Zur neuen Lehre: Betrachtungen
Part 2
[3] In zutreffenden Worten hat neuestens _J. J. Borelius_ (Professor an der Universität Lund) in seiner auch in deutscher Übersetzung erschienenen Abhandlung »Blicke auf den gegenwärtigen Standpunkt der Philosophie in Deutschland etc.« (Berlin, Fischer ~p.~ 22 ~ff.~) _Langes_ Anschauung über Religion, wenn auch von einem anderen Lager ausgehend, kritisirt, indem er sagt: »Eure Religion, welche ausdrücklich als illusorisch erklärt wird, (ist) keine Religion; kann auch ein ernstes Streben nach dem Idealen neben der Einsicht bestehen, daß alle unsere Versuche das Ideale aufzufassen und zu begreifen unvollkommen sind, so wird dabei doch die Überzeugung vorausgesetzt, daß dieses Ideale nicht bloße Dichtung, sondern etwas an sich Substantielles und Wirkliches ist. Eine Anerkennung dieser Ansicht liegt in der That in _Langes_ Annahme des Ideals als eines bildlichen Repräsentanten der vollen Wahrheit, aber da er dessen ungeachtet das Ideal ausschließlich auf die Dichtung verweist, übersieht er dabei, daß das Urbild selbst nur soweit ein Abbild ist, als es eine Übereinstimmung mit dem Abgebildeten enthält. Ist das Ideale aber als reine Illusion erkannt, so kann man nicht länger daran glauben; es kann dann nicht einmal als Bild einer höheren Wahrheit gelten, sondern nur als Dichtung, als bewußter Selbstbetrug.« Und nun eine Wendung gegen _Vaihinger_: »So hat auch _Langes_ erklärter Anhänger _Vaihinger_ seine Ansicht verstanden, welche er in Kürze wie folgt zusammenfaßt: »Eine Religion ohne die Grundlage des Glaubens, eine Metaphysik ohne den Anspruch auf Wissen, das sind Ideen, scheinbar paradox und doch thatsächlich die einzigen, die wissenschaftlich haltbar sind!« Es läßt sich aus mehreren Gründen bezweifeln, daß Lange selbst, wenn er noch lebte, sich mit dieser Formulirung seiner Ansicht zufrieden gegeben hätte, jedenfalls drückt sie aber das logische Resultat seiner Ansicht aus. Aber dieses Resultat ist in Wahrheit eine ~deductio in absurdum~. In gewissen Formen des Wahnsinns kommt es vor, daß der Kranke, ohne das Bewußtsein seines persönlichen Ichs verloren zu haben, sich gleichzeitig einbildet, ein ganz anderer zu sein. Es ist schwer ein treffenderes Bild eines Menschen zu finden, der im vollen Ernst _Vaihingers_ philosophischen Standpunkt realisiren würde.«
[4] Mit einem Vorworte von _Julius Baumann_ (Leipzig 1886).
[5] Der Verfasser geht so weit, schließlich auch noch Vorschläge für einen neuen Cultus zu machen, der aus diesem »Glauben« (~sic!~) erwachsen soll. Man erbaue sich an den folgenden Ausführungen:
»Ein Hauptbedürfniß des Gemüthes ist zeitweilige Befreiung von dem Drucke der Irdischkeit, gerade dies treibt den Gedanken eines überweltlichen Gottes und der seligen Unsterblichkeit hervor und den Cultus, der aus diesem Glauben erwächst. Ich kann mir denken, daß man einer solchen Religion in derselben Weise sich hingebe, wie man sich der Betrachtung von Kunstwerken, dem edlen Naturgenuß, der Poesie hingiebt. Die Cultusstätten müßten von der Art sein, daß sie die Vorstellung eines seligen geistigen Lebens unterstützten, also Alles, was den Geist hemmt, muß zurücktreten, was ihn weckt und beflügelt, hervortreten, und zwar den Geist als Hoffnung und Phantasie. Vom Protestantismus wäre dabei zu nehmen Lied, Gebet, begeisterte und zugleich beschwichtigende Rede; vom Katholicismus die Kunst, was sowohl den Bau als die Ausschmückung betrifft. Die ausschmückende Kunst hätte die großen Erscheinungen der Natur und Geschichte darzustellen, welche eine erhebende oder sittlich-weckende Kraft haben. Grundton des Gottesdienstes müßte sein: Im Leben seid Ihr mit Gutem und Ueblem ausgestattet, je mehr Ihr lernt das Uebel mit dem Guten überwinden, desto mehr erwacht in Euch die Hoffnung in einem höheren und reineren geistigen Zustand zusammengehalten durch Einen großen Friedensgeist ewig zu leben nach dieser Erde. An dieser Hoffnung und ihrem stärkenden Frieden sammelt Ihr Euch und genießet in dem religiösen Verein einen Vorschmack des Gehofften.« Ein Schatz für Predigt, Gebet und Lied müßten die hier einschlagenden Worte aller Religionsstifter und großen Männer aus allen Völkern und Zeiten sein. Kurzum, der Gottesdienst müßte ein Weltbild geben und zugleich, den Menschen in der Welt haltend, ihn mit Hoffnung darüber hinaus erfüllen, aber nicht durch Kontrast, wie bisher in den großen Religionen (die Welt ein Jammerthal, der Himmel Erlösung), sondern aus den Anfängen befriedigenden geistigen Seins auf Erden müßten Glauben und Hoffnung eines seligen Seins mit einem geistigen Mittelpunkte anwachsen.« -- Doch genug.
~III.~
Bevor wir an unser Problem herantreten, müssen wir die Anschauung widerlegen, als handle es sich bei der neuen Weltbetrachtung oder Lehre um die Aufstellung einer neuen vollkommeneren Religion.
Woraus entspringt diese irrige Anschauung? Ganz offenbar aus einer willkürlichen, dem eigentlichen Wesen der Religion widersprechenden Auffassung derselben. Wenn wir der bekannten Formen der Religion uns erinnern, so liegt allen nicht nur das Gefühl der Abhängigkeit -- welches Schleiermacher ohne nähere Bestimmung als Grundgefühl der Religion bezeichnet[6] --, sondern das Gefühl der Abhängigkeit des Menschen von einer animistisch und persönlich gedachten Weltmacht, zu Grunde. Ob die oberste Weltmacht nun mit gröberen oder feineren menschlichen Attributen ausgestattet wird, so wird sie doch immer in der Form solcher gedacht werden. Folgt daraus nicht, daß eine Weltanschauung, welche sich jeder Characterisirung der letzten Dinge enthält, weil echte Philosophie die Bestimmbarkeit derselben leugnet, über die Religion hinausgeht und demnach als überreligiös bezeichnet werden muß? Dennoch nennt _August Comte_ _seine_ neue Lehre, in welcher der Gottesbegriff keine Stelle findet und die an Stelle des Gottes- einen Menschheitscultus setzt, Religion, und _Herbert Spencer_ verwechselt ganz offenbar Religion mit Philosophie (wie dies auch schon _Schiller_ in dem bekannten Distichon gethan hat), indem er jeden Versuch den Weltgrund zu charakterisiren als irreligiös bezeichnet, als religiös hingegen die Erkenntniß, daß wir von einem unergründbaren Mysterium umgeben sind.[7] Die Konsequenz dieser seltsamen Anschauung ist jedoch die, daß sämmtliche historische Formen der Religion gar keine Religionen sind, da sie insgesammt eine Charakterisirung des Weltgrundes unternehmen, ein Wagniß, welches _Spencer_ eben als irreligiös betrachtet. Hand in Hand mit dieser falschen Auffassung des Wesens der Religion geht bei _Spencer_ die auf irrigen Voraussetzungen beruhende Bemühung, Wissenschaft und Religion mit einander zu versöhnen. Mit Recht zwar weist _Spencer_ darauf hin, daß die Wissenschaft ursprünglich vielfach zur Klärung, Läuterung und Erweiterung der religiösen Begriffe beigetragen hat. Aber er übersieht, daß die Wissenschaft eine trügerische Genossin der Religion ist, indem sie diese mit denselben Waffen, mit welchen sie zu ihrer Läuterung und Klärung beigewirkt hat, schließlich zerstört und vernichtet.[8] Verwechselt nun _Spencer_ Religion mit Philosophie, so verwechselt _W. M. Salter_, der amerikanische Morallehrer, der auch in Deutschland mehr und mehr zur Anerkennung gelangt, Religion mit Moral, indem er von der »Religion der Moral« spricht. Auch hier wird also für einen überreligiösen Standpunkt das Wort »Religion« beibehalten und so ließe sich noch manche unberechtigte Uebertragung dieses Wortes auf eine Sphäre, welche weit über diejenige hinausreicht, die es ursprünglich bezeichnete, hervorheben[9].
Da gebührt unter allen, welche sich mit der Frage eines höheren Ersatzes der Religion beschäftigt haben, _Eugen Dühring_ das Verdienst, die Sphäre der Religion und die einer auf Erkenntniß gegründeten Weltanschauung streng auseinander gehalten zu haben. Vermögen wir auch Dühring's Versuch, das in Frage stehende Problem zu lösen, nicht für einen befriedigenden zu bezeichnen, so müssen wir um so mehr seiner scharfen Sonderung dessen, was gesondert werden muß, beistimmen[10].
Wer den überreligiösen Standpunkt deßhalb immer noch mit Religion bezeichnet, der beweist nur, daß er entweder die alte Lehre nicht genügend überwunden, oder daß er zwischen den verschiedenen Geistesgebieten nicht genügend unterscheidet, oder daß er endlich von falschen Rücksichten geleitet, das Neue mit dem Alten zu verbinden strebt, ohne daß eine solche Verbindung möglich ist.
Fußnoten
[6] Und nach Schleiermacher unter anderen auch D. Fr. Strauß in »Der alte und der neue Glaube«, wo er sagt: »Die Religion ist uns nicht mehr, was sie unseren Vätern war, daraus folgt aber nicht, daß sie in uns erloschen ist. Geblieben ist uns in jedem Falle der Grundbestandtheil aller Religion, das Gefühl der unbedingten Abhängigkeit.« Zu dieser Bezeichnung des Grundzuges der Religion muß eben eine nähere Bestimmung der Macht, von welcher der Mensch sich abhängig fühlt, hinzutreten.
[7] Wir geben die für diese Anschauung charakteristischste Stelle aus »Die Grundlagen der Philosophie« (deutsch von _B. Vetter_, Stuttgart 1875) hier wieder. S. 14: »Jeder hat von dem Könige gehört, der wünschte, daß er bei der Erschaffung der Welt zugegen gewesen wäre, um gute Rathschläge ertheilen zu können. Er war aber bescheiden im Vergleich mit jenen, die da vorgeben, nicht allein die Beziehungen zwischen Schöpfer und Geschaffenen zu verstehen, sondern auch, wie der Schöpfer beschaffen sei. Und doch ist diese transcendentale Frechheit, die sich brüstet, die Geheimnisse einer Macht zu durchschauen, welche sich uns in allem Seienden offenbart, ja sogar dieser Macht über die Achsel sehen und die Bedingungen ihrer Thätigkeit beobachten zu können -- sie ist es denn, deren Paß auf »Frömmigkeit« lautet. Dürfen wir nicht ohne weiteres behaupten, daß eine aufrichtige Anerkennung der Wahrheit, daß unsere eigene und alle andere Existenz ein durchaus und für immer jenseits unsers Verständnisses liegendes Mysterium ist ein besser Theil wahrer Religion enthält, als alles, was in dogmatischer Theologie geschrieben worden ist?«
[8] Von dem _Spencer_'schen Gedanken der Versöhnung zwischen Wissenschaft und Religion zeigt sich der amerikanische Prediger _M. J. Savage_ in seinem, auch in deutscher Übersetzung erschienenen Werke: »Die Religion im Lichte der Darwin'schen Lehre« (Leipzig 1886) beeinflußt. Nach _Savage_ ist die Welt eine stufenweise Entwickelung Gottes; seine Lehre wird also am besten als Panentheismus bezeichnet werden. Von der Evolutionslehre heißt es »sie gehe auf das reine Wort Jesu zurück und erfülle es kräftig mit der ganzen Erkenntniß und Macht der modernen Wissenschaft. Indem sie jedes Gesetz der Natur, des Geistes und der Religion nur als einen Ausfluß des lebendigen, liebenden und gerechten Gottes auffaßt, identificirt sie Moral und Religion durchaus, oder macht vielmehr die Moral zu einem Zweige der Religion, welche größer ist und umfassender.« Das Buch ist voll naiver Wunderlichkeiten, wie wenn der Verfasser auf die Frage, wie lange es währen wird, bis die Welt ihren Höhepunkt erreicht hat, antwortet: »Tausende von Jahren, denn Gott hat _keine Eile_, ihm bleibt die Ewigkeit für sein Wirken« etc. Wohlthuend aber wirkt das Vertrauen des Verfassers, daß der Menschheit eine große Zukunft bevorsteht.
[9] So faßt auch _Wundt_ in der »Ethik« (Stuttgart 1886) ~p.~ 41 den Begriff Religion zu weit, wenn er darunter »diejenigen Vorstellungen und Gefühle, die auf ein ideales, den Wünschen und Forderungen vollkommen entsprechendes Dasein sich beziehen« versteht.
[10] Wir selbst haben auf die Nothwendigkeit einer genauen Unterscheidung und Abgrenzung der Gebiete der Religion und einer höheren Weltanschauung bereits hingewiesen in unserer Schrift »Moderne Versuche eines Religionsersatzes« (Heidelberg, _Weiß_ 1886).
~IV.~
Die neue Lehre oder Weltanschauung nun wird, wie wir bereits hervorhoben, auf ein effektives Erfassen des Weltproblems und eines höchsten Zieles, wie eine kritische Philosophie und echte Wissenschaft sie uns betrachten lehrt, gerichtet sein müssen, ein Erfassen, aus dem dann von selbst Pflichten und Antriebe für den handelnden Menschen sich ergeben werden.
Aus dieser Bestimmung geht hervor, daß die neue Lehre nicht im Begriffe der Moral aufgehen kann, in welcher so Manche ein Aequivalent für die Religion erblicken, während wir eine Erhöhung und Vervollkommnung der Moral vielmehr nur als eine der Wirkungen betrachten, welche die neue Weltanschauung hervorbringen muß.
Für Andere haben die bekannten Verse _Goethe's_, nach welchen, wer Wissenschaft und Kunst besitzt, keiner Religion bedarf, wer jene beiden nicht besitzt, Religion haben müsse, etwas Bestechendes. Diesem berühmten Ausspruche zufolge ist also die Beschäftigung mit Kunst oder Wissenschaft in ihrer Allgemeinheit ein volles Aequivalent für die Religion. Eine tiefere Erwägung jedoch ergiebt, daß keine jener beiden Sphären in ihrer Allgemeinheit diese Leistung zu vollbringen vermag. Was die Wissenschaft betrifft, so kommen für unser Problem vielmehr nur jene ihrer Ergebnisse in Betracht, welche sich auf die höchsten Weltfragen beziehen, während die Kunst und zwar hauptsächlich die Poesie hier nur insofern eine Rolle spielt, als sie jenen höchsten Gedanken einen idealen Ausdruck verleiht. Im Begriffe der Kunst liegt in seiner Allgemeinheit ja nur eine formale Bestimmung, während die Art des Inhaltes völlig dahingestellt bleibt; unser Problem erfordert aber einen sehr bestimmten, höchsten Gedankengehalt.
Es fehlt nun nicht an Versuchen, eine neue Welt- und Lebensanschauung an Stelle der Religion zu setzen, Versuche, welche sich hauptsächlich an die Namen _Comte_, _Feuerbach_, _Dühring_, _Duboc_, _Nietzsche_ und _Salter_ knüpfen, welch' letzterer allerdings vornehmlich Ethiker ist, und zwar einer der ausgezeichnetsten Ethiker, die wir kennen. Wir haben die Ausführungen jener Philosophen in unserer Schrift »Moderne Versuche eines Religionsersatzes« einer kritischen Würdigung unterzogen. Wie viel Bedeutendes und Beherzigenswerthes wir bei jenen Denkern auch fanden, so konnten wir doch keinem unsere volle Beistimmung geben. Wir würden die negative Seite des in jener Schrift gewonnenen Ergebnisses heute noch schärfer betonen als damals, weil wir unsere eigene Stellung zu dem Problem in mancher Beziehung einer Correctur zu unterwerfen hatten. Doch kann es nicht unsere Absicht sein, unsere Kritik jener Versuche hier einer Revision zu unterziehen. Diese wird sich durch nähere Darlegung unserer eigenen Anschauungen über den Inhalt dessen, was wir im Gegensatze zur Religion als neue Lehre bezeichnen möchten, von selbst ergeben. Wir wiederholen jedoch, daß wir keineswegs der Meinung sind, etwas absolut Richtiges oder Allgemeingültiges zu sagen, wir geben vielmehr nur unserer persönlichen Anschauung Ausdruck, hoffen jedoch in Anderen verwandte Saiten zu berühren.
Wie also vermögen wir durch Erkenntniß geleitet -- sei dieselbe nun positiv oder negativ -- zu einer Idee des Weltgrundes und eines höchsten Zieles zu gelangen, welche, indem sie unser Leben und Streben mit etwas uns Ueberragendem verbindet, als Grundlage erhebender und begeisternder Gefühle zu dienen vermag? Diese Gefühle aber werden keine anderen sein, als die der tiefsten Ehrfurcht vor dem Weltgrunde, der höchsten Hoffnung auf ein Welt- oder doch Menschenziel.
Durch welche Erkenntniß aber wird zunächst der Weltgrund für uns zum Gegenstande der tiefsten Ehrfurcht? Allein durch die Erkenntniß, daß eine Charakterisirung desselben oder der letzten und höchsten Dinge unserer Beurtheilung sich entzieht, daß die Welt für unsere geistige Organisation ein unlösbares Räthsel, ein unergründliches Mysterium ist.
Unsere Erfahrung, so lehrt die kritische Philosophie und eine ihre Lehre bekräftigende Naturforschung, erschöpft den Weltinhalt nicht. Unsere Vorstellungen decken sich nicht mit dem realen Sein, die Armuth und Beschränktheit unserer Sinne, die Unzulänglichkeit unseres Verstandes vermag uns nur ein völlig subjektives und unvollkommenes Bild der Welt zu bieten, und jeder Schluß, der von unserer Vorstellungswelt auf das reale Sein gezogen wird, erweist sich als trügerisch, denn es liegt, so wie wir beschaffen sind, nicht in unserer Macht, die Schranken zu durchbrechen, welche uns von der Erkenntniß der Welt trennen. -- Ebensowenig wie die Außenwelt, erkennen wir uns selbst, denn auch die psychischen Phänomene sind eben nur Phänomene. Doch was ist ihr tiefstes Wesen? was sind sie selbst? Wir können keine Antwort finden. Ein Räthsel ist die Welt, ein Räthsel sind wir selbst, ein Räthsel ist das Leben, ein Räthsel der Tod. Lassen wir voreilige Metaphysiker in dem Glauben, die Weltformel gefunden und der Weisheit letzten Schluß gezogen zu haben. _Unserer_ Weisheit letzter Schluß sei der, daß die letzten Dinge unergründlich für uns sind, daß wir von Räthseln umgeben inmitten eines Mysteriums leben, wir selbst ein Mysterium. Durch diese Einsicht aber beweisen wir den höchsten Fragen gegenüber eine tiefere Ehrfurcht, nicht nur als die Metaphysiker, sondern auch als die Religiösen, welche den Weltgrund als etwas ihnen Bekanntes erfassen.
Wir leugnen nun nicht, daß das Bewußtsein, eine Ergründung des Weltwesens sei uns versagt, auch ein Gefühl in uns erwecken kann, welches wahre Ehrfurcht ausschließt, nämlich das eines dumpfen Schmerzes, ein Gefühl, als wären wir in einen Kerker gebannt, von dem aus wir uns vergebens nach dem Lichte sehnen, an dessen ehernen Wänden all unsere Versuche scheitern, der Wahrheit näher zu kommen. Auch dieses Gefühl ist berechtigt, und in manchen Gemüthern mag es das vorherrschende sein. Andere aber wird es nur flüchtig berühren, während die edlere Empfindung des ehrfurchtvollen Erfassens des Weltgeheimnisses ihnen homogener ist. Es mögen ja, namentlich in unseren Tagen, nur Wenige dieser Vertiefung fähig sein; unsere Zeit ist arm an Ehrfurchtsmenschen und das schöne Selbstbekenntniß _Goethe's_: »Mein Gemüth war von Natur zur Ehrerbietung geneigt und es gehörte eine große Erschütterung dazu, um meinen Glauben an irgend ein Ehrwürdiges wanken zu machen«, dürfte nur von Wenigen in seiner Tiefe erfaßt werden können. Einzelne aber werden der ehrfurchtsvollen Versenkung in das Weltproblem dennoch fähig sein, und der wahrhaft philosophische Geist, welcher zugleich die Kraft der Phantasie besitzt, gewonnene Denkergebnisse in das lebendige Gefühl aufzunehmen, wird immer wieder von diesem Gefühle erfaßt werden. Denn immer wieder wird das Verlangen sich bei ihm regen, von dem Gegebenen, in welchem der gemeine Sinn befangen bleibt, zu dem Gedanken des Mysteriums sich zu erheben, oder die Dinge im Zusammenhange damit zu betrachten, wodurch ihre Bedeutung eine wunderbare Vertiefung erfährt. In den Momenten der höchsten Steigerung aber wird dieser Affekt der Ehrfurcht in der Form eines inneren Erbebens auftreten, indem der Geist, die gegebene Welt der Erscheinungen verlassend, hinabtaucht in die Räthsel des Daseins. Und dieser Affekt hat eine kathartische Wirkung, denn er bedeutet die Abwendung von der Unzulänglichkeit, Beschränktheit und Vergänglichkeit der gegebenen Welt, von den Dissonanzen und der dualistischen Zerrissenheit des Lebens, so weit wir dasselbe erkennen und begreifen. Richten wir das Auge ausschließlich auf das Gegebene, so gelangen wir leicht zu einer pessimistischen Verurtheilung des Seins überhaupt. Davor kann nur das Bewußtsein uns schützen, daß der tiefste Sinn des Seins und seine eigentliche Bedeutung uns verschlossen ist und keinerlei Beurtheilung desselben uns zusteht.
Wir verwahren uns gegen eine Verwechselung des Gedankens, die Welt als Mysterium zu verehren, mit dem, in die Unermeßlichkeit des Weltalls und die Unübersehbarkeit des Weltprozesses sich zu versenken. Bleiben wir hierbei doch innerhalb der Welt der Erscheinungen, während wir durch die Erfassung des Weltgrundes als eines undurchdringlichen Geheimnisses über die Phänomenalität uns erheben. Wenn wir ferner innerhalb der Erscheinungswelt verharren, so ist die Gesammtheit der Dinge, trotz ihrer Unfaßbarkeit doch um nichts wunderbarer, als ein scheinbar verschwindendes Einzelding, die kosmische Harmonie um nichts wunderbarer, als die Harmonie der Theile eines Kunstwerkes, und es ist immer das Zeichen eines gröberen Sinnes, durch bloße Quantitätsverhältnisse sich blenden zu lassen.
Geziemt es dem Menschen, seiner geistigen Organisation gemäß, das Weltgeheimniß ehrfurchtsvoll zu erfassen, so wäre es doch der vollkommenere Zustand, wenn eine Erkenntniß der letzten Dinge für ihn erreichbar wäre, wenn sein Denken mit dem Sein sich zu decken, sein Verstand den Weltinhalt zu erfassen, die Kraft zu begreifen vermöchte, welche in der geistigen wie in der materiellen Welt sich offenbart.
Wäre es aber undenkbar, daß latente Kräfte im Menschen schlummern, deren Erwachen und schrittweise Entwickelung -- wenn auch nimmermehr den Menschen der Gegenwart oder einer nahen Zukunft, so doch den einer ferneren Zukunft -- auf jene höhere Stufe emporzuheben vermöchten? Sollte in der Menschheit nicht die Fähigkeit liegen, aus ihrem Zustande der Unvollkommenheit, der Halbheit, aus dem Dualismus, in welchem selbst ihre edelsten Geister befangen bleiben, einst herauszutreten? Sollte es nicht im Bereiche der Möglichkeit liegen, daß nicht nur die idealen Kräfte, welche die Menschheit bisher gezeigt hat, einer gewaltigen Steigerung fähig wären, sondern daß auch neue, unbekannte Potenzen dereinst in ihr zu Tage treten, welche schließlich eine Verwandlung des Weltbildes und mit dieser höchst wahrscheinlich den Wegfall von tausend Unvollkommenheiten der Natur herbeiführen würden, welche der menschliche Wille nie würde überwinden können, die aber zuletzt doch nur in unserer mangelhaften subjektiven Vorstellungsweise begründet sind? Denn eben durch die reichere und vollkommenere Gestaltung des Weltbildes in dem höher organisirten vorstellenden Geiste würde die Erkenntniß des Weltinhaltes vermittelt werden. Bietet die Wissenschaft nun irgend welche Stütze für die Annahme, die Menschheit könnte berufen sein, zunächst auf dem Wege bewußter Vervollkommnung, später aber durch das Erwachen neuer geistiger Kräfte, einem Ziele entgegenzugehen -- unter welchem kein Millenium, kein Zukunftsparadies, und was der kindlichen Träumereien mehr sind, zu denken ist -- einem Ziele, welches den Sieg bedeutet, den Sieg der höheren Seite der Natur über die niedere, ja eine Durchbrechung der Schranken, in welche die menschliche Erkenntnißkraft jetzt noch gebannt ist, durch die Entwickelung höherer geistiger Organe, wenn auch dieses Ziel an sich noch kein letztes wäre?