Part 2
Von der großen Masse Ausnahme-Männer, die Würde genug besitzen, sich ihr Haus selbst zu gründen und es pflichtgemäß auch selbst zu erhalten, hört man oft bewunderungsvoll sagen: »er hat sich ein armes Mädchen geheirathet!«
Erstens: Ist denn eine Menschenseele absolut nichts werth? Und besitzt die Frau an sich nicht schon all die Eigenschaften, die der Mann absolut gebraucht? Sie bezahlt mit ihrem #ganzen Sein# schon genug Entrée für den Eintritt in das zweifelhafte Glücksinstitut der Ehe. Der Mann sollte mal nachrechnen, was er zu bezahlen hätte, wenn er nicht verheirathet wäre! Da kommt erst: Ein sogenanntes Verhältnis, das Geld kostet. Eine Wirthschafterin, die hoch bezahlt wird, und die lange nicht so rechnet, als eine Frau, die ihre eigenen Interessen vertritt. Eine Ausbesserin der Wäsche und Garderobe und diverse Vereine, in denen er seine freie Zeit verbringt, weil er kein eigenes Haus besitzt. Kurz -- man sieht, der Mann ist #viel besser# in der Ehe »versorgt«, als die Frau, die die größeren Lasten übernommen! --
Zu den weiteren naiven Eigenschaften der Herrn Männer gehört auch die, ihre Untugenden auf Rechnung der Weiber zu setzen.
»Sie« hat ihn betrogen -- #deshalb# hat er sich dem Trunk ergeben, #deshalb# hat er sich in den Strudel des Lebens gestürzt.
Weil #die Frau# die Wirthschaft vernachlässigt -- geht er in die Kneipe. Weil #die Frau# nicht geschäftstüchtig ist, verdient er nichts u. s. w. Ergo: gäbe es keine Weiber, es liefen lauter männliche Engel herum.
In Ausreden sind die Männer überhaupt fabelhaft gewandt und im Abwälzen ihrer Fehler auf andere virtuosenhaft.
Die ekelhaftesten aller männlichen Specien aber sind diejenigen, die ewig heulen.
Unter Thränen schwören sie Treue. Unter Thränen brechen sie dieselbe und versprechen Besserung bis zum nächsten Mal.
Unter Thränen geben sie der Frau einen Versöhnungskuß und küssen unter Thränen lächelnd das holde Lieb zweiter Garnitur. Und dann die freimüthigen Geständnisse, die sich mit ahnungsloser Unverschämtheit zusammen finden!
Man höre:
»Ich bin sehr jähzornig -- #deshalb# muß ich eine sanftmüthige Frau bekommen.«
Nein, Herr der Schöpfung, #deshalb# mußt du hübsch Selbsterziehung üben und Dir hübsch manierlich diese heillose Untugend abgewöhnen, nicht aber über das Haupt einer Sanftmüthigen ergehen lassen. Oder: »Ich bin ewig mürrisch und verdrießlich, #deshalb# muß ich eine heitere Frau bekommen.«
Ich möchte sehen, wessen Heiterkeit ein ewiger Griesgram nicht verscheucht! --
Nun geben sich eine ganze Masse kreuzbraver Männer, die ihr Lebtag nichts Böses thun könnten, für Herzensbrecher u. s. w. aus und renommieren mit Unthaten, die ihr ästhetisches Gefühl schon nicht zuließe, um »männlich« zu erscheinen. Was für Lob für die Allgemeinheit hierin liegt, kann sich ein Jeder wohl ausmalen! --
Die Neuzeit hat noch eine Art Männer herangebildet: Rhetoriker.
Am allerschlimmsten ergeht es denjenigen Frauen, die jene Sorte von Maulhelden geheirathet haben. Ganz besonders wenn sie in politischen Versammlungen von gleichen Rechten faseln, um sich dort Weihrauch zu streuen. Sie haben erwiesener Maßen weder Herz für ihre Familie noch Verstand genug, irgend Jemanden zu beglücken. Ihre erheuchelte allgemeine Menschenliebe ist nichts weiter als die Sucht, sich bewundern zu lassen, als die geistige Koketterie, sich reden zu hören, denn in Wirklichkeit lieben die »Volksbeglücker« einzig und allein nur sich selbst und sind im eigenen Hause der rasende Roland. Von dem Elend der Ehefrauen, die sich durch die Zungen-Gymnastik der »Beglücker«, der »Kämpfer für Freiheit und Recht«, haben bethören lassen, ist nicht zu erzählen.
Man versetze sich in die Lage einer Frau, die ihren Gatten salbungsvoll der »Menge« predigen hört, wobei er in Ethik überfließt und in Achtsamkeit und Ehrlichkeit einzig dasteht, und die genau weiß, daß seine Handlungsweisen dem entgegen laufen, und daß er alle die Laster und Untugenden, die er öffentlich beklagt und verwirft, im hohen Maße selbst besitzt! Im Hause »rettet, rennet, flüchtet« alles, wenn er sich zeigt, weil man ihn fürchtet, »draußen« ist er ein Mann der Humanität, ein Engel ohne Flügel, der herabgekommen, um dem Unterdrückten zu seinem Rechte zu verhelfen.
Ist das alles nicht werth, aufgezeichnet zu werden? Vielleicht halten unsere Herren einmal Selbsteinkehr und sie werden nicht zu kurz dabei kommen.
Eine Ungerechtigkeit, an der allerdings der Mann nicht schuld ist -- die sich aus unserer gesellschaftlichen Lage ergiebt -- ist es auch, daß des Weibes Stellung vom Manne bedingt wird.
So kommt es, daß eine zur Gräfin erhobene Magd mehr gilt, als eine vollendete Dame, die einen in bescheidenen Verhältnissen lebenden Mann geheirathet hat.
Die Frau fällt oder steigt durch die Heirath, dem Manne läßt man Rang und Würde, er mag wählen, wie es auch sei.
Warum kann sich das Weib ihre Stellung nicht selbst bestimmen, wenn sie die Fähigkeit dazu besitzt? -- Unsere Frauen aber sind -- besonders in kleinbürgerlichen Kreisen -- sehr gern geneigt, in dem Manne »aufzugehen«.
Es ist fast lächerlich, wie viel manche Damen auf Titulatur geben. Der ärgste Schuft, der neben der Schufterei noch etwas gelernt hat (Schufte sind fast immer intelligent zum Nachtheil ihrer Mitmenschen), hat, sobald er einen »Rang« bekleidet, Chancen, denn Fräulein Soundso drückt gelegentlich mal ein Auge zu, bei der fraglichen Moralität ihres Zukünftigen, wenn sie von da ab Frau Ober-Soundso sich nennen kann.
Man beobachte mal die Kaffee- und sonstigen Gesellschaften, in denen die Vorstellungen ja eine so wichtige Rolle spielen! Vor allem liebt es die Wirthin, mit ihren Eingeladenen zu glänzen. Oftmals mit der größten Nichtachtung vor der Person, die sich zufällig emporgeheirathet hat, im Herzen, ruft sie -- wenn volltönend -- mit gehobener Stimme deren Aushängeschild aus.
Putzig war es, als eine Dame ein Fräulein =Dr. ph.= einer Appellationsgerichtsräthin vorstellte. Der Tonfall besorgte alles! »Frau Ober--appellations--gerichts--räthin ....« Einige Töne tiefer: »Fräulein =Dr.= S.«
Die hübschen Augen der Philosophin lachten mich an.
»Ja, was wollen Sie,« tröstete ich, »Sie haben nur sechs Buchstaben vor Ihrem Namen, die Sie sich noch dazu mühselig erarbeiten mußten, und diese Dame stolzirt mit 26 solcher herum, die ein anderer auf ihr vergoldetes Schild getragen!« -- Und die Titelsucht ist nicht nur in den Kreisen des Scheins, sie reicht bis zur Frau Ober-Straßenfegerin hinab.
So kommt es also, daß die socialen Verhältnisse die Frauen dahin bringen, daß sie mit ihren Männern prahlen, obwohl sie vielfach wissen, daß sie dem Charakter nach mehr sind, als diese.
Gradezu »gefährlich« -- im komischen Sinne, sind auch diejenigen Männer, die von ihren Frauen »nicht verstanden« werden.
Ich kannte ein Ehepaar, wo der Mann freilich diverse Vocabeln mehr wußte, als die Frau, der auch dickbändige wissenschaftliche Werke geschrieben und Forschungsreisen gemacht hatte. Aber seiner Frau gesunder Menschenverstand und ihr köstlicher Humor standen doch turmhoch über seiner griesgrämigen Gelehrsamkeit, und doch war sein ewiges Seufzen: »Dieses Weib ist nicht bedeutend genug, meine Bedeutung zu verstehen!« Als er sich aber einmal in die Tinte hineingeritten hatte, war »dieses Weib« bedeutend genug, der Geschichte eine andere Wendung zu geben, und in den Tagen der Noth war sie »das treue Weib«, seine »Stütze«, sein »Halt«. Die ganze verkrochene Feigheit des »bedeutenden Mannes« trat hier grell zu Tage.
Das sind so komische Figuren, Kleinigkeiten, die charakterisiren helfen, etwa wie die Momentaufnahmen auf den Straßen, wo wir jetzt auch Gigerl, als Zärtlichkeits-Aeußerungen, auf den Arm junger Mädchen gestützt, sehen. Früher führte sehr galant der Ritter seine Dame, #die Frau stützte sich auf den Mann#. Heute lassen sich die Männer von jungen Mädchen führen. Symbolisch gar nicht übel! --
Und nun -- das ist ein Punkt, der mir auf der Seele brennt! Ist es wirklich ein Fortschritt der Cultur, daß das Vaterrecht herrscht? -- Ich glaube der Irokese, der im Urzustande nach seinem Herzen das Mutterrecht gelten ließ, war weiter wie wir; dem Weibe gehörte das Kind, das sie trägt, gebärt. Es ist ihr Fleisch, ihr Blut und ihr Geist. Am besten kann man diese Wahrheit bei denjenigen beobachten, die außerehelich geboren haben.
Beim schlechtesten Weibe dringt selbst in der verzweifeltsten Situation das Muttergefühl durch. Sie bringt ein Kind zur Welt in Schimpf und Schande, in Noth und Elend. Und doch, in Lumpen gehüllt, trägt sie es am Herzen mit sich herum. Der Vater? -- oft weiß er überhaupt nicht, daß er ein solcher ist!!
#Und dies allein spricht von Natur aus der Mutter das Kind zu!#
Weiß er es aber, freut er sich darüber?? --
Das kraftloseste, verlassene Weib arbeitet bis zum letzten Athemzuge für ihr Kind, oder erbettelt sich die Nahrung für dieses. Der Vater will oftmals nichts von seinem Ueberfluß für dasselbe geben. Er ist ganz Genuß, die Mutter ganz Entsagung.
Trotzdem hat der roheste Patron, der zufällig Vater ist, das alleinige Recht über das Kind der Mutter. Wie viel Trunkenbolde und Spieler giebt es nicht, denen das gesetzliche Recht zusteht über die Zukunft des Kindes zu bestimmen! --
Kommen wir nun wieder auf unser eigentliches Thema zurück!
Für die Frauenfrage interessirte sich der Mann bisher:
1) wenn er heirathen will aus beliebigen Motiven;
2) wenn er sich am Weibe »zu berauschen« beabsichtigt;
3) wenn er es loswerden will.
Bei den Frauen aber gab es nur eine Männerfrage, die da lautet: »wo bekomme ich einen?«
Diejenigen Frauen, die durch Schiller und Goethe die männlichen Helden kennen gelernt haben, wissen, daß sie #nur# durch »Dienen« zur #Herrschaft# gelangen (ja freilich!) und geben sich daraufhin zu allem her.
Die Backfische, die Chamisso's Syrup
»Seit ich ihn gesehen, Glaub' ich blind zu sein« u. s. w.
hinhimmeln, die gehen mit einem suggerierten Idealismus in das Eheglück hinein. Freilich, klug ist es nicht, daß unsere Mütter ihren Töchtern all die veralteten Melodien in die Hand geben. Unsere Zeit ist eine andere. Es leben andere Menschen, es sind andere Verhältnisse. Die Töchter dürfen nicht mehr »blind sein«, seit sie ihn gesehen.
Nein, #weil# sie ihn gesehen, muß man ihnen die Augen öffnen!
Nach Chamisso ist ein anderer hehrer Geist herabgestiegen. Und seine gewaltige Stimme sprach:
»Manchen Menschen darfst Du nicht die Hand geben, sondern die Tatze, und ich will, daß Deine Tatze auch Krallen habe.«
Wäre dem so, der Mann und die Frau, beide wären sie glücklicher. Aber es giebt so verschiedene Arten von Weibern, die, obzwar sie in der Welt Bescheid wissen, doch singen:
»Eines Mannes schönste Tugend Ist nicht Keuschheit, noch ists Jugend, Ist nicht Schönheit und Verstand, Ueberfluß an Geld und Land.
Auch nicht Stellung ists, noch Titel, Nicht der Rock, noch bunter Kittel, Dann erst lob' ich mir den Mann, Wenn ich ihn noch kriegen kann.«
Aber die edle Frau, die aus kühler Ferne beobachtet, ohne Herz und ohne Galle sprechen zu lassen, die gleichgültig lächelnd vom hohen Balcon herabschaut auf das Treiben der Männlein und Weiblein, die singt ein anderes Lied, das da lautet:
»Seit Amor sich hat verwundet Mit seinem eigenen Pfeil, Reist er in olympische Bäder Zu suchen dort sein Heil.
Er hat ein krankes Herze, Seit Psyche ihm entfloh, Nicht mag er mehr regieren, Wird nicht des Lebens froh.
Nun aber treibt auf Erden Viel wüsten Spuk und Graus Ein täppischer Geselle, Giebt sich als Amor aus.
Er ist gemeiner Herkunft Und widrig von Gestalt, Verliebt und ganz vertrunken, Mit kahlem Haupt und alt.
Und fahl sind seine Wangen, Und frech der blöde Blick. Betäubend ist sein Treiben, Doch bringt er Keinem Glück.
Die Väter täuscht er Alle, Sie freut der glatte Wicht, Die Mütter aber seufzen: »Das ist der Amor nicht!«
Sie knieen nieder und beten: »O Göttin im Himmelsrund, Gieb Deinen Sohn uns wieder Und mach' ihn wieder gesund.«
Ja, das wäre was, wenn nochmals das alte Reckengeschlecht aufstände, mit ehrlicher Liebe, mit ehrlicher Leidenschaft, mit der Würde, die Ehrlichkeit im Handel und Wandel verleiht, durch die allein das Weib #vor# dem Manne beschützt werden kann. #Von# dem Manne beschützt zu werden, hat sie längst aufgegeben und auch nicht mehr nöthig: unser Jahrhundert ist anders geworden, der schlafende Riese hat sich geregt. Aber -- wenn sie nochmals käme, die goldene Zeit, die Männer erstehen ließe -- so wäre gelöst, #die Frauenfrage#, in der
#Männerfrage#.
Druck von G. Reusche, Leipzig.
[ Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=, #fett#.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,
Seite 5: "ihr" geändert in "ihre" (Er giebt vor, ihre Psyche zu belauschen)
Seite 7: "erhobenenen" geändert in "erhobenen" (vor ihm kniet das Weib mit erhobenen Händen)
Seite 7: "Witzlätter" geändert in "Witzblätter" (unsere Witzblätter mit Studentenstreichen angefüllt)
Seite 10: "in in" geändert in "in" (die Milchwagen in die Stadt gefahren)
Seite 15: "," entfernt hinter "vielen" (mit seinen vielen Arroganzen so hoch über das Weib)
Seite 21: "Überfluß" geändert in "Ueberfluß" (von seinem Ueberfluß für dasselbe geben) ]