Zwei Jahre in New-York Schilderung einer Seereise von Havre nach New-York und Charakteristik des New-Yorker politischen und socialen Lebens

Part 6

Chapter 63,462 wordsPublic domain

Das Institut der New-Yorker Constabler ist deßhalb ein so vorzügliches, weil auch sie aus der allgemeinen Wahl hervorgehen. Es kann daher nur Derjenige zu einem solchen Amte gelangen, welcher das Vertrauen seiner Mitbürger genießt. Diese haben die gesetzliche Verpflichtung, den Polizeimann in der Ausübung seines Berufes zu unterstützen und ihm namentlich im Falle der Widersetzlichkeit bei Arrestationen zur Seite zu stehen, da diese nur bei Ergreifung auf frischer That oder gegen Vorzeigung eines richterlichen Verhaftsbefehls vorgenommen werden dürfen. Aeußerst selten hört man über Rohheit und Unmenschlichkeit bei Verhaftungen klagen, und die Constabler genießen die allgemeine Achtung, welche der europäischen Polizei nicht durchgängig gezollt wird.

Fünfzehntes Capitel.

Künstlerlaufbahn. Der Marmorpalast.

So angenehm meine Abende vergiengen, da ich in den Feierstunden immer etwas Neues und Anziehendes kennen lernte, so traurig und langsam schlich mir der Tag bei meinem einförmigen und schmutzigen Geschäfte dahin, welches mir trotz meiner studirten Collegen in der Mitte der ersten Woche bereits so verleidet war, als hätte ich es Jahre lang getrieben. Ich machte auch aus meiner Abneigung gegen die unangenehm riechenden Rauchwaaren kein Hehl, und da wollte es ein glücklicher Zufall, daß mich ein Deutscher für einen Maler engagirte, der die Ausmalung eines neuen prachtvollen Ladens im Broadway übernommen hatte. Der Wechsel war groß und bedeutend, statt Bären-, Reh- und Hirschfelle nahm ich den Pinsel zur Hand, betrat die hehre Künstlerbahn und malte durch Schablonen. Der Unterschied fiel mir schon deßhalb sehr auf, da ich nicht mehr so schwer zu arbeiten hatte, statt um 7 Uhr erst um 8½ Uhr Morgens mit meinem Tagewerke begann, welches schon um 5½ Uhr beendigt war, bessere Bezahlung erhielt und zu Alledem in ein Atelier eintrat, in welchem alle möglichen Landeskinder ihre Geschicklichkeit und ihren Fleiß entwickelten. Der Prinzipal war ein Italiener; außer ihm arbeiteten noch zwei Landsleute von ihm mit; die übrigen Maler bestanden aus vier Deutschen, einem Schottländer, einem Irländer, zwei Franzosen und mehreren Amerikanern, so daß man wie beim babylonischen Thurmbau im buntesten Durcheinander deutsch, französisch, englisch und italienisch sprechen hörte. Unser Aller Herr und Meister verstand, Deutsch ausgenommen, die drei anderen Sprachen ziemlich fertig. Wir mußten oft herzlich lachen, wenn er zu dem ersten Besten seiner Leute hinrannte und ihm blitzschnell in einer Sprache eine Menge von Aufträgen ertheilte, von der der Angeredete kein Wort verstand; dies amusirte ihn jedoch immer selbst am meisten, und sich an die Stirne schlagend entfuhr ihm in solchem Falle manches ~Goddam!~

Das ganze großartige Gebäude, welches meine Kunst mit verschönern sollte und wegen seiner außerordentlichen Eleganz eine nähere Beschreibung verdient, ließ ein Amerikaner Namens Stewart aufführen. Die Hauptstadt des feinen Geschmacks, Paris, hat keinen solchen Laden, wie diesen von Grund und Boden neuerbauten aufzuweisen, welcher vom New-Yorker Publikum den stolzen, aber wohlverdienten Namen des Marmorpalastes erhalten hat, weil ähnlich der City-Hall die Hauptfronte mit Marmor überkleidet ist. Ueber mehrere Stufen von weißem Marmor gelangt man in einen breiten und tiefen Saal, dessen reich bemalte Decke von Säulen mit Capitälen von Gyps getragen wird. Rechts und links befinden sich zwei Reihen von polirten Fachgestellen, welche alle Modeartikel von den ordinairsten bis zu den kostbarsten enthalten. Diese Repositorien, welche den großen Saal in drei kleinere abtheilen, erheben sich jedoch nicht bis zu der Höhe der Decke, um die Weitläufigkeit des Ganzen überschauen zu lassen. Das Licht fällt bei Tage durch hohe Fenster mit ungeheuren Scheiben vom feinsten geschliffenen Glase in die inneren Räume, welche bei Nacht durch glänzende Gaslampen erleuchtet werden. Selbst dem gewandtesten Diebe dürfte es schwer fallen, in dieses herrliche und reiche Verkaufslokal einzubrechen, da in allen Fensterstöcken ein eiserner Falz angebracht ist, in welchen zu gleicher Zeit in Folge der Thätigkeit einer Maschine eiserne Läden von Oben nach Unten vor den Scheiben einfallen.

Geht man von dem Haupteingange in gerader Linie nach dem Hintergrunde, so gelangt man in eine große Rotunde, welche sich drei Stockwerke hoch erhebt und ihr Licht von einer großen Glaskuppel empfängt. Die hinterste Wand ist mit Spiegelglas getäfelt, was die Schönheit des Ganzen in's Vielfache vermehrt. Hier führet eine große, nach einer Reihe von Stufen sich nach der rechten und linken Seite hin theilende Treppe zu einer Gallerie empor, welche zu dem Verkaufslokale des ersten Stockes führt, welches die Größe des unteren Saales hat. Von da aus gelangt man auf einer einfachen Stiege in den zweiten Stock, in welchem die Vorräthe aufgespeichert liegen.

Wie man von der Rotunde nach Oben gelangen kann, so steigt man auch von ihr auf einer ähnlichen Treppe in die unteren Räume, in welcher die ankommenden Ballen und Kisten ausgepackt und die Waaren ausgezeichnet werden.

Neben dem reichsten Geschmacke zeigt sich allenthalben auch die Aufmerksamkeit für die Bequemlichkeit des Käufers, da vor jedem Ladentische kleine runde Stühlchen angebracht sind, damit namentlich das zartere, in die Herrlichkeiten der Mode versunkene Geschlecht die vorgelegten Artikel mit Muße betrachten und bewundern kann.

In diesem Geschäfte sind über 60 Commis thätig, welche die Sprachen aller civilisirten Völker sprechen. Diese wohnen sämmtlich in einem Hinterhause, in welchem einem Jeden von ihnen sein eigenes Zimmer angewiesen ist. Der Leser wird sich aus dieser Schilderung eine Idee von der Größe dieses Gebäudes machen können, in welchem noch die schöne und nützliche Einrichtung getroffen ist, daß ein Druckwerk laufendes Wasser in alle Stockwerke treibt. Jeder Besucher dieses herrlichen Etablissements wird gerne zugestehen, daß es in der That den Namen »Marmorpalast« verdient.

Sechszehntes Capitel.

Deutsches Leben in New-York. Geselligkeit. Wirthschaften. Brauerei. Ausflüge. Kirchweihen.

Mehrere Monate blieb ich bei meinem Italiener, welcher nach Beendigung der Arbeiten im Stewart'schen Laden mein Talent in einer Kirche verwandte, wo ich mich der höheren Kunst, nämlich des Ausmalens der Kirchen_decke_ befließ. Die Beziehungen zu meinen Collegen blieben angenehm, und bald hatte ich mich auch an das amerikanische Leben gewöhnt, welches freilich von der deutschen gemüthlichen Geselligkeit gar Manches entbehrt. Im Ganzen lebte ich jedoch nach deutscher Art, da unsere Landsleute in New-York erfolgreiche Anstrengungen gemacht haben, wenigstens Etwas von den heimischen Sitten und Gewohnheiten zu erhalten und nicht in die frostigen Manieren des Amerikaners zu verfallen, welche bei Vielen nur zu sehr an den Engländer erinnern. Bei ihrer großen Anzahl konnte ihnen das nicht schwer fallen, zumal die dazu erforderlichen Elemente zur Genüge vorhanden sind.

In New-York fehlt es dem Deutschen nicht, wie so Manche annehmen, an gemüthlichen Sammelplätzen und Gesellschaftslokalen, in welchen sich Abends Bekannte und Freunde treffen. Die verheiratheten Männer gehen jedoch nach dem Gebrauche der Amerikaner die Wochentage wenig aus, sondern verbringen die Abende im Kreise ihrer Familien, mit welcher Einrichtung ihre Frauen vollkommen zufrieden sind. Auch die ledigen jungen Leute kommen im Durchschnitte die Woche nur einige Male an öffentliche Orte, selbst wenn sie den besten Verdienst haben, weil mit äußerst geringen Ausnahmen nicht daran zu denken ist, täglich dieselbe regelmäßige Gesellschaft genießen zu können. Ueberhaupt hat sich der Deutsche im Allgemeinen in Amerika von seiner Hauptleidenschaft, der Liebe zum Trunke, losgemacht, da der Amerikaner eine große Antipathie dagegen äußert und nur nüchterne Menschen von ihm ein freundliches Entgegenkommen zu erwarten haben. Deßhalb ist auch im Durchschnitt der Deutsche bei dem Eingebornen viel mehr geachtet, als der Irländer, welcher noch Nachts die Schnappsflasche mit in's Bett nimmt.

Die einzigen Tage in der Woche, in denen man unter den Deutschen allgemeine Geselligkeit trifft, sind der Sonnabend und der Sonntag. Am Samstag ist schon um 5 Uhr Feierabend und außerdem Zahltag, an welchem mancher leere Beutel eine fröhliche Heimsuchung erfährt. Gegen 7 Uhr füllen sich die Bierhäuser, die jedoch ohne Ausnahme nach amerikanischer Art eingerichtet sind, weßhalb man in ihnen außer dem Gerstensafte jeden Augenblick die verschiedensten Sorten Liqueure, Wein, Punsch und Glühwein bekommen kann. Gewöhnlich steht in der Nähe der Thüre der niemals fehlende Ladentisch (~counter~), hinter welchem sich ein Fachgestell mit verschiedenen Flaschen und Gläsern erhebt, das außerdem mit Blumen, bunten Muscheln, Springbrunnen u. s. w. geziert ist.

Die Deutschen halten sich im Ganzen, wie in der Heimath, an ihr Lieblingsgetränke, das Bier, weßhalb die Brauereien in Amerika in der letzten Zeit einen sehr bedeutenden Aufschwung erhalten haben. In New-York brauen mehrere bairische und badische Brauer ein Lagerbier, welches sich dem bairischen wohl unbedenklich an die Seite stellen darf. Gute Gerste und guter Hopfen erleichtern die Herstellung desselben. Bis jetzt fehlten nur die Felsenkeller, welche dort zwar leicht zu graben sind, aber einen bedeutenden Capitalaufwand erfordern. Mehrere Bierbrauer haben aber demohngeachtet den Anfang damit gemacht, was um so nothwendiger ist, als bis jetzt das Lagerbier in New-York schon Ende Juli ausgieng, da es an großen Lagerkellern gebrach, und man gerade in der größten Hitze genöthigt war, ein in den heißen Sommermonaten gebrautes obergähriges Bier zu trinken, welches unter dem Namen ~small-beer~[9] bekannt ist, sich aber keines besonderen Rufes erfreut. Man kann jedoch fast das ganze Jahr Biere aus Philadelphia bekommen, welche wegen ihrer vorzüglichen Güte sehr beliebt wurden und besonders dann starken Absatz finden, wenn die New-Yorker Biere ausgegangen sind. Hie und da trinken die Deutschen auch Ale und Porter, obschon sie ihrem Gerstenbiere den Vorzug geben.

[9]: Geringes, dünnes Bier, von den Amerikanern im Gegensatz zu ihrem ~strong-beer~ (starkem Bier) so genannt, welches die Deutschen jedoch nicht sonderlich lieben, da es einen herben bitteren Geschmack hat. Die deutschen Lagerbiere werden jedoch auch von den Amerikanern gerne getrunken.

Man kann nicht in Abrede stellen, daß es in den amerikanischen deutschen Schenklokalen weit anständiger zugeht, als in vielen in Deutschland; Zank und Streit ist selten zu hören, und wird ja Mancher einmal laut, so geschieht es im Eifer politischer Discussion, da auch hier der Deutsche seine Leidenschaftlichkeit und Heftigkeit nicht verläugnen kann. Während meines ganzen Aufenthaltes aber war ich nie Zeuge einer Schlägerei oder anderer Rohheit. Es mag dies zum Theil darin seinen Grund finden, daß sich in einer so großen Stadt die Gäste zu wenig kennen, und durch Spiele um Geld, welche streng verboten sind, keine Veranlassung zu Uneinigkeiten gegeben wird.

In den besseren Wirthschaften ist fast durchgängig ein Pianoforte zu finden, und es fehlt nicht an Personen, welche dieses Instrument sehr gut zu spielen verstehen. Ich habe mehrere Wirthe kennen gelernt, welche fertige Clavierlehrer anständig dafür honorirten, daß sie Sonnabend und Sonntag Abends ihre Gäste mit Gesang und gutem Spiel erfreuten. Sonntags ist auch an mehreren Orten gute deutsche Harmoniemusik zu finden, welche ebenfalls ein großes Publikum anzieht; namentlich erscheint hier die New-Yorker deutsche Frauenzimmerwelt, welche Nachmittags nicht über Land gehen konnte. Diese Häuser waren weitaus am meisten besucht, da außer den musikalischen Genüssen die besten deutschen Zeitungen aus der ganzen Union und die gelesensten New-Yorker Blätter, nebst Billard und Kegelbahn den Besuchern zu Gebote stehen.

Den Sonntags-Nachmittag benutzen die Deutschen hauptsächlich zu Ausflügen auf das Land. Die besuchtesten Orte sind das Blumenthal (~Bloomingdale~) und Hoboken. Erstere Partie macht man entweder zu Fuß oder mittelst einer Eisenbahn, welche sich unmittelbar von City-Hall aus, also fast von Anfang der Stadt bis an ihr Ende hinauszieht, und gewöhnlich bei unsern deutschen bäuerlichen Einwanderern das größte Erstaunen erregt, denn wenn sie auch in Europa diese neuen Eisenwege kennen gelernt haben, so erscheint es ihnen doch wunderbar, daß man sie auch durch die Straßen einer Stadt hindurchführt. Aber eine ebenso große Aufmerksamkeit, als sie der Eisenbahn widmen, wird ihnen von den hin und herpromenirenden amerikanischen Lady's und Gentlemens erwiesen, besonders wenn unsere Landsleute im langen Rock mit blanken Knöpfen, rothen Westen, kurzen Leder-Hosen und einem großen Dreimaster, und die Weiber und Mädchen mit kurzen Röcken, Schnallenschuhen und Hauben mit breiten Bändern erscheinen. Diese Tracht entlockt selbst den Deutschen ein Lächeln, welche länger in New-York wohnen und diesen weiland gewohnten Anblick jetzt selten genießen.

Um auf das Blumenthal selbst wieder zurückzukommen, so diene hier zur Nachricht, daß dieses ein nicht kleiner Stadtbezirk ist, in welchem fast ausschließlich Deutsche, jedoch nur die kleineren Handwerker und Arbeiter wohnen. Hier fehlt es nicht an zahlreichen deutschen Kneipen, die jedoch ihrer großen Mehrzahl nach nicht sehr einladend sind; überhaupt möge sich der geneigte Leser keinen zu hohen Begriff von diesem Blumenthal machen, da es nichts weniger als diesen Namen verdient. Nur der Theil, welcher noch wenig angebaut ist und einige Gärten mit schöner Aussicht auf den Hudson und Blackwellisland, eine Art Correctionsanstalt (der Plassenburg im Zwecke wie in der romantischen Lage gleich), in sich schließt, verdient diesen Namen.

Hoboken ist ohnstreitig ein viel angenehmerer Vergnügungsort. Um dahin zu gelangen, muß man, da es auf dem Festlande liegt, über den Northriver fahren, was das Publikum sehr anzieht, da man statt des erstickenden Staubes auf dem Blumenthaler Ausfluge hier die erquickende und erfrischende Seeluft einathmet. Auf der New-Yorker Seite sind drei Fähren, von welchen aus man alle fünf Minuten auf Dampfschiffen über den Hudson gelangen kann. Der Preis ist so billig gestellt, daß es selbst dem Aermsten möglich ist, ihn zu zahlen, denn er beträgt nur 6 Cts.[10], wofür man noch die außerordentliche Begünstigung hat, so oft man will, ohne alle weitere Nachzahlung, den Weg hin und her machen zu können, wenn man nicht vom Boote herabgeht. Sorgsame Mütter schicken während der heißen Jahreszeit ihre Kinder täglich auf diese Dampfboote, damit sie eine gesunde Bewegung haben, ohne der Gefahr des Sonnenstiches ausgesetzt zu seyn, welcher viele Opfer fordert. In Hoboken selbst fehlt es nicht an angenehmen Anlagen und comfortablen Plätzen, wo Erfrischungen gereicht werden, und besonders deutsche Wirthe haben sich hier in ziemlicher Anzahl niedergelassen, um ihre deutschen Gäste nach deutscher Weise mit Kaffee und Milchbrod, wie Butter, Schweizerkäse und gutem Bier bewirthen zu können.

[10]: 9 Kreuzer oder 2½ Ngr.

Auch andere deutsche Vergnügungen, welche bis jetzt in Amerika noch nicht recht heimisch werden wollten, haben unsere Landsleute dort einzubürgern gesucht, namentlich die in Deutschland jährlich wiederkehrenden Kirchweihen. Die Rheinländer feiern großentheils die Kirchweihtage ihrer Heimath, obschon das eigenthümliche Gepräge eines solchen Festes verloren geht, wenn es ausschließlich von Städtern gefeiert wird. Ich hatte Gelegenheit, in New-York die Dürkheimer Kirchweih mitzumachen, welche von Einwanderern aus dieser Stadt und deren Umgegend in einem Garten festlich begangen wurde. Bis auf die Kaufbuden, welche mangelten, hatte das Ganze ziemlich den Character einer deutschen Kirchweih, denn es wurden uns nicht allein in Fülle deutsche Brat-, Blut- und Leberwürste nebst Sauerkraut, sondern auch edler Pfälzerwein, ächter 46er geboten; auch fehlte dem munteren Kreise nicht das höchste Gut, welches uns Speis und Trank erst würzet, der Frohsinn und die Heiterkeit. Schöne Gesänge wechselten mit guter Musik ab, und die Feier schloß mit einem gemüthlichen Tänzchen und einem Toaste auf das geliebte deutsche Vaterland.

Ein anderes, jedes Jahr mehrmals wiederkehrendes Vergnügen sind die gemeinschaftlichen Ausflüge der Deutschen. Ein zu diesem Zwecke gewählter Comité miethet ein Dampfschiff für einen Tag, und Morgens 5 Uhr geht es mit Weib und Kind in's Freie. Diese Gesellschaften zählen oft 6-700 Personen, welche für einen Tag ihre Alltagsbeschäftigungen vergessen, um die freie Natur und das schöne Hudsonthal zu genießen. Gewöhnlich sucht man schon mehrere Tage vorher 25 bis 30 englische Meilen von New-York einen schönen Platz aus, um an demselben auszusteigen und sich zu vergnügen. Die Fahrt schon verbreitet allgemeine Lust; es fehlt nicht an kühlenden Getränken und guten Speisen, welche die sorgsamen Hausfrauen schon Tags vorher zubereiten, um die Freunde der Familie auch außerhalb New-York auf ein deutsches Gericht einladen zu können. In dem elegant ausgestatteten Schiffssalon spielt eine gute deutsche Musik, welche zum Tanze auffordert, und in bunter Reihe folgen Gesänge, Reden, Deklamationen u. s. w. Die Amerikaner machen sehr häufig diese Partieen mit, und erinnern sich ihrer immer mit großem Vergnügen, da sie unter sich selten so viel Herzlichkeit und Gemüthlichkeit finden.

Siebenzehntes Capitel.

Die Feier des Maifestes in New-York. Gesangvereine. Deutsche Bälle.

Der geneigte Leser wird aus dem vorigen Capitel ersehen haben, daß es dem Deutschen in Amerika keineswegs an geselligen Vergnügungen gebricht; einem Feste aber, welches alljährlich begangen wird, möchte ich vor allen anderen den Vorzug geben, nämlich dem Maifeste. Die vielen schönen Erinnerungen, welche sich an den ersten Mai, an den Verkündiger des Frühlings, und an die Heimath knüpfen, haben die Deutschen veranlaßt, diesen Tag auch in der Ferne nicht ungefeiert vorübergehen zu lassen, und so finden sich an demselben alljährlich viele Tausende zusammen, um im Freien die Schönheit des Lenzes zu genießen.

Die Deutschen kommen in Amerika und vorzüglich in New-York niemals bei einer außerordentlichen Gelegenheit zusammen, ohne einem Feste durch passende Reden eine höhere Weihe zu geben; am wenigsten dürfen diese an einem Freudentage, wie der erste Mai fehlen. Die Redefreiheit ist unbeschränkt; um jedoch der Gesellschaft wenigstens einige gediegene Vorträge zu sichern, ersucht der Festcomité immer schon acht Tage vorher einige beliebte Volksredner, an diesem Tage die Tribune zu betreten. Erst wenn diese geendigt haben, kann Jeder ohne Ausnahme um's Wort bitten, wobei dem Zuhörer natürlich unbenommen bleibt, zuzuhören oder sich zu entfernen.

Eines der schönsten Maifeste wurde im Jahre 1847 auf einer Anhöhe hinter Hoboken gefeiert, von wo aus man ganz New-York mit seinen Inseln übersehen und die Blicke weit hinaus auf die hohe See schweifen lassen konnte. In einem freundlichen Wäldchen wurde der Festplatz aufgeschlagen, die deutsche schwarz-roth-goldene Flagge zwischen zwei amerikanischen auf dem höchsten Baume aufgezogen und eine mit Laub- und Streuguirlanden geschmückte Tribune errichtet. Vormittags schon hatten sich Hunderte auf dem grünen Rasen gelagert, obschon die eigentliche Feier erst Nachmittags zwei Uhr beginnen sollte.

Die Eröffnung machte ein Männerchor, welchem mehrere vorzüglich ausgearbeitete Festreden folgten. Eingeborene Amerikaner, vorzüglich solche, welche der deutschen Sprache mächtig waren, hatten sich zahlreich eingefunden, und zu Aller Freude erschien kurz vor dem Beginne der verschiedenen Vorträge einer freundlichen Einladung zufolge der amerikanische Dichter Bryant[11], ein großer Verehrer deutscher Literatur und Musik. Er ergriff auf allgemeines Bitten auch das Wort und wies mit warmem Gefühl auf die Verdienste hin, welche sich die deutschen Einwanderer in Amerika erworben hätten, characterisirte den Forschungsgeist und den tiefen wissenschaftlichen Sinn unserer Nation, dem auch das amerikanische Volk so viel zu verdanken habe, und schloß mit einem Hoch auf den deutschen Genius und auf die Bande der Liebe, welche Deutschland und die Vereinigten Staaten für immer umschlingen sollen. Der Präsident des Festcomités erwiderte seine mit dem größten Beifall aufgenommene Rede, indem er den Wunsch aussprach, daß die schönen Beziehungen zwischen Amerikanern und Deutschen immer mehr an Innigkeit gewinnen möchten. Nach dem Schlusse der im Programme vorgeschriebenen Feierlichkeiten bildeten sich die muntersten und lebendigsten Gruppen in dem frischen Grün, Gesang mit Guitarrebegleitung und Musik schallten durch den Wald, und erst spät Abends kehrten die Theilnehmer in die Stadt zurück.

[11]: Bryant ist durch Ferd. Freiligrath, welcher einige seiner lyrischen Gedichte übersetzt hat, auch in Deutschland bekannt geworden.

Das ganze deutsche Leben in New-York hat durch den Gesang einen neuen Reiz erhalten. Diese schöne Blume, welche unserem Daseyn so manche reine Wohlgerüche spendet, ist von den eingewanderten Deutschen sorgfältig gepflegt und gewartet worden; jedoch bildete sich erst im Jahre 1847 in New-York ein größerer Gesangverein, welcher in wenigen Wochen gegen 120 active und passive Mitglieder zählte. Derselbe trennte sich zwar im ersten Jahre wieder, aber es waren so viele gute Sängerkräfte vorhanden, daß zwei Liedertafeln daraus entstanden, welche ziemlich strenge Kunstrichter befriedigen. Beide Vereine halten ihre regelmäßigen Proben, und geben öfters zahlreich besuchte Productionen. Bei den Amerikanern haben die Leistungen der deutschen Sänger eine solche außerordentliche Anerkennung gefunden, daß man sie zu verschiedenen Malen zur Mitwirkung in den größten Concerten einlud. Dadurch ermuntert, beschlossen sie im Winter 1848, in dem Alhambra-Salon, einer eleganten, im maurischen Style aufgeführten Restauration eine großartige Production zu geben, welche sich den entschiedensten Beifall von Seite aller Musikfreunde errang. Besonders erregte der »Speisezettel von Zöllner« viel Vergnügen, obschon die meisten Amerikaner von dem Texte nichts, als das Wort »~beefsteak~« verstanden.

Aus den Gesangvereinen haben sich verschiedene Quartette gebildet, welche schon manchen Freundeskreis mit ihrem Gesang erheitert haben; selbst die Ständchen sind durch sie in Amerika eingebürgert worden, und oft kann man um Mitternacht die schönen Liederklänge Deutschlands in den einsamen Straßen erschallen hören.

Eine weitere Abwechslung und Erholung geben die zahlreichen Bälle, welche jedoch das Unangenehme haben, daß sie wegen der strengen Sonntagsfeier niemals Sonnabends oder Sonntags gehalten werden können. Die gewöhnlichen Tage für Tanzvergnügungen sind daher der Montag, Dienstag und Donnerstag geworden. Versuche, das Tanzen auf dem Lande am Sonntag trotz Gesetz und Polizei durchzusetzen, sind einige Male durch hinzugekommene Constabler zum nicht besonderen Ergötzen der dabei betheiligten Damen vereitelt worden.

Die Zahl der Bälle in New-York ist außerordentlich groß, was in der Existenz der vielen Freimaurerlogen, Krankengesellschaften, politischen und anderen Vereinen seinen Grund hat, welche sie insgesammt als eine willkommene Gelegenheit benützen, ihren Kassen den so nothwendigen Zuschuß zuzuführen. Zu dem Ende sendet immer der Ballcomité eines Vereins an seine Bekannten und Freunde Einladungskarten, welche mindestens einen Dollar kosten; es kommt jedoch sehr häufig vor, daß für sie 2-5 Dollars bezahlt werden müssen, was natürlich Manchen hindert, ein so theures Vergnügen mitzumachen. Männer, welche wegen ihrer Geschäftsverbindungen oder wegen ihrer politischen Stellung eine ausgedehnte Bekanntschaft besitzen, können sich buchstäblich vor solchen Ballkarten gar nicht retten, die eine um so größere Last für sie sind, da sie die Sache mit dem Bezahlen derselben allein nicht abmachen können, indem man auch noch ihr persönliches Erscheinen auf dem Balle erwartet.