Zwei Städte

Part 1

Chapter 13,307 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1859/60 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Ungewöhnliche, altertümliche und regional gefärbte Ausdrücke wurden nicht korrigiert; fremdsprachliche Zitate und Ausdrücke wurden unverändert übernommen, sofern die Verständlichkeit dadurch nicht beeinträchtigt wird. Inkonsistente Schreibweisen (z.B. erwidern/erwiedern; fünfzig/funfzig; gelegentliche Verwendung von Apostrophen vor dem ‚Plural-s‘) wurden nicht vereinheitlicht.

In Zitaten innerhalb der wörtlichen Rede wurde ein doppelter Satz Anführungszeichen („„ ... ““) verwendet; in fortlaufenden Erzählsträngen wurden diese dabei nur einfach geschlossen. Umlaute in Großbuchstaben wurden in ihrer Umschreibung (Ae, Oe und Ue) dargestellt.

Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich um einen Roman in vier Teilen, welche ursprünglich in getrennten Büchern herausgegeben, schließlich aber zu einem Band zusammengefasst wurden. Die Seitennummerierung beginnt aber, entsprechned der ursprünglichen Textstruktur, in jedem Teil wieder von neuem. Sowohl das Inhaltsverzeichnis als auch das Verzeichnis der Illustrationen waren im Original im ersten Teil abgedruckt; in der vorliegenden Fassung wurden beide Verzeichnisse vor den gesamten Text gestellt, da diese auf alle vier Teile gleichermaßen verweisen.

Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

gesperrt: ~Tilden~ Antiqua: _Unterstriche_

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ZWEI STÄDTE

von

CHARLES DICKENS.

LEIPZIG

Verlag von J. J. Weber.

Zwei Städte.

Eine Erzählung in drei Büchern.

Von

Boz (Charles Dickens).

Mit

Sechszehn Illustrationen von Hablot K. Browne.

Aus dem Englischen von Julius Seybt.

Erster Theil.

Leipzig

Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.

1859.

Inhalts-Verzeichniß.

Erster Theil.

Erstes Buch: Wiederauferstanden.

Seite

1. Kapitel: Die Periode 3

2. „ Die Postkutsche 7

3. „ Die Schatten der Nacht 16

4. „ Die Vorbereitung 24

5. „ Der Weinschank 43

6. „ Der Schuhmacher 61

Zweites Buch: Das goldene Haar.

1. Kapitel: Fünf Jahre später 83

2. „ Ein Schauspiel 93

3. „ Eine Enttäuschung 104

4. „ Zum Glückwunsch 127

5. „ Der Schakal 138

6. „ Hunderte von Leuten 147

Zweiter Theil.

7. Kapitel: Monsieur le Marquis in der Stadt 1

8. „ Monsieur le Marquis auf dem Lande 15

9. „ Das Medusenhaupt 24

10. „ Zwei Versprechen 42

11. „ Ein Seitenstück 55

12. „ Der Mann von Zartgefühl 62

13. „ Der Mann ohne Zartgefühl 74

14. „ Der ehrliche Gewerbsmann 83

15. „ Stricken 100

16. „ Immer noch stricken 117

17. „ Eine Nacht 135

18. „ Neun Tage 143

Dritter Theil.

19. Kapitel: Eine Meinung 1

20. „ Eine Bitte 13

21. „ Wiederhallende Schritte 19

22. „ Die Fluth steigt immer noch 37

23. „ Feuer! 46

24. „ Vom Magnetfelsen angezogen 57

Drittes Buch. Des Sturmes Wüthen.

1. Kapitel: Zu geheimer Haft 79

2. „ Der Schleifstein 98

3. Kapitel: Der Schatten 109

4. „ Eine Pause im Sturm 117

5. „ Der Holzmacher 126

6. „ Triumph 136

7. „ Ein Klopfen an der Thür 147

Vierter Theil.

8. Kapitel: Gute Karte 1

9. „ Das Spiel ist gemacht 22

10. „ Das Wesen des Schattens 43

11. „ Dämmerung 67

12. „ Nacht 74

13. „ Zweiundfünfzig 88

14. „ Ausgestrickt 108

15. „ Die Schritte verhallen für immer 128

Illustrationen-Verzeichniß.

Erster Theil.

Seite

Titel und Titelbild 1

Die Postkutsche 14

Der Schuhmacher 73

Die Aehnlichkeit 119

Glückwünsche 129

Zweiter Theil.

Der Aufenthalt am Brunnen 11

Mr. Stryver in Tellsons Comptoir 64

Das Leichenbegängniß des Spions 87

Der Weinschank 100

Dritter Theil.

Die Mitschuldigen 12

Der Sturm bricht los 34

Zu geheimer Haft 87

Das Klopfen an der Thür 154

Vierter Theil.

Zwiefaches Erkennen 3

Nach der Verurtheilung 70

Erstes Buch.

Wiederauferstanden.

Erstes Kapitel.

Die Periode.

Es war die beste Zeit, es war die schlechteste Zeit. Es war das Zeitalter der Weisheit, es war das Zeitalter der Thorheit; es war die Epoche des Glaubens, es war die Epoche des Unglaubens; es waren die Tage des Lichts, es waren die Tage der Finsterniß; es war der Lenz der Hoffnung, es war der Winter der Verzweiflung. Wir hatten Alles zu erwarten, wir hatten Nichts zu erwarten. Wir gingen Alle schnurstracks dem Himmel zu, wir gingen Alle schnurstracks den andern Weg -- kurz, die Zeit war insofern der gegenwärtigen gleich, als einige ihrer lärmendsten Kenner behaupteten, es könnte im Guten oder Bösen nur in Superlativen von ihr gesprochen werden.

Ein König mit einer großen Unterkiefer und eine Königin von gewöhnlichem Aussehen saßen auf dem Throne von England; ein König mit einer großen Unterkiefer und eine Königin mit einem schönen Gesicht saßen auf dem Throne von Frankreich. In beiden Ländern erkannten die Magnaten des Landes, für welche die Fische und Brote des Landes aufbewahrt werden, auf das Klarste, daß Alles auf ewig in bester Ordnung sei.

Es war das Jahr unseres Herrn 1775. England kamen in jener glücklichen Zeit Enthüllungen aus der andern Welt zu, ebenso wie jetzt. Mrs. Southcott hatte vor Kurzem ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag gefeiert, dessen erhabenes Tagen ein prophetischer Gemeiner aus der Leibgarde durch die Verkündigung gefeiert hatte, daß London und Westminster auf dem Punkte stünden, von der Erde verschlungen zu werden. Selbst das Cock-lane-Gespenst war seit einem vollen Dutzend Jahren zur Ruhe gegangen, nachdem es seine Botschaften durch Klopfen kundgethan, genau wie es die Geister des vorletzten Jahres thaten, so übernatürlich war ihr Mangel an Originalität. Einfache irdische Botschaften hatte neuerdings die englische Krone und das englische Volk von einem Congreß britischer Unterthanen in Amerika bekommen, die, seltsam genug, viel wichtiger für das Menschengeschlecht geworden sind, als alle Botschaften, welche von Geistern aus dem Cock-lane-Gelichter herstammen.

Frankreich, in Sachen der Geisterwelt weniger begünstigt, als ihre Schwester mit dem Schilde und dem Dreizack, rutschte ganz gemächlich bergab, machte Papiergeld und verthat es. Unter der Anleitung seiner christlichen Seelenhirten unterhielt es sich außerdem mit so menschenfreundlichen Thaten, wie z. B. mit dem Verurtheilen eines Jünglings, daß ihm die Hände abgehackt, die Zunge mit Zangen ausgerissen und er selbst lebendig verbrannt werde, weil er nicht vor einer Prozession schmutziger Mönche, die in seinem Gesichtsbereich in einer Entfernung von fünfzig bis sechszig Schritt vorbeigegangen, im Regen niedergekniet war. Es ist wohl möglich, daß, während dieser arme Junge hingerichtet ward, in den Waldungen Frankreichs und Norwegens Bäume wuchsen, die der Holzfäller Verhängniß schon gezeichnet hatte, um sie zu fällen und zu Brettern zu sägen, um daraus ein gewisses in schrecklicher Erinnerung lebendes bewegliches Gerüst, mit einem Sack und einem Messer daran, zu verfertigen. Es ist wohl möglich, daß unter dem hinfälligen Schuppen einiger Bebauer des schweren Bodens um Paris an demselben Tage unbehülfliche Karren standen, besprützt mit Straßenschmutz, beschnüffelt von Schweinen und dem Federvieh als Sitz dienend, welche der Pächter Tod bereits bestimmt hatte, seine Karren in der Revolution zu sein. Aber dieser Holzfäller und dieser Pächter arbeiteten zwar unaufhörlich, aber stumm, und Niemand hörte sie, wie sie leisen Schrittes sich herumbewegten, um so mehr, da es reine Gottlosigkeit und Hochverrath war, nur den Verdacht zu hegen, daß sie thätig sein könnten.

In England war kaum so viel Ordnung und Schutz von Leben und Eigenthum, daß die Nation sich sehr hätte dessen rühmen können. Verwegene Hauseinbrüche von Bewaffneten und Straßenraub kamen allnächtlich in der Hauptstadt selbst vor; Familien wurden öffentlich gewarnt, die Stadt nicht zu verlassen, ohne ihren Hausrath der Sicherheit wegen dem Möbelhändler zum Aufbewahren zu geben; der Straßenräuber im Dunkel der Nacht war bei Tage ein ehrsamer Bürger der City, der, wenn er von seinem Gevatter als „Capitain“ angehalten, erkannt und genannt ward, diesem ohne Weiteres durch den Kopf schoß und davonritt; die Postkutsche wurde von sieben Räubern angehalten, der Conducteur schoß drei todt und die anderen vier schossen dann den Conducteur selbst todt, „weil er alle seine Munition verschossen hatte“, worauf die Plünderung der Postkutsche in Frieden vor sich ging; den gewaltigen Potentaten, den Lord Mayor von London, hielt ein einziger Straßenräuber auf Turnham Green an und nahm ihm Angesichts seines Gefolges die Börse ab; in Londoner Gefängnissen kam es zu Gefechten zwischen Gefangenen und Schließern und die Majestät des Gesetzes feuerte mit Donnerbüchsen, geladen mit Schrot und Kugeln, unter die Gefangenen; Diebe schnitten an Hofcourtagen Diamantkreuze von dem Halse edler Lords; Musketiere marschirten nach St. Giles, um nach geschmuggelten Waaren zu suchen, und das zusammengelaufene Volk feuerte auf die Musketiere, und die Musketiere feuerten auf das zusammengelaufene Volk; und keines dieser Ereignisse hielt irgend Jemand für etwas Ungewöhnliches. Während sie vor sich gingen, war der Henker, immer geschäftig, und immer schlimmer als nutzlos, in beständiger Arbeit; jetzt hing er ganze Reihen von allerhand Verbrechern auf; dann richtete er Sonnabends einen Hauseinbrecher hin, der Dienstag gefangen worden war; jetzt brandmarkte er in Newgate Leute dutzendweise in die Hand und dann verbrannte er vor der Thür der Westminster-Halle Flugschriften; heute brachte er einen blutgierigen Mörder vom Leben zum Tode und morgen einen armseligen Wicht, der einem Bauernknecht sechs Pence gestohlen hatte.

Alle diese Dinge und tausend ähnliche geschahen in und um das liebe alte Jahr 1775. Von ihnen umgeben und während Holzfäller und Pächter unbeirrt fortarbeiteten, machten die Beiden mit dem großen Unterkiefer und die beiden Andern mit dem gewöhnlichen und dem schönen Gesicht Lärm genug in der Welt und machten ihre göttlichen Rechte mit hochfahrendem Sinne geltend. So führte das Jahr 1775 seine größten und Myriaden von kleinen Geschöpfen -- die Geschöpfe dieser Geschichte unter den übrigen -- die Straßen entlang, die vor ihnen lagen.

Zweites Kapitel.

Die Postkutsche.

Die Straße nach Dover war es, die in einer Freitagsnacht spät im November vor der ersten der Personen lag, mit welchen diese Geschichte zu thun hat. Die Straße nach Dover lag für diesen Mann vor der Dover Postkutsche, wie sie Shooter’s Hill hinauf rumpelte. Er ging wie die übrigen Passagiere bergab in dem Straßenschlamm, neben der Postkutsche her; nicht, weil sie die mindeste Vorliebe für Spazierengehen unter diesen Umständen hatten, sondern weil der Hügel so steil, der Schmutz so tief, und das Geschirr und die Kutsche so schwer waren, daß die Pferde schon dreimal stecken geblieben waren und einmal den Wagen quer über die Straße gezogen hatten, in der meuterischen Absicht, nach Blackheath umzukehren. Zügel und Peitsche und Kutsche und Conducteur hatten jedoch im Verein den Kriegsartikel verlesen, welcher ein sonst sehr zu Gunsten der Behauptung, daß einige Thiere mit Vernunft ausgestattet sind, sprechendes Thuen verbot; und das Gespann hatte capitulirt und war zu seiner Pflicht zurückgekehrt.

Mit gesenkten Köpfen und zitternden Schweifen wateten sie durch den dicken Schlamm und stolperten und wankten zuweilen, als ob sie in den größeren Gelenken in Stücke gehen wollten. So oft der Kutscher ihnen eine kurze Rast gestattete und sie mit einem beruhigenden Brr! So, so! anhielt, schüttelte das Handpferd von den beiden Stangenpferden heftig den Kopf mit Allem, was darumhing -- als ein ungewöhnlich emphatisches Pferd entschieden seine Meinung aussprechend, daß die Kutsche gar nicht den Berg hinauf gebracht werden könnte. So oft das Stangenpferd sich so klappernd schüttelte, fuhr der Passagier zusammen, wie es einem nervenschwachen Passagier wohl geschehen mag und zeigte sich besorgt im Gemüthe.

Ein dampfender Nebel lag in allen Tiefen, und er war in seiner Verlassenheit den Hügel hinauf gewandert, wie ein böser Geist, der Ruhe sucht und keine findet. Feucht und kalt kam er durch die Luft langsam in kräuselnden Streifen herangezogen, die sichtbar einander folgten und übereinander stürzten, wie die Wellen eines ungesunden Meeres. Er war dick genug, um Alles, außer seinem eigenen Wirbel und ein Paar Ellen von der Straße, von dem Lichte der Kutschenlaternen abzusperren; und der Dunst von den sich abarbeitenden Pferden dampfte, als ob der Nebel erst daraus entstanden wäre.

Zwei andere Passagiere außer dem einen erstiegen neben der Postkutsche mühsam den Hügel. Alle drei waren bis an die Backen und über die Ohren eingewickelt und trugen hohe Reitstiefel. Keiner von den dreien hätte nach dem, was er sah, sagen können, wie die beiden andern aussahen, und jeder war unter fast so vielen Verhüllungen vor den Augen des Geistes, wie vor den Augen des Körpers seiner beiden Gefährten versteckt. In jenen Tagen hüteten sich die Reisenden gar sehr, nach kurzer Bekanntschaft einander Vertrauen zu schenken, denn Jeder, den man auf der Straße traf, konnte ein Räuber oder im Bunde mit Räubern sein. Was das Letztere betrifft, so war es das Allerwahrscheinlichste zu einer Zeit, wo jede Poststation und jede Schenke Jemand aufweisen konnte, der in des Capitains Sold stand; und diese Stufenleiter des Vertrauens ging vom Wirth bis herunter zum niedrigsten Stalljungen. So dachte der Conducteur der Dover-Postkutsche bei sich selbst in jener Freitagnacht im November 1775, wie er auf seinem ihm angewiesenen Posten hinten auf der Kutsche stand, in der eine geladene Donnerbüchse über sechs oder acht geladenen Reiterpistolen und einigen Säbeln lag.

Die Dover-Postkutsche war in ihrer gewöhnlichen gemüthlichen Stimmung, wo der Conducteur den Passagieren mißtraute, die Passagiere von einander und von dem Conducteur Arges dachten, Alle auf die Uebrigen einen Argwohn geworfen hatten und der Kutscher nur seiner Pferde sicher war; in Bezug auf welche Pferde er mit reinem Gewissen auf beide Testamente hätte schwören können, daß sie für die Reise nicht geeignet waren.

„Brr!“ sagte der Kutscher. „Brr! noch einmal ins Geschirr gelegt und ihr seid oben, und dann sollt ihr verdammt sein, denn es hat mir Mühe genug gekostet, euch so weit zu bringen! -- Joe!“

„Heda“, erwiderte der Conducteur.

„Welche Zeit mag’s wohl sein, Joe?“

„Gute zehn Minuten über elf.“

„Teufel!“ rief ärgerlich der Kutscher aus, „und noch nicht auf der Höhe! Vorwärts!“

Das emphatische Pferd, von der Peitsche in einer höchst entschiedenen Verneinung unterbrochen, legte sich ins Geschirr und die drei anderen Pferde folgten. Noch einmal rumpelte die Dover-Kutsche fort und die hohen Reitstiefel der Passagiere wateten neben ihr her. Sie waren stehen geblieben, wie die Kutsche stehen blieb und hielten sich dicht bei einander. Wenn einer von den dreien keck genug gewesen wäre, einem andern vorzuschlagen, im Nebel und in der Nacht ein Wenig vorauszugehen, hätte er sich der nicht unwahrscheinlichen Gefahr ausgesetzt, auf der Stelle als Straßenräuber niedergeschossen zu werden.

Die letzte Anstrengung brachte die Postkutsche bis auf die Höhe. Die Pferde machten Halt, um zu verschnaufen, und der Conducteur stieg ab, um das Rad für die Hinabfahrt zu hemmen, den Kutschenschlag aufzumachen und die Passagiere einsteigen zu lassen.

„Heda, Joe! Horch, Joe!“ rief der Kutscher warnend vom Bock herunter.

„Was meint Ihr, Tom?“

Sie lauschten Beide.

„Ein Reiter kommt im Galopp uns nach, Joe.“

„S’ ist ein Reiter in gestrecktem Galopp, Tom“, gab der Conducteur zurück, indem er die Kutschenthür losließ und rasch auf seinen Platz kletterte. „Ihr Herren! In des Königs Namen, Alle für Einen!“

Nach dieser eiligen, aber eindringlichen Aufforderung spannte er den Hahn seiner Donnerbüchse und stand kampfbereit da.

Der für diese Geschichte eingeschriebene Passagier stand auf dem Kutschentritt, im Einsteigen begriffen; die beiden anderen Passagiere waren dicht hinter ihm, um ihm zu folgen. Er blieb halb in der Kutsche und halb außerhalb derselben auf seinem Platze; die andern blieben auf der Straße unter ihm stehen. Sie alle sahen abwechselnd den Kutscher und den Conducteur an und horchten.

Der Kutscher sah zurück und der Conducteur sah zurück, und selbst das emphatische Handpferd spitzte die Ohren und sah zurück, ohne zu widersprechen.

Das durch das Aufhören des Rumpelns und Polterns der Kutsche eintretende Schweigen, verbunden mit dem Schweigen der Nacht, machte es wirklich still. Das Keuchen der Pferde theilte der Kutsche eine zitternde Bewegung mit, als ob sie sich in einem Zustande der Aufregung befände. Die Herzen der Passagiere schlugen laut genug, um gehört zu werden; aber jedenfalls die Ruhepause sprach hörbar von Leuten außer Athem und Leuten, die den Athem anhalten und deren Blut vor Erwartung rascher pulsirt.

Der Hufschlag eines scharf galoppirenden Pferdes kam den Hügel herauf immer näher und näher.

„Halloh!“ rief der Conducteur, so laut er brüllen konnte. „Heda! Steht, oder ich schieße!“

Das Pferd ward plötzlich angehalten und mit vielem Klatschen und Stampfen hörte man eine Mannsstimme aus dem Nebel herauf tönen: „Ist das die Dover-Post?“

„Kümmert Euch nicht drum, was es ist!“ erwiderte der Conducteur. „Wer seid Ihr?“

„Ist das die Dover-Post?“

„Warum wollt Ihr’s wissen?“

„Ich suche einen Passagier, wenn sie’s ist.“

„Wie heißt der Passagier?“

„Mr. Jarvis Lorry.“

Der uns wohlbekannte Passagier gab sofort kund, daß dies sein Name sei. Der Conducteur, der Kutscher und die beiden anderen Passagiere warfen argwöhnische Blicke auf ihn.

„Bleibt, wo Ihr seid“, rief der Conducteur der Stimme im Nebel zu, „weil, wenn ich einen Irrthum beginge, er während Eurer Lebenszeit nicht wieder gut gemacht werden könnte. Der Herr, der Lorry heißt, antworte auf der Stelle.“

„Was giebt’s?“ fragte darauf der Passagier, mit etwas zitternder Stimme. „Wer fragt nach mir? Ist es Jerry?“

„Mir gefällt Jerry’s Stimme nicht, wenn es Jerry ist“, brummte der Conducteur vor sich hin. „Er ist heiserer, als mir gefällt, der Jerry.“

„Ja, Mr. Lorry.“

„Was giebt’s?“

„Eine Depesche für Sie von drüben. Von T. u. Comp.“

„Ich kenne den Mann, Conducteur,“ sagte Mr. Lorry, indem er wieder auf die Straße hinabtrat, wobei ihm die beiden anderen Passagiere mehr rasch als höflich beistanden und darauf sofort in die Kutsche kletterten, die Thür zumachten und das Fenster hinaufzogen. „Er kann herankommen; es ist Alles in Ordnung.“

„Ich will das hoffen, gar zu sicher sieht es mir noch nicht aus“, sagte der Conducteur, immer noch vor sich hinbrummend. „Heda, Mann!“

„Nun ja, hier bin ich!“ sagte Jerry, noch heiserer als vorher.

„Kommt im Schritt heran! Hört Ihr’s? Und wenn Ihr Halfter an Eurem Sattel habt, so nehmt Euch in Acht, daß Ihr nicht mit der Hand ihnen zu nahe kommt. Denn ich bin ein Teufel im Falschverstehen, und wenn ich was falsch verstehe, so wird gleich Blei daraus. Nun wollen wir einmal sehen, wen wir haben.“

Ein Pferd und ein Reiter kamen langsam aus dem wirbelnden Nebel und an die Seite der Postkutsche, wo der Passagier stand. Der Reiter beugte sich herab und übergab, indem er den Conducteur ansah, dem Passagier ein kleines zusammengebrochenes Papier. Das Pferd des Reiters war außer Athem, und sowohl Pferd wie Reiter waren von den Hufen des Pferdes bis zu dem Hute des Mannes mit Koth bespritzt.

„Conducteur!“ sagte der Passagier in ruhigem und zuversichtlichem Geschäftstone.

Der wachsame Conducteur, mit der rechten Hand am Kolben der halb erhobenen Donnerbüchse, mit der linken am Rohr und mit dem Auge auf dem Reiter, antwortete kurz: „Sir!“

„Es ist Nichts zu fürchten. Ich bin von Tellson’s Bank. Ihr müßt Tellson’s Bank in London kennen. Ich reise in Geschäften nach Paris. Eine Krone Trinkgeld. Ich kann dies lesen?“

„Wenn Ihr rasch macht, Sir!“

Er brach den Brief beim Lichte der Kutschenlampe auf und las, erst für sich und dann laut: Warten Sie in Dover auf Mademoiselle. „Es ist nicht lang, wie Ihr seht, Conducteur. Jerry, sagt, meine Antwort wäre: ~Wiederauferstanden~.“

Jerry fuhr im Sattel empor. „Das ist eine verwünscht seltsame Antwort“, sagte er mit seiner heisersten Stimme.

„Meldet, was ich gesagt habe und sie werden wissen, daß ich diesen Brief bekommen habe, so gut, als ob ich geschrieben hätte. Haltet Euch möglichst dazu. Gute Nacht!“

Mit diesen Worten machte der Passagier die Kutschenthür auf und stieg ein, ohne den mindesten Beistand von Seiten seiner Mitpassagiere zu finden, welche eiligst ihre Uhren und Geldbeutel in den Stiefeln versteckt hatten und sich jetzt alle schlafend stellten. Mit keiner bestimmteren Absicht, als der Gefahr zu entgehen, sich zu einem andern Verhalten entschließen zu müssen.

Die Kutsche rumpelte weiter und schwerere Wirbel Nebel umkräuselten sie, wie sie bergab zu fahren begann. Der Conducteur legte die Donnerbüchse bald wieder in die Waffenkiste, und nachdem er sich den übrigen Inhalt derselben betrachtet und nach den Pistolen, die er im Gürtel trug, gesehen hatte, sah er auch nach einem kleinern Kasten unter seinem Sitz, in welchem sich Hammer und Zange, ein Paar Fackeln und ein Feuerzeug befanden. Denn er war so vollständig ausgerüstet, daß, wenn der Wind die Kutschenlaternen ausgeblasen hätte, was manchmal geschah, er weiter Nichts zu thun brauchte, als sich einzuschließen, sich zu hüten, die Funken von Stahl und Stein in Stroh fallen zu lassen und mit leidlicher Sicherheit und Leichtigkeit (wenn er glücklich war) in fünf Minuten Licht zu machen.

„Tom!“ klang es halblaut über das Dach des Wagens.

„Was giebt’s, Joe?“

„Hörtet Ihr, was er sagte?“

„Ja wohl, Joe.“

„Habt Ihr was davon verstanden, Tom?“

„Ne, Joe.“