Zum wilden Mann

Chapter 5

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»Das Amt, das meine Vorfahren seit mehr als zweihundert Jahren in ununterbrochener Geschlechtsfolge verwaltet hatten -- rühmlich verwaltet hatten, war eines Tages auf mich übergegangen, und ich habe es ausgeübt -- einmal! -- wie gesagt, drei Tage vor jenem Anfall vom Veitstanz, in welchem der da mich auf dem Blutstuhl fand. Sieh, Philipp, d a s w a r e s! und deine Johanne hatte wohl Recht, wenn sie schon lange vor jenem letzten Zusammentreffen dich auf mancherlei an mir aufmerksam machte, was ihr nicht gefiel. Ach Gott, ich wollte, ich könnte es dem armen guten Kinde heute abend auch sagen, wie gut sie mir stets gefiel. Sie ist also tot -- ein Menschenalter tot? ach Philipp, Philipp, du hast es kaum wissen können, wie viel Sonnenschein von ihr ausging, wo sie ging und stand, und wie schwarz und scheußlich mir die Welt in dem schönen Lichte vorkam. Auch verjährt! da wir noch am Leben sind und es uns wohl geht, so wollen wir von uns reden. -- Ich war wunderlich erzogen worden. Mein Großvater August Gottfried Mördling hatte das schlimme Erbamt noch im reichlichen Maße und als finsterer Enthusiast bekleidet; mein Vater hatte dagegen das Glück gehabt, daß in seine ganze, freilich nicht sehr lange Lebenszeit nicht ein einziges Mal die unangenehme Notwendigkeit fiel, die Kammer im Oberstock des Hauses aufzuschließen und mit dem Auge und dem Finger an der Schärfe des breiten Schwertes mit der Jahreszahl 1650 hinauf und hinunter zu fahren. Von meiner Mutter weiß ich wenig zu sagen. Sie war eine kränkliche, verdrossene Frau, und ich habe nur eine Haupterinnerung von ihr, nämlich daß sie eine ausgebreitete Geflügelzucht trieb und das Schlachten der Hühner, Puter, Enten, Tauben und Gänse stets selber besorgte und zwar mit großer Kunstfertigkeit und einer gewissen wilden Energie. Mein Vater, ein sanfter, gebildeter Mann, der Schiller verehrte, Goethe verstand, für Uhland schwärmte und mich erzog, ging bei solchen Exekutionen stets mit raschen Schritten vom Hofe oder aus der Küche weg, indem er murmelte: O du grundgütiger Himmel! -- Mein Vater, Alexander Franz Mördling, war auch gereist, sowohl als Kunst- wie als Naturliebhaber, er war in Frankreich, England und Holland gewesen, sprach recht gut englisch und französisch und erzog mich nur zu gut. Er machte auch mich zu einem gebildeten Menschen, der über Sonnen- und Mond- Auf- und Untergänge zu reden wußte, und vor allen Dingen ein Herbarium anzulegen verstand. Als die echten, richtigen Autodidakten machten wir uns beide unsere Welt zurecht, -- eine Welt, aus der keiner von uns beiden berufsmäßig herausgerufen werden durfte, ohne halb verrückt zu werden und ganz zu Grunde zu gehen. Unser Erbhof lag natürlich außerhalb der Stadt, versteckt im Grün, von uralten Linden überschattet, durch hohe Mauern und ein gewaltiges Thor geschützt -- ein Haus aus dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts, warm im Winter, kühl im Sommer -- ein Generalsuperintendent hätte drin wohnen und seine Predigten abfassen können. Der Schall und Spektakel der Leute draußen drang kaum zu uns; und wenn mein Papa mir unsere eigentlichen Zustände keineswegs vorenthielt, so machte die Kenntnis davon durchaus keinen niederdrückenden Eindruck auf mich. Es lag für den Knaben sogar ein Reiz darin -- man war allein, aber man war auch etwas, was die anderen nicht waren; -- liebes Fräulein, man saß wie ein geheimnisvoller Affe auf der Mauer und grinste die Jungen drüben jenseits des Grabens, die nicht zu grinsen wagten, so zu sagen unheimlich-vornehm an. Sie glauben es mir nicht, Fräulein Dorette, aber es verhielt sich doch so. Da mein Vater in seiner Abgeschiedenheit erträglich behaglich und zufrieden seine Tage verbrachte, so hatte ich um so weniger Grund, mich über mein Schicksal zu beklagen. Wir hatten durch Sommer und Winter unsere kleinen Freuden, -- und Matthias Claudius würde sich sicherlich wohl in unseren Beschäftigungen und träumerischen Grübeleien und Liebhabereien gefühlt haben. Ja, es fällt mir erst jetzt bei: vom alten Wandsbecker Boten hatte mein Alter das Meiste in seiner Natur; -- er konnte es sicherlich nicht ahnen, welch ein Meister Urian in seinem Söhnchen steckte. -- Aber endlich kam ein Winter, in dem mein Vater bei hohem Schnee und hartgefrorenem Boden mit Tode abging; und ich ein mündiger, erwachsener Mensch, der allem, was außerhalb unserer Hofmauer lag und vorging, gänzlich unmündig gegenüberstand, ihn sterben sah.«

An dieser Stelle stand der Erzähler, der Oberst Dom Agostin Agonista auf und ging zum Fenster, um nach dem Wetter zu sehen.

»Es ist das einzige, was einem bei außergewöhnlich unruhigen Gemütsbewegungen hilft,« sagte er zurückkommend und seinen Stuhl wieder einnehmend. »Übrigens hat der Herr Förster recht; es wird klar, und wir werden morgen wohl einen schönen Tag haben. Wo war ich doch stehen geblieben? Ja so, beim Tode meines Vaters und dem, was damit zusammenhing. Ich muß die Herren und das Fräulein also noch eine Weile inkommodieren.«

Sie hatten ihm alle, bis auf den Apotheker, starr und mit immer noch hoch emporgezogenen Augenbrauen auf den Rücken gesehen, den er ihnen zudrehte, als er aus dem Fenster guckte. Als er sich umwendete, wandte ein jeder, nur der Apotheker nicht, die Augen wo anders hin und that so unbefangen als möglich.

»Das nennst du uns inkommodieren, August?« fragte Philipp Kristeller vorwurfsvoll zärtlich.

»Augustin -- Agostin -- Agostin Agonista, wenn es dir einerlei ist, alter Bursch,« lachte der brasilianische Oberst und -- erzählte weiter:

»Wir waren allein im Hause, mein Vater, ich und eine alte Hexe von Magd, die uns Beide seit meiner Mutter Tode in der raffiniertesten Knechtschaft hielt. Mein Vater hatte schon längere Zeit gekränkelt, sich selber bedoktert und war nun mit seiner Kunst zu Ende. Lieber Doktor, der städtische Arzt, den wir zum Schluß herbeiriefen, konnte auch weiter nichts thun, als die Achseln zucken, -- und, Freund Philipp, in der Nacht vor seinem Abscheiden überlieferte mein Vater mir die Schlüssel zu dem Archive unseres Hauses! Drei Tage nach seinem Begräbnis öffnete ich den schwarzen Eichenschrank, in welchem die seit fast zweihundert Jahren recht ordentlich geführte Chronik unserer Familie aufbewahrt wurde, und trat damit in die Krisis ein, während welcher mein alter Philipp da und seine so junge und schöne Johanne meine Bekanntschaft machten und so viele Gründe hatten, sich über mich zu verwundern. Ich fand in dem Schranke ein von meinen Vorvätern zusammengeschriebenes dickleibiges Manuskript in schwarzem Lederband mit Messingecken und Haspen. Sie hatten regelrecht Buch geführt, und es war ein recht nettes Hauptbuch draus geworden mit allen Zahlen und sonstigen Belegen! Und ich las und rechnete es nach bis auf meinen Herrn Großpapa hinunter -- ich las es vom Anfang bis zum Ende, Wort für Wort, Datum für Datum, Zahl für Zahl; und als ich in der dritten Nacht gegen zwei Uhr morgens von der gräulichen Lektüre aufstehen wollte, da konnte ich nicht. Ich saß fest im Stuhl, gerädert von unten auf, und draußen war es grimmig kalt -- der Hofhund heulte und weinte vor Frost, und ich fühlte den Frost gleichfalls bis in die Knochen, und dazu, halb wahnsinnig, mein Leben, Fühlen, Denken, Meinen abgebrochen, wie wenn ein Stock übers Knie abgebrochen worden wäre. Meine grimmige Hexe von Haushälterin hatte mich am Ofen aufzuthauen wie ein steifgefrorenes Handtuch, und es währte länger als eine Woche, ehe sich die allernotwendigste animalische Wärme wieder in mir bemerkbar machte. Ich lag länger als eine Woche im Bett und klapperte geistig und körperlich mit den Zähnen; dann aber lief ich hinaus und lief mich warm durch das winterliche Land -- blieb vierzehn Tage für diesmal vom Hause weg und suchte mir zu der Wärme auch den Schlaf zu erlaufen, erlief mir jedoch nur die scheußlichsten aller Träume. Es ist ein Wunder, daß keiner es mir heute ansieht, was für ein Narr ich damals war! Nach meiner Rückkehr saß ich bis zum Frühjahr als ein Idiot am Herde, und ohne den Frühling wäre ich sicherlich als ein Idiot im Landesirrenhause elend und erbärmlich verkommen; und eigentlich, lieber Philipp, habe ich über jene Periode meines Daseins nichts mehr zu sagen. Ich fuhr in meinem Einspänner über die Grenze, mietete in einem Dorfe eurer Provinz ein Absteigequartier und ging dann in die Berge: -- da trafen wir uns, und du hieltest mich für einen übergeschnappten Privatgelehrten, dem seine Freunde seiner Gesundheit wegen geraten hatten, sich ein wenig auf die Botanik zu legen.«

»Ich habe meinen Freunden bereits vorhin mitgeteilt, mit welchem Respekt mich deine Wissenschaft erfüllte,« rief der Apotheker »zum wilden Mann«, und sie nickten rund um den Tisch und sprachen:

»Ja, ja! o freilich!«

Der Oberst Dom Agostin Agonista aber sah selbst in dieser Nacht zum erstenmale sehr ernst, ja fast böse und finster drein und sagte:

»Ich würde dir im Laufe der Zeit meine Umstände wohl klarer erschlossen haben, Philipp, ich würde dir alles von mir und meinem Leben erzählt haben; aber dein Liebeswesen hat mich dran gehindert und mir den Mund zugehalten. Lieber Junge, wenn mir etwas die Welt noch mehr verleidete, so war das deine Braut. Bei Gott, ich habe euch oft gehaßt wegen eurer Seligkeit, -- o Philipp Kristeller, in mehr als einer Stunde hätte ich euch mit Vergnügen eine Fallgrube für eure Zärtlichkeit graben können. Wäre das Eifersucht gewesen, so wär's schlimm genug gewesen; aber es war noch schlimmer, es war Neid, der nichtswürdige zähnknirschende Neid. Ach, Freund, Freund, damals hatte ich wahrhaftig nicht die Absicht, dir im Leben auf die Beine und, so weit ich es konnte, zu einer Frau zu helfen! Mußte da erst das Ärgste kommen, um mir den Sinn vollständig zu wenden, und das Ärgste kam; -- gottlob, sage ich heute! -- Von einer meiner vorgeblichen botanischen Rasereien ins Wilde zurückkehrend, fand ich einen Brief zu Hause, ein Schreiben mit dem Siegel der Oberstaatsanwaltschaft drauf. Ich wurde durch dieses Reskript umgehend nach der nächsten Kreisstadt beordert, und was die hohe Behörde da von mir verlangte und zu verlangen berechtigt war, das können die Herren und die gütige Senhora sich sicher selber vorstellen; ich habe gewiß nicht nötig, mit dem Finger die Richtung anzudeuten. Man legte mir ein vom Landesherrn bereits unterzeichnetes Todesurteil vor, und ich hatte noch drei Wochen Zeit, mich und meinen Patienten auf die mir obliegende Operation vorzubereiten. Während dieser drei Wochen sahest du mich nicht, Philipp Kristeller; aber du fandest mich drei Tage nach vollbrachtem Amtsgeschäft auf der Opferklippe. Ja, ja, meine Herren, nach gethaner Arbeit ist gut ruhen, und auch das war ein Erholungsausflug! -- Ich hatte meine Sache gut gemacht und war gelobt worden, von den Behörden, den Zeitungen und dem zuschauenden Pöbel; aber ich trug schwer an der Ehre. Buchstäblich, -- ich trug meinen still und um einen Kopf kürzer gemachten Patienten, minus diesen Kopf auf dem Rücken, und ich hatte ihn eben auf den Blutstuhl hinaufgeschleppt, als mein Freund Philipp die Klippe von der anderen Seite her erkletterte. Seht, es ist immer von den Gefühlen des armen Sünders auf dem Hochgerichte die Rede; aber diesmal waren auch die des Scharfrichters bemerkenswerth; -- reden wir nicht davon: ich trug, wie gesagt, den Rumpf des armen Teufels von dem Gerüste hinunter; er hing mir auf dem Rücken, die Hände schleiften auf dem Boden nach, und ich hielt auf jeder Schulter einen Fuß im blauen wollenen Strumpfe gepackt! So hab' ich ihn auf den Blutstuhl hinaufgeschleift; und als du mich fandest, Philipp Kristeller, auf dem Felsen liegend, das Gesicht zu Boden gedrückt, da saß der Halunke auf mir, kopflos -- hatte mir eine Kralle in das Nackenhaar gewühlt und sang sein diabolisches Triumphlied über mich -- ein Bauchredner sondergleichen; aber höchst widerlich, selbst heute abend noch, nach einunddreißig Jahren ruhigeren Nachdenkens und kühlerer Überlegung!«

Neuntes Kapitel.

Der Oberst schwieg und fuhr sich mit dem Taschentuche über die Stirn. Man räusperte sich rund um den Tisch; der Förster und der Pastor hüllten ihre Verlegenheit in die dichtesten Tabakswolken, der Landphysikus schien die seinige in sich ertränken zu wollen, und alle drei -- sonst gar nicht übele Leute -- sahen in diesem Momente merkwürdig stupide aus. Fräulein Dorette Kristeller im Ehrenstuhle hatte sich soweit als möglich aus dem Lichtschein in die Dämmerung zurückgezogen; man hörte sie leise ächzen und seufzen, ja es schien sogar, als ob sie stoßweise in ihr Taschentuch hineinschluchze. Eine solche Geschichte erzählte man trotz allem nicht ungestraft, -- selbst im Kreise seiner allerbesten Freunde nicht.

Dem alten Soldaten entging der gemachte Eindruck keineswegs, aber nachdem er seinerseits die widerliche Erinnerung mit einer Hand- und Armbewegung so zu sagen vom Tische gewischt hatte, stützte er beide Ellenbogen auf die Platte und schaute munterer denn je um sich. Er hatte, wie sich gleich auswies, noch extraordinärere Dinge in seinem späteren Leben durchgemacht, er hatte nicht wie die anderen still im Winkel gesessen, er hatte sich allerlei um die Nase wehen lassen, was die meisten Leute für Sturm genommen haben würden, er aber nur noch für Wind hielt. Er war nicht umsonst kaiserlich brasilianischer Gendarmerieoberst geworden.

»Lieber, guter August -- Augustin,« flüsterte der Apotheker, »du bist als ein eigentumsloser Bettler in deiner Verwirrung in die Welt hinausgelaufen; -- du hast mir das Erbe deiner Väter überwiesen --«

»So ist es! Niemals hat ein Mensch mit gleich leerer Tasche dem alten Europa den Rücken gewendet!«

»O meine Johanne -- meine liebe, arme Johanne!« seufzte der Apotheker leise; aber da that der Abenteurer und Soldat einen sehr feinfühligen Griff in die Ideenfolge seines Jugendbekannten.

»Nein, nein, Philipp, bei allen Mächten, nein! es ist nicht so! Das ist nicht der Geschäftsgang zwischen Himmel und Erde! Du würdest sie doch verloren haben -- o, um meine Hinterlassenschaft hat sie dir das Schicksal nicht sterben lassen! Was hatte ihr Dasein und Geschick mit dem zu schaffen, was alles an den Thalern hing, die ich damals auf der Flucht von mir warf und dir an den Hals, weil du mir zufällig zunächst standest. Das Kind ist nicht daran gestorben, Philipp! Ihr hättet ein schönes Leben auf die Erbschaft meiner Vorväter gebaut, wenn die Schöne, die Gute dir nicht doch hätte sterben müssen; und dann -- -- wer hier unter uns hat wohl ein besseres Los gezogen als sie?«

Die Frage erforderte eine Antwort, und jeder gab sie auf seine Weise, doch laut bejahete oder verneinte niemand. Der Apotheker »zum wilden Mann« drückte zum hundertstenmale dem Obersten Agonista die Hand, und dieser schüttelte sie ihm wiederum herzhaft und rief:

»Was kann es alles helfen -- jeder erlebt sein Leben, und wer noch mit dem nötigen Humor davon zu erzählen weiß, der ziert jegliche Tafelrunde, und selbst die Weisesten, Ehrwürdigsten und Ehrbarsten können ihn ruhig ausreden lassen. Jetzo will ich einmal eine weise Bemerkung machen, nämlich daß der größte Verdruß der Menschen im einzelnen daraus entspringt, weil sie die Welt im ganzen für zu still halten. Meine Herrschaften, die Welt ist nicht still, und man muß den Wirrwarr nur recht kennen lernen, um das, was einem vom ersten Seufzer bis zum letzten passiert, nach dem richtigen Maße zu schätzen. Hol der Teufel die Narren, denen ihre vier Wände auf den Kopf zu fallen scheinen: steigt aufs Dach jedesmal, wenn's euch zu angst wird und überzeugt euch, daß das Firmament fürs erste noch nicht die Absicht hat, zusammenzubrechen. Also, ich stand ohne einen Heller in der Tasche auf dem Kai zu Neu-Orleans, so ungefähr in der Stimmung eines Menschen, der aus einem schweren Rausch erwacht, übernächtig sich die Stirn reibt und doch den kühlen Morgenwind mit Wohlbehagen auf seinen Schläfen fühlt. Was aus mir werden mochte, war mir ganz gleichgültig. Ich war zu allem bereit, zum Leben wie zum Sterben, und verkaufte, da ich Hunger hatte, um wenigstens das allernächste Behagen noch einmal festzuhalten, mein Halstuch und mein Taschentuch an einen wandernden Trödler. Traktierte darauf meinen ersten guten Bekannten auf amerikanischem Boden, den einarmigen Mulatten Aaron Toothache, und zwar in einem Lokale, in dem Volk zusammensaß, von welchem man hier am Tische kaum einen Begriff haben kann. Hier lernte ich einen Haufen Gesindel von vorbenanntem Fregattschiff der Republik Chile, dem braven >Juan Fernandez<, kennen, und wir gefielen uns gegenseitig. Wie die Bekanntschaft endlich im Schiffsraume des >weißen Satans< auslief, habe ich euch bereits mitgeteilt.«

Sie waren ihm während der letzten Minuten alle auf den Leib gerückt. Sie schienen nach seinen letzten Äußerungen ihre geheime Scheu und Abneigung gegen ihn gänzlich überwunden zu haben! Sie waren ihm so dicht an die Ellenbogen gerückt, daß ihm die Luft auszugehen schien. Blasend machte er eine Armbewegung, um sie wieder ein wenig von sich zurückzudrängen, und wir -- wir machen es vollständig umgekehrt, als die aufs Äußerste gespannten Lauscher in der Hinterstube der Apotheke »zum wilden Mann«: wir rücken ab vom Kaiserlich brasilianischen Gendarmerieoberst Dom Agostin Agonista.

Was dieser wunderliche Erzähler jetzt zu erzählen hatte, war freilich bunt genug und voll Feuerwerk und Geprassel zu Wasser und zu Lande; allein das alles war doch schon von anderen hunderttausendmal erlebt und mündlich oder schriftlich, ja sogar dann und wann durch den Druck mitgeteilt worden. Wir lassen ihn, den Oberst Agonista so ungefähr um ein Uhr morgens noch einmal mit der flachen Hand über den Tisch streichen und seine jetzige Lebens- und Weltanschauungsweise in ein kurzes Wort zusammenfassen.

»Also im zweiten Jahre meiner Abfahrt von Hamburg stand ich als Gefreiter in dem Peloton, das als Executionskommando in den Festungsgraben befehligt worden war. Der Lieutenant hob den Degen, und -- wir gaben Feuer: ich ohne Umstände wie die anderen. Von dem Augenblicke an war ich von meiner europäischen Lebensbürde vollständig frei. Ich machte mir aus dem Tage, der gestern war, und dem, der vielleicht morgen sein konnte, nicht das Geringste mehr; -- juchhe, wie der Dichter stellte ich meine Sache auf nichts! So bin ich immer bei mir, und zwar bei mir allein gewesen: auf dem Marsche, wie in der Wachtstube, am Feuer in der Indianerhütte wie in den Salons der Präsidialstädte. Ja, meine Herrschaften, habe ich da drüben manchen Präsidenten in mancher Republik kommen und gehen sehen, habe selber geholfen, den Excellenzen Stühle zuzurücken oder sie ihnen unterm Sitze wegzuziehen, wie's sich gerade schickte. Venezuela machte mich zum Luogotenente, Paraguay zum Major; aber Seine Majestät Dom Pedro von Brasilien war am gnädigsten gegen mich, und so fand ich denn auch am meisten Gefallen an ihm. Wir beide haben jetzt manch liebes Jahr das vielfarbige Gesindel in Rio Janeiro zur Ordnung und Tugend angehalten: er durch regelrecht richtige konstitutionelle Güte, ich durch flache Säbelhiebe und im Notfall durch einen kurzen Galopp, drei Schwadronen hinter einander, rund über das Pack weg. Meine Herren und Sie, liebes Fräulein, Sie werden sicherlich noch einmal erschrecken und mich von der Seite ansehen; aber es ist nicht anders, und bei der Wahrheit soll der Mensch bleiben: wenn ich das Köpfen aufgegeben habe, so habe ich mich desto energischer auf das Hängen gelegt und gefunden, daß es eine viel reinlichere Arbeit ist und seinen Zweck ebenso gut erfüllt. Was aber das Gehängtwerden anbetrifft, so habe ich selber die Schlinge mehr als einmal um den Hals gefühlt, gottlob ihn aber stets noch glücklich herausgezogen. Ei ja, ich komme jetzt ganz gut mit jedermann aus -- bin hoffähig und reite bei feierlichen Aufzügen am Kutschenschlage Ihrer kaiserlichen Majestäten. Komme ich nach Rio heim, so werde ich mich verheiraten; denn für ein ferneres junggesellenhaftes Umherschweifen wird's allmählich ein wenig spät. Doch davon morgen, und nun vor allen Dingen das letzte Glas von diesem höchst vortrefflichen Getränk und dazu ein Rat, Wunsch und Trinkspruch: Verehrte Freunde, da wir einmal da sind, so leben wir, wie es eben gehen will; und da das, was uns endlich aus dem Dasein hinausschiebt, immer am Werk ist, so schieben wir ohne Skrupel gleichfalls; -- vor allen Dingen aber lebe e r hoch -- mein Freund, mein lieber, alter, guter Freund Philipp Kristeller und mit ihm wachse, blühe und gedeihe fort und fort seine Apotheke >zum wilden Mann!<«

Das riefen sie alle nach und klangen die Gläser an einander, und dabei erhoben sie sich und standen verwirrt, schwankend ob all des Abenteuerlichen, das der Abend enthüllt und gebracht hatte. Wie die Gäste Abschied von dem Hausherrn, seiner Schwester und dem Oberst Agostin Agonista nahmen, wußten sie selbst nachher kaum anzugeben.

Der Oberst aber sagte:

»Philipp, einen Schlafrock und ein Paar Pantoffeln bitte ich mir aus. Ich will es doch wenigstens einmal noch behaglich im deutschen Vaterlande haben.«

Die beiden Freunde vom Blutstuhl umarmten sich noch einmal; wir aber begleiten den Förster Ulebeule und den Pastor ein Endchen auf ihrem Wege nach ihren Wohnungen.

Zehntes Kapitel.

Daß sie, der Förster, der Pastor und der Landphysikus _Dr._ Hanff, ihren freundlichen Wirten gute Nacht oder vielmehr guten Morgen gesagt hatten, stand fest.

Der Apotheker hatte sie mit dem Lichte an die Thür begleitet, und sie standen auf der Landstraße, wo der Doktor seinen Einspänner bereits wartend fand. Sie vernahmen noch, wie der Hausherr drinnen den Schlüssel im Schloß umdrehte, und niemand hinderte sie jetzt mehr, ihren Stimmungen, Gefühlen und Ansichten die Thüren weit aufzuwerfen.

Der Erste, der das Wort ergriff, war natürlich der Doktor, und er rief von seinem Wagentritt aus:

»Nicht wahr, da hab' ich euch wieder mal einen tollen Gesellen ins Dorf geschleift? He, ihr hattet wohl kaum eine Ahnung davon, daß es dergleichen auf Erden geben könne, -- was? Mir gefällt der Kerl ausnehmend wohl, und ich freue mich unbändig auf eine fernere und genauere Bekanntschaft, -- zu Worte wird er einen im Laufe der Zeit ja auch wohl einmal kommen lassen. Wir laden ihn natürlich rund herum der Reihe nach zum Essen ein.«

»Natürlich, und er soll sich dann auch über uns wundern,« rief Ulebeule, und der Doktor fuhr ab auf der Landstraße zur Rechten; er hatte ein gut Stück Weges zu fahren, ehe er seine Behausung erreichte.

Die beiden anderen wendeten sich links, und der geistliche Herr trug vorsichtig seine Taschenlaterne voran. Wo ihre Wege aber schieden, standen sie noch einmal still und sahen nach der Apotheke »zum wilden Mann« zurück. Das Haus lag dunkel da unter dem wieder dunkel und schnell ziehenden Gewölk. Obgleich der Wind sich ein wenig gelegt hatte und die Sterne sichtbar waren, trieb sich noch genug bedrohliches Gedünst am Himmelsgewölbe um, und die Pappeln in der Nähe der Apotheke schwankten wie betrunkene Gespenster.

»Mir wird jenes Haus dort nie wieder so aussehen, wie ich es bis zum heutigen Abend gekannt habe,« sagte der Pastor. »Was sagen Sie, lieber Freund?«

»Das weiß der Teufel!«

Der geistliche Herr zog ein wenig die Achseln zusammen.

»Sie sollten dieses böse Wort vorsichtiger gebrauchen, Bester,« meinte er. »Freilich, freilich, nach dem, was wir eben vernommen haben -- wer kann da sagen -- wer da seine Hand im Spiele gehabt hat? Ich lobe mir Zustände, die auf besseren Grund und Boden gebaut sind als -- -- kurz, was halten Sie vom heutigen Abend an von den Umständen unseres Freundes Kristeller?«