Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Zweiter Theil

Chapter 24

Chapter 243,441 wordsPublic domain

Ich wollte mich erstechen und schliff mein stumpfes Messer mit unsäglicher Mühe scharf und spitz. Aber ich besaß den Muth nicht dazu. Sage Keiner ein Selbstmörder sei ein Feigling, es ist nicht wahr, zum Selbstmorde gehört ein Muth, welcher den Selbsterhaltungstrieb und die Ewigkeit verhöhnt. Ein Aufseher entdeckte das Messer, nahm es weg und mehr als je fand ich mich beargwohnt und beobachtet. Ich betrachtete stundenlang meinen Kleiderrechen und dachte daran, mich zu hängen.

Allein das Hängen hat namentlich für einen alten Soldaten etwas Widerliches an sich, vielleicht weil es die leichteste oder doch angenehmste Todesart sein soll. Zudem konnte ich zu früh entdeckt, abgeschnitten und gerettet werden. Noch meine Todesgedanken waren von der Eitelkeit beherrscht; ich glaubte die herabsetzenden Redensarten derer, die meinen Leichnam auszogen, zu hören und der Gedanke, von gleichgültig lachenden Studenten zerschnitten zu werden, erregte mir ein widerliches, grauenhaftes Gefühl.

Die Hölle ließ mich auf eine Todesart verfallen, deren Namen ich nicht nennen mag; sie beseitigt den Schein des Selbstmordes und führt Annehmlichkeiten mit sich, welche die des Hängens durch Dauer weit überbieten. Um die Scheu vor der Anatomie zu beseitigen, wollte ich zuerst von meinem Gutmachgeld das Doppelte des Werthes meines Leichnams--ein menschlicher Leichnam gilt in B. 10 Gulden--an Jemanden außerhalb des Gefängnisses senden und es dahin bringen, daß dieser Jemand nach meinem Tode das Geld in die Anstalt brachte und die Beamten dadurch veranlaßte, meinen Leichnam nicht den Studenten zu schicken, sondern in B. begraben zu lassen.

Diesen Jemand hatte ich noch nicht gefunden, als ich in eine schwere Krankheit verfiel.

Ich kam in eine Krankenzelle, welche sich von den gewöhnlichen Zellen fast nur durch die größere Bequemlichkeit und vor Allem durch eine wahrhaft christliche Behandlung unterscheidet, deren man darin genießt. Nur dunkel entsinne ich mich, wie ich später in den Krankenstock hinabgetragen wurde, wo sich die Schwerkranken befinden.

Bienen, Rosenkäfer und buntfarbige Schmetterlinge gaukelten lustig um duftende Rosenhecken und prächtige Blumenketten des Citysus im heimelig stillen Zuchthausgarten und die Schwalben äzten ihre Brut, als meine Krankheit sich mit unerträglichem Kopfschmerz und galoppirendem Pulsschlage einstellte. Der Wind trieb aber die letzten falben Blätter von den Bäumen, der Sängerlärm im nahen Schloßgarten war verstummt und die unvermeidlichen Spatzen zankten sich um verlassene warme Rester [Nester] unter den Dächern des vierten Flügels, als ich zu neuem Dasein erwachte und mich täglich etwas länger in der Kunst des Stehens und Gehens einüben durfte.

Ich vermeinte kein Gefangener mehr zu sein, denn ich wohnte in einem hohen, anständig eingerichteten Gemache mit großem Fenster ohne Eisengitter und nur der verbleichte Uniformsrock der Krankenwärter und noch mehr das unmenschliche und unnöthige Gebrülle der meisten Wachen auf der Ringmauer mahnte mich daran, daß ich noch Gefangener sei.

Der Krankenwärter besaß mehr Einsicht und Bildung als Leute seiner Art gemeiniglich zu haben pflegen. Er nährte meinen aufwachenden Verstand, während sein Gehülfe, ein etwas kurz und uneben gerathener Bursche mit koketten Löcklein und zahmen Blauaugen den Magen versorgte.

Ein dicker, stattlicher, herzensguter Mann, der dröhnenden Schrittes durch die Gänge und täglich lieber in mein Gemach stieg, zeigte sich bereit, mir Alles zu enthüllen, was von Adams Zeit bis zu meiner Genesung über und unter dem Monde vorgefallen war, insofern es sich nur mit der Hausordnung vertrug. Der Arzt selbst besuchte mich täglich zwei bis dreimal, der Widerwille, den ich früher gegen ihn als den "Knecht einer verrotteten Regierung" so gut als gegen andere Besucher empfunden, war wie weggeblasen. Er hatte mein Leben retten helfen und ich fühlte, daß ich das Leben wiederum liebte, denn als der Mann mit dem dröhnenden Schritte mir scherzend einen amerikanischen Strick in Aussicht stellte, schauderte ich unwillkürlich zusammen.

Täglich kam der vortreffliche Hausgeistliche zu mir und jeder Besuch machte mir denselben theurer. Durch maßlosen Hochmuth, ungeschickte Heuchelei und arge Verstocktheit hatte ich ihn oft betrübt. Seine Freude, mich gelassen und ruhig zu finden, war jetzt um so größer, denn er hatte alle Hoffnung aufgegeben, mich gründlich zu bekehren und gehörte zu jenen Wenigen, denen die Aufrichtung Eines Gefallenen in der That mehr gilt, als die Erhaltung von zehn Nichtgefallenen, bei denen die Gefahr des Fallens vorüber ist.

Der alte wüste Ichmensch schien wirklich absterben, ich neugeboren werden zu wollen. Die Krankheit hatte meine leibliche Kraft gebrochen, sie erstarkte allmählig, doch den alten Menschen konnte und Sollte ich nicht wieder erstarken lassen. Schon vor der Krankheit hatte ich so oft gewünscht, wiederum ein Kind zu sein und mein Leben von vorn anfangen zu können. Nunmehr war ich ein Kind und beschloß ein anderes Leben anzufangen, obwohl meine Seelenstimmung jetzt noch mehr Folge der allgemeinen Schwäche und mein Glaube an Christum, den Sohn Gottes und dessen Weltkirche noch kein felsenfester war.

Mit der Kraftlosigkeit eines Kindes verband sich bei mir auch die Weisheit und Leichtbestimmbarkeit eines Kindes. Liebe zieht den Menschen groß; die Liebe von Solchen, denen ich niemals Gutes erwiesen und oft genug Arges gesagt und gewünscht hatte, verhalf mir zu meiner leiblichen und geistigen Genesung.

Lange, einsame Spätjahrnächte gaben mir Muße zum reifen Nachdenken. Wenn der Sturm um das Haus heult und der Regen an die Fensterscheiben schlägt, dann fühlt sich der Mensch, dem nicht das Glück geworden, Gatte und Vater zu sein, einsam und keine trauliche Umgebung hält ihn von Betrachtungen ab, welche mit den Stürmen oder der Eintönigkeit der Außenwelt harmoniren. Und ich, ein gemeiner, kranker Verbrecher, ein Gefangener, der nach einem an verfehlten Bestrebungen und Thaten reichen Leben anfängt, ernsthaft in sich zu blicken, dem der Tod nahe gestanden und Gott neues Leben geschenkt, er sollte sich keinen ernsten und schwermüthigen Betrachtungen hingeben?--

Lange, einsame Spätjahrnächte hindurch überlegte ich namentlich auch, was ich denn wisse und verstehe und der Menschheit bisher nützte. Arm, krank, ohne Zweck und ohne Mittel lag ich als unwissender Mensch und Feind der Menschheit im Krankenzimmer eines Zuchthauses, ein Mann reif an Jahren, leer an ersprießlichen Thaten und--doch Bruder, theuerster Bruder, erlasse mir meine damaligen Stunden zu schildern. Nach langer, langer Zeit zum erstenmal weinte ich keine Thränen der Wuth, sondern lindernde schmerzstillende Thränen, weinte nicht über Andere, sondern über mich, versuchte zu beten, stammelte zuweilen ein Vaterunser, dasselbe Vaterunser, welches mich und Dich unsere theure, von mir so tiefgekränkte Mutter gelehrt hatte.

Ich dachte nach über mich und mein Schicksal. Es däuchte mir, als ob ich mich selbst bisher arg gehaßt und Alles gethan habe, um mir mein erlebtes Schicksal zu bereiten. Je mehr ich an mich selbst und meine Fehler dachte, desto mehr wurde ich geneigt, die Fehler Anderer in milderm Lichte zu sehen.--

Eine Unvorsichtigkeit rief einen Rückfall meiner Krankheit hervor und der Tod trat mir wiederum nahe. Ich zitterte nicht vor ihm, doch wünschte ich meine Erhaltung, weil ich so Vieles noch auf Erden gut zu machen und eine Ahnung künftigen Glückes mein ganzes Wesen durchklungen hatte. Zum zweitenmal wurde ich gerettet, doch wohl nur deßhalb, weil ich vor dem Rückfall in meiner Genesung ziemlich weit vorgeschritten war.

Wiederum dachte ich über mich und mein Schicksal nach, wiederum war mir das Zeitliche gleichgültig und ich beschäftigte mich gerne mit den Zuständen des Jenseits, dem ich näher als Andere gestanden, wiederum wirkten Besuche und das Vorlesen meines Wärters vorteilhaft auf mich ein.

Ich wünschte lebhaft ein anderer Mensch zu werden und zum lebendigen Glauben an Christum den Gottessohn, diesen süßen, beseligenden Glauben, zu gelangen. Es dauerte lange, bis ich mich dazu entschloß, Gott nicht nur um den Glauben zu bitten, sondern mich Ihm in in [in] einer Generalbeichte einmal ganz und unbedingt zu Füßen zu werfen.

Ein Sonntagnachmittag besiegte meine letzten Bedenklichkeiten; ich werde diesen und die darauf folgende Nacht nicht vergessen haben, wenn unsere Gebeine längst vermodert sind und wir zusammen dort leben, wo der Mensch den ganzen Plan und Gang seines Geschickes von der ersten Minute seines Daseins bis zur letzten erschaut.

Der Himmel schaute trüb zum Fenster herein, die nahen Hügel im Schmucke des Winters mahnten an Tod und kalte Nächte. Alle, die mich besucht hatten, waren ernst und einsilbig geblieben, ein Gedanke von Verlassenheit, wie ihn ein Sterbender in meiner Lage haben kann, durchklang meine Seele. Die Gefangenen sangen die Vesper. Die halb verlornen Töne der Orgel, die Stimmen der Singenden hatten etwas Tiefergreifendes, Wehmüthiges, Trauriges. Ich vermeinte meinen Leichengesang bei lebendigem Leibe zu vernehmen, ein herzzerreißendes wehmüthiges Klagelied über mein verfehltes Leben. Ich betete und glaubte zu fühlen, wie der Tod näher zu meinem Herzen heransteige, faltete unwillkürlich die Hände und betete.

Jetzt wurde ein anderer Psalm angestimmt, deutlich vernahm ich aus allen Stimmen heraus einen durchdringenden Tenor, der die Worte sang:

Die Dunkelheit der Leidensnächte Verwandelt Er in Wonnetage!--

Dieser Vers bohrte sich mit unwiderstehlicher Macht in mein Gedächtniß; ich mußte ihn stets wiederholen und so oft ich beschloß, denselben zu vergessen, hatte ich ihn wieder gedacht oder sogar gemurmelt. Es lag etwas Wunderbares in den einfachen, von mir schon so oft gehörten und niemals besonders beachteten Worten.

Finsterniß--Leidensnächte--Er--Wonnetage!--an diese vier Worte knüpfte sich eine lange Kette von Gedanken, es schien mir, als ob Gott selbst zum Troste sie mir zugerufen.

Ich wollte beten, aber ich betete nur diese vier Worte, schlief endlich ein und als ich spät in der Nacht aufwachte, mahnte mich die Dunkelheit im Gemache an die Dunkelheit meines Lebens und meiner Lage.

Drüben in der Stube des Krankenwärters schlug die Wanduhr langsam und schwermüthig die zehnte Stunde. Dies war die Zeit, in welcher unsere Eltern auch von mir allabendlich den Gutenachtkuß erhielten und gaben.

Ich gedachte der Wonnetage unserer Kindheit, der Leidensnächte, welche ich mir und Euch bereitet, der zahllosen Beleidigungen und Frevel, welche ich gegen Ihn verübt, der mich verlassen und der Finsterniß, welche in mir viele Jahre geherrscht.

Das tiefe Schweigen der Nacht redete furchtbarer als je zu meinem Herzen, der Nachbar im Nebenzimmer war heute verschieden, ich glaubte ihn jeden Augenblick zur Thüre hereintreten, mich mit glanzlosen Augen und dem haarsträubenden Gesichtsausdrucke dessen, der die Ewigkeit mit ihren Schrecken erblickt, betrachten zu sehen und zu hören, wie er vom Jenseits redete. Diese Vorstellungen wurden immer lebhafter, kalter Schweiß überrieselte mich; ich wollte rufen, aber die Stimme versagte, vergeblich schloß ich die Augen und steckte den Kopf unter die Decke--immer sah ich den gräßlichen Boten der Ewigkeit vor mir, sah trotz der Decke und Dunkelheit, wie das Gemach sich mit Verstorbenen anfüllte, ich glaubte zu ersticken und war nicht im Stande ein Glied zu rühren. Ich sah den Vater, die Mutter, sie betrachteten mich mit Augen, in denen mein Verdammungsurtheil stand, verstorbene Freunde, die mich anstierten, Kameraden, welche den arabischen Sand mit ihrem Blute getränkt und mit denen ich so Vieles gesündiget und hinter ihnen eine gräßliche Gestalt, die mir zuwinkte und verschwand. An ihrer Stelle stand eine Lichtgestalt, der Glanz, der von ihr ausströmte, verklärte Alles ringsum. Leise, dann lauter, bald feierlich und majestätisch, bald weich und milde ertönten die Worte vielstimmig in Einem fort:

Die Dunkelheit der Leidensnächte Verwandelt Er in Wonnetage!

Das Geschrei der Schildwachen weckte mich aus einem Zustande, der mir den Zustand der Verdammten und der Seligen geoffenbart. Hatte ich geträumt? War Alles Alpdrücken? Spiel der erhitzten Einbildungskraft? Ich weiß es nicht, doch das weiß ich, daß ich ganz anders als früher betete und augenblickliche Buße, den Beginn eines neuen Lebens gelobte und meine Seele ihrem lange genug verkannten Erlöser empfahl. Gebet und Gelübde verliehen mir wunderbaren Trost und eine Freudigkeit des Geistes, wie ich dieselbe noch niemals empfunden.

Der Krankenwärter trat herein, um nach mir zu schauen. Er versicherte, daß ich lange und laut geredet. Auf meine Bitte zündete er ein Licht an und holte ein Gebetbuch, um Etwas vorzulesen. War es Fügung oder Zufall, daß er gerade das Gedicht des heiligen Bernhard:

Jesu, dein süß Gedächtnis macht, Daß mir das Herz vor Freuden lacht!

ein Gedicht, dessen unbeschreibliche Innigkeit und göttliche Liebe nur ein gläubiger Christ vollkommen erfaßt, aufschlug? Er mußte es mehrmals wiederholen und ich schämte mich der heißen, ebenso schmerzlichen als süßen Thränen nicht, welche es mir auspreßte.

Der Krankenwärter ging. Doch blieb ich nicht allein--mein Schutzgeist, mein Erlöser befanden sich bei mir und vernahmen von meiner Reue und Liebe Alles, was die Verwandlung der Leidensnächte in Wonnetage mir gegeben. Nach einem erquickenden Schlummer wachte ich auf, als die milden Sonnenstrahlen eines schönen Herbsttages bereits in mein Gemach spielten. Den ganzen Tag verwendete ich zur ernsten Gewissenserforschung, gegen Abend legte ich meine Generalbeichte ab und empfing wohl zum erstenmale würdig den Leib Jesu Christi. Wer gegen die Ohrenbeichte der Kirche auftritt, zeigt damit nur, daß er noch nie recht beichtete und wer im heiligen Abendmahl etwas Anderes als den verwandelten Christus findet, beweist, daß das innerste Wesen des Christenthums, das Liebesverhältniß der Menschenseele zu Gott, ihm noch nicht recht aufgegangen ist.

Gott war fortan mit mir und ich bei Ihm und wenn auch Schwachheit und Sündhaftigkeit mich Ihm zuweilen zu entfremden drohten, kehrte ich inbrünstiger zu Seinen Füßen zurück.

Ich betete viel und meist ohne Gebetbuch. Außer der Nachfolge Christi und der Philothea genügte mir kein Gebetbuch.--

Verbrechen, welche vom Gesetze geahndet werden und an sich entehrend sind, habe ich außer dem, welches mich in den Kerker führte, glücklicherweise keine begangen, aber will dies Vieles bedeuten?

Wie mangelhaft, wandelbar, verschieden sind Gesetzgebungen!

Unter Vielem, was mir schwer auf der Seele liegt, ist es besonders das Geld, welches ich im Amtsgefängnisse einem Bauernknechte herauslockte. Noth trieb mich dazu, meine Ansichten vom Eigenthum ließen mir den Schritt um so erlaubter erscheinen, weil ich ernstlich an Zurückgabe dachte.

Du weißt, daß Ersatz unmöglich geworden, weil der Betrogene im Gefängnisse an der Schwindsucht starb und keine Seele besaß, die er sein eigen nannte außer der eines unserer Mitgefangenen, des Duckmäusers. Doch werde ich Alles thun, um den Schaden auf andere Weise gut zu machen.----Ich weiß, daß meine frühern Freunde mich als einen schwachköpfigen oder schlauen Renegaten verachten und verfolgen werden und beklage mich nicht darüber. Der Stolz, ein consequenter und entschiedener Communist gewesen zu sein, hat sich in das Gegentheil verkehrt und ich bin wohl am besten dabei gefahren. Es ist nicht die Aufgabe des Menschen, auf einem Standpunkte zu beharren, namentlich wenn er denselben als einen einseitigen und falschen erkennt, sondern sich immer mehr zu vervollkommnen.--Gegen die furchtbaren Gefahren, welche aus der täglich zunehmenden Verarmung, Verdienstlosigkeit und Verzweiflung der Massen erwachsen, hat nur die Weltkirche Jesu Christi Beschwörungsformeln, denn sie lehrt Leiden ertragen und in Freuden verwandeln und zeigt nicht nur den Weg zur ewigen, sondern auch zur zeitlichen Wohlfahrt. Im Christenthum als der absolut wahren Religion liegt auch die einzig ächte Nützlichkeitsphilosophie, die Lösung der sozialen Fragen verborgen. Von der Stellung, welche die verschiedenen Staaten und Stäätlein zur Kirche einnehmen, wird der Fortbestand oder Sturz dieser Staaten und Stäätlein abhängen. Staaten müssen sich aufrichtig bessern gerade wie einzelne Menschen und wenn große Staaten wie Oesterreich und Preußen mit gutem Beispiele vorangehen, wenn man das Aufleben kirchlicher Gesinnung beim Volke beachtet, darf man ruhiger in die Zukunft blicken. Stürme werden nicht ausbleiben, aber die Pforten der Hölle werden Christi Kirche nicht besiegen und das revolutionäre Heidenthum wird den Bestand _christlicher_ Staaten und das Fortleben _christlicher_ Völker nur stören, doch nicht zerstören.

Aber Religion, positive Religion muß in Palästen und Kabineten, in Deputirtenkammern und Amtsstuben so gut als in Hütten wohnen; bei den Reichen und Besitzenden muß die Charitas des Mittelalters neu aufleben; das positive Christenthum muß Obermacht über das herrschend gewordene Heidenthum erlangen, wenn die moderne Gesellschaft nicht ein ähnliches Geschick erleben will wie einst die versinkende Römerwelt!--

#V.#

--Sie haben vollkommen recht: die nationalen Eigenthümlichkeiten müssen bei Zellengefangenen berücksichtiget werden, ja ich glaube, daß Zellengefängnisse für südliche Völker nichts taugen. Der schweigsame, kaltblütige Engländer mag sich begnügen mit flüchtigen Besuchen, welche den Charakter polizeilicher Controlle tragen, pietistische Tractätlein und die Offenbarung Johannis mögen sein Herz nicht mit dem Kopfe davon rennen lassen und er mag nichts vermissen, wenn sein Verhältniß zu Beamten und Aufsehern nichts Herzliches und Freundschaftliches an sich trägt, nicht aber so der Deutsche. Der Hang zum Grübeln und Schwärmen, die Innerlichkeit und Gemüthlichkeit des Deutschen ist auch beim Verbrecher zu berücksichtigen und darin liegen Anknöpfungspunkte für seine Besserung wie für Geistesstörung und Selbstmord. Senden sie schweigsame, spröde Korporalstockpedanten in deutsche Zellengefängnisse, geben Sie dem Gefangenen nur religiöse Bücher, bestellen Sie für ihn Geistliche, welche in religiösen Angelegenheiten das Gefühl zum Dictator machen, und verdoppeln Sie die, besonders in den ersten zwei Jahren namhaften, Leiden der Einzelhaft durch Strafverschärfungen--so werden je nach der Dauer der Strafzeit unbrauchbare Menschen oder Krüppel aus den Zellen heraustreten, manche Zelle der schauerliche Schauplatz eines Selbstmordes und die Irrenanstalten mit Rekruten versehen werden.

Was die _Strafverschärfungen_ angeht, so hat bei uns wie anderswo die Liebhaberei dafür so sehr Platz gegriffen, daß man Bruchsal mit mehr Recht bald eine _neu aufgelegte und vermehrte Abschreckungsanstalt_ denn eine _Besserungsanstalt_ nennen dürfte. Selten wird Einer von den Schwurgerichten verurtheilt, ohne eine Anzahl von Hungerkost- und Dunkelarresttagen auf den Weg zu bekommen.

Unstreitig sind Strafverschärfungen und unter diesen vor Allem Hungerkuren das wirksamste Mittel, den Stammgästen der Zuchthäuser das Zuchthaus zu verleiden oder sie bequem ins Jenseits zu spediren. Gewohnheitsdiebe sind ebenso Kinder des Unglücks als der Unverbesserlichkeit, das Zuchthaus ist ihre Versorgungsanstalt--sie gehören zu Jenen, welche leben wollen, ohne Geld zu besitzen, und dies ist in unsern "christlichen" Staaten ein so unverschämtes Verbrechen, daß Einer von Rechtswegen gleich nach der Geburt einen Laufpaß in die Ewigkeit erhalten sollte und zwar aus purer "Humanität", denn das Leben der Armen wird mehr oder minder zum langsamen, qualvollen Sterben.

Weil das Heidenthum in den Köpfen unserer Gesetzgeber und Besitzenden spukt, deßhalb will ich nichts gegen Strafverfolgungen sagen, die bei Gewohnheitsdieben angewendet werden.

Allein nicht nur alte Zuchthausbrüder, sondern Solche, die zum erstenmal in eine Strafanstalt kommen; ferner nicht nur die Sträflinge, welche gemeinschaftlich zusammenleben, sondern auch Zellenbewohner werden mit Strafverschärfungen bedacht und zudem müssen die Tage der Hungerkost und des Dunkelarrestes gemeiniglich in der ersten Zeit der Haft durchgemacht werden, weil die Dauer der Strafe häufig eine ziemlich kurze ist.

Dies erscheint meinem beschränkten Unterthanenverstande nicht klug, nicht recht, nicht zweckmäßig. Nicht klug--denn der Staat muß die Hungerkuren der Sträflinge theuer genug bezahlen. Abgesehen von der großen Mühe der Beamten, deren Geschäfte vermehrt werden, leidet der Gewerbsbetrieb dadurch Noth und wird die Gesellschaft mit arbeitsunfähigen Menschen bereichert. Nicht gerecht--denn anerkannt gilt Einzelhaft schon an sich als eine Strafverschärfung und weßhalb sollen Zellenbewohner ärger bestraft werden als andere? Zufall, Laune, die Erklärung des Verurtheilten entscheiden darüber, ob derselbe in die Zelle komme oder nicht, folglich auch über den höhern oder niedern Grad der Strafverschärfung Nicht zweckmäßig--denn der Hunger entkräftet, foltert und tödtet wohl den Leib, doch bessert er den Betroffenen schwerlich. Raubvögel werden durch Hunger zahm; diesen muthet man keine Arbeit, keinen Besuch der Schule und Kirche, kein gesetzmäßiges Verhalten und keine lieb reichen Gesinnungen gegen Mitraubvögel zu, alles dieses dagegen hungerigen Menschen; und solche Behandlung soll fühlende, bewußte Menschen mit Liebe gegen Mitmenschen entflammen? Den Glauben an einen gerechten Gott erwecken? Klingt es nicht wie herber Hohn, Gefangenen die Religion der Liebe verkündigen, während man den ganzen Haß der Gesellschaft gegen sie fühlbar macht?

Was den Dunkelarrest betrifft, so ist dieser auch nicht geeignet, das Innere des darin Sitzenden zu erleuchten. Einige Tage Dunkelarrest mögen in Kasernen und Amtsgefängnissen gut wirken, doch Sträflinge, welche ohnehin gefangen sind und bleiben, werden im Allgemeinen dadurch zur Onanie und zum Faullenzen angeleitet. Für Sträflinge in gemeinsamer Haft bleibt der Dunkelarrest eine oft gar nicht unangenehme kleine Abwechslung, bei Zellenbewohnern kann er leicht Anlaß zu Seelenstörungen und Selbstmord geben, da ihre ohnehin aufgeregte und reizbare Gemüthsverfassung dadurch gesteigert wird.

Will man doch einmal Sünder gegen das Eigenthum oder gegen Leib und Leben Anderer den Thieren gleich stellen, so stelle man sie eher in die Reihe der Hausthiere anstatt in die der Raubthiere und führe die _Prügelstrafe_ wiederum ein.

Die Prügelstrafe ist unstreitig die wohlfeilste, wirksamste und für gewisse Klassen von Menschen wohl auch die angemessenste und gerechteste aller Strafen. Von dem Grundsatze ausgehend, daß nicht sowohl der Mensch im Menschen als das Thier in demselben gezüchtiget werde, sollte man für drei Fälle von Vergehen Stockprügel auch außerhalb der Gefängnisse bereit haben. Erstens für händelsüchtige, rohe Bursche, weiche besonders in weinreichen Gegenden, bei Tanzgelegenheiten und anderswo Händel und Schlägereien stiften. Zweitens verdienen sittenlose Mannsleute und freche Weibspersonen, die am lichten Tage oder im Zwielicht hündische Schaamlosigkeit beweisen, den Hunden gleich gezüchtiget zu werden ohne Rücksichtnahme auf Stand oder Rang. Drittens endlich verdient Schläge, wer ein Weib schlägt. Uebrigens möge uns Gott vor jener guten alten Zeit bewahren, in welcher der Stock das A und das O der Beamtenweisheit ausmachte. Einzig und allein in obigen drei Fällen möchte ich Prügel für Nichtgefangene empfehlen. Begreiflicherweise gibt es in Strafanstalten Leute, für welche Prügel eine große Wohlthat sein möchten und ich bleibe überzeugt, daß ein aus lauter Sträflingen bestehendes Gericht gar oft auf Prügelstrafe für einen ihrer Kameraden erkennen würde.