Zwei Jahre in New-York Schilderung einer Seereise von Havre nach New-York und Charakteristik des New-Yorker politischen und socialen Lebens

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Zwei Jahre in New-York.

Schilderung einer Seereise von Havre nach New-York

und

Charakteristik des New-Yorker politischen und socialen Lebens.

Nach eigenen Erfahrungen dargestellt von Christoph Vetter.

Hof. Im Selbstverlage des Verfassers. 1849.

Den Freunden zur Erinnerung! Den Lesern zur Unterhaltung! Den Auswanderern zur Belehrung und Warnung!

von

dem Verfasser.

Vorrede.

Es wird keiner Entschuldigung bedürfen, daß der Verfasser der folgenden Bogen mit einer Charakteristik des New-Yorker politischen und socialen Lebens vor das Publikum tritt. In dieser Zeit ernster Kämpfe hat Alles, was sich auf Amerika bezieht, einen doppelten Reiz erhalten, da Tausende auf dem westlichen Festlande allein Freiheit, Ruhe und Bürgerglück zu finden hoffen.

Bei meiner Arbeit hat mich die Ueberzeugung geleitet, daß mancher Leser, der sein Vaterland nicht zu verlassen gedenkt, nicht ohne einiges Interesse Kunde von einer Stadt erhalten wird, in der sich großentheils das ganze amerikanische Leben concentrirt; Auswanderer werden manchen Rath und manche Anweisung finden, deren Befolgung ihnen um so mehr von Nutzen sein wird, als den Verfasser die strengste Wahrheitsliebe geleitet hat. Für sie ist besonders die Schilderung der Seereise geschrieben.

Wenn ich in dem Büchlein hie und da meiner Person Erwähnung that, so möge dies der Leser nicht etwa einer kleinlichen Eitelkeit, sondern vielmehr dem aufrichtigen Wunsche zuschreiben, durch eine Darstellung meiner eigenen Erlebnisse den Auswanderer auf die Gefahren aufmerksam zu machen, welchen er entgegengeht; er soll durch die Erzählung meiner Schicksale und Erfahrungen lernen, den Muth bei getäuschten Hoffnungen zu behaupten, da Ausdauer immer, wenn auch spät, zum Ziele führt.

Diese Blätter machen keinen Anspruch auf einen höheren Werth; ihr Zweck ist vollkommen erreicht, wenn sie dem Freunde ein Lächeln entlocken, dem Leser einige Stunden Unterhaltung bereiten und die Auswanderer zur Vorsicht ermahnen. Mit der Bitte um eine wohlwollende Beurtheilung sende ich sie wenige Wochen vor meiner Rückreise in die Welt; ein theurer Wunsch ist mir erfüllt, wenn sie dazu beitragen, daß mir auch in die Ferne das Wohlwollen der Leser, wie die Liebe und Erinnerung meiner Freunde und Bekannten folgt.

Rehau, im October 1849.

Der Verfasser.

Inhaltsverzeichniß.

1stes Capitel. Seite

Havre. Eine Landsmännin. Elend armer Auswanderer. Die Makler im Havre. 1-6

2tes Capitel.

Die Einschiffung. Der Capitain und der Schnurrbart. 6-10

3tes Capitel.

Die Einquartierung. Die Seekrankheit. Mittel gegen dieselbe. 10-14

4tes Capitel.

Angst und Vaterfreuden. Eine Kindtaufe und ein Taufschein. 15-19

5tes Capitel.

Ein Sturm. Damenhüte. Bemerkungen über die Einwanderung in Nord-Amerika. 19-25

6tes Capitel.

Napoleon. Baldiges Ende der Seereise. Unerwarteter Aufenthalt. Land. Die New-Yorker Piloten. 25-31

7tes Capitel.

Schilderung der Küste. Staatenisland. Die Makler in New-York. 31-41

8tes Capitel.

Die deutsche Gesellschaft und der deutsche Volksverein. 41-45

9tes Capitel.

New-York. Die Battery oder der Castlegarden. Der Broadway. Astorhaus. Das Amerikanische Museum. Der Park und City-Hall. Die Vorfeier des vierten Juli. 46-54

10tes Capitel.

Die Feier des vierten Juli. Frechheit eines englischen Matrosen. 54-60

11tes Capitel.

Eine Betrachtung über die Thätigkeit der Amerikaner. Die Erlangung des Bürgerrechts. 61-68

12tes Capitel.

Die amerikanische Demokratie. Beurtheilung derselben von Seite der in Deutschland existirenden Parteien. Demokraten und Whigs. 68-79

13tes Capitel.

Die Nationalreformer. Deutsche communistische Colonieen. 80-87

14tes Capitel.

Eintritt in ein neues Geschäft. Eine alte und eine neue Bekanntschaft. Amerikanische Stutzer und Beutelschneider. Die New-Yorker Polizei. 88-94

15tes Capitel.

Künstlerlaufbahn. Der Marmorpalast. 95-99

16tes Capitel.

Deutsches Leben in New-York. Geselligkeit. Wirthschaften. Brauerei. Ausflüge. Kirchweihen. 99-108

17tes Capitel.

Die Feier des Maifestes in New-York. Gesangvereine. Deutsche Bälle. 108-114

18tes Capitel.

Das Leben und die Sitten der Amerikaner. Ihre Religiosität. Temperenzmänner. Rechte der Frauen. 115-129

19tes Capitel.

Die Küche der Amerikaner. Der Neujahrs- und der Valentinestag. Ihre Gastfreundschaft. 130-135

20stes Capitel.

Die New-Yorker Presse. 135-142

21stes Capitel.

Kunst. Theater. Musik. 143-148

22tes Capitel.

Lasterhöhlen. ~Washington-Street.~ Die ~Five-Points~. Die Hinrichtungen. 149-155

23stes Capitel.

Allgemeine Notizen für Auswanderer. 155-164

Erstes Capitel.

Havre. Eine Landsmännin. Elend armer Auswanderer. Die Makler im Havre.

Die kurze Zeit, die der Verfasser dem Aufenthalte in Paris widmen konnte, war um und der Tag der Abreise erschienen. Die wenigen Freunde, an die er empfohlen war, gaben ihm beim Scheiden den Rath, die Reise von Rouen in's Havre zu Fuße zu machen, da die Schönheiten des Rhonethales in vieler Hinsicht denen des Rheinthales gleich kämen. Ich folgte der freundlichen Mahnung, die zu bereuen ich keine Ursache gehabt haben würde, wäre ich nicht am zweiten Tage von einem nebligen Regenwetter in Empfang genommen worden, das mich nicht allein bis auf die Haut durchnäßte, sondern mir auch den Genuß der reizenden Landschaft gänzlich verkümmerte.

Müde und erschöpft erreichte ich endlich das langgedehnte Incouville, eine Vorstadt des Havre. Die erste Person, die mir in den menschenleeren Straßen aufstieß, war ein junges Mädchen, welches trotz des Regens an einem Brunnen mit Waschen beschäftigt war. »~La couronne d'or, s'il vous plait, mademoiselle?~« fragte ich, mein Bischen Französisch und meine ganze mir im Momente zu Gebote stehende Freundlichkeit zusammennehmend, um baldmöglichst unter Dach und Fach zu gelangen. »Dös versteh' i net, i seyn erst acht Täg hie!« war die naive Antwort, die mich eine Landsmännin erkennen ließ. Nachdem ich für ihre freundliche Auskunft in gutem Deutsch auf's Herzlichste gedankt hatte, gelangte ich endlich nach langem Hin- und Herwandern in's ersehnte Gasthaus. Eine eigenthümliche Ueberraschung ward mir gleich beim Eintritt in's Wirthszimmer, denn Gastzimmer will ich es doch nicht nennen, zu Theil; ohngefähr 80-100 Personen jeden Alters, Standes und Geschlechtes saßen an zwei langen Tafeln und verzehrten ziemlich laut ihre Abendkost. Ich konnte mir nun schon eine Vorstellung von der Gesellschaft machen, mit der ich für 5-6 Wochen in einen engen Raum zusammengepfercht werden sollte.

Nachdem ich mich von den Reisestrapatzen in Etwas erholt hatte, machte ich mich auf den Weg, um ein Paar alte Freunde und Landsleute aufzusuchen, welche mir gleich nach dem Empfange die angenehme Eröffnung machten, daß ich vor 8-10 Tagen an eine Abreise gar nicht denken dürfe, indem seit längerer Zeit an 3000 Menschen ihre Einschiffung erwarteten. Diese Leute hatten sich ihre Plätze bereits contractlich gesichert, was ich zu thun unterlassen, späterhin aber auch nicht zu bereuen hatte, indem mir durch gütige Vermittelung meiner Freunde nicht allein ein Platz auf einem guten Schiffe, sondern auch eine einzelne Bettstelle ausgewirkt wurde, wofür ich jenen noch heute zum freundlichsten Danke verpflichtet bin, da ich durch letztere Begünstigung der Gefahr entgieng, von meinen seekranken Bettgefährten mit unangenehmen Expektorationen belästigt zu werden.

Die Tage im Havre verflossen allmählig; so angenehm manche Stunde dahin schwand, so schmerzlich wurde das Herz oft von den Leiden und Drangsalen armer Landsleute berührt. Mancher wenig bemittelte Familienvater hatte sich mit Weib und Kind aus ferner Heimath nach der weitentlegenen Hafenstadt durchgeschlagen, um dort nach Aufzehrung der wenigen Habe am fremden Strande liegen bleiben zu müssen, ohne die Weiterreise zur See antreten zu können. Einzelne dieser Unglücklichen sind wieder nach Deutschland zurückgekehrt; mancher Leser wird ihre zweirädrigen Karren an den Straßenecken stehen sehen haben, welche nichts enthalten, als Lumpen und -- arme halb verhungerte Kinder.

Vielfach wurde von fühlenden Menschenfreunden vor unbedachtsamer Auswanderung mittelloser Personen gewarnt, die, wenn sie auch zum ersehnten Hafen gelangt sind, bei dem Ueberflusse von Arbeitern und ihrer Unkenntniß der Sprache Nichts als ein Leben voll des größten Elendes, des drückendsten Mangels und der schmerzlichsten Entbehrungen und Täuschungen erwartet. Die Zahl dieser Unglücklichen ist so groß, daß trotz aller Unterstützung von Seite mitleidiger Personen an eine gründliche Hülfe nicht zu denken ist. Ich sah abgemattete und abgemagerte Auswanderer mit Weib und Kind in den Straßen des Havre liegen und die Vorübergehenden anbetteln. Wurde ihnen ein Sous zugeworfen, so beeilten sie sich, sich warme Kartoffeln, die man gekocht auf den Straßen haben kann, einzukaufen, um den Heißhunger zu stillen. Der Mensch ist gewiß spekulativ, da er selbst noch aus der schrecklichsten Noth seinen Gewinn zu ziehen weiß!

Möge diese kurze, aber wahre Schilderung eine Warnung für unbemittelte Personen seyn, welche leichtsinnig über die Noth und die Entbehrungen hinwegsehen, die ihrer nothwendig auf so weiter Reise warten!

Selbst dem vermögenden Auswanderer drohen Gefahren von Seite betrügerischer Wirthe und lügenhafter Beutelschneider. Es ist eine Schmach für den deutschen Namen, daß unter allen Blutsaugern in der Fremde die Deutschen bei weitem die ersten und gewandtesten sind, und jeder Reisende thut wohl, dem Deutschen, der ihm seine Dienste freundlich und zuvorkommend anbietet, von vorn herein unbedingt zu _miß_trauen. Durch alle mögliche Kniffe, Ränke und Vorwände wird den Auswanderern das Geld aus der Tasche gelockt. Ein Beispiel, das ich selbst erlebte, möge zur Vorsicht mahnen!

In einer Restauration, die ich öfter besuchte, bearbeitete ein deutscher Makler einen ziemlich viel Geld führenden jungen Mann, im Havre auf Spekulation Uhren einzukaufen, da er dieselben bei dem billigen Preise am dortigen Platze in New-York hoch verwerthen könnte. Dieser wollte Anfangs auf die Sache nicht eingehen, versprach aber, verlockt durch die Aussicht auf einen schönen Gewinn, mit seinem Wirthe, der ihm wegen seines gespickten Geldbeutels immer freundlich und herzlich entgegengekommen war und ihm daher Vertrauen eingeflößt hatte, Rücksprache zu nehmen. Dieser aber, ein Bundesgenosse sowohl des Maklers, als des Uhrhändlers, malte ihm den Gewinn noch bedeutender vor, und der arme Jüngling gieng in die ihm künstlich gelegte Falle. Er kaufte für circa 800 Franken Uhren, die er in New-York kaum für den vierten Theil wieder los werden konnte, da er in jeder Art und Weise auf's Vollkommenste betrogen war.

Reisende, die Rath und Hülfe gebrauchen, thun am besten, wenn sie sich an ihre betreffenden Consuln wenden, von denen namentlich der b.....sche, Herr M....l, wegen seiner Gefälligkeit und oft bewiesenen Humanität eine ehrenvolle und anerkennende Erwähnung verdient. --

Zweites Capitel.

Die Einschiffung. Der Capitain und der Schnurrbart.

Der Tag der Einschiffung nahte allmählig heran. Die Lebensmittel, für die man im Havre selbst sorgen muß, nebst Bett und dem nöthigen Kochgeschirr wurden an Bord gebracht. Wie freudig schlug mir das Herz, als ich das schöne neubemalte Schiff bestieg, auf dem das bunteste und lebendigste Treiben herrschte. Die poetischen und romantischen Empfindungen, die sich mir für den Augenblick aufgedrängt hatten, sollten aber sofort in Nichts zerrinnen, als ich über eine schlüpfrige Stiege in einem finstern Raum hinabstieg, in dem ich erst nach mehreren Minuten die Gegenstände um mich her erkennen konnte. Geschrei, Gekreische und Gezänke von Männern und Weibern und die schrillenden Töne kleiner Kinder empfiengen mich von allen Seiten und gaben mir bereits einen Vorgeschmack von dem, was ich in der nächsten Zeit zu bestehen haben sollte.

Nachdem ich mich mit Mühe und Noth bis zu meiner Schlafstelle, die im hintern Raume in der Nähe des Steuerruders war, hindurchgedrängt hatte, richtete ich mich so gut wie möglich in meiner neuen Wohnung ein. Gegen Mittag wurden die Anker gelichtet, und mit einem fröhlichen Hurrah begrüßten Viele die Abfahrt, welche gewiß nicht so fröhlichen Muthes gewesen wären, wenn sie eine Ahnung von dem gehabt hätten, was ihrer in Amerika wartete. Manch feuchtes Auge aber blickte nochmals nach der Küste und dachte des Vaterlandes und der daheim zurückgebliebenen Lieben, die es vielleicht nicht mehr schauen sollte.

Ein Dampfschiff bugsirte uns aus dem Hafen; außer dem Lotsen, der im Havre nie fehlen kann, hatten wir als Begleiter noch mehrere Gensdarmen an Bord, welche ohngefähr fünf englische Meilen von der Küste die Pässe sämmtlicher Passagiere untersuchten. Zugleich mußten die quittirten Ueberfahrtsverträge vorgezeigt werden. Während dieses Aktes war die ganze Reisegesellschaft auf dem Verdecke, damit von den Matrosen und den Dienern des Gesetzes das Zwischendeck durchsucht werden könnte, um eingeschlichene Individuen, welche entweder die Ueberfahrt nicht bezahlt haben oder den Händen der Gerechtigkeit verfallen sind, aufzufinden. In der That brachten sie auch einen armen deutschen Handwerksburschen in einem abgeschabten Sammetrocke zum Vorschein, der die Passagekosten zu berichtigen vergessen hatte und von einem weichherzigen Bauer unter sein Bett versteckt worden war. Trotz seines Bittens und Flehens mußte er mit den Gensdarmen die unfreiwillige Rückreise nach dem Havre machen, das er so bald wieder zu sehen sich wohl nicht hatte träumen lassen.

Als uns der Lotse und die Gensdarmen mit ihrer Beute verlassen hatten, gab der Capitain Befehl, das Schiff zu reinigen, was uns selbst sehr nothwendig schien, da durch das Einladen und Einpacken bis fast zum letzten Augenblicke der Abfahrt viel Unreinlichkeit und Schmutz auf das Verdeck und in die unteren Räume gebracht worden war. Nach Beendigung dieser Arbeit, der auch ich mich unterziehen mußte, da im Zwischendeck vollständige »Freiheit und _Gleichheit_« herrscht, machte ich mich auf den Weg, um meine Schiffsgesellschaft zu mustern. Mein nächster Nachbar war ein junger Rheinbaier, Namens W......., der bereits fünf Jahre in Amerika gelebt und das amerikanische Bürgerrecht erlangt hatte. Wir schlossen bald Freundschaft, was das Angenehme für mich hatte, daß ich durch ihn, da er von der ganzen Reisegesellschaft allein der englischen Sprache mächtig war, bald in nähere und sehr angenehme Beziehungen zu dem Capitaine kam, welcher sich durch Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit auszeichnete und sämmtliche Passagiere ohne Ausnahme mit viel Humanität und Güte behandelte. Dieses ist um so mehr von ihm zu rühmen, als man dergleichen nicht auf allen Schiffen findet.

Durch meinen neuen Freund W....... als Dollmetscher erfuhr ich von unserem Capitaine Higgins, daß seine Lila (so hieß das Schiff) in Baltimore gebaut und ein sehr gutes Fahrzeug sey und er mit demselben schon die Reise von Havre nach New-York in 20 Tagen gemacht habe, was für uns Beide nicht unangenehm zu hören war.

So zuvorkommend sich der Capitain im Ganzen gegen mich benahm, so fiel mir doch sehr auf, daß er gleich im Anfange unserer Bekanntschaft mit lautem Lachen ausrief: »~the mustaches!~« Unangenehm berührt fragte ich meinen Freund W......., was dieses Benehmen zu bedeuten habe? Noch lauter lachend setzte mir dieser nun auseinander, daß der gute Higgins sich über meinen »Schnurrbart« freue, der in New-York gewiß viel Aufsehen erregen werde. Obschon ich bereits aus dem Spiegel die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß der Schmuck meiner Oberlippe keine besondere Bewunderung verdiene, so verdroß mich doch der Scherz, der mir von einem Fremden unartig schien, was Beider Heiterkeit nur noch mehr steigerte. Endlich theilte mir W....... mit, daß kein Amerikaner einen Schnurrbart[1] trage, und dem Inhaber eines solchen die Kinder in New-York ebenso nachliefen, wie deutsche Dorfjungen einem Mohren. Diese Auseinandersetzung bewog mich, sofort in's Zwischendeck hinabzusteigen und mich meiner Zierde zu entledigen.

[1]: Der Schnurrbart ist seit jener Zeit auch in Amerika emancipirt worden, da sich viele Europäer, namentlich die Franzosen, mit stoischem Gleichmuth über den Spott der Amerikaner hinwegsetzten.

Drittes Capitel.

Die Einquartierung. Die Seekrankheit. Mittel gegen dieselbe.

Die Schiffsgesellschaft bestand nur aus Deutschen (hauptsächlich Baiern, Hessen, Würtembergern und Elsässern). Der sogenannte gebildete Stand war unter ihnen gar nicht vertreten, da außer einem katholischen Geistlichen aus Tyrol nur Bauern und einige junge Handwerker an Bord waren. Unter ihnen fand ich jedoch ganz wackere und brave Leute, mit denen man recht gut verkehren konnte. Diese wurden zufälligerweise größtentheils meine Bettnachbarn.

Die ersten Unannehmlichkeiten hatten wir mit einem Elsässer Bauern, der im Vereine mit seinem Knechte eine unübertreffliche Grobheit zu entwickeln verstand. Dieser Mann hatte nämlich die appetitliche Einrichtung getroffen, daß seine Frau die theuern Häupter ihrer lieben Kinderchen auf einem Koffer in der Nähe unserer Bettstellen auf's sorgfältigste untersuchte, da sie gewissen kleinen Thierchen, die man nicht gerne nennt, einen blutigen Tod geschworen hatte. Erst nach Beschwerdeführung beim Capitain wurde der Schauplatz dieser unterhaltenden Beschäftigung an einen anderen Ort verlegt; wir sollten aber unserem Geschicke trotz aller Vorsicht doch nicht entgehen, denn wir erhielten, da an strenge Erhaltung der Reinlichkeit bei dem Zusammendrängen so vieler Menschen auf einen so kleinen Raum nicht zu denken ist, späterhin dieselbe Einquartierung, die sich bereits bei unserer guten Elsässer Bauersfrau so mißliebig gemacht hatte. Das ist eines von den kleinen Leiden des menschlichen Lebens, dem ein Zwischendecks-Passagier nicht wohl entgehen kann.

Eine weitere Unannehmlichkeit, von der jedoch Manche, wie der Verfasser selbst, verschont blieben, ist die schon oft beschriebene Seekrankheit. Gegen diese gibt es leider kein Cardinalmittel! der Kranke muß sich eben geduldig in sein Schicksal fügen. Jedoch will ich hier nicht unterlassen, meinen Lesern, die allenfalls noch eine Seereise zu machen gedenken, meine Erfahrungen über die Art, wie man ihr wenigstens in Etwas begegnen kann, mitzutheilen. Der Zwischendecksreisende suche seinen Platz in der Mitte des Schiffes zu erhalten, da hier bei unruhiger See immer die wenigste Schwankung und geringste Erschütterung ist. Ferner halte man sich so wenig als möglich im Zwischendecke auf, weil in diesem trotz aller Fürsorge bei der Ausdünstung so vieler Menschen nie die Luft ganz rein seyn kann. Selbst wenn die See stürmisch geht, bleibe man auf dem Verdecke und sehe der wilden Bewegung der Wasser möglichst ruhig zu, damit der Schwindel ferne bleibt. Als sehr praktisch habe ich auch gefunden, den Bewegungen des Schiffes, namentlich wenn sie heftig sind und von der Seite kommen, mit dem Körper nachzugehen, damit der Magen nicht zu sehr erschüttert wird. Läuft das Schiff unter günstigem Wind, so kann ich das Hinabschauen von den Seiten des Schiffes in die See als ein Mittel empfehlen, welches ebenfalls den Schwindel entfernt hält. Viele haben als Präservativmittel einen äußerst mäßigen Genuß von Speisen und Getränken empfohlen; ich habe aber hiervon eher die entgegengesetzte Wirkung beobachtet. Der beste Rath ist wohl der, sich zur See aller der Speisen zu enthalten, zu denen man keinen Appetit hat oder vor denen man gar Ekel empfindet. Obschon ich gänzlich von der Seekrankheit befreit blieb, mußte ich mir doch den Genuß von Kaffee und Wein versagen, da ohnfehlbar Erbrechen erfolgt wäre. Gutes Bier ist den Seekranken am willkommensten, da es der Magen am wenigsten wieder ausstößt; leider ist der Transport beschwerlich, da man es nur in Flaschen mit sich führen kann.

Wer von der Seekrankheit verschont bleibt, hat wirklich alle Ursache, sich zu gratuliren, denn abgesehen davon, daß dieser Zustand mit vielen Leiden verbunden ist, entzieht er uns den Genuß aller Reize und Schönheiten, die die See darbietet. Am meisten überraschte mich ihr schneller Eintritt bei vielen meiner Mitreisenden. Kaum hatte uns das Dampfschiff, welches uns aus dem Hafen des Havre gebracht hatte, im Canale unserem Schicksale überlassen, als sich mit dem Schwanken des Schiffes die von Allen gefürchtete Seekrankheit einstellte. Freund W....... und ich hatten uns zu einem jungen Tischler gesellt, welcher mit einem schönen reinen Tenor Prochs Alpenhorn mit Guitarrebegleitung zum Besten gab. Der größte Theil der Passagiere lauschte den schönen Tönen; aber noch war das Lied nicht zur Hälfte beendigt, als von jeder Seite des Schiffes 10-12 Köpfe in die See hinabschauten, um die von ihnen ohnlängst genossene Nahrung den Fischen als willkommenes Futter zu spenden.

Einige wurden gleich am ersten Tage von der Seekrankheit mit solcher Heftigkeit befallen, daß sie während der ganzen Reise das Bett nicht verlassen konnten, und bei der Ankunft in New-York so matt waren, daß sie nicht aufrecht zu stehen vermochten. Selbst der geistliche Hirte blieb von der Krankheit, die den größten Theil seiner Heerde befallen hatte, nicht verschont, und es nahm sich gar possirlich aus, wenn er mit langem schwarzen Rock, schwarzen kurzen Hosen und Kanonenstiefeln angethan sein Haupt neigte, um der Urquelle ihre Spenden zurückzugeben.

Viertes Capitel.

Angst und Vaterfreuden. Eine Kindtaufe und ein Taufschein.

Vierzehn Tage lagen hinter uns, als uns ein Ereigniß überraschte, welches viele Heiterkeit erregte. Wir hatten nämlich auch einen Bauernburschen mit an Bord, der mit seiner Geliebten, einer runden Dorfschönen, sein Heil in Amerika versuchen wollte, da ihre Liebe Früchte zu tragen versprach, und ihnen die Erlangung des Heirathsconsenses zu Hause unmöglich war. Wider Erwarten des Mädchens stellten sich in Folge der Reise etwas früher die Wehen ein, welche ihren getreuen Liebhaber, der mit geistigen Gaben nicht besonders gesegnet war, und in dieser Hinsicht wohl auch noch keine besonderen Erfahrungen gesammelt haben mochte, in nicht geringe Angst und Verlegenheit versetzten. Freund W....... erbarmte sich seiner und nahm mit unserem menschenfreundlichen Capitain Rücksprache, welcher sofort dem Schiffszimmermann die Errichtung einer Bettstelle befahl, welche durch umhergehängte Segeltücher von dem übrigen Zwischendecke abgeschlossen wurde. Kurze Zeit darauf hörten wir einen jungen Republikaner und Bürger der Vereinigten Staaten[2] in dem künstlich geschaffenen Kabinette schreien, und unsere Reisegesellschaft hatte nun trotz aller Matrosen und Gensdarmen ein Mitglied unter sich, welches keine Ueberfahrtskosten zu entrichten hatte.

[2]: Kinder, welche auf amerikanischen Schiffen geboren werden, haben dieselben Rechte, wie diejenigen, welche in Amerika das Licht der Welt erblicken.