Zur neuen Lehre: Betrachtungen

Part 1

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Zur neuen Lehre.

Betrachtungen

von

~Dr.~ H. Druskowitz.

Heidelberg.

Georg Weiß, Verlag.

1888.

~I.~

Unter _neuer Lehre_ möchten wir eine Weltanschauung verstanden wissen, welche -- ihre Möglichkeit vorausgesetzt -- einen zuverlässigeren und vollkommeneren Inhalt an Stelle des Gottes- und Unsterblichkeitsglaubens setzt. _Neu_ würde die Lehre im Gegensatz zur Religion, als der alten Lehre, genannt zu werden verdienen, indem ihr Inhalt sich aus gewissen höchsten Ergebnissen der modernen Philosophie und Naturwissenschaft aufbauen wird.

Bisher sind diese Ergebnisse noch von keinem Philosophen derart verwerthet worden, daß eine allgemeingiltige abgeschlossene neue Lehre bereits geschaffen wäre. Es existiren vielmehr nur einige mehr oder weniger unvollkommene Versuche, eine solche zu begründen. Möge man auch den Inhalt dieser Seiten nur als einen Beitrag zur neuen Lehre betrachten, die bis jetzt noch ein Ideal ist, und wohl nur ganz allmälig aus der Denkarbeit Vieler sich herauskrystallisiren wird. Verfasser ist sich vollkommen bewußt, nur seinen persönlichen Anschauungen über die Lösung eines der wichtigsten Probleme Ausdruck zu geben, in der Hoffnung jedoch, daß dieselben bei Anderen Widerhall finden mögen.

Gewiß ist eine neue Lehre oder Weltanschauung noch lange kein Gesammtbedürfniß.

Da ist vor Allem die große Masse derer, für welche das Christenthum oder auch nur der bloße Gottesglaube ein Gegenstand des Gemüthsbedürfnisses ist. Diese befinden sich noch in der mythologischen Geistesphase. Es ist eine Forderung ihrer geistigen Beschaffenheit, den Weltgrund -- um nur den wichtigsten Zug jeder Religion hervorzuheben -- als persönliche Macht zu denken, an deren objektive Existenz sie glauben. Denn ganz offenbar ist die Religion der Ausfluß und Ausdruck einer bestimmten, primitiven geistigen Veranlagung und deßhalb eine noch lange nicht überwundene innere Potenz. Da eine kritische Philosophie uns jedoch lehrt, eine nähere Bestimmung des Weltgrundes sei für unsere geistige Organisation nicht erreichbar, so können wir die Religion als Täuschung eines idealen Bedürfnisses der menschlichen Phantasie betrachten, nämlich des Bedürfnisses, sich über die gegebene Welt zu erheben. Auf einem Hinausgehen über die thatsächliche Welt, in welcher Form es auch geschehe, beruht ja alle höhere geistige Thätigkeit. Die Täuschung aber, welche der Religion zu Grunde liegt, besteht eben darin, daß eine bloße Phantasieanschauung für eine reale Wahrheit gehalten wird. Thatsächlich kann die Mehrzahl der Menschen unter den fortgeschrittensten Nationen selbst -- wenn auch nur verhältnißmäßig wenig Glaubensstarke unter ihnen sich befinden -- sich psychologisch noch nicht über diesen Irrthum erheben, sei es in Folge eines Überwiegens der Phantasie über die Reflexion, sei es, daß die Reflexion auf diesem Gebiete niemals eine Rolle bei ihnen gespielt hat, ihre religiösen Instinkte niemals eine Erschütterung erlitten haben. Würde man derartig Organisirten zumuthen, über den religiösen Standpunkt hinauszugehen, so wäre die sichere Folge davon, daß sie noch tief unter denselben hinabsänken, um allen und jeden Halt zu verlieren.

Aber nur deßhalb, weil die Religion thatsächlich eine der großen Menge homogene Weltbetrachtung bildet, besteht sie und wird sie wohl noch lange fortbestehen. Sobald hingegen das Phantasie- und Glaubensbedürfniß, welches sie befriedigt, in den Menschen erlöschen sollte, so wird auch sie aufhören und durch keine Macht aufrecht erhalten werden können. Es ist deßhalb eine ganz sinnlose Redensart, wenn man, wie dies so oft geschieht, behauptet, die Religion _müsse_ fortbestehen. Das ist nicht anders, als wenn man sagen wollte, die Kunst müsse fortbestehen, hier aber sieht jeder, daß nur von einem _Können_, nicht von einem _Müssen_ die Rede sein darf. Aber ebenso wie die Kunst nur so lange fortbestehen wird, als der schöpferische und ästhetische Trieb im Menschen rege ist, vermag auch die Religion nur so lange aufrecht erhalten zu bleiben, als Menschen in ihr inneren Halt finden, an ihre objektive Wahrheit glauben.[1]

Wenn jeder Freidenkende, jeder Anhänger der Lehre von der Fortschritts- und Vervollkommnungsfähigkeit der menschlichen Natur auch hoffen und annehmen wird, daß die modernen Kulturvölker, als die obersten Repräsentanten der Menschheit, dereinst in ihrer Gesammtheit aus der religiösen Phase heraustreten werden, so läßt sich durchaus nicht bestimmen, ob diese bedeutungsvolle Umwandlung schon in einer absehbaren Zeit oder erst in größerer Zeitferne erfolgen wird.

Jedenfalls muß zugegeben werden, daß die Macht des Christenthums, wie groß sie auch immer noch sei, dennoch in einem starken Niedergange, die Zahl seiner Bekenner entschieden im Schwinden begriffen ist. Kein objektiver Beurtheiler des modernen Lebens wird in Abrede stellen können, daß nicht nur ein großer Theil der Gebildeten, sondern auch ein guter Theil der Massen in der Religion keinen Halt mehr findet. Als die Ursache dieser Erscheinung dürfte im Allgemeinen die Abnahme des entsprechenden Phantasiebedürfnisses zu bezeichnen sein, während sie nur bei Wenigen die Folge der Beeinflussung durch echte Philosophie und wahre Wissenschaft und eines Überwiegens der Reflexion über die Phantasie ist.

Bedürfen nun die Aufgeklärten einer neuen Lehre d. h. einer Weltanschauung, welche einen höheren Inhalt an Stelle der Religion setzt? Allerdings sollte eine solche ihnen Bedürfniß sein, aber da zeigt sich, daß die allermeisten von der bloßen Freiheit von der Religion vollkommen befriedigt sind. Ihnen genügt das thatsächlich Gegebene. Ihr Interesse reicht nicht über das Vorhandene hinaus. Sie wissen nicht, oder wollen es nicht wissen, daß es noch andere Beziehungen giebt, als die zu dem durch die Erfahrung Gebotenen. Es giebt für sie kein Weltproblem, keinen höheren Ausblick und darum fehlt auch der höhere Gesichtspunkt für das Leben und die Lebensführung.

Nach einer anderen Lehre oder Weltanschauung werden deßhalb nur jene Freidenkenden Verlangen tragen, welche ungleich jenen Seichtlingen mit der bloßen Glaubenslosigkeit sich nimmermehr begnügen, weßhalb sie eher noch mit den Gläubigen zu sympathisiren vermögen, als mit den bloßen Atheisten, weil jene doch noch andere Beziehungen als die zur gegebenen Welt kennen und ein Höheres über sich sehen, während diese den Blick nicht über die Wirklichkeit erheben und jeder Ehrfurcht für etwas über das Gegebene Hinausragendes entbehren.

Ist die Religion auch nur eine naive und illusorische Weltanschauung, so ist sie doch eine Weltanschauung, durch die alle Dinge in einem höheren Zusammenhange betrachtet werden. Es ist deßhalb mit der Beseitigung der Religion nicht schon Alles gethan. Wird die Religion als Irrthum erkannt, so treten für den tieferen Geist die Fragen, auf welche sie eine vorläufige Antwort ertheilt, nur um so gewaltiger hervor, und das Verlangen nach einer Anschauungsweise macht sich geltend, welche statt auf Träumen und Illusionen, auf der Grundlage des Wissens, der Erkenntniß, der Wahrheit oder doch einer unvergleichlich größeren Wahrscheinlichkeit, als die der religiösen Deutung und Auslegung der Welt es ist, sich erhebt. Soll unser Leben eine höhere Bedeutung erlangen, so müssen wir es mit etwas über uns Stehendem verbinden; soll ein mächtiges Vervollkommnungsstreben uns erfüllen, so muß ein höchstes Ziel uns vorschweben, dessen Idee gleichsam das Centralfeuer unseres Geistes bildet.[2]

Die Religion erweckt in dem Menschen, indem sie ihn über die Wirklichkeit emporhebt und einerseits mit dem persönlich gedachten Weltgrunde ihn verbindet, andererseits auf eine ideale Zukunft ihn hinweist, hohe und schöne Gefühle; die Grundfrage unseres Problems lautet deßhalb: vermögen aus einer höheren Weltbetrachtung, wie die Erkenntniß im Gegensatze zum Glauben sie schafft, nicht erhabene und begeisternde Gefühle gewonnen zu werden, welche jene der religiösen Weltbetrachtung an Werth ebenso überragen, wie die Weltanschauung, der sie entsprossen, die religiöse Weltanschauung an Werth überragt, und die dem Leben eine höhere Weihe geben, unseren Bestrebungen eine mächtige Perspektive eröffnen?

Es versteht sich von selbst, daß die bloßen Atheisten diese Möglichkeit -- die subjektive wie die objektive -- in Abrede stellen. Die Thatsache aber, daß eine ansehnliche Reihe von Versuchen, eine derartige Welt- und Lebensanschauung zu begründen, zu verzeichnen ist, und daß jede dieser Anschauungsweisen von ihrem Urheber wenigstens mit lebendigem Gefühle ist verfaßt worden und diesen befriedigt hat, ist wohl der beste Beweis, daß für _manche_ Naturen nicht nur das Bedürfniß nach einer neuen Lehre, sondern auch die Möglichkeit einer solchen besteht, und nur daß für _manche_ Naturen, welche zur Geistesfreiheit durchgedrungen sind, jenes beides besteht, soll behauptet werden. An sie hat derjenige zu denken, der mit unserem Problem sich beschäftigt, an sie hat er das Wort zu richten.

Es frägt sich nun, _worin_ man das Neue, Vollkommenere erblicken, _worin_ man Befriedigung finden wird. Uns persönlich können die uns bekannten Versuche, eine neue Weltanschauung zu begründen, nicht völlig genügen. Für uns harrt jene Frage also noch der Beantwortung, die wir selbst zu finden und zu begründen suchen müssen, indem wir hierdurch auch andere anzuregen hoffen.

Fußnoten

[1] So schief wie die Behauptung, die Religion müsse bestehen bleiben, so unhaltbar sind die Gründe, mit welchen man diese Behauptung gewöhnlich zu stützen pflegt. So soll die Religion vor Allem die Grundlage der Moral bilden. Sie ist dies jedoch in so geringem Grade, daß man mehr und mehr die Nothwendigkeit einsieht, in den Volksschulen einen Moralunterricht einzuführen, und Frankreich gebührt der Ruhm, mit dieser wichtigen Neuerung bereits Ernst gemacht zu haben. Unter deutschen Philosophen ist es _B. Carneri_, welcher in seinem Werke »Entwickelung und Glückseligkeit« S. 415 ff. für den Moralunterricht in der Schule eingetreten ist. Eine edle Moral wird durch die Religion, so lange Furcht vor der Strafe der Hölle oder die Aussicht auf himmlischen Lohn als Antriebe wirken, nicht hervorgebracht werden. Wie aber steht es mit dem sittlichen Einflusse der Religion, wenn nun gar der Glaube im Schwinden begriffen ist? Der Glaube aber kann nicht künstlich in den Gemüthern festgehalten werden, er erwächst aus der individuellen Veranlagung des Menschen, daher die Religion niemals eine feste Grundlage der Sittlichkeit bildet. Diejenigen, welche die Religion ihres poetischen Inhaltes wegen -- der überdies sehr überschätzt wird -- vertheidigen, sind offenbar keine aufrichtigen Freunde der Wahrheit. Sehr richtig bemerkt über diesen Punkt _M. Guyau_ ~»L'irréligion de l'avenir« (Paris 1886)~. ~Préface p. XIX~:

»~Aujourd'hui, où l'on en vient à douter de plus en plus de la valeur de la religion pour elle-même, la religion a trouvé des défenseurs sceptiques, qui la soutiennent tantôt au nom de la poésie et de la beauté esthétique des légendes, tantôt au nom de leur utilité pratique. Il se produit par moments dans les intelligences modernes une revanche de la fiction contre la réalité. L'esprit humain se lasse d'être le miroir trop passivement clair où se réflètent les choses; il prend alors plaisir à souffler sur sa glace pour en obscurcir et en déformer les images ... Pour notre part nous sommes loin de rejeter la poésie et nous la croyons excessivement bienfaisante pour l'humanité, mais à la condition qu'elle ne soit pas dupe de ses propres symboles et n'érige pas ses intuitions en dogmes ... La poésie est souvent plus philosophique non seulement que l'histoire, mais que la philosophie abstraite; seulement, c'est à la condition d'être sincère et de se donner pour ce qu'elle est. -- Mais, nous diront les partisans des »erreurs bienfaisantes«, pourquoi tant tenir à dissiper l'illusion poétique, à appeler les choses par leur nom? N'y-a-t-il pas pour les peuples, pour les hommes, pour les enfants des erreurs utiles et des illusions permises? A coup sûr, on peut considérer un grand nombre d'erreurs comme ayant été nécessaires dans l'histoire de l'humanité; mais le progrès ne consiste-t-il pas précisément à restreindre pour l'humanité le nombre de ces erreurs utiles?~« Von dem Versuch einer Aufrechterhaltung der Religion als bewußter Illusion wird später die Rede sein. -- Einer häßlichen Perfidie endlich machen diejenigen sich schuldig, die für das Fortbestehen der Religion zu Gunsten der »Armen und Elenden« sprechen. Nach diesen Menschenfreunden ist die Freiheit von Religion ein Privilegium der Gutsituirten, während das »niedere Volk«, welches von der Doppellast der Arbeit und Noth gedrückt wird, im religiösen Irrthum erhalten werden muß, damit es nicht den letzten Trost und Halt und -- auch nicht die Geduld verliere. Daß statt einer Niederhaltung der Massen durch die Illusionen der Religion an eine Reform ihrer Lage gedacht werden müsse, durch diese Erwägung werden jene Philanthropen nicht beunruhigt.

[2] Mit Recht bemerkt _W. M. Salter_, der edle Moralprediger von Chicago, im Hinblick auf die bloßen Atheisten, in einer seiner neueren Reden, betitelt: »~The Duty Liberals owe their Children~«. [»~A Lecture before the Society for Ethical Culture of Chicago. Nov. 1886.~« Wir citiren nach S. 4 des uns vorliegenden Separatabdruckes]: »~The liberal spirit in the world is simply a possibility. The vainest and emptiest person is one who thinks, that with the rejection of the old creeds, he has reached the end-all and be-all of wisdom. If he has not something else to give color and tone, and substance and purpose to his life, such a liberal is apt to be as thin and flat in his mental and moral life, as juiceless as any a man you can well find. Liberalism in religion simply means that the old order is breaking up but it is not itself the soil, that has been ripped up by the plow, but in which the seed of a new harvest are yet to be sown.~« Salter spricht allerdings von einem einseitig moralischen Standpunkte aus, allein seine Worte sind in diesem Falle völlig zutreffend.

~II.~

Wie aus dem Gesagten hervorgeht, wird das geistige Ideal der neuen Lehre in einer Übereinstimmung des Denkens und Fühlens bestehen. Einen Gegensatz zu diesem monistischen Ideale bildet die Anschauung jener Gruppe von Atheisten, denen zu Folge der Freidenkende der religiösen Vorstellungen und Empfindungen sich nicht enthalten, sondern fortfahren soll, sich ihnen hinzugeben, ob auch mit dem vollen Bewußtsein, daß sie rein subjektive Gebilde seien und keinerlei Anspruch auf objektive Bedeutung zu erheben vermögen. Es knüpft sich diese Anschauung bekanntlich vornehmlich an den Namen _A. F. Langes_. Nach ihm sind Metaphysik, Kunst und Religion ein Ausfluß des synthetischen, dichtenden Triebes im Menschen und bilden eine Ergänzung zu dem in der Erfahrung Gegebenen. So wenig, wie die Gebilde der Dichtung der Wirklichkeit entsprechen, so wenig besitzen Religion und Metaphysik realen Werth, so daß im Grunde beide im Begriffe der erstgenannten aufgehen, eine Auffassung, welcher jeder, der weder Gläubiger noch Metaphysiker ist, beistimmen wird. Wenn _Lange_ jedoch meint, daß wir, wenn wir religiösen und metaphysischen Vorstellungen keinen realen Werth mehr beimessen, dennoch in ihnen Erhebung finden sollen, so wird der unbefangene Beurtheiler stets einwenden, daß ein derartiges Verfahren jeder höheren Berechtigung entbehre. Nun müssen wir allerdings hinzufügen, daß _Lange_ die religiösen Vorstellungen allegorisch, als dichterische Symbole ethischer Wahrheiten aufgefaßt sehen wollte. Genau betrachtet aber ist der dichterische Werth jener Symbolik doch nur ein geringer und was die Wahrheiten, welche die Religion enthalten soll, anbetrifft, so hat es damit ein eigenes Bewandtniß und können wahre Ideen wohl besser aus einem anderen Borne geschöpft werden.[3]

Unsympathischer noch, als _Langes_ Begründung der Aufrechterhaltung der als illusorisch erkannten Religion, ist diejenige, welche in dem anonym erschienenen und posthumen Werke »Religionsphilosophie auf modern wissenschaftlicher Grundlage[4]« dargelegt ist. Während für _Lange_ die religiösen Vorstellungen doch den Werth tiefsinniger Symbole haben, so gelten sie dem Verfasser jenes Werkes nur als Illusionen, die man aber nicht unterdrücken soll, weil sie wohlthätige Illusionen sind und einem Phantasiebedürfnisse entsprechen. Auch wahrhaft wissenschaftliche Aufklärung dürfe Jemanden, der eine rege Phantasie besitzt, nicht hindern, sich dennoch religiösen Vorstellungen hinzugeben, die er als Illusionen erkannt hat.

Der Mensch ist nämlich nach unserem Verfasser »überwiegend weder ein sinnliches, noch ein vernünftiges Wesen, sondern nach wissenschaftlicher Ausdrucksweise ein phantasirendes d. h. er bildet Vorstellungen aus Anlaß der Empfindungen, aber diese verhalten sich meist zu denselben wie Illusion und Hallucination, wenn man genau zusieht. Vernunft hat er nur in dem formalen Sinne, daß er letzte Principien setzt, aber diese denkt er überwiegend in der Weise der Phantasie, sie stimmen nicht mit der genauen Wahrnehmung, und diese läßt sich auch nicht formal aus ihnen herleiten. Diese Phantasieauffassung aber erscheint ganz instinctiv, sie ist offenbar eine überwiegende Lebensäußerung der physiologisch-psychologischen Beschaffenheit des Menschen«.

Vermöge dieser geistigen Organisation ist es eine Neigung des Menschen, die der sinnlichen Wahrnehmung entrückten Ursachen mythologisch, als persönliche Wesen aufzufassen. Und dieser Zug sei in der Menschheit nicht nur einmal gewesen, wir stehen vielmehr alle noch mehr oder weniger lebhaft unter seinem Einflusse, »nur daß in uns, was sich einst als Evidenz göttlicher Macht gab oder als Offenbarung und Abzeichen einer solchen, zwar ähnlich noch so auftaucht, aber durch die Vorstellungen, welche eine lange Entwickelung genauer Wissenschaft hervorgerufen hat, sofort paralysirt wird.« Bei dieser Stelle fällt vor Allem auf, daß der Verfasser der Meinung zu sein scheint, es gebe unter den Gebildeten keine Gläubigen mehr, welche die Religion für objectiv wahr hielten, sondern alle Gebildeten haben dieselbe als Illusion erkannt, fahren aber -- wenigstens die Meisten unter ihnen -- dennoch fort, sich in ihren Vorstellungskreisen zu bewegen, weil es ihrer Phantasie so behagt. Wir halten diese Anschauung aber für durchaus falsch. Erstens ist auch unter den Gebildeten der Glaube noch keineswegs erloschen, zweitens dürften unter den Aufgeklärten wohl nur die Allerwenigsten aus Phantasiebedürfniß religiösen Gedanken sich ergeben, weil dieses Phantasiebedürfniß keineswegs eine so große Rolle im Menschen unserer Zeit spielt, wie der anonyme Verfasser annimmt. Wenn der Verfasser meint, daß ein Mensch, dem nach seiner ganzen geistigen Constitution die religiöse Auffassung natürlich ist, sich gänzlich physiologisch-psychologisch ruiniren würde, wenn er an Stelle derselben die wissenschaftliche setzen wollte, so müssen wir hinzufügen, daß ein derartig organisirter Mensch überhaupt nicht für das Wissen, sondern für den Glauben geschaffen sein wird, womit wir aber die Meinung des Verfassers wohl nicht treffen werden, der seinen leitenden Gedanken in dem -- nebenbei bemerkt höchst dilettantisch komponirten Werke -- in den verschiedensten Variationen zum Ausdrucke bringt. Wie die Lerche zu Grunde gehen oder wenigstens ihre Freudigkeit verlieren würde, wollte sie ihren Singtrieb unterdrücken, ebenso der Mensch, wenn er seine religiösen Vorstellungen unterdrücken wollte, denn die wissenschaftliche Auffassung darf die religiösen Vorstellungen in ihrer unmittelbar psychologischen Art nicht aufheben wollen, wie wir nicht den Versuch machen dürfen, nicht Farben zu sehen, nicht Töne zu hören u. s. w., obwohl wir überzeugt sind, daß Farben, Töne u. s. w. nicht existiren. »Wie man sich geistig ruiniren würde und zwar ganz nutzlos, wenn man kopernikanisch und nicht ptolemäisch die Weltkörper auch _sehen_ wollte, so ruinirt man sich geistig, wenn man die sich immer wieder aufdrängenden nächsten Vorstellungen über jene geistigen Erscheinungen unterdrücken und durch die wissenschaftlichen ersetzen wollte. -- Die Einbildungskraft als Grundzug des Menschen darf man nicht stören, in ihr muß sich sein unmittelbares Leben entfalten und ausgestalten, in ihr drückt sich seine geistig angeborene Art aus, durch Empfindungen innerlich erregt und von da aus zu Strebungen und äußeren Handlungen bewegt zu werden. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

»Der Mensch darf nicht glauben, daß er es mit bloßem Wissen und strengem Anschluß an genaue Erfahrung aushalte; er muß ein großes Gebiet haben, wo er frei d. h. ohne solchen Selbstzwang idealisirt und braucht daher entweder Kunst in freier Weise wie sie ihm gerade individuell, oder Poesie oder Aberglauben oder Religion. -- Wenn Jemand durch blaue Farbe seines Zimmers besonders angeregt wird zur Thätigkeit oder zum Denken, so soll er sich dieser Anregung hingeben, wenn Jemand durch die Vorstellung, ein Schutzgeist oder ein Gott wache über ihn, besonders getröstet und gestärkt wird, so soll er sich derselben nicht entziehen u. s. w.[5].«

Offenbar sind die Vorstellungen und Ideale von geistiger Vervollkommnung sehr verschieden. Wir unsererseits betrachten die Fürsprache des anonymen Verfassers zu Gunsten eines schroffen Dualismus zwischen Verstandes- und Phantasieleben, wobei der Verstand negirt, was die Phantasie behauptet, und umgekehrt; seine Fürsprache zu Gunsten der Trennung der verschiedenen Geistesgebiete, zu Gunsten der intellektuellen Gewissenlosigkeit und des bewußten Illusionismus für vollkommen verwerflich und sehen darin nichts anderes als einen geistigen Epikuräismus der schlimmsten Art. Verwundert, ja, mit Widerwillen dürfte der Gläubige von einer Beschäftigung mit religiösen Vorstellungen ohne den Ernst innerer Überzeugung, bloß weil man sie angenehm und schön findet, hören; mit nicht geringerem Widerwillen wird aber derjenige, der auf dem entgegengesetzten Standpunkte steht, der wahre Freidenker, bei dem die Erkenntniß so zu sagen in Fleisch und Blut übergegangen ist, von jener Theorie sich abwenden; denn nicht um das bloße Wissen handelt es sich, sondern darum, daß der Wissende von der gewonnenen Erkenntniß sich auch innerlich durchdrungen zeigt, daß sein gesammtes Denken davon Zeugniß ablegt. Der Freidenkende, welcher diesen edlen Namen verdient, wird, statt seiner Phantasie Wanderungen in das Reich der religiösen Illusionen zu gestatten, vielmehr in der Erkenntniß selbst eine Grundlage für erhabene Gefühle zu finden trachten, und in dieser Weise Gedanken und Empfindungen, Verstand und Gemüth in Uebereinstimmung zu bringen suchen. Also nicht einer charakterlosen Vereinigung von Aufklärung und Aberglauben ist das Wort zu reden, sondern einer Lebendigmachung der Erkenntniß durch das Gefühl. Diese Versöhnung zwischen Wissen und Empfinden herbeizuführen, ist, wie wir bereits hervorhoben, die Aufgabe einer neuen Weltanschauung.

Fußnoten