Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen
Part 16
Wenn mir, wie als Tasildar in Phagwara oder auch in den Bungalows, die ich in den verschiedenen Orten bewohnte, sei es der Gaekwar von Baroda, der Maharadscha von Kapurthala oder einer der anderen Fürsten, an deren Höfen ich zu tun hatte, Wohnung und Haushalt zur Verfügung stellten, um meinen Obliegenheiten nachzugehen, wie Jagdtiere einzukaufen, Pferde auszuwählen, Gebäude zu besichtigen, Bestellungen aufzugeben oder Erkundigungen einzuziehen, so kam ich naturgemäß in enge Beziehung zu allen Klassen von eingeborenen Indern. Minister und Priester, Bauern und Händler, Jäger und Handwerker der verschiedensten Art und in den verschiedensten Provinzen und Landesteilen des großen Indien kamen, mich aufzusuchen, um in ihren eigenen indischen Angelegenheiten mit mir zu verhandeln. Oft auch wurde ich von den Höherstehenden, die auf Besuche fremder Gäste eingerichtet waren, das heißt, deren Häuser die hierfür notwendigen, besonderen Gemächer hatten, zu Gaste geladen. Noch öfter aber hatte ich Gelegenheit, Gäste aus den eingeborenen Kreisen bei mir zu sehen, die ich, als Vertreter der hohen indischen Fürsten, in deren Diensten ich stand, auf das beste bewirten mußte. Meistens luden sich die Herren selbst zu Gaste bei mir.
Wohl waren die Erfahrungen, die ich am Beginn meiner Laufbahn im Palast „Luxmi Vilas“ in Baroda bei den Einladungen des Gaekwar gesammelt hatte, nicht dazu angetan, eine Tischgesellschaft von Indern für sehr anziehend zu halten. Und hinsichtlich der allgemein üblichen indischen Art, sich bei Tisch zu betragen, ist dies auch stets und überall das Gleiche geblieben.
Jedoch die Schwierigkeiten der kastengemäßen Bewirtung waren bei Einladungen in meinem eigenen Hause nicht so groß, wie am Hofe von Baroda, wo keiner der Eingeladenen sich vor den anderen etwas vergeben wollte. Solange die Vorschriften der Kasten formell beachtet wurden, war es in dieser Hinsicht ziemlich gleichgültig, was ich meinen Gästen vorsetzte. Nur achtete ich stets darauf, niemals von der wirklichen Natur der Speisen zu sprechen, die ich den Gästen vorsetzen ließ, sondern die Gerichte stets als ihren eigenen Kastengeboten entsprechend zu bezeichnen.
So saßen an meinem Tisch, oftmals sogar zusammen: Maharatten, Ratschputen, Buddhisten, Brahminen, Gutscheraten, Mohamedaner, Parsi, Afghanen, Perser, Sikh und eine ganze Anzahl Angehöriger anderer Kasten, Völker und Glaubensbekenntnisse.
Der eine durfte kein Fleisch, der zweite keinen Fisch und andere wieder keins von beiden essen. Jenem war es untersagt, ein Ei anzurühren. Dieser nährte sich nur von bestimmten Gemüsen, oder es war ihm nur der Genuß des Fleisches ganz bestimmter Tiere gestattet, alle anderen waren ihm verboten. Manche durften wieder nur Speisen genießen, die auf genau vorgeschriebene Weise zubereitet waren, und oft spielte noch dazu die Art des Tötens des betreffenden Tieres eine große Rolle. Kurz, wenn ich je auf den Gedanken gekommen wäre, meine Gäste genau ihren Kastenvorschriften entsprechend zu bewirten, so hätte ich mir ebensoviele Köche halten können, wie ich Gäste bei mir sah.
In Wirklichkeit lief es allen Kastenvorschriften zuwider, überhaupt an meinem Tische zu essen, ein Verstoß, der dadurch noch unverzeihlicher wurde, weil ich bei diesen streng verpönten Mahlzeiten zugegen blieb.
Aber keiner der Herren war so kastentreu oder so wählerisch, wenn er sich bei mir zum Essen einlud. Zuweilen nur wurde mein Koch aufs Gewissen gefragt: es käme doch kein Rindfleisch auf den Tisch? Er schwor mit allen Eiden, daß seine eigene Kaste es ihm verbiete, eine derartige Todsünde, wie das Braten etwa eines Filets, überhaupt mit anzusehen, geschweige denn, selbst dabei Hand anzulegen.
Dabei war er ein Kastenloser, der den katholischen Glauben angenommen hatte. Auch dies war meinen Gästen genau bekannt. Doch voreinander gaben sie sich den Anschein, als ob sie der Versicherung des Koches Glauben schenkten, selbst wenn der betreffende Fragesteller eben im Begriff stand, sich ein saftiges Stück Rinderbraten auf den Teller zu legen. Die Hauptsache war, daß sie sich gegenseitig vorspiegeln konnten, sie handelten in gutem Glauben, und was das Essen selbst anbelangte, daß ich ihnen recht viel vorsetzte.
Daran fehlte es ja nun nie. Der Meister im Vertilgen von Speisen war ein Parsi-Arzt in Baroda, ein gewisser Doktor Bahrutscha, der niemals verfehlte, sich einzufinden, wenn ich Gesellschaft bei mir hatte, eine Tatsache, die ihm seine Leute, die es wieder von den meinen wußten, stets mitteilten.
Dieser Heilkünstler der Parsisekte, die, aus Persien stammend, wenigstens an keine Unmenge verschiedener Götter glaubt, sondern das Feuer als reinigende Emanation des Göttlichen betrachtet und in ihren religiösen Anschauungen transzendental genug gerichtet ist, um auch nach europäischen Begriffen philosophische Gespräche führen zu können, pflegte die Gesellschaft mit seinen Anekdoten zu unterhalten. Wie alle Parsi war er regeren Geistes, als die meisten Inder, was sicherlich damit zusammenhing, daß seine Begriffe nicht von Jugend auf in die Zwangsjacke der jedem vernünftigen Denken unzugänglichen Kastenvorschriften gepreßt worden waren.
Doch während des Essens gab er sich nicht mit Anekdotenerzählen ab und stieß, angeredet, nur ein unwilliges: „~Tairo~“ (Abwarten!) durch die Nase hervor. Als er zum ersten Male bei mir zu Tisch war, sah er mit schreckhaftem Bedauern, daß nicht ganz geleerte Platten wieder in die Küche getragen wurden. Beim nächsten Male ersuchte er meinen „Kansama“, den Aufseher der Tischdiener, doch darauf zu achten, daß man ihn als letzten bediene. Dies hatte jedoch nicht das geringste mit Bescheidenheit zu tun. Sondern, wenn er gesehen hatte, daß keiner der Anwesenden zu kurz gekommen war, häufte er sich alles, was er noch auf der Platte vorfand, ganz gleich, ob Braten oder Geflügel oder Fisch oder eins der tausend Reisgerichte, in deren Zubereitung sich die indische Küche auszeichnet, auf den Teller und machte sich an die Arbeit. Koteletten stopfte er sich ganz in den Mund, wie überhaupt alle diese Herren es bei weitem vorzogen, mit den Fingern zu essen. Solange er zu meinen Gästen gehörte, gab es keine Reste.
Alle anderen beneideten ihn um seine unermüdbare Eßfähigkeit. Wie üblich, wurde von den Indern nie etwas zu den Mahlzeiten getrunken. Bier verschmähten sie überhaupt. Um den Durst zu löschen, genüge Wasser. Der Zweck des Trinkens liege in seinen berauschenden Folgen, ist die indische Auffassung. Dazu ist Bier aber ein viel zu langweiliges und mühevolles Mittel. Portwein, Sherry, Liköre, durch Zusatz von Kognak verstärkt, entsprechen dieser ersten Anforderung besser. Doch das vornehmste ist Sekt. Er erregt die schlaffen indischen Nerven noch am schnellsten und kräftigsten und gibt ihnen vorübergehend die vom Inder am meisten geschätzte jugendliche Spannkraft und organische Betätigungslust, die ihm, wohl auch infolge seiner früh einsetzenden Ausschweifungen, schon in jungen Jahren abhanden zu kommen pflegen.
Tanzmädchen
Nach dem Essen ist es üblich, daß Tänzerinnen den bis zum Halse vollgestopften Gästen ihre Künste zeigen. Diese Tänze werden für den Europäer an Langweiligkeit nur durch die endlose Monotonie der Begleitmusik übertroffen. Die Tänzerinnen, in wallende Schale, anliegende glitzernde Mieder und weite, über den Knöcheln der bloßen Füße zusammengebundene Beinkleider gehüllt, bewegen sich in einem Rhythmus von unendlicher Einförmigkeit stundenlang auf einer Stelle, heben und senken die Arme, biegen den Oberkörper bald nach rechts, bald nach links, machen einige kleine Schritte vor- oder rückwärts, drehen sich mit unglaublicher Langsamkeit um sich selbst und machen mehr den Eindruck verschlafener Marionetten als den lebender Wesen. Ihre Vorführungen sind nur auf den Ausdruck ganz bestimmter Körperhaltungen berechnet, ohne daß sie darauf ausgingen, in Linie und Haltung seelische Erregungen zu versinnbildlichen. Dazu ertönt ein ohrenbetäubender Lärm ohne jeden, für europäische Ohren erkennbaren Rhythmus, und hin und wieder ein fürchterliches Geschrei der begleitenden Musikanten. Das Ganze muß mehr unter dem Gesichtspunkt lebender Bilder beurteilt werden, was jedoch dadurch erschwert wird, daß der Europäer sich erst durch mühevolles Nachdenken in die den verschiedenen Haltungen zugrundeliegenden Vorstellungen rein indischer, durchgängig dem Sinnlichen entnommener Phantasien, versetzen muß.
Doch der Inder kann den Tänzerinnen stundenlang zusehen und wird von den Tanzvorführungen und der uns vollständig unverständlichen Musik in das höchste Entzücken versetzt. Wahrscheinlich beruht dies auf der viel geringeren Reizbarkeit seiner Nerven, die bedeutend langsamer als europäische reagieren und die, um überhaupt in Schwingungen zu geraten, eine ständige, langdauernde Wiederholung desselben Eindruckes erfordern, also gerade das, was die Nerven eines Europäers am ehesten ermüdet.
Die Tänzerinnen in Indien, die diese Vorstellungen geben, heißen „Nautsch-Mädchen“ und erinnern in der Wertung ihrer gesellschaftlichen Stellung sehr an das Ansehen, das den Hetären Griechenlands zuteil wurde. Während die indische Durchschnittsfrau das unangesehenste, vernachlässigtste, um nicht zu sagen verachtetste Geschöpf innerhalb der indischen Gesellschaft ist -- abgesehen natürlich von den Frauen der Fürsten, jedoch auch sie nur innerhalb gewisser Grenzen --, ohne jedes Wissen, ohne irgendwelche Begriffe, so sind die Nautschtänzerinnen nicht nur von den, überall den Frauen in Indien aufgelegten Sklavenfesseln frei, sondern sogar die anerkannten Herrscherinnen der indischen Gesellschaft.
Meistens stammen sie aus Tandschor und Travancor in Süd-Indien, denn den Mädchen Zentral-Indiens, wie denen der Nordwest-Provinzen und Kaschmirs oder gar Bengalens fehlt es an Schönheit und Körperhaltung für die Aufgaben des Tanzes. Frühzeitig schon werden sie für ihren Beruf ausgebildet; sie lernen lesen und singen und haben große Bewegungsfreiheit, trotzdem sie in vielen Fällen der Travancor-Brahminen-Kaste angehören.
Ein jeder Fürstenhof verfügt über ein besonderes Nautsch-Korps, das etwa dreißig, auch vierzig oder fünfzig Tänzerinnen umfaßt und ungefähr dem Ballet eines europäischen Hoftheaters entspricht. Die Mädchen müssen von möglichst hellbrauner Hautfarbe sein und werden von den mit ihrer Erwerbung oder Einkauf betrauten Beamten sorgfältig ausgesucht. Ein zu dunkler Hautton würde ihn unweigerlich seine Stellung kosten. Die indische Art, sich zu kleiden, oder besser den Körper mit unförmlichen Gewändern zu Bündeln zu verunstalten, Ohren, Nase, Fußknöchel, Arme und Hände mit goldenen und silbernen, dicken Schmucksachen zu überladen, bringt ihre oft erstaunliche Schönheit nicht vorteilhaft zur Geltung. Gewöhnlich tragen sie außer dem faltigen Obergewand ein an der Wade festanliegendes Beinkleid, das, im Oberschenkel weit geschnitten, in vielen Falten herabfällt.
Sie genießen ganz besonderes Ansehen und gelten im Tempel und im Hause für unentbehrlich. Allen Festlichkeiten der Eingeborenen wird erst durch ihre Gegenwart der rechte Glanz verliehen. Ein Nautschmädchen schmückt die Braut am Hochzeitstage. Ihr Erscheinen genügt, ein im Kastensinne verunreinigtes Haus wieder rein zu machen. Alle Kasten verehren sie, und ganz allgemein haben sie stets das Recht, selbst in Anwesenheit der höchststehenden Persönlichkeiten sich zu setzen.
In vielen indischen Gegenden werden sie wie Prinzessinnen geachtet. Ihre Gehälter sind für indische Begriffe fürstlich, erhalten sie doch bis tausend Rupien im Monat, mehr, als den meisten indischen Ministerpräsidenten an offiziellem Gehalt zusteht. Daher haben sie auch niemals Veranlassung, ihre Gunst zu verkaufen, sondern sind ganz im Gegenteil frei, ihren Neigungen zu leben.
Indische Diebe
Ebenso verachtet, wie die Nautschmädchen geachtet werden, ist der schon als vorzüglicher Hindu-Schikari (Jäger) erwähnte Angehörige der Baurikaste. Sein Gott ist der Gott der Diebe, zu dessen größerer Ehre alle Beute- und Raubzüge unternommen werden. Sein Bild steht unter dem großen, schattigen Maringenbaum des Dorfes, das nur von Mitgliedern ihrer Kaste bewohnt wird, auf dem freien Platze vor dem Hause des „Patel“, des Dorfältesten.
Aber auch die Bauri haben ihre Verehrer. Das sind die Polizisten. Aus verschiedenen Gründen. Kein Bauri darf sein Dorf vom Untergang bis zum Aufgang der Sonne verlassen, er sei denn bei einer Jagd beschäftigt. Für die Einhaltung dieser Vorschrift soll der Patel mit seinem Kopfe stehen. In den Vasallenstaaten nun wird es mit dieser Vorschrift nicht so genau genommen, da die Polizei dort wenig Neigung zeigt, sich mit Dingen zu befassen, die außer unangenehmen Handgreiflichkeiten nichts einbringen. Dafür aber steht der Polizist gern in einem nahen Verhältnis zu dem Bauri. Fängt er ihn als Dieb, ist er keines besonderen Lohnes sicher. Fängt er ihn nicht, so hat er nur Arbeit und Mühe mit ihm. Daher folgt er meistens liebevoll seiner Laufbahn im verborgenen und versucht, mit dem Bauri auf gutem Fuße zu stehen, der nicht abgeneigt ist, im Verhältnis zur allgemeinen Schlauheit des Polizisten, ihn an den -- meist recht bescheidenen -- Gewinnen seiner Unternehmungen teilhaben zu lassen.
Jedoch einen wird der Bauri nie bestehlen: seinen Jagdherrn. Lieber stellt er sich ihm mit seinen scharfen Sinnen als eine Art Detektiv zur Verfügung. So unterstand mir in Baroda ein ganz besonders gefürchteter Bauridieb, namens Kalru. Wenn er der gewandteste Dieb und geschickteste Gauner der nahen und ferneren Umgebung war, so war er auch unstreitig der beste Jägersmann. Ich machte ihn daher zum „Dschamadar“ oder Aufseher über seine Schikarigenossen, die in meinen Diensten als Oberjagdmeister des Fürsten standen.
Hatte ich ihn so für mich und all die vielen Häuser, Gärten, Höfe, Ställe und Landgüter, die mir unterstanden, als Dieb unschädlich gemacht, so mußte er doch, obgleich er sich als Dschamadar für seine Verhältnisse glänzend stand, seinem Gott zu Ehren und um seines eigenen Ansehens bei seinen Kastengenossen, sowie um seines eigenen Vorteils willen, noch immer auf Diebesfahrten ausgehen. Dabei stieß er aber stets einige Meilen in das benachbarte britische Gebiet vor und schonte die Umgebung von Baroda. Besonders erfolgreich sollte er in der nächsten britischen Garnison gewesen sein. Jedenfalls war er dem dortigen Polizei-Inspektor ein Dorn im Auge, dem er von dem Polizeivorsteher in Ahmedabad als ganz gefährlicher Kunde aufgegeben worden war.
Nun ist es eine der üblichen Ausreden der englischen Polizei auf britischem Gebiete in Indien, stets zu betonen, der Grund, weshalb so viele Verbrechen begangen und so wenige Verbrecher gehenkt würden, liege darin, daß alle Diebesnester in den Vasallenstaaten gelegen seien, wohin ihr eigener Arm nicht reiche.
Der fragliche Polizei-Inspektor war ein ebenso leidenschaftlicher Jäger wie ich und mir befreundet. Eines Tages war er bei mir zu Besuch und nahm an einer großen, von mir zur Weihnachtszeit veranstalteten Jagd teil, zu der die Freigebigkeit des Gaekwar mir Gelegenheit gab.
Als die Gesellschaft abends im Meßzelte zusammensitzt, kommt die Rede auch auf meinen Dschamadar Kalru, und es fällt dem Polizei-Inspektor ein, daß dies doch der Mann sei, den man ihm von Ahmedabad aus als so gefährlich aufgegeben habe. Er bittet mich daher, den schlimmen Gauner doch einmal kommen zu lassen, um ihn sich anzusehen und ihm ins Gewissen zu reden. Kalru, der natürlich im Jagdlager war, erschien unterwürfig und unschuldig-bescheiden am Zelteingang.
Der Polizei-Inspektor hält ihm alle seine Schandtaten vor und droht, bei dem Gaekwar seine Auslieferung zu beantragen, wenn er nicht von seinen bösen Pfaden lassen wolle. Kalru beteuert seine vollkommene Unschuld und verspricht alles, was der Polizei-Inspektor will. Ich beruhige den Mann der öffentlichen Sicherheit mit Hinweisen auf Kalrus vorzügliche Eigenschaften als Jäger. Alle Anwesenden beginnen, Geschichten von der erstaunlichen Schlauheit und Gewandtheit der Bauri im allgemeinen zu erzählen und wie sie jeden, wer es auch sei, zu überlisten vermöchten.
Der Polizei-Inspektor, der nichts auf seine und seiner Leute Überlegenheit jedem Diebe gegenüber kommen lassen will, bestreitet das Lob und behauptet, daß, solange seine Sachen unter der Obhut seiner selbst und seiner braven Polizisten seien, ihm niemand etwas stehlen könne.
Diese Gelegenheit benutze ich zu einem Versuch, meinen Dschamadar zu schützen, und trage daher dem Polizei-Inspektor eine Wette an, daß Kalru ihm noch in dieser Nacht irgend etwas aus seinem Zelte entwenden werde, wenn ich ihm den Auftrag dazu gäbe. Natürlich müsse er straffrei bleiben, und alle seine Missetaten in der Vergangenheit sollten im Buche der hohen Polizei gelöscht und ausgestrichen werden. Es handelte sich dabei nur um Diebstähle ohne große Bedeutung, die mehr mit Schlauheit und Geschicklichkeit ausgeführt worden waren, als daß dabei irgendwelche besonderen Werte Kalru bereichert hätten.
Gegen den Freispruch meines Dschamadars auf dieser etwas eigentümlichen Grundlage setze ich eine Kiste Champagner. Die Wette wird unter Gelächter eingetragen und abgeschlossen. Da wir am nächsten Morgen wieder früh zur Jagd aufbrechen wollen, geht ein jeder bald darauf in seinem Zelte zu Bett. Ich aber lasse mir Kalru kommen, rede ihm meinerseits ins Gewissen und stelle ihm vor, welchen Vorteil er in dieser Nacht erringen könne, wenn es ihm gelänge, den Polizei-Inspektor zu bestehlen: Vergessen aller seiner Straftaten und Ehre und Ansehen bis nach Ahmedabad!
Kalru natürlich schwört bei dem Seelenheil seines Vaters und seiner Mutter, daß er niemals das geringste gestohlen habe und weist, wegen vollkommener Unerfahrenheit in solchen Sachen, meine Zumutung entsetzt von sich. Übrigens, wie könne er es wagen, einen so hohen Beamten, wie den Polizei-Sahib, auch nur anzusehen, geschweige denn einem so gewaltigen und mächtigen Manne etwas, und sei es das geringfügigste, zu entwenden.
Ich schätzte nun aber Kalru als Dschamadar sehr, und es lag mir viel daran, die Wette zu gewinnen, um ihn so wenigstens von den begangenen Sünden rein zu waschen. So drohte ich ihm denn mit der Auslieferung an die britischen Behörden und versprach ihm zum Schluß vor Zeugen, daß ich alle Folgen selbst auf mich nähme, wenn er in derselben Nacht noch irgend etwas aus dem Zelte des Polizei-Inspektors zu stehlen vermöge. Endlich stellte ich ihm noch eine ganze Flasche Eingeborenen-Schnaps in Aussicht, und er versprach mir, sein Bestes zu tun, um mir meine Wette zu gewinnen.
In der Frühe des nächsten Morgens kommt er, mit tausend Bitten um Vergebung und sich vor Unterwürfigkeit auf der Erde wälzend, an mein Bett. Dabei hält er mir ein weißes Bündel hin, von dem er sagt, daß er nur auf meinen ganz ausdrücklichen Befehl hin gewagt habe, es aus dem Zelte des Polizei-Inspektors zu entwenden. Es war das Betttuch des Inspektors, das Laken, auf dem er am vergangenen Abend fest und sicher eingeschlafen war!
Niemand begriff, wie es möglich gewesen sei, einen so außerordentlich frechen Diebstahl auszuführen. Endlich gestand Kalru, daß er auf meinen Befehl in das Zelt des Polizei-Sahib geschlichen sei -- dies war für einen geschmeidigen Jäger kein so großes Kunststück, sobald er unter der Zeltwand ein Loch zum Durchschlüpfen gegraben hatte --, als der Polizei-Dschokitar, der Wächter des Zeltes, tief geschlafen habe. Im Zelt habe er sich neben das Bett des Inspektors auf den Boden gesetzt und sich überlegt, was er nun wohl am besten mitnehmen könne? Ein indisches Zeltbett ist schmal wie eine Schiffskoje. Statt der Matratze liegt man auf einem „Ressai“, einem dünnen, kühlen Kissen, das von einem Gurtnetz getragen wird, und über das das Laken gebreitet ist.
Kalru setzte sich nun neben den im Nachtanzug schlafenden Polizei-Inspektor und begann, behutsam das Laken der Länge nach bis an den Rücken des Schläfers zu einer dünnen, festen Rolle zusammenzurollen. Diese etwa einen Zentimeter dicke Rolle mußte vom Schläfer bei einer Bewegung lästig empfunden werden, und Kalru rechnete damit, daß er sich aus diesem Grunde im Schlafe auf die andere Seite drehen würde.
Er wartete geduldig, bis diese von ihm vorausgesehene Bewegung gemacht war, worauf er das Laken nur auf der anderen Seite bis zum Rande zusammenzurollen brauchte, um mit seiner Beute das Zelt verlassen zu können.
Schlußbemerkungen
Wenn es richtig ist, daß für die Beeinflussung der Handlungsweise eines Menschen die Kenntnis seiner Laster wichtiger ist, als die seiner Tugenden, so haben die Engländer ihre Politik in Indien durchaus folgerichtig auf diese Grundeigenschaften der von ihnen beherrschten Millionen eingestellt.
Unter Ausnützung der Selbstsucht der Fürsten, des Geizes der höheren Klassen und der Lügenhaftigkeit des niederen Volkes kommen sie dem einzelnen indischen Herrscher durch Gewährung von -- an sich belanglosen -- Sondervorrechten entgegen, sehen von einer rationellen Besteuerung der Besitzenden ab, um alle Lasten der Verwaltungskosten, die nicht gering sind, vornehmlich der in Armut und Unwissenheit versunkenen großen Masse der Landbevölkerung aufzubürden, der sie mit allen Mitteln das Märchen von der britischen Allmacht stets vor Augen halten.
Die Verwendung indischer Truppen im Weltkriege jedoch hat auch Angehörigen des indischen Volkes die Augen darüber geöffnet, daß das große britische Kaiserreich sich allen anderen Völkern der Erde zugesellen mußte, um ein einziges anderes europäisches Volk zu besiegen, und die vielen Niederlagen der englischen Truppen bis zum Ende des Kampfes haben den Nimbus der englischen Überlegenheit stark erschüttert.
Diese Tatsachen sind von den zurückgekehrten einheimischen Truppen in Indien verbreitet worden. Infolgedessen macht sich ein gewaltiges Anwachsen der indischen Selbständigkeitsbestrebungen bemerkbar. Ihnen suchen die Engländer durch verschiedene Mittel zu begegnen. Die Fürsten sollen in einer Art indischem Oberhaus vereinigt werden, das nominell als Vertretung indischer Belange gleichberechtigt neben dem Vizekönig zu stehen hätte. Um sie gefügig zu halten, wird mit der Verleihung von Auszeichnungen und Orden nicht gespart, und die Zahl der zugestandenen Ehrensalutschüsse wird immer mehr erhöht, um jeder Eitelkeit entgegenzukommen.
Um den bemittelteren Klassen höhere Erträgnisse ihrer meist im Baumwollhandel, und zum Vertrieb in Indien selbst hergestellter fertiger Stoffe -- was bisher fast ein Monopol der Spinnereien in England war -- angelegten Kapitalien zu ermöglichen, ist sogar das Unerhörte geschehen, daß die Erhebung eines indischen Eingangszolles auch auf englische Baumwollstoffe trotz aller Proteste der englischen Textil-Industrie zugestanden worden ist.
Die große Masse des Volkes aber wird in Schrecken und Furcht gehalten, indem man bei etwaigen Volksaufläufen ohne weiteres durch Flugzeuge Bomben auf die Menge werfen läßt, was ein bedeutend rationelleres Mittel als die Verwendung von Truppen zu ihrer Zerstreuung ist.