Zwei Erzählungen

Part 2

Chapter 22,485 wordsPublic domain

Da wies das Greislein mit einer plötzlichen Erleuchtung freudig nach den weit offenen Türen des Wirtssaals an der Seite und drin auf die sehr nahe zusammengeschobenen Tische, die langen dichten Stuhlreihen und das wirklich bereitstehende, einladend hohe Podium, vielleicht für die Musikanten des nächsten Tanzabends vorbereitet, vielleicht von einer gestrigen Versammlung des Gegenkandidaten stehengeblieben. »Ich brauche sie nur zusammenzurufen!« rief er glückstrahlend, »sie werden alle gleich da sein.«

»Rufen!« fuhr der Herr gereizt auf, »er wird sie rufen! Wie sich das Bild der Welt im Kopfe so eines einfachen Mannes malt! Nachmittags habe ich in Klarbach, dann in Alt-Gustiz, spät abends noch in Oberreizendorf, morgen in Kieseck zu reden! Und jetzt will er sie -- rufen! Oh, wenn man doch Redner und Hörer, Führer und Geführter, Gott und Welt zugleich sein könnte! Aber so allein, allein mit seiner Pflicht! Und alle Opfer, alle Hingabe, restlose Bereitschaft ungenommen, ungehört, ohne Sinn, wie ungetan verloren . . .«

Der Alte aber hörte nicht auf ihn, drückte sich demütig, geduckt, voll Vorsicht in der Tür an ihm vorbei und klopfte mit seinem Stock hastig die Straße hinab. Es schien, als versuche er, ob es mit kleineren Schritten vielleicht schneller vorwärts ginge, so sehr war alles an ihm Eifer und Bewegung. »Sie werden schon kommen!«

Der Herr sah ihm verzweifelt nach, griff sich mit den Fäusten in die Haare. Wenn nur einer von diesen Menschen hier ahnte, was auf dem Spiele stand: die Zukunft des Staates! Sie wußten ja gar nicht, was das war! Glück und Freiheit aller, vielleicht die erlösende große Einsicht, die Gerechtigkeit von oben, vom Sitz der Macht! -- Da schlich, kroch, schob sich der schlurfende Greis; nun war er schließlich doch um die Ecke verschwunden. Er kam ja niemals auch nur zum ersten Feld! Und während auf irgendeiner Station, auf der nächsten vielleicht, jetzt eben die Jahrzehnte herbeigesehnte Gelegenheit für Beglückung und Befreiung des Volkes einstieg und weiterfuhr, weiter und weiter vor ihm her, vielleicht nicht mehr zu erreichen, -- mußte er hier stehen und warten. --

»Ja, aber warum wartete er? Warum setzte er sich nicht auch ein und fuhr davon? Warum kam ihm dieser Gedanke gar nicht? War das die Schuld? Daß Worte in ihm drängten, Dinge, die er den Leuten zu sagen hatte, gerade diesen Leuten, die stumpf und taub waren gegen die Notwendigkeit, daß jeder einzelne mit seinem Willen den Staat belebe! -- Daß es wenige waren? Ach, wenn das Wort in ein richtiges Ohr fiel, konnte es oft wichtiger sein als ein Meetinggewimmel, und wann konnte man wissen, wo dieser eine war und wo er nicht war? --

Nur wer die menschliche Natur nicht kennt oder die Vorgänge in seinem Innern nicht nachfühlen will, kann sich wundern, daß der Mann bis ins Innerste vor Ungeduld wund und zitternd schon als er die ersten Landleute von fern kommen sah, verschwitzte Gesichter, Rechen und Sensen über der Schulter, ein paar Weiber und Kinder hinter ihnen, sogleich ins Haus eilte und in den Saal, zur Tribüne emporzusteigen.

Da hob sich hinter ihm draußen aus dem Auto, aus den Falten des zurückgeschlagenen Dachs vielleicht, aus einem Geheimfach, Geheimverschlag der Rückenlehne ein erregter blasser Damenkopf mit ganz unzerdrückter Frisur, -- aus solch kleinem Raum! -- eine elegante lichtblaue Seidenbluse, wie aus dem Boden emporwachsend ein ganz kurzer lichtgrauer Seidenrock und hohe lichtgraue Tuchschuhe; sie schwebte, reckte sich wie auf einem dritten Trittbrett hinter dem Auto stehend, beugte sich weit vor und blickte ihm nach: wie er dahinschritt! Er, der Berühmte, Gefeierte, der nie solchem verlorenen Nest die Ehre antat. Stundenweit strömten die Leute aus dem Umkreis herbei, wenn irgendwo seine Rede angekündigt war. Und hier hatte er sich selbst angeboten zu kommen und sie fanden es nicht selbstverständlich, am Sonntag! -- Und dennoch stieg er nicht ein und fuhr fort: nein, wartete, um zu ihnen zu reden. Also nicht der Premier mußte es sein, nicht große Entscheidungen braucht's, jedes Wirtshaus voll Bauernohren war ihm wichtiger als Weib und Kind! Noch sah er nicht ein, überfiel ihn nicht die Klarheit, daß sie aus Liebe, aus Güte, aus mehr Weitblick und tieferem Erkennen des Lebens seine Bemühungen um Glück und Freiheit aller haßte und verdammte. Nicht aus Eifersucht, obwohl sie ihn der Familie völlig entzogen, auch nicht, weil er sein großes Geschäft, die Zukunft seiner Kinder dem schläfrigen Direktor und dem gar nicht zuverlässigen Kompagnon überließ, nein, nur weil er selbst dabei zugrunde ging, seinen Kräften viel zu viel zumutete und sich aufrieb. Darüber, daß sie die Bemühungen Ambitionen nannte, dachte er, würde sie nicht hinausgehen. Als sie ihm beim Abschied nachrief: »Auf der Walstatt sehen wir uns wieder!« hatte er herzlich über den Scherz gelacht; so kannte er sie. -- Ein anderer, jeder andere hätte diese Agitationsreise, wenn sie so furchtbar gern mit wollte, auch noch ein drittesmal aufgeschoben, als ihr Kleid immer noch nicht fertig war. Nun gut, das konnte ihm unmännlich scheinen. Das war ungeschickt von ihr gewählt. Aber als man ihm, -- gleich auf die erste Station, -- nachtelegraphierte, daß es eben als er fort war, geliefert worden und sie in derselben Stunde verschwunden sei, niemand wisse wohin, -- hätte da nicht ein anderer sich darüber Gedanken gemacht, ob sie nicht an der geringen Zeit, die er nur zu warten gebraucht hätte, messen mußte, wie viel sie ihm war? Und man berichtete ihm, daß gleich nach ihrem Verschwinden das Kind, das liebe süße Würmchen schwer erkrankt sei und sich das Mädchen keinen Rat wisse. Aber er hörte diese Meldungen vielleicht gar nicht, weil man ihm gleichzeitig telegraphierte, daß der Ministerpräsident ihn gesucht habe, kaum er vom Hause fort war, um mit ihm etwas äußerst Wichtiges, Unaufschiebbares geheim, wohl unter vier Augen zu verhandeln. Der Ministerpräsident mit ihm! Ja, das zündete, das hatte sie gut gewählt. Das ließ ihn nicht los. Augenblicklich wollte er da natürlich die Reise unterbrechen, aber als seine Nachricht den Minister nicht mehr erreichte, weil der ihm sogleich nachgefahren war, -- so große Eile hatte es, -- da dachte er nicht mehr daran umzukehren. Immer dringender telegraphierte das Mädchen: daß der Zustand des Kindes sich verschlimmere, wo denn die Frau sei? Es sei so selten ein Arzt zur Stelle in dieser schrecklichen Zeit. Die Verantwortung sei ihr zu schwer. Sie war viel zu gewissenhaft. Herzlose vielleicht, die hätten das mit ansehen können, aber sie, sie telegraphierte ihm ihre Kündigung. -- Er suchte und jagte den Premier von Ort zu Ort des Wahlkreises, immer erregter, weil er sich mit ihm, der vielleicht vor ihm herjagte, nicht verständigen konnte. Sie durften nicht viel telephonisch oder telegraphisch hin- und herfragen; es hätte auffallen können. Die Beamten konnten, vom Parteifieber der Wahltage ergriffen, unzuverlässig sein. Und es durfte auch nicht das geringste Gerücht von einer solchen Zusammenkunft in die Öffentlichkeit dringen. Die höchsten Staatsinteressen waren in Gefahr. Vielleicht waren die Gegensätze im Volke durch die Erregung der Tage und die äußern Vorgänge zu unberechenbarer Maßlosigkeit aufgestachelt. Aber hier dieser armselige Wirtssaal vermochte ihn aufzuhalten. Hier wartete er, um zu ein paar Bauern zu reden. Keine Sorge störte, beirrte ihn. Er wußte nicht, daß er ein Heim, eine Familie hatte, sah nicht fern sein Kind einsam sterben, die Frau umherirren, ihr verlorenes Glück suchen. -- Mit dem Ernst und der Entschlossenheit eines Mannes, der seine oberste Pflicht kennt, schreitet er dahin, auf dem die ganze schwere Verantwortung des Vertrauens aller ruht und der sich würdig fühlt, weil die Sache ihm heilig ist, nicht Ruhm, nicht Einfluß, nicht einmal Liebe des Volkes ihn lockt, nichts, nichts an ihm ihm selbst gehört, alles allen, der Zukunft, der Nation. -- Und er steigt zwischen den leeren Tischen, den eingeschobenen Stuhlreihen zur Tribüne empor, merkt gar nicht, daß der Saal leer ist, -- sie hob sich auf die Fußspitzen, um in die Fenster zu sehen, -- steht schon oben und beginnt wirklich seine Rede. Wie bei solchem Manne, solchem Erfülltsein vom Feuer der Ideen nicht anders zu erwarten, bemerkte er nicht, daß die Bauern, die er gesehen hatte, und auch alle Nachfolgenden sich nicht hereinzukommen getrauten, als sie ihn drin schon reden hörten, sondern ehrfürchtig draußen vor der Tür stehen blieben und lauschten. Die stille, immer schwülere Mittagsluft wurde durchschnitten von seinen immer leidenschaftlicher herausgeschleuderten Anklagen, Forderungen, Beschwörungen, Beweisen. Die Luft zitterte, die Fenster klirrten, die Bretter der Bühne bebten von der Erregung seiner Füße.

Dem Chauffeur wurde es draußen unheimlich. Dazu, dachte er, das viele Benzin, das jetzt so unerschwinglich teuer ist und manchmal einfach überhaupt nicht zu haben? Und er sah auf die Menge, die sich immer mehr vor dem Hause staute. Langsam kamen sie, sehr langsam, einzeln, in Gruppen, aber unaufhörlich und immer zahlreicher -- da sah er zwischen ihnen die Landstraße herunter -- oder wuchs sie hinter dem Auto aus dem Boden hervor? -- die Frau seines Herrn wirklich und wahrhaftig auf sich zukommen, mitten unter den Landleuten mit ihrer städtischen Kleidung und ihrem städtischen Gang, leicht, vielleicht schwebend, mit einem kleinen, aber darum nur um so wunderbareren Abstand zwischen ihren Füßen und dem Boden und winkte ihm; ihm, dem Chauffeur, unleugbar und in einer Weise, in der man Untergebenen nicht winkt, außer in einer einzigen, bei einer wirklichen Dame unbegreiflichen Absicht.

Einundzwanzig Jahre diente der Mann der Organisation und man kann sich denken, daß er alle diese Zeit über nicht immerwährend gleich jung geblieben war. Aber sie winkte ihm wirklich, deutlich, lebhaft, mit ein wenig verzogenem Mund, jawohl! es gibt Prahlhänse, die sagen würden, mit einem verheißungsvollen Lächeln. Die Frau des Herrn, ein Teil vom ihm! dachte er vielleicht. Es war ungehörig, daß sie ihm winkte, aber wie unerträglich unziemlich wäre es gewesen, wenn er nun auch noch gar nicht gefolgt wäre. Konnte man sich's nur überhaupt vorstellen? War es nicht eine Ehre, daß sie ihm winkte? Welch eine unerhörte Überhebung, Frechheit wäre es gewesen, dies nicht so aufzufassen? In mancher Hinsicht geradezu eine Beleidigung des Herrn! --

So verkehrt empfindet naive Demut manchmal, so wehrlos!

Die Frau deutete auf ein Haus und schwebte mit ihrem schwellenden jungen Körper, den zarten weißen Gliedern, den runden duftenden voraus. Der Chauffeur war unglücklich, peinvoll zerrissen, gedrückt und beklommen, als er ihr folgte.

Die Worte, die der Herr drin im Wirtssaal zu sagen hatte, waren hinausgeglüht und er eilte durch die enge Gasse zwischen den Tischen davon. Ein Schauer ergriff die Menge draußen vor den Fenstern, als in diesem Augenblick über die leeren Tische ein gewaltiger Applaus hinrauschte und von den eingeschobenen Sesselreihen jubelnde Zurufe einer begeisterten Menge ertönten. Er achtete nie darauf, wie die Reihe Gesichter vor ihm zugehört hatte, das Verständnis, der Wille der anderen ihm antworteten. Es mußten doch alle bis ins Innerste von dem durchdrungen werden, was so wahr war? Wenn einzelne so böse oder so unglücklich waren, es nicht zu verstehen, durfte ihn das ja nicht berühren.

Als er nun heiß und strahlend unter die Leute vors Haus trat, wichen, prallten sie ehrerbietig zu beiden Seiten zurück und er nickte ihnen mit Handbewegung und durchleuchtetem Blick Abschied zu, sich mit leichtem elastischen Schwung, wie Fürstlichkeiten nach festlichen Empfängen, ins Auto schwingend und sah erst, als er schon drin war, den einen Fuß noch auf dem Trittbrett, daß der Chauffeur nicht da war. Er sah sich um: Nirgends! Nur die Verlegenheit der Leute, die betretene angstvoll neugierige Spannung, der inständige Wunsch aller Gesichter, er möchte doch nicht hin, gerade hinschauen, wies seinen Augen den Weg. Nur einen Augenblick huschten die zwei Gesichter an dem Fenster ohne Vorhang vorbei, aber seinetwegen hätte der Vorhang nicht zurückgezogen sein müssen. Er sah durch die Mauer, sah die Hände des Chauffeurs mit seiner Frau beschäftigt. Ja natürlich, sie war es! Welche Frau hätte er denn auch sonst sogleich ohne Toilette erkennen können? -- Aber wie war er vollkommen Politiker! Als jetzt sein Bewußtsein, Willen, Denken gefroren aussetzten, öffneten sich seine Lippen und sagten, -- er hörte es, -- mit überzeugender Nachlässigkeit: Der Kerl sei nicht zurückzuerwarten! Er habe ihn nur mit einem Telegramm zur Bahn geschickt und wohl wegen des dummen Benzins habe der kleinliche Mensch nicht das Auto benützt. Ob vielleicht jemand von ihnen oder im Dorf ein Auto lenken könne? Nein? -- Er habe unmöglich Zeit zu warten! Die Versammlung in Klarbach. -- Er müsse es zu Fuß versuchen. Man solle ihn also sogleich nachschicken, wenn er komme.

Er sprang von seinem Sitz und eilte. Er hatte sich geirrt! Im nächsten Dorf wartete seine Frau auf ihn, konnte er denken, je weiter er war, nur schnell! damit sie nicht zu lange warte! Mitten in der ersten Zuhörerreihe der nächsten Versammlung würde sie sitzen, hinter der Tür des nächsten Wirtssaals mit einem »Baff« hervorspringen, sobald er öffnete; oder hatte sonst eine Überraschung für ihn vor. Sie war doch solch ein Kind, solch ein süßes großes lustiges Kind!

Aber zu diesen Menschen gehörte er nicht. Er dachte: Mein Kind ist tot, die Frau ist tot. -- Aber ich habe keine Zeit!

Er lief; er flog. Der Ministerpräsident wartete auf ihn! Er hatte nie gewußt, daß man so schnell laufen konnte. >Vielleicht handelte es sich um die Altersversorgung der abgeschufteten Überbleibsel armer mißbrauchter Menschmaschinen oder um die Behütung der Kinder vor Hunger, schlechter Luft und Haß und zerstörender Arbeit. -- Ich habe unrecht getan und es geschieht mir unrecht. Oder geschieht mir vielleicht recht! Aber ich habe keine Zeit! -- Auf jeden entfällt das entsprechende Maß Glück und Unglück, wenn er sich nur natürlich benimmt. Aber sie warten alle, die auf mich vertrauen! Wie sind sie doch mehr als ich, ich einzelner! Der Ministerpräsident wartet auf mich! --<

Er lief, raste, aber gleichmäßig, hetzte nicht! Oh, er hatte sich in der Gewalt, wenn es nottat. Er mußte ja lange ausdauern. Er wollte das Ziel, verschmähte die kluge Mäßigung nicht, wußte, daß sie mehr war als die Tollheit. -- >Vielleicht handelte es sich um eine neue Verteilung des Bodens, um reine, lichte, hohe Wohnungen für jeden, für alle, um die Abschaffung der Gefängnisse, der Kriegsrüstungen. Für jeden sein Häuschen, sein Gütchen, sein kleines irdisches Glück, auf dem das ewige Große seiner Seele und seines Geistes gesund und gerade wachsen konnte. Vielleicht --<

Alles an ihm wurde Fuß. Er hatte nur diese Muskeln. Er sah nicht, hörte nicht, roch nicht. Sein Atem ging gehorsam im Schritt.

Der Chauffeur war aus Pflichteifer so rasch hinter ihm hergefahren, aus Reue, Treue. Die versäumte Zeit einzubringen, ihn rasch einzuholen, und merkte nichts von dem Hindernis, das er überrannte. Die Straße war schlecht. Und als man ihn später zu dem blutigen zerquetschten Leichnam führte, ihn zu agnoszieren, wollte er lange nicht glauben, daß er es gewesen sei, der seinen Herrn überfahren hatte.

***

Der blaue Sommernachmittag lag über dem Dorf. In den Feldern klangen wieder die Sicheln und Sensen und rauschten in den Halmen zu den Reden der Weiber. Von einigen ganz nahen hörte man es bis vor das Wirtshaus, wo ein Teil der Bauern zurückgeblieben war, die einen in Scheu, die andern in erregtem Lärm das Erlebte besprachen.

In den Dorfstraßen schliefen die Hunde, die Sonne brannte in die leeren Höfe und das Kind hinter dem Fenster war von seiner Mutter gesäugt und wieder in seinem Stübchen eingeschlossen, schlief in seinem Korbe und lachte im Schlaf und hatte den Finger im Mund.