt war. „Sie kommen in Hast, voll Wildheit und Wuth!“
Es war das laute Niederrauschen des Platzregens, das er damit bildlich darstellte und es unterbrach ihn, denn es übertönte jede Stimme. Ein heftiges Unwetter brach mit diesem Regenguß aus und Donner und Blitz und Regen kannten keinen Augenblick Unterbrechung, bis der Mond um Mitternacht aufgegangen war.
Die große Glocke der St. Paulskirche dröhnte Eins durch die kühl und hell gewordene Luft, als Mr. Lorry, geleitet von Jerry in hohen Stiefeln und mit einer Laterne versehen, den Rückweg nach Clerkenwell antrat. Es gab einsame Stellen auf dem Wege zwischen Soho und Clerkenwell und Mr. Lorry, ihrer Unsicherheit eingedenk, hatte Jerry für diese Begleitung regelmäßig in Dienst genommen, obgleich dieser Dienst gewöhnlich zwei gute Stunden früher geleistet wurde.
„Was das für eine Nacht war, Jerry! Fast eine Nacht,“ sagte Mr. Lorry, „um die Todten aus ihren Gräbern aufstehen zu machen.“
„Ich habe nie ’was mit der Nacht zu schaffen, Master -- und hoffe es auch in der Zukunft nicht -- sie geht mich Nichts an,“ gab Jerry zur Antwort.
„Gute Nacht, Mr. Carton!“ sagte der Buchhalter. „Gute Nacht, Mr. Darnay. Werden wir jemals eine solche Nacht zusammen durchleben?“
Vielleicht. Vielleicht, daß der große Menschenhaufe sich brausend und brüllend auch auf sie zuwälzt.
~Ende des ersten Theils.~
Nies’sche Buchdruckerei (Carl B. Lorck) in Leipzig.
Boz (Dickens)
Sämmtliche Werke.
Hundertundvierter Band.
Zwei Städte.
Zweiter Theil.
Leipzig Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.
1859.
Zwei Städte.
Eine Erzählung in drei Büchern.
Von
Boz (Charles Dickens).
Mit
Sechszehn Illustrationen von Hablot K. Browne.
Aus dem Englischen von Julius Seybt.
Zweiter Theil.
Leipzig
Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.
1859.
Siebentes Kapitel.
Monsieur le Marquis in der Stadt.
Monseigneur, einer der großen Herren von Macht und Einfluß bei Hofe, gab in seinem großen Hotel in Paris seine alle vierzehn Tage wiederkehrende Audienz. Monseigneur befand sich in seinen innern Gemächern, in dem Allerheiligsten für das Gedränge von Verehrern in der Reihe der Vorzimmer. Monseigneur war im Begriff, seine Chocolade zu sich zu nehmen. Monseigneur konnte mit Leichtigkeit gar Vielerlei zu sich nehmen, und einige wenige Unzufriedene behaupteten, er zehre ziemlich rasch Frankreich auf; aber die Morgen-Chocolade konnte nicht einmal ohne die Hülfe von vier starken Männern, außer dem Koch, über die Lippen Monseigneurs gelangen.
Ja. Es gehörten vier Männer dazu, alle vier von goldenen Treffen strahlend und der Oberste derselben außer Stande, mit weniger als zwei goldenen Uhren in der Tasche zu leben, nach dem schönen und geschmackvollen Beispiel Monseigneurs, alle vier dazu angestellt, die glückselige Chocolade bis an Monseigneurs Lippen zu bringen.
Ein Lakai brachte die Chocoladenkanne in die erhabene Gegenwart; ein zweiter quirlte sie zu Schaum mit dem kleinen Instrument, das er zu diesem Zwecke bei sich trug; ein dritter überreichte die Serviette; ein vierter (der mit den beiden goldenen Uhren) schenkte die Chocolade ein. Unmöglich konnte Monseigneur einen dieser Bedienten der Chocolade entbehren und seine hohe Stellung unter dem bewundernden Himmelsgewölbe behaupten. Einen schwarzen Flecken hätte es auf sein Wappenschild geworfen, wenn seiner Chocolade schmählich genug nur drei Leute aufgewartet hätten; von zweien wäre er gestorben.