Zwanzig Jahre an Indischen Fürstenhöfen
Part 14
„Husur![12] Das ist es nicht“, versicherte der Sirdar, dem Fürsten als Zeichen seiner Unterwürfigkeit den Turban in den Schoß legend. Er sei voller Freude über das so schöne Geschenk und besonders darüber, daß der Maharadscha seine Verdienste um das Wohl des Staates in so großmütiger Weise anzuerkennen geruhe. Er sei nur soeben in seinen Gedanken mit der Frage beschäftigt gewesen, einen Weg zu finden, wie er diese herrliche und kostbare Uhr nun auch wohl tragen könne. Soviel ihm bekannt wäre, würden diese Gegenstände an einer Kette getragen, und ..., nun, er, der Sirdar, habe zwar keine, und er wisse auch nicht, wie er sich eine solche beschaffen solle, arm und bescheiden wie er sei. Dies wäre der Grund seiner unhöflichen Befangenheit und seines Nachdenkens gewesen.
Der Finanzminister war viel zu wichtig, als daß Dschagatdschit Singh einen Mißton hätte aufkommen lassen können. Daher folgte der Uhr schnell und geräuschlos die goldene Kette.
All dies, so dachte der Maharadscha, sollte nun aufhören und für immer vorbei sein. Der Kapurthala-Hausorden würde viel billiger kommen, besonders da ja drei verleihbare Klassen zur Verfügung standen, die Verleihung also in gesteigerter Form wiederholt werden konnte.
Um aber seinen indischen Untertanen, die, wie gesagt, der Neuerung etwas skeptisch, um nicht zu sagen ablehnend gegenüberstanden, die Wertschätzung des Ordens selbst bei den höchststehenden Europäern recht deutlich vor Augen zu führen, benutzte der Fürst die erste Gelegenheit, die sich ihm bot, die Verleihung des Ordens an einen vornehmen Franzosen mit großem Zeremoniell vorzunehmen.
Eines Tages trifft in Kapurthala der dem Maharadscha gut bekannte französische Prinz de Broglie mit der Prinzessin und Gefolge ein. Vor diesen hochgeehrten Gästen wird nun ein gewaltiger „Durbar“ (ein öffentlicher Empfang) in dem großen Durbarsaale des Regierungsgebäudes abgehalten. Alle Beamten, Offiziere, Soldaten und was sonst noch irgendwelchen Anspruch auf Beachtung erheben konnte, wurden aufgeboten, und die französischen Gäste sollten bei dieser Gelegenheit mit dem Hausorden von Kapurthala geschmückt werden, was ganz ohne Zweifel seine Rückwirkung auf die Wertschätzung des Ordens selbst durch die Untertanen des Maharadscha nicht verfehlen konnte.
Nach Abspielen der Kapurthala-National-Hymne durch die Kapelle des Kapurthala-Regimentes bat der erste Minister den Prinzen Broglie und seine Freunde, dem Maharadscha, der inmitten der Großen seines Reiches in Pomp und Würde thronte, näherzutreten, und der Fürst hing einem jeden der Gäste die ihm zustehende Klasse des Hausordens am blau-weißen Bande um den Hals.
Mit tiefen Verbeugungen und unter Bezeugung ihrer vollendeten Ehrerbietung nahmen die Franzosen die Auszeichnung an und reisten kurz darauf stolz und befriedigt wieder ab und in ihr Land zurück.
Nun war aber Prinz de Broglie auch Inhaber der Ehrenlegion. Bei irgendeinem Feste, das der Präsident der französischen Republik im Elysée gab, prangte der Kapurthala-Hausorden neben dem Großkreuz der Ehrenlegion auf seiner Brust und verfehlte nicht, es durch die Pracht seiner Brillanten bei weitem zu überstrahlen. Die kostbare Auszeichnung machte Aufsehen, und zum Schluß schien es selbst dem Ordensmeister -- neugierig, wie alle Ordensmeister sind -- notwendig, sich nach dem Lande zu erkundigen, das diesen, in keinem offiziellen Ordensverzeichnis der Welt aufgeführten, gewaltigen Stern an dem unerhört breiten, wuchtigen blau-weißen Bande verlieh.
Stolz auf seine Reisen in exotischen Ländern, gab der Prinz gern die gewünschte Aufklärung, daß der Orden ihm, in Bewunderung der Leistungen eines Mitgliedes der hohen Aristokratie der „~grande Nation~“, in ganz besonderer, nur für ihn angeordneter, großer Audienz von dem mächtigen Herrscher des großen indischen Reiches Kapurthala überreicht worden sei.
Der Ordensmeister, das Ordenskabinett, der Minister des Äußeren selbst und das Pariser Auswärtige Amt hielten eine Bereicherung ihrer Kenntnisse in dieser Angelegenheit für wünschenswert. Von dem Drang nach Aufklärung beseelt, wagten sie es, trotz der unendlichen politischen Tragweite der Frage, den englischen Botschafter zu bemühen. Da diesem aber die Tatsache der Existenz des Kapurthala-Hausordens ebenso neu war, gab er die Anfrage nach London weiter, wo sie dem Staatssekretär für indische Angelegenheiten vorgelegt wurde, der sich seinerseits an den Vizekönig von Indien mit dem Ersuchen um Aufklärung wandte. Der Vizekönig von Indien, Lord Curzon, sowieso kein Freund des Maharadscha, beauftragte den Gouverneur des Pundschab, Klarheit in die Sache zu bringen.
Nachdem nun die Wellenschläge dieser hochwichtigen diplomatischen Aktion sich bis an den Felsen Kapurthala fortgepflanzt hatten, begannen sie sich zu überstürzen und den armen Dschagatdschit Singh mit dem Tosen ihrer Brandung zu betäuben. Es wurde ihm auf das dringlichste nahegelegt, Einfälle, wie den vorliegenden strahlenden Ordensstern, die so komplizierte und für die überlasteten Behörden so arbeitsreiche Folgen nach sich ziehen könnten, in Zukunft unter allen Umständen zu unterlassen, besonders wenn sie, wie der in Frage stehende, nur zu geeignet wären, das Ansehen seiner Bruderfürsten und das des „Sirkar“ in so gefährlicher Weise zu untergraben.
Nun hatte Dschagatdschit Singh es vorgezogen, keiner Menschenseele, auch mir nicht, etwas von diesen peinlichen Folgen seines Sparsamkeits-Einfalles mitzuteilen, bis eines Tages der Prinz Louis von Bourbon-Braganza mit seinem Freunde, dem Prinzen de la Tour d’Auvergne, in Kapurthala eintraf. Auch sie hatten von dem sagenhaften Glanz des Kapurthala-Hausordens gehört, doch da sie die Reise nach Indien über Land gemacht hatten, waren ihnen die von ihm ausgelösten diplomatischen Verwicklungen nicht bekannt geworden.
Während der Jagd fragte mich nun der Prinz von Bourbon, ob ich dem Maharadscha nicht nahelegen könnte, auch ihn in gleicher Weise wie den Prinzen Broglie auszuzeichnen.
„Nichts leichter als das“, antwortete ich ihm leichten Herzens. „Sie können bestimmt darauf rechnen, ebenso wie Ihr Freund, Kapurthala im Glanze seines Sternes zu verlassen.“
Als ich aber Dschagatdschit Singh das Anliegen der beiden Franzosen vortrug und erwartete, daß er mit Freude die Gelegenheit ergreifen werde, die hohe Wertschätzung seiner Ordensschöpfung von neuem in das helle Licht eines feierlichen Durbar zu setzen, erfuhr ich, daß der Stern von Kapurthala erloschen sei und wie diese Katastrophe sich zugetragen habe.
An mir war es nun, den hohen Herren aus Frankreich die Ablehnung ihres Wunsches mit viel Takt und noch mehr Lügen beizubringen. Zum Trost erhielt jeder von ihnen einen sehr wertvollen Kaschmirschal, doch der Maharadscha hatte noch lange Zeit ein schmerzliches Lächeln, wenn der Hausorden von Kapurthala am blau-weißen Bande in vier Klassen erwähnt wurde.
„~Ab ke bas hai~“
Die Mißstimmung Dschagatdschit Singhs, den ihm von so glanzvoller Seite, wie dem Prinzen von Bourbon, nahegelegten Wunsch haben abschlagen zu müssen, hatte aber einen tieferen, mehr indischen Grund als den Schmerz über den untergegangenen Stern.
Es ist in Indien uralte Sitte, daß der Gastgeber alles das, was ein hoher und geehrter Gast bei ihm bewundert, ohne weiteres ihm als Geschenk überreicht, gerade so wie der Maharadscha von Patiala dies mir gegenüber mit meinem Rennpferde „Foxy“ getan hatte. Für den Fürsten von Patiala war dies Geschenk damals eine Kleinigkeit gewesen, und er hatte ohne irgendeinen bedauernden Gedanken das übliche: „~Dumara ke bas hai!~“ -- Es sei dein -- gesprochen[13].
Anders aber verhält es sich, wenn der Gast irgendeinen besonders wertvollen Gegenstand oder irgend etwas, an dem der Gastgeber mit besonderer Liebe hängt, mit seiner Bewunderung beehrt und dies ausspricht. Auch dann muß der alten Sitte Genüge getan und mit freundlicher Würde selbst die teuerste und liebste Sache dem Bewunderer ausgehändigt werden.
Hierin liegt auch einer der Gründe, weshalb die indischen Fürsten sich gegenseitig nicht so oft besuchen. Binnen kurzem hätte einer den anderen ruiniert. Da nun aber diese Besuche nicht zu umgehen sind, erfordert es im Hinblick auf diese Sitte der indische Anstand, niemals irgend etwas, das dem Gastgeber gehört, zu loben oder, sei es auch noch so schön, zu bewundern. Bei einem Besuche, den ich einst dem Nawab von Bahawalpur abstattete, erzählte er mir, hieran anschließend, ein Erlebnis vornehmlich zum Beweis, wie minderwertig doch die englische Erziehung sei und wie sie auch geborene Inder dazu verleite, die vornehmen Sitten ihrer Väter zu vergessen.
Bahawalpur liegt an der Grenze Belutschistans in Nordwest-Indien und stößt im Osten an den Pundschab. Einer der im südöstlichen Teile der Provinz regierenden fünf Sikhfürsten, der Radscha von Farikot, hatte seinen Sohn Tika Bolan Singh auf der vornehmen englischen Schule in Aligarh erziehen lassen. Nach Beendigung der Studien sandte er ihn nun zu den Nachbarfürsten auf Besuch, damit alle sein Wissen, seine Bildung und sein gutes Benehmen bewundern sollten.
Auf dieser Rundreise kam der junge Thronfolger von Farikot auch nach Bahawalpur, und der Nawab, ein mohamedanischer Fürst, hielt ihm zu Ehren ein großes Durbar ab, wobei er, um den Eindruck zu erhöhen, sich in aller Pracht seiner Staatsgewänder und im Schmucke seiner schönsten Juwelen zeigte. Der neben ihm sitzende Tika Bolan Singh machte dabei in Gegenwart aller Gäste eine bewundernde Bemerkung über den prachtvollen Rubinring, den Nawab am Finger trug.
Obgleich dieser Ring dem Fürsten ganz besonders teuer war, war ihm doch die Wahrung der alten indischen Sitten noch teurer. Ohne eine Miene zu verziehen, nahm er den Ring vom Finger und überreichte ihn dem jungen Hinduprinzen: „~Ab ke bas hai!~“ -- Er sei dein --, der ihn gelassen annahm und sich ansteckte.
Die Taktlosigkeit des jungen Mannes erzürnte den Nawab fast noch mehr, als der Verlust des Ringes selbst. Doch er, als alter mohamedanischer Fürst, wäre eher gestorben, als sich vor einem ungläubigen Hindu eine Blöße zu geben. Jedoch er beschloß, dem so englisch erzogenen jungen Prinzen eine Lehre zu geben und ihm den Wert der überlieferten indischen Sitten recht eindringlich vor Augen zu führen.
Als der Radscha von Farikot nicht lange darauf starb und Tika Bolan Singh seinem Vater auf den Thron des Sikh-Fürstentums folgte, erhielt auch der Nawab von Bahawalpur eine Einladung zu den Festlichkeiten des Regierungsantrittes. Damit bot sich ihm die ersehnte Gelegenheit, seinen Vorsatz auszuführen, und er nahm die Einladung an.
Zunächst erschien er in Farikot mit einem riesigen Troß. Eine Kamelleibwache und ein Bataillon Sipahi-Soldaten begleiteten ihn. Der junge Maharadscha Bolan Singh überschlug die Ausgaben, die der Unterhalt dieser Gäste ihm verursachen würde, und fühlte sich etwas bedrückt. Doch seinem hohen Gast mußte er mit Freundlichkeit und Gastlichkeit begegnen. Er verzog also ebenfalls keine Miene und verpflegte den Nawab und dessen zahlloses Gefolge auf das beste.
Unter den Festvorstellungen, die zu Ehren der eingeladenen Gäste angesetzt waren, war auch eine große Treibjagd auf Antilopen vorgesehen. Dabei konnte es nicht ausbleiben, daß zusammen mit den Antilopen ganze Herden von „Nilgaus“, die eine Zwischenstufe zwischen Hirsch und Kuh vorstellen, in den Kreis der Jäger getrieben wurden. Da nun die Nilgaus der Kuh verwandt ist, wird sie von den Hindu ebenso heilig wie das Rind gehalten. Sie tritt daher in den Nordwest-Provinzen Indiens äußerst zahlreich auf. Der Nawab von Bahawalpur aber war ein mohamedanischer Fürst, dem weder Kuh noch Nilgaus heilig scheinen. Anstatt Antilopen zu schießen, schoß er nun nur Nilgaus!
Der Radscha Bolan Singh, der neben ihm auf einem Elefanten ritt, machte ihm Vorstellungen. Doch der Nawab sagte trocken, daß es in seinem Lande Sitte sei, diese unnützen, den Ackerbau verwüstenden Tiere zu vertilgen. Auch liebe sein Gefolge das sehr wohlschmeckende Fleisch. Er fuhr also ruhig fort, die Strecke um eine immer wachsende Zahl der heiligen Nilgaus zu bereichern, die seine Leute mit großem Geschrei sammelten, um sich zum Entsetzen der Hindubewohner von Farikot den Magen mit ihrem heiligen Fleisch zu füllen.
Doch diese kleine Lehre genügte dem Nawab von Bahawalpur noch nicht. Der Rubin, den er dem jungen Radscha hatte geben müssen, war ihm zu teuer gewesen, und der Verstoß gegen die indischen Sitten, der ihm den Ring gekostet hatte, war durch eine Verletzung der Hindugefühle in Farikot noch nicht wettgemacht.
Daher fing der Nawab an, von seiner Seite zu loben. Er begann mit dem Elefanten, den er ritt. Er war der beste des Radscha. „~Ab ke bas hai!~“ -- er ist dein -- konnte dieser nur sagen. Bei dem Besuche des Marstalls wußte der Nawab sehr wohl die besten Pferde zu entdecken -- und zu bewundern: „~Ab ke bas hai!~“ mußte der Maharadscha von Farikot antworten. Doch er hütete sich wohl, dem Gast die Schatzkammer zu zeigen und ließ sich vor dem Nawab nicht im Schmucke irgendwelcher Juwelen sehen.
Er hatte das sonderbare Verhalten seines Gastes wohl verstanden und hoffte nur, er würde kein Stück der so leicht erworbenen Tiere mitnehmen.
Doch der Nawab vergaß weder den Elefanten noch eins der Pferde, die seine Bewunderung erregt hatten. Alle wurden von den Leuten aus Bahawalpur sorgsam mit nach Hause geführt, bis ihr Herr seinen Besuch am Hofe zu Farikot genügend eindrucksvoll gestaltet zu haben glaubte, um dem jungen Radscha vor Augen zu führen, daß auch die beste englische Erziehung doch nicht genüge, sich mit Anstand unter Indern zu bewegen.
Fürstliche Kaufgewohnheiten
Immerhin ist diese Art der Erwerbung von Gegenständen nicht die unter indischen Fürsten allgemein übliche. Im Gegenteil, sie lieben es, zu kaufen, und wenn sie kaufen, kaufen sie großzügig. So erschien einmal der schon verschiedentlich erwähnte Maharadscha von Patiala in dem großen Glasgeschäft von Osler & Co. in Kalkutta. Es ist Brauch, daß bei so hohem Besuch die Verkaufsräume von allen anderen Besuchern geräumt werden und während der Zeit der Anwesenheit des indischen Fürsten für gewöhnliche Menschen gesperrt bleiben.
Der Maharadscha ging durch die großen Räumlichkeiten und fand viel Gefallen an den meisten Dingen. Besonders schön erschienen ihm die großen Kristall-Kronleuchter, die überhaupt in Indien hoch in Ansehen stehen. Nicht nur haben sie als Beleuchtungskörper einen gewissen Wert, so fraglich dieser auch vom Zweckmäßigkeitsstandpunkt aus eingeschätzt werden mag, sondern sie wirken vor allen Dingen höchst eindrucksvoll. Daher können auch gar nicht genug dieser klingelnden Strahlenbrecher an der Zimmerdecke aufgehängt werden.
Nachdem der Maharadscha mit Interesse alles, was es zu sehen gab, besichtigt hatte, beschloß er einzukaufen. Er wendete sich also an den ihn führenden Inhaber des Hauses und fragte, wieviel er wohl für die Hälfte +aller+ vorhandenen Gegenstände fordere.
Schnell wurden die Bücher eingesehen, Preise ausgezogen, Summen zusammengezählt und endlich der Preis für eine Hälfte der vorhandenen Waren genannt. Der Maharadscha, der annahm, daß in dieser einen Hälfte wahrscheinlich alle die Dinge eingeschlossen wären, die weniger Wert hätten, glaubte äußerst geschickt und klug zu handeln, indem er antwortete:
„Nun gut! Ich biete Ihnen die gleiche Summe, aber für die +andere+ Hälfte ihrer Warenbestände, unter der Bedingung, daß die Sachen sofort an meine Residenz in Patiala gesandt werden.“
Da es sich um etwa zwei Lakh Rupien oder rund dreimalhunderttausend Mark (Gold) handelte, nahm die Firma diesen Vorschlag sofort an.
Kurz nach dem einige Jahre später erfolgten Tode des Maharadscha habe ich in Patiala die Kisten dieser Sendung noch stehen sehen. Sie waren nicht einmal geöffnet, und die ganze Bestellung kam in die Konkursmasse des starkverschuldeten Herrschers.
Warum hatte der Maharadscha nun all diese, zum überwiegenden Teil für ihn ganz unbrauchbaren Dinge gekauft? Einfach aus der naiven Annahme, daß allein auf diesem Weg er es für alle anderen Sterblichen verhindern könne, in den Besitz der Gegenstände zu kommen. Denn selbstverständlich muß ein Maharadscha in allen Dingen turmhoch über den anderen Menschen stehen.
In ähnlicher Weise verfuhr der damals ungeheuer reiche Nisam von Haiderabad. Als ich im Jahr 1893 zum Training einiger meiner Rennpferde in Kalkutta war, begegnete mir in der Nähe der Bahn Seine Hoheit der Nisam, begleitet von seinem Adjutanten Assur ul Mulk und gefolgt von der ihm zustehenden großen Eskorte.
Bei dem Vorbeireiten hatte er mich besonders scharf angesehen, und ich bemerkte, wie er kurz darauf haltmachte. Ich wandte mich um und sah seinen Adjutanten auf mich zugesprengt kommen. Schon durchzuckte mich der Gedanke, daß das Pferd, das ich ritt, aus irgendeinem Grunde dem Nisam gefallen habe, und ich überlegte schnell, welche fabelhafte Summe ich für das natürlich in jeder Hinsicht vollendete und wertvolle Tier verlangen sollte, als der Adjutant sein Pferd neben mir parierte und mich außerordentlich höflich bat, ihn bis zum Nisam zu begleiten.
Ich verdoppelte in Gedanken sofort den Kaufpreis, den ich dem Herrscher von Haiderabad für mein kostbares Tier abverlangen würde und folgte Assur ul Mulk, den ich kannte. Der Nisam ritt einen prachtvollen Araberhengst und begrüßte mich äußerst freundlich, erkundigte sich nach den Fortschritten meiner Pferde und fragte plötzlich:
„Und bei welchem Schneider lassen Sie arbeiten?“
Zuerst sah ich den Fürsten ziemlich erstaunt an, bis er fortfuhr:
„Ich meine den, der Reitbeinkleider anfertigt, wie Sie sie tragen!“
Damit wurde mir der Zusammenhang klar. Mit dem Pferdekauf war es nichts! Ich trug damals Reitbeinkleider eigener Erfindung, eine Kreuzung zwischen englischen „~breeches~“ und den Reithosen der Radschputsen, von ihnen „Pydschama“ genannt, die über dem Knie englisch weit, unter ihm indisch-radschputsisch eng an der Wade anliegend bis zum Fuße reichen und das Tragen von Reitstiefeln oder Gamaschen, eine Qual in der feuchten Hitze Kalkuttas, überflüssig machen.
Ich nannte dem Nisam die Firma und erwähnte, daß es nur einen einzigen Schneider in der Welt gäbe, der diese Beinkleider zu bauen verstünde. Nun wird in Indien ganz sinnloser Wert auf Bekleidung, wie überall im Orient, gelegt, und auch unter den indischen Beamten und Offizieren ist man ganz besonders wählerisch in der Mode, so daß gewisse Schneiderfirmen gradezu Künstlerruhm genießen.
Huldvollst entließ mich der Nisam, und etwas enttäuscht und im Innern über die Unverschämtheit, mich wegen einer solchen Lappalie aufgehalten zu haben, entrüstet, ritt ich weiter, als ich wiederum Pferdehufe hinter mir näherkommen hörte. Assur ul Mulk erschien von neuem an meiner Seite, um mich zu bitten, doch meinen Schneider zu benachrichtigen, daß der Nisam am folgenden Morgen um zehn Uhr bei ihm vorsprechen würde, um Reitbeinkleider zu bestellen.
Auch würde der Nisam mir bei dieser Gelegenheit nochmals die hohe Ehre seiner erhabenen Gegenwart gestatten, um der Firma die nötigen Anweisungen zu geben.
Das war allerdings besser als Pferdehandel. Ich ritt sofort zu dem Künstler, der der Herstellung meiner Reit-Unaussprechlichen seine Geschicklichkeit und Erfahrung zuzuwenden geruhte, und teilte ihm mit, welchen Erfolg meine Kreuzung zwischen „~breeches~“ und „~pydschama~“ heraufbeschworen habe. Der Direktor der Schneiderfirma traute kaum seinen Ohren.
Als er endlich begriffen hatte, daß ich ihm keine Märchen erzählte, versprach er mir, mich bis zu meinem Sarge mit allen Kleidungsstücken zu versehen, die ich nur wünschen möge, wenn der Nisam tatsächlich das Licht seiner Gegenwart und seines Goldes in den Räumen seines Geschäftes leuchten lassen sollte. Denn wenn einer dieser indischen Halbgötter kauft, so ist ein gutes Geschäft sicher. Auch strömt dann, und je höher der Halbgott in der indischen Eitelkeitsskala steht, desto stärker auch der ganze Schwarm aller anderen Maharadschas, Radschas und sonstigen Betitelten, sowie aller derer, die ihnen nachzueifern als das höchste Ziel ihrer Existenz halten, in den so begünstigten Laden und kauft, kauft, kauft.
Ich ermahnte den Geschäftsinhaber noch, während der Anwesenheit des Nisam keinen Sterblichen außer mir und seinen Angestellten das Betreten des Geschäftes zu gestatten.
Punkt zehn Uhr am folgenden Morgen fuhr Seine Hoheit der Nisam von Haiderabad vor und betrat den Geschäftsraum. Als er mich zu bemerken geruhte, sagte er nur:
„Ich wünsche Reitbeinkleider, von dem gleichen Schnitt, wie dieser Herr sie trägt.“
Nun wurden ihm Stoffe zur Auswahl vorgelegt. Doch er wehrte kurz und herrisch ab.
„Machen Sie mir Reitbeinkleider von +allen+ vorhandenen Stoffen, die sich dazu eignen.“
Niemand durfte sich rühmen können, einen Stoff zu tragen, den er, der Nisam, nicht auch besäße. Alle Stoffe überhaupt aufzukaufen, wie er ganz sicher am liebsten getan hätte, war nun leider doch nicht möglich!
Also wurden ihm nicht weniger als zweihundertfünfundachtzig Paar Reitbeinkleider geliefert! Natürlich war es undenkbar, den Nisam zu ersuchen, sich Maß nehmen zu lassen. Ein Kammerdiener mußte bestochen werden, der Firma ein entsprechendes Kleidungsstück des Herrschers zu verschaffen.
Der Nisam von Haiderabad
Überhaupt war dieser Nisam von Haiderabad wohl einer der sonderbarsten unter den vielen sonderbaren Fürsten Indiens, wie er ja der angesehenste und im Range am höchsten stehende ist.
Im Jahre 1894 kam der schon in Verbindung mit Rudyard Kiplings Roman „Kim“ und Marion Crawfords Heldenschauermär „Mister Isaacs“ erwähnte Armenier Jakob, der in Indien unter dem Namen „Jacob of Simla“ bekannt war, nach Haiderabad.
Durch Vermittlung des vertrauten Kammerdieners „Abid“, der ebenfalls ein Armenier war, hatte sich Jakob in die Gunst des Nisam von Haiderabad einzuschmeicheln verstanden. Der Fürst, der heute schon lange tot ist, war stets etwas tiefsinnig und in manchen Zügen dem König Ludwig von Bayern vergleichbar. Sein Stolz auf seine Stellung war grenzenlos. Er dünkte sich in jeder Weise über alle anderen Menschen erhaben. Um von ihm in Audienz empfangen zu werden, mußte selbst sein erster Minister die Fürsprache des Kammerdieners Abids einholen, so groß war Abids Einfluß auf seinen Herrn. Er wich aber auch nicht von seiner Seite, und wie er mir selbst erzählt hat, konnte es keine schwierigere Aufgabe geben, als den Nisam bei Laune zu erhalten. Zuweilen mußte er eine halbe Stunde unbeweglich vor seinem Herrn stehen, ehe er ihm das Gewünschte, einen Becher Wasser oder dergleichen geben konnte.
Der Armenier Jakob behauptete nun, mit magischen Kräften begabt zu sein. Beschlagen in Astrologie und ähnlichen Dingen, die er in seiner Jugend, als Sklave in Konstantinopel, erlernt haben wollte, fand er in dem Nisam einen gutwilligen Zuhörer.
Ein englisches Syndikat hatte damals einen sehr wertvollen Diamanten, für den es so leicht keinen Käufer finden konnte, erworben, und es gelang Jakob, den Auftrag zu erhalten, diesen kostbaren Stein, den „Imperial Diamant“, dem Nisam anzubieten.
Wenn ich mich recht entsinne, belief sich der Preis auf fünfzig Lakh, das sind ungefähr acht Millionen Mark (Gold). Der Nisam willigte ohne Feilschen ein, den Edelstein zu diesem Preise zu erwerben.
Im Vertrauen auf den ihm versprochenen großen Gewinn trieb nun Jakob großen Aufwand. Man hätte glauben können, er sei der größte Nabob des indischen Kaiserreichs. Dies mußte auffallen, zumal er die von ihm gegebenen festlichen Gelage im Hotel „Esplanade“ in Bombay, wo ich ihn öfter traf, nicht im Verborgenen abhielt. Der Besitzer dieses Hotels hieß Sirdar Abdul Hugh und war im Hauptberuf -- Minister des Innern im Staate von Haiderabad.