Part 4
Aber nicht allein der Eingeborne begeht den vierten Juli mit tiefer inniger Freude, die Einwanderer aus allen Ländern Europas erkennen vielleicht mehr, als der freigeborne Amerikaner, welch' unschätzbares Gut sie an der Freiheit dieses Landes sich erworben haben; denn Derjenige, welcher die Geißel des Despotismus auf seinem Rücken gefühlt und unter den Verfolgungen der europäischen Politik gelitten hat, fühlt sich in solchen Stunden von einem neuen Leben durchdrungen und bei der Erinnerung an einen Washington, Franklin, Jefferson, Jackson mit den heiligsten Banden der Liebe an ein Land gebunden, das ihn wie seinen eigenen Sohn an seinen freien Heerd aufnimmt. Der vierte Juli macht die Einwanderer zu Amerikanern; ihre Kraft und ihr Blut gehört von nun an den Vereinigten Staaten, wovon die Leichenhügel von Monterey, Buena Vista, Cerro Cordo und Mexico ein großes und erhebendes Zeugniß geben.
Um 8 Uhr Morgens machte ich mich mit Freund W....... auf den Weg, um die Herrlichkeiten des Tages mit anzusehen. Wir gingen zunächst nach der Battery. Aber welcher Anblick ward uns hier zu Theil! die Tausend und aber Tausend Schiffe, welche hier vor Anker liegen und sich im Strome und der Bay bewegten, waren mit Flaggen und Wimpeln geziert. Hier flatterten die stolzen Farben Englands, dort die Trikolore Frankreichs und aus der Ferne schimmerten die bekannten Flaggen der deutschen Hansestädte zu uns herüber.
Wir machten unsere alte Route nach dem Broadway, der sich in ein stattliches Festgewand geworfen hatte. Von allen Dächern wehte das Sternenbanner und gab der Straße ein freundliches, festliches Aussehen. Die Lastwagen vom vorigen Tage blieben für heute verschwunden und nur die Omnibusse thaten ihren Dienst, um die entfernt Wohnenden nach dem Parke zu bringen. Ueberall drängte sich eine freudig erregte Menschenmenge, die sich schon Monate lang, wie die Kinder auf Weihnachten, auf diesen Tag gefreut hatten.
Die Geschäfte ruhen gänzlich an diesem Tage, und viele vermögende Fabrikanten und Kaufleute lassen ihren Arbeitern noch Geldgeschenke zukommen (was sich diese beiläufig bemerkt sehr gerne gefallen lassen), damit sie auf das Wohl der Republik ein Glas mehr trinken können.
Das größte Leben war im Parke, da in ihm und den zunächst gelegenen Straßen die Parade der New-Yorker Militz abgehalten wird. Der kommandirende General hatte sich bei unserer Ankunft mit seinem Stabe bereits da eingefunden und erwartete das Heranrücken der verschiedenen Corps, die vor ihm defiliren sollten.
Gegen 10 Uhr kam der zum größeren Theile aus Militz, zum kleineren aus Bürgern in Civilkleidern bestehende Festzug, welcher zwei volle Stunden in vollkommener Ordnung an uns vorbeimarschirte. Nur Derjenige, welcher an diesem Tage selbst in New-York war, kann sich einen Begriff von dem bunten und überraschenden Anblicke machen, der uns hier zu Theil wurde. Die Uniformen aller civilisirten Völker waren hier zu schauen, die Franzosen mit rothen Hosen und blauen Waffenröcken, die Schotten mit ihren Plaids, Bärenmützen und nackten Beinen, die Engländer mit rothen Fräcken und blauen Aufschlägen, deutsche Jäger, Dragoner und rothe Husaren und andere verschieden uniformirte deutsche Compagnien, die amerikanische Independenzgarde[7], welche noch die dreieckigen Hüte, die langen Schoßfräcke, kurzen Hosen und Stulpstiefeln aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges trägt, das Corps der New-Yorker Feuerlöschmannschaft mit prachtvollen Spritzen und in langem Zuge die Artillerie, welche nur solche Kanonen führte, die im Befreiungskriege den Engländern abgenommen worden waren.
[7]: Unabhängigkeitsgarde.
Am meisten fiel mir auf, daß, während die eine Compagnie die reichsten und geschmackvollsten Uniformen trug, die andere wieder das Bild der größten Einfachheit bot, da sie nur einen gewöhnlichen schwarzen Frack, schwarze Beinkleider, runden schwarzen Hut und weißes über der Brust gekreuztes Lederzeug trug, an welchem Säbel und Patrontasche hieng. Mancher deutsche Offizier würde hohnlächelnd auf diese Männer herabgeblickt haben, von denen sich so manche später den Siegeslorbeer aus Mexico holten. Diese eigenthümliche Uniformirung erklärt sich leicht aus der Freiheit, die den Bürgern bei der Organisation von Militzcompagnien gestattet ist. Sind 50-60 Mann zusammengetreten, wählen sie sich nach eigenem Geschmack und ihrer Ueberzeugung sowohl die Uniform, als die Offiziere.
Nachdem die Truppen abmarschirt waren, kamen die großen Züge der zahlreichen Freimaurerlogen und Gesellschaften, die sich zu den verschiedensten Zwecken, namentlich in großer Anzahl zur Unterstützung in Krankheitsfällen gebildet haben. Mit zahlreichen Bannern und Insignien zogen die Söhne des grünen Erin, die Schweizer, die deutsche Göthe- und Schiller-Loge, zusammen viele Tausende an uns vorbei.
Endlich zerstreute sich die Menge, um sich aus dem Gedränge und der fast unerträglichen Hitze in kühlere Gemächer zur Erholung zu begeben. Der Nachmittag führte den größten Theil der Bevölkerung in's Freie, wo auch W....... und ich in einem Kreise von Deutschen mit Gesang, Unterhaltung und Becherklang den denkwürdigen Tag in herzlicher Weise feierten.
Den Beschluß des Festes machte Abends die Illumination des Stadthauses, von dessen Giebel unaufhörlich Raketen in die Luft flogen, und die Abbrennung eines großen Feuerwerkes im Park, wobei wir fast in Gefahr geriethen, erdrückt zu werden. Ein ungeheures Jubelgeschrei, das sich bis in die fernsten Straßen fortpflanzte, erscholl, als zum Schlusse des Ganzen die Worte:
»~the day of the 4th July 1776.~«
über dem Portale des Stadthauses in Brillantfeuer sichtbar wurden. Wann wird unser Deutschland einen solchen Tag feiern?! --
Der Nachmittag lieferte ein Beispiel von der Größe des Nationalhasses zwischen den Vereinigten Staaten und England. Ein betrunkener englischer Matrose hatte die unglaubliche Dreistigkeit, auf einen Mastbaum zu steigen, der in Mitte einer frequenten Straße errichtet und mit der amerikanischen Flagge geziert war, und diese abzureißen. Diese Frechheit wurde aber sofort von dem Volke gezüchtigt, und der unverschämte Sohn des »fröhlichen Altenglands« gezwungen, das Sternenbanner wieder aufzuziehen, worauf ihn Constabler in das Quartier brachten, das solchen Helden gebührt.
Eilftes Capitel.
Eine Betrachtung über die Thätigkeit der Amerikaner. Die Erlangung des Bürgerrechts.
Mehrere Tage waren seit dem schönen Feste vergangen, als mich Freund W....... verließ, um in das Geschäft zurückzukehren, in welchem er vor seiner Abreise nach Europa thätig gewesen war. Ich stand nun allein und ohne Kenntniß der Sprache in der großen Stadt, mit Planen beschäftigt, die meine Zukunft sichern sollten. Allein jetzt erst bemerkte ich, daß die Auswanderung nach Amerika leichter auszuführen ist, als die Erwerbung einer Stellung, die uns auch die Mittel zum Leben bietet.
Nach reiflicher Ueberlegung erkannte ich recht gut, daß mir in New-York nichts Anderes übrig bliebe, als die erste beste Arbeit anzunehmen, die sich mir darbieten würde; denn es war mir bald klar geworden, daß ich mit der edlen Jurisprudenz, der ich mich in meinen Universitätsjahren gewidmet hatte, schwerlich erfreuliche und meinen Wünschen entsprechende Resultate erzielen würde. Hier kann ich nicht unterlassen, solchen Männern, welche nur Theoretisches erlernt haben, was sich in Amerika nicht sogleich auf das Praktische übertragen läßt, die größte Vorsicht im Auswandern zu empfehlen, namentlich wenn sie nicht im Besitze größerer Geldmittel sind, da sie sich gewiß in der ersten Zeit ihrer Ankunft auf dem westlichen Boden sehr enttäuscht finden werden. So sehr der Amerikaner die Wissenschaften liebt und so bedeutende Fortschritte er seit der Erringung der Unabhängigkeit in den meisten Zweigen des Wissens gemacht hat, so liegt es doch in der Natur der Sache, daß ein Volk, das so viel aus dem Rohen herauszuarbeiten hatte und vor Allem mit der Entwickelung seiner politischen Institutionen sich beschäftigen mußte, um seine staatliche Existenz zu sichern, vorerst seine Hauptaufgabe in der Kräftigung seiner materiellen Interessen sieht; darum ist auch Alles, was Handel, Gewerbe, Industrie und die Production nach allen Richtungen hin betrifft, in der raschesten Entwickelung begriffen, und erregt selbst bei den Engländern, die in diesen Fächern so Erstaunliches geleistet haben, Neid, Eifersucht und Bewunderung. Eben so trefflich haben sie für die Vervollkommnung ihres inneren politischen Lebens gesorgt, welches nicht nur allgemeine Zufriedenheit im Lande verbreitet, sondern auch die Achtung anderer Völker genießt.
Die geistigen Kräfte haben sich hauptsächlich auf die Verbesserung des Maschinenwesens, des Bauwesens in allen seinen Theilen und das ganze Gebiet der Mechanik geworfen, da die günstigen Resultate des Nachdenkens in diesen Branchen nicht allein großen Nutzen für Handel und Wandel, sondern auch dem glücklichen Erfinder glänzenden Gewinn gewähren. In neuerer Zeit zeigte sich aber im Volke auch ein tiefer Drang nach allgemeiner Wissenschaftlichkeit, was es namentlich in New-York auf's Herrlichste beurkundete, als es sich im Jahre 1847 in allgemeiner Stimmenabgabe für die Gründung einer Freiakademie entschied. Allgemeine Bildung im deutschen Sinne würde in größerem Maße vorhanden seyn, hätte nicht der Mangel an besseren Erziehungsanstalten in früheren Jahren nur einem kleinen Theile der Amerikaner die Möglichkeit an die Hand gegeben, sich den höheren Wissenschaften zu widmen. Man merkt jedoch an ihnen weniger, als irgend anderswo, den Mangel an Bildung, da in dem amerikanischen Volke ein gesunder Sinn und ein klarer heller Verstand herrscht, welchen es namentlich der freien politischen Bewegung und seiner Presse verdankt.
In der ersten Zeit gieng ich mit dem Gedanken um, als Hauslehrer ein Unterkommen zu finden; aber alle meine Bemühungen waren fruchtlos, und schon begann ich unmuthig zu werden, als ich zufällig ein Paar alte Universitätsfreunde traf, die mir zwar keine Stelle verschaffen konnten, mich aber mit vielen Deutschen bekannt machten, was für mich ein großer Gewinn war, da ich dadurch einen deutschen Lehrer kennen lernte, der mir bald die Verwesung seiner Schule übertrug, als ihn eine Krankheit an's Bett fesselte. War damit auch nicht alle Sorge für die Zukunft entfernt, so gestalteten sich doch meine persönlichen Beziehungen immer angenehmer, was mir um so mehr Vergnügen bereitete, da sie mir eine reiche Quelle der Belehrung in Beziehung auf die Verhältnisse des Landes, seiner Regierung und seiner Parteien wurden.
Ich suchte mich vor Allem durch das Lesen von Zeitungen über Amerika zu unterrichten, und nahm, weil ich der englischen Sprache nicht mächtig genug war, um amerikanische Blätter verstehen zu können, meine Zuflucht zu den deutschen. Aber ich fand bald, daß diese allein zu gründlicher Belehrung nicht hinreichen; ich erhielt wohl Kunde von den Ereignissen in Europa und Amerika, auch las ich die Verhandlungen der gesetzgebenden Körper der Einzelstaaten und des Congresses in Washington, aber mir blieben die Parteistellungen vollkommen fremd, da die Blätter sämmtlich bei ihren Lesern die Kenntniß der Grundsätze der Demokraten, Whigs, Nationalreformer, Abolitionisten und Antirenter voraussetzen. Handbücher, welche diesen Gegenstand behandelten, standen mir nicht zu Gebote, weßhalb ich mich entschloß, mich an solche Männer mit der Bitte um guten Rath zu wenden, welche während eines langen Aufenthaltes in Amerika die Verhältnisse des Landes aus eigener Erfahrung kennen gelernt hatten. Von ihnen erhielt ich die Weisung, die politischen Versammlungen der Deutschen und der Amerikaner zu besuchen, und zwar hauptsächlich diejenigen, welche von den beiden Hauptparteien unmittelbar vor wichtigen Wahlen abgehalten werden würden, da in ihnen die Cardinalgrundsätze der Partei auseinandergesetzt und für und wider erörtert würden.
Nur auf diese Weise kann man sich eine rasche und zugleich gründliche Belehrung über die amerikanischen Parteizustände verschaffen, und ich empfehle diese Methode daher jedem neuen Einwanderer, und vorzüglich dem, welcher Pflichtgefühl im Herzen trägt und es für Sache der Ehre hält, sich am öffentlichen Leben mitzubetheiligen und für das Wohl und Wehe seines neuen Vaterlandes mitzuwirken, und sich nicht als sein höchstes Ziel das Sammeln von Reichthümern gesetzt hat.
Die Einwanderer können freilich erst nach einem fünfjährigen Aufenthalte das Bürgerrecht erlangen, was zu manchen ungerechten Urtheilen Veranlassung gibt, aber der Unbefangene wird die Weisheit dieses Gesetzes anerkennen, wenn er bedenkt, daß der amerikanische Bürger alle gesetzgebenden und vollziehenden Gewalten selbst erwählt und sich nothwendigerweise zu einer Partei halten muß, um seine politische Ueberzeugung in's Leben gerufen zu sehen. Dieses kann aber von einem Manne nicht erwartet werden, der aus einem Lande hergewandert kommt, welches ganz andere Staatseinrichtungen besitzt, der die Sprache, in der die wichtigsten Interessen des Landes verhandelt werden, nicht versteht, kaum einen Begriff von den amerikanischen Verfassungen hat und im Grunde genommen nicht mehr von den Vereinigten Staaten weiß, als »daß es drüben besser ist!« Dieses Gesetz könnte nur dann ein Tadel treffen, wenn es einen Unterschied zwischen dem Einwanderer und dem Eingebornen in Betreff von Leistungen an den Staat machen würde, was jedoch nicht der Fall ist. Leider habe ich die traurige Erfahrung machen müssen, daß trotz der vielen Klagen über die späte Erlangung des Bürgerrechts doch genug Einwanderer in den verschiedenen Staaten leben, welche sich nicht einmal die leichte und billige Mühe, dasselbe jemals zu erwerben, geben mögen.
Um das Bürgerrecht für die ganzen Vereinigten Staaten zu erlangen, hat man in den ersten drei Jahren seines Aufenthaltes vor Gericht die Willenserklärung (~intention~) abzugeben, daß man amerikanischer Bürger werden wolle, und zugleich allen fremden Fürsten und Potentaten, speciell aber seinem Landesfürsten die Treue und Unterthänigkeit abzuschwören. Die gewöhnliche Eidesformel besteht in dem einfachen Küssen der Bibel oder des neuen Testamentes; jedoch genügt auch die einfache Bekräftigung mit einem »Ja!« Ueber diesen Akt erhält man eine gerichtliche Bescheinigung, welche man jedenfalls zwei Jahre in Händen gehabt haben muß; selbst ein Aufenthalt von zehn Jahren kann diese gesetzliche Bestimmung nicht annulliren. Nach Verlauf der vollen fünf Jahre gibt man seine Willenserklärung bei der nächsten Behörde ab, und erhält, nachdem man zuvor eidlich bekräftigt, daß man fünf Jahre im Lande gelebt habe, seinen Bürgerbrief, mit dessen Empfangnahme man sofort in alle politischen Rechte der Eingebornen eintritt.
Ein früheres Gesetz enthielt die Bestimmung, daß der, welcher das amerikanische Bürgerrecht erlangen wollte, innerhalb fünf Jahren die Vereinigten Staaten nicht verlassen durfte; man mußte sogar beschwören, daß man nicht außer Landes war. Dieses für einen Handelsstaat im höchsten Grad lästige Gesetz wurde aber im vergangenen Jahre vom Congresse suspendirt. Zu welchen lächerlichen Consequenzen man mit ihm gelangte, mag aus der einzigen Thatsache erhellen, daß einem Einwanderer nach fünf Jahren der Bürgerbrief verweigert wurde, weil er von Buffalo aus einen kleinen Abstecher nach den nahen Niagarafällen machte, welche im _brittischen_ Amerika liegen.
Zwölftes Capitel.
Die amerikanische Demokratie. Beurtheilung derselben von Seite der in Deutschland existirenden Parteien. Demokraten und Whigs.
Es hat wohl die Verfassung keines Landes eine so verschiedenartige Beurtheilung gefunden, als die der Vereinigten Staaten, und hauptsächlich haben sich in der jetzigen bewegten Zeit die politischen Parteien Deutschlands in vielfacher weitauseinandergehender Weise mit ihr beschäftigt, so daß die Einen sie als das Product der höchsten staatsmännischen Weisheit bis in den Himmel erhoben, während die Andern sie als unhaltbar und verwerflich verdammten. Die Motive zu diesen verschiedenen Anschauungen liegen klar zu Tage; die Ersteren wollen durch die Auseinandersetzung der Vorzüge der demokratischen Staatsform die Stimmung des deutschen Volkes für diese gewinnen, während die Letzteren nur die Fehler und Schattenseiten derselben aufsuchen, um den entgegengesetzten Zweck zu erreichen. Der Unparteiische wird nicht läugnen, daß die amerikanischen Zustände noch einer bedeutenden Verbesserung fähig sind, wie alles Irdische einer größeren Vollkommenheit zugeführt werden kann; ihre Gesundheit aber in Abrede stellen zu wollen, dürfte eine ebenso undankbare, als vergebliche Aufgabe seyn.
Ich will versuchen, von den Leistungen der amerikanischen Demokratie ein kurzes Bild zu entwerfen, muß aber vorher bemerken, daß der Leser den Begriff »amerikanische Demokratie« in einem ganz andern Sinne auffassen muß, als er dies in Deutschland zu thun gewohnt ist, wo die »Demokraten« diejenige »Volksherrschaft« erst erkämpfen wollen, welche seit dem Ende des Unabhängigkeitskrieges in Amerika factisch zu Recht besteht. In Deutschland ist die Bezeichnung »Demokraten« der _Name_ einer _Partei_, welche von einer andern mit entgegengesetzten Prinzipien und Tendenzen bekämpft wird. Unter der »Demokratie in Amerika« hat man aber das _ganze_ Volk der Vereinigten Staaten mit seiner Regierung und Regierungsweise zu verstehen. Gibt es dort auch eine Partei, welche sich die demokratische nennt, so haben ihr doch die andern Faktionen diese Bezeichnung nicht ausschließlich zugestanden, sondern auch sie nennen sich demokratisch, wozu sie jedenfalls das vollkommenste Recht haben, da es ihnen noch niemals in den Sinn gekommen ist, die Demokratie, die Volksherrschaft mit ihren Rechten und Freiheiten mit der Monarchie, der Einzelnherrschaft, zu vertauschen.
In Zeiten ernster politischer Parteikämpfe und tiefeingreifender Bewegungen ist es natürlich, daß die Urtheile befangen sind. Es kann daher nicht Wunder nehmen, daß die große Partei, welcher durch Annahme der demokratischen Staatsform in Deutschland eine tödtliche Wunde geschlagen würde, zu unbegründeten Vorwürfen gegen die Vereinigten Staaten geneigt ist. Es kann aber die Demokratie Nordamerikas wohl die gerechtesten Ansprüche auf Unparteilichkeit und Gerechtigkeit machen, welche nicht allein für ihr eigenes Vaterland, sondern für die ganze Menschheit so segensreich gewirkt hat. Was die Monarchieen in Europa größtentheils erst im Laufe von Jahrhunderten zu Wege brachten, haben die demokratischen Amerikaner in Jahrzehnten geschaffen. Wer kann der Kraft und der Energie eines Volkes die Anerkennung versagen, welches in kaum 80 Jahren die herrlichsten und freisinnigsten Institutionen in's Leben rief, Städte, Lehranstalten, öffentliche Institute, Canäle, Dampfschiffe, Fabriken gründete, die Wildniß urbar machte, Civilisation und Thätigkeit in Gegenden trug, die vorher nur der Fuß des Indianers betreten hatte, und sich aus der abhängigen Stellung eines brittischen Unterthanen zum stolzen Rivalen des mächtigen Albions emporgeschwungen hat. Diese Demokratie schuf ein Asyl für alle unglücklichen Verfolgten und Bedrängten, sie gründete die wahre Stätte der Freiheit und der Glückseligkeit für Millionen durch rastlose Aufopferung, Kühnheit und Ausdauer ihrer Bekenner, und doch ziehen in trauriger Verblendung gerade solche Parteimänner gegen sie am meisten zu Felde, welche durch ihre politischen Sünden und Fehler am meisten zur Größe dieser Demokratie beigetragen haben. Sie glauben durch theoretische Silbenstechereien die Glückseligkeit eines Landes hinwegdisputiren zu können, welches nur der Praxis huldigt und durch sie mächtig und stark geworden ist. Man muß vor Allem die Erscheinung fest in's Auge fassen, daß die Vereinigten Staaten einzig und allein von den Stürmen der Neuzeit verschont geblieben sind; während der Aufruhr und der Bürgerkrieg an den nördlichen und südlichen Grenzen der Union wüthete, gieng das wichtigste politische Ereigniß, welches von jeher die Gemüther in besondere Spannung versetzte, die Präsidentenwahl ruhig vorüber, und lieferte den vollkommenen Beweis, daß die Amerikaner die Bahn des Gesetzes und einer beglückenden Reform gehen.
Viele Politiker Europas sehen zum großen Theil in den amerikanischen Parteien den Keim zum baldigen Untergange der Republik, ohne zu bedenken, daß sie in ihrem eigenen Lande eine Parteistellung einnehmen, welche dasselbe ebenfalls dem Verderben entgegenführen müßte. Um an den amerikanischen Zuständen nur etwas tadeln zu können, vergessen sie, daß gerade in den amerikanischen Parteien die Stärke und die sicherste Bürgschaft für das Bestehen der Republik liegt, da sich diese beständig im Auge behalten, mit Mißtrauen beobachten, und eine Uebertretung der Gesetze und eine Verletzung der Verfassung von Seite der einen und der anderen Partei schon deßhalb ganz undenkbar ist, weil sie von den Gegnern sofort zur Publicität gebracht werden würde, wodurch die öffentliche Meinung, die größte Stütze jeder Partei, für immer und damit zugleich alle Aussicht, je wieder die Zügel der Regierung ergreifen zu können, verloren gienge. Die Parteien können ihre momentanen Siege nie zur gegenseitigen Unterdrückung und zur Schmälerung der Freiheiten des Volkes benützen, da die von ihnen zur Regierung berufenen Staatsmänner jeden Augenblick zur Verantwortung gezogen werden können.
Strenge genommen gibt es nur zwei Parteien im Lande, die demokratische und die Whigpartei, da diese beiden allein in der Regierung des Landes abwechseln; die andern haben ihre politischen Grundsätze noch nicht so weit zur Geltung bringen können, daß ihnen von dem Vertrauen der Majorität des Volkes die Regierung übertragen worden wäre.
Es darf nicht Wunder nehmen, daß in einem Lande, welches sich nur demokratischer Einrichtungen zu erfreuen hat, noch von einer demokratischen Partei die Rede seyn kann. Hier ist aber wohl zu erwägen, daß sich die Partei die »demokratische« nennt, welche seit Washington am längsten an der Spitze der Geschäfte des Landes stand, somit die Mehrheit des Volkes bei weitem öfter für sich hatte und die Demokratie, die Volksherrschaft, im Sinne und Willen der Nation viele Jahre hindurch ausübte. Die Whigpartei legt sich, wie schon bemerkt, ebenfalls das Prädikat »demokratisch« bei und nennt sich durchgängig nicht anders, als »~the democratic republican whig party~«, während sie ihre Gegner mit dem Spottnamen »~Locofoco's~« beehrt, welche als »~the democratic republican party~« auftreten.
Jedermann wird es natürlich finden, daß, wie in allen Staaten, so auch in Nordamerika die heterogensten Ansichten über die Grundsätze herrschen, nach denen regiert werden soll. Sowohl die äußere Politik, wie die inneren Interessen des Landes geben einen reichen Stoff zu den verschiedenartigsten Beurtheilungen, aus welchen sich allmählig die Glaubensbekenntnisse der beiden großen Parteien herausgebildet haben.