Zwei Jahre in New-York Schilderung einer Seereise von Havre nach New-York und Charakteristik des New-Yorker politischen und socialen Lebens

Part 2

Chapter 23,562 wordsPublic domain

Bald nach der Geburt kam der glückliche Vater auf Freund W....... und mich zu, um von uns in Betreff der Taufhandlung sich einen Rath zu erbitten. Wir zeigten auf den katholischen Priester hin, der gemächlich, die Hände auf den Rücken gelegt, auf dem Verdecke hin und her gieng. Aber ein frommes Entsetzen ergriff den guten Menschen bei dem Gedanken, daß er als Protestant sein Kind von einem römisch-katholischen Geistlichen taufen lassen sollte. »Sind Sie denn evangelisch?« fragte er uns ängstlich, und erst, als wir Beide bejaht hatten, klärte sich sein Antlitz wieder auf. »Kann denn der das Kind evangelisch taufen?« fragte er abermals. Da wir der Ansicht waren, daß wir ihm nur mit großer Mühe eine richtige Anschauung der Sachlage eintrichtern könnten, erklärten wir ihm, daß wir es statt seiner besorgen wollten, daß der »katholische« Pfarrer sein Kind »evangelisch« taufe. Wir wandten uns nun mit der Bitte an den Priester, daß er das Kind in die »christliche« Kirche aufnehmen möge, was er denn auch für den nächsten Sonntag richtig zusagte.

Der hohe Festtag war erschienen, und das Schiff lag wegen eingetretener Windstille ruhig auf der spiegelglatten See. Der Capitain hatte sich selbst zu Gevatter gebeten, was der Bauer als eine große Ehre freudig annahm. Eine Tonne wurde auf dem Raume vor der Cajüte aufgestellt, mit Brettern belegt und mit einem großen weißen Tuche bedeckt. Ein Crucifix wurde ebenfalls mit dem nöthigen Taufgeschirr herbeigeschafft, welches seine Dienste that, obschon es nur aus einem Waschbecken und einer Obertasse bestand. --

Indessen gieng es im Zwischendecke munter zu. Alles, was gesund war, machte sich an seine Toilette; die Männer rasirten sich, die Weiber flochten sich die Haare, der Herr Pfarrer wichste die Kanonenstiefeln und packte seinen neuen schwarzen Anzug aus, und der Capitain warf sich in der Cajüte in fashionablen Frack und »Unaussprechliche.«

Als Alles zum feierlichen Akte vorbereitet war, ließ der Capitain mit der Schiffsglocke ein Zeichen geben, und langsam gieng es aus dem unteren Raume auf das Verdeck, auf dem sich die Versammlung in zwei langen Reihen aufstellte.

Die Rede des Geistlichen und die Taufhandlung war einige Stunden vorüber, als unser Bauer mit rothem Kopfe und einem Blatt Papier in der Hand auf W....... und mich zukam und uns einen Taufschein überreichte, der ihm auf sein Verlangen vom Pfarrer ausgestellt worden war. Derselbe enthielt die Bestätigung, daß das Söhnlein des Bauern ~N. N.~ in die Gemeinschaft der heiligen römisch-katholischen Kirche aufgenommen worden sey. Nun war uns die Sache doch nicht mehr zum Spaßen, als wir sahen, daß uns ein Jesuitenstücklein gespielt worden sey, welches der Herr Pfarrer in Innsbruck erlernt haben mochte; wir nahmen deßhalb den Taufschein zu uns, und ich schrieb einen zweiten, in welchem ausdrücklich bemerkt war, daß von dem katholischen Priester ~N. N.~ das Kind in die Gemeinschaft der »christlichen« Kirche aufgenommen worden sey. Nachdem dieses neugeschaffene Dokument vom Capitain als Pathen, von dem Vater und der Mutter des Kindes als Eltern und von W....... und mir als Zeugen unterschrieben war, gaben wir es erst dem Herrn Pfarrer zur Unterschrift, der sich dem Geschäft mit saurem Gesichte unterzog, worauf in seiner Gegenwart der von ihm geschriebene Taufschein über Bord flog.

Jetzt erst war das tiefgeängstigte Elternpaar wieder guten Muthes. Die ganze Geschichte wurde aber, trotz aller Bemühungen, sie geheim zu halten, auf dem Schiffe ruchbar, und die nächste Folge davon war die, daß, als eine zweite Frau 14 Tage später ebenfalls gebar, der Vater des Kindes dasselbe um keinen Preis von dem Pfarrer taufen ließ, sondern fest erklärte, ihm erst in Cleveland, seinem künftigen Wohnsitze, von einem evangelischen Prediger die Weihe der Kirche ertheilen lassen zu wollen.

Fünftes Capitel.

Ein Sturm. Damenhüte. Bemerkungen über die Einwanderung in Nord-Amerika.

Bis hieher war unsere Reise eine durchaus angenehme; wir hatten immer gutes Wetter und einige Tage Windstille ausgenommen immer günstigen Wind, so daß die Hälfte der Reise wider Erwarten rasch gemacht war. Wir sollten aber auch etwas von den ernsten Unannehmlichkeiten und Gefahren des Seelebens kosten, nämlich einen Sturm. -- Schön hatte der Tag geendet, und Alles war bis auf die Matrosen in tiefen Schlaf versunken, als sich der Wind drehte. Gegen Morgen war der Sturm in vollem Anzuge. Das laute Commando des Capitains, das Geschrei und der Gesang der Matrosen, die bei dem Nahen der Gefahr eine ganz besondere Munterkeit befällt, wie das schrille Pfeifen des Windes weckten Alles im Zwischendecke. Jedes fuhr schnell in die Kleider, um sich auf dem Verdecke von dem Gange der See zu überzeugen. Die neugierigere und zartere Hälfte des menschlichen Geschlechts kam zuerst im Negligé die Schiffstreppe hinauf. Kaum aber hatten die Weiber die Köpfe aus den Lucken gesteckt, und das Aechzen der Masten und Raaen, sowie das Brausen der daherrollenden Wogen gehört, als sie sämmtlich nach Unten eilten, und durch ihr furchtbares Zedergeschrei alle noch schlafenden Kinder aufweckten, welche den Chorus nach Leibeskräften verstärken halfen. Rasch stieg ich nun auf das Verdeck, um zu sehen, ob Gefahr vorhanden sey; aber kaum war ich oben angelangt, als ich mir beim Anblick der tobenden See meine Unerfahrenheit in solchen Dingen sofort eingestehen mußte.

Mein Freund W....... kam auf mich zu und theilte mir mit, daß der Capitain guter Dinge sey und ihm versichert habe, daß sein Schiff dergleichen Stürme auf jeder Reise zu bestehen hätte. Ganz ermuthigt versuchte ich nun, auf dem Verdecke, das von hereingeworfenem Seewasser so schlüpfrig geworden war, daß man kaum darauf gehen konnte, in die Nähe einiger Passagiere zu gelangen, als auf einmal eine große Welle gegen die linke Seite des Schiffes heranrollte, dasselbe in die Höhe hob, das ganze Verdeck mit Wasser überschüttete und mich auf die rechte Seite des Schiffes hinabschleuderte, daß ich in die tobende See hinausgestürzt wäre, hätte ich mich nicht noch instinktartig an der Gallerie, die um die Cajüte lief, angeklammert. Ein Matrose sprang mir zur Hülfe und brachte mich zur Lucke, durch die ich sehr kleinlaut und gequält von Schmerzen am ganzen Körper hinabstieg, um mich auf meine Matratze von Seegras zu begeben und daselbst über meine unberufene Neugierde nachzudenken.

Inzwischen hatte der Sturm zugenommen. Weiber und Kinder schrieen nach Leibeskräften; eine Wassermenge um die andere stürzte durch die Lucken, die man nicht verschließen durfte, wollte man uns nicht der Gefahr des Erstickens Preis geben. Durch das heftige und rasche Hin- und Herschwanken des Schiffes machten sich, um die Verwirrung und den Lärmen noch größer zu machen, auch noch Koffer, Kisten und sonstige Reiseeffekten von den Stricken los, mit denen sie befestigt waren, und rollten von einer Seite zur andern. Zugleich rauschte bei jeder Bewegung des Schiffes das Wasser im Zwischendeck herüber oder hinüber, was für die meisten Ohren keine sehr erfreuliche Musik war.

36 Stunden hatte der Sturm so getobt, während welcher Zeit ich mich nur von rohem Schinken und Schiffszwieback nährte, da man an Kochen gar nicht denken durfte. Die meisten Passagiere, namentlich die Weiber und die Kinder, genossen aber, so lange das Unwetter währte, aus Angst und Jammer gar nichts und viele Andere konnten das wenige Genossene nicht bei sich behalten, da sie von der Seekrankheit im höchsten Grade befallen waren.

Als ich das Verdeck wieder betrat, war bereits wieder ein Segel an dem Hauptmast erschienen. Die See ging aber, obschon der Wind bedeutend von seiner Heftigkeit verloren hatte, noch volle 24 Stunden hoch, und löschte uns einmal um's anderemal unser mühsam gemachtes Feuer wieder aus, das dem öden Magen eine warme Suppe verschaffen sollte. --

Aber welches Schauspiel wäre Dir, lieber Leser, geboten worden, hättest Du jetzt einen Blick in das Zwischendeck werfen können! Blasse Gestalten krochen hie und da aus den Bettstellen, um in allen Winkeln des Schiffes ihre entführten Siebensachen aufzusuchen. Nun entstand erst das rechte Seufzen und Wehklagen, als Viele, die ihre Vorräthe und ihr Gepäcke nicht vorsichtig genug befestigt hatten, den ungeahnten Schaden bemerkten. Namentlich gieng viel Wein verloren, den man in großen eingeflochtenen gläsernen Flaschen mitgenommen hatte, die natürlich eine Carambolage mit einem Koffer oder einer Kiste nicht auszuhalten vermochten. Schiffszwieback, vom Seewasser durchweicht, und Unrath aller Art war über den ganzen Boden verstreut, und gab uns eine angenehme Aussicht auf appetitliche Beschäftigung. Mehrere Tage vergiengen, ehe Alles wieder im alten Gleise war.

Den größten Verlust hatte aber unstreitig eine deutsche Putzhändlerin aus Paris erlitten, die mit mehreren Dutzend Damenhüten vom feinsten Stoffe, welche mit täuschend nachgemachten Blumen verziert waren, nach New-York auszuwanderen beschlossen hatte, um die amerikanischen Ladys mit den Erzeugnissen ihrer Kunst zu beglücken. Sie hatte die Unvorsichtigkeit begangen, die in einfache Pappschachteln verpackten Hüte unter ihrem Bette zu verwahren, wo sie von dem Seewasser total verdorben wurden. Manches Frauenherz wäre gewiß bei dem Anblick des so unbarmherzig vernichteten Putzes tief bewegt worden! Das ist das Loos des Schönen auf der Erde.

Die Passagiere waren fast ohne Ausnahme vermögende Leute; Einzelne führten sogar Reichthümer mit sich. Manchem Finanzmanne möchte ich den Rath geben, einmal auf einem Auswandererschiffe die Reise nach New-York mitzumachen, damit er nach der Ankunft in Amerika bei der Visitation des Gepäckes durch die Zollbeamten die großen Geldsäcke mit eigenen Augen sehen könnte, welche durch die Auswanderer in die Fremde geschafft werden. Die Amerikaner haben nur zu wohl die ungeheuere Wichtigkeit der Einwanderung erkannt und begünstigen sie auf alle Weise. Ihnen ist der Reiche wie der Arme willkommen; der erstere bringt Capitalien, der letztere Arbeitskräfte mit, die in diesem Lande, in welchem noch so Manches in der Kindheit liegt, trotz der täglichen Ankunft so vieler Menschen immer noch ihren Werth behauptet haben, wenn sie sich nur geschickt zu vertheilen wußten.

Nach einer Berechnung soll im Jahre 1847 eine Baarsumme von 5,000,000 fl. allein von Deutschen in Amerika eingeführt worden seyn, was Niemand Wunder nehmen wird, der weiß, wie viel reiche Grundbesitzer in diesem Jahre auswanderten. Jedes Jahr nimmt die Auswanderung zu, und hat selbst im Jahre 1848, wo sich doch der Verwerthung von Gütern und Grundbesitz so bedeutende Schwierigkeiten entgegensetzten, einen so hohen Grad erreicht, daß die Bevölkerung Nord-Amerikas in diesem _Einen_ Jahr um 10 Prozent stieg.

Die große Ausfuhr von Baargeld wird mit der Zeit ohne Zweifel sehr fühlbar werden, denn wenn wir auch gerne zugestehen, daß der Hauptreichthum unserer Nation in dem Ackerbau besteht, so wird doch Niemand behaupten wollen, daß wir die Industrie entbehren können und diese ohne flüssige Capitalien arbeiten kann.

Sechstes Capitel.

Napoleon. Baldiges Ende der Seereise. Unerwarteter Aufenthalt. Land. Die New-Yorker Piloten.

Gerne verkehrten W....... und ich mit einem Bauer aus Schwaben, der eine große Gemüthlichkeit, einen guten Humor und einen gesunden Menschenverstand besaß. Er hatte lange als Bauernknecht im Würtembergischen gedient und sich durch Sparsamkeit ein kleines Vermögen erworben. Auf unsere Frage, was ihn zur Auswanderung bestimmt hätte, erzählte er uns, daß ein Schul- und Ortskamerade von ihm vor Jahren nach Amerika ausgewandert sey und ihm geschrieben habe, daß er hinüberkommen solle, da er in Deutschland doch nur ein Lump bleibe, während er drüben wie Napoleon leben könne. Von jenem Augenblicke an hieß er, da uns einige Spottvögel zugehört hatten, allgemein der Napoleon, und wir lachten oft auf's Herzlichste, wenn ein deutscher Matrose aus dem Holsteinischen, mit dem er enge Freundschaft geschlossen hatte, in's Zwischendeck hinabrief: »Napoleon! gehe herauf! Du mußt Holz hauen und Erdäpfel abschälen.«

Wir näherten uns allmählig dem Ende unserer Reise. Ohne zu wissen, unter welchem Längen- und Breitengrade wir schwammen, bemerkten wir doch, als wir noch ungefähr 2-300 engl. Meilen von der Küste entfernt waren, daß die Küste nahe sein müsse, da eine auffallende Menge von Schiffen in unserem Gesichtskreise segelte, während wir früher oft in 8 Tagen nur 2-3 Schiffen begegnet waren.

Endlich gab uns der Capitain die längst ersehnte Kunde, daß wir am anderen Tage Land erblicken würden. Nun war Alles in der freudigsten Bewegung; bessere Kleider wurden aus den Koffern genommen; alte, auf der Reise abgebrauchte Gegenstände flogen in die See und ringsherum sah man fleißige Hände, die sich eigener und fremder Verschönerung beflißen. Die meiste Mühe machte die Reinigung der Haut von einem fettigen Schmutze, den das Seewasser beim Waschen zurückläßt, da Süßwasser hiezu nicht verwendet werden darf. Ich machte lange vergebliche Versuche mit einem Handtuch und einem großen Stück Seife zum allgemeinen Ergötzen der Matrosen, die laut auflachten, daß ich mich vergeblich roth wie ein gesottener Krebs gerieben hatte, und meine Bemühungen wären wohl erfolglos geblieben, hätte sich der Landsmann aus Holstein nicht erbarmt und mir eine eigene Art Seife und einen wollenen Fleck gebracht, welche allein dem Körper die lange entbehrte Reinlichkeit wieder geben können.

Die geehrten Leser werden der Versicherung wohl Glauben schenken, daß wir Alle ohne Ausnahme die Nacht in großer Unruhe hinbrachten. Eigene Gefühle belebten das Herz bei dem Gedanken, in Bälde das neuerwählte Vaterland, dem Alle hoffnungsvoll entgegeneilten, vor Augen zu haben. Dazu kam noch die Freude, die lange, wenn auch immerhin glückliche Seereise mit ihren Gefahren und Entbehrungen überstanden zu haben; W.......s, wie meine eigene poetische Natur, deren kühner Flug sich auf der Reise manchmal zum Ueberirdischen aufzuschwingen ver_sucht_ hatte, sank jetzt auf einmal zum Gemeinen herab und freute sich auf ein Stück frisches Rindfleisch und ein gutes Glas Bier, während die Frauen laut jubelten bei der sich öffnenden frohen Aussicht auf -- Milch zum Kaffee.

Fröhlich sprangen wir schon Morgens 4 Uhr aus den Betten, um das gelobte Land zu erblicken; aber leider war unsere Hoffnung zu Wasser geworden, denn in der Nacht hatte sich ein neidischer Nebel über die See gelagert, der uns die Aussicht gänzlich versperrte. Traurig stand ich auf dem Verdeck, als Freund W....... meinen Aerger noch durch die Mittheilung vermehrte, daß der Capitain Befehl gegeben habe, Anker auszuwerfen, da er um keinen Preis bei dem trüben Wetter näher an die gefährliche und klippenreiche Küste fahren, sondern einen Piloten erwarten wolle. Den ganzen Tag mußten wir so in einer unerträglichen Langeweile hinbringen, ohne einen Fußbreit vorwärts zu kommen, da es sich durchaus nicht aushellte. Als der Abend hereingebrochen war, ließ der Capitain einige Raketen steigen, um einen Lotsen an Bord zu bekommen, was denn auch zu Aller Freude in der Nacht gelang.

Dieser unvermuthete Aufenthalt in der Nähe der Küste war uns um so unangenehmer, als wir gerne am 3. Juli in New-York angelangt wären, um am nächsten Tage das große Fest mitzufeiern, welches die Amerikaner zu Ehren und zum Gedächtnis der am 4. Juli 1776 von ihren Vätern in Philadelphia gegebenen Unabhängigkeitserklärung von England mit großem Pompe begehen.

In der Nacht des 2. Juli war der Pilot erst an Bord gestiegen, und es fragte sich sehr, ob uns ein günstiger Wind in den nächsten 48 Stunden an's Land treiben würde. Der Capitain lächelte stillvergnügt zu unseren betrübten Gesichtern, hatte aber ganz im Geheimen bereits Vorsorge getroffen, sie bald wieder aufzuklären.

Als wir am anderen Tage von unseren zerlegenen und sehr hart gewordenen Matratzen auf das Verdeck eilten, hatte sich der Nebel gänzlich gelegt, und -- ein lauter Schrei des Entzückens entfuhr uns, als wir im herrlichsten Sonnenschein Sandy Hook mit seinen 3 Leuchtthürmen vor uns erblickten. Reichlich waren wir für das Unangenehme der letzten Tage entschädigt. Die Staffage dieser herrlichen Seepartie bildeten Hunderte von Schiffen, welche theils wie wir vor Anker lagen, theils von Dampfschiffen der Bay von New-York zugeführt wurden. Weithinaus war das Meer, so weit nur das Auge reichen konnte, mit kleinen Fahrzeugen übersäet, welche theils Pilote, theils rüstige Fischer trugen, die die ungeheure Stadt täglich mit frischen Seefischen versehen.

Es sey mir gegönnt, hier Einiges über die New-Yorker Piloten zu sagen. Diese kühnen Männer, welche nicht allein die genaueste Kenntniß der Küste mit ihren Klippen und Untiefen, sondern eine eben so gute seemännische Bildung, wie die Capitaine selbst, haben müssen, da sie sofort nach ihrer Ankunft an Bord das Commando des Fahrzeugs übernehmen, bilden in New-York ein wohlorganisirtes Corps. Ihre Dienstzeit ist ihnen regelmäßig vorgeschrieben und ihr Nahrungsstand gesichert, ob sie nun im Jahre viele oder wenige Schiffe einbringen. In kleinen, aber scharf und schlank gebauten, daher auch sehr schnell segelnden Fahrzeugen kreuzen sie oft mehrere Tage und Nächte in der Nähe der Küste, ja sie wagen sich oft 3-400 engl. Meilen in die offene See hinaus, um ihr menschenfreundliches Geschäft auszuüben. Selbst beim stürmischsten Wetter halten sie das hohe Meer, um hülfsbedürftigen Schiffen Rettung bringen zu können. Der Muth und die Verwegenheit dieser Männer übersteigt allen Glauben, sowie ihre Erfahrung und Sicherheit allgemeine Bewunderung erregt.

Hier möge auch einer That Erwähnung geschehen, welche nicht allein Amerika, sondern auch Europa mit gerechtem Erstaunen erfüllte. Ein New-Yorker Pilot unterzog sich dem gefährlichen Geschäfte, mit seinem Boote[3] Nachrichten von Wichtigkeit eher nach dem 3000 engl. Meilen entfernten Liverpool zu bringen, als es dem abgehenden Dampfschiff, welches die Reise gewöhnlich in 13-14 Tagen macht, möglich wäre. Er kam nun zwar später als das Dampfschiff in England an, aber die in Liverpool anwesenden Seeleute von allen Nationen der Erde staunten über die Kühnheit einer That, die auszuführen bis zu dieser Stunde noch keiner für möglich gehalten hatte.

[3]: ~Pilotboat.~

Die New-Yorker Piloten sind, da viele von ihnen als Capitaine weite und gefahrvolle Reisen nach allen Welttheilen gemacht haben, nicht allein kühne, sondern auch sehr gebildete Leute, und unterscheiden sich darin wesentlich von den Lotsen anderer Länder, die zwar auch eine genaue Kenntniß ihres Terrains, aber nicht den Takt und das Benehmen haben, welches bei den New-Yorker Piloten einen so wohlthuenden Eindruck macht.

Siebentes Capitel.

Schilderung der Küste. Staatenisland. Die Makler in New-York.

Wir waren sämmtlich noch im Anschauen der reizenden Küste versunken, als sich uns ein Dampfschiff näherte, welches uns in den Hafen schleppen sollte. Es hatte den Quarantainearzt an Bord, der den Gesundheitszustand unseres Schiffes untersuchte und denselben bis auf wenige Seekranke vortrefflich fand, weßhalb er uns sofort die Erlaubniß zum Einlaufen ertheilte. Nun war Alles von frohen Empfindungen bewegt; selbst Diejenigen, welche seit vielen Wochen nicht auf das Verdeck gekommen waren, ließen sich heraufführen, um mit den Anderen die herrliche Küste und die Bay von New-York zu bewundern, in die wir bald gelangen sollten.

Plötzlich brauste der Dampf aus dem Rauchfange des Steamers und vorwärts gieng es dem Lande zu. Wir kamen an mehreren Schiffen vorüber, die ebenfalls Auswanderer an Bord hatten; ein fröhliches, herzliches Hurrah, welches wir jedesmal munter erwiderten, ertönte, so oft wir vorbeifuhren. Als wir Coonyisland, eine kleine Insel, welche die New-Yorker im Sommer fleißig zum Gebrauche der erfrischenden Seebäder besuchen, aus den Augen verloren hatten, näherten wir uns allmählig der schmalen Einfahrt (Harbour), die man nothwendigerweise passiren muß, wenn man in die Bay von New-York gelangen will. Dieser wichtige Punkt, der Schlüssel von New-York, ist von den Amerikanern natürlich bedeutend befestigt worden. Zu unserer Rechten erblickten wir auf einem ziemlich steilen Hügel das Fort Hamilton mit seinen Casematten und bombenfesten Kasernen, dessen Kanonen drohend auf uns herabblickten. Lustig flatterte von den Batterieen das stolze Sternenbanner der Republik. Zur Linken waren ebenfalls dicht an der Küste starke Werke sichtbar, und um jedes Eindringen von der Seeseite unmöglich zu machen, liegt fast in der Mitte der Einfahrt ein anderes massives und bombenfestes Fort, welches im Vereine mit den Strandbatterieen feindlichen Schiffen sicheres Verderben droht.

Als wir endlich in die Bay selbst gelangten, erblickten wir das liebliche Staatenisland mit seinen freundlichen Villen und Gartenanlagen, welches nebst Hoboken der Haupt-Sommeraufenthalt der New-Yorker ist. Fast alle vermögenden Kaufleute bringen hier mit ihren Familien die heißen Sommermonate zu. Jeden Morgen fahren sie von da mit den regelmäßig gehenden Dampfschiffen zur Stadt, um ihre Geschäfte zu besorgen, und kehren dann um 3 Uhr, zu welcher Stunde die größeren Geschäfte geschlossen werden, zurück.

In Staatenisland muß die Quarantaine abgehalten werden, wenn dem Quarantainearzt der Gesundheitszustand der Passagiere nicht befriedigend scheint. Die auf der Insel befindlichen Hospitäler, die eine große Anzahl Kranker aufnehmen können, sind oft überfüllt, namentlich war dies im Jahre 1847 der Fall, in welchem hauptsächlich in den von England und Irland kommenden Schiffen das Schiffsfieber in grauenerregender Art grassirte.

Ohngeachtet unsere Aufmerksamkeit jeden Augenblick auf einen neuen interessanten Gegenstand hingelenkt wurde, fiel uns doch der geringfügige Umstand auf, daß 4-5 Kähne unserem Schiffe beständig zur Seite blieben. Mein Freund W......., wie immer thätig und wacker für mich sorgend, theilte mir mit, daß sich in diesen Booten die verrufenen und berüchtigten deutschen Makler befänden, welche den ankommenden Schiffen 5-6 Meilen entgegenfahren, um sich ihre Opfer schon auszusuchen, ehe sie nur das Land betreten haben. Viele Capitaine erlauben ihnen, an Bord zu kommen, damit durch sie die Passagiere möglichst rasch vom Schiffe geschafft werden; unser Higgins aber war zu redlich und brav, um diesen unsauberen Gesellen den Zutritt zu seiner Lila, deren reinen Namen er nicht von ihnen beflecken lassen wollte, zu gestatten. Ihre anfängliche Höflichkeit verwandelte sich nach erhaltener abschläglicher Antwort sofort in die gemeinste Rohheit, und unser guter Capitain würde sich wohl über den Reichthum unserer Muttersprache an Schimpfwörtern gar sehr gewundert haben, hätte er dieselbe verstanden.

Bald erblickten wir auch das freundliche New-Jersey und die Castelle von Governers-Island und Battery, sowie die Masten unzähliger Schiffe, welche uns die Aussicht auf die Stadt versperrten. Gelingt es auch dem Feinde, durch die Einfahrt in die Bay zu dringen, so erwartet ihn ein zweites verheerendes Kreuzfeuer in derselben, welches ihm die Einnahme wohl unmöglich machen dürfte, obschon die Stadt an und für sich gänzlich frei und offen daliegt.

Endlich waren wir in dem Northriver, dem einem Arme des Hudson, eingelaufen; unser Schiff machte eine Wendung und wir lagen am Docke. Kaum aber hatten die Matrosen die Schiffstreppe an der einen Seite hinabgelassen, als die uns treu zur Seite gebliebenen Makler an Bord kamen und ihr feines Gewerbe begannen. Wie diese Art Menschen ihren Köder auswirft, um gutmüthige Leute zu fangen, welche von ihren Prellereien nichts ahnen, will ich aus eigner Erfahrung erzählen.