Chapter 7
»Vor einigen Jahren war ich in Fray Bentos und sah mir das dortige Fleischextrakt-Institut an. Großartig! -- Sie treiben euch vor den Augen einen Ochsen in die Retorte und liefern ihn euch nach zehn Minuten in eine Büchse konzentriert, die ihr in die Hosentasche steckt -- wäre das Weltmeer nicht da, dem ihr euer Erstaunen zurufen könnt, ihr wüßtet nirgends damit hin, Philipp. Und vor vierzehn Tagen war ich bei Liebig in München -- annähernd derselbe Geruch und Duft wie bei dir, nur noch ein bißchen metallischer; -- Kristeller, da können wir einander gleichfalls gebrauchen -- ich liefere dir das Vieh, und du lieferst mir den Extrakt; -- Philipp, ich gebe dir mein Ehrenwort darauf, in drei Jahren machen wir den Herren zu Fray Bentos eine Konkurrenz, die sie zu Thränen rühren soll.«
»O Augustin, welch einen prächtigen Humor hast du aus deinem neuen Vaterlande mit herübergebracht!« rief der Apotheker; »aber --«
»Humor?« fragte der Oberst sehr ernsthaft und setzte fast schreiend hinzu: »Zahlen! Zahlen! Die eingehendsten, unumstößlichsten Berechnungen: Hier! -- da!«
Er hatte bereits seine Brieftasche hervorgezogen und las im Fluge dem Freunde einige in der That sehr eingehend auf die Fleischextrakt-Fabrikation Bezug habende Zahlenreihen her. Herr Philipp Kristeller rieb sich in immer größerer Erstarrung die Stirn:
»Die Schwester -- die Schwester sollte das hören,« murmelte er, und jetzt lächelte auch der Gendarmerie-Oberst endlich wieder einmal und meinte:
»Ich werde natürlich schon beim Mittagsessen deine gute Schwester mit unseren Plänen bekannt machen und sie für dieselben zu gewinnen suchen. Ich bin überzeugt, sie wird sich nicht so steif-verwundert wie du hinstellen und nur meinen Humor loben.«
»O du großer Gott!« seufzte Herr Philipp.
Die Ziege, welche neben den zwei Kühen im Stall unter der besonderen Obhut Fräulein Dorette Kristellers ein wohlbehagliches Dasein lebte, überging der Oberst ohne weitere Bemerkung; dagegen sprach er im Hühnerhofe kopfschüttelnd:
»Dieses Vieh hier erinnert mich stets merkwürdig lebhaft an meine selige Mutter.«
Er hatte die Brieftafel in der Hand behalten und machte von Zeit zu Zeit einige Notizen. Fast zwei Stunden brachten die beiden Herren auf ihrer Inspektionsreise zu, und als sie ins Haus zurückkehrten, fanden sie den Landphysikus in der Offizin auf sie wartend und ein Gläschen vom berühmten Kristeller'schen Magenliqueur vor ihm auf dem Tische.
Mit gewohnter Jovialität begrüßte der Doktor die eintretenden beiden Herren. Man schüttelte sich bieder die Hände im Kreise und erkundigte sich gegenseitig auf das Herzlichste nach der Nachtruhe und dem sonstigen Befinden.
»Was für einen Wochentag schreiben wir denn heute eigentlich?« fragte der Oberst, seine Brieftasche immer noch in der Hand tragend.
»Das wird Ihnen der Barbier, welcher da eben hinrennt, am besten sagen können,« lachte der Doktor Hanff, »der Pflug geht den Bauern über die Wochenstoppeln; es ist Sonnabend --«
»Und morgen besuche ich zum erstenmale seit einem Menschenalter den deutschen Gottesdienst wieder!« rief der Oberst Dom Agostin Agonista entzückt. »Übermorgen reise ich ab.«
»August? -- Augustin?« rief erschrocken Herr Philipp Kristeller.
»Herr Oberst?« sprach erstaunt Fräulein Dorette Kristeller.
Aber der Landphysikus, sein Glas energisch zurückschiebend, rief:
»Unter allen Umständen unmöglich, Colonel; der Förster Ulebeule begegnete mir, er ist mit einer Einladung zum Mittagsessen auf den Montag unterwegs; für den Dienstag erbitte ich mir die Ehre; am Mittwoch kommt die Reihe an den Pastor; am Donnerstag -- doch da wollen wir den übrigen Herren nicht vorgreifen; jedenfalls lassen wir Sie unter keinen Umständen so rasch fort, Oberst. Wer einen seltenen Vogel wie Sie in den Händen hat, der hält ihn, so lange es möglich, fest. Geben Sie mir noch einen >Kristeller<, lieber Kristeller, und nehmen Sie auch einen, liebster Oberst; Sie scheinen noch gar keine rechte Ahnung davon zu haben, welche guten und angenehmen Dinge die hiesige Planetenstelle produziert.«
Dreizehntes Kapitel.
Der Förster, welcher in diesem Augenblick in die Thür trat, vernahm, was besprochen wurde, und redete sofort mit den Übrigen heftig und dringend auf den alten, tapferen, südamerikanischen Krieger ein. Dieser aber wehrte sich stumm nur durch Gesten, zu gleicher Zeit das ihm kredenzte Spitzglas mit dem Kristeller'schen Magenbitter gegen das Licht haltend und durchäugelnd.
Jetzt setzte er den Becher an die Lippen -- schlürfte -- hielt ein -- probierte noch einmal mit tieferer Andacht -- goß den Rest mit einer gewissen wilden Inbrunst die Kehle hinunter -- reichte sofort das Glas zu neuer Füllung aus der dickbäuchigen grünen Flasche hin und rief:
»Bei meiner Seele, das ist ja wirklich endlich -- endlich einmal ein G e t r ä n k!«
»Nicht wahr?« fragten der Förster und der Doktor ernsthaft, während der Apotheker »zum wilden Mann« verschämt-glücklich der Schwester über die Schulter lächelte.
»Bei den Göttern, das ist ein Getränk, Philipp! Und du bist wahrhaftig davon der Erfinder? Und du hast das Rezept dazu unter Schloß und Riegel? -- Und du sitzest hier noch immer in diesem verlorenen Winkel und drehst dem Doktor da seine Pillen und rührst ihm seine Mixturen zusammen? -- Fräulein Kristeller, ich erbitte mir sogleich nach Tisch ein Privatgespräch! Meine Herren, dies ändert die Sachlage vielleicht; lieber Forstmeister, im Laufe des Nachmittags werde ich mir erlauben, Ihnen Nachricht zu geben, ob ich Ihre Einladung annehmen kann oder nicht.«
»Bravo!« riefen der Landphysikus und der Förster; der Apotheker sagte:
»Du bleibst also ohne Bedingung, Lieber; und es war auch durchaus nicht nothwendig, uns einen solchen Schrecken in die Glieder zu jagen. Es war nicht freundschaftlich und brüderlich, Augustin.«
»Ich bitte noch um einen >Kristeller<,« erwiderte der Oberst. »Philipp, auf dein Wohl! Ich versichere dich, ich habe dich lieb gehabt; aber jetzt tritt der Respekt zur Liebe; -- meine Herren, Sie haben diese dreißig Jahre durch einen großen Mann in Ihrer Mitte gehabt, ohne es zu wissen. Philipp, dein Schnaps ist wunderbar, was aber meine Abreise betrifft, so ist Unsereiner stets mit Gewehr über auf dem Marsche, und man muß eben ein Weib nehmen und ein bürgerlich Geschäft treiben, um das Stillsitzen zu erlernen. Bei den hohen Göttern, dieses hier ist vielleicht noch rentabler als Fray Bentos! Kristeller, wir werden drüben den feurigen siebenten Himmel durch einen Destillierkolben auf die Erde herunterholen. Fräulein Dorette, wir werden die Sonne und den Blitz auf Flaschen ziehen und unsere Preise darnach stellen. Kristeller und Agonista -- Sao Paradiso, -- Provinz Minas Geraes, Kaiserreich Brasilien! Mit diesem Getränk unter dem Arm kommen wir durch bei allen Nationen rund um den Erdball. Wir kommen durch, Senhora, und wie gesagt, nach Tisch erbitte ich mir ein behagliches Plauderviertelstündchen im Hinterstübchen, Senhora Dorothea.«
Sie lachten alle, nur das Fräulein nicht. Was das Lachen des erfindungsreichen Hausherrn anbetraf, so machte das einen unbedingt ratlosen und hilflosen Eindruck. Ein Mensch aber, der ein Leben hinter sich hatte, wie der Oberst Agonista, durfte in der That die Erde mit anderen Augen sehen und mit anderen Händen greifen als die Hausgenossenschaft und die Hausfreunde der Apotheke »zum wilden Mann«, und konnte auch, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden, von den anderen ganz naiv verlangen, daß man sich auf seinen Standpunkt stelle. Der Oberst Dom Agostin Agonista konnte wirklich seinen festen unerschütterlichen Entschluß darlegen, noch einmal, und zwar nach einem Menschenalter, das Glück und Schicksal seines Freundes Philipp Kristeller auf die andere Seite zu drehen, und zwar ohne auf irgend welche Einwürfe und Gegenvorstellungen zu hören.
Da sich jetzt die Hausflur mit allerlei Kunden füllte, so begleitete der tapfere alte Soldat allein den Förster und den Doktor auf ihrem Wege ins Dorf zurück. Er ging zwischen ihnen, jeden unterm Arme haltend, und wer den Dreien begegnete, stehen blieb und ihnen nachsah, der mußte es zugeben, daß jeder von den Dreien in seiner Art »gut« war. Dazu aber hielt sich das Gespräch der Herren am alten Philipp und seinem »Kristeller«; und selbst auf diesem kurzen Wege erhielt der brasilianische Gendarmen-Oberst noch einige recht nützliche Notizen über die Apotheke »zum wilden Mann« und kam, heiter pfeifend und die reine, frische Herbstluft wohlig einschlürfend zurück -- gerade recht zum Mittagsessen.
Man speiste; man hielt Siesta, -- der Oberst die seinige diesmal in seinem Ehrensessel im bilderbunten Hinterstübchen.
Punkt drei Uhr trat er erfrischt wiederum in die Offizin, um noch einen »Kristeller« zu nehmen. Dann wußte er den Weg in die Küche schon ganz genau und brauchte keinen Führer auf demselben.
»Fräulein Dorette,« sagte er, »jetzt wäre der günstige Augenblick vorhanden. Soeben habe ich den guten Philipp auf seine Materialkammer geleitet, und wir beide, liebes Fräulein, haben hier unten das Reich allein. Kinder, Kinder, ich freue mich kindlich, so familienfreundlich mit euch zusammen zu sein! Und wir bleiben eine Familie -- nicht wahr, wir bleiben e i n e Familie? -- Es ist zu prächtig! Da draußen der deutsche Herbsthimmel, hier innen die deutsche Ofenwärme und -- das liebe Brasilien wie das Land der Verheißung in der Ferne! Senhora, ich erlaube mir, Ihnen meinen Arm anzubieten.«
Er führte richtig die alte, ängstlich über die Schulter zurückblickende Dame in ihre eigene Stube, des Hauses Ehrengemach, und verblieb mit ihr eine gute halbe Stunde drinnen und zwar in dringlichsten Verhandlungen; während der Bruder, um seiner Erregungen wenigstens etwas Meister zu bleiben, in seiner Materialkammer sämtliche Kräutersäcke auf- und abtürmte und sämtliche Schubladen aufzog und zuschob.
Eine halbe Stunde kann selbst dem phlegmatischsten Menschen unter Umständen sehr lang erscheinen; das ist eine bekannte Wahrheit, muß hier jedoch dessenungeachtet wiederholt werden. Dem Apotheker »zum wilden Mann« erschien der kurze Zeitraum s e h r lang, Fräulein Dorette hingegen ging er ungemein rasch vorüber.
Schon öffnete der Oberst ihr höflichst die Thür ihrer Putzstube und -- ließ sie heraus. Er blieb drin! -- Sie hielt sich am Thürpfosten wie von einem Schwindel befallen; -- sie hatte dem braven Kriegsmann einen Knix machen wollen, allein es war ihr nicht möglich gewesen. Während sie aber draußen an der Wand lehnte und wie aus plötzlich erblindeten Augen um sich zu sehen strebte, war der Oberst drinnen leise pfeifend zum Fenster gegangen und hatte es geöffnet und sich drein gelegt.
Da lag er, schwer auf den Ellenbogen, stieß einen schweren Seufzer aus und blickte die Landstraße entlang, zur Rechten und zur Linken hin.
Das Fräulein draußen legte jetzt beide Hände an die Schläfen und stieß gleichfalls einen Seufzer aus und stöhnte dazu:
»Großer Gott, ganz wie ich es mir gedacht hatte! o du lieber Gott, mein armer, armer Bruder!«
Von seinem Fenster aus rief der Oberst einen vorbeilaufenden Dorfknaben an:
»Heda, miin Jung', kennst du den Herrn Förster Ulebeule und weißt du, wo er wohnt?«
»Na?!« fragte der Bengel an der Hauswand empor, entrüstet ob der Naivetät der Frage.
»Gut, mein Sohn. Ich warte hier mit fünf Groschen in der Hand auf dich. Lauf' einmal zum Herrn Förster und bestell' einen schönen Gruß von dem fremden Herrn in der Apotheke, und es würde dem Herrn Apotheker und dem fremden Herrn ein Vergnügen sein, am Montag bei dem Herrn Förster zu essen.«
Der Knabe vom Gebirge rannte und sah im Rennen verschiedene Male zurück, ob der weißköpfige Herr mit dem braunen Gesichte im Fenster auch wirklich Wort halte und mit dem gebotenen Honorar präsent bleibe. Drunten im Hinterstübchen, im Ehrensessel des brasilianischen Obersten, saß Fräulein Dorette Kristeller, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und das Gesicht auf die Hände und ächzte leise:
»Mein Bruder, mein armer Bruder!«
Vierzehntes Kapitel.
Am anderen Tage war Sonntag, ein deutscher Dorf-Sonntag. Die Glocke läutete zur Kirche, und der Pastor Schönlank hatte seine Predigt fertig und bereit. Mit dem Gesangbuch seines Freundes Philipp unter dem Arme und würdig die Schwester des Freundes führend ging auch der brasilianische Oberst Dom Agostin Agostina in die Kirche und zwar in Uniform. Er hatte seinen Mantelsack und kleinen Reisekoffer vollständig ausgepackt und sein Äußeres festtäglich geschmückt. Er trug seine sämtlichen Orden und sah nicht nur martialisch, sondern wirklich prächtig und vornehm aus und störte die Andacht des Dorfes durch seine Erscheinung vollständig. Er sang auch mit. Der Pastor in der Sakristei vernahm ihn über die Orgel, den Kantor und die Gemeinde weg; -- ein so sonorer Baß hatte lange nicht die Wölbung des kleinen Gotteshauses erschüttert. Nach der Kirche hatte der fremdländische Krieger, wiederum Fräulein Dorette Kristeller am Arme führend, so zu sagen die Parade der ganzen Gemeinde abzunehmen. Sie bildete Spalier auf seinem Wege, und gutmütig lächelnd und fort und fort an die Mütze fassend, schritt der Oberst zwischen der Hecke anstaunender Bauerngesichter durch.
Das Dorf sprach heute nur von ihm; Fräulein Dorothea kam aber sehr unwohl aus der Kirche nach Hause und fühlte sich gezwungen, sich zu Bette zu legen und den Rest des Tages darin zu bleiben.
Am folgenden Tage ging der Oberst mit seinem Freunde Philipp zum Förster Ulebeule auf einen Wildschweinkopf. Fräulein Dorette setzte sich vor die Rechenbücher des Hauses. Die Herren in der Försterei waren sehr heiter bei Tische; der Oberst erzählte wieder von der Herrlichkeit seiner neuen Heimat und brachte die Leute aus dem stillen Erdenwinkel fast außer sich durch seine Beredsamkeit und die Farbenpracht seiner Schilderungen. Diesmal forderte er den Doktor auf, mit hinüberzugehen und ein Millionär und kaiserlicher geheimer Hofmedicus zu werden, und schon bei der vierten Flasche hatte der Landphysikus es dem Oberst fest versprochen und durch Handschlag sein Wort besiegelt.
»Mit Ihnen, lieber Pastor, wissen wir weniger da drüben anzufangen,« rief Dom Agostin, »aber wir holen Sie vielleicht doch noch nach, wenn wir uns unsere eigenen Hauskapellen errichtet haben.«
Da hatte der geistliche Herr gelächelt, aber etwas kläglich gesagt:
»Wir sind doch wohl zu einer solchen Emigration ein wenig zu alt, Herr Oberst. Auch würden Sie vorher vor allen Dingen mit meiner guten Frau reden müssen, theurer Herr.«
»Weshalb sollte ich das nicht, wenn sonst die Bedingungen vorhanden sind?« fragte der Brasilianer.
Sie waren ungemein vergnügt bei dem Förster Ulebeule, und erst bei weit vorgeschrittener Dämmerung kamen Philipp und August Arm in Arm und Schulter an Schulter, angeregt und höchst lebhaft heim zur Apotheke.
»Von dem >Kristeller< erbitte ich mir ein Flacon auf den Nachttisch, lieber alter Junge,« sprach der Oberst. »Er entzückt mich immer von neuem, auch nach dem Diner. Pereat Fray Bentos, -- dies hier nenne ich in Wahrheit eine konzentrierte Bouillon! Der Teufel hole alles Rindvieh in den Pampas; -- da wir diesen Feuertrank hier am Orte schon so kochen, wie wird er erst da drüben im Feuerlande ausfallen, Fi--lip--po!«
»De--li--kat!« erwiderte Herr Philipp Kristeller, worauf die beiden Freunde einander dreimal recht herzhaft abküßten.
Sie saßen übrigens an diesem Abend allein im Hinterstübchen, der Oberst und der Apotheker »zum wilden Mann«. Fräulein Dorette ließ sich durch das Hausmädchen entschuldigen und heruntersagen: sie habe arges Kopfweh.
Die beiden Herren ließen sofort hinaufsagen: das thue ihnen sehr leid und sie wünschten von Herzen eine baldige Besserung; -- nachher saßen sie noch bis gegen Mitternacht in der Bildergalerie zusammen und redeten, eingehüllt in Tabaksdampf, von ihrer Jugendzeit.
Als die Uhr Zwölf schlug, stand der Oberst auf und sagte herzlich:
»Du weißt doch nicht ganz, wie gut es mir hier zu Mute ist, Philipp. Wir wollen uns aber auch von nun an nicht wieder von einander trennen, Alter! Wir wollen von jetzt an e i n Schicksal und e i n Glück haben, nicht wahr? Nicht wahr, nicht wahr, es bleibt dabei, Philipp?«
»Es bleibt dabei,« stammelte Herr Philipp Kristeller, und dann ging der Oberst zu Bett. Er kannte jetzt den Weg zu seinem Schlafgemache bereits und brauchte kein Geleit mehr. Das »Flacon« mit dem »Kristeller« nahm er unter dem Arme mit wie am Sonntag das Gesangbuch seines Freundes. Aber vorher hatte er noch den Freund in den Ehrensessel niedergedrückt; und in dem Ehrensessel saß Herr Philipp noch eine Weile in der stillen Nacht und suchte zu überlegen, ehe auch er zur Ruhe ging.
Die Nacht war still, das Haus war still. Eben schlug es ein Uhr, als oben eine Thür knarrte und ein langsamer leiser Schritt die Treppe herabkam. Aus dem Überlegenwollen des Hausherrn im Ehrenstuhl des Obersten war ein ziemlich fester Schlummer geworden. Aus diesem Schlummer wiederum auffahrend, horchte Herr Philipp: da war der gespenstische Schritt an der Pforte des Hinterstübchens:
»Wer ist da?« rief der Apotheker auftaumelnd und mit beiden Händen schwerfällig sich auf die Lehnen des Armsessels stützend.
»Ich bin es, Bruder,« sagte Fräulein Dorette Kristeller, im langen weißen Nachtrock wie eine moralische Lady Macbeth hereinschwankend. »Ich bin es, Philipp; ich habe keine Ruhe mehr im Bette, keine Ruhe im ganzen Hause. Ich glaubte, hier noch einen warmen Ofen zu finden; aber nun ist es mir lieb, daß auch du noch wach bist, lieber Bruder; -- o Bruder, Bruder Philipp, es ist wirklich und wahrhaftig sein Ernst!«
»Sein Ernst? Wessen Ernst?«
»Sein bitterer Ernst! O, ich habe es mir gleich so gedacht, als er dich zuerst so gemütlich auf die Schulter klopfte und ihr alle über seine wilden Pläne lachtet. Er meint es ja vielleicht auch gut mit uns; aber elend macht er uns doch. Philipp, er braucht Geld! er braucht sein Geld, und er ist gekommen, es zu holen!«
Der Apotheker »zum wilden Mann« sah das trostlose alte Jüngferchen plötzlich mit den glänzendsten, verständnisinnigsten Augen an.
»Er braucht sein Geld, und er ist gekommen, es zu holen? Aber Dorette, das wäre ja wundervoll!«
»Wundervoll?! --«
Herr Philipp Kristeller knöpfte mit zitternder Hand, der kühlen Nacht zum Trotze, vor innerster Aufregung die Weste auf:
»Dorette, wenn du Recht hättest! -- herrlich, herrlich wäre es! Aber -- wenn das so wäre, so würde er es mir doch wohl zuerst gesagt haben?!«
»Hat er das denn nicht? und zwar auf jede nur mögliche Weise -- fein und grob!«
Der Apotheker antwortete nichts hierauf. Er ging rasch in dem engen Raume seiner Bildergalerie auf und ab und rieb sich nach seiner Art die Hände und murmelte vor sich hin:
»Der Gute -- der Wackere -- mein Gott, welch eine glückselige Nacht! -- Und ich habe ihn ganz und gar nicht verstanden! O diese Weiber, diese klugen Weiber! Dorette, wenn du recht hättest!«
»Ich habe Recht!« ächzte jetzt das alte Fräulein fast böse. »So setze dich doch und nimm Vernunft an. Was soll denn aus uns werden, Bruder? Du bist diese dreißig Jahre lang deinen Liebhabereien und dem Geschäfte nachgegangen; aber ich habe die Bücher geführt und weiß, wie wir stehen. O, es reicht noch; aber es reicht auch nur gerade hin, -- und, Philipp, ich bin fest überzeugt, er holt nicht nur das Kapital, sondern er kann auch die Zinsen gebrauchen, die Zinsen seit dreißig Jahren!«
»Das vergebe ich ihm so leicht nicht, daß er nicht sofort seinen Wunsch mir klar und deutlich ausgesprochen hat,« murmelte Herr Philipp, der durchaus nicht imstande war, sich zu setzen, sondern der fort und fort auf und ab lief und das Wort der Schwester ganz und gar überhörte. »O August, August, also endlich ist auch für mich die Stunde da, dir auf deinem Wege zum Glücke behilflich sein zu können!«
Von der ganzen Fülle dieser Vorstellung überwältigt, stand er jetzt still, und was er seit nicht zu berechnender Zeit nicht gethan hatte, das that er jetzt: er gab der Schwester einen Kuß -- einen langen, herzlichen Kuß, und dann -- nahm er sein Licht und ging seinerseits in seine Kammer. Er hatte das Bedürfnis, allein zu sein und sich in der Stille und Dunkelheit der Nacht den frohen nahen Morgen und seine erste Begrüßung mit dem Freunde, dem Obersten Dom Agostin Agonista, auszumalen.
Fräulein Dorette stand im Scheine ihres Nachtlichtes mit schlaff niederhängenden Armen und vor dem Leibe gefalteten Händen, blickte hinter ihm her und stöhnte:
»Also da sind wir denn! -- o diese Mannsleute! Was soll aus uns werden? lieber Herrgott, was soll aus uns werden? -- Zu den Pottekudern, seinen neuen Landsleuten, gehe ich für mein Teil nicht mit! Er wäre freilich imstande, uns in aller Güte und Zureden mit Haus und Hof mit sich zu schleppen und uns mitten in der Urwildnis hinzusetzen und eine Schnapsfabrik auf meines armen Bruders Namen und Liqueur zu gründen. Aber er soll mir kommen, der Kehlabschneider, der Scharfrichter, der Menschenschinder, der Henkersknecht. Für alle Freibillets in der Welt geh' ich mit ihm nicht nach seinem Amerika; am Spieße brät er uns doch, wenn er uns drüben hat, und wenn er auch noch so schlau hier am Orte den Gemütlichen, den Vergnügten und den biederen treuherzigen Krieger spielt.«
Der Oberst Dom Agostin Agonista wurde durch das, was im unteren Teile des Hauses »zum wilden Manne« vorging, nicht in seinem Schlummer gestört. Er schlief abermals weit in den hellen Sonnenschein des Dienstags hinein, und die Flasche mit dem »Kristeller« stand auf seinem Nachttische, und auch das Spitzglas, das dazu gehörte, hatte der alte Soldat handgerecht zugerückt. Aber auf dem Stuhle am Bette saß um halb neun Uhr, seit einer Viertelstunde zärtlich lauschend, Herr Philipp Kristeller, das Erwachen des Gastes, Freundes und Wohlthäters erwartend.
»Sobald der Gute erwacht, wollen wir überlegen, in welcher Weise es am angenehmsten und vorteilhaftesten für ihn einzurichten ist,« hatte der Apotheker, auf den Zehen in die Kammer schleichend, geflüstert; und er hatte eine gute Stunde zu warten, ehe der Brasilier die Augen öffnete, sich entsetzlich reckte, gewaltig gähnte und dann, sich überrascht aufrichtend, rief:
»Diablo! bist du denn das, Filippo? Ei, schönsten guten Morgen! aber dieses ist einmal freundlich von dir!«
»Guten Morgen, August. Du erlaubst mir wohl, daß ich dich diesmal wieder August nennen darf; denn ich sitze hier und warte auf dein Erwachen, um dich recht tüchtig abzukanzeln.«
»Abzukanzeln? weshalb? wieso? warum? wofür?«
»Weil du meiner guten Schwester mehr Zutrauen bewiesen hast als mir, August.«
»Ah -- -- -- so!« sprach der brasilianische Gendarmerie-Oberst ungemein gedehnt und legte sich wieder hin -- nämlich mit dem Hinterkopfe in seine Kopfkissen. Nach einer Pause erst fügte er etwas gedrückt hinzu:
»Und nicht wahr, du giebst mir recht? Dein Entschluß ist gefaßt; -- wir gehen zusammen über das Weltmeer, um goldene Berge für uns und unsere Nachkommen aufzuschütten?!«
Herr Philipp schüttelte melancholisch den Kopf.
»Meine Schwester Dorothea und ich doch wohl nicht, aber -- mit dir ist es freilich etwas anderes. Nein, mein teurer August, du wirst wieder allein gehen müssen.«
»Aber das macht mir wirklich einen Strich durch alle meine Berechnungen,« brummte der Kriegsmann verdrießlich.
»Du nimmst unsere besten Wünsche mit hinüber; wir werden in Gedanken stets bei dir sein.«
»Danke!« sagte der Oberst womöglich noch verstimmter.
»Ich habe den Tisch vor deinem Stuhle bereits zurecht gerückt, mein guter August. Meine Hausbücher liegen zu deiner Einsicht bereit; du wirst mit meiner Schwester zufrieden sein, denn sie hat die Bilanz gezogen. Ich hoffe, du wirst finden, daß wir -- meine Schwester und ich -- unser -- mein -- dein Vermögen nach bestem Wissen verwaltet haben.«