Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Zweiter Theil

Chapter 20

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Der Gedanke, daß Gottes eigener Sohn auf dieses armselige, winzige Erdenpünktlein herabgestiegen sei, um sich zum Schlusse eines armseligen und verfolgten Lebens als ohnmächtiger Mensch kreuzigen zu lassen, erschien ihr bald lächerlich bald empörend, je nachdem sie gerade gestimmt war. Es läßt sich begreifen, daß von einem _heiligen Geist_, der einst als einfältige Taube am Jordan herumgeflogen, bei meiner Mutter so wenig die Rede sein konnte als von der wahrhaften, wirklichen und wesentlichen Gegenwart Christi im heiligen Abendmahl. Sie fand wohl Geist in den Gedichten Schillers und Anderer, am wenigsten aber in geistlosen Catechismen und das heilige Abendmahl galt ihr als eine Art von Zweckessen, als Erinnerungsfeier an einen tüchtigen Volksmann. Natürlich vermochte sie in der katholischen Kirche, der sie mit Leib und Seele anzugehören vermeinte, weder eine vom heiligen Geist geleitete göttliche Einrichtung noch den fortgesetzten Christus zu erblicken. Die Kirche galt ihr einfach als menschliche, politisch nützliche und kluge Einrichtung und an die Stellvertretung Gottes im Priesterstand glaubte sie um so weniger, je mehr Bücher über die Gräuel des Mittelalters sie verschlang und je mehr Erzählungen vom starkmenschlichen Wandel vieler Geistlichen im Schwange gingen.

Sie betete und ging zur Kirche sowohl aus Bedürfniß als aus Gewohnheit. Das Bedürfniß war genau dasselbe, welches jeden geistig Gesunden ohne Unterschied des Glaubens zum Beten und zur Verehrung eines höchsten Wesens antreibt und über die Gründe ihrer Gewohnheit reiflich nachzudenken, dazu mangelte Anlaß, Lust und Zeit oder Alles zugleich. Aber--hörte sie am Sonntage nicht _positives_ Christenthum von der Kanzel herab verkündigen? Wurden nicht katholische Handlungen vor ihren Augen fast täglich vorgenommen? Mit dem Predigen des positiven Christenthums war es in einer Zeit, wo noch kein Hirscher und Andere den tiefen und innigen Zusammenhang zwischen Dogmatik und Moral auseinandergesetzt hatten, bei der Bevölkerung mancher Pfarrei übel bestellt. Auch in unserer Stadt gab es Geistliche, welche Alles, nur kein _positives_ Christenthum von der Kanzel herab verkündigten. Einzelne predigten im Laufe vieler Jahre immerhin zuweilen auch Glaubenslehren und meine Mutter wußte den Catechismus besser auswendig als ich, denn sie hörte den Kindern manchen Morgen nach dem Frühstück noch geschwind die Lektion des Religionsunterrichtes ab. Allein es stand vollkommmen [vollkommen] im Einklange mit ihren Grundanschauungen, daß sie die Glaubenslehren der katholischen Kirche nur als todte Gedächtnißsache inne hatte und den Unterschied zwischen Katholiken, Protestanten und wohl auch den Juden als Etwas betrachtete, was honetten und _gebildeten Leuten_ unwesentlich, zufällig und gleichgültig erscheinen müsse.

Als ob es eine doppelte Wahrheit geben könne, unterschied sie nämlich eine Religion für Gebildete, welche über allen mittelalterlichen Aberglauben hinaus sein sollten und eine Religion für das gemeine Volk, dessen Leidenschaften durch die zwei größten Beweger des menschlichen Herzens: Furcht und Hoffnung, näher durch die Angst vor Hölle und Fegfeuer und die Aussicht auf die Freuden des Himmels in Schach gehalten werden müßten. Nach ihrer Meinung machten alle Geistlichen insgeheim und in Gegenwart von Honoratioren denselben Unterschied, schwiegen jedoch aus Klugheit auf der Kanzel davon, weil ja gemeines Volk und Gebildete in Einer Kirche saßen. Ersteres mußte gläubig erhalten werden, die Honoratioren wußten schon, woran sie mit dem Geistlichen waren und wählten aus dem Vortrage heraus, was ihren Ansichten entsprach und ihrer Person gerade mundete.

Meine Mutter war eine gute, gescheide Frau, hielt sich ganz ehrlich für eine vortreffliche Katholikin und wurde in der ganzen Stadt dafür gehalten, weil eben in der ganzen Stadt das ewige Evangelium durch das Evangelium der Zeit, der Katholizismus durch den Protestantismus thatsächlich verdrängt worden war.

Ob es heutzutage schon um Vieles hierin besser geworden, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß die Missionen keine fruchtlose Sache, die Jesuiten vortreffliche Prediger sind und daß der Zug der angsterfüllten Zeit bei den Bessern ein lebendiges Wechselverhältniß zwischen Gott und Mensch verlangt, welches nur durch die positive Religion vermittelt wird.

Aus dem Vorhergehenden ist dir nun sicher klar, daß meine und meiner Geschwister früheste religiöse Erziehung uns mit einer für das Leben unfruchtbaren Ehrfurcht vor dem Schöpfer Himmels und der Erde, mit einer nur sinnlichen Liebe für das hübsche Jesuskindlein, mit dem Geiste der Zeit und mit Gleichgültigkeit und frühzeitig genug mit Mißtrauen gegen unsere Kirche erfüllte.

Es wäre gut, versuchte Einer einmal die Schilderung des Lebens in einer honetten und gebildeten Familie, deren Mitglieder gleich uns dem Zeitevangelium huldigten und einer nicht minder honetten und gebildeten Familie, welche Jesum Christum kennt und liebt und in der katholischen Kirche ihn sinnlich schaut. Meine überreiche Erfahrung böte ihm Stoff genug, um alle Dichtung entbehren zu können und das Schriftlein würde vielleicht Einiges beitragen, die große und gefährliche Lüge der Zeit, als ob positive Religion keinen positiven Einfluß auf das Handeln ausübe und deßhalb für das Leben gleichgültig sei, todtschlagen zu helfen. Der Katholizismus hat auf den Trümmern der Römerwelt eine neue und bessere Welt erbaut, aus Barbaren Menschen und aus Bürgern Christen gemacht und wie oder warum oder wann sollte diese weltumgestaltende Religion allen Einfluß auf das Leben eingebüßt haben? Freilich sind durch zahllose Bücher und zeitgemäße Staatsschulden Millionen Katholiken zu inwendigen Protestanten geworden und der Glaube der meisten Protestanten ist von dem der gebildeten Griechen und Römer oder auch der naturwüchsigen Germanen nicht sonderlich verschieden--aber ist _dieser_ Glaube Christenthum? Klingt es nicht wie baarer Unsinn, wenn Heiden uns belehren wollen, das Christenthum übe keinen Einfluß auf _ihr_ Handeln und Leben aus?--

Doch ich schweife bereits wieder ab.

Was das Haus übel macht, soll zunächst von der _Volksschule_ verbessert werden. Wir Kinder wurden daheim zu Helden gemacht; wenn es nicht der Fall gewesen wäre, so würde die von mir besuchte Volksschule ganz dasselbe bewirkt haben.

Ein gescheidter Mann hat einmal geschrieben. "Katholische Jugend in die Hände eines Lehrers geben, der nicht aufrichtig katholisch ist, ist fast ebenso thöricht als den Katholiken in ihrer Kirche durch einen reformirten Geistlichen oder den Juden durch einen Bischof predigen lassen." Keine Behauptung ist einleuchtender als diese. Aber wie stand es mit den Volksschulen überhaupt? Man sollte vermeinen, daß in christlichen Volksschulen alle Lehrgegenstände soviel als nur immer möglich mit dem fleischgewordenen Gottessohn und der Kirche in Beziehung gebracht würden. Nur dann hatte die Vielwisserei, womit man seit einigen Jahrzehnten die Kinder in Stadt und Land vollzustopfen trachtet, auch einigen Sinn und Nutzen. Die Schule wäre eine Ergänzung und Vervollständigung der Kirche und ein Hülfsmittel mehr, dem Volke eine klare, allseitige christliche Welt- und Lebensanschauung beizubringen. Freilich ist das Einmaleins und die Rechenkunst weder christlich noch katholisch, eine vortreffliche Handschrift bleibt etwas Gutes, wenn der Schreiber auch noch so wenig taugt und die Kinderquälerei mit Sprachlehren bliebe eine solche, wenn auch gelegentlich der Satzbildungen, Sprachübung und des Aussatzmachens der Lehrer alle Beispiele aus dem Gebiete des kirchlichen und religiösen Lebens wählte und wählen ließe. Aber wenn einst die Jesuiten es verstanden, jungen Chinesen durch die Geometrie christliche Glaubenssätze wie den der Dreieinigkeit beizubringen, so ließe sich am Ende auch nachweisen, es sei für einen christlichgesinnten Volksschullehrer nichts Schweres, selbst dem Unterrichte im Rechnen und in der Meßkunst eine gewisse religiöse Weihe zu geben. Auch ist unläugbar, daß die Schreibbücher der Schüler keineswegs verunstaltet würden, wenn man neben den Sittensprüchen, Beschreibungen von Thieren und Pflanzen und ähnlichen Dingen etwas positiv Christliches und in katholischen Schulen spezifisch Katholisches fände. Was die Sprachlehren, Naturlehren, Abrisse aus der Geschichte und andere Zweige des Unterrichts betrifft, welche in den Lesebüchern der Volksschulen vorkommen, so verweise ich einfach auf sämmtliche Lehr- und Lesebücher, welche seit der Entstehung unseres Landes in Volksschulen und höhern Bürgerschulen eingeführt waren und frage: wie viele dieser Bücher sind durchweht vom Geiste Christi oder gar von dem der katholischen Kirche?

Du wirst vielleicht nicht ein Einziges finden, dessen Inhalt nicht ganz und gar durchsäuert wäre vom Geiste jener zeitgemäßen Religion, der meine Mutter huldigte und vielleicht mehr als Eines, welches darauf hinarbeitete, Gleichgültigkeit, Mißtrauen und Haß gegen die katholische Kirche, namentlich durch entstellte Geschichte in die Herzen der Jugend zu säen.

Lebte die Gesinnung ächter Katholiken in den Herzen der Volksschullehrer und wären Bücher wie das Lesebuch von Bumüller und Schuster schon zu meiner Zeit in den Händen der Kinder des Volkes gewesen--Fürsten und Regierungen würden sich wohl einen großen Theil jener grausamen Demütigungen, die Völker aber viele Leiden erspart haben, womit sie von Gott besonders seit 1848 heimgesucht wurden.

Leider dauerte die Entchristlichung der Protestanten und die Protestantisirung der Katholiken mehrere Menschenalter bereits in den Volksschulen. Wer aber am allerwenigsten dafür verantwortlich gemacht werden sollte, das ist der Stand der Volksschullehrer, welchem ich selbst längere Zeit angehörte.

Es ist eine wohlfeile Sache, über die Verkommenheit und Haltlosigkeit der "Volksbildner" mancher Gegend zu schimpfen und den "Schulmeisterhochmuth" zu geißeln. Alles hat seine hinreichende Ursache und wer der Quelle nachforscht, aus welchen die Verkommenheit mancher, die Haltlosigkeit vieler und der Hochmuth der meisten Volksschullehrer meiner naheliegenden Zeit entsprang, wird geneigt sein, dieselben weit mehr zu bedauern als anzuklagen. Die Quelle aber ist dieselbe, aus welcher das Unheil der Gegenwart überhaupt geflossen. Mangel an positiver Religion oder, was zuletzt auf Eins herauskommt, an gründlichem Wissen.

Ich muß bei dir den Schulmeisterton anstimmen und in jenen Pedantismus des Schulmeisterthums gerathen, womit Viele gründlich nachzuweisen suchen, daß das Wasser naß und das Feuer heiß sei.

Du weißt so gut als ich, daß große Schulmeister auch einmal kleine Buben gewesen und getaufte Heiden zunächst in Schulbänken für den Zeitgeist herandressirt werden. Schon der Umstand, daß Katholiken, Protestanten und Juden gar oft in Einer Schulbank sitzen, muß den Lehrer nothwendig abhalten, seinem Unterrichte die Färbung eines Glaubensbekenntnisses zu geben. "_Ueber den confessionellen Gegensätzen zu stehen_," ist sein Verdienst und ein Ziel seiner Ausbildung. Hand aufs Herz gelegt, gestehst du mit mir, das "Stehen über den confessionellen Gegensätzen" sei nichts als eine sinnlose Redensart, insofern man dabei noch von Christenthum und sogar von kirchlicher Gesinnung redet und nicht minder erlogen wohl das Leibsprüchlein der Zeit, daß "die Liebe" keine Unterschiede des Glaubens mache und der Mensch über dem Christen stehe.

Wo ist der Geschichtschreiber oder Staatsmann, von welchem sich sagen ließe, daß er wahrhaftig über allen kirchlichen und religiösen Partheien gestanden, alle gleichmäßig behandelt und sich nicht mehr oder minder entschieden _für_ Eine derselben und _gegen_ alle übrigen jedenfalls thatsächlich erklärt habe? Und wieviel Aufgeklärte hat es von jeher gegeben und gibt es heute, denen die "christliche Liebe" möglich macht, gegen politische und kirchliche Gegner gerecht zu sein und in denselben den gleichberechtigten Menschen zu achten, geschweige zu lieben?

Nein, so wenig es ein Christenthum ohne lebendigen Glauben an Christum den Gottessohn und ohne die von Ihm gestiftete Kirche gibt, so wenig hat auch die "christliche Liebe" diejenigen, welche _über_ allen religiösen und kirchlichen Partheien zu stehen vermeinten, davor bewahrt, gläubige Protestanten und absonderlich die katholische Kirche heidnisch zu hassen und zu verfolgen.

Ist's aber hochgelehrten Professoren und erleuchteten Staatsmännern unmöglich, _über_ der katholischen Kirche zu stehen, ohne zugleich _außerhalb_ und ihr mehr oder minder feindlich _gegenüber_ zu stehen, so sollte man es bei uns dem Lehrerstande nicht allzusehr verübeln, wenn die meisten Mitglieder desselben das positive Christenthum als etwas Geringfügiges betrachten und alles "Pfaffenthum" verabscheuen. Erstens nämlich wurden sie von ihren Eltern oder Lehrern oder von Beiden zugleich von Kindesbeinen an mehr oder minder für das "reine Menschenthum" erzogen; zweitens muß solche Erziehung mit der Zeit oft sehr reichliche Früchte eines unreinen Heidenthums tragen, weil ein Lehrer auch Fleisch hat und bei uns nur zwei Jahre studirt, später wenig Zeit und Gelegenheit und selten Anleitung bekommt, ein Christenmensch zu werden und sich eine gründliche Bildung anzueignen. Er bleibt jedenfalls in der Hauptsache bei dem stehen, was ihm im Seminar beigebracht wurde und wenn es nun die Religion des Zeitgeistes war, womit ihn die Lehrer beglückten, zu deren Füßen er treugläubig und bewunderungsvoll saß, wer kann es ihm verargen, wenn er den Mangel an positiven Glauben für das sicherste Kennzeichen eines gebildeten Mannes hält? Drittens endlich führt ein Volksschullehrer ein an Entbehrungen, Mühsalen und Leiden immer reiches Leben und wenn man das Treiben manches Pfarramtslazzaroni genauer in Augenschein nimmt und mit dem Loose des unter ihm stehenden Lehrers vergleicht, wird man sehr geneigt, die Behauptung, daß die Lehrer zu wenig und die Geistlichen zuviel Einkommen hätten, nicht sowohl demokratisch und revolutionär als richtig und vernünftig zu finden.

Bedenkt man nun, daß der Lehrer im Seminar und durch Schriften mit einer höchst übertriebenen Ansicht von der menschheiterlösenden Bedeutung und der weltbeglückenden Würde seines Berufes, mit Gleichgültigkeit gegen das positive Christenthum und Mißtrauen gegen alles "Pfaffenthum" erfüllt wird, vergißt man nicht, daß manche Pfarrämter und Dekanate sich ihre Langweile damit versüßen, den unchristlich und unkirchlich erzogenen und vielgeplagten Schulmeister kleinlich und boshaft zu schulmeistern und zu quälen, so mag man sich über die Leichtigkeit nicht mehr wundern, womit der Staat im Interesse des "religiösen Friedens" d. h. der Knechtung der Kirche die Schule seit Langem beherrschte und die Jugend für die Staatsreligion, d. h. zunächst für Gleichgültigkeit gegen das positive Christenthum erzog-- ohne in ihr die Säugame [Säugamme] des Heidenthums zu ahnen. Ich weiß ein einsames Grab, das an Allerseelen von keiner liebenden Hand geschmückt wird. Darunter liegt ein Schulmeister, der sich eine Kugel durch den Kopf gejagt und einen Zettel zurückgelassen hat, worin er erklärte, er schieße sich todt, weil die "Pfaffen" ihm das Leben unerträglich machten und schieße sich im Himmel abermals todt, sobald er dort seine Quälgeister wiederum treffe. Solche Erklärung charakterisirt den tiefeingewurzelten Haß, welchen Volksschullehrer häufig gegen Geistliche empfinden und ich meine, Schüler dieses Lehrers, welche ihn liebten, seien schwerlich große Freunde der Geistlichkeit geworden.--

--Das Kind denkt mehr mit dem Herzen, als mit dem Kopfe, der Grundton seines Wesens ist Liebe und deßhalb bleibt es auch ein Leichtes, Kindern die Religion der Liebe beizubringen. Doch so wenig ich daheim zum Christen erzogen wurde, so wenig thaten meine Lehrer dafür und am wenigsten der _Religionslehrer_.

Damals gab es nicht viele Jünglinge, welche innerer Beruf zum geistlichen Stande trieb. Unter den Studirenden widmeten zumeist Solche sich dem Dienste der Kirche, welche zu arm, zu talentlos oder auch zu faul und liederlich waren, um etwas Anderes zu werden. Die geistlichen Professoren der Hochschulen gingen häufig damit um, eine zeitgemäße Theologie zu erfinden, Gottes Wort und Werk nicht sowohl gegen den Witz und Aberwitz der Zeit zu vertheidigen als demselben zu unterwerfen. Die Stellung, in welche die Kirche zum Staate gerathen, zahlreiche Schriften aus den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, das langdauernde Geschrei um Aufhebung der Ehelosigkeit katholischer Geistlicher, skandalöse Vorfälle verschiedener Art, vor Allem die gräuliche Unwissenheit in kirchlichen, die weitgediehene Verkommenheit in sittlichen Angelegenheiten, über deren Vorhandensein bei den untern und mittlern Ständen kein Zweifel mehr herrscht--dies Alles legt Zeugniß ab, welche Eroberungen der glaubensfeindliche Geist der Zeit auch unter dem Klerus gemacht.

Ich mit den meisten meiner Mitschüler darf mich ein Opfer solcher Zustände nennen, insofern wir kaum Einen Religionslehrer kannten, der mit Begeisterung, Liebe und Eifer unsere jungen Seelen für Christum zu gewinnen und uns einiges Verständniß der Lehren, Gebräuche und Einrichtungen der katholischen Kirche beizubringen trachtete. Die einzige Errungenschaft, welche ich aus dem Religionsunterrichte der Volksschule gerettet, beschränkt sich auf die Erinnerung, wie sauer es mir wurde, die unverstandenen Lehren des Catechismus auswendig zu lernen, welch schreckliche Langeweile wir oft in der Kirche und während der Religionsstunde empfanden und mit welcher Angst und Unwissenheit ich zum erstenmal in den Beichtstuhl trat. Mit Angst--weil die Mutter mich überredet hatte, der Beichtvater sehe es Jedem an, der eine Sünde verschweige oder gar lüge und trage ein scharfes Federmesser bei sich, mit welchem er Einem die Zunge stutze. Ich schämte mich meiner Sünden nicht, doch fürchtete ich Eine zu vergessen und ein Stück meiner Zunge im Beichtstuhle zurückzulassen. Mit Unwissenheit--insofern ich der Gnade des Glaubens eigentlich niemals theilhaftig geworden und durch viele Reden der Erwachsenen sowie durch die Wahrnehmung, daß bei meinen ältern Kameraden die Besserung darauf beschränkt blieb, sich einige Tage nach der Beicht vor den Lieblingssünden zu hüten, bereits zum Mißtrauen und Unglauben an diesem heiligen Sakramente gekommen war, bevor ich über das Leben und Treiben der Erwachsenen reiflicher nachdachte. Frühzeitig wurde ich an religiösen und kirchlichen Dingen irre und einer meiner Lehrer hat Namhaftes dazu beigetragen. Mein älterer Bruder nämlich wollte geistlich werden, ein stiller, gemüthlicher Mensch, den die Eltern und wir nur "das Pfäfflein" nannten. Er ging längere Zeit zu einem Vikar, um Latein zu lernen und ich bald mit ihm, denn der Vater hielt große Stücke auf mich, behauptete, ich werde meinem Alter vorauseilen, den Bruder und Alle überflügeln und müsse frühzeitig mit Allem anfangen, was zum Brodkorb führe. Das Versprechen, mich aus der Volksschule wegzunehmen, wenn ich meine lateinischen Regeln und Unregelmäßigkeiten fleißig erlerne, bewirkte Wunder bei mir und bald war ich der ausgemachte Liebling des Vikars. Manchmal unterbrachen Gespräche den Unterricht und einige derselben sind mir unvergeßlich geblieben. Die Behauptungen: es sei besser ein Schuster als ein katholischer Geistlicher zu werden, Rom wolle keine Menschen, sondern Sklaven, Christus sei ein großer Weiser gewesen, aber die Finsterlinge hätten Seine Lehren verunstaltet--tönen mir noch jetzt in den Ohren. Sie fielen mir auf, weil ein Geistlicher sie aussprach. Ich liebte diesen Seelenmörder, der heute noch lebt und zur Rongezeit ein Weib genommen hat.--

Ziemlich einförmig und glücklich verlebte ich meine Kinderjahre, während deren eine im mildesten Ausdrucke höchst mangelhafte religiöse Erziehung den Grund zu Dem legte, was später aus mir geworden ist und wogegen mich ein stürmisches Temperament, ein brennender Ehrgeiz, herbe Erfahrungen und alle Bitterkeiten des Lebens nicht zu bewahren vermochten.

Es ist wahr, meine Geschwister sind so wenig Verbrecher geworden als die meisten meiner Schulkameraden. Doch an meiner Stelle würden sehr Viele ein ganz anderes Schicksal gehabt haben, als dessen sie sich erfreuen. Und ist Einer schon ein brauchbares und nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft, wenn er kein von den Gesetzen verpöntes Verbrechen begeht? Und erfüllt Einer dann schon seine _ewige_ Bestimmung, wenn er seine irdische erfüllt?

Ich will von meinen Geschwistern nichts sagen. Die Art und Weise, wie dieselben gegen mich handelten, hat mir schon lange vor der Freilassung jeden Zweifel benommen, wie es mit ihrer Ehrenhaftigkeit und ihrer christlichen Liebe aussieht. Freilich habe ich wenig gethan, um mir ihre Achtung und Liebe zu erhalten, doch Verfolgung läßt sich kein Christ gegen einen ohnehin gebeugten, armen und wehrlosen Mitmenschen zu Schulden kommen. Schweigen wir darüber, mir wirds, als ob tausend glühende Dolche mein Herz durchbohrten und ohne Halt in Gott müßte ich aufs Neue an den Menschen verzweifeln. Doch Eines noch. Ich stelle an keinen Menschen das Ansinnen, als _vollendeter_ Christ zu handeln, ein _Heiliger_ zu sein, weil ich weiß, wie weit ich noch im Befolgen aller Lehren unseres Herrn und Meisters zurück und wie sehr ich noch im Kampfe mit dem alten, sündhaften Menschen in mir befangen bin. Allein ich glaube in christlichen Landen vom Staate wie von den Einzelnen _aufrichtiges Streben_, die Grundsätze des Christenthums ins Leben einzuführen, verlangen zu dürfen. Wie es mit diesem Streben im Staate bestellt sei, darüber belehrt schon seine Stellung zur Kirche. Was aber die Christen betrifft, welche ihrem Glauben gemäß zu leben und zu handeln streben, so habe ich in kurzer Zeit genug erfahren, um befürchten zu müssen, ihre Anzahl sei trotz des religiösen Aufschwunges der jüngsten Jahre noch viel zu gering, um großartigen Einfluß auf Umgestaltung öffentlicher Zustände auszuüben und damit jene Gefahr einer furchtbaren sozialen Revolution zu beseitigen, welche wie ein Damoklesschwerdt über unserm Welttheil hängt.

#II.#

--Du meinst, weil ich selbst ein Schulmeister gewesen, so sei es verzeihlich und begreiflich, daß ich diesen Stand in Schutz nehme, zweifelst jedoch daran, daß in katholischen Lehrerseminaren das _Heidenthum_ gepflegt und gehegt worden sei. Freilich bin ich mit dem Ausdrucke: Heidenthum freigebig, allein wo ich kein _positives_ Christenthum zu entdecken vermag, da kann ich nur Heidenthum erblicken, zumal jener Mischmasch von Religion, als dessen Repräsentantin ich meine Mutter nannte, bei genauer Untersuchung eben doch nur verlarvtes und gerade deßbalb [deßhalb] sehr verführerisches und gefährliches Heidenthum bleibt. Willst du einen schönern Namen dafür, so magst du derartigen Mischmasch etwas sinnlos, doch höflich "Zeitchristenthum" taufen.

Zunächst will ich aber meine Behauptung rechtfertigen, denn einerseits mag ich keine Entschuldigungen für meine Verirrungen beibringen, welche nicht vollkommen gegründet sind und anderseits öffentlichen Anstalten und Männern, denen das Land des Guten viel verdankt, keine Beschuldigung zuschleudern, welche ich nicht verantworten könnte:

Du weißt, daß ich mein Schulmeisterhandwerk unter der Leitung eines katholischen Geistlichen erlernte, gegen dessen wissenschaftliche Tüchtigkeit und ehrenhaften Charakter niemals der leiseste Zweifel obwaltete. Er ist todt und schon die Vorschrift, über Todte nur Gutes zu reden, würde mich bewahren, seine _Person_ unter dem Boden anklagen und verunehren zu wollen, wenn ich ihm auch nicht sehr viel Gutes zu danken hätte.

Sein Andenken ist noch heute Jedem seiner zahlreichen Schüler theuer und ich bin der Letzte, der seine Person verunglimpft. Aber gefährlich und folgenschwer waren die Ansichten und Grundsätze des gefeierten Mannes und nicht mit seiner Person, sondern mit Ansichten und Grundsätzen, von denen er sich beherrschen ließ, habe ich es zu thun.