Zur neuen Lehre: Betrachtungen
Part 3
Es giebt mattherzige Naturen, für welche der Gedanke des Fortschrittes, wenn sie sich schon nicht skeptisch zu demselben verhalten, doch nichts Anregendes, nichts Erwärmendes hat; es giebt wieder andere, welche lebhaft an demselben festhalten, jedoch mit gewissen Verbesserungen der menschlichen Gesellschaft, insbesondere mit einer Versittlichung derselben sich zufrieden geben würden; endlich aber können wir uns auch so beschaffene Geister vorstellen, welche der Menschheit und ihrer Entwickelung nur dann Werth beimessen würden, wenn es irgend welche Anzeichen gäbe, daß dieselbe zum Siege, zur höchsten Erkenntniß, d. h. zum Uebergange in eine höhere Ordnung -- von dessen Bewerkstelligung wir uns freilich keine Vorstellung bilden können -- berufen sei. Und ist der Gedanke eines Zieles, eines Abschlusses und, wenn auch nur eines vorläufigen, nicht ein Bedürfniß des menschlichen Geistes? Ist es nicht ein Bedürfniß desselben ein _über alles Gegebene hinausreichendes Ziel_ über sich zu sehen? So lange wir den Menschen als ein Wesen betrachten, welches niemals höhere Kräfte, als die von ihm bisher bekundeten, offenbaren wird, _so giebt es in der That kein Ziel für ihn_; ein solches stellt erst dann sich ein, wenn wir die Möglichkeit einer Erhebung der Menschheit zu einer höheren Organisationsstufe ins Auge fassen, wenn auch dieses Ziel an und für sich noch kein letztes und höchstes wäre. Für den Menschen aber müßte es ein Gegenstand der höchsten Hoffnung, des höchsten Vertrauens sein.
Bietet die Wissenschaft irgend eine Stütze dafür, daß der Mensch dieser Hoffnung sich ergebe?
In der That scheint in der Darwin'schen Evolutionslehre eine Stütze dafür geboten zu sein. Diese Lehre ist keine Gewißheit, wohl aber eine Hypothese von höchster Wahrscheinlichkeit, die in den verschiedensten Wissenschaften unentbehrlich geworden ist. Nur Wenige, die in sie eingedrungen sind und nicht von ihr bekehrt worden wären, so groß ist die Kraft der Ueberzeugung, die von ihr ausgeht. Das Höhere hat sich nach ihr aus dem Niederen entwickelt. Der Mensch ist auf dem Wege langsamen Fortschrittes aus der niederen thierischen Stufe hervorgegangen. Zugleich aber ist mit ihm ein Wendepunkt im organischen Leben der Erde eingetreten, denn sein Auftreten bezeichnete die Möglichkeit einer unermeßlichen Bewußtseinssteigerung und geistigen Fortschrittsfähigkeit bei Beibehaltung derselben physischen Lebensform, weshalb auch mit Recht angenommen werden darf, daß ein etwaiger Fortschritt über den Menschen hinaus nur durch geistige Vervollkommnung, durch die Weckung und die Entwickelung bis jetzt unbekannter oder doch kaum angedeuteter psychischer Organe erfolgen, daß eine _geistige Organisationssteigerung unabhängig von einer physischen_ eintreten könne. _Darwin_ und die Mehrzahl seiner Anhänger machen beim Menschen, in seiner jetzigen höchsten Entwickelung, Halt, als ob mit ihm der Höhepunkt des organischen Fortschrittes der Erde erreicht wäre. Doch deutet die ungeheure Fortschrittsfähigkeit des Menschen, sein gewaltiges Ringen und Streben nicht darauf hin, daß er über sich selbst hinaus will? Entspricht dem Fortschrittsgesetze die Annahme nicht mehr, daß die Menschheit berufen sei, in einen höheren Typus einzumünden, bei welchem ihr ideales Wollen in ein erhabenes Können sich verwandeln würde, und daß die aufsteigende organische Entwickelung erst in Wesen gipfle, bei welchen Denken und Sein sich decken und die Vernunft Herrscherin geworden ist?
In Deutschland hat der Gedanke einer biologischen Organisationssteigerung über den Menschen hinaus seinen beredtesten Vertreter in _Carl du Prel_. In seinem Hauptwerke »Philosophie der Mystik«[11] weist der geistvolle Forscher auf die Unvollkommenheit hin, mit welcher die Entwickelungslehre den Menschen betrachtet, indem sie in Bezug auf ihn nur eine ihrer Folgerungen gezogen hat. Wenn aber bei jedem höhern Gliede der organischen Entwickelung zwei Seiten in Betracht kommen, nämlich erstens eine Seite, welche auf die biologische Vergangenheit zurückweist, sodann aber auch eine andere, welche gleichsam prophetisch auf die kommende Entwickelung hindeutet, so müsse auch der Mensch unter diesem doppelten Gesichtspunkte betrachtet werden. »Wenn wir die Entwickelungslehre nicht als den Mohr betrachten wollen«, sagt der Verfasser, »der seine Schuldigkeit gethan, nachdem er uns bis zum Menschen geführt, wenn wir logisch sein wollen, so müssen wir auch den Menschen unter diesen Gesichtspunkt stellen. Der Darwinismus hat einen retrospektiven Blick auf die Entwickelungsgeschichte des irdischen Lebens geworfen, giebt sich aber keine Mühe, in der Menschennatur diejenigen Ansätze zu entdecken, welche prophetisch sind und bei dem _derzeitigen_ Endgliede der Entwickelung so gut vorhanden sein müssen, wie bei jedem früheren. Wie einem jeden Naturprodukte sowohl die Rudimente der Vergangenheit, als auch die Ansätze künftiger Entwickelung ankleben, so muß auch der Mensch sein Janus-Gesicht haben.« Die Ansätze einer höheren psychischen Entwickelung des Menschen -- denn nur auf psychischem Gebiete wird, wie schon früher bemerkt, die höhere Entwickelung erfolgen -- würden aber doch selbst ein Entwickelungsprodukt sein und zwar offenbar ein zeitlich späteres, als die übrigen Geisteskräfte des Menschen. Folgt daraus nicht, daß jene Ansätze und Keime einer höheren Organisationsstufe keineswegs zur Zeit schon im Menschen sich bemerkbar zu machen brauchen, sondern möglicherweise erst in Zukunft sich ankündigen werden? _Du Prel_ aber betrachtet es, wie aus jenen Sätzen hervorgeht, als selbstverständlich, daß jene Symptome zur Zeit schon müssen bemerkbar sein. Deshalb durchforscht er das menschliche Seelenleben. Nun ist es gewiß ein richtiger Gedanke, daß jene Symptome nur in abnormen seelischen Zuständen könnten gefunden werden. Solche sind die Erscheinungen des Somnambulismus, der Wahrträume, des doppelten Gesichtes, des Gedankenlesens u. a., die wir insgesammt als visionäre Phänomene bezeichnen können. Diese aber verdienen auch dann ernste Beachtung, wenn man sich gegen den Spiritismus durchaus ablehnend verhält und demselben keine reale Bedeutung beimißt. Das Eigenthümliche bei all jenen Erscheinungen besteht darin, daß gleichsam durch andere Organe als die normalen, über Zeit und Raum hinausgehend, Wahrnehmungen gemacht oder Wirkungen erzielt werden. Die Beziehungen zwischen Subjekt und Objekt erscheinen dabei theils unmittelbarer, theils mannigfaltiger als im normalen Zustande. Es ist nicht zu leugnen, daß jene abnormen Zustände solche einer geistigen Erhöhung sind und dem Subjekt, wie auch unter Umständen dem Objekt Vortheile gewähren. Wir wollen ferner nicht in Abrede stellen, daß es viel Verlockendes an sich habe, jene Erscheinungen als Symptome einer biologischen Organisationssteigerung zu betrachten. Eine Gewißheit ist jedoch nicht vorhanden, um so weniger, da in jenen Phänomenen doch nur gleichsam eine geistigere Art der Verbindung zwischen Subjekt und Objekt geschaffen wird, nicht aber entweder Wahrnehmungen gemacht oder Wirkungen erzielt werden, die sich innerhalb der subjectiven Anschauungsformen nicht gleichfalls herbeiführen ließen. Noch weniger, als in jenen immerhin auffälligen Erscheinungen mit Sicherheit prophetische Anzeichen zu erblicken, steht das Recht uns zu, darin mehr als höchstens Ansätze einer höheren Entwickelung zu sehen. Obwohl _du Prel_ nun selbst einräumt, daß wir in jenen abnormen Zuständen nur gewissermaßen ein »Wetterleuchten« zu erblicken haben, so zögert er andrerseits nicht, die höchsten Schlüsse aus diesen Beobachtungen zu ziehen, und in ihnen den Schlüssel zur Lösung der schwierigsten Fragen zu erblicken. Aus dem Umstande, daß in jenen visionären Zuständen gleichsam ein zweites, höheres Bewußtsein in uns erwacht, ergiebt sich für _du Prel_ sofort, daß der Mensch ein Doppelwesen sei, bestehend aus der empirischen Person, welche im normalen Bewußtsein sich offenbart, und einem transcendentalen Subjekt, welches eben in jenen abnormen Erscheinungen von Zeit zu Zeit hervortritt. Weiter schließt unser Philosoph aus der Kenntniß, welche die Somnambulen in ihren Heilsverordnungen vom menschlichen Körper und den Gesetzen des inneren Lebens verrathen, daß das transcendentale Subjekt das organisirende Prinzip und der Schöpfer der empirischen Person ist. Demnach ist die irdische Verkörperung eine freie That des transcendentalen Subjektes, eine freiwillige Inkarnation zum Zwecke der Läuterung und Vervollkommnung, und nun ist kein weiter Schritt mehr zum Gedanken der Palingenesis, die jedoch bei _du Prel_ in Gestalt eines metaphysischen Darwinismus auflebt, indem die verschiedenen biologischen Entwickelungsstufen als freiwillige Verkörperungen des transcendentalen Subjekts in aufsteigender Linie erscheinen; die biologische Steigerung endlich, welche über den Menschen hinausführt, bedeutet die Befreiung des transcendentalen Subjekts von seiner letzten sinnlichen Verkleidungsform, indem der Zweck unserer individuellen Entwickelung die Vorbereitung des künftigen Typus des planetarischen Menschen ist. -- Es würde eine besondere Schrift erfordern, um das Gewebe von Irrthümern, Trugschlüssen und Unklarheiten zu entwirren, welches in dieser Begriffsdichtung enthalten liegt, die, indem sie Schwierigkeiten zu beseitigen glaubt, nur solche schafft. Der ganze Gedankenbau schwebt in der Luft, da sein scheinbares Fundament, der Schluß nämlich, daß in somnambulen und verwandten Zuständen ein transcendentales Subjekt sich offenbare, ein Trugschluß ist, wie die Metaphysik keinen schlimmeren sich zu Schulden kommen ließ, und der nur aufs Neue beweist, wie ohnmächtig der menschliche Geist in seiner jetzigen Beschaffenheit ist, die letzten Dinge zu ergründen.
Während _du Prel_ demnach von der Thatsache, daß es abnorme Zustände giebt, eine ganze Theorie ableitet, so betrachten wir es nur als _Möglichkeit_, daß jene abnormen Funktionen schon Ansätze höherer psychischer Formen seien;[12] während sich für unseren Philosophen aus jenen Phänomenen die Lösung der schwierigsten Probleme ergiebt, so halten wir es _nur nicht für ausgeschlossen_, daß eben aus jenen Phänomenen die psychischen Kräfte sich entwickeln können, welche den Zukunftsmenschen oder die höhere Wesensstufe, zu welcher die Menschheit emporsteigen wird, befähigen werden, das Wesen der Erscheinungen zu begreifen. Dann erst würde erkannt werden, was wie allen Erscheinungen, so auch der Persönlichkeit zu Grunde liegt.[13]
Die wesentlichen Gründe aber, weshalb wir eine vertrauensvolle Hingebung an den Gedanken, daß die Menschheit berufen sei, durch Organisationssteigerung zum Siege fortzuschreiten, d. h. zur höchsten Erkenntniß, zur Ueberwindung des Dualismus, in dem sie jetzt befangen ist, zu einer nicht nur wahrhaftigeren, sondern auch reicheren und vollkommeneren Weltanschauung für berechtigt halten -- gleichviel ob bereits Ansätze zu diesem höheren Zustande vorhanden sind oder nicht -- sind das durch den Darwinismus betonte Gesetz der Entwickelung des Höheren aus dem Niederen und der unbestreitbar gewaltige Vervollkommnungsdrang des Menschen, seine tiefgehende Unzufriedenheit mit allem Geleisteten, seine erhabene Sehnsucht nach einem höheren Daseinszustande.
Ein großer Theil des zu vollziehenden Fortschritts würde allerdings nur durch Vorgänge in der geistigen Organisation des Menschen erfolgen können, welche gänzlich außer dem Bereiche seiner bewußten Anstrengung fallen, wie ja auch schon der Gedanke, welcher im Genius aufleuchtet, und, wenn verkündet, eine allgemeine Bewußtseinssteigerung herbeiführt, frei aus der Tiefe des Geistes aufsteigt. Allein bevor jene höheren Kräfte im Menschen in Wirksamkeit treten würden, bevor sie möglicherweise in Wirksamkeit treten _können_, müssen die gewaltigsten bewußten Anstrengungen, sowohl intellektueller als auch moralischer Art vorhergehen, die dann dem höheren Daseinszustande offenbar zu Gute kämen, der Art, daß letzterer nicht nur ein Ziel der Hoffnung, sondern auch in einem gewissen Sinne ein Ziel des Strebens ist. Man darf annehmen, daß die erwiesenen Kräfte des Menschen erst müssen ausgeschöpft werden, bevor neue Kräfte in ihm auftreten können. Solche aber werden ein reicheres, den Weltinhalt umfassendes Wahrnehmungs- und gesteigertes Begriffsvermögen sein, während auch unser ästhetisches und ethisches Bewußtsein für den Zukunftmenschen nicht kann verloren gehen.
Der Gedanke eines Ueberganges des Menschen in eine höhere Ordnung mag den Meisten, obgleich er im Grunde, wie wir schon früher bemerkten, nur der Ausdruck eines tiefen Bedürfnisses des über alles Gegebene hinausstrebenden menschlichen Geistes ist, als phantastisch und befremdend erscheinen. Doch rührt dies wohl hauptsächlich daher, weil man jenes Ziel zu nahe an unser Entwickelungsniveau heranrückt und nicht bedenkt, daß das letztere mit dem ersteren durch eine unermeßliche Kette von fortschreitenden Bewußtseinssteigerungen und -Erweiterungen, durch eine stete Vermehrung der Beziehungen zwischen Geist und Welt, durch eine immer souveränere Beherrschung der Natur mittelst immer vollkommenerer Erfindungen, durch eine wachsende Freimachung der menschlichen Kräfte, durch eine fortschreitende Verfeinerung unseres Willens, eine Vergeistigung des Lebens, eine unendliche Bereicherung unseres Wissens, eine immer vollkommenere Ausgestaltung ihrer spezifischen moralischen und intellektuellen Vorzüge durch die modernen Kulturvölker und endlich durch das _Hervortreten neuer Kräfte_ im Menschen würde vermittelt werden. Dieser Fortschritt wird nur in Form eines langsamen, mühsamen Prozesses vor sich gehen können,[14] aber der Fortschritt selbst ist unleugbar. Sehr schön bemerkt _Philipp Mainländer_, wenn auch vom Standpunkte des dogmatischen Pessimisten aus, welchem ein dereinstiger freiwilliger Untergang der Menschheit durch ein Erlahmen der Lebenskräfte eine Gewißheit ist: »Wie Sterne stille stehen, ja, rückläufig zu sein scheinen, so scheint auch dem in das Einzelne versunkenen Geist die Menschheit bald stille zu stehen, bald rückläufig. Der Philosoph aber sieht überall nur resultirende Bewegung und zwar eine stetige _Vorwärtsbewegung_ der Menschheit.«[15]
In unserer Aera ist nicht nur der Gedanke des Fortschrittes durch die Evolutionslehre mächtiger, als zu irgend einer anderen Zeit, hervorgetreten, sondern macht der Fortschritt selbst -- wie wir den Verkleinerern unserer Zeit, die an Einzelheiten haften bleiben, gegenüber behaupten wollen -- in intensiver Weise auf den verschiedensten Gebieten sich bemerkbar, wie unvollkommen das Vorhandene auch immer noch sei.
Da zeigt sich zunächst ein Fortschritt in der Sphäre der Moral. Wie mangelhaft unsere Moral auch noch ist, so ist doch nicht zu bestreiten, daß heute eine höhere Achtung vor dem Menschen besteht, daß die Menschen mehr aneinander denken, und daß die Idee einer gerechten socialen Ordnung in höherem Maße die Geister beschäftigt, als zu einer früheren Zeit. Unser moralisches Ideal ist ein höheres geworden und _W. M. Salter_[16] weist nach, daß die Sittenlehre Jesu unseren Ansprüchen nicht mehr genügen könne. Daß aber unser moralisches Ideal ein vollkommeneres geworden ist, ist ein Beweis dafür, daß unsere Moral selbst sich vervollkommnet hat. Eine Verbreitung der Entwickelungstheorie kann ihrerseits nur zur Erhöhung der Moral beitragen, »denn die Erkenntniß der Thatsache der Vererbung geistiger und physischer Eigenschaften, wenn nicht auf Kinder so auf Kindeskinder, der Vererbung, deren Wirkungsbereich wir im einzelnen Falle nie bestimmen können -- muß auf eine Erhöhung des Gefühls der Verantwortlichkeit hinwirken, da wir so gewahren, daß die Folgen des guten wie des schlechten Handelns sich noch weiter erstrecken, als wir zuvor geahnt hatten«[17]. Als Zeichen der Zeit muß auch die erfreuliche Erscheinung der Gesellschaften für ethische Cultur in Nord-Amerika begrüßt werden, deren Zahl im Wachsen begriffen ist.
Wir brauchen kaum an den mächtigen Aufschwung der Wissenschaften in den letzten Decennien, an das Aufblühen neuer Wissenszweige und neuer Methoden der Forschung, an die enormen Fortschritte in der technischen Beherrschung und Verwerthung der Naturkräfte, als Beweis für unsere oben ausgesprochene Behauptung, zu erinnern. Wenn _Dühring's_ Ausspruch, daß die Größe unseres Jahrhunderts allein in dessen polytechnischen Errungenschaften zu suchen sei, auch ein einseitiger ist, so weist er doch auf ein Gebiet hin, auf welchem in der That die größten Fortschritte gemacht worden sind. Und doch scheinen wir am Vorabende neuer Entdeckungen und Erfindungen zu stehen, und lassen sich gewisse technische Ergänzungen unserer unvollkommenen körperlichen Organisation wohl jetzt schon vorherbestimmen.[18]
Die Leugner des Fortschrittes sind wohl am leichtesten durch die Thatsache des _wachsenden Geschichtsüberblickes_ zu widerlegen, der doch gewiß als eine Form des Fortschritts muß betrachtet werden. Durch das Aufblühen zahlreicher neuer Wissenschaften ist der Geschichtsüberblick gerade in unserer Zeit außerordentlich erweitert, unser Bewußtsein dadurch ungemein bereichert worden. Aber nicht nur unsere Gedanken-, sondern auch unsere Empfindungswelt hat z. B. durch die Vermittlung der Dichtungen alter oder fremder Völker eine Bereicherung erfahren, sowie eben dadurch wieder für unsere moderne Poesie neue Stoffgebiete sind erobert worden. Das wichtigste Ergebniß des wachsenden Geschichtsüberblickes dürfte aber dieses sein, daß wir den Menschen immer genauer kennen lernen, immer deutlicher die Ursachen wahrnehmen, welche den Fortschritt der Völker gefördert und welche ihn gehemmt haben, wodurch wir wieder der Wege klarer uns bewußt werden, welche die Völker in Zukunft einzuschlagen haben, um sicherer und rascher vorwärts zu schreiten und nicht immer wieder von den »retardirenden Dämonen« beirrt und zurückgehalten zu werden. An die Möglichkeit eines Zusammenbruchs der modernen Kultur, gleich demjenigen der antiken, durch den Anprall barbarischer oder halbbarbarischer Völker braucht aber nicht gedacht zu werden, weil heute umgekehrt die culturtragenden Rassen es sind, welche die rohen Völker mehr und mehr in ihrer Existenz bedrohen. Die Cultur kann nicht verloren gehen, wenn auch einige der weniger lebenskräftigen Culturvölker einst von der Bildfläche verschwinden sollten.
Die Künste scheinen bei oberflächlicher Betrachtung allerdings eher in einem Rückgange begriffen zu sein, aber man übersehe nicht, daß unsere Zeit einen epochemachenden musikalischen Genius höchster Ordnung hervorgebracht, daß einige Kunstzweige einen Aufschwung genommen haben, wie sie einen solchen zu keiner früheren Epoche aufzuweisen hatten, daß die Technik mancher Künste sich vervollkommnet, der Stoffkreis sich ungemein erweitert hat und daß manche Nationen, welche bis vor kurzem als künstlerisch unproduktiv galten, mit einem Schlage eine Reihe bedeutender Dichter und Künstler hervorgebracht haben, die, aus dem Vollen schöpfend, die Kunst mit neuen Typen und Formen bereichert haben.
Trotzdem muß zugestanden werden, daß die Phantasie in den Wissenschaften und auf technischem Gebiete heute weit größere Triumphe feiert, als in den Künsten. Aber es sind Anzeichen vorhanden, daß die Kunst, wenn die maßgebenden Nationen aus ihrem jetzigen socialen Revolutionszustande werden herausgetreten sein und die Gesellschaft festere Formen wird angenommen haben, wenn ferner die Resultate der Naturforschung und die dadurch geschaffene enorme Erweiterung des Gesichtskreises die Phantasie mächtiger werden ergriffen haben, auf neuer Grundlage nur um so machtvoller aufblühen wird.
Einer der wichtigsten Fortschritte der modernen Culturvölker in der Gegenwart aber ist die wachsende Lossagung von der Religion, einer der wichtigsten Fortschritte der Zukunft wird es sein, daß unter jenen Nationen, welche zur Führung der Menschheit berufen sind und die dereinst vielleicht den Inbegriff der Menschheit bilden werden, eine neue Lehre sich befestige, vermöge welcher alles Leben und Streben eine höhere Bedeutung erhalten wird. Daß die Evolutionslehre mit den gewaltigen Perspektiven, die sie, wenn richtig verstanden, eröffnet, hierbei eine große Rolle spielen wird, indem das _effektive Erfassen des Fortschrittsgesetzes den Fortschritt selbst beschleunigen wird_, scheint uns keinem Zweifel zu unterliegen. Der Individualität wird in der Art der Verwerthung jener Lehre immer ein weiter Spielraum bleiben. Die Idee des Fortschritts, wenn mit Phantasie erfaßt, hat, wenn selbst das Ziel des Fortschritts völlig unbestimmt gelassen wird, etwas Erregendes, Begeisterndes. Um so mächtiger muß sie den Geist ergreifen, wenn mit ihr die Idee eines höchsten Zieles verbunden wird, in dem einst alle Errungenschaften des Menschen, wie die Ströme in dem Weltmeer, einmünden sollen. Dieser Uebergang wird eben von jenen Völkern oder von jenem Volke vollzogen werden, welches am lebenskräftigsten und fortschrittsfähigsten sich bewährt hat und dadurch der natürliche Herr der Erde geworden ist.
Somit wäre unsere Weltanschauung eine ausgesprochen optimistische? Allerdings, wie die Evolutionslehre selbst es ist, aber nur in dem Sinne, daß dem Menschengeschlechte eine unermeßliche Kraft des Fortschritts zugetraut und eine große Zukunft von ihm erwartet wird. Aber daß das Vollkommene erst von der Zukunft erwartet, daß auf sie unsere Hoffnung gerichtet wird, ist ein Beweis, daß wir eine optimistische Auffassung der Gegenwart und Vergangenheit, bei aller Verehrung für einzelne große Errungenschaften, nicht für gerechtfertigt halten. Wir wollen hier nicht das Urtheil der großen Philosophen und Dichter des Pessimismus über die gegebene Welt wiederholen, die jedoch darin fehlten, daß sie erstens die Welt, wie wir sie kennen, mit dem realen Sein verwechselten, zweitens aus der trüben Vergangenheit und trüben Gegenwart voreilig auf die Nothwendigkeit einer trüben Zukunft schlossen, -- eine Anschauung, welche der Evolutionslehre und dem gewaltigen Fortschrittsstreben der Menschen widerspricht. Die pessimistische Betrachtung des Gegebenen aber ist selbst wieder ein Hebel des Fortschritts, denn nur aus tiefer Unzufriedenheit mit dem thatsächlich Gegebenen wird jeder Fortschritt geboren. Nur indem wir beständig von dem Gefühle unserer Unvollkommenheit begleitet werden, vervollkommnen wir uns. Dasselbe gilt vom allgemeinen wie vom Einzelleben, und das Bewußtsein, daß das Leiden der gewaltigste Urheber alles Fortschritts ist, daß die Beseitigung des Leidens das Ende alles Strebens und aller Vorwärtsbewegung wäre, vermag uns vor ungemessenen Klagen zu bewahren und an einem vorschnell verdammenden Urtheil über den Lebensinhalt zu hindern. Die blos pessimistische Auffassung des Gegebenen muß zu stumpfer Resignation und Entmuthigung führen, wenn wir nicht von dem Vertrauen beseelt sind, daß die menschliche Natur durch unentwegtes Vorwärtsstreben, welches das Leiden hervorruft, verbessert werden kann, und daß der Menschheit ein hohes Ziel winkt.
Eine Gewißheit ist jenes Ziel, welches den Sieg bedeutet, allerdings nicht. Möglicherweise ist die Menschheit nur eines gewissen Grades der Vervollkommnung fähig, ohne diese Grenze überschreiten zu können. Möglicherweise bezeichnet der Mensch in einem etwas höheren Vervollkommnungszustand, als er ihn jetzt aufweist, dennoch den Gipfelpunkt der organischen Entwickelung der Erde. In diesem Falle wäre die bisherige Entwickelung eine _ziellose und trügerische_, das Streben und Ringen der Menschheit ein _vergebliches_ gewesen, da unüberwindliche und unausrottbare Mängel und Gebrechen sie, so wie sie ist, ewig hindern würden, Vollkommenheit und Seligkeit zu erlangen.