Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Zweiter Theil

Chapter 23

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Sie modert längst im Grabe und in demselben Grabe mein besserer Mensch. Ich verlor sie keineswegs durch den Tod, denn sie starb erst, während ich in Frankreich lebte. Sie ließ sich halb und halb zu einer Heirath zwingen und war zu edel, um ein Verhältniß fortzusetzen, welches ihren Pflichten hätte gefährlich werden müssen. Ihr Verlust war für mich der Anfang einer Sittenverwilderung, deren Schilderung Sie mir gewiß gerne erlassen. Ich sank von Stufe zu Stufe und stürzte mich in Schulden, aus denen mich die Meinigen weder herauszureißen vermochten, noch den Willen dazu hatten. Die Meinigen verfluchten, die Behörden bedrohten, die Gläubiger verfolgten, alle Bessern verachteten mich und ich, ich glaubte--ein noch immer vortrefflicher Mensch und verdienter Lehrer zu sein und ein Recht zu besitzen, der ganzen Welt zu trotzen.

Nur mit Schauder denke ich an jenen Sonntag zurück, an welchem ich im Hochamte während der Wandlung auf der Orgel das Bänkelsängerlied:

_Schnapps, Schnapps, Schnapps, du edeles Getränke_

anstimmte. Ich mußte fast augenblicklich fliehen und floh ohne Geld, ohne Schriften, ohne Gepäck, ohne Ziel und Plan und ließ hinter mir die Heimath, die Ehre, den Frieden meiner Seele.

Ich floh nach Frankreich und zwar nicht als fortgejagter Schulmeister, sondern auch als Deserteur, da ich ein Jahr Kasernenleben mitgemacht und auf meinen Abschied noch lange zu warten hatte. In Straßburg ließ ich mich anwerben. Wenn ich meine Erlebnisse in Algier, Spanien, in Frankreich, besonders in Paris und Lyon erzählen und mich näher mit dem politischen und sozialistischen Theile meiner Geschichte befassen wollte, so würde dieser ohnehin wohl zu lang gerathene Brief vor einem bis zwei Jahren schwerlich ein Ende finden.

#IV.#

----Du, theuerster Anton, hast Deinem Bruder das Reisegeld gegeben und in zwei Wochen segle ich Amerika zu, um dort nach Kräften gut zu machen, was ich an der alten Welt, an dem Vaterlande, an meiner Familie und mir selbst gesündiget. Hätte ich nicht das Kleid eines gemeinen Verbrechers getragen, so würde ich in ein Kloster gehen, nicht sowohl um meine Schande zu verbergen, sondern um die Gnaden zu offenbaren, welche Gott auch dem Unwürdigsten noch zukommen läßt, wenn derselbe sich an Ihn wendet.

Es scheint mir nützlich und nothwendig zu sein, daß in den Tagen wachsender Armuth, unersättlicher Genußsucht und maßlosen Hochmuthes Menschen durch Thaten den Mitmenschen beweisen, wie wenig Einer braucht, um zu leben, wie wenig sinnliche Genüsse zum Glücke gehören und wie wenig Demuth und Selbstverläugnung uns erniedrigen. Klöster sind eine Forderung der Zeit.

Ach, ich möchte die Zahl Derer so gerne um Einen vermehren, welche laut und offen verkündigen, daß der moderne Staat wiederum ein christlicher werden müsse und daß Kaiser, Könige, Fürsten und Grafen bis herab zum Bettler hinter dem Zaune Eine Pflicht und Eine Bestimmung haben, weil Christus für Alle gestorben, Tod und Gericht Allen gemeinsam sind.

Leider sind jene Tage vorüber, wo auch große Verbrecher in stillen Klostermauern Aufnahme fanden, um Buße zu thun und durch Wort und Beispiel die Vergangenheit zu sühnen.

In zwei Welttheilen lebte ich als Seelenverderber, im dritten will ich als Seelenretter ausharren bis zum Ende und als ein in Christo Freigewordener, noch weit weniger als früher ein Gewicht auf die Warnung legen, welche Faust dem Wagner gibt:

Wer darf das Kind beim wahren Namen nennen? Die wenigen, die was davon erkannt, Die thöricht g'nug ihr volles Herz nicht wahrten, Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten, hat man von je gekreuzigt und verbrannt!

Ich suche in Amerika kein Eldorado und weiß, welche Entbehrungen und Schwierigkeiten meiner harren, nachdem ich mich entschlossen, die Wilden der Urwälder aufzusuchen, unter denselben als Vorarbeiter und Gehülfe der Missionäre zu wirken und an ihnen gut zu machen, was ich an Andern gesündiget.

Doch ich will Deinen Wunsch erfüllen, theuerster Bruder und Dir Näheres von meinem Zuchthausleben erzählen, namentlich insofern dasselbe zu meiner sittlich-religiösen Wiedergeburt beitrug.

Es war im Spätjahr 1847. Ich wußte genauer als mancher Andere, daß Frankreich am Vorabend einer Revolution stehe. Daß dieselbe jedoch schon im Februar 1848 losbrechen und nicht nur die Julimonarchie stürzen, sondern die Monarchie überhaupt zertrümmern und Sozialisten zu Führern Frankreichs machen würde, das ahnte ich nicht, weil es meine kühnsten Hoffnungen überflügelte.

Hätte ich eine Ahnung davon gehabt, so würde ich die geheime Mission nach Deutschland nicht übernommen, eine verhängnißvolle Brieftasche mit Banknoten nicht--gefunden und das Inwendige des Zuchthauses wohl nimmermehr gesehen haben.

Ich lag im Gefängniß, als die Februartage kamen. Sie machten mich rasend; ich konnte Tag und Nacht keine Ruhe finden und wundere mich nur, daß ich nicht geisteskrank wurde. An Fluchtversuche dachte ich nicht, weil ich stündlich Befreiung auf andere Weise hoffte und erwartete und als diese ausblieb, hatte ich es durch meine Reden und mein Benehmen dahin gebracht, daß man ein scharfes Auge auf mich bekam und mich in ein besser verwahrtes Gemach brachte, wo ich einsame Stunden fieberhafter Spannung verlebte.

Es war zu erwarten, daß Berlin ein bischen Prosit rufe, wenn Paris nieße, aber daß Berlin Prosit schreie und die gute alte Stadt Wien zum "Paris in Knabenschuhen" würde, hattte [hatte] ich auch nicht geahnt und als es dennoch so kam, verwünschte ich bereits im Sträflingskittel das Mißgeschick, welches langjährige Hoffnungen verhöhnte, indem es mich, den Sohn der Freiheit und Soldaten der Revolution zu einem Staatssklaven und Opfer tödlich verachteter und gehaßter Gesetze machte. Das Ärgste war, daß ich keineswegs umstrahlt von der Glorie eines politischen Märtyrers, sondern in der Eigenschaft eines gemeinen Spitzbuben in die Strafanstalt trat und hier zum Ueberfluß noch Leute fand, welche mich früher und leider nicht auf vorteilhafte Weise kennen gelernt.

Beamte und Aufseher behandelten mich gleich jedem Andern; ich fühlte, daß gleiche Behandlung Aller große Ungleichheiten zur Folge habe, sogar das Beisammensein mit Dieben empörte meinen Stolz und ich that Alles, um mich bei den Bessern der Sträflingsbevölkerung in Ansehen zu setzen. Doch ein alter, einäugiger durchtriebener Gauner, mit welchem ich früher einmal im Amtsgefängnisse zu N. gesessen, redete zu meinen Gunsten in einer Weise, welche mir die Achtung der Bessern verscherzen mußte und eine Mißgestalt von Bauernknecht, welchen ich in demselben Amtsgefängniß gewissenlos um seine Ersparnisse gebracht und der nunmehr wieder unter Einem Dache mit mir lebte, erzählte Alles, was er Schlimmes von mir wußte.

Draußen Revolution, der Kanonendonner und Freudenjubel der großen Zukunft, in der Strafanstalt elende Handarbeit, schmale Kost und schlechter Trunk, dabei noch Verachtung von Seite vieler Mitgefangenen, welche mich gerade deßhalb um so herber drückte, weil sie von Sträflingen kam--wie zermalmte mich solche Verschärfung meiner Strafe!

Der Gedanke, daß ich von meinen Freunden außerhalb der Gefängnißmauern verlassen und vergessen sei, beunruhigte mich so sehr als die Ungewißheit über die Lage der Dinge und ich glaube ich hätte damals einen Finger für eine Nummer der Augsburger Allgemeinen Zeitung gegeben.

Die verworrenen und sich widersprechenden Gerüchte, welche durch Plaudereien der Zuchtmeister, Schildwachen, Besuche und neu eintretenden Sträflinge verbreitet wurden, dienten im Ganzen nur dazu, meine Neugierde zu erhöhen, die Qual der Ungewißheit bis zur Verzweiflung zu steigern und meine Ansichten über die Ereignisse vollständig zu verwirren.

Du erfassest das Elend solcher Qualen, im Vergleich zu welchen die Qual der Gefangenschaft an sich geringfügig erscheint, nicht. Wer einen Gott hat und einen Himmel kennt, der trägt unzerstörbaren Frieden in sich und betrachtet das wechselnde irdische Leben ruhig.

Der Mai hatte einige Soldaten zu uns gebracht, die für eine zahme Republik gekämpft haben sollten und doch nicht wußten, was eine Republik sei. Es waren gutmüthige, brave Bursche und ich suchte mich denselben zu nähern, allein sie blieben gegen mich wie gegen die "Spitzbuben" zurückhaltend und spröde.

Sie sahen ein, daß es für Soldaten eine unverzeihliche Dummheit sei, zur Zeit einer Emeute eine Ausnahme vom Verhalten der Mehrzahl der Kameraden zu machen und nicht ihre harte Strafe, sondern ihr Zusammengeworfenwerden mit gemeinen Verbrechern war's, was sie nicht zu verschmerzen vermochten und ihren Rachedurst entflammte. Ich gewann sie leicht für meine Ansichten, nachdem sie einmal an ihre neue Gesellschaft besser gewöhnt waren und einiges Vertrauen zu mir gefaßt hatten. Unvergeßlich bleibt mir die Demüthigung, welche mir einer derselben bereitete. Ich erzählte nämlich von Robespierre und lobte vor Allem die Uneigennützigkeit dieses Helden der Revolution, den ich als eines meiner Vorbilder erklärte. Da meinte Jener trocken, wenn Uneigennützigkeit für einen rechten Volksführer unentbehrlich sei, so werde ich niemals einen solchen abgeben!--Aus dieser Rede wie aus den Blicken und dem Gelächter der Umsitzenden erkannte ich, daß alle genau wußten, weßhalb ich verurtheilt worden. Glaubst du, daß ich Nächte hindurch mich ruhelos auf meinem Strohsacke herumwälzte voll Aufregung über solche Gewißheit?--

Mit der Zeit bekam ich Gewißheit, daß man in der Welt auch ohne mich fertig werde und mich "den Spitzbuben" völlig vergessen habe--eine schmerzliche Gewißheit für einen mit der Großmannssucht behafteten Menschen meiner Art! Der Juniaufstand wurde durch einen Zufall bereits am folgenden Morgen nach dem Ausbruche unter uns Gefangenen bekannt.

Wiederum war für längere Zeit meine Gemüthsverfassung die einer Tigermutter, welche von Todfeinden ihre Jungen quälen und zerfleischen sieht, ohne mehr zu vermögen als den grimmigen Zorn und Schmerz durch Gebrülle zu mildern. Kaum fing ich an, mich an meine Lage zu gewöhnen und in ihren Zerstreuungen einen Schein von Ruhe zu gewinnen, als ich in eine Zelle versetzt wurde. Es war im Spätherbst 1848.

Nach einigen Tagen stiller Ergebung berauschte mich allgemach die Einsamkeit. Zuweilen verlebte ich ruhige, sogar heitere Stunden, doch in andern, besonders in der Todesstille der Nacht und bei schlechtem Wetter empfand ich alle die unbeschreiblichen Qualen meiner Lage.

Ich möchte dieselben mit denen des angeschmiedeten Prometheus vergleichen, doch hinkt solcher Vergleich vielfach, namentlich hatte ich dem Himmel mein Feuer nicht gestohlen, sondern von der Hölle entlehnt.

Arbeiten und Bücher gewährten mir einige Unterhaltung und Trost. Ich arbeitete, um mich selbst zu vergessen und einige Stunden des Schlafes, dieses köstlichsten aller Güter eines Gefangenen, zu genießen. Meine Liebe zum Lesen wäre leicht in Lesesucht ausgeartet, wenn ich mich der Hausordnung hätte entziehen können. Doch welcher Sterbliche vermag sich in einem Zellenbau der strengsten Beobachtung bei Tag und Nacht zu entziehen? Geistliche, Beamte und Aufseher besuchten mich nach ihrer Vorschrift, doch gewährten mir ihre Besuche wenig Unterhaltung und ihnen kein Vergnügen.

Mein Bestreben war darauf gerichtet, dieselben auf eine Weise zu kränken und zu beleidigen, für welche sie mich nicht zu bestrafen vermochten.

Uebrigens ist ihre Strafgewalt so beschränkt, daß man wenig mehr nach Strafen fragt, wenn man die üblichen einmal gekostet und nachdem mir eine Uebertretung der Hausordnung einigemal kleine Strafen zugezogen, ertrug ich Strafen gerne, wenn ich mir nur einbilden durfte, die Beamten recht geärgert zu haben. Nur Einer kam mit mir aus. Es war ein Hauslehrer, der von Zeit zu Zeit mit Heckerhut, Hahnenfeder und Schleppsäbel in meine Zelle trat, um sich nach dem Befinden des "Bürger Gefangenen" zu erkundigen. Nachdem er wußte, wie lange und wo ich in Frankreich und andern Ländern gelebt und welcher Parthei ich lange Zeit angehörte, führten wir viele wunderliche Gespräche mit einander. Bei ihm konnte ich meinem Grimme gegen Gott, Welt und Menschen freien Lauf lassen, denn auch er gehörte zu Jenen, welche von ergriffenen Prinzipien zu den äußersten Folgerungen derselben muthig fortschreiten.

Von ihm erfuhr ich, was draußen in der Welt gespielt wurde und meine Hoffnung auf Befreiung ward so lebhaft, daß ich mich am Morgen jedes Tages fragte: Wirst du die Hausschelle heute Abend noch hören?--Noch vor Mai 1849 verlor ich den Edlen, im Mai erfuhr ich die Befreiung der politischen Gefangenen und erwartete die meinige--vergeblich. Jetzt brütete ich wiederum düstere Plane unersättlicher Rache, schwelgte in entmenschten Träumen blutigen Hasses und fand darin die einzige Unterhaltung, weil ich in der Kirche nicht zum Hören zwischen den kahlen Zellenwänden nicht zum Lesen und Nachts nicht zum Schlafen gelangte.

Ich hatte Schreibzeug, noch einiges Papier und begann zu dichten. Eine Sammlung. _"Rothe Lieder"_ sollte mir meine Lage erträglicher und nach meiner Befreiung meinen Namen der Welt bekannt machen.

Während der Arbeit schmiedete ich Verse und schrieb einen nach dem andern geschwind auf eine neben mir liegende Schiefertafel. Kam Jemand, so löschte ich das Geschriebene schleunig aus, andernfalls schrieb ich es am frühen Morgen oder während der Mittagsstunde auf Papierstreifen, die ich in den Schuhen bei mir trug.

Eines mag als Probe meiner damaligen Seelenstimmung hier stehen und Dir zeigen, wie weit ich noch nach etwa 10monatlicher Einzelhaft von Besserung entfernt war:

Ein Sklavenvolk mag vor Molochen kriechen, Vor schlauen Bonzen wahnerfüllt sich beugen, Sein Glück mit Füßen treten im Unsinnsreigen Und Seligkeit aus Triererröcken riechen!

Doch ewig soll das Volk an Dummheit siechen?-- O nein! die Wahrheit wird und muß sich zeigen, Muß glühendroth aus Tempelasche steigen Sobald der Wahn des Christenthums gewichen!

Drum frisch, ihr Freien, laßt nie träg euch finden, Wetzt gegen Bonzentrug die schärfsten Klingen, Es gilt, der freien Menschheit Reich zu gründen!

Der Weltgeist leiht euch riesenstarke Schwingen, Kein Adler kann im Sonnenlicht erblinden, Der Menschheitsgott lohnt euer kühnes Ringen!--

Im Juni setzten mich Kanonendonner und Kriegslärm aller Art in fieberhafte Bewegung. Jeden Schritt, der auf den Steinplatten des Ganges dröhnte, hielt ich für den meines Befreiers.

Ich hoffte, daß alle Gefängnisse ihre bleichen Bewohner ausspeien würden und war gesonnen, aus denselben ein in die graue Tracht des Sträflings gekleidetes Corps zu bilden, um dasselbe als Vorkämpfer beim Kampfe gegen die alte Gesellschaft zum Siege zu führen.

Freiheit und Kampf, Sieg und blutige Rache, Tod und Ruhe war meine Loosung und ich vergaß dieselbe sogar in meinen nächtlichen Träumen nicht.

Eines Abends marschirten preußische Füseliere über die Ringmauern der Anstalt, bald nachher stand auf der Mauer meines Spatzierhöfchens geschrieben; "Die Freischaaren sind aus dem Schwarzwalde in die Schweiz, Alles ist aus.--Die Franzosen wollen wieder Einen haben und der Sträfling von Ham soll auf der Liste zu oberst stehen. Lauter Lumperei!--"

Dies war zuviel.

Seit vielen Jahren eines ins Aeußerliche versenkten Lebens hatte mich Gott das Rächeramt an mir selbst verwalten lassen. Eine beständige qualvolle Unruhe, eine tiefe geheime Unzufriedenheit mit mir selbst jagte mich aus einer Stunde in die andere wie den ewigen Juden und ließ mir nicht Einen vollkommen sorgenlosen Genuß. Aus jedem Freudenbecher stiegen Dämonen und setzten sich als unerträglich schwere Alpe auf mich, während Springfedern in mir zu sein schienen, die beim leisesten Drucke von Außen mich fernen, unbekannten Zielen zutrieben.

Während meiner Gefangenschaft war ich bereits so weit gekommen, die Ochsen und Kühe zu beneiden, welche den Brodwagen in den Hof der Anstalt schleppten. Ich würde gerne geglaubt haben, das elendeste Thier sei ein glücklicheres Wesen als der Mensch, wenn nicht ruhige, freundliche, glückliche Menschen, hinter denen mein scharfgewordenes Auge keinen Schein entdeckte, täglich in meine Zelle getreten wären.

Ich mußte mir in ruhigeren Stunden gestehen, eine Regierung, welche Diener von der Art meiner Besucher habe und ihre schlechtesten Unterthanen noch menschenfreundlich behandle, müsse nicht ganz fluchwürdig sein. Nicht minder fiel es mir bei, eine Religion, welche ihre treuen Anhänger so ruhig, freundlich und glücklich mache wie die christliche, bleibe eine preiswürdige Religion, selbst wenn ihre höchsten Vorstellungen keiner Wirklichkeit entsprächen. Ich begann die Gläubigen um ihres Glaubens oder vielmehr um des Glückes willen zu beneiden, welches der Glaube denselben gewährt.

Beim Durchmustern meines vielbewegten Lebens kam ich allmälig immer mehr auf meine Jugenderinnerungen zurück, weil sie die süßesten für mich waren. Unsere Kinderzeit, theuerster Bruder, wurde für mich zunächst der Born, aus welchem ich mich erfrischte, um zum Quell des wahren Lebens zu gelangen.

Die Macht dieser Erinnerungen trug Vieles bei, mein Felsenherz zu erweichen und die wehmüthigen Betrachtungen und Vergleiche zwischen dem seligen Kinde und dem unseligen Zuchthäusler versenkten mich in ernstes Nachdenken.

Mehr als einmal, wenn die Glocken von fern und nahe in meine Zelle hineinläuteten und das Abendroth zwischen den Kerkerfensterlein hindurchzuckte und golden über die kahlen Wände zog, da sah ich längst entschwundenes Abendroth und unter ihm die Thürme, von welchen die Religion ihren Abendgruß über unser Städtlein mit seinen dunkeln Dächermassen hinrief und sah ein Haus, worin ein aufblitzendes Licht die liebsten, freundlichsten Gestalten beleuchtete, die mir in meinen Erdenwallen vorgekommen. O Anton, Anton, ich wünschte dann wiederum ein Kind zu sein und mein Leben in ganz anderer Weise von vorn anfangen zu können!----

Ich begann allmählig auch religiöse Schriften zu lesen und über den Inhalt reiflich nachzudenken. Schon die Vorträge und Predigten hatten mich überzeugt, daß ich in vielen Punkten der christlichen Religion in Irrthum und Unwissenheit geschwebt und alle Punkte nur von der Seite aus zu betrachten gewöhnt war, von welcher sie mir verwerflich erschienen.

Je besser ich erkannte, daß ich trotz allen Erinnerungen aus dem Katechismus und an Predigten von meiner Religion bereits so wenig als ein Heide verstünde, desto mehr stiegen Interesse und Eifer mich zu unterrichten. Bald machte ich Auszüge aus guten Schriften und zuletzt eigene Aufsätze, um mich im Denken zu üben.

Gleichzeitig las ich geschichtliche Werke und begann an dem Ikarien, in welches ich mich ganz und gar festgerannt hatte, irre zu werden.

Je mehr ich las und dachte, desto mehr wich der Fanatismus des Unglaubens. Ich lernte die Ruhe des Denkers kennen und wenn dieselbe auch noch lange nicht die Ruhe des Christen ist, so bleibt sie doch ein Durchgangspunkt, um zu derselben zu gelangen.--

Jetzt ist es mir klar, daß Gott mich ins Zuchthaus führte und daß die Zuchthausstrafe der Rettungsversuch war, welchen Er mit mir anstellte, damit meine Seele nicht ewig verloren gehe.

Er handelte an mir wie ein geschickter Arzt, welcher kein Sengen, Brennen und Schneiden scheut, wenn es dem Kranken nützt, ich dagegen lange genug wie ein in Fieberwahn Daliegender, der von keinem rettenden Arzte wissen will und um so heftiger nach demselben schlägt, je näher er ihm tritt.

Er züchtigte mich mit der einen und hielt mich mit der andern Hand.

Du weißt bereits auf welche Weise Er meine Zuchthausstrafe verschärfte. Unter Sträflingen wäre ich niemals so weit gekommen, Geschmack an religiösen Schriften zu finden. Seitdem ich einsam lebte und gar nichts mehr vom Leben und Treiben der Welt erfuhr, war ich allmälig im Stande Schriften zu lesen, deren Inhalt meinen Ansichten schnurstracks widersprach und der Mangel an Zerstreuung zwang mich, die Gründe der Verfasser zu prüfen.

Gleichzeitig gewann die Einsicht, daß ich durch unverständiges Benehmen meine Lage nur verschlimmere, Uebermacht über die Leidenschaftlichkeit meines Herzens und meinem anständigern, würdigerem Benehmen gegen Besucher entsprach eine freundlichere, gütigere Behandlung von ihrer Seite.

In B. dauert das Jahr nur 8 Monate. Die Hälfte meiner Strafe war überstanden, laut der Hausordnung konnte ich um Begnadigung bitten. Lange schwankte und zauderte ich. Der Gedanke auszuharren, um mich nicht der Gefahr einer demüthigenden Zurückweisung auszusetzen, wich nur, wenn ich an die bisher ausgestandenen Leiden dachte. Ein Traum war's, der mich bewog, ein Gnadengesuch einzugeben und an einen günstigen Erfolg desselben zu glauben.

Einen tiefern Schmerz habe ich selten in meinem quallenreichen [qualenreichen] Leben empfunden als den, welchen ich empfand, nachdem mir ein Schreiber die Nachricht brachte, meine Bitte sei eine vergebliche gewesen. Weniger die Vernichtung süßer Hoffnungen und die Fortdauer der Gefangenschaft, als die Täuschung des Vertrauens, das ich der regierenden "Bourgeoisie" geschenkt und der Gedanke, daß Beamte und Aufseher, die meine frühern Prahlereien angehört und deren Glauben an meine Standhaftigkeit ich durch die Bittschrift vernichtet hatte, wars, was mich schmerzte.

Ich that furchtbare Schwüre, daß meine Hand verdorren und mein Auge erblinden möge, wenn ich jemals wiederum eine Feder anrühre, um ein Gnadengeheul zu componiren. Der Schwur ward gehalten, nicht weil mein Hochmuth stark, sondern weil der Schwur Schwur blieb.

Alle Ruhe und Mannhaftigkeit, alle Versöhnlichkeit und Unpartheilichkeit waren aufs neue verloren. Selbst gegen meine Besucher konnte ich mehr als mürrisch und grob sein, denn ich hatte die Vornehmsten in Verdacht, daß sie meine Befreiung nicht bevorwortet, sondern hintertrieben hätten, während sie mir ins Gesicht Güte und Menschenfreundlichkeit logen und es gab Stunden, wo die innere Aufgeregtheit mich alle Klugheit und Mäßigung vergessen ließen.

Meine religiösen und geschichtlichen Betrachtungen, die Vergleiche der verschiedenen Systeme sozialistischer Träumer hörten auf, ich war zu unruhig, um lesen zu können und nur die "Rothen Lieder" gediehen.

Sie lullten mich in die Ruhe stiller Verzweiflung und stumpfer Gleichgültigkeit, indem ich durch sie meinen Schmerz und Ingrimm gegen Gott, Welt und mein Geschick aus mir herausarbeitete; aber wenn ich bedachte, weßhalb ich bestraft worden und wer mich in Gewalt hatte oder auf die lange trostlose Reihe der Kerkernächte zurück oder vorwärts blickte, dann hatte die trügerische Ruhe des Fatalisten, in welche ich mich hineinzuzwingen versuchte, ein Ende.

Nur ein gemeiner Verbrecher in der Zelle erfährt, was es heißt, die Hölle im Busen tragen und die Sehnsucht nach Glück sterben lassen. Es gab Augenblicke, wo ich auf die Knie stürzte und die unbekannten Mächte, welche ihr grausames Spiel mit mir trieben, um Erbarmen anflehte. Im nächsten Augenblicke stand ich auf, lachte voll ingrimmigen Hohns und rief den Teufel an, mir die Freiheit, Ruhe, Untergang im Genuß oder auch die Hölle zu verschaffen. In der Hölle ein ganzer Teufel zu sein, ewig Gott zu lästern und zu höhnen, in diesem entsetzlichen Gedanken lag für mich in meinen ärgsten Stunden eine Art Wollust. Ich wünschte, daß es einen Gott, einen persönlichen Gott geben möge, damit ich ein rechter Teufel sein könne. Wer gab ihm das Recht, mich auf diese Welt zu setzen? Aus einem glücklichen Nichts ein unglückliches Etwas zu machen? Weßhalb verfolgte Er mich seit vielen Jahren? Warum ließ er mich leben, da ich doch sterben wollte?--

Ja, wollte, theuerster Bruder! Schaudere nicht vor mir zurück, ich kannte und besaß mich selbst damals nicht mehr, ein Dämon lebte und regierte in mir, denn lange hatte ich der Hölle willenlos gedient und war in der Zelle bereits in Gefahr gerathen, ihr ungetreu zu werden!--