Zwei Jahre in New-York Schilderung einer Seereise von Havre nach New-York und Charakteristik des New-Yorker politischen und socialen Lebens

Part 3

Chapter 33,450 wordsPublic domain

Nach ihrer Ankunft auf dem Schiffe stellten sie zuerst gleichgültige und unbedeutende Fragen an die Passagiere, um aus dem Dialekte zu errathen, aus welchem Theile Deutschlands sie kämen. »Ah! Sie sind auch ein Sachse, Preuße, Bayer, Hesse u. s. w. Das ist schön, da sind wir ja Landsleute!« Dann vertrauten uns diese edlen uneigennützigen Seelen das schon bekannte Geheimniß an, daß Makler am Bord seyen. »Nehmen sie sich in Acht vor diesen verrufenen Menschen! Mir können Sie Ihr Vertrauen schenken, da mich einzig und allein die Sehnsucht nach Landsleuten auf das Schiff geführt hat, die mir etwas Neues aus der theuern Heimath melden könnten. Ach, Deutschland bleibt doch immer schön!« Auf diese Weise ist nicht allein der Angesprochene, sondern auch jeder Unerfahrene gefangen, der im Kreise um den Gauner herumstand, um seinen gemüthlichen Worten zu lauschen.

Die Makler sind fast ohne Ausnahme in den Diensten derjenigen Wirthe, welche in der Nähe des Hafens wohnen und einzig und allein von den Einwanderern leben. Sie suchen daher durch alle möglichen Kunstgriffe die neuen Ankömmlinge in das Haus desjenigen Gastwirths zu locken, mit dem sie in Geschäftsverbindung stehen. Diese Menschen verlangen natürlich für ihre Leistungen eine gute Bezahlung, die ihnen der Wirth leisten muß, da durch Geldforderung von ihrer Seite die Auswanderer mißtrauisch werden würden. Es ist nicht selten, daß ein gewandter Makler monatlich von dem Wirth, dem er die Opfer liefert, 30 Dollars[4] nebst Kost und Logis erhält, die natürlich wieder den Einwanderern abgenommen werden. Nebenbei wissen sie auf die gewandteste Weise den Ankömmlingen das Geld aus der Tasche zu spielen und sie in verdrießliche Händel zu verwickeln, um ihre Hülfe und Unterstützung in Anspruch genommen zu sehen, die natürlich reichlich bezahlt werden muß, wie überhaupt alle ihre Dienste sechsfach vergütet werden müssen; so sah ich z. B., wie sie einem Landmann das halbvolle Glas zum Trinken reichten, für welche Ehre demselben eine volle Flasche Rheinwein abgepreßt wurde.

[4]: Ein Dollar = 2 fl. 30 kr. oder 1 Thlr. 13 Ngr.

Für das Eigenthum sind sie theilweise äußerst gefährliche Menschen; am besten thut man, wie dies allen Reisenden immer wieder empfohlen werden darf, durchaus kein Geld sehen zu lassen, denn sie liegen dem, bei welchem sie edles Metall vermuthen oder erblickt haben, in ihrer zudringlichen und ekelhaft widrigen Manier so auf dem Halse, daß er ihnen nur durch eine Wohnungsveränderung entgehen kann.

Eine weitere Erwerbsquelle dieser Menschen ist ihre Verbindung mit den verschiedenen Dampfschifffahrts-Gesellschaften und Eisenbahn-Compagnien, welche unter sich concurriren und deßhalb auf das Capern von Passagieren ausgehen, welches ebenfalls von den Maklern besorgt wird. Dieses Geschäft ist für sie das einträglichste, da sie oft 20-30 Passagiere in die Comptoirs dieser Gesellschaften führen, um Fahrbillets nach allen Theilen der Vereinigten Staaten zu lösen, für welchen Dienst sie ~pro~ Kopf je nach Verhältniß einen halben oder einen ganzen Dollar erhalten. Einzelne Makler haben sich auf diese Weise schon ein hübsches Vermögen gesammelt, obschon die meisten von ihnen liederliche und arbeitsscheue Gesellen sind, welche in den Wintermonaten, in denen bei weitem weniger Einwanderer ankommen und ihr Verdienst daher sehr geschmälert ist, das wieder durchbringen, was sie im Sommer gesammelt haben.

Ihr Aeußeres ist großentheils anständig, um aus dem Anzuge nicht sogleich die Erbärmlichkeit ihres Geschäftes errathen zu lassen. Unerfahrene werden daher um so leichter getäuscht, da der erste Eindruck bei ihrem Erscheinen kein abstoßender ist. Der Ankömmling thut am besten, wenn er sogleich ein gutes Gast- oder Privathaus bezieht, da er dadurch der Pest entgeht, die ihn in der Person der Makler und betrügerischen Wirthe beständig verfolgt. Außerdem lebt man in der Stadt billiger, reinlicher und ruhiger. Die Wirthe am Hafen verlangen ohne Ausnahme für Kost und Logis 3 Dollars die Woche, während man in der Stadt für dieselbe, ja noch bessere Qualität nur 2½ Dollar bezahlt. Es versteht sich wohl von selbst, daß von Reinlichkeit in Häusern keine Rede seyn kann, die in verhältnißmäßig sehr beschränkten Räumen manchmal an einem Tage mehrere Hundert Personen mit Kisten und Kasten aufnehmen. Der damit verbundene Lärmen, der am frühen Morgen beginnt, um erst am späten Abend wieder aufzuhören, ist auch eine von den Annehmlichkeiten, auf die gewiß jeder Reisende gern Verzicht leistet!

In den meisten Gasthäusern dieser Art kann man nur äußerst selten einzelne Zimmer bekommen. In vielen stehen 10-12 Betten, von denen jedes seine zwei Individuen aufnehmen muß, was nicht Jedermanns Vergnügen ist. Da die wenigsten Personen, die hier neben einander zu schlafen gezwungen sind, sich auf ihrem Lebenswege schon einmal begegnet sind, so ist man in beständiger Gefahr, bei der Rückkehr von einem Gange auswärts sein Gepäcke nicht mehr zu finden.

Am meisten werden die unerfahrenen, gutmüthigen deutschen Landleute geprellt; eines traurigen Falls möge hier Erwähnung geschehen. Ein churhessischer Bauer schenkte einem Makler sein Vertrauen, der ihm eine Wohnung in einem Privathause zu verschaffen versprach, da die meisten Gasthäuser übersetzt waren. Als derselbe den Koffer des Einwanderers, in dem seine ganze Habseligkeit eingeschlossen war, in dem neuen Quartier niedergesetzt hatte, lud er den Bauer auf's Freundlichste zu der Besichtigung der Merkwürdigkeiten New-Yorks ein, was dieser dankbar annahm. Er führte ihn in eine der belebtesten Straßen der Stadt, und, als sie sich im dichtesten Gedränge und Getümmel befanden, war er mit einem Male spurlos verschwunden. Der arme Betrogene kannte weder die Nummer des Hauses, noch den Namen der Straße, in der er seinen Koffer zurückgelassen hatte, und seine sämmtlichen Kleider, seine Wäsche, sowie seine ganze Baarschaft waren verloren. Einige Mitglieder des deutschen Volksvereins[5] begegneten dem weinenden Manne, brachten ihn für die Nacht unter und verschafften ihm am nächsten Tage Arbeit an einer Eisenbahn.

[5]: Siehe das nächste Capitel.

So viel von dieser Klasse von Menschen, vor denen schon so oft gewarnt wurde. Trotzdem beklagen es täglich neue Opfer, den gutgemeinten Rath erfahrener Männer nicht befolgt zu haben.

Achtes Capitel.

Die deutsche Gesellschaft und der deutsche Volksverein.

Am passendsten geschieht jetzt, nachdem wir eine Characteristik der Makler gegeben haben, zweier Vereine in New-York Erwähnung, welche sich die doppelte Aufgabe gestellt haben, einerseits dem von diesen Menschen verübten Unfuge mit aller Energie entgegenzutreten, andrerseits die Einwanderer mit Rath und That zu unterstützen; es sind dies die schon lange bestehende »deutsche Gesellschaft« und »der deutsche Volksverein zur Wahrung der Rechte und Interessen deutscher Einwanderer«, welcher erst vor einigen Jahren in's Leben getreten ist. Beiden Vereinen stehen die angesehensten und achtbarsten deutschen Bürger New-Yorks vor, wodurch ihre Wirksamkeit eine beträchtliche Ausbreitung, sowie die energischste Unterstützung der amerikanischen Behörden erhalten hat.

Die deutsche Gesellschaft verausgabt für gänzlich hülfs- und mittellose deutsche Einwanderer in kleinen Geldunterstützungen jährlich eine nicht unbedeutende Summe; aber einen noch viel wirksameren Dienst leistet ihnen dieser Verein durch Anweisung von Arbeit. Ein Sekretair ist eigens angestellt, welcher in einem in der Nähe des Hafens eingerichteten Bureau alle Anfragen beantwortet, alle Klagen anhört und zu beseitigen sucht. Es versteht sich wohl von selbst, daß dieser nicht im Stande ist, allen Denen zu helfen, welche zu ihm kommen, da manchmal Unmögliches gefordert wird, und er nur das wirkliche Unglück berücksichtigen kann und darf.

Die deutsche Gesellschaft besitzt ein ziemliches Capitalvermögen, welches durch viele Beiträge der Mitglieder und namentlich durch eine bedeutende Schenkung unseres verstorbenen reichen deutschen Landsmannes Johann Jacob Astor begründet wurde. Ihre Wirksamkeit beschränkt sich aber nicht allein auf die Unterstützung armer Einwanderer; auch unglücklichen deutschen Stadtbewohnern tritt sie helfend zur Seite und berücksichtigt namentlich auch verschämte Arme. Um die Geschäfte der Gesellschaft in Bezug auf diesen Theil ihrer Thätigkeit zu vereinfachen, ist New-York in Bezirke getheilt worden, zu deren Vorständen zuverlässige und menschenfreundliche Mitglieder gewählt werden, die die Bittgesuche Hilfsbedürftiger entgegennehmen und möglichst zu befriedigen suchen.

Die bedeutendsten deutschen Aerzte New-Yorks haben sich der deutschen Gesellschaft angeschlossen, und diese ist dadurch in den Stand gesetzt, unbemittelten Kranken und Leidenden nicht allein vorzügliche, sondern auch unentgeldliche Behandlung zukommen zu lassen.

Dieser Verein ist öfters der Gegenstand lauten Tadels und bitterer Schmähungen gewesen; wer aber die Masse des Elendes und der Noth kennt, die täglich von ihm gelindert werden soll, und seine wirkliche Leistungen dagegen hält, wird sich gewiß nur ehrend und anerkennend über einen Verein aussprechen, der so manche Thräne getrocknet und so manchen Hunger gestillt hat.

Der deutsche Volksverein hat sich eine andere Aufgabe, als die deutsche Gesellschaft gestellt; er gibt nämlich keine Unterstützung an Geld, sondern beschäftigt sich, wie seine Name schon beurkundet, nur mit der Wahrung der Rechte und Interessen der Einwanderer. Sein Hauptaugenmerk war seit seiner Gründung darauf gerichtet, die Makler in der Ausübung ihres schändlichen Gewerbes zu hindern, erwiesene an den Einwanderern begangene Betrügereien gerichtlich zu verfolgen, Arbeit an Arbeitslose zu geben und Rath und Auskunft über amerikanische Zustände zu ertheilen. Ein Ausschuß, welcher jede Woche wechselt, ist täglich Nachmittags zu bestimmten Stunden in einem Lokale in der Nähe des Hafens in Sitzung, welches regelmäßig den Einwanderern in der New-Yorker Staatszeitung und der deutschen Schnellpost bekannt gemacht wird.

Alle Beschwerden und Klagen über Makler, Wirthe und andere Betrüger werden dort angenommen und entweder auf gütlichem, polizeilichem oder gerichtlichem Wege bereinigt. Diese Leute sind daher die erbittertsten Feinde dieses Vereins geworden, und verfolgen namentlich die thätigen Mitglieder desselben auf alle ihnen nur immer mögliche Weise, sowie sie natürlich auch durch Verbreitung von Lügen, Entstellungen und Verläumdungen die moralische Kraft des Vereins zu brechen suchen.

Im Anfange seines Entstehens suchte der deutsche Volksverein die Aufmerksamkeit der Einwanderer hauptsächlich durch große Plakate auf sich zu ziehen, welche an die Ecken der verschiedenen Hafenstraßen angeschlagen wurden. Er mußte sich aber bald von der Untauglichkeit einer Maßregel überzeugen, welcher die Makler nur mit dem einfachen Abreißen der Zettel zu begegnen brauchten, um sie gänzlich wirkungslos zu machen.

Eine Thatsache will der Verfasser hier nicht unerwähnt lassen, da sie am besten geeignet ist, einen klaren Begriff von dem Treiben der Makler den Vereinen gegenüber, welche sie beaufsichtigen, zu geben.

Das Directorium des Volksvereins hatte eine Vereinsversammlung ausgeschrieben, in welcher verschiedene Beschlüsse gefaßt werden sollten, die man später zum Schutze der Einwanderer in Ausführung bringen wollte. Zu dieser fanden sich eine bedeutende Anzahl Makler mit Knitteln bewaffnet in der Absicht ein, die Versammlung zu stören und Diejenigen zu bedrohen und zu mißhandeln, welche als Redner auftreten würden. Es gelang ihnen auch, die Abhaltung der Berathung zu verhindern, indem sie einen ungeheuren Skandal anfiengen, so oft Jemand den Mund zu einem Vortrage öffnete. Zuletzt konnten nur von dem Präsidenten requirirte Constabler einen Theil der Mitglieder vor wirklichen Angriffen schützen.

Die vielen lauten Klagen, die gegen jene Menschen erhoben wurden, haben endlich auch die amerikanischen Behörden veranlaßt, ernstlich gegen sie einzuschreiten, und die Zeit ist wohl nicht mehr ferne, in welcher man von ihrem Gewerbe als von einem, das der Vergangenheit angehörte, sprechen wird.

Neuntes Capitel.

New-York. Die Battery oder der Castlegarden. Der Broadway. Astorhaus. Das Amerikanische Museum. Der Park und City-Hall. Die Vorfeier des vierten Juli.

Mein Hauptwunsch war nun erreicht; ich hatte amerikanischen Boden unter meinen Füßen, und konnte die Begierde kaum unterdrücken, sogleich zur Besichtigung der Stadt aufzubrechen. Freund W....... machte mich jedoch darauf aufmerksam, daß wir einer Stärkung sehr bedürftig wären und unsre hungrigen Magen und ermüdeten Körper auch etwas Berücksichtigung verdienten.

Nach einigen Stunden machte ich den ersten Ausgang, der mich zunächst in ein großes Cigarrenlager führte, um die ächten Kinder der Havanna einzukaufen. Meine Freude über den herrlichen Genuß verringerte sich aber merklich, als ich nach dem Preise fragte, den ich ungeheuer hoch fand. Von hier aus führte uns unser Weg nach der Battery, welche mir W....... zuerst vor Augen führen wollte, da es ohnstreitig der schönste Spaziergang New-Yorks mit einer weiten Aussicht auf die beiden Arme des Hudson, den North- und East-River, die Bay von New-York, New-Jersey und Staatenisland auf der einen, und Broklyn und Williamsburg auf der anderen Seite ist.

Die Battery, auch Castlegarden genannt, ist einer der besuchtesten Vergnügungsorte der New-Yorker, da man hier in der großen Glühhitze des Sommers nicht allein unter dem Schatten der Bäume sich ergehen, sondern auch die kühlende Seeluft einathmen kann. Das große und malerische Bild, das sich vor mir ausbreitete und mir einen bis zu dieser Stunde nicht geahnten Genuß bereitete, erhielt durch große Kauffahrteischiffe, welche in die Bay hereinsegelten, beständig hin- und herlaufende Dampfschiffe und die große Menge von dahinschießenden kleineren Fahrzeugen das regste Leben. Während der Hudson und die Bay den Anblick einer ungeheuren Arbeitsamkeit und Emsigkeit darboten und meinen Blick fesselten, füllte sich der weite und geräumige Garten mit modern gekleideten Herren und Damen, welche mir die Ueberzeugung verschafften, daß nicht allein die Modejournale von London und Paris, sondern auch die Modestoffe von dort ihren Weg nach Amerika finden.

Die Battery oder der Castlegarden hat seinen Namen von einem großen runden Thurme (Castell), welcher die Stadt, wie ich bereits zu bemerken Gelegenheit hatte, gegen einen Angriff von der Bay aus in Verbindung mit den Fortifikationen von Governers-Island deckt. In Friedenszeiten ist das Castell an einen spekulativen Yankee verpachtet, welcher in demselben große Conzerte aufführen läßt, die schon wegen der herrlichen Lage des Ganzen eine große Anziehungskraft ausüben. Auch zu Volksversammlungen, die ein außergewöhnlich großes Lokal erfordern, ist er schon benützt worden. Das Innere ist geschmackvoll und großartig, und ohnstreitbar eine Zierde New-Yorks. In Verbindung mit diesem Unternehmen stehen sehr elegant eingerichtete Bäder, welche während der Sommer- und Herbstsaison von dem New-Yorker Publikum sehr besucht sind; nach Schluß der Badezeit aber gleich allen Flußbädern für die Dauer des Winters wieder abgebrochen werden.

Von hier aus wandten wir uns links, um in den Broadway und das Innere der Stadt zu gelangen. Vielen meiner Leser wird bekannt seyn, daß New-York nicht auf dem amerikanischen Festlande, sondern auf einer Insel liegt. Man hat daher an einzelnen Punkten des Broadway nach der rechten oder linken Seite hin die Aussicht auf den Hafen und die hohen Maste der Schiffe, welche förmlich in die Stadt hereinzuragen scheinen.

Diese ist mit Ausnahme des kleineren und zwar des älteren Theiles ganz regelmäßig in fast gleich großen Vierecken gebaut. In den neuen Stadtvierteln ist man von der Sitte abgegangen, die Straßen, wie in Europa, mit Namen zu belegen, was mit so großen Unannehmlichkeiten für Fremde und namentlich für solche verbunden ist, welche der Sprache nicht kundig sind; man bedient sich dort der Zahlen und numerirt die Straßen, die parallel mit einander vom Northriver nach dem Eastriver hindurchlaufen. Von diesen ziehen sich wieder von den oberen Stadttheilen nach den unteren 9 Straßen, Avenue's genannt, welche das Auffinden der einzelnen Hausnummern unendlich erleichtern, da viele der numerirten Parallelstraßen über eine Stunde lang sind; man bezeichnet daher z. B. Hausnummer 50 in der 100sten Straße noch genauer dadurch, daß man die beiden Avenue's angibt, zwischen denen das Haus liegt, um dem Kunden und dem Freunde Zeit und langes Suchen zu ersparen.

Gleich beim Anfange des Broadway noch in der Nähe des Castlegarden befindet sich eine schöne Fontaine, welche angenehme Kühlung verbreitet. Von da aus zieht er sich in angemessener Breite ohngefähr eine Stunde die Stadt hinauf. Ich hatte wenige Monate vorher die Boulevards und die Rue St. Honoré in Paris mit ihrem geräuschvollen Treiben gesehen; mit dem Getöse und Gedränge des Broadway halten aber Beide nach meiner Ueberzeugung keinen Vergleich aus. New-York hat das Geräusche eines Seehafens und einer Welthandelsstadt voraus, welches die Tausende von Lastwagen hervorbringen, die Ballen, Kisten und Tonnen durch den Broadway nach den Magazinen oder aus ihnen nach den Schiffen führen. Zu beiden Seiten dieser großartigen Straße befinden sich Trottoire, die in vorzüglichem Zustande sind, was aber hier auch um so nothwendiger ist, als von einem Gehen auf der eigentlichen Straße gar keine Rede seyn kann, da man jedenfalls in wenig Minuten unter den Rädern der Omnibusse, Equipagen oder Güterkarren wäre. Es gehört eine große Fertigkeit und eine lange Uebung dazu, als Wagenlenker sich unversehrt durch dieses Gewoge von Fuhrwerk aller Art hindurchwinden zu können.

Wir kamen zu dem fashionablesten Theile des Broadway, zu der Promenade der feinen Welt, in die Nähe des Astorhauses, des Amerikanischen Museums und des Parkes mit dem majestätischen Stadthause. Das Astorhouse ist das größte und feinste Hotel in New-York und von demselben John Jacob Astor erbaut, dessen ich schon bei Gelegenheit der Deutschen Gesellschaft Erwähnung that. Es hat ebensowenig, als die anderen Hotels in New-York, eine große Einfahrt, auch fehlen allenthalben die großen Stallungen, wie man sie bei großen europäischen Gasthöfen antrifft, da alle Reisenden entweder mit Dampf- oder Segelschiffen ankommen. Die Preise sind verhältnißmäßig nicht zu hoch gestellt.

In dem Erdgeschosse des Astorhouses ist für alle geistigen und leiblichen Bedürfnisse der Fremden gesorgt. Kleidermagazin, Buchhandlung, Apotheke, Friseurkabinet, Bäder etc. stehen im eigenen Hotel zu Diensten und der Reisende hat nicht nöthig, weite Gänge durch die Stadt zu machen, wenn er einen Wunsch befriedigen will.

Dem Astorhouse gegenüber liegt das Amerikanische Museum, unter dem man sich jedoch kein Berliner Museum, keine Dresdener Bildergallerie und keine Pinakothek und Glyptothek denken darf, da dem schaulustigen Publikum dort keine hohen Kunstgenüsse, sondern Curiositäten der verschiedensten Art, als singende Neger, Affen, Panoramas, Indianer, Riesen und Zwerge, komisches Theater, Tänzer und verschiedene andere dergleichen Dinge gezeigt werden, die wir bei uns auf großen Messen und Jahrmärkten in Dutzenden von Buden sehen. Dies Alles übt auf den neugierigen Yankee eine sehr bedeutende Anziehungskraft aus. Hiermit soll jedoch keineswegs gesagt seyn, daß dieser keinen Sinn für höhere Künste und Wissenschaften habe, denn das Gegentheil ließe sich leicht durch die Aufzählung großer Staats- und Privatbauten, wie durch die Gründung vieler bedeutenden Collegien und Akademien nachweisen.

Das Aeußere dieses Gebäudes ist auf die bunteste und burleskeste Weise geziert, um den Blick der Vorübergehenden auf sich zu ziehen. Gemälde, Transparente, riesenhafte Anschlagzettel und eine bunte Anzahl von Flaggen und Fahnen geben einen hinreichenden Beweis von der Charlatanerie des Eigenthümers, welche er namentlich in allen gelesenen New-Yorker Journalen in den pomphaftesten Ausdrücken zur Schau trägt.

Von Nachmittags 2 Uhr bis zum Schlusse der Vorstellung spielen auf einem Altane des Gebäudes deutsche Musiker, und meine Gefühle wurden mächtig erregt, als am ersten Tage meines Aufenthaltes im fernen Westen die bekannten Töne des schönen Liedes:

»Leb' wohl, du theures Land, das mich geboren!«

zu uns herniederklangen.

Einen angenehmeren Eindruck, als dieses possirliche Comödienhaus, machte der schöne Park, in dessen Mitte sich die stolze City-Hall[6] mit einer großen Freitreppe erhebt. Diese, wie die ganze vordere Fronte des weitläufigen Gebäudes ist aus weißen Marmor aufgeführt. Die Amerikaner statten überhaupt alle ihre öffentlichen Bauten auf's Glänzendste und Imposanteste aus, um das Gesetz, das in ihnen seine Wohnung hat, selbst geachtet zu machen. Die New-Yorker ehren durch dieses Gebäude die Väter der Stadt, die Republik und sich selbst.

[6]: Stadthaus, Rathhaus.

Nicht weit von dem Hauptportale des Stadthauses wirft eine zweite noch bedeutendere Fontaine, als die beim Eingange des Broadway, ihren starken Strahl hoch in die Lüfte. Ringsherum laden Bänke zur Ruhe ein, und das Grün der Bäume und des Rasens bietet eine angenehme Abwechslung gegenüber dem Gedränge und dem Staube der Straßen.

Allmählig kam der Abend und mit ihm neues Leben. Es war der Vorabend des vierten Juli, den Jung und Alt durch Abbrennen von Raketen, Kanonenschlägen und Schwärmern und durch Schießen aus jeder Gattung von Feuerröhren festlich begehen. Obschon das Schießen in der Stadt das ganze Jahr hindurch scharf verboten ist, so drücken Polizei und Gesetz an diesem Tage doch die strengen Augen zu und unterstützen auf diese Weise einen Lärmen und einen Spektakel, welcher die ganze Nacht fortdauert und Vielen den Schlummer raubt; trotz meiner Müdigkeit weckte mich das unaufhörliche Schießen unter meinen Fenstern zu wiederholten Malen aus dem tiefsten Schlafe auf. Die Presse hat schon oft gegen diesen Unfug angekämpft, der jedes Jahr die traurigsten Unglücksfälle verursacht; sie erhält aber keine energische Unterstützung von Seite der Bürger, da man in vielen Kreisen der Ansicht ist, daß durch ein solches Gebot der vierte Juli entweiht und entheiligt würde.

Zehntes Capitel.

Die Feier des vierten Juli. Frechheit eines englischen Matrosen.

Der Morgen des großen Festtages war angebrochen und 101 Kanonenschüsse verkündeten von der Battery und Governers-Island der Stadt New-York und ihrer Umgegend den 71sten Geburtstag ihrer Freiheit und Unabhängigkeit. Die Amerikaner sind keine Verehrer vieler und großer Feiertage; sie halten mit strengem Ernste an ihrem Sonntag, während sie (natürlich mit Ausnahme der Katholiken) die großen Kirchenfeste der Europäer, Weihnachten, Ostern und Pfingsten, ruhig und ungefeiert vorübergehen lassen. Man kann daher nur zwei Hauptfesttage im ganzen Jahre annehmen, welche sie besonders hoch achten, den Neujahrstag und den vierten Juli. Der erste Tag wird mehr im Kreise von Familien und Freunden verlebt, während der letztere ein Freudentag des ganzen Volkes, ein Nationalfest von der tiefsten Bedeutung ist.

Die Amerikaner haben das unbezweifelte Recht, auf diesen Tag stolz zu seyn. Die Tapferkeit und die Weisheit ihrer Väter gründete an demselben den glücklichsten Staat der Erde und sicherte seinen Bestand durch die Ertheilung weiser und freisinniger Institutionen. Hebt sich ihr Herz bei der Erinnerung an die Großthaten dieser Männer, so schlägt es doppelt freudig bei dem Bewußtsein, daß sie ihr Vermächtniß getreulich bewahrt und es im Laufe der Zeit noch mehr veredelt und verbessert haben.