Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Zweiter Theil

Chapter 9

Chapter 93,470 wordsPublic domain

Wer schon bei der nächsten Probe dem staunenden und betretenen Duckmäuser in Gegenwart aller Hobisten sein ganzes früheres Leben, seine "ganze verfluchte Duckmäuserei" und die schändliche Rede gegen die alte Mutter vordonnerte und ihm öffentlich aufs strengste verbot, jemals wieder einen Fuß zu der "liederlichen Fuchtel" ins Rheindorf zu setzen, das war der Herr Kapellmeister.

Wie verächtlich betrachteten die ältern Hobisten jetzt den Benedict, wie schadenfroh lachten die jüngern und besonders die leichtsinnigsten über den "Klosterbruder!"

Einen Brief nach dem andern, einer rührender als der andere, schrieb derselbe an die Mutter, um ihr Herz zu erweichen; nie erhielt er eine Antwort und weil er nicht mehr zum Rosele hinüber durfte, kam dieses mit und ohne den Straßenbasche zuweilen herüber.

Solches wird dem Kapellmeister gesteckt, einem Hagestolz, der als Todfeind aller Bekanntschaften seiner Untergebenen, besonders der jüngern bekannt ist und jetzt den Umgeher seines Verbotes recht zu fuchsen sich vornimmt.

Wo fehlen beim Militär jemals Gelegenheiten zum Strafen, wenn ein Vorgesetzter darauf ausgeht, Einem das Leben zu entleiden?

Selten fand eine Probe statt, bei welcher der Kapellmeister den Hobisten Benedict nicht andonnerte oder strafte, dieser gewann bald Aehnlichkeit mit seinem ersten Vorbilde, dem Compagnieschneider, insofern auch er bereits immer Zimmerarrest hatte.

Von der Kirchweihe bis zur Fastnacht hielt der Duckmäuser aus und machte seine Sache durch sein heißes Blut nicht schlimmer; das Romanlesen verlieh ihm Gleichgültigkeit und Erhabenheit gegen die Quälereien prosaischer Seelen und Genuß, weil er sich selbst für einen von Schicksalstücke arg Verfolgten halten mußte.

An Fastnacht bekamen alle Hobisten, sogar Meister Feucht für 3 Tage Urlaub, Benedict sollte beim Adlerwirth im Rheindorfe drüben aufspielen--der Kapellmeister jedoch gab ihm an der Stelle des Urlaubes drei Tage Zimmerarrest.

Am Fastnachtsonntag saß er mutterseelenallein im Zimmer, hatte deßhalb auch die Zimmertour und weil's gerade ein Brodtag war, so faßte er das Brod für die Hobisten und legte jedem seine zwei Laibe auf das Bett. Gegen Abend hielt ers nicht mehr aus, sah nur immer das weinende Rosele vor sich, nahm sich Urlaub aus dem eigenen Tornister, trat Abends zehn Uhr halberfroren in Straßenbasches Haus, verlebte im Rheindorfe zwei lustige Tage und kehrte am Aschermittwoch in die Kaserne zurück.

Beim Eintritt in die Stube kommt ein Hobist auf ihn zu und klagt, weil ihm ein Laib Brod fehle; der Duckmäuser behauptet, jedem beide Laibe auf das Bett gelegt zu haben und wie er noch redet, wird er arretirt und wegen eigenmächtigen Urlaubes zum erstenmal ins Dunkle gesetzt.

Kaum tritt er aus dem Arreste, so kommt der Oberlieutenant, fragt nach dem Laibe Brod, welcher dem Hobisten fehlte; der Benedict schwört hoch und theuer, das Brod richtig gefaßt und richtig ausgegeben zu haben, eine Untersuchung wird eingeleitet und der Duckmäuser wegen Unterschlagung eines Brodlaibes im Werthe von 7 Kreuzern standgerichtlich zu drei Tagen Arrest verurtheilt; ein standgerichtliches Urtheil hat aber stets die Entziehung der Einstandserlaubniß zur Folge und dies setzt den Bestraften in arge Betrübniß.

Kaum ist er frei, so findet sich der Brodlaib; Alles beruhte auf einer Verwechslung mit dem Brode eines andern Hobisten, der Benedict fordert beide Hobisten dringend auf, seine Unschuld an den Tag zu legen; sie wollen ihn insgeheim mit einer kleinen Vergütung zum Schweigen bringen, doch er will nichts als seine Ehrenrettung, dazu lassen sie sich nicht bewegen, er verflucht und verwünscht Beide und--merkwürdig! beide starben noch in jenem Jahre, der eine ertrank, der andere bekam einen Blutsturz nach dem andern und starb gleichfalls.

Benedict gedachte der bangen Ahnungen des Rosele; eine schöne Gelegenheit zur Erlernung des Schreinerhandwerkes bietet sich ihm an, er faßt ein Herz, geht zum Oberst und fordert seinen Abschied. Der grundehrliche, brave, jedoch barsche und rauhe Soldat nimmt den Degen, schlägt das Hobistlein nach Noten herum und poltert: "Ich will dir den Abschied auf den Rücken schreiben, du Hundsfötter, du! ... Wir müssen dich fuchteln, sonst stirbst du im Zuchthause, du verstellte, heimtückische Bestie!"

Brav durchgewalkt kehrt der Verzweifelnde in sein Compagniezimmer zurück, welches er drei Frühlingsmonate nicht mehr verlassen darf. Er vergeht fast vor Schmerz, doch hält er immer ritterlicher aus, denn seine Romane verleihen ihm Trost, Muth, Heldenkraft. Zum Musiciren spürt er wenig Lust mehr, liest wie der große Trommelschläger den ganzen, lieben langen Tag, denkt und lebt sich ganz in seine Bücher hinein und ist fest entschlossen, nach dem Muster der heldenmäßigsten Ritter allen Flohstichen und Keulenschlägen eines widrigen Geschicks mannhaften Trotz zu bieten!

Während der Verbannung im Compagniezimmer kam ein schwarz versiegelter Brief vom jüngern Bruder, vom Hannesle, welcher ihm meldete, die Mutter sei gestorben und habe ihm in ihrer letzten Stunde Verzeihung angedeihen lassen.

Seit jenem Abende, an welchem Benedict harmlos scherzte, er werde für sie mit einem weißen Federbusche auf dem Kriegshute trauern, gab sich Mutter Theres einer Schwermuth hin, welche nicht mehr wich; sie wurde still und in sich gekehrt, suchte immer die Einsamkeit, aller Trost und alles Gerede blieben von ihr ungehört und den Namen ihres Sohnes durfte Niemand nennen, wer sie nicht in die furchtbarste Aufregung versetzen wollte. Von Tag zu Tag nahmen ihre Kräfte sichtbar ab, sie wurde bettlägerig, ihr Zustand verschlimmerte sich und die Aerzte mit ihrer Weisheit standen rathlos am Krankenbette.

Schon zur Zeit der Fastnacht, an welcher die rothen und schwarzen Schwittler sich endlich in die Haare geriethen und barbarisch prügelten, wie dies im weinreichen Baden gar oft der Fall zu sein pflegt, erwartete man das Ende der Mutter Theres und die herrliche Margareth wich fast nicht mehr von deren Bette.

Schwankend zwischen Leben und Tod lag die Dulderin viele Wochen; in ihren letzten Tagen nannte sie häufig den Namen ihres Sohnes, doch so oft man fragte, ob man denselben herbeiholen sollte, schüttelte sie verneinend den Kopf. Plötzlich schien sie von Neuem aufzuleben, die Krankheit gewichen zu sein, sie vermochte wieder deutlich zu sprechen, bat, den Benedict herbeizuholen, sie wolle und müsse demselben Alles verzeihen, wenn sie selbst Verzeihung bei Gott erlangen wolle, _denn Alles habe sie dereinst an ihrer eigenen Mutter verschuldet._

Halb aufgerichtet im Bette legte sie vor allen Anwesenden das Bekenntniß ihrer Schuld ab und kaum war solches geschehen, so sank sie tod [todt] in ihr Kopfkissen zurück!

Es gibt unzählige Dinge zwischen Himmel und Erde, wovon sich die Philosophen gar nichts oder nicht gerne träumen lassen, weil jeder Luftzug aus einer überirdischen Welt ihre gar emsig und kunstreich gewobenen Spinnengewebe zu zerreißen im Stande ist.

Werke sind besser als Worte, _Thatsachen_ lehren eindringlicher denn alle Spitzfindigkeiten der verständig gewordenen Vernunft, deßhalb mag die Jugendgeschichte der Mutter Theres das räthselhafte Benehmen während der letzten Zeit ihres Lebend erklären oder doch einigermaßen aufklären.

Ihr Vater, ein vermöglicher und braver Mann starb sehr frühe, von einem zweiten Manne bekam ihre Mutter noch einen Sohn und zwei Töchter. Dem letzten Willen des Vaters gemäß sollte Theres, sein einziges Kind, die Hälfte seiner Hinterlassenschaft in Empfang nehmen, sobald sie das achtzehnte Jahr erreicht haben würde, die andere Hälfte jedoch erst nach dem Tode der Fränz, ihrer Mutter. Theresens Stiefvater war ein roher, wüster, leidenschaftlicher Mann, mit welchem Mutter Fränz recht unglücklich lebte und welcher sich immer mehr dem Trunke ergab. Geduldig ertrug Therese alle Unbilden und Mißhandlungen, welche ihr Stiefvater sammt den Stiefgeschwistern ihr alltäglich anthaten, wurde 18, 20, 22 und 24 Jahre alt, blieb bei der Mutter, deren einziger Trost sie war und dachte nicht an die Herausgabe des halben Vermögens.

Armuth und Elend nahmen jährlich im Hause zu, der Stiefvater verkaufte, was ihm beliebte; von allen Seiten wurde Therese gewarnt, ihr Eigenthum zu retten und in ihrem 26. Jahre verließ sie endlich das Haus der Mutter und heirathete den Jacob.

Bei dieser Gelegenheit kommt die schlechte, gewissenlose Wirthschaft des Stiefvaters an den Tag, Fränz schaut jammernd in die Zukunft und bittet die Obrigkeit um Hülfe, der Trunkenbold wird endlich mundtod [mundtodt] gemacht, mißhandelt die Fränz ärger als je, bis sich der Himmel erbarmt und die Arme von ihrem Quälgeiste erlöst.

Theres hauste mit dem Jacob, ihre Stiefschwestern heiratheten auch kurz nach einander, die Fränz lebte jetzt allein mit ihrem Sohne, dem Paul. Dieser schlug seinem rohen, wüsten, trinklustigen Vater in Allem nach, doch war er noch jung und wurde vorläufig nur von Neid und Mißgunst verzehrt, weil er sehen mußte, wie die Therese, seine Stiefschwester, die schönsten Grundstücke und Hausgeräthe und Anderes dem Jacob in die Ehe brachte. Am meisten schmerzten ihn die beiden Rappen, seine Lieblinge, welcher der Schwager aus dem Stalle holte und wenn der Paul gar daran dachte, die Stiefschwester werde nach dem Tode der Mutter Fränz die andere Hälfte ihres väterlichen Vermögens beanspruchen, dann wußte er sich fast nicht mehr zu helfen vor Neid und Haß, zumal der eigene Vater mit all seiner Habe fertig und auf Unkosten der Fränz beerdiget worden war.

Mutter Fränz mußte dem Paul ihre Vorliebe schenken, ob sie wollte oder nicht und dieser war kaum volljährig, so suchte er eine reiche Frau zu bekommen. Im Dorfe und in der Umgegend nicht sonderlich gut angeschrieben, durfte er nicht an jeder Thüre anklopfen, zuletzt erschlich er sich die Liebe eines sechszehnjährigen Mädchens, der hübschen, muntern und vermöglichen Christine und die Mutter derselben gab die Heirath zu, weil die ältere Tochter sich hatte verführen lassen und weil sie fürchtete, gleiche Schande an der jüngern erleben zu müssen. Der Vogt, ein unumschränkter Dorfmonarch und vielgeltender reicher Mann, war Christinens Vetter, hatte deren Heirath mit dem Paul ungerne gesehen, doch als diese nicht mehr verhindert werden konnte und geschehen war, nahm er sich des Paares gewaltig an.

Bald redete Paul mit dem vielvermögenden Vetter, auf welche Weise die Therese um ihre halbe Erbschaft gebracht werden könnte; der Vogt versprach Alles zu thun und hielt Wort, bald entspann sich eine Dorfintrigue, worin Mutter Fränz, ihre Kinder aus zweiter Ehe und ihre Tochtermänner Hauptrollen spielten. Die Leute munkelten und redeten viel von diesen Intriguen, Jacob und Therese bekümmerten sich anfangs wenig darum, weil sie auf ihr geschriebenes und gültiges Recht pochten, doch wie endlich allgemein und laut gesagt wird, Fränz habe ihre älteste Tochter verstoßen und von der halben Erbschaft ausgeschlossen, geht Therese zur Mutter, um dieselbe über das Geschwätz zu befragen. Mutter Fränz erschrickt sichtbar, kann der Tochter nicht in die Augen schauen, gibt lauter ausweichende Antworten und dies beunruhigt natürlich diese gewaltig.

Am andern Morgen langt Jacob seinen langen Rock aus dem Kasten, setzt den Nebelspalter auf und begleitet sein Weib zum Hofe des Dorfmonarchen.

Der Vogt hört Alles ruhig an, dann donnert er los:

"Du, Theres, bist eine eigensinnige, bösartige Tochter gewesen, kannst es vor Gott nicht verantworten! ... Thut deine Mutter wirklich also, wie du da klagst und fragst, so hat sie Recht, du hast's tausendfältig an ihr verdient! ... Als deine Mutter im größten Elende bei ihrem liederlichen Manne schmachtete, bist du fortgelaufen, hast einen Mann genommen, die arme Frau wie eine Räuberin ausgeplündert! ... Wäre ich damals Vogt gewesen oder hätte mich's angegangen, ich würde dir einen Strick um den Hals gelegt haben, du unbarmherziges Thier!"--Die Ungerechtigkeit der Mutter und Stiefgeschwister kränkte die schuldlose Therese zehnmal mehr, denn der Verlust der halben Erbschaft, doch vertraut sie auf ihr gutes Recht und Gott, und hütet sich, den Anklagen des Dorfmonarchen durch ein böses Wort gegen die Mutter eine Handhabe zu geben.

Sie hütet sich nicht wochen-, sondern _jahrelang_ und es scheint Gras über die Angelegenheit gewachsen zu sein, über welche erst der Tod der Mutter Fränz Aufschluß und volle Gewißheit zu geben vermag.

Eines Morgens kommt der mürrische, versoffene Paul zur Therese und fordert einen ausgehauenen Schweinstrog, welcher in Jacobs Hof steht, von ihr zurück, weil der Schweinstrog nicht ihrem, sondern seinem Vater zugehört habe. Therese lacht dem Paul ins Gesicht und gibt zu verstehen, sie sei im Stande, ganz andere Forderungen zu machen, wenn das Betragen der Stiefgeschwister es erheische.

Jetzt fährt der Stiefbruder auf, schreit ingrimmig:

"Was _du_ zu erwarten hast, das hast du schon und darfst dich glücklich schätzen, wenn du nichts herauszahlen mußt!" und poltert zur Stube hinaus, deren Thüre er zuschlägt, daß das ganze Haus und Therese vor Zorn und Entrüstung zittert. Wenige Minuten später kommt Mutter Fränz, weiß nichts von dem Vorgefallenen, klagt über Unwohlsein und die noch unwillige und aufgeregte Therese meint:

"Sterbet in Gottes Namen, Ihr könnt nichts Besseres thun! ... _Nur sagt es mir zuvor, daß ich mir ein weißes Kleid kaufe zum Leidtragen für Euch!"_

Diese Aeußerung kränkte Mutter Fränz bitter, sie verließ die Stube, kam nie wieder zurück, verfiel in eine langwierige Krankheit und ließ der ältesten Tochter erst wenige Minuten vor dem Tode Vergebung angedeihen. Mehrere Wochen saß diese Tag und Nacht beim Krankenbette der Mutter, die 3 Stiefkinder kümmerten sich nicht im mindesten um die Sterbende, denn sie hatten, was sie wollten, nämlich ein schriftliches Testament, nach dessen Wortlaut Therese auch nicht Einen Kreuzer erhielt.

Sterbend verlangt Mutter Fränz das Testament, welches gleich nach der ersten und letzten Beleidigung von Seite Theresens geschrieben worden, zurück, um es zu vernichten, doch ein Tochtermann hatte es in Verwahrung und war über Feld gegangen, der Vogt wird herbeigeholt und hört das letzte Wort der Mutter Fränz: "das Testament ist ungültig, un--" Kaum ist diese eine Leiche, so kommt der Tochtermann von der Reise zurück, zeigt das Testament, der Vogt erklärt, der Widerruf gelte nichts, weil die Sterbende nicht mehr bei Besinnung gewesen, Theresens halbes Erbe bleibt verloren, denn diese fängt keinen Prozeß an, sondern betrachtet die Enterbung als eine Strafe des Himmels.

Mutter Theres war eine fromme, gottesfürchtige Frau; eine freudlose und leidenreiche Jugend hatte sie vorbereitet, mit dem finstern, strengen, doch dabei fleißigen, grundehrlichen und gerechten Jacob glücklich zu leben. Der Benedict war es, der ihr zumeist Sorge und Kummer bereitete, sie an alte Zeiten erinnerte und am Ende glauben machte, er sei von der Vorsehung bestimmt, an ihr die Verwünschungen zu erfüllen, welche Mutter Fränz nach dem erwähnten Auftritte gegen sie ausgestoßen hatte.--Der Besuch in der Kaserne und die Kirchweihe hatten ihre abergläubischen (wenn man's so nennen will!) Befürchtungen zerstreut; der, welchen sie von je am zärtlichsten geliebt und welcher sie am tiefsten betrübt hatte, war wiedergefunden. Sie liebte denselben von jeher mehr als eine gewöhnliche Mutter, mehr als alle andern ihrer Kinder, _warum_--wußte sie selbst nicht; die Kirchweihe weckte die ganze Gluth ihrer zärtlichsten und sicherlich nicht durch Romanlesen verminderten oder gesteigerten wahrhaftig leidenschaftlichen Liebe,--Der unglückselige Scherz, welchen der Hobist machte, in derselben Stube, in welcher vor vielen Jahren Mutter Fränz ihre Tochter verfluchte und in einer Stunde machte, wo das Licht noch nicht angezündet war, so daß sie nur die verhängnißvollen Worte vom _weißen Leidtragen_ hörte, die Miene des Sohnes jedoch nicht sah; dies überzeugte sie von Neuem, _der Fluch des Himmels laste noch auf ihr und ihr ältester, geliebtester Sohn sei geboren, um diesen Fluch zu erfüllen._

Gewiß war sie selbst überzeugt, derselbe habe es mit den paar Worten nicht böse gemeint, doch diese paar Worte sprach nicht der Benedict, sondern sprach nach ihrer Ueberzeugung der zürnende Gott zu ihr.

Sie hat den Sohn verflucht als ein Werkzeug des Fluches, hat ihm verziehen, weil der Tod sich ihrer nicht erbarmen wollte--wird der Fluch oder die Verzeihung sich als leitender Gedanke durch die fernere Lebensgeschichte ihres Sohnes ziehen?--

Der Duckmäuser ward durch den Tod und die Verzeihung der Mutter nicht sonderlich ergriffen; er erblickte in diesem Vorfalle nur einen neuen Beweis für die aus seinen Romanen geschöpfte Ueberzeugung, zu einem abenteuerlichen Leben bestimmt zu sein.

Ein von der Vorsehung zu wunderbaren Dingen ausgerüsteter Mann seiner Art läßt sich durch alle Anfechtungen der prosaischen Außenwelt wenig berühren, lebt in andern Zeiten und höhern Regionen und begnügt sich, prosaischen Vorgesetzten tiefe Verachtung und ritterlichen Trotz entgegenzusetzen und diesem "Gewürme", welches auf der Keule des Herkules herumkriecht, thatsächlich zu beweisen, daß man nach seinen kleinlichen und winzigen Chikanen so wenig frage, als nach den Ansichten und der Ordnung der gegenwärtigen prosaischen Welt überhaupt.

Der Oberst hatte den Hobisten in den Zimmerarrest und damit in die ohnehin geliebte Romanenwelt hineingeprügelt, drei Monate lang lebte der Hobist dem Obersten zum Trutz sehr glücklich in Burgen, bei Turnieren, focht wacker gegen Sarazenen, befreite mehr als Ein Ritterfräulein mit blauen Augen und hochwallendem Busen, oder zog sich als weitgefürchteter Räuberhauptmann in unzugängliche Felsburgen zurück.

Kaum während der Probe wußte der Glückselige Etwas von der prosaischen Wirklichkeit und mehr als einmal redete er bei seinen Erbsen und Kartoffeln laut genug von fehdelustigen Rittern, treuen Knappen und Fräuleins, welche ihm statt Gänseweines Nektar kredenzten. Wie die Hobisten von je den großen Trommelschläger verlacht und verspottet hatten, so verspotteten und verlachten sie jetzt auch den Benedict--hatte sich jener wenig daraus gemacht, so bewirkten sie bei diesem das Gegentheil. Mehr als einmal kamen gutmeinende Vorgesetzte und Offiziere, um dem Hobisten Benedict zuzusprechen, damit er nicht in Doctor Rollers Hände falle, allein Güte und Ernst prallten an ihm ab.

Die drei Monate des Zimmerarrestes waren beinahe zu Ende, da tritt ein sehr beliebter, gebildeter und braver Adjutant in das Hobistenzimmer und macht dem Bedict [Benedict], der stets mit Rittern und Fräuleins redet, ganz ruhige, vernünftige und menschenfreundliche Vorstellungen. Doch dieser hört ihn kaum und wie der Adjutant ihm das Narrenhaus prophezeit, streckt er die Hand aus und spricht wörtlich also:

"Du bist nicht als ein Apostel berufen und hast einem so unerschrockenen Ritter meiner Art durchaus keinen Vorwurf zu machen, deßhalb schweige, wenn ich dir nicht den Fehdehandschuh vor die Füße werfen und dir meine Kraft fühlen lassen soll!"--

Die Antwort des Adjutanten lautete auf 3 Tage Dunkelarrest, der Dunkelarrest machte den Kopf des Duckmäusers nicht heller! ... Endlich sind die 3 Monate des Zimmerarrestes verflossen, beim Beginne derselben war der Frühling kaum im Werden, jetzt findet der Befreite Leben, Bewegung, Freude, Liebe und Schönheit allenthalben; Alles, was er sonst gleichgültig betrachtete, hat für ihn hohes Interesse, er fühlt sich gleichsam neugeboren und ein schöneres, höheres Leben ist in ihm wach geworden!--

* * * * *

Lesefrüchte

Es steht zu vermuten, daß der Straßenbasche ein oder auch zweimal die Treppen des Commandantenhauses hinanstieg, um den Herrn Obersten, seinen alten Kriegsgefährten zu besuchen, die angetastete Ehre seines Rosele zu retten und für den Benedict ein gutes Wort einzulegen. Eines Tages nämlich sprach der Oberst zum Kapellmeister:

"Hören Sie, Ihr Hobist, der Benedict, ist kein schlechter Kerl, aber er wird durch seine verfluchte Leserei ein größerer Narr, denn der große Trommelschläger! ... Der Kerl hockt noch im Zimmerarrest, dauert mich halb und halb und wenn zuweilen sein Schatz vom Rheine herüberkommt, um ihn zu besuchen, so wollen wir nichts dagegen haben. Es soll ein verständiges, braves Mädchen sein und ganz geeignet, den Kerl vor dem Narrenhaus zu bewahren!"

Der Kapellmeister schrieb sich diese Ordre hinter die Ohren und wendete nichts dagegen ein, wenn Straßenbasches Pflegetochter an Sonntagen zuweilen in die Kaserne kam, um den gefangenen Träumer zu besuchen, wurde jedoch diesem nicht grüner.

Die Veränderung, welche in diesem vorging, blieb der Rosa nicht verborgen, denn er sprach jetzt häufig in einem himmelhohen Style, welchen sie nicht verstand und die einst so demüthigen, bescheidenen und ergebenen Reden desselben nahmen allmälig ein Ende. Sie ermahnte ihn gar zu lehrmeisterisch, den Obern zu gehorchen und brav zu werden, langweilte ihn mit ihren prosaischen Predigten und obwohl er in ihrer Gegenwart die lichtesten Augenblicke hatte und niemals vergaß, hundertmal "auf Ritterwort und Handschlag" Gehorsam zu geloben, so hegte sie doch wenig Hoffnungen und kehrte jedesmal nachdenklicher zum Straßenbasche zurück.

Jetzt stolzirt der Benedict an schönen Sommerabenden als freier Mann in der Gegend herum, die Gestalten seiner Romane steigen von den Burgruinen herab in die Ebene, wandeln um ihn herum und er entdeckt gar viel Ritterliches und Fräuleinhaftes in den schöngeputzten Städtern und Städterinnen.

Außer den Mädlen der beiden Schwitten und der Rosa mit ihren Kamerädinnen hat er noch keine Weiber kennen gelernt, doch weiß er jetzt, jene seien prosaische, gefühllose, ungebildete "Bauerndötsche" in Zwilchröcken, mit sonnenverbrannten Gesichtern, braunen Armen und abgearbeiteten, rauhen Händen. Wie niedlich und zierlich sind dagegen die Städterinnen gekleidet, wie zart, von Liebesgram gebleicht oder von beglückter Minne verklärt die Wangen, wie grazienhaft der Gang, wie fein und tugendsam ihr Benehmen! Täglich sieht er Hunderte, für die er sofort Lanzen haufenweise brechen würde und täglich Eine, welche auf milchweißem Rosse mit fliegendem Schleier auf ihrem Zelter sitzt, neben ihm den steilen Burgweg hinaufreitet, der Burgwart stößt gewaltig ins Horn, die Knappen schwingen jubelnd ihre schartigen Flamberge, der alte Kuno macht seine Meldungen, der Ritter führt die Ritterin in den hohen Rittersaal und getheilt zwischen Minne und Kampf verlebt er in der neugebauten Burg seiner Väter endlose Jahre voll Seligkeit--bis in Freiburg der Tambour seine Kameraden zum Zapfenstreich herausschlägt und der zum Hobisten degradirte Ritter auf des Schusters bescheidenem Rappen in den prosaischen Kasernennothstall zurücksprengen muß! ... Der Straßenbasche trägt nichts Ritterliches und Knappenhaftes an sich, die Rosa bleibt ein ehrliches, gutes, doch plumpes und grobfühlendes Landmädchen, nur der große Trommelschläger versteht vollkommen Benedicts Seufzen, Fühlen und Denken, theilt dessen romantischen Weltschmerz; noch mehr, der Trommelschläger hat viele Bekanntschaften in der höhern Frauenwelt der Städte gemacht und versichert, neben zahllosen, prosaischen, abgeschmackten Klötzen gebe es unter den Dienstmägden und Bürgertöchtern zarte, empfindsame Seelen, der treuesten Minne würdig und von der anmuthigsten Hingebung!