Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Zweiter Theil

Chapter 4

Chapter 43,726 wordsPublic domain

Ihr gesteht er Alles und sie sieht ein, daß der Augapfel Geld lieh, um die Altmodischen der schwarzen Schwitt im Dorfe gegen die liederlichen und allgemach verrufenen Rothschwittler in Oberhand zu halten, vergißt ihre Schaam und würde die Beulen ihres Augapfels gerne nicht nur aus dessen Gesicht, sondern von seinem ganzen Leibe mit ihren Zähren abgewaschen haben. Sie will ihm Essen holen, er will nichts und sagt, er verdinge sich noch heute Nacht in der Stadt oder sonst wo und nur das feierliche Versprechen der Mutter, beim Vater ganz gutes Wetter zu machen, bringt ihn davon ab, doch bleibt er nicht daheim, sondern geht wieder fort.

Eine halbe Stunde später kommt der Duckmäuser zum Dorfe, torgelt und taumelt und redet mit sich selber wie ein Schwerbetrunkener und findet aber doch den Weg zu den Linden, wo noch Buben und Mädchen der schwarzen Schwitt stehen, denn das Verschwinden ihres Herzkäfers hat Alle in schwere Unruhe und Besorgniß versetzt und Mehrere suchen in den umliegenden Ortschaften ihr Haupt.

Der Mond steigt über den dunkeln Bergen des Schwarzwaldes auf und leuchtet ins Thal, die Susanne erkennt den Duckmäuser, Alle springen ihm fragend entgegen und sehen seine Beulen und Striemen; er spiele die Rolle des Betrunkenen, wiewohl er im Pfarrdorfe drüben nur zwei Schöpplein schnell hinabstürzte; sie glauben, daß er heute fortgewesen, im Rausche unbesonnen gewesen sei, Händel angefangen und "Pumpes" bekommen habe.

Dies war's, was er wollte, denn daß ihn seine Eltern so wenig verriethen, als die, von welchen er Geld geliehen, wenn er nämlich dieses Geld rasch zurückgebe, dessen war er gewiß.

Der theuern Margareth, der holdseligen Marzell und dem herzensguten Vefele erzählte er die Sache vom Liebhardt selbst, doch wollte er auf dem Markte, wohin er jeden Donnerstag mit einem Korb voll Eier, Butter und dergleichen geschickt wurde, ein großes Unglück gehabt und die zwei Gulden gebraucht haben, um den Schaden vor dem strengen Vater zu verbergen!

Er konnte als armer Bursche mit den paar rothen Batzen, welche die Mutter dem Vater für ihn abschwatzte, seine Anführersrollen nicht spielen, der Max würde ihn mit seinen Kronenthalern arg zu Schanden gemacht haben. Heimliche Schulden drückten den Benedict und seitdem er so gründlich erfahren, was der Vater von Schulden halte, wars ihm desto unlieber, weil die Mutter gar zu scharfe Augen machte, wenn sie den Marktkorb zurüsten half.

Ohne dem Augapfel ein Freudlein in Ehren zu mißgönnen, blieb sie sehr sparsam und häuslich; seit der Geldgeschichte schien ihr auch ein Licht darüber aufgegangen, weßhalb der Benedict seit einiger Zeit manchmal in "Brandpeterle's" Haus schlich, welches im Punkte der Ehrlichkeit und in einigen andern dazu nicht im besten Geruche stand. Sie paßte gewaltig auf, wenn derselbe seinen Marktkorb auf den Kopf nahm und in die nahe Stadt marschirte, suchte zuweilen hinter dem Getüchtrog und in andern Winkeln und schüttelte den ergrauenden Kopf, obwohl sie niemals etwas Verdächtiges fand.

Man munkelte im Dorfe hie und da von Schulden des Benedict, die rothe Schwitt meinte, "er habe es dick hinter den Ohren und sei halt der Duckmäuser", doch die Leute wurden nach und nach bezahlt und der rothen Schwitt das böse Maul gestopft.

An einem Dienstag Abend sitzt der Benedict bei den Mädlen unter den Linden, da sagt die Marzell: "Gelt, du hast heute ein Pfund Butter bei der krummen Lisbeth für s' Baschi's Wittfrau gekauft?"--"Ja, warum sagst du's?"--"He, die Lisbeth hat dich bei einer ganzen Heerd Weiber ausgerichtet, habest ihr kein Geld für die Butter gegeben und nachher doch behauptet, du hättest sie bezahlt!"--"Wart'! der Lisbeth will ichs morgen sagen! Hab' ich je in meinem Leben um einen halben Kreuzer _betrogen?_" fährt der Benedict auf und geht bald ein bischen verstimmt heim.

Am nächsten Markttage steht die krumme Lisbeth mit andern Weibern und Mädlen des Dörfleins auf dem Wochenmarkte und just neben einer Obsthändlerin. Auf einmal kommt der Benedict, kauft für zwölf Kreuzer Obst, gibt der Frau das Geld und geht.

Eine Viertelstunde später kehrt er eilfertig zurück und fragt die Obstfrau schon von weitem: "Nicht wahr, bei Euch habe ich für zwölf Kreuzer Obst gekauft?"--"Ja, das habt Ihr!"--"Ich habe Euch ja 's Geld nicht gegeben?"-- "Doch, doch, Ihr habts mir in die Hand gelegt!"--"Oh, das kann gar nicht sein, ich weiß es von meinem Gelde, die zwölf Kreuzer fehlen mir nicht!"

Wer keine doppelte Bezahlung will, ist die blutarme Obstfrau, wer darob ein tüchtiges Geschrei anfängt, der Benedict und während alle Weiber recht aufpassen, sagt er und schaut auf die krumme Lisbeth hinüber. "So ist's! Die Eine will ihre Waare gar nicht, die Andere dagegen doppelt bezahlt haben! ... Für die halbe Stadt muß ich einkaufen; gehe ich nun auch einmal fort und vergesse in Gedanken das Bezahlen, so finde ich bald, wo es fehlt, wenn ich die Rechnung über mein Geld stelle! ... Doch zweimal, wie es vorgestern Eine mit ihrem Pfund Butter haben wollte, zahle ich nicht gern!"

"Da sieht man wieder, wie man den Leuten Unrecht thut!" ließen sich die Weiber vernehmen und schauten auf die Lisbeth.

"Ich hab's vorgestern gleich nicht geglaubt, der Benedict geht jetzt schon lange auf den Markt und hat sich noch nie etwas zu Schulden kommen lassen!["] meint die Apel.

Abends hört der Duckmäuser von seinen Herzkäfern lauter Liebes und Gutes und einer ganzen Heerde Weiber hat die Lisbeth eingestanden, es sei leicht möglich, daß sie Benedicts Geld für die Butter verloren habe; ein Loch sei nicht in ihrem Rocke, doch habe sie das Geld in der Eile nicht in den Beutel gethan und vielleicht mit dem Schnupftuche weggeworfen.

Sauer, blutsauer ließ sich's unser Held werden, bis die ärgsten Gläubiger zufrieden gestellt waren, Angst und Noth stand er genug dabei aus und fand, der Erwerb auf krummen Wegen gewähre dem Menschen sehr wenig Freude; er würde sich gern mit den paar Batzen begnügt haben, welche die Mutter ihm zusteckte, doch sollte er _jetzt_ vor dem Max zurücktreten, aufhören, an der Spitze der schwarzen Schwitt zu stehen und so die "Neumodischen" Herren im Dörflein werden lassen?

Der Max besaß Geld wie Heu; nicht blos an hohen Feiertagen und besondern Gelegenheiten, sondern jeden Abend, den Gott gab, lebte die rothe Schwitt herrlich und in Freuden, sei es im Hirzen oder in Kunkelstuben, und wenn die schwarze Schwitt auch nicht groß thun, prahlen und unmäßig sein wollte, so gab es doch von Zeit zu Zeit Gelegenheiten zum Geldausgeben und der Benedict hätte es nicht sehen können, wie Maxens Rothe, Willibalds Luzie und Andere mit Geschenken überhäuft wurden, während die braven, treuen und lieben Mädlen der schwarzen Schwitt leer ausgingen.

Wenn er jetzt zuweilen mit einem kleinen Marktkorbe auf dem Kopfe zum Ort hinausging, so wuchs der Korb merkwürdig in die Höhe, ehe er durch das Stadtthor keuchte und einige Weiber wollten wissen, das Wunder gehe ganz natürlich zu; gewiß war, daß der Benedict unterwegs seinen kleinen Korb abstellte, seitwärts vom Wege in das Weidengebüsch des Mühlenbaches trug und weit schwerer bepackt wieder hervorkam, sich vorher nach allen Seiten umsah, ob kein Unrechter in der Nähe sei und dann rascher als vorher der Stadt zulief. Die krumme Lisbeth mit ihren scharfen Augen bemerkte es wohl, andere Weiber wußtens bald; sie zogen den Benedict auf wegen seines Abstellens bei den Weiden und dieser merkte, daß Mutter Theres sammt andern ihres Geschlechtes und manchen Männern dazu seine Ehrlichkeit und Redlichkeit stark bezweifelten.

Der Liebhardt war nicht allein beim Jacob gewesen, als die Geldanleihe zur Sprache kam, Andere mochten die Sache herum gesagt haben, Benedicts Eltern zahlten alle ihnen bekannten Gläubiger aus, diese merkten auch etwas, das Pfund Butter war auch noch nicht vergessen und das Dörflein lag nicht in einer Gegend, wo man gestohlen haben mußte, um für unehrlich zu gelten; eine wackere Lüge reichte dazu hin und der Marktkorb machte die Mutter so mißtrauisch, daß sich der Held der schwarzen Schwitt nicht mehr zu helfen wußte. Zuweilen kam jetzt wohl die Schwindsucht an sein Geldbeutelein, doch von Zeit zu Zeit besaß er Geld und so vorsichtig er mit dem Ausgeben desselben war, schüttelten doch manche den Kopf und meinten, der Max habe mit dem Namen "Duckmäuser" keinen üblen Einfall gehabt.

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#DUCKMÄUSERS GLÜCKSSTERN ERBLEICHT.#

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An einem Sonntagmorgen tritt der Benedict aus der Kammer in die Stube, der Vater rasirt sich gerade hinter dem Ofen und tritt diesmal nicht so glatt und sauber wie sonst hervor, denn er hat sich im Eifer geschnitten oder vor innerer Bewegung gezittert, seine Stirn ist gefaltet und der Blick so finster, daß der Sohn bereut, durch das Löffelgeklirre der Mutter in die Stube gelockt worden zu sein.

"Bist du gestern Nacht nicht wieder in Brandpeterles Haus gewesen?" fragt der Jacob und der Mund zuckt bei dieser Frage gar seltsam.--"Ja, ich war ein Viertelstündle dort und hab' geschwind die Geschichte vom Fortunatus mit dem Säckel und Wünschhütlein erzählen! müssen!" meint der Benedict kleinlaut.--"Woher hast du denn diese schöne silberne Uhr, die heute Nacht aus deinem Sacke rutschte?" fragt der Alte mit blitzenden Augen und zitternden Lippen und zieht die Uhr aus dem Kasten--"Ho, ich habe sie gefunden!"--"So was findet man nicht so am Wege! Kerl, was fängst Du für ein Leben an? Gib Acht, gib Acht, daß ich nicht hinter dich komme, 's geht dann anders als wegen dem Liebhardt!" donnert der Vater und schlägt die Eichenfaust auf den Tisch, daß die blechernen Löffel und zinnernen Teller in die Höhe springen und die jüngern Kinder ängstlich zusammenfahren.-- "Alter, denk' an unsere Verabredung!" ermahnt die Theres, welche eine Schüssel voll gebratener Erdäpfel neben die dampfende Suppe stellt.--"Wo hast du die Uhr gefunden?" forscht der Jacob weit sanfter.--"Da und da."-- "Bah, bah, weßhalb hast du sie denn verborgen? Weßhalb mußte ihr Picken erst dein Glück verkünden? Soll man das Maul halten, wenn man Etwas gefunden hat? Meinst du, es werde Niemand nach der Uhr fragen? Kerl, Kerl, nimm dich in Acht, heute gehst du mir nicht zum Hause hinaus, hast's gehört?["]--"Ja, ja!" versichert der zitternde Benedict und die Mutter wirft ihm einen Blick unaussprechlicher Angst und Bekümmerniß zu, denn sie ahnt, wie ihr Augapfel zu der schönen Uhr gekommen sein möge. Aus der Kirche bringt der Vater die Hiobspost, gestern Abend sei dem Melchior die Silberuhr, welche er an der Wand hängen hatte--weggefunden worden, der Benedict glaubt sein Todesurtheil zu vernehmen, doch flicht der Vater diesmal keinen Seilstumpen und versetzt dem Bueb nur gelegentlich einen Stoß, daß derselbe der Länge nach zu Boden stürzt und will einen Fußtritt oben drauf setzen, den die herbeieilende Mutter jedoch verhindert.

Bei Nacht und Nebel trägt der Jacob die Uhr wieder dahin, woher sie genommen wurde, kommt unbeschrieen wieder heim, kann kein Wort reden vor Schmerz und Schaam, die Theres aber nimmt den Benedict in die Kammer, fällt vor ihm auf die Kniee und bittet ihn unter strömenden Thränen und mit aufgehobenen Händen, sich zu bessern und von dem Wege abzulassen, den er eingeschlagen.

Bei allem, was dem Christenmenschen und Kindesherzen heilig ist, beschwört sie ihn, vor Gott und den Menschen ehrlich und rechtschaffen zu wandeln und bringt ihn zum Schwure, wieder ordentlich zu werden.

Sie verspürt an Eiern, Butter und dergleichen, daß es dem Duckmäuser diesmal Ernst sei; sie kennt ihn inwendig wie auswendig und will Alles thun, um ihn auf dem rechten Wege festzuhalten. Sie weiß, es gäbe Eine im Dörflein, welche mehr über den Benedict vermöge, denn alle Geistlichen, Vater und Muster zusammengenommen, diese Eine hieß Margareth und zu dieser geht die tiefbekümmerte Theres, erzählt ihr, wie alle Ermahnungen, Warnungen, Schläge und andere Mittel den Buben nicht von Brandpeterles wegbringen könnten und wie es mit Melchiors Uhr zugegangen sei.

Ob der unerwarteten und nie geahnten Nachricht erschrak die Margareth so sehr, daß sie den Benedict, für welchen sie freudig ihr Leben gelassen hätte, von dieser Stunde an nicht mehr liebte, sondern eher fürchtete, und später fürchtete wie selten ein Mensch gefürchtet wird. Sie verrieth Theresens Vertrauen mit keiner Silbe, blieb gegen dieselbe eine zärtliche Freundin und liebende Tochter, doch die Liebe für den Benedict war aus ihrem reinen, blutenden Herzen verschwunden, jeder Blick und jedes Wort und die Scheu vor dem verdächtigen Geliebten verrieth es jetzt schon.

Am dritten Abend darauf rüstet der Benedict seinen Marktkorb, die Mutter sieht ihm mit nassen Augen zu, denn er sieht gar bleich und zerstört aus, thut wie Einer, der nicht mehr bei sich selbst ist und hört stumm die Aufträge herzählen, welche er morgen befolgen soll; schon um 3 Uhr will er wie gewöhnlich fortgehen und um diese Zeit pflegt die Mutter noch ein bischen zu schlafen.

Der Marktkorb ist gepackt, der Benedict setzt die Kappe auf und nimmt die Pfeife von der Wand. "Wohin willst du noch?" fragt die Mutter.--"Zu den Andern!" brummt der Sohn kurz und grob.--"Nein, du gehst jetzt nicht zu den Andern, sondern bleibst da! ... Wenn gute Worte nichts nützen, dann will ich auch anders mit dir anfangen!" ruft die schwergekränkte, erzürnte Mutter.

Der Vater sitzt am Tische, sucht in einem alten Kalender den Tag, an welchem die kleine Ammerey zur Welt kam, doch jetzt steht er auf und langt nach den Stricken, die neben dem großen Legendenbuch am Kasten herabhängen, der Duckmäuser jedoch schießt wie eine Kugel aus dem Rohr zur Thüre hinaus in die stockfinstere Nacht hinein.

Einige Minuten später geht er in das Haus des Brandpeterle, in welchem die rothe Schwitt jetzt ihr Hauptquartier aufgeschlagen hat. Der Brandpeterle sitzt nicht in der Stube, denn er liegt schon längst drüben auf dem Kirchhofe, doch dessen verrufene Wittwe setzt eben zwei Krüge Wein auf den Tisch, ihre hübsche, doch leichtsinnige Tochter, die Hanne, sitzt auf dem Schooße des Willibald, der mit fünf andern Buben und fünf Mädlen der rothen Schwitt just vom Duckmäuser redet, denn dieser wird erwartet. An diesem Abend wird das bisherige Haupt der schwarzen Schwitt vollends zum Haupte der rothen ernannt, die Hanne zur "ehelichen Geliebten" desselben gemacht und der erste Beschluß des Neubekehrten heißt: Brandpeterles Haus bleibt Hauptquartier der rothen Schwitt, die ganze Jungfrauschaft der schwarzen ist im Bann!

Etwa um die Zeit, wo Benedict sonst den Marktkorb auf den Kopf zu nehmen pflegte, tritt er aus Brandpeterles Haus und geht nicht heim, um den Korb zu holen, sondern zum Dörflein hinaus und am Kreuze vorüber, wohin er vor drei Jahren in der Frohnleichnamsnacht die Maien gebracht.

Er zieht die Kappe nicht herab, sondern schaut nach der andern Seite.

Es wird Abend, wird wieder Tag, wird Sonntag, Dienstag und noch einmal Dienstag, vom Benedict ist nichts zu sehen und zu hören, die Hanne mit der rothen Schwitt wartet so vergeblich wie die schwarze. Am folgenden Sonntag, während Alles in der Kirche ist, was nicht ganz notwendig in der Küche oder bei der Wiege oder im Krankenbette bleiben muß, tritt der Duckmäuser wieder über die Schwelle seines Vaterhauses, die Mutter steht am Heerde und kehrt sich um, doch sie fährt erschrocken zusammen und findet keinen Gruß.

Ohne ein Wort zu sprechen, geht er in die Kammer, zieht ein frisches Hemd und die Sonntagskleider wieder an, nimmt einen schweren Geldbeutel aus dem Sacke der alten Hosen, steckt denselben ein und geht mit einem barschen "Adje" wieder zum Hause hinaus.

Kein Kundschafter erfuhr, wohin der Benedict gegangen, doch wie es dunkel wird, kommt er mit Zweien von der rothen Schwitt das Dorf herauf zur Linde, die Mädchen der schwarzen Schwitt drängen sich nicht um ihn herum, wie dies sonst immer der Fall war. "Wo ist d´ Margareth?" fragt er--"Wir wissens nicht! ... sie wird daheim sein!" antworten Einige--"Und Ihr, was thut Ihr da? Ihr könntet auch daheim sein!" sagt er und geht dann das Dorf weiter hinauf.

Im Hofe des Brandpeterle sitzen die Dorothea, Klara, die Sabine, welche aus der "Feinsten, Fleißigsten und Sittsamsten" auch eine Helden der rothen Schwitt geworden ist, vielleicht aus Scheu vor dem Oberhaupte der Schwarzen.

Der Duckmäuser will mit den Mädchen scherzen, die Gefährten dagegen halten ihn eifersüchtig ab. "_Diese_ gehen _dir_ nichts an, dir gehört die Hanne, laß diese sitzen, wo sie sitzen!"--"Was? Ihr habt mir nichts zu befehlen, ich kann hingehen, wohin ich will und Ihr, wohin Ihr wollt!"

Mit diesen Worten kehrt der Benedict den Rücken und zu der Linde zurück, wo Mädlen der schwarzen Schwitt einsilbig beisammensitzen und kein Lied anstimmen.

"Guten, guten Abend, ihr Lieben! Was macht ihr Lieben?"--"Ach, was machen wir! ... was denkst du aber auch! ... laß jetzt den Karren rennen, wohin er rennt!"--"Was sagt denn die Margareth?"--"Ach, was sagt sie! ... was wir halt auch sagen, daß Solches kein Mensch von dir geglaubt hätte! ... wo bist denn gewesen die ganze Zeit?"--"Weiß es selber nicht!" "Bleibst jetzt wieder da?"--"Dableiben? bei wem?"--"He, bei wem? bei deinen Leuten!"-- "Heute und morgen noch nicht!"--"Ach, thue es doch der Margareth und uns zu lieb und folge deinen Leuten!"--"Der Margareth? Wißt Ihr nicht, daß sie mir den Abschied gegeben hat? daß ich jetzt ein Rothschwitter bin und die Hanne meine Herzige ist?"--Die Mädchen bleiben stumm, einige fahren mit der Schürze über die Augen, andere weinen laut.

"Wenn Ihr zu der Margareth kommt, so sagt ihr, _sie_ habe mich zum Herrn in´s Brandpeterles Haus gemacht, gute Nacht!" sagt der Benedict mit bebender Stimme, ein ingrimmiger Schmerz wühlt in seinem Herzen und droht ihn zu erwürgen, er vermag kaum das "gute Nacht" noch herauszubringen, kehrt sich ab und geht. "Benedict höre, ich muß dir noch Etwas sagen!" ruft ihm die Susanne nach.--"Was weißt noch?" fragt er mit unsicherer Stimme.-- "Ich wills dir allein sagen!"--"Gut, Susanne, ich komme noch einmal zu dir heute Abend!"

Um 11 Uhr klopft Einer am Kammerfensterlein der Susanne, diese öffnet und der Benedict fragt, was sie ihm denn zu sagen habe.

Dieses schwache, einfältige Mädchen sagt in einer stundenlangen Rede Alles, was Verstand, Ehre, Rechtschaffenheit und Gottesfurcht dem Zuhörer zu sagen vermochten; jedes ihrer Worte dringt tief, schmerzlich tief in seine Seele, sie fühlt, wie seine Hand in der ihrigen bebt und nimmermehr würde die Predigt des begeistertsten Kanzelredners, nimmermehr die Thränen der Mutter solch erschütternden Eindruck auf ihn gemacht haben, wie die Rede des einfachen Bauernmädchens, in dessen unansehnlichem Körper eine edle, herrliche Seele wohnte.

Stumm hört er die Susanne an, zuletzt schließt diese mit den Worten. "Wir Mädlen sind _alle_ bei deiner Mutter gewesen und sie hat uns versprochen, dir solle nicht das geringste Leid widerfahren, wenn du nur ihr und dem Vater wieder folgen wollest! ... Jetzt sage mir was du thun willst!"

"Liebe Susann, ich kann nicht mehr hier bleiben, ich bin vom ganzen Dorfe verachtet!" meint der Benedict düster.

"Nein, du bist nicht verachtet, Alle haben Mitleid mit dir und von dem, was deine Mutter der Margareth, gesagt hat, wissen nur wir vier: ich, das Besele, die Marzell' und die Margareth! Wir haben nirgends ein Wörtlein gesagt und werden keines sagen, du weißt, daß wir dir treu sind!"

"Aber die Margareth?"

"Auch sie vergißt dir Alles und ist nicht mehr böse, wenn du jetzt folgen willst! ... Sie ist die ganze Zeit nicht aus dem Hause gekommen, hat nur geweint und wenn du noch jetzt zu ihr gehst, wird sie dir das Nämliche sagen, wie ich!"

Verzweiflungsvoll starrt der Benedict zu Boden und schweigt, die Susanne bittet noch einmal, Besserung zu versprechen und ermahnt ihn jetzt heimzugehen und wieder redlich zu werden, sie wolle immer für ihn beten.

"Susanne, ich will dir folgen, will heute Nacht noch heimgehen und meine Leute um Verzeihung bitten, aber--es nützt nichts, _es ist zu spät!_ ... Gott behüte dich liebe Freundin!"

Verzweiflungsvoll schaut der Benedict zum sternenreichen Nachthimmel empor, wischt zwei große Thränen ab und geht, geht jedoch nicht heim, sondern zuerst vor das Kammerfensterlein des Besele, dann vor das der Marzell, hört bei Beiden dasselbe, was die Susanne gesagt und pöpperlet mit bangem klopfenden Herzen endlich noch bei der Margareth an.

Diese benimmt sich ganz so, wie ihre besten Freundinnen es vorausgesagt haben, versöhnt sich mit ihm und schließt ihre Predigt also:

"Wie oft, wie oft, Benedict, hat das schneeweiße Bäbele selig von dir gesagt, es sei nicht alles Gold, was glänze! ... Sei aber fortan jetzt brav und redlich, ich bitte dich um Gotteswillen, Allerliebster! ... Denk´ jetzt an unsern Herrgott, bete und arbeite, wie dein Vater, der brave Jacob sagt und thut! ... Laß solche Sachen bleiben, dadurch wird kein Mensch glücklich, wie du ja selbst schon oft gesagt hast!"

Schon bricht der Tag an, die Schwalben zwitschern, es ist Zeit, den Marktkorb endlich zu holen, er geht heim, Vater und Mutter sprechen mit ihm, als ob gar nichts vorgefallen wäre, Benedicts Entschluß zur Besserung steht fest, ist aufrichtig, aber--zu spät!

Drei Tage früher und der Duckmäuser hätte wohl den armen, stets verachteten, ungeliebten und durch die Lieblosigkeit der Menschen zumeist verderbten Zuckerhannes niemals kennen lernen!

Wunderbar ist die Macht, welche von einer unschuldigen, tugendhaften, christlich gesinnten Jungfrau nicht nur auf das Gemüth eines unverderbten, sondern auch eines verderbten, ja lasterhaften Jünglings ausgeübt wird. Die hohe Verehrung, welche ächte Katholiken der Jungfrau Maria zollen, wurzelt im tiefsten Geheimniß des menschlichen Herzens und wer die Liebe der jungfräulichen Mutter nicht versteht, lernt nur schwer die Liebe des Gottessohnes zum Menschengeschlechte verstehen. Ein Verächter Marias ist gewöhnlich ein schlechter oder mindestens sehr befangener Christ und wer die Jungfrauen nicht achtet, ein roher und noch häufiger ein schlechter Mensch. Schade, daß heutzutage christlich gesinnte Jungfrauen nicht häufiger sind! Hat Satan nicht zuerst die Eva und dann erst, als diese gesündigt hatte, durch sie den Adam verführt? Hat die Susanne, welche noch lebt und über den universellen Sieg der rothen Schwitt im Dörflein trauert, nicht den grenzenlosen Leichtsinn und tief eingewurzelten Hochmuth des Benedict in Einer Stunde gebrochen? Wie wäre er sonst unter das Fensterlein der Margareth und nach Hause gekommen? ... Mit dem Marktkorbe auf dem Kopfe wandert Benedict wiederum der Stadt zu, zuerst holt ihn das Besele, dann die Marzell und zuletzt auch die Susanne auf dem Wege ein, alle drei sprechen leise und angelegentlich mit ihm und stumm hört er ihre Reden an, antwortet zuweilen nur mit einem schmerzlichen: Ach, ich!--

Die "Alltagsmarktweiber" des Wochenmarktes stecken ihre Köpfe zusammen und verwundern sich ebenso sehr über die fremdgewordene Erscheinung des Benedict als über das nachdenkliche Gesicht und zerstreute Wesen desselben, denn heute bringt er auch nicht einen seiner sonstigen Marktwitze und fröhlichen Späße vor.

Auf dem Wege waren ihm noch früher als das Besele drei Gensdarmen begegnet; diese gingen seinem Dörflein zu, ein schwüles, banges, unheimlichem Ahnen erfüllte seine Seele, er sah immer nur die drei Gensdarmen, welche dem Hause seiner Eltern zugingen und hörte nur immer, wie dieselben nach ihm fragten!