Zwei Jahre in New-York Schilderung einer Seereise von Havre nach New-York und Charakteristik des New-Yorker politischen und socialen Lebens

Part 8

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In den Familien sind an diesem Tage die Tische mit Speisen und Getränken reich besetzt und Jeder, der sich einfindet, ist willkommen. Niemand wartet eine Einladung zum Zulangen ab, sondern versieht sich ohne weitere Umstände mit dem, was ihm zusagt. Am Neujahre wird auch ein Räuschchen entschuldigt, da der herumwandernde Neujahrwünscher überall ein Glas trinken muß; selbst den Damen sagt man nach, daß sie diesem Tag zu Ehren sich bereden lassen, Etwas mehr wie gewöhnlich von den gefüllten Gläsern zu nippen.

Außer dem ersten Januar gibt auch der Valentinestag Veranlassung zu netten Witzen. Es ist nämlich an diesem Tage Sitte, Bekannten und Freunden sogenannte Valentines zu schicken, welche aus Bildern der verschiedensten Art mit geschriebenen oder gedruckten Reimen und Gedichten bestehen. Das Scherzhafte liegt besonders darin, daß sie anonym einlaufen und deßhalb der wirkliche Absender oft gar nicht errathen wird. Die Bilder enthalten Anspielungen, Carricaturen, Neckereien u. s. w. und werden in unglaublicher Anzahl durch die Stadtpost versandt. Es giebt eigene Valentines-Fabriken, welche hübsche Geschäfte mit diesem Artikel machen, da man sie von drei Cent bis zu mehreren Dollars haben kann. Reiche Amerikaner haben schon Valentines anfertigen lassen, welche 50 Dollars kosteten. Hübsche Mädchen werden besonders damit bedacht, und manche Schönheit hat eine Sammlung solcher anonymer Zusendungen angelegt, welche ein niedliches und geschmackvolles Album voll guter Zeichnungen und Gedichte bildet. So angenehm die Ueberraschung durch einen originellen Valentine ist, so haben doch leider auch Haß, Neid, Mißgunst und andere niedrige Leidenschaften diesen Tag und diese Sitte benützt, um unter der Maske des Witzes verwundende Pfeile abzuschießen. Ich kann mich des traurigen Falles erinnern, daß sich ein braves Mädchen in New-York wegen eines gemeinen Valentines das Leben nahm.

Eine Haupttugend der Amerikaner verdient beim Schlusse der Schilderung ihres Lebens und ihrer Sitten noch ehrenvolle Erwähnung, nämlich ihre Gastfreundschaft. Es ist nicht leicht, in einer gebildeten amerikanischen Familie Zutritt zu erhalten und als Hausfreund angenommen zu werden; hat aber einmal Jemand ihr Zutrauen gewonnen, so schenken sie es ihm auch ganz und machen nicht den strengen Unterschied zwischen dem jüngeren und dem reiferen Alter, wie man in Deutschland zu thun pflegt. Dieses mag zunächst dem Umstand zuzuschreiben seyn, daß bei ihnen mit dem 21sten Jahre bereits die vollständige politische Mündigkeit eintritt, welche dem Jünglinge schon die wichtigsten bürgerlichen Rechte verleiht. Dem Hausfreund gegenüber fällt die Ettiquette, und Niemand findet es anstößig, wenn ein junger Mann die Tochter des Hauses Abends ohne weitere Begleitung in's Theater, auf Bälle oder Promenaden führt.

Zwanzigstes Capitel.

Die New-Yorker Presse.

Zur Befestigung der amerikanischen Institutionen hat in besonders hohem Grade die Presse beigetragen, weßhalb ich ihrer auch einige Erwähnung thun muß. Sie übt einen um so größeren Einfluß auf das Volk, als ihr von jeher die berühmtesten und patriotischsten Staatsmänner ihre Kräfte gewidmet haben, damit den Lesern außer der vielen mittelmäßigen Kost auch eine gediegene gereicht werde.

In keiner Stadt der Union hat sie sich zu einer so hohen Bedeutung und zu einem solchen Einflusse emporgeschwungen, wie in New-York, weßhalb auch eine jede nur einigermaßen Lebenskräftigkeit besitzende Partei dort ein Organ hat. Die Journale New-Yorks entsprechen aber auch allen den Anforderungen, welche man an sie vermöge der Größe, Bedeutung und Bildung der Stadt stellen kann, es erscheinen nicht allein politische, sondern auch wissenschaftliche, belletristische, musikalische und gewerbliche Blätter; nicht verkennen läßt sich jedoch, daß zu dieser Entwickelung der Presse der Handel und der große Verkehr in New-York unendlich viel beigetragen hat; um Beide zu heben, baute man die weiten Eisenbahnstrecken, Canäle und Telegraphenlinien, durch deren Herstellung die kaum glaubliche Thatsache möglich geworden ist, an jedem Tage in New-York Nachrichten aus allen Theilen der Union in der Art zu erhalten, daß alle Ereignisse und die Marktpreise von New-Orleans, St. Louis und Buffalo wenige Stunden nach ihrem Bekanntwerden in den genannten Städten auch schon dem New-Yorker Publikum durch die Presse mitgetheilt werden können. Durch diese ungeheure Schnelligkeit der Communication ist auch das allgemeine Interesse viel lebendiger und der Absatz beliebter Blätter ungleich größer, als in Deutschland, während die Redactionen auf der anderen Seite wieder in den Stand gesetzt sind, einen billigen Preis zu stellen. Die Sonne[15] zieht eine tägliche Auflage von 60,000 und der Herald eine von 40,000 Exempl. ab.

[15]: ~The Sun.~

Die Morgenzeitungen bringen noch alle die Nachrichten, welche bis 3 Uhr in der Frühe einlaufen; erst in dieser Stunde wird der Satz geschlossen und der Druck begonnen. Um 7½ Uhr haben die meisten Abonnenten in der Stadt ihre Blätter schon unter der Hausthüre liegen, da zu dieser Zeit noch sämmtliche Wohnungen und alle Verkaufslokale geschlossen sind. In den Geschäftsstraßen, die sich erst um 7 Uhr beleben, da in ihnen Niemand wohnt, liegen bei trockenem Wetter vor manchem Hause 20-30 Blätter, ohne daß der Subscribent eine Entwendung zu befürchten hätte.

Jedes Journal druckt täglich mehrere Tausend Exemplare über die Abonnentenzahl, welche größtentheils von Zeitungsjungen in den Straßen, an der Börse, an den Landungsplätzen der Dampfschiffe und an den Eisenbahnen verkauft werden. Zu dem großen Absatz der New-Yorker Blätter trägt besonders der Umstand bei, daß der Leser mit dem Beginne des Abonnements an keine bestimmte Zeit gebunden ist, indem die Zeitungsträger jeden Montag ihr Geld für das in der vergangenen Woche gebrachte Journal abholen. Für minderbemittelte Leser, welche eine größere Ausgabe scheuen müssen, ist dies eine sehr große Erleichterung.

Außer den in englischer Sprache gedruckten Blättern erscheinen in deutscher die New-Yorker Staatszeitung, die New-Yorker Schnellpost und der New-Yorker Demokrat mit einem Sonntagsblatte, und in französischer der ~Courier des Etats unis~, welcher von der Regierung Louis Philipps Unterstützung erhielt und dafür oft in nicht sehr würdiger Weise die Interessen der Dynastie Orleans vertrat. Mit der Februarrevolution änderte er Redaction und Farbe. Kurze Zeit erschien auch ein Blatt für die Scandinavier; es mußte aber wegen Mangel an Theilnahme zu erscheinen aufhören.

Die Stimme des Staates New-York fällt bei der Entscheidung politischer Kämpfe schwer in die Wagschaale. Es haben daher die Demokraten und die Whigs von jeher alle ihre Kräfte aufgeboten, die Stadt und den Staat für ihre Ansichten zu gewinnen. Beide erkannten nur zu gut, daß sie sich keines besseren Agitationsmittel bedienen konnten, als der Presse, und sie sorgten daher für die Gründung von Parteijournalen, welche sich fast durchgängig mit der Erörterung politischer Parteigrundsätze und der Kritik der Regierungsmaßregeln beschäftigen. Im Sinne der Demokraten schreiben »~the true Sun~«, »~the Globe~« und die unter der Redaction des Dichters Bryant erscheinende »~Evening-Post~«[16]. Die schon oben erwähnte ~Sun~ neigt sich ebenfalls der Demokratie zu, obschon sie fast in jeder ihrer Spalten versichert, daß sie ein unpartheiisches und unabhängiges Blatt sey. Die Interessen der Whigs werden mehr oder wenig von der ~New-York Tribune~, dem ~Courier and Inquirer~ und dem ~Express~ vertreten.

[16]: Die wahre Sonne, die Erdkugel und die Abendpost.

Als wahrhaft unabhängiges[17] und deßhalb von allen Parteien sehr geschätztes Blatt ist der ~New-York Herald~ auch im Auslande rühmlichst bekannt, und die meisten deutschen Artikel über Amerika sind wohl aus ihm übersetzt. Er liefert auch die politischen Neuigkeiten am raschesten, ausführlichsten und zuverlässigsten und wurde dem gebildeten Leser schon deßhalb unentbehrlich, weil er das einzige politische Sonntagsblatt ist. Von den Einwanderern wird er besonders geschätzt, da er Correspondenten in allen bedeutenden Städten Europas hat. Der Eigenthümer dieses Journals, Mr. Gordon Bennet, läßt seit der Gründung der französischen Dampfschifffahrtslinie von Cherbourg nach New-York auch eine französische Ausgabe seines Blattes für Frankreich besorgen, welche von Freunden dieser Sprache auch zahlreich in New-York gekauft wird.

[17]: Nur bei der letzten Präsidentenwahl kämpfte er für die Candidatur des General Taylor.

~The Sun~ und ~the Herald~ liefern bei der Ankunft eines jeden Dampfschiffes von Europa Extrablätter. Diese werden immer zahlreich gekauft und werfen daher guten Gewinn ab; denn treffen auch keine wichtigen politischen Neuigkeiten ein, so kommen doch Handelsnachrichten an, welche über Gewinn und Verlust entscheiden und von dem Amerikaner mit größter Spannung erwartet werden. Die Zeitungsjungen machen mit diesen Extrablättern gute Geschäfte, zumal sie so klug sind, im Moment der ersten Spannung um 100 Prozent mit ihrem Artikel aufzuschlagen; auch wissen sie sehr gut auf die Neugierde ihrer Leser zu speculiren, indem sie Schlachten ausrufen, die nie geschlagen wurden, und überhaupt auf Ereignisse aufmerksam machen, von denen außer diesen Jungen keine sterbliche Seele Etwas weiß.

Längere Zeit erschien in New-York der ~Yankee-Doodle~, ein politisches Witzblatt mit Holzschnitten nach Art des Londoner Punch. Demselben war aber bald der Witz und mit ihm die Abonnenten ausgegangen. Ueberhaupt ist der Amerikaner sehr schwach in der Kunst, seinen Gegner durch feinen Spott zu schlagen; auch fehlt ihm die Gewandtheit in der Zeichnung und die Manier der künstlerischen Behandlung, welche bei politischen Thematen oft mehr anzieht, als ein piquanter und sarkastischer Text.

Ein eigenthümliches Blatt ist der Bruder Jonathan[18]. Er erscheint nur zweimal des Jahres, nämlich zu Weihnachten und am 4ten Juli, und ist auf einen Bogen von solcher Größe gedruckt, daß man ganz bequem einen sechsjährigen Jungen in denselben einwickeln kann, ohne daß Kopf und Fuß mehr sichtbar ist. Eine ziemliche Anzahl Holzschnitte zieren ihn, welche zum Theil von einer ungewöhnlichen Größe sind. Das Blatt ist typographisch schön ausgestattet, und wird zahlreich gekauft, um Geschenke damit zu machen. Eine Nummer kostet 1 Schilling[19].

[18]: Bruder Jonathan ist der Nationalname des Amerikaners, wie John Bull der des Engländers und Michel der des Deutschen.

[19]: 18 kr. 3 pf. oder 5 Ngr. 4 pf.

Im Jahre 1848 wurde die erste musikalische Zeitung in New-York unter dem Titel: »~The musical Times~« herausgegeben. Die bedeutendsten Mitarbeiter sind durchgängig Deutsche, ohne deren Unterstützung die Unternehmung gar nicht in's Leben hätte treten können. Der belletristische Theil des Blattes besteht fast einzig und allein aus Uebersetzungen deutscher und französischer Novellen.

Als Literaturblatt ist der ~Harbinger~[20], welcher von den Gebildeten häufig gelesen wird, nicht ohne Werth. Er enthält philosophische, ästhetische und andere wissenschaftliche Aufsätze, theilt Gedichte besserer Gattung und Auszüge aus guten prosaischen Werken mit und gibt eine kritische Uebersicht über die Producte der amerikanischen Literatur. Gediegene Redaction und schöne Ausstattung empfehlen dieses Blatt, welches in seiner Art noch ziemlich das einzige im Staate New-York seyn dürfte.

[20]: Der Vorläufer.

Einundzwanzigstes Capitel.

Kunst. Theater. Musik.

Durch die Presse ist auch in dem Volke das Verlangen nach geistigen Genüssen erweckt worden. In die erste Classe ist in dieser Beziehung Theater und Musik zu stellen, die sich seit den letzten zehn Jahren in New-York einer besonderen Pflege erfreuen und ein lebendiges Zeugniß abgeben, daß die Bildung im Fortschreiten begriffen ist. Auf ihre Leistungen in der Malerei und der Bildhauerei läßt sich dieses Lob freilich nicht anwenden, da sie mit wenigen Ausnahmen in ersterem Fache noch viel zu sehr an die Entstehungsperiode der Kunst erinnern, und die Sculptur nur von eingewanderten Deutschen, Franzosen und Italienern betrieben wird. Es hat sich in New-York zwar ein Kunstverein mit einer Kunstausstellung gebildet; die eingebornen Amerikaner haben aber bis jetzt noch wenig Werthvolles eingeliefert. In der Architectur dagegen haben sie erstaunliche Fortschritte gemacht; die Börse, die ~Tombs~[21], das ~Customhouse~[22], das Wasserreservoir, die herrliche Wasserleitung und andere colossale Bauten werden gewiß den Beifall und die Bewunderung sachverständiger Männer erhalten.

[21]: Der im egyptischen Style gebaute Gerichtshof, mit welchem eine bedeutende Anzahl Zellengefängnisse in Verbindung steht.

[22]: Zollhaus.

Die New-Yorker haben eine große Vorliebe für den Theaterbesuch. Es fehlt daher nicht an besseren und geringeren Vorstellungen von Schau- und Lustspielen und Opern. Wirklich gute Productionen findet man im Park-Theater, da in demselben häufig berühmte englische Mimen auftreten; im Jahre 1847 gab dort der Engländer Kean die schönsten Characterbilder Shakespeares; überhaupt hat sich dieses Theater den Ruf einer dramatischen Gediegenheit erworben. Für bessere Lustspiele ist das Broadway-Theater da, welches erst vor zwei Jahren erbaut wurde; das eigene Volkstheater, in welchem Spektakelstücke und populaire und nationale Ereignisse auf die Bühne gebracht werden, ist das Bowerytheater. Es erfreut sich eines sehr zahlreichen Besuches, da der Unternehmer beständig gute und beliebte Schauspieler engagirt hat und keine Kosten scheut. Viel Vergnügen bereitete mir in demselben die Aufführung von Schillers »Räubern«, welche ziemlich gelungen in's Englische übertragen und recht brav in Scene gesetzt waren. Für die niedere Komik und den Volkswitz gibt es ebenfalls einige Bühnen.

Freunde der Opernmusik sind auf die italienische Oper angewiesen. Um sie würdig zu placiren, baute die New-Yorker Noblesse ein eigenes Opernhaus am Ende des Broadway. In diesem Musensitz wollten sie auch einen besonders feinen Ton und die Pracht der Mode nach Londoner und Pariser Art einheimisch machen, und es mußte, um diesen Endzweck zu erreichen, der Theatercomité die Einrichtung treffen, daß nur Gentlemans in schwarzem Fracke und Ladys in Herrenbegleitung der Zutritt gestattet wurde, was den bösen Uebelstand zur Folge hatte, daß ganz anständig gekleidete Leute am Eingange abgewiesen wurden. Dies hieß aber in ein gewaltiges Wespennest stieren! Die ganze New-Yorker Presse und vor allen Blättern der Herald zog ganz unbarmherzig gegen die Geldaristokratie zu Felde, welche es gewagt hatte, dem Volke eine besondere Kleidung bei dem Genusse von Vergnügungen, die ihm sein gutes Geld kosteten, vorzuschreiben und die republikanische Einfachheit, wie die persönliche Freiheit eines jeden Einzelnen in einer solchen Weise anzugreifen. Man warnte vor dem Besuche eines solchen Theaters, nannte die Sänger die traurigsten Stümper und brachte das ganze Unternehmen in einen solchen Mißkredit, daß es ohnfehlbar gescheitert wäre, wenn der Theatercomité nicht die unglückliche Frackidee aufgegeben hätte. Ein betheiligter reicher Kaufmann machte aus lauter Verdruß über das Geschrei der Presse den Versuch, den Eigenthümer des Herald mit 200 Dollars zum Schweigen zu bringen; am anderen Tage aber fand er seinen Brief wörtlich auf der ersten Spalte des Herald in einer schwarzen Einfassung abgedruckt; außerdem war noch die malitiöse Bemerkung beigefügt, daß sich der Maire der Stadt in einem Handbillete bei dem Herrn Bennet im Namen des städtischen Armenhauses für die Schenkung von 200 Dollars bedankt habe, welche zur Bestechung der Presse hätten dienen sollen.

In New-York fehlt es auch nicht an zwei deutschen Theatern; leider aber haben es unsere Landsleute noch nicht zu dem Besitze eines würdigen Kunsttempels bringen können. Die Schuld liegt freilich größtentheils an den deutschen Schauspielern selbst, welche bis auf einige Wenige so viel wie nichts leisten. Sie sind deßhalb gezwungen gewesen, ihre Bretter, die aber nichts weniger, als die Welt bedeuten, in großen Sälen aufzuschlagen. Die Dekorationen, wie die ganze Ausstattung machen einen ziemlich kläglichen Eindruck; von Maschinerie ist gar keine Rede, und die Anziehungskraft auf das Publikum würde sich wohl auf Null reduciren, wenn nicht nach dem Schlusse der Vorstellungen noch Ball wäre, an dem jeder Zuschauer unentgeldlich Theil nehmen kann.

Beide Unternehmungen sind von Gastwirthen ausgegangen, denen es natürlich mehr um den Absatz von Speisen und Getränken, als um Hebung der Kunst zu thun ist.

Für musikalische Genüsse sorgt der philharmonische Verein. Er hat viele Mitglieder und die nöthigen Mittel, um größere Musikwerke zur Ausführung bringen zu können; der hohe jährliche Beitrag macht aber den Eintritt in diese Gesellschaft Vielen unmöglich.

Die besten Musiker in New-York sind ohnstreitig die deutschen und werden auch als solche von den Amerikanern anerkannt. Ihre Vorträge sind freilich auch werthvoller, als die der Eingebornen, welche die Harmonie der Töne theilweise noch mit der Trommel, der Sackpfeife und dem Dudelsack hervorbringen wollen. Dessen ohngeachtet sind sie große Freunde der Musik und in jeder nur einigermaßen bemittelten Familie wird man ein Fortepiano finden, wodurch die Fabrikation dieser Instrumente in New-York selbst einen erstaunlichen Aufschwung erhalten hat.

Deutsche Musiker können in Amerika guten Verdienst finden, wenn sie etwas Tüchtiges zu leisten im Stande sind. An Stümpern jedoch ist kein Mangel.

Im verflossenen Jahre kam eine Gesellschaft Steiermärker nach Amerika, um sich in den bedeutendsten Städten der Union hören zu lassen. Ihr erstes Auftreten in Boston wurde von einem außerordentlichen Erfolge begleitet, da in der That jedes Mitglied Virtuos auf seinem Instrumente war. In New-York machten ihre Leistungen ein solches Aufsehen, daß sie dort schon Einladungen nach Baltimore, Washington und New-Orleans erhielten. Von letzterer Stadt giengen sie nach der Havanna. Ihre Geschäfte müssen sehr einträglich gewesen seyn, wie überhaupt noch kein Künstler Amerika unbefriedigt verlassen haben wird, da ihr Säckel sich dort gewiß eher füllte, als in den meisten europäischen Städten. Fanny Elsler, Ole Bull, Sivori, Leopold Meyer und Andere werden davon gewiß vollgültige Beweise abgeben können. Die von ihnen gegebenen Vorstellungen und Concerte waren sämmtlich zahlreich besucht, und ist auch nicht zu verkennen, daß sie bedeutende Auslagen zu bestreiten hatten, so standen sie gewiß jedesmal mit ihrer Einnahme im Verhältniß, da man in New-York zu keinem Concert unter einem Dollar ein Billet erhalten kann.

Zweiundzwanzigstes Capitel.

Lasterhöhlen. ~Washington-Street~. Die ~Five-Points~. Die Hinrichtungen.

Große Verdienste um die Hebung der Moralität und Sittlichkeit hat sich ohnstreitig die Presse erworben, obschon in dieser Beziehung noch viel zu wünschen übrig bleibt. Bei dem ungeheuren Verkehre und dem ewigen Gehen und Kommen von Schiffen und von Reisenden aus allen Welttheilen müssen sich um so mehr auch unlautere Elemente einfinden, als der Eintritt in das Land keiner polizeilichen Controle unterworfen werden kann, da das Paßwesen eine total unbekannte Größe in den Vereinigten Staaten ist. Diese Einrichtung hat sich besonders des Beifalls der deutschen Handwerksburschen zu erfreuen, welche froh sind, daß sie von dem Visirenlassen der Wanderbücher befreit sind.

Es ist eine immer wiederkehrende und leicht erklärliche Erscheinung, daß Verbrechen und Laster aller Art ihren Hauptsitz in den großen Städten aufgeschlagen haben; hat man dies schon im Binnenlande zu beklagen, so ist dies wo möglich in noch vergrößertem Maßstabe in den Hafenstädten zu finden, in welchen täglich Tausende von Fremden zusammenströmen. Man darf daher auch nicht erwarten, daß New-York eine Ausnahme von der Regel macht und ich es als ein Muster der Sittenreinheit hinstellen kann; man findet auch in dieser Stadt neben der Tugend, Frömmigkeit und Redlichkeit die tiefste Immoralität und neben dem guten Tone und der Bildung die gröbste Unwissenheit und die furchtbarste Rohheit. New-York hat ebensogut, als London, Paris, Wien und Berlin seine Lasterhöhlen und seine verrufenen Gassen, in welchen das Verbrechen und die Schande haust. Man thut wohl daran, bei Nacht solche Orte zu meiden, da dort trotz aller Aufsicht verworfenes Gesindel sich niedergelassen hat, welches selbst den Mord nicht scheut, wenn es ihm Beute verschafft. New-York hat so gut seinen Stoff zu »Mysterien« geliefert, wie jede andere Stadt.

Es macht einen im höchsten Grade widrigen Eindruck, daß gerade eine der schönsten Straßen in der Nähe des Hafens, in welcher Nachts betrunkene Matrosen und andere gefährliche Individuen umherstreifen, den Namen Washingtons trägt. Man thut immer wohl, wenn man ihnen im Falle des Begegnens weit aus dem Wege geht.

In den Kellern der ~Washington-Street~ hört man jeden Abend kreischende Musik, nach welcher sich Matrosen und schlechte Dirnen drehen, die durch zudringliche und ekelhafte Geberden die Vorübergehenden zum Eintritt zu bewegen suchen. Kaum vergeht eine Nacht, in welcher dort nicht durch die Seeleute die schrecklichsten Schlägereien entstehen. Diese endigen nur zu oft mit Mord und Todtschlag, da diese rohe und schonungslose Classe von Menschen nach langer Entbehrung[23] sich ohne Rücksicht auf Gesundheit und Anstand allen Ausschweifungen hingibt und von dem Genusse starken Brandweins gemeiniglich so trunken werden, daß sie sich mit dem Messer in der Faust anfallen.

[23]: Den Matrosen auf amerikanischen Schiffen werden zur See keine spirituosen Getränke verabreicht. Sie erhalten Morgens eine hinreichende Quantität guten schwarzen Kaffee mit Fleisch und Kartoffeln, Mittags eine gute kräftige Kost und Abends Thee nebst einer guten Beispeise, aber weder Bier, Wein noch Schnapps. Den Passagieren ist bei Strafe der Confiscation ihrer Getränke strenge verboten, an die Matrosen Etwas abzugeben. Diese Bestimmung ist auch sehr nothwendig, da die meisten Matrosen weder Ziel noch Maß im Genuß der stärksten geistigen Getränke kennen. Ihr Dienst erfordert eine beständige Nüchternheit, da sie während eines Sturmes oft sämmtlich Dienst thun müssen und ihnen in einem solchen Falle oft Hunderte von Menschenleben anvertraut sind. Für diese Entsagung entschädigen sie sich nach der Landung in so reichem Maße, daß sie in wenigen Tagen einen sechswöchentlichen sauer ersparten Lohn durchbringen.

Ein sehr beträchtliches Contingent zu diesem Auswurfe liefert die Raçe der Neger. Diese sind jedoch weniger zurechnungsfähig, da sie großentheils ohne allen Unterricht und ohne alle Erziehung aufwuchsen. Außer der ~Washington-Street~ haben sie besonders ihr Hauptquartier in den ~Five-Points~ aufgeschlagen. Die ~Five-Points~ sind fünf Straßen, welche von einem in der Mitte liegenden Platze strahlenförmig ausgehen und in einem wahrhaft fürchterlichen Renomée stehen. Viele Menschen wagen nicht einmal während der Tageszeit durch diesen Theil der Stadt zu gehen, welcher gleich neben dem Broadway und hinter der City-Hall, also in der belebtesten Gegend beginnt. Das Aeußere der Gebäude gibt schon einen deutlichen Begriff von ihren Bewohnern. Alle Häuser haben unter dem Erdgeschosse noch Kellerwohnungen (~basements~), in welchen sich Kneipen befinden, die von einem Ekel und Grauen erregenden Publikum besucht werden. Schmutzige Negerdirnen von jedem Alter mit herabhängenden dicken Lippen und einer oft an's Phantastische streifenden Kleidung, betrunkene Matrosen und der Auswurf der Menschheit vergnügen sich hier. Wehe Dem, der sich ohne genügenden Schutz in diese Höhlen hinabwagt; Derjenige, welcher Geld sehen läßt, ist in der größten Gefahr, ausgeplündert, ja ermordet zu werden.