Zur freundlichen Erinnerung

Chapter 5

Chapter 53,588 wordsPublic domain

"Hm!--Jetzt!" stieß er plötzlich heraus, nickte etliche Male und ging zuversichtlicher von dannen.

Erst nachdem er in der Tür der Ferkelburg verschwunden war, trat der Bürgermeister aus seinem Haus und heftete die Bekanntmachung der großen Versammlung im Gasthaus "Zur Post" in Greinau in den Kasten.

Am darauffolgenden Sonntag war der Tanzsaal der Postwirtschaft zum Bersten voll. Die Bauern aus der Ganzen Umgebung waren zusammengeströmt. Die bejahende Entschließung der Regierung wurde bekanntgegeben. Die ganze Versammlung brüllte und klatschte begeistert.

"Eine Bahn muß her!" erscholl von allen Seiten. Es gab schwere Räusche.--

Schon nach einer knappen Woche erschienen die Vermessungsbeamten im Dorf und wurden mit ehrwürdiger Neugier empfangen, durchschritten die Felder, steckten weiß-rote Stangen auf, kamen immer näher an die Häuser heran, zogen eine Linie durch Reinalthers Garten, über das Gehöft Söllingers hinweg.--

Die Hände in den Hosentaschen, schweigend und gewichtig, sahen ihnen die Bauern erst zu.

"Also so ging's?" fragte der Gleimhans einen Vermesser.

"Jawohl, ganz so," erwiderte dieser und war schon wieder weiter.

"Hm!" brummte der Gleimhans, hob den Kopf und sah den Reinalther verwundert an.

"Müßt also mein halber Garten weg?" sagte dieser und sah den Geometern nach. Die entfernten sich mehr und mehr. Weiter ging es--über das Gehöft Söllingers hinweg.

"Hoi--Hoi! Da wär demnach das ganze Bürgermeisterhaus im Weg!" stieß jetzt der Reinalther fast entsetzt heraus und sah betroffen, mit offenem Maul, auf Gleimhans.

"Das wird sauber!--Gibt's nicht!" schrie dieser wütend und straffte seine Gestalt.

"Und--schau nur!--durch meine schönsten Gründ' gings'!" rief der Reinalther, als eben die Vermesser die Linie durch seine Weizenlande zogen, fäustete seine Hände drohend und polterte gleichfalls: "Gibt's nicht!"

Und auf der Stelle gingen die beiden zum Söllinger hinauf und erhoben lebhaften Einspruch gegen dieses Vermessen.

"Dein Haus soll weg! Dein Haus, Söllinger! Und unsere schönsten Gründ' wollen's!" schrie der Reinalther aufgebracht. Und der Gleimhans, der sich schon wieder ermannt hatte, sagte drohend: "Sollen kommen und mir durch meinen Acker bauen!"

Der Bürgermeister war wutrot his hinter die Ohren, schlug gewaltig in den Tisch und rief ebenfalls: "Gibt's nicht! Gleich morgen fahren wir zum Bezirksamtmann!"

Als die beiden Bauern aus dem Bürgermeisterhaus traten, stand Michael am Rande des Hügelrückens und sah den Vermessern gespannt nach.

"Hm,--der Michl!" brummte erstaunt der Reinalther.

"Den freut's, weil's ihm keine Gründ' nehmen können!" stieß der Gleimhans wütend heraus.--

Das ganze Dorf war am nächsten Tag in Aufruhr. Man riß überall die weiß-roten Stangen heraus, zerbrach sie. In aller Frühe schon fuhren Söllinger, der Gleimhans und Reinalther nach Greinau zum Bezirksamtmann und verlangten schimpfend eine sofortige Regelung der Angelegenheit. Sie schrien, fluchten und drohten zuletzt auf das gefährlichste. Der Bezirksamtmann rannte erregt in seinem Arbeitszimmer auf und ab, gewann aber dann die Ruhe wieder und zuckte mit den Achseln: "Ja, meine Herren, wenn keiner durch seinen Acker die Linie laufen läßt, dann gibt es eben keine Bahnstrecke!"

"Wir pfeifen auf eine!" riefen die drei Bauern zugleich.

Der Bezirksamtmann machte ihnen klar, daß der Beschluß der Regierung nicht rückgängig gemacht werden könne, daß doch angemessen entschädigt werde und daß "die Herren der betreffenden Instanzen doch keine Kindsköpfe seien und doch--"

"Das ist uns gleich! Die Bahn kommt nicht! So nicht!" fuhr ihm der Söllinger ins Wort und vertrat starrköpfig den Standpunkt seiner Begleiter.

Schließlich nach langem Hin und Her wurde beschlossen, eine Versammlung der "Eisenbahninteressenten" einzuberufen.--

Bis auf die Straße heraus standen am nächsten Sonntag die Bauern, die sich beim Postwirt in Greinau zusammengefunden hatten. Zeitweilig entstand ein gefährliches Gedränge nach der Saaltür. Furchtbar stürmisch ging es zu. Ein Regierungsvertreter war erschienen. Er wurde niedergeschrien, als er betonte, daß "wenn die Abgabe der Gründe nicht gutwillig geschähe, einfach abgeschätzt würde."

Einfach abgeschätzt!--Einfach abgeschätzt!!! Was sollte denn das heißen? Etwa gar, daß einem einfach die Äcker genommen würden!?

Die Bauern wurden wild, standen auf, richteten sich drohend gegen die Tribüne. Die auf der Straße Stehenden zwängten sich gewaltsam herein.

"Gibt's nicht!" schrie der ganze Chorus. Ein ungeheurer Lärm erhob sich. Alles machte Miene anzugreifen. Der Bezirksamtmann fuchtelte völlig ratlos mit den Armen. Der Assessor schwang wehrlos die Glocke. Es half alles nichts. Der Lärm wurde nur noch ärger.

"'naus!--'naus! 'naus aus unserm Gau!" brüllte der ganze Saal. Saftige Grobheiten flogen den Herren da droben an den Kopf.

Als nichts mehr auf die tobende Schar einwirken konnte, schrie der Bezirksamtmann heiser: "Die Versammlung ist geschlossen!" und verschwand eiligst mit dem Herrn von der Regierung. Die rebellischen Bauern wurden allmählich wieder ruhiger, betranken sich weidlich und hielten die Sache für gewonnen.

Ohne besonderen Zwischenfall verliefen die nächsten Tage.--

In seinem Turmzimmer ging Michael auf und ab, blieb hie und da stehen, hob rasch den Kopf und lächelte schmal. Und früh am Morgen, him und wieder, schritt er üher die nebeligen Felder.--

Inzwischen wurde der Bau der Eisenbahn im Landtag zum Beschluß erhoben. Soweit ließ man sich noch ein, daß man Söllingers Haus umkreiste. Dafür aber lief jetzt die Linie durch seine besten Getreideäcker. Und war beschlossene Sache! Nächstes Frühjahr sollte die Strecke in Angriff genommen werden.

Beim Söllinger liefen die amtlichen Schriftstücke über die abzutretenden Grundstücke ein. Die Bauern standen vor den Anschlägen mit verbissenen Gesichtern, brummten und fluchten. Eine furchtbare Erbitterung hatte das ganze Dorf ergriffen. Aber es half alles nichts. Alles nichts!

Und die Schätzpreise waren spottniedrig.

Es gab kein Zurück mehr. Mißmutig fügten sich die Bauern.

"Eine Bahn! Eine Bahn! hat alles geschrien!--Jetzt haben wir's!" polterte der Gleimhans beim Lechl; "ich hab's immer schon gesagt: es kommt nichts Besseres nach! Wo man mit der Regierung zu tun hat, ist Schwindel!"

Und die anderen, die am Tisch saßen, sahen ihn finster an. Finster und besiegt, überlistet und ratlos.

"Müssen ja doch! Hilft uns alles nichts!" brummte der Reinalther und spuckte wütend aus. Und manchmal sagte ein Verärgerter: "Ach was,--ich verkauf mein ganzes Zeug dem Jürgert und mach' ihm einen saftigen Preis! Dann kann der sich mit der Regierung herumstreiten!"

Kaum einer--so schien es--hörte darauf. Aber dann wiederholte es sich des öfteren. Schüchtern klang es erst. Allmählich erzeugte es nachdenkliche Gesichter und dann--dann sah man eines Tages den Reinalther aus der "Ferkelburg" herausgehen. Keiner fragte nach dem Grund dieses Besuches. Zwei-, dreimal wiederholte er sich und wieder einmal fuhr die schwarze Kutsche aus dem Tor der "Ferkelburg". Reinalther und Michael saßen hinten drinnen, der Italiener auf dem Bock. Es ging Greinau zu.

"Warum hast deine Alte nicht mitgenommen?" fragte Michael im Dahinfahren.

"Brummt und brummt bloß! Hat keinen Verstand für so was!" antwortete der Bauer mit leichtem Ärger.

"Hat's doch schön jetzt! Kann sich in die Stub'n sitzen und privatisieren!" meinte Michael fast ermunternd.

"Freilich! Das hab ich ihr doch schon hundertmal gesagt! Aber sie meint halt immer: 'Der Feschl! Der Feschl--wenn er von der Fremd' kommt--könnt' eine schöne Metzgerei aufmachen und hat jetzt auf einmal keine Heimat mehr!" redete der Reinalther in die Luft, als spräche er mit sich selbst.

"Aber Geld hat er! Einen Batzen Geld!" erwiderte Michael darauf. Und der Bauer nickte: "Das mein' ich eben auch!"

Nachdem sie das Notariat verlassen hatten, lag auf Michaels Gesicht eine freudig erregte Farbe. Er lud den Reinalther sogar zu einem richtigen Schmaus ein und der wurde nach dem zweiten Krug schon gesprächig.

"Wären noch andere im Dorf, die ihr Zeug anbringen möchten, sag ich dir, Michl, brauchst dich bloß dranmachen," schwatzte er vertraulich über den Tisch.

"Brauchen bloß kommen,--alle nimm' ich!" gab ihm Michael zurück.

Über Reinalthers Gesicht huschte eine wohlige Röte. Offen und richtig freundschaftlich betrachtete er seinen ehemaligen Knecht.

"Weiß dich noch, wie'st mein Knecht warst, Michl," erzählte er, "hätt'st dir auch den Buckl krumm gearbeit', wenn dein Amerikaner nicht ins Gras 'bissen hätt'!"

Und Michael nickte und schloß mit einem: "Jaja, so ist's auf der Welt hie und da!" Dann fuhren sie wieder ins Dorf zurück.

Der Reinalther durfte in seinem Haus bleiben und saß von jetzt ab Tag für Tag beim Simon Lechl in der Wirtsstube. Oft kam er angeheitert nach Hause. Dann brummte sein Weib: "Wirst noch grad so wie der ersoffene Jürgert."

"Hab'ns doch, Alte! Hab'ns doch!" gröhlte dann der Bauer bierselig heraus.--

V.

Wie immer bei solchen Gelegenheiten, griff die Veränderung der Sachlage mehr und mehr in das Leben eines Teiles der Dörfler ein. Die Kleinhäusler fristeten hierzulande ein hartes Dasein. Ihre kärglichen Feldstreifen trugen wenig. Jeder von ihnen war gezwungen, zur Erntezeit und während des Winters, beim Holzen, bei den Bauern auf Taglohn zu arbeiten. Dieser Verdienst war, wie man sich auszudrücken pflegte, "zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel."

Diesen Leuten kam der Bahnbau gelegen. Es gab erträgliche Löhne dort.

"Da hab ich meinen Batzen Geld, basta!--Und brauch' nicht bitten und betteln bei den Bauern," äußerte sich der Fendt, dessen baufällige Hütte am Dorfausgang stand. "Ich bleib' überhaupt nicht mehr da," sagte der Rieminger, "ich verkauf mein Häusl dem Jürgertmichl und mach' eine Wäscherei auf in der Stadt. Da hab' ich auf niemand aufzupassen!"

Und so geschah's auch.

Kaum ein halbes Jahr rann him, da hatte Michael auch das Fendthäusl und den baufälligen Reishof gekauft. Die beiden Häusler bekamen eine saftige Summe und konnten in ihren Häusern bleiben. Michael verlangte nicht einmal Mietzins von ihnen. Das trug sich herum von Ohr zu Ohr. Mit einer gewissen Achtung sprach man davon.--

Der Bahnbau war in vollem Gange. Durch Gleimhansens Äcker trampelten die Arbeiter, dicht hinter dem Söllingergehöft, in den Weizenlanden wühlten sie den Kot aus der Erde. Mit verbissenen Gesichtern schauten die Bauern auf ihre verwüsteten Äcker. Viel Fremdvolk war unter den Arbeitern. Italiener und Böhmen. Es gab Einbrüche, nächtliche Raufereien und Messerstechereien.--

Die Söllingerin bekam die letzte Ölung. Nach einigen Tagen starb sie. Das ganze Dorf und viele Bauern aus der Umgebung standen um das Grab. Die Glocken trugen ihr Läuten durch die Luft.

Der Reinalther sagte beim Leichenschmaus im Wirtshaus zum Söllinger: "Was hast' von dei'm Leben, Bürgermeister? Deine zwei Söhn' sind ja doch schon städtisch, da will keiner mehr an die Mistgabel und an den Pflug!"

Finster sah der Söllinger ins Leere und erwiderte kein Wort. Seine zwei Söhne, der Martin und der Joseph, saßen da und schwiegen gleichfalls. Zwei flotte Burschen waren sie, sahen gar nicht mehr bäurisch aus, studierten in der Stadt und hatten runde, selbstbewußte Gesichter, auf denen ein überheblicher Stolz glänzte.

Der Bürgermeister stand auf einmal auf und ging.

Es war Erntezeit. Die Straße führte an den ehemaligen Reinaltherfeldern vorbei und an der Breite des Ignatz Reis. Da arbeiteten die Knechte Michaels und der Italiener beaufsichtigte sie. Er war ein schweigsamer, finsterer Geselle mit unheimlich tiefglimmenden Augen. Wenn er wo auftauchte, griffen alle unwillkürlich hastiger zu. Der Söllinger blieb einen Augenblick stehen, biß die Zähne aufeinander und schlug, weitergehend, den Hirschgriffstock fester auf den Boden.--

Den Michael sah man jetzt tagsüber fast nie. Nur am Abend stelzte er üher den Söllingerhügel, blieb manchmal stehen und sah wie prüfend der Bahnlinie nach. Gebückt ging er. Er trug meistens einen breiten Mantel und hielt einen Stock in der Rechten.

Manchmal wenn ein Heimkehrender an ihm vorbeiging, lag ein verglommenes Lächeln auf seinen faltigen Zügen. Plötzlich aber verfinsterten sie sich, sein Kopf senkte sich und hastig trottete er weiter.

Einmal traf es sich, daß er dem Söllinger begegnete. Er blieb fest stehen und sah dem Bauern lauernd in die Augen. Es war gerade an der Stelle, wo der Bahndamm sich hob, nah' am Bachbrücklein.

"Grad' deine schönsten Äcker haben's hergenommen," sagte Michael.

"Hm!" nickte der Bürgermeister und wußte nicht, wo er hinschauensollte.

"Wirst alt jetzt, Söllinger! Gib's her, dein Anwesen!" begann Michael wieder.

Der Bauer schüttelte nur den Kopf störrisch und ging wortlos weiter. Aber dieses Mal sah Michael noch tief in der Nacht die Stubenfenster im Bürgermeisterhaus leuchten.

Einige Tage später geriet der Heustadel hinter dem Söllingerhof in Brand und nur mit Mühe konnte die Feuerwehr das Überschlagen der Flamme aufs Bauernhaus verhindern.

Der Italiener Rotti und der Böhme Zdrenka hatten es auf die Bürgermeister-Magd abgesehen. In einer Nacht erstach der Böhme den Italiener. Zwei Gendarmen von Greinau kamen. Unruhig wurde es im Söllingerhaus.

Der Bürgermeister schlug wütend auf den Tisch: "Ich mag nicht mehr!" Und resolut rannte er zur Tür hinaus, geradewegs auf die "Ferkelburg" zu.

Michael empfing ihn freundlich und ruhig. Er bot eine Summe, daß der Bauer seine Augen weit aufriß.

Der Handel kam zustande.

Der Söllinger gab sein Bürgermeisteramt auf und zog zum Schmied.

"Verkauf deine Kalupp'!" sagten jetzt jeden Abend der Reinalther und er in der Lechlstube zum griesgrämigen Gleimhans.

"Hast deine Ruh' und einen schönen Batzen Geld und der Michl läßt dich drinn, solang als du willst!" bekräftigte der Lechlwirt.

"Solang' ich leb, nicht!" gab der Gleimhans einsilbig zurück und schüttelte beharrlich den Kopf.--

Michael kaufte das Schmiedanwesen. Der Schmied zog in die Stadt.--

"Kauft das ganze Dorf," brummte der Gleimhans, "und hat uns zuletzt alle in der Mausfall'n!"

"Soll er, wenn's ihm gefällt!--Er kann sich's leisten, zahlt gut und ist nicht zuwider!--Läßt mit sich reden!" verteidigten der Wirt und der Reinalther den Herrn von der "Ferkelburg". Und dumpf nickte der Söllinger.--

Aber am nächsten Tag trat Michael ins Reinaltherhaus. Der Bauer empfing ihn aufgeräumt und freundlich, ohne jegliches Arg.

"Im Frühjahr müßt's raus! Hab' einen Pächter," sagte da auf einmal Michael kurz.

Dem Bauern gab es einen Ruck. Er sah ihn groß an.

"Bringt aber sein Zeug schon übernächst's Monat!" sagte Michael wieder und wandte sich zum Gehen.

Der Reinalther wurde jäh bleich. Sein Kinn bebte. Seine Unterlippe rutschte etwas herunter.

Hilflos und bittend sah er auf Michael.

"Geht's gar nicht, daß wir die paar Kammern hinten kriegen könnten und bleiben dürfen!" brachte er kleinlaut heraus.

Michael schüttelte schweigend den Kopf.

"Gar nicht?"

Michael drehte sich um, sah ihn kalt an: "Könnt's ja am End zum Schmied einzieh'n. Obenauf sind noch drei Kammern. Nachher seid's mit'm Söllinger beieinand! Überleg' dir's und laß mir's wissen!"

Und ehe der Bauer etwas erwidern konnte, war er draußen.

Eine Weile stand der Reinalther wie besinnungslos da. Dann ging er zum Lechlwirt hinüber.

Der Gleimhans und der Söllinger saßen da. Schüchtern und ganz von außen herum erkundigte sich Reinalther nach den Räumlichkeiten im Schmiedhaus.

"Mußt' raus?" fragte der Lechl.

Stumm nickte der Befragte.

"Ins Schmiedhaus?"

"Schier," erwiderte der Bauer und setzte hinzu: "Hat einen Pächter fürs Frühjahr."

Gleimhansens Augen glänzten listig. Er hob den Kopf und lächelte schadenfroh.

"Vom Schmiedhaus ist gar nicht mehr weit ins Gemeindehaus!" warf er boshaft him.

Der Söllinger rückte sein Gesicht empor.

"Ja--!" sagte der Gleimhans, ihn messend, "samt eurem Geld jagt er Euch in die Mausfall'n, wenn's ihm paßt!"

Die beiden anderen Bauern saßen dumpf da und starrten schweigend ins Leere. Der eine erhob sich, und der andere. Und beide gingen ohne ein Wort.--

VI.

Wiederholte Male hatte Michael zum Gleimhans geschickt. Er selbst kam, der Italiener kam, die Magd kam. Es half alles nichts. Der Bauer gab sein Anwesen nicht her.

"Wenn nochmal einer kommt, kann er seine Knochen vor der Tür zusammenkratzen!" brüllte er das letztemal wild. Es kam keiner mehr.

Michael hatte nach und nach das ganze Dorf aufgekauft. Die Gehöfte und Häuser lagen brach und still da. Die ehemaligen Besitzer waren entweder fortgezogen, gestorben oder arbeiteten gegen Taglohn auf der Bahnstrecke. Die Grundstücke wurden von den Ferkelburgleuten beackert, bebaut und bewirtschaftet.

Im ehemaligen Reishof logierte eine Hausiererin und führte einen Kramladen. In den sonstigen Häusern wohnten Arbeiter oder auch die früheren Besitzer, gingen in der Frühe heraus und abends hinein. Die Mauern bröckelten ab, die Gärten verwahrlosten, alles lag verödet und ruinenhaft da.

Michael selbst saß den ganzen Tag in seinem Turmzimmer, üher die Protokolle und Urkunden gebeugt, die er beim jedesmaligen Kauf eines Anwesens vom Notariat ausgehändigt bekam. Nur der Italiener und die Magd, die ihm das Essen brachte, sahen ihn. Alt und verfallen sah er aus. Zusammengeschrumpft war seine Gestalt.

Nachts, wenn der Mond silbern üher die Talmulde glitt, stand er am Turmfenster und überschaute seinen Besitz. Dann glomm manchmal in seinen Augen etwas wie Triumph. Nur wenn sein Blick auf das Gleim-Anwesen fiel, wurde es finster auf seinem Gesicht.--

Aus der Erde brach der Frühling. Die Magd kam zum Reinalther und brachte die Botschaft, der Bauer solle sich zum Ausziehen bereitmachen.

"Jaja, in Gott's Nam'! Sagt's nur, ich will ins Schmiedhaus!" gab ihr der Bauer als Antwort mit in die "Ferkelburg".

Am selben Tag trottete Michael eilsam auf den Kramladen zu und verschwand scheu in dessen Tür. Die Krämerin schrak förmlich zusammen, als er so dastand.

Aus einem grauenhaft gelben Gesicht starrten verkohlte Augen auf sie.

"Gib mir zwei Kalbstrick, Irlingerin, aber gute!" sagte Michael kurz.

Die Krämerin legte einen Packen Stricke hin.

Michael prüfte sorgfältig einen um den andern.

"Die!" stieß er hastig heraus, warf das Geld him und nahm zwei Stricke.

"Tragen denn gleich zwei Küh' diesmal?" fragte die Krämerin endlich.

Aber Michael nickte nur und ging. Eilig stelzte er durchs Dorf.

Als er die Tür seines Turmzimmers zuschloß, zog er die Stricke aus seiner Brusttasche, prüfte sie nochmal und legte sie in den Schrank, schloß ab. Offenbar befriedigt atmete er auf, trat an den Schreibtisch und las wieder die Urkunden.--

Gegen Abend kam der Pfarrer, der lange nicht mehr dagewesen war, in die Ferkelburg. Mißtrauisch und etwas verwirrt empfing ihn Michael.

"Das Kloster Sankt Marien möchte den Söllingerhof, Michl?" sagte nach einer Weile Schweigens der Geistliche.

Michael schüttelte den Kopf.

"Ist nicht recht, daß alles so tot daliegt, Michl!" ermahnte der Pfarrer.

"So?" sagte Michael hartnäckig, und seine Falten zuckten fast höhnisch.

"Wirst ein alter Mann, Michl! Was tust mit den vielen Häusern!" murmelte der Geistliche hilfloser.

"G'richt halten!" stieß Michael gedämpft heraus und heftete seine Blicke funkelnd auf den Pfarrer. Der stand beklommen da und atmete schwer.

"Unser Herrgott wird dir Dank wissen, Michl!" fand er endlich das Wort wieder und erinnerte abermals an den Söllingerhof.

"Steht zu arg in der Sonn'", murmelte Michael noch leiser und unheimlich heraus, "und wirft mir den ganzen Schatten in die unteren Stuben!"

Er stand gespannt da, bewegte sich nicht. Der Geistliche wurde plötzlich blaß, als er das eingeschrumpfte, gelbe Gesicht im matten Licht sah.

Jetzt funkelten Michaels Augen wieder und seine Lippen gingen auf und zu:

"Hat einmal meinem Vater gehört, nicht?! ... Und der Söllinger hat es ihm abgekauft, nicht?! ... Und--der Gleimhans hat ihm Geld 'geben. --Vieh hat er dazumal geschachert, der Söllinger, nicht?! Und-und hat's meinem Vater langsam abgekauft--langsam, nicht?! ... War ja ein Hüttl, damals--nicht!?--"

Er hielt inne. Der Pfarrer stand wortlos da.

"Und nachher hat er das Saufen angefangen, mein Vater, nicht?!" keuchte Michael fortfahrend heraus: "Und dann haben's meine Mutter ins Gemeindehaus, und--und nachher haben sie sie auslogiert--ist gestorben, weil unsere Kuh krepiert ist! Hat's nicht mehr erleben können ... nicht!?"--

Jetzt stockte er plötzlich, hielt die Worte zurück und erbleichte. Wieder bohrte er seine mißtrauischen Blicke in das Gesicht des Pfarrers. Eine Unruhe fieberte auf seinen Falten.

Auf einmal, ohne des Pfarrers zu achten, stieß er heraus: "So dunkel ist's da unterm Turm wie im Gemeindehaus bei meiner Mutter dazumal....!?"--

"Michl!" rief der Pfarrer nur mehr. Dann ging er.--

Michael stand eine Zeitlang in der gleichen Haltung da, dann zuckte er erschreckt zusammen und brach in seinen Lehnstuhl.

Später rief er den Italiener. Es war schon Nacht draußen. Er steckte die Kerze an und zog die dichte Gardine vor.

"Hast immer geladen in der Sandgrube, nicht?" fragte er den Italiener.

Der nickte.

"Bist krank, Guisepp'! Mußt Ruh' haben," redete Michael gut auf ihn ein und ließ ihn nicht aus den Augen.

Guiseppe stand verlegen und verständnislos da.

"Das Söllingerhaus da drüben, Guisepp', das soll dir gehören, wenn'st --wenn'st nochmal sprengst, bloß mehr dies einzige Mal!" sagte Michael aschfahl und öffnete seinen Schreibtisch, legte drei Pulversäcke aufs Pult.

Der Italiener starrte ihn groß und schweigend an.

Als dies Michael bemerkte, sprudelte er fast bittend und hastig heraus: "Haben dich nie erwischt, Guisepp', nie! Hast dich immer rausgemacht--wirst's auch diesmal fertigbringen!"--

Und dann setzte er ihm den Plan auseinander.

Mitten im Gespräch horchte er jäh auf. Fern aus dem Dorf hörte man Wagengeknatter und "Hü"-Rufe. Der Gleimhans fuhr die Habe Reinalthers ins Schmiedhaus.

"Geh!" sagte Michael hastig zum Italiener. Mechanisch verließ dieser das Zimmer.--

Bis tief in die Nacht hinein schleppten der Gleimhans, der Söllinger und die Reinalther-Eheleute die Möbel in die wackeligen Kammern im ersten Stock des Schmiedhauses.

Es war eine windige, unruhige, stockdunkle Nacht. Manchmal trug eine Windwelle Laute und abgerissene Sätze herüber zur "Ferkelburg".

Michael ging zitternd im Turm auf und ab. Auf und ab. Von Zeit zu Zeit neigte er sich über den Schreibtisch und schrieb noch ein Wort oder einen Satz auf einen aufgeschlagenen Bogen Papier.

Jetzt riß der Wind die Schläge der Kirchturmuhr auseinander. Michael tappte ans Fenster, hob die Gardine ganz schmal beiseite und band den Strick an den Fenstergriff.

Und sah scharf und spähend ins Dunkel hinaus.

Da krachte es furchtbar. Ein riesiger Feuerklumpen brach in der Gegend des Schmiedhauses schleudernd in die Schwärze der Nacht.--

Und um die runde Anhöhe hetzte eine lange Gestalt auf die Ferkelburg zu.

Michael faßte den Strick und legte seinen Hals in die Schlinge. Dann brach er ins Knie und hob seine ineinandergerungenen Hände zur Höhe. Sank.--

Mit jener grauenhaften Blässe, die oft jäh von furchtbarer Ahnung Erschütterte befällt, sagte der Pfarrer am andern Tag vor der Leiche des Erhängten: "Alle Dinge sind eitel!" Und hob den Blick gen Himmel.

Auf dem Schreibtisch lag ein Testament, das Guiseppe die ganzen Besitzungen und Hinterlassenschaften Michaels zuerkannte.--

EIN DUMMER MENSCH

I.

Seltsam sind Menschenwege. Kalt ist der Winter, heiß der Sommer, die Zeit läuft weg und Alter und Verbitterung hocken in den Knochen, eh' man sich richtig umsieht. Und schließlich--was ist's gewesen, wenn man nachdenkt?--

Misere, Misere, Misere!

Zufall ist alles--und nichts.--