Part 5
Die Partei der Demokraten besteht hauptsächlich aus der Klasse der kleineren Gewerbsmänner, der Ackerbautreibenden und der großen Mittelklasse des Volkes, während in den Reihen der Whigs vorzüglich die großen Kaufleute, Bankhalter, Fabrikanten, Monopolisten und Alle die kämpfen, welche von ihnen ihren Unterhalt beziehen. Dem Leser wird bei dieser Zusammensetzung der Parteien leicht einleuchten, daß beide in Bezug auf die Handelspolitik, welche für Amerika von so hoher Wichtigkeit ist, sehr verschiedener Ansicht seyn müssen. Während die Whigs einen hohen Eingangszoll für diejenigen Artikel verlangen, welche das Volk in Massen consumirt und zum Leben unentbehrlich hat, wünschen sie einen niedrigen für Gegenstände des Luxus, welche nur dem Reichen zugänglich sind. Trotz aller Bemühungen fiel das Prinzip der Whigs im Jahre 1847, wenn auch nur mit der Mehrheit _einer_ Stimme[8], durch, und die siegreiche demokratische Partei gab ein neues gerechteres Zollsystem, welches in den wenigen Jahren seines Bestehens die Behauptungen der Whigs glänzend widerlegte, daß durch dasselbe der Handel und die Fabriken der Vereinigten Staaten in Verfall kommen müßten. Trotzdem bieten sie noch heute alle ihre Kräfte auf, das ihnen verhaßte neue Zollsystem zu stürzen, was sie hauptsächlich durch die Erwählung eines Präsidenten aus ihrer Partei zu bewerkstelligen hofften. Ob aber ihr siegreicher Candidat, der bekannte General Taylor, welcher die Ablegung seines politischen Glaubensbekenntnisses vor der Wahl entschieden verweigerte und diese überhaupt nur seinen großen Verdiensten in Mexico zu verdanken hat, in dieser Frage eine andere Politik, als die 1847 angenommene, verfolgen wird, dürfte sehr zu bezweifeln seyn, da alle Zeichen darauf hindeuten, daß derselbe eine von den Parteien ganz unabhängige Stellung, wie der im Jahre 1840 ebenfalls von den Whigs gewählte Tyler, behaupten wird.
[8]: Diese gab der Vicepräsident Dallas im Senate zu Washington zu Gunsten der demokratischen Partei, wofür die Whigs in Philadelphia sein Bildniß in den Straßen verbrannten.
Einen zweiten Streitpunkt zwischen den beiden Parteien gibt die Gründung einer großen Nationalbank ab, welche die Whigs kräftig bevorworten und die Demokraten entschieden verwerfen. Die traurigen Erfahrungen, welche das amerikanische Volk mit der durch Präsident Jackson gestürzten Nationalbank machte, deren Finanzoperationen unwillkührlich an die Law'schen Schwindeleien in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Frankreich erinnern, sind indessen noch in zu frischem Andenken, als daß die Whigpartei auf einen Sieg in dieser Frage hoffen dürfte. Das Bankwesen hat überhaupt an den Demokraten sehr heftige Gegner, obschon sie es bis jetzt noch zu keinem entscheidenden Resultate bringen konnten, da dieses Uebel zu tief in Handel und Wandel Wurzeln geschlagen hat.
Zu einem erbitterten Kampfe zwischen den beiden Parteien führte die Einverleibung des Texanischen Gebietes, welches nach der Erringung seiner Unabhängigkeit in die Union aufgenommen werden wollte. Die Whigs kämpften, namentlich um den Eintritt eines neuen Sklavenstaates zu verhindern, mit aller Macht gegen die Annexation, und griffen den Präsidenten Polk, der sie durchführte, auf's Heftigste an. Ihre Polemik überstieg alle Grenzen der politischen Klugheit und Mäßigung, als durch diesen Act der Krieg mit Mexico herbeigeführt wurde, welchen sie trotz der Verletzung des Völkerrechts von Seite der Mexicaner einen ungerechten und unehrenvollen nannten und dadurch die Feinde ihres Vaterlands zu einem Widerstande ermunterten, der schon im Beginne wahnsinnig, zuletzt mit dem Verluste weiter Länderstrecken für Mexico endete. Die Whigs erwarben sich durch ihr damaliges Benehmen den Spottnamen »Mexicanische Whigs«. Jedoch muß ich hier zu Ehren dieser Partei erwähnen, daß nicht Alle von diesem Friedensfanatismus befallen waren; die Generale Taylor und Winfield Scott, welche ihrer Partei angehörten, kämpften ruhmvoll an der Spitze der amerikanischen Armeen, und der Major Clay, ein Sohn eines ihrer berühmtesten Führer, des großen Staatsmannes Henry Clay, fiel auf dem Felde der Ehre.
In Betreff der Sclavenfrage sind die Ansichten beider Parteien ebenfalls sehr verschieden. Viele Whigs nehmen Antheil an den Bestrebungen der Abolitionisten, welche das sofortige und unbedingte Aufhören der Sclaverei wollen. Dieser wohlfeilen Humanitätsschwärmerei treten die Demokraten entschieden entgegen, da aus der plötzlichen Befreiung der Sclaven die unheilvollsten Folgen für die Vereinigten Staaten erwachsen würden; denn es stände in diesem Falle nicht allein die Lösung der Union, die nur durch die große Weisheit und Mäßigung Washingtons gegründet wurde, sondern auch ein Kampf zwischen der weißen und der farbigen Raçe zu befürchten, welchen in neuester Zeit als Folge zu rascher Emancipation die Franzosen in ihren Colonieen so sehr zu beklagen hatten.
Die Whigs machten vor mehreren Jahren in dem Staate New-York den Versuch, den _freien_ Negern das volle Bürgerrecht und mit diesem das Stimm- und Wahlrecht einzuräumen. Als aber dem Volke die Entscheidung vorgelegt wurde, fiel die Frage mit großer Majorität, weil die öffentliche Meinung sich hinlänglich davon überzeugt hatte, daß zu einem solchen hohen Grade der Freiheit und bürgerlichen Berechtigung die Neger denn doch noch lange nicht genug Civilisation und Bildung besäßen. Namentlich fürchtete man, sie möchten von ehrgeizigen Parteimännern zu Parteizwecken gewonnen, und dadurch die Wohlthat der allgemeinen freien Wahl zum Fluche für das Land werden. Bei der Rohheit der Farbigen, bei ihrer übeln Ausdünstung und ihren vielen, der weißen Raçe höchst widrigen Gewohnheiten ist an einen engeren Verband, sey es im Staats- oder Familienleben, vorläufig noch gar nicht zu denken.
Der Leser wird aus dieser Charakteristik der beiden großen Parteien nun entnehmen können, welcher Art die Parteikämpfe in Amerika sind. Sie bleiben, einzelne Fälle, für die man die Parteien nicht verantwortlich machen darf, stets in den Schranken des Gesetzes, und jede fügt sich der Majorität, und wenn sie auch nur durch eine einzige Stimme errungen wurde. Der unterlegene Theil ist niedergeschlagen über die erlittene Schlappe, tröstet sich aber mit der Aussicht auf den Sieg bei dem nächsten Wahlkampfe.
Die kleineren Parteien, die Antirenter, Abolitionisten und Nationalreformer haben bis jetzt momentan nur dann eine größere Bedeutung erlangen können, wenn sie sich bei besonders wichtigen Wahlkämpfen mit der einen oder der anderen Hauptpartei verbanden und dieser durch ihre Unterstützung den Sieg verschafften. Von den letztgenannten Fraktionen haben wohl nur die Nationalreformer eine Zukunft, da die Grundsätze der beiden ersteren viel zu einseitig und theilweise auch zu ungerecht und fanatisch sind, um auf einen Sieg hoffen zu dürfen.
Dreizehntes Capitel.
Die Nationalreformer. Deutsche communistische Colonieen.
Die Partei der Nationalreformer hat sich erst seit wenigen Jahren gebildet und organisirt. Ihre Entstehung verdankt sie dem Socialismus, welcher auch in Amerika Eingang gefunden und dort, und zwar nach den unglücklichen Erfolgen der L. Blanc'schen Experimente, bis jetzt allein praktische Seiten gewonnen hat. Zu ihren Anhängern zählt sie viele Demokraten und Whigs, eine ziemliche Anzahl Arbeiter, den kleineren Handwerksstand und eine Masse sonst indifferenter Personen, welche sich von der Realisirung der Grundsätze dieser Partei einen greifbaren Gewinn, nämlich einen kostenfreien Grundbesitz versprechen. Mancher meiner Leser wird hier bedauern, daß sich auch in Amerika schon Communisten, rothe Republikaner und Feinde des Eigenthums befinden, welche durch die Verfolgung unausführbarer Ideen allen gesetzlichen Boden unterwühlen und die Existenz der Republik gefährden. Dem ist aber zum Glücke nicht so; das amerikanische Volk hat einerseits viel zu viel Achtung vor dem von ihm selbst gegebenen Gesetz, andererseits betheiligt es sich nur bei solchen Parteibestrebungen, bei denen der günstige Erfolg fast außer Zweifel ist, denn es ist nichts weniger, als ein Freund unpraktischer und hohler Theorieen.
Die Nationalreformer gehen von dem Grundsatze aus, daß die Erde, der Grund und Boden Eigenthum Aller sey, und stellten daher das Axiom auf: »_das Land soll frei seyn_«, d. h. es soll nicht verkauft werden und nicht zum Gegenstand des Wuchers und der Spekulation dienen, da es gleich dem Feuer, dem Wasser und der Luft zum Leben unentbehrlich sey, indem der Mensch ohne Boden verhungern, wie der Fisch ohne Wasser verschmachten müsse.
Diese Partei beabsichtigt jedoch keineswegs, die Grundbesitzer in ihren wohlerworbenen Rechten zu kränken und bereits verkauftes Land unter sich zu vertheilen, sondern ihr Wirken geht dahin, den Verkauf des bis jetzt noch unverkauften und unbebauten Landes in Amerika zu verhindern, und von dem Congresse ein Gesetz zu erlangen, welches die Erwerbung von Grundbesitz nur dem wirklichen Bebauer gestattet. Dieses strenge im Auge behaltend, verlangen sie, daß jeder wirkliche Ansiedler unentgeldlich 160 Acres Land in Besitz nehmen könne; da aber »_das Land frei seyn soll_«, ist dem jedesmaligen Besitzer eines solchen Gütercomplexes der Verkauf, die Verpachtung und die Aufnahme von Hypotheken zu untersagen. In dem Falle des Aussterbens einer Familie fällt der Grundbesitz wieder dem Staate anheim.
Die Tragweite dieser Maßregel wäre bei praktischer Durchführung gar nicht zu ermessen, denn es würde durch sie nicht allein die mittlere Klasse Amerikas, welche sich im Besitze einigen Baargeldes befindet, in den Stand gesetzt, sich eine sichere Heimath zu gründen und unabhängig von Anderen zu leben, sondern auch bei dem Wegzuge von Arbeitern in's Innere des Landes der neuankommende Handwerker leichter und schneller untergebracht und dem Sinken des Arbeitspreises am besten vorgebeugt. Für das übervölkerte und vom Proletariate überschwemmte Europa würde die Durchführung dieses großen Gedankens ebenfalls ein Segen seyn, da vielen kleineren Bauern und Handwerkern, die sich in Europa nur höchst kümmerlich nähren, obschon sie einen kleinen Capitalwerth besitzen, die Auswanderung gewiß sehr erleichtert wäre, wenn sie die Summe für den Ankauf des Landes in Amerika nicht mehr zu entrichten hätten.
Der Ausführung selbst steht wenig im Wege, wenn man das Geschrei der Bankmänner und Capitalisten allenfalls nicht zu hoch anschlagen will, welche sich durch Landschacher in kurzer Zeit ein ungeheures Vermögen erworben haben, denn es liegen in dem weiten Gebiete der Vereinigten Staaten mit Einschluß des in Folge des Mexicanischen Friedensschlusses acquirirten Landes noch 1000 Millionen Acres Land unbebaut da. Mögen auch hiervon Millionen steril, versumpft oder wegen klimatischer Verhältnisse unbewohnbar seyn, so wäre doch vielen Hunderttausenden von Familien ein freier Grundbesitz erworben. Der raschen Lösung der Aufgabe, welche sich die Nationalreformer gestellt haben, steht nur ein Hinderniß entgegen, nämlich die Deckung des dadurch in der Staatskasse entstehenden Ausfalls, da der Landverkauf bis jetzt jährlich immer einige Millionen Dollars eingetragen hat. Es liegt aber außer allem Zweifel, daß eine der großen Parteien die Nationalreformer in der Durchführung der Bodenfrage unterstützen muß, da diese durch ihre rastlosen Bemühungen und namentlich durch die außerordentliche Thätigkeit eines eingewanderten Engländers, des Mr. Evans, zahlreiche Anhänger im Volke gefunden haben. Das von ihm redigirte Journal »~Young America~« hat sich im Jahre 1847 und 1848 einen weiten Leserkreis erworben und für die Grundsätze der Partei eine weitausgedehnte Propaganda gemacht.
Die Bodenfrage wurde im Jahre 1847 von einem großen Theile der demokratischen Partei in ihrem Hauptquartiere Tammany-Hall in einem großen und begeisterten Meeting als ein neuer Grundsatz ihres Glaubensbekenntnisses anerkannt, und seit jenem Tage sprechen sich auch immer mehr einflußreiche Stimmen im Congresse für sie aus.
Eine andere, weniger wichtige, jedoch immer tief in's Leben greifende Maßregel suchen die Nationalreformer noch in der Herabsetzung der Arbeitszeit auf 10 Stunden durchzusetzen. Der Staat hat schon seit längerer Zeit bei den Staatsbauten diesen Grundsatz adoptirt, und es wird selbst in den Manufacturen und Fabriken New-Yorks, wenn von ihnen die Arbeit nicht stückweise in Accord gegeben wird, die vor Morgens 7 Uhr und nach Abends 6 Uhr geleistete extra vergütet. Nur in den großen Baumwollenfabriken, namentlich in Lowell, wird noch 12 Stunden und länger gearbeitet.
Die Nationalreformer unterstützen bei den Wahlen keinen Candidaten, der nicht ihr ~Pledge~ unterzeichnet, d. h. welcher nicht die schriftliche Zusicherung ertheilt hat, daß er nach Kräften für die Bodenfrage thätig seyn will. Sie nehmen darauf bei allen, selbst bei den unbedeutendsten Wahlen strenge Rücksicht, um ihre Partei immer mehr zu vergrößern, und es ist ihnen bereits gelungen, diese schriftliche Zusicherung von mehreren einflußreichen Demokraten und Whigs zu erlangen.
Auch bei den Deutschen hat die Agitation für die Bodenfrage mächtig um sich gegriffen und durch eine tüchtige Organisation eine solche Verbreitung und Bedeutung erhalten, daß ein deutsches Blatt, »Der Volkstribun«, ein ganzes Jahr lang erschien, um durch dasselbe die Grundsätze der Nationalreformer unter den Deutschen in derselben Art zu verbreiten, wie sie Mr. Evans in seinem Blatte »~Young America~« bei den Englischsprechenden vertrat.
Einzelne deutsche Nationalreformer haben auch Versuche zur Gründung von communistischen Colonieen gemacht, welche aber, soweit sie mir bekannt wurden, sämmtlich scheiterten. Im Jahre 1847 machten sich Sechs von ihnen, welche von der praktischen Durchführung des Communismus überzeugt waren, auf, um hinter Wisconsin in den nördlichen Gegenden des Mississippi eine Probe mit dem Zusammenleben in Gemeinschaft zu machen. Sie verkauften ihre Mobilien in New-York, versorgten ihre Familien mit dem Nothwendigsten, da sie diese einstweilen bis zur Errichtung von Blockhäusern zurücklassen wollten, und machten sich gut ausgerüstet auf den Weg. Mehrere von ihnen waren Mechaniker und hatten vor ihrer Abreise eine Schneidemühle construirt, die sie in den westlichen Wäldern aufstellen wollten, um Bretter und Balken auf dem Mississippi nach den südlichen Märkten zum Verkauf bringen zu können. Als sie an den nördlichen Seen angekommen waren, kauften sie Vieh, und wollten sich nun mit Wagen und einer Masse von Geräthschaften aller Art weiter in's Innere begeben, als Ereignisse eintraten, welche das ganze communistische Bündniß lösten. Um nämlich mit Allem versehen zu seyn, was man in der Wildniß entbehren muß, hatten sie auch nicht vergessen, eine große Tonne Brandwein mitzunehmen, wofür sich namentlich Einer von ihnen, ein großer Liebhaber des Feuerwassers, so lebhaft interessirte, daß er den ganzen Tag nicht mehr von dem Spundloche wegzubringen war. Die Anderen, welche den gleichen Antheil hatten, wollten natürlich nicht zu kurz kommen, und so endete die ganze Unternehmung in der traurigsten Weise in abwechselnder Rauferei und Trunkenheit, nachdem sich vorher die besseren Elemente von ihnen entfernt hatten, um wenigstens noch Etwas aus dem gemeinschaftlichen Schiffbruche zu retten. Nach drei Monaten kamen Diejenigen, deren Weiber und Kinder bis dahin in der frohen Erwartung gelebt hatten, bald in das neue Eldorado eingeführt zu werden, leer zurück, da sie das Wenige, was noch übrig geblieben war, verkaufen mußten, um nur die Mittel zur Heimreise zu erlangen.
Ein anderes ähnliches Unternehmen scheiterte zwar nicht aus Mangel an Eintracht, Nüchternheit und Thätigkeit, trug aber schon deßhalb den Keim eines frühen Todes in sich, weil die Betheiligten bei der Anlage weit über ihre Mittel hinausgegangen waren, und zuletzt der dringend nothwendige Geldzuschuß ausblieb.
Die traurigen Folgen solcher Versuche sind meistens Verlust des Vermögens und Haß und Feindschaft zwischen den einzelnen Mitgliedern solcher Vereine. Sie waren jedoch immer nur Privatsache einzelner deutschen Mitglieder der Nationalreformpartei und diese hat in ihrer Gesammtheit nichts damit zu thun.
Vierzehntes Capitel.
Eintritt in ein neues Geschäft. Eine alte und eine neue Bekanntschaft. Amerikanische Stutzer und Beutelschneider. Die New-Yorker Polizei.
Die Vergleichung und Beobachtung der verschiedenen Parteien gewährte mir mannichfaches Interesse und manche Stunde wurde ihr gewidmet. Obschon ich in der Zeit, in welcher ich die Functionen eines Lehrers für meinen kranken Freund besorgte, genug Gelegenheit hatte, mich mit den politischen und socialen Verhältnissen bekannt zu machen, so sorgte doch das Schicksal in ganz besonders liebevoller Weise für die Erweiterung meiner Erfahrungen dadurch, daß es mich als Arbeiter in die verschiedensten und entgegengesetztesten Geschäfte des Lebens einführte.
Die Genesung meines kranken Collegen führte mich aus der Schule in eine Rauchwaarenhandlung, wo ich die angenehmen Verrichtungen eines Pelzklopfers und Packers ausführte. Als ich zum erstenmale in mein neues Geschäft eintrat, kam ein alter Jenenser Universitätsfreund in einer blauen Schürze auf mich zu, um mich zu umarmen, und ein anderer staubiger, im Lager beschäftigter Arbeiter theilte mir, als er hörte, daß ich studirt habe, mit, daß er in Göttingen zum ~Doctor juris utriusque~ promovirt worden sey. Ich freute mich, gebildete Mitarbeiter zu finden, und wir lachten Alle herzlich über die eigenthümliche Schickung, welche drei frühere deutsche Studenten bei einem amerikanischen Kürschner zusammenführte.
Hatte ich mich in meiner Eigenschaft als Lehrer größtentheils auf mich selbst beschränkt, so bot sich mir jetzt hinreichende Gelegenheit, mehr in's Leben und unter Menschen zu kommen. Ich benutzte hauptsächlich die Sommerabende, um mit meinen neuen Freunden an der Battery und am Broadway zu promeniren. Früher schon erwähnte ich, daß der Broadway der Sammelplatz der fashionablen Welt ist; man hat hier aber auch Gelegenheit, Dinge und Menschen zu beobachten, welche dem Deutschen eben nicht besonders fashionable erscheinen, z. B. die eleganten Dandys in den Hotels, welche den vorübergehenden Damen aus den Parterrefenstern nicht etwa ihre mit Wohlgerüchen geschwängerten Lockenköpfe, sondern den Glanz ihrer Fußbekleidung präsentiren. Beim Eintritt in den Salon einer Restauration nimmt ein solcher Stutzer seinen Brandy oder Gin zu sich, wirft sich mit brennender Cigarre auf einen Armstuhl am Fenster in malerische Situation und streckt seine übereinandergeschlagenen Beine über das marmorne Fenstergesims auf die Straße hinaus. Dann überläßt er sich einer tiefsinnigen Betrachtung dessen, was auf der Straße vorgeht, und nur selten wechselt er einige Worte mit einem Bekannten. Mit gleicher Behaglichkeit legt er auch die Füße auf den Tisch, ohne daß er glaubt, dies könne Jemand mißfallen.
Diese Classen von Menschen sind mehr oder weniger in allen Hotels zu finden; obgleich sie, diese liebenswürdige Unverschämtheit ausgenommen, an welche man sich übrigens in Kurzem gewöhnt hat, ein feines und anständiges Benehmen zeigen, so hat der Fremde wie der Einheimische doch alle Ursache, sich so weit als möglich von ihnen entfernt zu halten, da unter der Maske eines solchen elegant gekleideten Dandys Individuen umherschleichen, bei denen das Mein und Dein eine solche Begriffsverwirrung hervorgebracht hat, daß sie gerne ihre Hand in die Taschen des Nachbars hinabgleiten lassen, um diesem sein Pocketbook zu entführen. Im Punkte der Dreistigkeit und Gewandtheit können sich diese Burschen getrost mit den routinirtesten Beutelschneidern des europäischen Continents messen, obschon sie gut genug wissen, daß, falls das Auge eines unberufenen Polizeimannes sie zufälligerweise bei ihrem gewinnbringenden Treiben überraschen sollte, sie auf längere Zeit von den Gerichten der Republik in die Unmöglichkeit versetzt werden dürften, ihr Gewerbe, das ihnen Unterhalt und Unterhaltung zugleich verschafft, zum Nachtheile des Publikums auszuüben.
Aber nicht allein die Industrieritter in modernen Kleidern sind dem Publikum gefährlich, sondern auch die Colleginnen der bekannten Laïs, welche in den feinsten Stoffen und dem geschmackvollsten Putze auf dem Trottoir des Broadway dahinrauschen und ihre Netze auswerfen, um die Fremden in den großen Hotels mitsammt der Baarschaft zu fangen. Großentheils stehen sie mit den obenerwähnten Gaunern in Verbindung, welche ihren Raub sofort in Sicherheit bringen.
Noch eine Erscheinung, welche ich ebenfalls nicht fashionable finden konnte, fiel mir bei meinen Wanderungen durch die Stadt auf, nämlich das freie Herumlaufen von Schweinen in den Straßen, welche sich dort Nahrung und Futter suchen. Wenn sich diese auch nicht in den Broadway verirren, da sie dort ohnfehlbar überfahren würden, so ist es immer unangenehm, bei schlechtem Wetter in den anderen Straßen der Gefahr ausgesetzt zu seyn, von diesen unreinlichen Thieren beschmutzt zu werden. Dieser Uebelstand wird jedoch von selbst aufhören, wenn die durch die Stadt zu führenden Kanäle sämmtlich ausgebaut seyn werden, da dann der Unrath, welcher jetzt in die Gossen geworfen wird und eine so bedeutende Attractionskraft auf diese Vierfüßler ausübt, direct in den Strom und in die See hinausgeht.
Trotz so mancher Uebelstände, die mir auffielen und nach meiner Ansicht auch dem Auge der Polizei nicht hätte entgehen sollen, hatte ich bis jetzt noch keinen Constabler gesehen, da ich mir dieselben ebenso geschmackvoll uniformirt dachte, als in Deutschland. Meine Begleiter erklärten mir aber, daß die Polizeimänner New-Yorks durchgängig Civilkleider tragen und nur an einem einfachen Messingstern erkenntlich sind, welchen sie auf der linken Seite der Brust am Rocke führen. Gehen sie auf Verfolgung aus, so nehmen sie denselben herab und befestigen ihn unter dem Rocke an der Weste, oder haben ihn in der Tasche bei sich, um sich im Nothfalle mit ihm als Diener des Gesetzes legitimiren zu können. Bei feierlichen Gelegenheiten erscheinen sie in schwarzem Frack und Hosen, und führen als Amtszeichen einen ohngefähr sechs Fuß hohen Stock, an dessen Spitze ein vergoldeter Knopf befestigt ist.
Obschon die Constabler in New-York eine sehr bedeutende Anzahl bilden, so haben sie doch einen ziemlich anstrengenden Dienst, da ihnen wegen gänzlichen Mangels an Militair, welches nur in sehr geringer Anzahl in Governers-Island und Fort Hamilton zur Bewachung der Geschütze und Arsenale liegt, ganz allein die Sicherheit der Stadt anvertraut ist. Trotzdem entflieht ihnen nur selten ein Verbrecher, und namentlich bei Nachtzeit, wenn es weniger lebendig in den Straßen zugeht, können sie gefährliche Subjecte leicht einholen, da sie auf eine eigenthümliche Weise ihre Collegen von deren Nähe in Kenntniß setzen. Sie sind nämlich bei Nacht mit einem starken Stocke bewaffnet, welcher unten mit Blei ausgegossen ist; sobald sie etwas Verdächtiges bemerken, lassen sie denselben auf das mit Granitquadern belegte Trottoir fallen, was einen hellen schrillenden Ton hervorbringt. Dieses Signal wiederholen alle Constabler in der Nähe der Reihe nach, und geben sich auf diese Weise fast so rasch wie durch einen Telegraphen die Kunde, daß Jeder auf seinem Posten steht und wachsam ist. Es ist kaum möglich, daß die Aufmerksamkeit sämmtlicher Mannschaft eines Distrikts in einem Augenblicke schneller rege gemacht werden kann, und die Flucht ist, wenn der Verbrecher beobachtet wurde, selten mit Erfolg ausgeführt worden.
Ich erinnere mich während meines Aufenthaltes mehrerer Fälle, wo Constabler flüchtige Uebertreter der Gesetze 800-1000 engl. Meilen weit verfolgten und sie glücklich zurückbrachten, trotzdem daß diesen fast jede Stunde Eisenbahnen und Dampfschiffe nach allen Richtungen hin zu Gebote standen.